Gründungsversammlung des Soldatenbundes Gießen.
Am Samstag wurde in Gießen in einer Versammlung im Gasthaus Hindenburg der Soldatenbund Gießen gegründet. Bezirksgruppenführer Oberst a. D. Klein ha ns, Gießen, gab in eingehender Darlegung Ziel und Zweck des auf Wunsch des Führers geschaffenen Soldatenbundes an, wie wir sie in unserer Samstagsausgabe bereits geschildert haben. Hinsichtlich der organisatorischen Fragen fügte er noch hinzu, daß jedes Mitglied eine Halbmonatszeitschrist für den Mitgliedsbeitrag von 50 Pfennig erhält. Er hob hervor, daß die Zugehörigkeit der Mitglieder des Soldatenbundes zu Glieds- derungen der nationalsozialistischen Partei (SA., SS., NSKK.) zulässig ist. Sie ist erforderlich für Mitglieder, die sich weltanschaulich oder politisch betätigen wollen, da der Soldatenbund sich grunosätz- llch solcher Betätigung enthält.
Hierauf sprach der Standortleiter des Reichstreu- bundes, Steuerinspektor Schwenker, der als der Träger des organisatorisch erfahrenen Bundes alter Soldaten, wie ihn der Reichstreubund darstellt, die Vorbereitungen zu dieser Veranstaltung geleistet hat. Er hob hervor, daß die Halbmonatsschrift des Soldatenbundes zugleich das Nachricytenblatt des Reichstreubundes ist. Der Reichstreubund ist dem Soldatenbund korporativ angeschlossen. Die Aufnahme in den Soldatenbund erfolgt auf schriftlichen Antrag. Ferner wies er darauf hin, daß der Führer des Reichstreubundes, der Oberpräsident von Pommern, Schwede- Coburg, zugleich stellvertretender Bundesführer des Soldatenoundes ist. Hinsichtlich der Zugehörigkeit
zu anderen soldatischen Vereinigungen verwies der Redner auf die Bestimmung, daß Mitglieder des Soldatenbundes, die bereits in früheren Jahren und ab 1. Januar 1936 einem aus ehemaligen Angehörigen des alten Heeres gebildeten Bunde angehörten, gleichzeitig Mitglieder eines der Bünde des alten Heeres bleiben können. Hierauf erklärte Standortleiter Schwender den Soldatenbund G i e ß e n für gegründet und bestimmte den 1. April 1936 als Grundungstag. Er erklärte weiter, daß durch kameradschaftliches Ueberein- kommen mit dem Führer der Arbeitsgemeinschaft der Gießener Regiments-und Soldatenkameradschaf- ten, Kamerad Müller, diese Arbeitsgemeinschaft die bisher geführte Bezeichnung „Soldatenbund" abgeschafft hat, so daß es nur noch einen, also den jetzt neugegründeten Soldatenbund in Gießen gibt. Auf Vorlchlag von Schwender wurde Leutnant der Reserve, Kaufmann Carl Röhr zum Kameradschaftsführer des Gießener Soldatenbundes, Steuerbeamter Hirt zum Schriftführer und Friedrich Kreß zum Geldverwalter bestimmt und durch den Bezirksgruppenführer Oberst a. D. K l e i n h a n s bestätigt.
Kameraschaftsführer Röhr dankte für das ihm bewiesene Vertrauen und versprach seine Pflicht zu erfüllen. Er setzte als ersten Kameradschaftsabend den 9. Juni fest, auf dem die organisatorischen Fragen geregelt und das Arbeitsprogramm besprochen werden sollen. Hierauf unterstellte er den neuen Soldatenbund Gießen mit dreifachem Sieg-Heil dem Befehl des Führers und Obersten Befehlshabers.
Ein Prozeß gegen frühere Handwerkskammerangesteltte. Verhandlung vor der Großen Strafkammer in Gießen.
Am gestrigen Montag begann vor der Großen Strafkammer in Gießen die Verhandlung über die im Frühjahr 1935 bei der Handwerkskammer- Nebenstelle in Gießen festgestellten Verfehlungen. Auf der Anklagebank sitzen der ehemalige Syndikus der Handwerkskammer-Nebenstelle, der am 15. März 1885 geborene Karl Rudolf Röhr, und der am 13. Februar 1891 geborene ehemalige Geschäftsführer Otto M a f f e n g e i l, beide aus Gießen.
M a f f e n g e i l flüchtete bekanntlich nach Aufdeckung der Verfehlungen in das damals noch vom Reiche getrennte Saargebiet. Ein seinerzeit gegen ihn erlassener Steckbrief blieb erfolglos. Erst nachdem Massengeil die Mittel ausgegangen waren, bequemte er sich zur Rückkehr nach Gießen und stellte sich der hiesigen Staatsanwaltschaft.
Aus dem Verlauf der gestrigen Vernehmung der Angeklagten ist folgendes zu berichten:
M a s s e n g e i l, der in einem Konfektionsgeschäft seine Lehrzeit verbrachte, war, nachdem er bis dahin verschiedentlich die Branche gewechselt hatte, vom Jahre 1924 bis 1927 als Buchhalter bei einer Drescherei-Berufsgenosfenschaft tätig. Bei einer plötzlich stattfindenden Revision wurde im Jahre 1927 ein Kassenfehlbetrag von 1327 Mark festgestellt, mit dem der Angeklagte damals belastet wurde und dessentwegen auch seine Entlassung erfolgte. Trotzdem er ein monatliches Einkommen von teilweise über 700 Mark hatte, leistete er in den Jahren 1928 und 1932 den Offenbarungseid. Es wurde festaestellt, daß in beiden Fällen die Leistung des Offenbarungseides durch zwangsweise Vorführung Massengeils durch den Gerichtsvollzieher erfolgen mußte.
Im Jahre 1929 kam Masfengeil zur Handwerkskammer-Nebenstelle mit einem Anfangs-Gehalt von 230.— RM., das später auf 295.— RM. anwuchs. Schon bald nach seinem Eintritt trat der Angeklagte an den Mitangeklagten Röhr zwecks Gewährung eines Gehaltsvorschusses heran, der ihm auch bewilligt wurde. Diese Vorauszahlung wurde im Lause der Zeit zu einer ständigen Einrichtung.
Statt aber die zu diesem Zwecke aus der Kasse entnommenen Beträge ordnungsgemäß in Ausgabe zu bucken, beschränkte man sich darauf, durch Ausstellung von Quittungen die Entnahmen zu belegen. Die Folge dieser „Buchführung" war, daß durch die angeblichen Rückzahlungen und die dann wieder einsetzenoen Vorschußzahlungen im Laufe der Zeit ein nickt unerhebliches Defizit in der Kasse entstand. Bei den halbjährlich stattfindenden Revisionen entdeckte man die Fehlbeträge durch vorübergehende Entnahmen aus einem dem Mitangeklagten Röhr zur Verwaltung anvertrauten Fonds einer privaten Vereinigung. Die Gesamthöhe der entnommenen Gehaltsvorschüsse kann nicht festgestellt werden, da durch die unterlas enen Buchungen eine Uebersicht unmöglich ist. Fest steht jedoch, daß Massengeil der Kasse aus den Vor chüssen noch 250 RM. schuldet.
Ein weiterer Vorwurf der Anklage bezieht sich auf die Unterschlagung sogenannter Verwahrgelder. Die Handwerkskammern zogen im Auftrag ihrer Mitglieder rückständige Beträge für geleistete Arbeiten ein. Statt die eingegangenen Gelder an die Berechtigten abzuführen, verwandte man sie teilweise für die Zahlung von Rechnungen der Kammer und teilweise zur Deckung oes durch die Vorschüsse entstandenen Kassendefizits. Die von M ässe n g e i l in dieser Hinsicht vorgenommenen Buchungen sind vollkommen unübersichtlich, so daß eine Nachprüfung kaum möglich ist.
Die Handwerker sind verpflichtet, bei dem Abschluß eines Lehrvertrages sogenannte Einschreibungsgebühren zu erstatten. Zur Propagierung des Deutschen Handwerkertags bestellte die Kammer bei einer Berliner Firma Propagandamaterial im Werte von etwa 350 bis 400 Mark, das an die einzelnen Innungen weiterverkauft wurde. Das 3U diesem Zwecke in Gießen eingegangene Geld wurde jedoch von den Angeklagten zur Deckung der „Verwaltungskosten" verwandt. Als die Lieferfirma mit Zwangsmaßnahmen drohte und diese auch bereits eingeleitet waren, verpflichtete man sich, in Raten
von 50 Mark, die man von den erwähnten Einschreibegeldern bestritt, die Forderung zu begleichen.
Während der Angeklagte Röhr in der Klinik lag, benötigte M a s s e n g e i l einen Vorschuß in Hohe von 30 Mark. Er setzte kurzerhand mit einem sogenannten Fakfimilestempel, den er vorher zu präparieren verstand, den Namen Röhrs unter einen Postscheckabschnitt, wodurch er sich die Auszahlung ermöglichte. Auf diese Weise verstand er es, in einer ganzen Anzahl von Fällen sich Mittel zu beschaffen.
Massengeil lieh ferner von einem Zeugen 200 Mark, angeblich um seine Vorschüsse abzudecken, in Wirklichkeit verwandte er den Betrag für seine Flucht. In ähnlicher Weise ging der Angeklagte vor, als er bei einem Zeugen angeblich im Auftrage Röhrs 150 Mark lieh. Im Frühjahr 1933, nachdem er 1932 den Offenbarungseid geleistet hatte, kaufte Massengeil angeblich für seinen Sohn einen gebrauchten Personenwagen für 300 Mark. Angezahlt wurden 100 Mark. Mit diesem Wagen floh er, wie anfangs erwähnt, in das Saargebiet, wo er den Wagen für 500 Franken verpfändete.
Ebenfalls belastet wird der Angeklagte Röhr. Er kam im Jahre 1925 zur Handwerkskammer-Nebenstelle Gießen mit einem anfänglichen Gehalt von 300 Mark und einem späteren Einkommen von 700 Mark monatlich. Schon im Jahre 1929 nahm die Handwerkskammer in Darmstadt Gelegenheit, dem Angeklagten einen scharfen Verweis mit Androhung
der Entlassung zu erteilen. Bei einer damals vorgenommenen Revision wurde ein erheblicher Fehlbetrag entdeckt. Außerdem waren damals schon die Bücher nicht in ordnungsmäßigem Zustand, was auch die Entlassung des damaligen Buchhalters zur Folge hatte. Röhr wird jetzt zum Vorwurf gemacht, bei den strafbaren Handlungen Maffengeils teilweise mitgewirkt, sie zum mindesten jedoch un- terstützt zu haben, indem er jede Buchkontrolle unterließ. Es ist außerdem festgestellt, daß der Angeklagte ebenfalls in drei Fällen Vorschüsse entnahm, wenn er auch die Beträge sofort wieder zurückzahlte. Im übrigen soll der Angeklagte Lehrvertragsformulare zu einem höheren Preis als vorgeschrieben verkauft haben.
Bei der gestrigen Vernehmung der Angeklagten versuchten sich beide gegenseitig zu belasten. M ässe n g e i l verteidigte sich mit oer Angabe, im Auftrage Röhrs gehandelt und alle Maßnahmen mit dessen Wissen vorgenommen zu haben. Im übrigen verlegte er sich aufs Leugnen. Der Angeklagte Röhr gab an, durch den berufsständifchen Ausbau des oberhessischen Handwerks so in Anspruch genommen gewesen zu sein, daß er eine kontrollierende Tätigkeit nicht hätte ausüben können. Dem Angeklagten Massengeil habe er großes Vertrauen geschenkt.
Das Gericht trat nach der Vernehmung der Angeklagten in die Beweisaufnahme ein.
Obecheffen.
Graf Wilhelm zu Solms-Laubach f.
§ Arnsburg bei Lich, 25. Mai. Gestern verschied in der Medizinischen Klinik zu Gießen nach längerem Leiden Seine Erlaucht Graf Wilhelm zu Solms-Laubach im Alter von 74 Jahren. Der Verstorbene, der bis 1906 Landrat in Schlüchtern war, führte von da an bis zu der in 1920 eingetretenen Großjährigkeit feines Neffen, des Grafen Georg Friedrich zu Solms-Laubach, die Vormundschaft.
Der Entschlafene war am 15. August 1861 als Sohn des Grafen Friedrich zu Solms-Laubach und feiner Gemahlin Marianne, geb. Gräfin zu Stolberg-Wernigerode, in Jannowitz (Schlesien) geboren. Er schlug nach Abschluß seiner Schulausbildung die militärische Laufbahn ein und wurde Offizier beim Garde-Husaren-Regiment in Potsdam. Später studierte er Rechtswissenschaft, war nach bestandenen Prüfungen bei der Reaierung in Hannover tätig und wurde dann zum Landrat in Schlüchtern ernannt. Infolge des Ablebens seines Bruders, des regierenden Grafen Otto zu Solms- Laubach, schied er aus dem preußischen Staatsdienst aus und führte von 1906 bis 1920 von Arnsburg aus, wo er seinen Wohnsitz nahm, für Graf Georg Friedrich zu Solms-Laubach die Leitung des gräflichen Hauses. Um die in Arnsburg bestehende Erziehungsanstalt für Mädchen hat er sich als Vorfitzender große Verdienste erworben. Bei allen, die ihn kannten, war er wegen feiner hervorragenden Charaktereigenschaften, insbesondere wegen seines einfachen und bescheidenen, offenen und geraden Wesens, und seiner großen Lebenserfahrung fehr beliebt. Als weidgerechter Jäger und Züchter war er in weiten Kreisen bekannt und mit Heimat und Natur sehr eng verbunden. Seit dem 23. Mai 1902 war er mit Marie Prinzessin zu Stolberg-Wernigerode vermählt.
Ein tragischer Todesfall.
Eine Warnung für andere.
s . Lang-Göns, 25. Mai. Am Samstag starb ein hiesiger Landwirt in der Gießener Klinik an Blutvergiftung. Vor etwa 14 Tagen hatte er künstlichen Dünger gestreut und dabei eine kleine Wunde nicht beachtet.
Gefängnis wegen Milchpantscherei.
L pd. Friedberg, 25. Mai. Der Hch.WolfXV. in B e r st a d t (Kreis Büdingen) wurde vom Amtsgericht Friedberg wegen verbotenen Inverkehrbringens von verdorbener und verfälschter
Milch zu vier Monaten Gefängnis und Urteilsveröffentlichung verurteilt.
Landkreis Gießen.
* Großen-Bufeck, 25. Mai. Der 24 Jahre alte Schmied Decker von hier erlitt am Samstagnachmittag bei der Arbeit an der Hobelmaschine schwere Handoerletzungen, die seine ärztliche Behandlung in der Klinik erforderlich machten.
* Bersrod, 25. Mai. Der jugendliche Willi Findt von hier erlitt beim Spiel schwere Knieverletzungen am rechten Bein und mußte zur Behandlung in die Chirurgische Klinik zu Gießen verbracht werden.
* Londorf, 26. Mai. Am 31. Mai begeht Polizeidiener i. R. August Pfeiff von hier in geistiger und körperlicher Frische seinen 7 0. Geburtstag.
* Rüddingshausen, 26. Mai. Der Schreiner Heinrich Krug II. von hier geriet gestern beim Arbeiten an der Kreissäge mit der rechten Hand an das Sägeblatt, wobei ihm der kleine Finger abgeschnitten und der Mittelfinger stark verletzt wurde. Der bedauernswerte Mann kam nach Gießen in ärztliche Behandlung.
A Lang-Göns, 25. Mai. Beim Verkauf der blauen Kornblumen für den Volksbund für das Deutschtum im Ausland wurden hier 27,40 Mk. erzielt, vor einigen Wochen hatten die Kinder für denselben Zweck 40 Mk. gesammelt.
oo Bettenhausen, 25. Mai. Heute brachten wir unseren letzten Alt-Veteranen von 1870/71 zur ewigen Ruhe, den im 90. Lebensjahre verstorbenen Johann Heinrich Roth I. Er entstammte dem nachweislich ältesten Bauerngeschlecht unseres Dorfes, das seit mehr als 500 Jahren hier lebt und der Gemeinde viele führende Persönlichkeiten gegeben hat. Von 1868 bis 1869 diente der Verstorbene bei dem Großherzoglichen Hessischen Train- Bataillon in Darmstadt. Bei demselben Truppenteil machte er den Feldzug mit, an dem auch sein älterer Bruder teilnahm. Er wurde mit militärischen Ehren bestattet: die Kriegerkameradschaft Bettenhausen gab ihm das letzte Geleit, trug dem Sarge seine Kriegsehrenzeichen voraus, sandte über das Grab drei Ehrensalven und legte einen Kranz nieder. Damit ist der letzte Zeuge einer ruhmvollen Vergangenheit aus unserer Mitte geschieden.
Kreis Schotten.
y . Sch otten, 25. Mai. Heute feierte Augusts Möser von hier ihr goldnes Arbeitsjubiläum. Seit 50 Jahren ist sie in der hiesigen Strickerei Chr. Eißfeller tätig. Aus diesem Anlaß
Kiff in die Kalahari.
Oer Zug des Hauptmanns von Erckert.
Die unendliche Weite der rötlichen Kalahari umsängt die Reiter; flach sich dahinziehende Bodenwellen und trostlos einsame Dornbüsche geben den müden, verglasten Augen kümmerliche Blickpunkte. Die Hufe der Kamele bringen die Kilometer langsam genug hinter sich, und der schaukenlde Rhyty- mus ihrer Gangart ist nicht dazu angetan, die Gedanken lebendig schweifen zu lassen. Wie lange dauert dieser Ritt in den Horizont, über einen Dünenhügel nach dem anderen in regelmäßigen Intervallen? Wer weiß es?
Kaum einer der Reiter kann sagen, wie lange sie schon hinter Simon Köpper, dem letzten aufständischen Hottentotten-Häuptling in Süd-West, her sind. Als sie vor einer Woche, oder war es vor vierzehn Tagen, unter Führung des Hauptmanns den Nos- fob abwärts aufbrachen, waren sie noch alle felsenfest davon übeuzeugt, daß dieses letzte, entscheidende Unternehmen der Schutztruppe erfolgreich sein werde.
Denn — e r hat ja die Vorbereitungen getroffen, feinen eisenharten Willen an die Lösung der ihm gestellten Aufgabe gesetzt, Simon Köpper, den Mörder vieler deutscher Farmer, mitsamt seiner Werft unschädlich zu machen. Er, Hauptmann von E r ck e r t. Keiner hätte sagen können, was ihn eigentlich über das Pflichtmäßige hinaus an diesen Mann band. Immer wieder hatte gerade er sie zu übergroßen Anstrengungen, zu unmenschlichen Leistungen gezwungen. Und dock — tief innerlich füh- len sie alle ihre Verbundenheit mit dem hageren, schweigsamen Mann. Um ihn ist es wohl wie ein Ning, den niemand durchbrechen kann, und deshalb gilt er als einsam und verschlossen. Aber hier, auf der Verfolgung der Hottentotten, ist es jedem Offizier ebenso wie dem einfachsten Mann zum Bewußtsein gekommen, daß des Hauptmanns Haltung gegenüber der Truppe einzigartig ist. Sie spüren aus feiner Verfügung an die Offiziere, in h»r e« heißt, „Der Gradmesser für die Leistung einer Truppe ist der Wille des Führers" wie aus feiner Sorge um die Mannschaft, daß „er nicht Hauptmann fein will, legitimiert durch Achselstücke, sondern die Persönlichkeit Friedrich von Erckert", der Führer und Kamerad.
Mit großem Staunen erleben sie, wie hier in Afrika, wo der äußere Rang nie viel Bedeutung hatte, eine neue Art der Kameradschaft entsteht, die den „Vorgesetzten" mit einschließt. Seine lieber« legenheit als Mensch und Soldat stempelt ihn zum
Führer, dessen Denken und Handeln der Truppe ein ganz bestimmtes Gesicht gibt.
Mancher Reiter holt sich abends am Feuer, wenn kalte afrikanische Dunkelheit über das Land der Gegensätze gefallen ist, einen zerknitterten Zettel aus der Rocktasche. Vor Beginn der Expedition erhielt jeder Mann die vom Hauptmann zusammengestellten „Soldatenregeln", von denen er vielleicht immer wieder diese lieft:
„Ein Reiter, der noch eine halbe Flasche voll Wasser besitzt, kommt durch.
Ein Reiter mit leerer Feldflasche hat mehr Durst als einer, der noch Wasser besitzt.
Hunger ist Angewohnheit. Zum Leben braucht der Mensch in Wirklichkeit nur wenig Nahrung.
Was der Mensch will, hat er schon zur Hälfte vollbracht.
Wer in der ersten Zeit leicht ermattet, der bedenke, daß der Mensch sich erst an Afrika gewöhnen muß.
Wer ein ganzer Kerl ist, der greife überall da ein, wo er nützen kann."
Und der Inhalt dieser Worte begleitet die Gedanken der Truppe auch am Tage, wenn brutale, afrikanische Sonne ihre Leiber ausdörrt.
Ein Fluß! Wasser! — Die Kamele werfen auf, wittern! Leben kommt in die bleierne Masse, MÜ- diakeit wird vergessen, und die Tiere werden zur Eile angespornt. Freudige Erwartung liegt über dem Zug, der gleich darauf grausame Enttäuschung folgt!
Hat ein Trug sie genarrt? Ein ausgetrocknetes Flußbett liegt vor ihnen, in dem weit entlang nicht einmal ein Jauchetümpel zu sehen ist.
Sehr viel langsamer geht es nun im Flußbett weiter — stundenlang reiten sie so! Sand, nichts als Sand! Immer den Fluß entlang, den spärlichen Hottentottenspuren nach, die ja doch wieder in die Irre führen werden. Stinkendes Aas hin und wieder am Rande der Pad — ironischer Gruß der verfolgten Hottentoten.
Bis eines Tages die Patrouille Nachricht von der Werft Simon Köppers bringt, die dichtgedrängt einige Kilometer nördlich im Busch sitzt. Mit einem W die Lethargie und die tötende Gleichgültigkeit vorbei. Die qäulende Unruhe des „Umsonst" ist der gespannten Bereitschaft gewichen. Vorbei das stumpfe Starren auf den Hals des Kamels, das gleichmäßige Wiegen. Vorbei die erdrückende Oede und Ziellosigkeit
Nun wird mit flackernder Unrast auf den Tag gewartet, der den Angriff bringt. Auch das Ge- wehr, als lafhges Gepäck bisher mitqefchleppt, wird betrachtet, betastet. Die letzten Tfchammasftüchte
werden ausgedrückt und der Saft mit Zitronensäure schmackhaft gemacht. Nach drei Tagen die erste Erquickung! Ein Reiter hatte gestern Kamelurin getrunken und erbrach sich. Das gequirlte Blut der verendeten Tiere war da schon genießbarer gewesen.
In der Nacht gibt der Hauptmann die letzten Befehle. Seine Stimme klingt ruhig und bestimmt wie sonst. Kurz, knapp und sachlich werden den Offizieren die Anweisungen zur Umzingelung des feindlichen Lagers gegeben. Als er allein ist, schreibt er einige Worte auf einen Zettel! —
In der Frühe des anderen Tages wird der Befehl zum Angriff gegeben. Und im Sturm auf den im Busch versteckten Gegner entlädt sich die in den Mühsalen der letzten Wochen gewachsene Erregung.
Einer der ersten, der fällt, ist der Hauptmann. So sieht er nicht den Erfolg seiner monatelangen Arbeit, erlebt nicht, wie die letzten aufständischen Hottentotten in alle Winde zerstreut werden und damit dem deutschen Farmer in Süd-West der gefährliche Gegner genommen wird. Er fällt in dem Augenblick, als seine Werke und Werte die höchste Vollendung find. Der Gemeinschaft feiner Reiter, unter denen er stirbt, hat er einen neuen Sinn gegeben, der freilich weit über den bürgerlichen Horizont des Vorkriegsdeutschland hinausgeht.
Von feinem Steingrab in der Kalahari unter der glasklaren Himmelswand klingt das Ethos zu uns herüber, dem er selbst in seiner Bleistiftnotiz auf einem kleinen Zettel Gestalt gab:
„In erster Linie die größte Selbstachtung.
Jede Art Schmerz still ertragen.
Sich sagen, daß eine gerade, aufrechte Haltung auch die Aeußerung einer geraden, aufrechten Seele ist." lüdde.
«Sloria-Palast:
,0er 2Raub der Gabinerinnen -
Der Schönthansche „Raub der Sabinerinnen" gehört zu den wahrhaft unverwüstlichen Repertoirestücken. An ihm läßt sich, wie an wenigen seiner Gattung, die Psychologie und die Dramaturgie des Schwankes vorzüglich studieren; es ist nämlick gar nicht so einfach. Kein Wunder jedenfalls bet den unzähligen Erfolgen, die dieses Stück hinter sich gebracht hat, daß sich der Film, wie zuvor der „Familie Schimek", nun auch feiner bemächtigt hat. R. A. S t e m m I e , erfahrener Film-Autor, schrieb das Buch für die Europa und führte Regie. Er war klug genug, das erprobte Szenengerippe des bemoosten Originals unangetastet zu lasten. Und fast
alle Partien, die von jeher auf dem Theater unwiderstehlich wirkten, bewähren sich mit gleicher Durchschlagskraft auch im Film, — abgesehen von der schönen Geschichte mit dem ausgestopften und zur Abreise eingepackten Vogel; diese Szene verpufft. Dagegen ergaben sich dankbar ausgenutzte Möglich- ketten, die Striefesche Wanderschmiere auf der Probe und bei der Premiere in vollem Glanz und großer Aktion zu zeigen, also Dinge zu bringen, bie auf dem Theater nur erzählt werden können. In der nachgerade berühmt gewordenen Rolle des ©triefe (den sogar Bassermann einst gespielt hat) sieht man Bernhard Wildenhain, der in untadeligem Sächsisch den ganzen komödiantischen Reiz der Figur ausfoftet, ohne sich ins Bodenlose zu verlieren. Sehr hübsch macht G ü l st o r f f den Gollwitz als Pantoffelhelden und Autor in tausend Aengsten. Aus dem reichbesetzten Ensemble seien neben diesen beiden nur die wichtigsten herausgegriffen: Hilde S e s s a k (wir sahen sie neulich in „Schloß Vogelöd") und Brausewetter; die Koppenhöfer und so- aar die H ö f l i ch (in der Rolle des Mädchens Rosa); Westermeier, Hussels, Trude Hefter- berg und Grete Weiser. Das Ganze wurde, wie es sich geziemt, in ein verschollenes Kostüm gekleidet, das die Vorgänge etwa an die Jahrhundertwende verlegt. Harald B ö h m e l t schrieb eine schmissige Begleitmusik. — Im Beiprogramm: die Wochenschau und ein etwas verunglücktes Lustspiel nach dem bekannten Schlager von der Annemarie. —r—
Zeitschristen.
— In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich Japan in die Spitzengruppe der ©portnationen gefteüt. Seine sportlichen Kämpfer kommen für eine große Zahl von Wettbewerben der Olymifchen Spiele in Berlin als Anwärter für den Sieg ernsthaft in Frage, lieber die Ursachen dieses Leistungsanstieges berichtet auf Grund eingehender, während eines Studienaufenthaltes in Japan gesammelter Erfahrungen Stud.-Ass. M. Pampel auf drei Bildseiten im neuesten Heft der „311 u ft r i r t e n Zeitung" (I. I. Weber, Leipzig). — Einen Ueberblick über die bisherigen Leistungen des Winterhilfswerks und der NSV. vermittelt der Beitrag „Volksgemeinschaft der Tat". Diele Bilder und eine Kunstbeilage, auf der die Abzeichen und Monatstürplaketten des WHW. mehrfarbig wiedergegeben sind, legen Zeugnis ab von der erfolgreichen Arbeit dieser größten Hilfsaktion, die jemals von Menschen ein- geleitet und durchgeführt worden ist.


