Ht.22b Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Zamsiag, 26. September 1936
Lunge deutsche Nation.
Zwei Zungen und eine Zeitungsnachricht.
„Das Steigenlassen von Drachen auf den Feldern der Umgebung ist wegen der Nähe des Flughafens künftig nicht mehr gestattet und wird unter'Strafe genommen!"
Da stand es schwarz auf weiß an auffallender Stelle im Lokalteil der Tageszeitung, rücksichtslos war das Todesurteil über die letzten papiernen Nachkommen der vorsintflutlichen Sagentiere veröffentlicht, schonungslos sollten von heute auf morgen die letzten Zeugen der „Lufteroberung" aus Großvaters Zeiten dem beinahe unheimlichen Luftverkehrsnetz weichen.
„Ha", lachte Bob leicht zweifelnd und dann noch einmal lauter: „Ha, har Hast du das gelesen, Hansi, hat dein tränendes Auge schon den Bockmist wahrgenommen, den man hier verzapft?"
Und damit knallte er dem um einige Köpfe kleineren Hansi (wenn man dessen merkwürdiger Kugel mit den beweglichen Wasseräuglein die Ehre der Bezeichnung ,Kopf" widerfahren lassen will), damit knallte er ihm das Blatt hin, knurrend wie ein angeketteter Hofhund. Aber er wartete gar keine Antwort ab (wie hätte sich Hansi auch unterstehen können, ihn in seinen verbitterten Betrachtungen zu stören), Bob war persönlich in seinen Rechten angetastet, der starke Bob, der Schrecken aller kleinen Mädchen und älteren Jungen dieses Straßenbezirkes, hatte einen Schlag bekommen, von dem er sich vorerst gar nicht erholen konnte. Eine Zeitungsnachricht warf ihn glattweg um. Als Außenstehender könnte man das nicht begreifen, wenn man ihn sähe, diesen gefürchteten Kerl mit dem trotz Butter, Schmalz und anderer duftender Pomaden nie sitzenden Haarschopf. Dieses
Er, der unbestrittene König der Papierdrachenzunft, war entthront, das war unzweifelhaft. Denn was sollten sie tun? Jeden Nachmittag waren sie bisher auf die große Freifläche draußen im Vorort gezogen, jeder mit seinem Drachen unter dem Arm, großen und kleinen, schwierigen Konstruktionen und solchen, die nur aus vier Leisten, einem Stück bunten Papier und dem langen Schweife bestanden. Und der Herbstwind war durch die Bäume gefahren und hatte in ihr Haar gelangt, die Drachen hatten leise gezittert, als könnten sie ihren Höhenflug kaum erwarten und alles war einfach, nun — einfach herrlich gewesen: der Lauf gegen den Wind, das Hochschießen der Luftvögel und ihr Kampf mit dem Sturm, der sie zu Boden drücken wollte. Und ganz allmählich konnte dann die Schnur abgerollt 'werden, immer schön straff und elastisch, immer mehr, bis sie endlich hoch oben schwebten wie kleine dunkle Punkte, kaum zu erkennen und — ach, viele Häuser hoch. Auf den Rücken konnte man sich legen und sie beobachten. Auch ein wenig einbilden durfte man sich auf die Leistung seines Drachens, denn Bob hatte einige geniale Erfindungen gemacht, die er streng geheimhielt. Zum Beispiel hatte er längst nicht mehr nur eine kümmerliche Schnurrolle, die man in der Hand bebalten mußte, bis sie abgelaufen war, nein, er hatte sich eine „Drehorgel" gebaut, ein phantasti- sches Ding mit einer Kurbel und einer erstaunlichen Schaltoorrichtung. Er war schon „auf Draht", der Bob, das mußte man ihm lassen.
Konnte man nicht seine Entrüstung begreiflich finden? Ich denke, ja!
Und auch sein Kamerad und treuer Anhänger Hansi fand das und suchte nach einem Ausweg. Tatsächlich, er machte sich ernsthafte Gedanken; ob man es für möglich hält, oder nicht: er machte dabei jedenfalls kein dümmeres Gesicht als der Bob, der ihm gegenübersaß, verdattert und an der Welt verzweifelnd. Die Beschäftigung mit den technischen Verbesserungen an seinem Drachenwunder hatte bestimmt einen großen Teil seines elfjährigen Lause- jungendaseins ausgemacht. Was schon^daraus^her-^
vorgeht, daß fein Vater nicht gerade liebevoll, aber richtig bemerkte: „Wenn er bastelt, kann er wenigstens keine Fenster einschmeißen oder Zöpfe abschneiden!"
Doch beide, wie sie da hockten, waren im Augenblick mit ganz anderen Dingen beschäftigt. „Mr müssen was anderes machen, du'" sagte der Kleine, und seine Aeuglein blicken erwartungsvoll auf den, der sonst die Ideen am laufenden Band fabrizierte. Aber genau so hätte er den Roland zu Bremen oder irgendein anderes Steinbild anglotzen können. Dem war nicht mehr zu helfen — so schien es. Und wer weiß, wie mies die ganze Karre gelaufen wäre, wenn nicht unversehens aus dem bewußten Kugelkopf des Hansi ein guter Gedanke gesprungen wäre. Es läuteten keine Glocken bei diesem festlich-seltenen Ereignis, und sogar Bob hatte von der überraschenden Geburt nichts gemerkt. Er sollte aber etwas merken, und zckar in kurzer Zeit —
„Das ist der „Bauplan!" erklärte Hansi einige Tage darauf dem gespannt zuhörenden Bob, „Sache, nich?!"
„Mensch, soone Sache ist das, eine blödsinnig pfundige Angelegenheit einfach!" Und Bob war gerettet, war befreit durch ein Wort: „M odel l".
Daß er nicht früher auf den Gedanken gekommen war, ein Flugmodell zu bauen, war ihm unbegreiflich. Denn was ist ein richtiges, flugfähiges Modell im Vergleich zu einem mühsam geklebten Drachen. Und wenn er es sich richtig überlegte: eigentlich hatte er das Steigenlassen an der Strippe schon längst satt gehabt.
Und hier konnte man ganz von vorn anfangen und hier war eg' nicht mehr nur Spielerei, sondern ernsthafte Vorübung. Das sah der Bob sofort und war nun wieder seinem Freund über, der nur an das Spiel gedacht hatte. „So etwas bauen können!" hatte Bob wohl gedacht, wenn er, ganz von fern, ein „richtiges" Flugzeug gesehen hatte. Und jetzt hatte er die Anleitungen wenigst-n« inm re-
ernes verkleinerten Bruders jener Flugzeuge, die er so oft bewundert hatte: Unhörbar, mit den bewegungslosen Schwingen eines großen Vogels, zogen die Wolkensegler, die kühnen Segelflieger, über ihm dahin, rätselhaft die Höhe und die Geschwindigkeit und das Fliegen ohne Motor überhaupt. Aber er würde das alles ergründen, alles selbst ausprobieren und kennenlernen! Mit diesem Entschluß stürzte er sich wütend an die Arbeit an seinem Modell, dem ersten!
Und es blieb nicht beim ersten, er baute ein zweites, drittes — ganz notgedrungen, weil eines nach dem andern feilt kurzes Leben durch einen „tödlichen" Sturzflug beschloß.
Wenn andere sich über ihn lustig machten, gab es eine „Energieverwandlung" oder wie man sonst die übliche Ohrfeige physikalisch einordnen will. Wenn andere begeistert waren über halsbrecherische Loopings und Fallschirmabsprünge, wenn sie staunten über einen nfcuen Rekord auf der Rhön oder eine Neuüberquerung des Atlantik, dann nahm Bob Holz, Leinwand, Kleister und dazu Feile und Säge und ging an die Arbeit — ein neues Modell zu bauen.
Es wird im Zimmer von Bob geleimt, geklebt, zusammengepaßt, auseinandergenommen, daß es nur so eine Freude ist! Man schneidet Rippen und Holme zurecht; Geschicklichkeit und Geduld, viel Geduld, gehören zu dieser Bauarbeit. Ganz von vorn müssen sie anfangen: von den Modelltypen aus Papier und Wellpappe, die sich nicht allzu sehr von den seligen Papiertauben unterscheiden,^ über einfache Stabmodelle geht der Weg allmählich zu den schwierigen Modellkonstruktionen, denen man schon einen anständigen Gleitflug zutrauen kann.
Und es dauert nicht lange, da bauten auch alle anderen Jungen Modelle und stellten die Drachen in die Ecke.
Bob war ihnen aber wieder weit voraus!
1 ü d d e.
Wer größte Heitiag oes Zahres.
Jungvolk aus dem Beweaungscyor, Der bet Der totaöionrunogeoung vor dem Führer zum Einzug der Bannsahnen aufgeführt wurde. — (Aufnahme: Hülsdell. — Reichsbildstelle der HI.)
Der Kochpimps.
So'n Bart, werden die meisten sagen. Kennen wir ja lange. Alte Sache! — Da werden ein paar Sterne aufgebaut, ein nasser Finger in die Lust gestreckt, um die Windrichtung festzustellen, möglichst trocke- nes Holz wird rangeschafft, ein bißchen Zeitungs- papier, Streichhölzer: Das Feuer brennt. — Em paar Mann müssen los, Wasser aus dem nächsten Tümpel holen. Einige niedliche Tierchen schwimmen darin. Die werden mitgekocht, geben der ganzen Sache erst die Würze. In die bouillonartige Brühe kommen Haferflocken, Hirse ober was sonst bei Muttern zu finden war. (Die Sage berichtet, daß der Brei auch einmal nicht angebrannt sein soll!) Salz, Zucker und — wenn ein Bauernhof in der Nähe ist _ Milch tut man später dazu. Kommt dann nicht noch irgendwas dazwischen, so hat man sogar Aussicht, etwas zu essen zu kriegen.
Doch das nur als Einleitung. Wir wollen ja keine Kochschule aufmachen. Wir wollen von unfern Kochpimpf erzählen. Eigentlich war er ein ziemlich fauler Hund. Ins Jungvolk kam er nur durch einen Zufall. Einer von uns hatte ihn auf der Straße aufgefammett und einfach mitgebracht auf Fahrt — allerdings zu einer Zeit, wo noch nicht so viele organisiert waren. Von da an war er jeden Samstag mit uns draußen. Er stöhnte zwar bei jedem Kilometer über zehn. Er schimpfte auf Gott, die Welt und das Jungvolk, weil ihm das ganze Leben viel zu anstrengend war. Hatten wir dann aber unsere 25 Kilometer hinter uns gebracht, dann lachte er und sagte: „War sauber!" Wir nannten ihn alle Dickus. Wie er eigentlich hieß, das tut ja nichts zur Sache. Und Dickus gewohnte sich schließlich an alles. Die Mühseligkeiten des Jungenlebens erschienen ihm von Tag zu Tag erträglicher. 'Nur an eins konnte er sich nicht gewöhnen: Das Fahrtenessen.
Wir kannten in unserer Jungenschaft keine große Kochkultur. Wir kochten uns, um satt zu werden, was wir gerade auftreiben konnten, immer viel und schlecht. Denn wir waren alle der Ansicht, baß ein mieser Nachgeschmack im Munb schneller zu vergessen ist als ein leerer Magen. Dickus war anberer Meinung. Er erklärte, bie Fahrt wäre bie einzige Gelegenheit, bem häuslichen Essenszwang („Das wirb gegessen, sieh boch, Junge, Vater ißt es boch auch!") zu entrinnen. Er hielt uns lange Vorträge, bis uns bas Wasser im Munbe zusammenlief und wir auch Lust bekämen, einmal etwas Besieres zu vertilgen. —
So wurde Dickus an einem Heimabend feierlich zum Kochpimpf ernannt. Wir legten alle zusammen; es wurde ein neuer Hordenpott angeschafft, um der Sache von vornherein die richtige Weihe zu geben.
Kaum waren wir auf der nächsten Tagesfahrt ein paar Kilometer gelaufen, als uns Dickus schon erklärte, er müßte jetzt anfangen mit Kochen. Wir waren viel zu neugierig, um zu widersprechen. Außerdem pflegen wir immer Hunger zu haben, wenn von Essen geredet wird.
Eine Walbwiese mit einem Bach, viel trockenem Holz und Steinen war bald gefunden. Mehr konnten wir wirklich nicht verlangen. Dickus packte schon geheimnisvolle Pakete aus. Nachdem wir kunstvoll eine prächtige Kochstelle erbaut hatten und daneben einen riesigen Stapel Holz, hauten wir ab „in die Gegend". Aus lauter Langeweile machten wir ein Geländespiel. — Nach zwei Stunden fanden wir Dickus noch immer zwischen Tüten, Holz und Koch- geschirren. Das Feuer glühte nur schwach. Merkwürdige Dinge mixte unser Kochpimpf da. Aus den Kochgeschirren roch es mehr geheimnisvoll als schon. „Kann ja noch werden!" dachten wir. In den großen Hordenpott ließ Dickus keinen hineinsehen. Seine Augen strahlten hoffnungsfreudig aus einem völlig schwarzen Gesicht.
„Zwei Stunden!" vertröstete er uns. So machten wir einen kleinen Klotz, fraßen einige Kilometer-
Gespräch
rund um den Hordenpon.
Di- abtuenbe G-st° des I°°° . langen Bartes brauchst du erst gar nicht aufzutisch-n, überhaupt hat man ihn schon mittlerwerfe eingefargt den Bar^ Er sei vom vielen Gebrauch derart °.bge°>-ftt daß er zu einem spärlichen und kümmerlichen Härchen zusammengeschrumpelt sei, sagt man. Emen | ns Tod soll er außerdem noch gehabt haben.
Gespräche rund um den Hordenpott..... kennen mir, ha, alte Sache und so. Handeln m der Hauptsache von ungebranntem Reis, von dabei 8”bro^e_ neu Fahrtenmessern, von .Aroma oder: »oni einer Brühe, die der Koch — meist sauler °ollgesre,,e ner Wanst - Kasse- nennt weil das ung-sahre Aussehen danach hat, aber nach N°ilchbru^e schmeckt, eventuell sogar nach Tee r echt und n Wirklichkeit Kakao ist. — Kennen wm Wenn es das nicht ist, ist es eben etwas anderes. Och, Mööonsch, was gibt es da für Sachen.
Aber h°r mal. Kennst du eigentlich schon die Sache mit dem Mädchen? Mit dem kleinen medlichen Mädchen? Was, die kennst du nicht? Du tennp noch nicht bie Sache mit bem feinen, ZlerUchen Mao- chen, die doch da die tolle Angelegenheit m.t dem Seffek, unserem Fahrtenkoch, hattettt
Na, ba paß mal auf:
Bei meiner Seligkeit: der S-ss-k hatte mal wie- ber einen phänomenalen Fraß • L sich eigentlich schon von selbst. Gruner S° °t, Kar taneln in Fett unb gebratenes Hammelfleisch. -vas Mm Saint ist Sesseks >moustreibbarer aruner Koller, der sich auch s° intensiv, in se.ne^ Gehirn
Du 'das°N°isch^war so° wsig, l° saftig und fo schon k kl« n »f» Rott was baran war, bas konn- test di noch^g-la^g in Sessels lechzenden Bart, slausen Di- Kartosseln hatten ,a ruhig auch
noch ihre zwei Stunben kochen können, boch bas ging aus bem kühlen Grunbe nicht, weil auf ber Feuerstelle nur Platz für einen Topf war. Auch muht bu verstehen, baß bas Fleisch schon seit Stunben fertig war, für ben Salat hat ber Seffek nur zwei, brei Minuten gebraucht, unb weshalb sollten wir ba noch so lange warten, bis bie Kartoffeln enblich gar waren? He, warum sollten wir mit rollenbern Maaen bauernb bas Fleisch betrachten?
Aber bu willst etwas anberes wissen. Du willst wissen, was bas kleine Mäbchen bei bem ganzen Kram zu tun hat. Nur langsam, bie Sache verhält sich fo:'
Wir saßen so ba unb aßen. Die Sonne war hinter eine Wolkenbank geglitscht, als hätte sie ihre Nase voll von unserem Fraß. In ber Ptanne lagen noch zwei Stücke Fleisch, bie bem ©efref unb Quappe gehörten. Ein schönes, stolzes großes unb ein kleines Stück, mehr so ein Fetzen, so ein trauriges Nestchen. Seffek, unser Vielfraß, wollte sich boch einmal von seiner guten Seite zeigen unb reichte bem Quappe bie Pfanne herüber: „Nimm man zuerst, Quappe, bas Alter geht vor!" — „Och nee, banke", meinte ber, „brück bu ben Esel, Vater?" — „Nöhnöh, kommt nicht in Frage, ich weiß boch, was Anstanb ist."
Aha, also ba hinaus wollte er. Der Quappe we- bclte freunblich mit seinen sünbhaft großen Ohren, bie bei uns ben Einbruck erweckten, als höre er ununterbrochen bas Gras wachsen, unb nimmt — bas größere Stück. Ohne mit ber Wimper zu zucken. Da fährt ber Seffek auch schon hoch: „Mensch, seht ihr, keinen Anstanb hat er, erst lasse ich ihm sogar bie Wahl, bin so anftänbig, unb ba... ba—!"
„Na unb? bu oller Freßsack?! Was hottest bu genommen?" will Quavve wissen. „Wer? Ich? Ich, na, ich Hätte boch selbstverstänblich bas kleine genommen’" Quappe lachte los: „Ja M-nsch, bann Halt auch betne ausgefranste Klappe. Du Hast es boch?"
Das Hat bem Seftek mächtig gefuchst. Er ißt schweigenb unb schluckt neb-n bem Fetzen Fleisch auch seine Wut herunter. Man veräppelt ihn ein bißchen unb als ber Quappe ihn fragt: „Haste schon mal so'n kleinen Schutzmann gesehen?", babei mit Daumen unb gekrümmten Zeigefinger bte Größe bes Fleischrestes anzeigt, bas ber Seffek abgekriegt hat brummt ber: „Glaub ich, steht in Frankfurt auf bem Römer unb wickelt feit Jahr unb Tag an feinem Bart - aber - hast du schon mal Jo’n kleenes Mädchen gesehen? -? Mit Hilfe seines Löffels klaubt er aus bem Salatblatt cme — Mabe.
Der anbere sagt zu ihm, er solle sie ruhig auffressen, er hätte boch sowieso so wenig Fleisch gehabt. „Och", hüstelt ber Seffek, „weißt bu, ich mache mir nicht so viel aus Fleisch. Aber gemein finbe ich, baß bu erst bas größere Stück Fleisch nimmst, unb bann noch, wie ich ganz genau beobachtet habe, heimlich unb voller Freßgier brei von ben Mäbchen vertilgst, ohne ein Wort zu sagen, bas finbe ich gemein. Wenn bu mein Mäbchen auch noch haben willst — hier bitte!"
Wir hauen uns auf bie Schenkel unb lachen, baß es so eine Art hat, währenb ber Quappe wie ein Deubel in bie Gegenb spukt unb sluchl, man hätte ben Seffek mit heißem Limburger erschießen müssen, ehe man auf Fahrt gegangen wäre. T.
Mer Affe-?ebe wohl!
Mein Affe ist weg, mein guter alter Affe: versackt in ben Wellen ber Donau.
Ich stehe an ber Kaimauer im Passauer Hafen unb gucke feit Stunben trübe tümpelig in bas schwere, schmierige, vor lauter Oel unb Fett ganz bunt schimmernbe Wasser. Ein tschechischer Schiffer grient mir zu vom Heck feines Schiffes, spuckt im hohen Bogen über Borb unb breht sich zum x-ten Male eine Zigarette. Eigentümlicherweise sehe ich bas aber gar nicht. Ich sehe überhaupt nichts. Es ist mir alles später erst bewußt geworben, was für eine tragikomische Figur ba auf ber Kaimauer ge« stauben hat.
Mein guter alter Affe, tjaja!
Verbächtig oft ziehe ick) meine Nase hoch unb putze in Gebauten immer roieber mit bem Hanb- rücken barüber. Sonst baumeln meine Arme enblos lang vor bem Leib, ber Kops ist zwischen bie Schultern geklemmt. Menschen stolpern vorbei: Reisenbe, Schiffer, Frauen mit Kinbern an ber Haub, Kapitäne mit golbenen Schnüren an ben weißen Mützen, Nichtstuer unb Herumlungerer, träge, rauchenb, spuckeub. Unb alle benten sie gewiß: ber Kerl ba spinnt!
Wie bas alles gekommen ist, mit mir unb meinem langhaarigen Dachsfellaffen? — Paß auf: es ist kornisch, baß feder Mensch irgenb etwas hat, mit bem er sich oerbunben fühlt. Das ist nun verschieben, an was sein Herz hängt. Des einen hängt an einer vertrockneten Blume, bie er — na ja, sagen wir, irflertbroo gefunben hat, bes einen an einem Bierfilz vom Münchener Hosbräu, bes anbern an einem
alten Hut, unb meines Freunbes Herz hängt eben an seinem alten Trampeltier von Stahlroß.
Unb was mein Herz betrifft, so hängt es an meinem guten alten Dachsaffen. Er ist ja auch schließlich kein belangloser Affe gewesen, nein, nein. Er war ein ganz außergewöhnliches Exemplar seiner Gattung, unb ich weiß nicht, was für ein Gesicht bu machen wirst, wenn ich bir sage, baß er mir lieber gewesen ist als ein ganzes Haus voll Leberwürste. — Du wirst nun sagen, baß bir ein orbinärer Affe auf bem Buckel lieber wäre als ein schöner, guter alter Dachsfellaffe auf bem sieben Meter tiefen Grunb ber Donau. Nun, nun, recht hast bu bamit ja schon — aber wenn bu wüßt-st, was für Sachen wir beibe uns schon geleistet haben, er, ber Affe, unb ich, bann würbest bu bestimmt nicht so reben.
Vielleicht verstehst bu mich besser, wenn ich sage, baß mir mein Affe bas gewesen ist, was bem Habschi Halef Omar seine brei Barthaare gewesen sinb ober bir beine alten Fahrtenklotschen. —
Unb nun ist er ersoffen, mein Affe; kein Hahn würbe mehr nach ihm Frühen. — Ach so, entschul- bige, wenn ich meinen Faben verloren habe. Du wolltest ja willen, wie sich bas mit meinem Affen verhalten hat. Nun, bas ist folgenbermaßen gewesen:
Ich weiß nicht, wieweit bu in ber Geographie beschlagen bist, aber eigentlich müßtest bu boch wissen, baß Passau einen Hafen hat. Nun, im besagten Hafen sitze ich an ber Kaimauer, neben mir mein Affe, unb lasse bie Beine an ber Mauer her- unterbaumeln unb habe ganz einfältige Gebauten tm Hirn. Zwischenburch habe ich nachgebacht, wie man am besten auf einen Kahn kommen könnte. Ich weiß noch ganz genau,, wie babei in meiner rechten, ganzen Hosentasche mein Barvermögen von siebenunbbreißig beutschen Reichsmärkern sinnbetö- renberroeife geklappert hat. Wie bas nun alles gekommen ist, kann ich bir nicht so genau erklären. Auf einmal hat es einen Bums unb einen Klatsch gegeben — unb mein Affe ist weg gewesen. Ab- gesackt. Sieben Meter tief. Da kann man nix bran machen, benfe ich unb renne im Kreis auf ber Kaimauer herum. Haha, alles futsch, Affe, Zeltbahn, Kochgeschirr, Schlafsack, zwei prima Leberwürste, Hemben, Schuhe, eine Hose, haha, alles futsch?
Dann bin ich stehengeblieben, unb habe bie Stelle im Wasser ins Auge gefaßt, worin er ersoffen ist, mein Affe. Unb so stehe ich auch setzt noch ba, eine Ausgeburt von Lächerlichkeit, unb trauere meinem guten alten Affen nach.
Alte^ Affe — lebe wohl! F. L


