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Nr. 120 Zweites Blatt

GleßenerAnzeiger(General-Anzeigerfür Oberhessen)

Montag, 25. Mai 1936

Schnellboot gegen Kreuzer.

Schießübungen deutscher Kreuzer vor Rügens Küste.

Von unserem Sonderberichterstatter Heinz Gramer.

Schießübungen der KreuzerK ö l n" und Leipzig"! Und man sollte daran teilnehmen, sollte wieder einmal auf den Planken eines deut­schen Kriegsschiffes stehen dürfen, im Kreise von Männern, deren Uniform man auch einst mit Stolz getragen hatte! Die Freude darüber wird noch er­höht dadurch, daß die schönste Maiensonne über der Ostsee liegt und daß sie das Grün der Wälder Rü­gens, die man in Ferne sieht, frisch aufteuchten läßt.Köln" undLeipzig", unsere betten Kreuzer, befinden sich seit einiger Zeit in den Gewässern um Rügen, um hier ihre ungeschriebenen Schießübun­gen zu erledigen. Der größte Teil des Programms war bereits abegwickelt, und den Schluß sollte man mit ansehen, und zwar gerade den Teil, der am interessantesten war.

Die Abwehr von Schnellboots- und Torpedobootsangriffen soll geübt wer­den. Keine leichte Ausgabe für den 1. Artillerieoffi­zier, denn die Hebungen werden so abgehalten, wie sie sich auch im Ernstfälle abspielen würden. Das heißt, daß die Scheibe, die das Schnellboot dar­stellt, in einer Geschwindigkeit geschleppt wird, die der des wirklichen Bootes entspricht, so daß sich ein Feuergefecht bei außerordentlicher Geschwindigkeit entwickeln muß. Die Scheibe ist bereits da. Der An­griff kann bginnen. Aber Schießübungen auf See sind eine eigene Sache. Zweimal wird zum Angriff angesetzt. Zweimal aber macht die hohe Dünung einen Strich durch die Rechnung, denn die Schlepp­trosse ter Scheibe bricht. Alles war vergebens. Stunden harter Arbeit umsonst getan. Aber die Marine ist daran gewöhnt. Wetter und Wind,

fung ergibt, sind beide Scheiben von je 5 Treffern durchbohrt, was praktisch darauf hinausliefe, daß beide Torpedoboote zumindest gefechtsunfähig wä­ren. Allerdings spielt für den Schnellboots- und Torpedobootsangriff das Ueberrafchungs- Moment eine große Rolle. Bor allem die kleinen Schnellboote sind ja fast ganz darauf abgestellt, daß sie den großen Gegner überraschen, meist also nachts angreifen oder ihm auflauern, um bann aus näch­ster Nähe ihren Torpedoschuß anzubringen. Was für die Schnellboote gilt, trifft in gewissem Um­fange auch auf die Torpedoboote zu, deren be­sondere Stärke im Nachtangriff liegt. Infolgedessen spielt bei den Schießübungen auch der Nacht­angriff eine große Rolle. Auf derLeipzig" durften wir ihn mit erleben.

Es ist nach 23 Uhr, und tiefe Dunkelheit lastet auf der See. Nur hin und wieder zuckt in der Ferne das Licht eines Leuchtturms auf, sonst sieht man nichts, abgesehen von einigen weit entfernten Po­sitionslaternen vorbeifahrender Dampfer. Da plötzlich schießt geisterhaft der große Strahl des Schein­werfers derLeipzig" über das Wasser. Ein kurzes Suchen, dann hat er sein Ziel gefunden. Die Schei­ben sind im Lichtkegel, und kaum ist das der Fall, da sausen auch schon die ersten 15-cm-Granaten aus

den Rohren und heulen über das Wasser, Der Ein­schlag liegt noch etwas rechts außen. Eine geringe Verbesserung, und die zweite Salve verläßt die Rohre. Sehr bald liegt das Feuer deckend; die Ent­fernung verringert sich, so daß nun auch die leichte Artillerie in das Gefecht einareifen kann, und sich vor den Augen, die alles so schnell gar nicht fassen können, das Bild eines regelrechten Nacht-Nah­gefechts abspielt. Das Ganze dauert 100 Sekunden. In diesen 100 Sekunden muß der Artillerieoffizier gemäß feiner Aufgabe die beiden Torpedoboote er­ledigt haben. Nach genau 100 Sekunden wird der Scheinwerfer abgeblendet. Die Uebung ist zu Ende. Das Ergebnis zeigt, daß die Aufgabe erfüllt ist, denn beide Scheiben sind trotz der Kürze der Zeit mehr­mals getroffen.

Es ist tief in der Nacht, als endlich Ruhe im Schiff herrscht. Doch auch nur für wenige Stunden, denn morgens um 3.30 Uhr steht bereits wieder die nächste Schießübung auf dem Programm. Wenige Stunden Ruhe, und dann klingeln schon wieder die Maschinentelegraphen, surren die Telephone, spielt der gesamte Uebermittlungsapparat eines technisch so durchkonstruierten Schiffes, wie es die Kreuzer heute find, werden die Drillingstürme geschwenkt, knattert die Flakartillerie. Die Zeit der Hebungen stellt schwere Anforderungen an Offizier und Mann. Und doch. Wenn man die lachenden und fröhlichen Gesichter der Matrosen sieht, dann lieft man in ihnen die Freude an ihrem Beruf, die Begeisterung für ihre Ausgabe, die ihnen durch nichts so erleichtert wird wie die Kameradschaft, wie sie in unserer jungen Kriegsmarine zu Hause ist.

Lin Tag aus dem Leben des englischen Königs.

Von unserem ständigen Londoner chb.-Verireier.

Nebel und Passagier- und Frachtdampfer erschwe­ren immer wieder die Schießübungen in unseren hiesigen so belebten Gewässern.

Nachdem zwischendurch andere Schießaufgaben er­ledigt waren, kommt es, kurz ehe die Sonne im Meer versinkt, doch noch zu dem geplanten Schnell- bootsangriff und seiner Abwehr. DieLeipzig" ist dran.Köln" folgt ihr im Kielwasser. Mit außer­ordentlicher Geschwindigkeit nähern sich Scheibe und Kreuzer.Leipzig" setzt den blutroten Stander Z vor und sehr bald krachen die ersten Schüsse. Hoch auf spritzt der Gischt am Bug des dahinrasenden Kreuzers. Beide Gegner nähern sich schnell. Denn das Schnellboot muß ja auf kurze Entkernung an den Kreuzer heran, um im Ernstfälle seinen Ver­derben bringenden Torpedoschuß abgeben zu können. Die Entfernung zwischen beiden oerrringert sich zu­sehends und schon setzt auch die leichte Artillerie ein, die 3,7 und 2 Zentimeter. Es kracht und knattert. Und dennoch spielt sich das Ganze in Blitzesschnelle ab. Minuten, ja, Sekunden sind es nur; die Uebung ist beendet und hat ergeben, daß bei Ausschaltung tes Überraschungsmoments ein Angriff von Schnellbooten auf Kreuzer ziemlich aussichtslos fein müßte. Die Scheibe ist von mehreren Treffern auf- geriffen, fo daß im wirklichen Gefecht das Schnell­boot erledigt gewesen wäre. Die Aufgabe ist im Sinne des Kreuzers erfüllt.

Keineswegs erfüllt ist damit etwa das Tagespro­gramm. Don den frühen Morgenstunden bis in die späte Nacht hinein reiht sich Schießübung, Anlauf folgt auf Anlauf. Zwei Scheiben stellen Tor­pedoboote dar. Auch sie werden mit einer Ge­schwindigkeit geschleppt, die etwa der Fahrt eines Torpedoboots im Gefecht entspricht. ,Köln" und die Scheiben fahren aufeinander zu, denn das Ge­fechtsbild will ein Passiergefecht, das sich in einer Geschwindigkeit von etwa 40 Seemeilen ab» (Dielen muß. Fieberhafte Spannung liegt auf den Gesichtern der jungen Geschützbedienungen. Wann endlich kommt die Feuererlaubnis? Endlich ist sie da. Schuß auf Schuß verläßt die Rohre der 8,8-cm-Geschütze. Etwa vierzig werden im ganzen abgegeben, und schon ist das Gefecht zu Ende. Auch im Ernstfälle wäre es zu Ende, denn, wie die Prü-

London, im Mai.

Als Haupt des größten Imperiums der modernen Welt hat Englands Herrscher, Eduard VIII., einen feftgegogenen Kreis von Pflichten und Arbeiten, von denen jedoch, seitdem aus dem weitgereisten Prinzen von Wales ein fast schweigsamer Monarch wurde, nur selten etwas in die weitere Oeffentlichkeit bringt. Um so interessanter vielleicht ist es deshalb, einen beliebigen Tag aus dem Leben des Königs zu wählen und zu beobachten, wie in feiner Residenz, York House, die Fäden des Im­periums dufammenlaufen.

Der Arbeitstag des Königs beginnt um 7.30 Uhr morgens. Er lieft dann die wichtigsten englischen Blätter. Dies geschieht in einer festen Ordnung, und zwar beginnt er mit den neuesten Nachrichten aus England, um dann zu den Meldungen aus aller Welt überzugehen, soweit sie von diplomatischem Interesse sind. Um sich auch über den Fortgang der öffent­lichen Meinung orientieren zu können, verfolgt er die Leitartikel und jene typisch englischenBriefe an den Redakteur", in denen kurz gefaßt oft die englische öffentliche Meinung von Rang nieder­gelegt ist.

Von den ausländischen Meldungen sind ihm die wichtigsten allerdings meistens bereits bekannt durch besondere Dokumente, die mit Kurieren und durch Chiffretelegramme von allen britischen Botschaften und Konsulaten nach London übermittelt werden und in dem Zentrum des britischen Imperiums in jenen berühmten, verbeulten, alten roten und schwarzen Metallschatullen vom Auswärtigen Amt zu den zu­ständigen Behörden transportiert werden, Doku­mente mit der Aufschrift:Eigentum der Regierung Seiner britannischen Majestät".

In Buckingham Palace, der eigentlichen könig­lichen Residenz, haben unterdessen die beiden Privat­sekretäre, Lord W i g r a m und Sir Godfry Tho­mas, eine große Anzahl von Papieren gesichtet und geordnet. Unter ihnen befinden sich Kabinetts­berichte, Vorschläge, Gesuche um Audienzen, Berichte der Land-, See- und Luftstreitkräfte usw.

Punkt 10 Uhr vormittags befindet sich Hann der König in seinem Arbeitszimmer in Buckingham

Palace und beginnt diese Dokumente zu lesen, Ant­worten zu formulieren, Auszüge zu schreiben. Eine sinnreiche telephonische Anlage verbindet ihn mit den verschiedenen politischen Behörden der englischen Regierung, und weitere drei Telephone sorgen dafür, daß er jederzeit fernmündlich den Rat von besonderen Sachverständigen in Fragen einholen kann, in denen seine Kenntnis zu einer Entscheidung nicht genügt. Nur selten, und dann nur an feine persönlichen Freunde, schreibt der König selbst einen Brief mit einem Füllfederhalter, der ihm vor langen Jahren einmal geschenkt wurde. Die meisten feiner Briefe werden von feinen Sekretären geschrieben, nachdem der König den Inhalt Umrissen hat, und diese Schreiben beginnen mit den bekannten Worten: Ich bin von Seiner Majestät, dem König, auf­gefordert worden ..."

Während König Eduards Vater, Georg V., feinen Arbeitstag in den kommenden Stunden nach einem festen und nie geänderten Programm einrichtete, ist es jetzt genau umgekehrt. Wichtige Dokumente müssen ihm zu jeder Tageszeit übermittelt werden und seine Sekretäre und Sachverständigen müssen jederzeit bereit sein, ihn auffuchen, wo er sich gerade befindet, entweder in York House ober im Palast oder aber auch in Fort Belvedere, seinem geliebten Landsitz, zu dem er über das Wochenende fährt; die Verbindung mit dem politischen London wird dann durch zwei Staffeln ausgesuch­ter Motorradfahrer aufrechterhalten, die seine Privatkassetten befördern.

Auch die Sitte der Vormittagsaudienzen unter dem vorigen König ist aufgehoben worden. Diese Audienzen finden jetzt am Nachmittag statt, und für jeden Besucher sind zwanzig bis dreißig Minuten freigegeben, damit er seine besonderen Wünsche vortragen kann. Erst hier kann man das erstaunliche Wissen Eduards VIII. ermessen, das er bei seinen vielen Weltreisen sich aneignen konnte.

Die Kabinettsminister werden nach Beendigung der Audienzen, gegen 18.30 Uhr, empfangen. Die nächsten zwei Stunden vergehen wieder mit der Beantwortung von Dokumenten persönlicher Natur, bis schließlich gegen 21 Uhr die letzten schwarz- und

rotgestrichenenboxes ankommen: die letzten Be» richte und Entscheidungen des Kabinetts. Seine Reden, im Gegensatz zu Georg V., schreibt der König s e l b st auf seiner Reiseschreibmaschine. Nach den notwendigen Korrekturen gibt er bann das Manuskript einem seiner beiden Stenographen, der es in drei Exemplaren tippt.

Seine arbeitsfreien Tage verbringt der Monarch sehr still. Manchmal ist er mit der Königinmutter zusammen im Buckingham Palace, öfter lädt er einige persönliche Freunde in sein Haus (in dem er nur fünf Räume benutzt), um Radio zu hören, über Bücher zu diskutieren oder im kleinen Ball­saal, der gleichzeittg ein Tonfilmtheater ist, einen neuen Film zu sehen.

Dem Prince of Wales bot sich die Möglichkeit, mindestens zweimal in der Woche Golf ober Squash-Rackets zu spielen. Um auch jetzt wenigstens etwas körperliche Hebung au haben, hat Eduard VIII. denSport" aller englischen Staatsmänner aus­genommen: einen täglichen halbstündigen schnellen Spaziergang, der ihm sein Golf und Tennis er­setzen muß. Nur am Wochenende huldigt er feiner Lieblingsbeschäftigung, die von seinem Sinn für Einfachheit Zeugnis ablegt: der Gärtnerei in den Anlagen von Fort Belvedere.

Glückwunsch des Führers.

LPD. Friedberg, 23. Mai. Am 25. Mai kann der Oberassistent bei dem Amtsgericht Friedberg Georg Heil auf eine 45jährige Dienstzeit zurück­blicken. Aus diesem Anlaß hat ihm der Führer und Reichskanzler seine besten Wünsche aus­gesprochen und damit seinen Dank und seine An­erkennung für die dem Reich geleisteten treuen Dienste verbunden.

Kreistag des Kreises Büdingen.

> Büdingen, 23. Mai. Der Kreistag des Kreises Büdingen hielt heute unter Leitung des Kreisdirektors Dr. Becker feine ordentliche Jahrestagung ab. Zunächst wurde die Rechnung des Kreises für das Rech­nungsjahr 19 3 4 erstattet. Die Rechnung schließt in Einnahme mit 459 085,53 Mark, in Aus­gabe mit 317 815,34 Mark, also mit einem Rech- nungsreft von 141 270,19 Mark ab.

Sodann wurde der Kreisvoranschlag für 1 9 3 6 beraten, der in der Betriebsrechnung mit 419 500 Mark gegen 431 000 Mark im Vorjahre, in der Vermögensrechnung für 1936 mit 144 379,19 Mark, gegen 145 907,23 Mark im Vorjahre ab­schließt. Die Kreisumlagen mit insgesamt 164 000 Mark sind nahezu unverändert wie im Vorjahre. Die Steuerausschlagssätze sind gleichfalls im wesent­lichen mit den Sätzen des Vorjahres gleich.

Nach dem Stand vom 31. März 1936 besitzt der Kreis ein Vermögen von 89 724,28 Mark, dem eine Schuldenlast von 37 791,25 Mark gegen« übersteht.

Der Kreistag stimmte sämtlichen Vorlagen der Kreisverwaltung einmütig zu, die daraufhin in Kraft gefetzt wurden.

Zwischen den Greisem eines Baggers tödlich verunglückt.

LPD. Marburg, 23. Mai. Der Arbeiter Bern- Hard Weber aus dem Kreisort Moischt geriet auf feiner Arbeitsstelle zwischen bie Greifer eines Baggers. Er erlitt dabei so schwere Ver­letzungen, daß er auf dem Transport zur Klinik v e r ft a r b.

Ausbruch eines Schwerverbrechers.

LPD. Freiendiez, 23. Mai. Am Freitag früh ist aus der Strafanstalt Freiendiez bei Limburg der wegen schweren Raubüber- falls auf einen Geldbriefträger zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilte Strafgefangene Anton Gierenz, geboren am 24.Juni 1900 in Kruchten (Kreis Bitburg), ausgebrochen. Der Ausbrecher ist 1,73 Meter groß, schlank, hat volles Gesicht, blon­des Haar und graue Augen.

Mar im Attmännerhaus.

Von Wilhelm Echarrelmann.

Es war im Frühjahr nach dem Kriege. Man sann mit umwölkter Stirn und blickte mit Wehmut in den Frühling, der mit seinem Glanze ins Land zog, als wolle er wieder gut machen, was die Zeit vor ihm versehen hatte. Wolken wanderten wie selige Träume und Winde strichen noch um das armseligste Ge­mäuer der alten Gassen, als konnten sie es mit ihren weichen Händen aus seiner steintiefen Versunkenheit erwecken.

Nur in die Auslagen durfte man nicht blicken. Selbst Irina Websch hatte in ihren Preisen mit der Zeit Schritt halten müssen, höchstens, daß sie dabei um eine Nasenlänge zurück war. Unb in Lise Hau­kensWeih- unb Glanzplätterei" war es nicht an­ders, unb Schneider Weckstroh nahm auch keinen Anzug mehr in Arbeit zu einem Preise wie einst.

Unb die Stiftsinsassen und Alterspensionäre?

Ihr Leben war früher schon immer so etwas wie ein Rätsel jetzt wurde es allmählich zu einem Mirakel.

Der alte David Knüll hatte sich aufs Angeln ge- lcgc. Dazu langten die Kräfte immer noch. Gerade jetzt bei der ersten Wärme war eine wunderbare Zeit dafür. Am Strande des Flusses war es mittags schon sommerlich warm, und die Fische bissen, als hätten sie nur darauf gewartet, in Knülls Brat­pfanne zu wandern.

Klaus Speck war über Winter so mager geworden, daß er kaum wiederzuerkennen war. Knüll sagte es ihm eines Tages unb schüttelte den Kopf dabei.

Du merkst auch rein alles", antroorette Speck verdrießlich. Kunststück, so was, wenn man unser- einen v^r Jahre lang aushungert und so tut, als ob die Pickbalge ganz Europa in Brand setzen wollt."

Knüll hatte auch ihn zum Angeln ermuntert, denn der Fluh lag vor der Tür. Aber Speck hatte keine Lust zu so was, unb er lud sich lieber abends bei Knüll zu Gast, wenn der die Fische in der Brat- pfanne hatte. Tagsüber saß er im Garten des Alt­männerhauses unter dem großen Kirschbaum, der eben in Blüten stand und sich zwischen den alten Backsttinmauern vor dem holländischen Fenster aus- naym, als hätte man ihn geradewegs aus dem Paradiese geholt und hierher gepflanzt, damit die Alten im Stift auch gewahr wurden, daß es noch einen Frühling gab in der Welt.

Man kann ja allenthalben im Leben bisweilen zu­gleich lächeln und meinen in der Pickbalge jeden Tag. Mgn brauchte zum Beispiel nur einmal zu

beobachten, mit welcher Miene Knüll vom Angeln nach Hause kam. Meistens machte er dann ein Ge­sicht, als hätte er keinen Schwanz gefangen. Es waren nämlich immer zu viele, die sich sonst bei ihm eingeladen hätten, und er konnte nicht allen abgeben, so gern er es auch getan hätte.

Aber mit Speck machte er eine Ausnahme. Wegen der langjährigen Freundschaft. Dafür horte Speck auch geduldig die unmöglichen Geschichten an, bie er von seiner Angelei erzählte.

Ich sag dir Speck, ich hab' 'n Biß gehabt n Biß, na, frag mich lieber gar nicht. Aber du weißt ja, wenn's das Unglücf so will, nid)? Ganz wie beim Kartenspill ist das. Du hastn und denkst, du mußt den Stich kriegen dann hat der Anderen Trumpf! Unb hier hatte ber Fisch 'n Trumpf und ließ im letzten Augenblick doch wieder los und ich steh unb denk, mich trifft der Schlag!"

Klaus Speck kaute und nickte. War es ihm nicht im Leben auch fo gegangen? Unb als er hier ins Stift zog unb meinte, er könne hier nun bis zu feinem Ende in Frieden sitzen, kam der Krieg, und als der zu Ende war, ging das mit hen Preisen los, als wäre alle Welt verrückt geworden.

Im vorigen Jahre wollte er unten am Flußufer Korkholz suchen, auf das bie Händler damals an­geblich ganz wild waren und mächtig viel Geld bezahlten. In früheren Jahren war da unten jeden Tag was angetrieben unb niemand hatte es auch nur der Mühe für wert gehalten, es aufzulefen. Jetzt war da auch nicht maln halber Flaschenkork zu finden... Es ging doch wahrhaftig nirgends fo verdreht zu wie in ber Welt.

Dann hatte er Papier sammeln wollen auf den Straßen, so steif fein Rücken auch schon dafür ge­worden war. Aber um nur ein einziges Pfund zu­sammen zu bringen, mußte man jetzt auch schon flinker sein, als er es vermochte, so daß er auch das wieder aufgegeben hatte.

Nun hatte ihn ber Frühling auf eine neue Idee gebracht.

Knüll", sagte er,ich roerbn reicher Mann. Wetten?"

Was haste denn nu all wieder vor?" fragte Knüll mißtrauisch.

Tschehe!" triumphierte Speck und freute sich. Weißt du, wie ich heute im Hof so unter dem Kahbeernbaum sitze, unb die Immen fliegen mir so um bie Ohren im Herbst essen wir Honig, wir beiden."

Knüll machte ein Gesicht wie ein Schaf. Wird er denn rein kindisch jetzt, der Alte?

Meinst du nicht, daß man sich so'n Stucker

zwanzig davon fangen könnt? Die setze ich mir denn in einen Bienenkorb, und"

Nimm lieber einundzwanzig", unterbricht Knüll ihn und weiß nicht, ob er schelten ober lachen soll. Aber es dauerte eine Weile, bis er Speck über­zeugt hat, daß es mal wieder nichts ist mit feiner neuen Idee.

Am nächsten Tage sitzt Speck wieder unter dem Kirschbaum, unb bie Sonne scheint so warm, als wollte sie feine alten Glieder wieder jung machen, wie sie den alten Kirschbaum wieder jung gemacht hat. Unb bie Bienen summen in der Krone des Baumes, als hätte er selber Stimme bekommen und summe nun im stillen Behagen in bie warme Maienluft.

Nein, es ist zu schmerzlich für Speck, und es ist am besten, wenn er nicht mehr allzuviel barüber nachdenkt.

Daß doch zu jedem Geschäft Geld gehört und am Ende auch ein bißchen Verstand! Aber von beiden besitzt Speck nicht allzuviel.

Immerhin, ihren Segen hat bie Stunde doch für Speck. Es ist nämlich Besuch ins Haus gekommen. Ein Maler ist da und guckt sich für ein Bild bie alten Bäume an, den Treppenaufgang und die alte Barocktür, die zum Garten hinausführt, und wie er dabei zufällig Klaus Speck unter dem blühenden Kirschbaum im Hofe sitzen sieht Speck mit seiner Troddelmütze auf dem Kopfe, feinem faltigen Ge­sicht und den weißen Bartstoppeln, beginnt er ihn zu malen, unb Speck sitzt ihm Modell und be­kommt für jede Stunde eine Vergütung und hat nichts weiter dabei zu tun als stillzusitzen und sich zu sonnen.

Schade, daß bie Herrlichkeit nur ein paar Tage dauert, denn auch das schönste Bild wird einmal fertig. Aber zum Trost dafür ist es Mai, wenn er auch nur ein paar Wochen dauert und vergänglich ist, wie alles Schöne vergänglich ist auf dieser selig unseligen Erde.

Wie entstand das Rad?

Die Erfindungen des Hrmenschen dünken uns heute, die wir durch so viele Jahrtausende mit ihnen vertraut sind, selbstverständlich, unb wir vergessen leicht barüber, welche Begabungen unb welche Lei­stungen dazu gehörten, die ersten Grundlagen aller Kultur zu schaffen. Zu diesen gehört auch das Wagenrad, das sicher erst nach langen Versuchen zustande kam und das uns in der Bronzezeit voll entwickelt entgegentritt. Die Geburt des Rades ist nach der Auffassung des Archäologen Robert For- rer aus ber geschichtlichen Sonnenverehrung entstan­

den. Aber dieser religiöse Standpunkt, der vielleicht der ursprüngliche ist, dürfte doch nicht ber einzige bei der Erfindung des Rades gewesen sein. Es fragt sich, aus welchen technischen Anfängen bas Wagenrab entstanden ist. Man erklärt sich diese Entwicklung so, daß, bevor das Rad erfunden wurde, lange Zeit hölzerne Walzen in Form von Baumstämmen zum Fortschaffen schwerer Steine benutzt worden waren. Das Rad fei aus der Rolle entstanden, und zwar soll das fo vor sich ge­gangen fein, daß zunächst scharfkantige Steine auf zwei Baumstämmen fortgerollt wurden, die in der Mitte allmählich abgenutzt wurden. Man lernte dann, daß diese dicken Rollen nicht unbedingt not­wendig waren, sondern daß auch schon eine dicke Holzscheibe genügte; diese beiden Scheiben wurden dann durch eine Stange miteinander verbunden und ein Kasten darauf gelegt, worauf der Mensch dieses Transportmittel, die Urform der Karre, leicht schieben konnte. Zu Anfang ber Eisenzeit war diese Schiebkarre bereits ausgebildet, und dann ging die Entwicklung des Wagens verhältnismäßig rasch vor sich; Zugtiere wurden davor gespannt. Feldhaus lehnt aber in seiner Geschichte derTechnik der An­tike und des Mittelalters" diese Erklärung ab unb bringt die Entstehung des Wagens in Zusammen­hang mit einer anderen bedeutenden Leistung des Urmenschen, nämlich mit der Erfindung der Spin­del. In der Handspindel wurde zum ersten Male dieununterbrochen in einer Richtung gehende" Drehbewegung ausgenutzt. Dafür hatte der Mensch keine Vorbilder in der Natur, da diese überall nur eine begrenzte Drehbewegung kennt. Im Gegensatz zur Walze ist das Rad fest gelagert, unb bas ist das Entscheidende. Es dürfte daher aus der Spindel entstanden fein. Als weiteres wichtiges Ele­ment kam noch das Dreigestell hinzu. Auf einer der Steinplatten, die in der älteren Bronzezeit einen Grabhügel zu Kivik an der Ostküste von Schonen in Schweden zierten, ist schon ums Jahr 1600 v. Ehr. ein mit zwei Pferden bespannter zweirädriger Wa­gen dargestellt. Die meisten der Kultwagen, die man in ber Bronzezeit gefunden hat, sind kleine Modelle, bie als Weihgaben bienten; es müssen aber auch bereits große Wagen in den Tempeln aufgestellt worden fein. Der Kultwagen, in dem uns die ältesten Formen dieser Erfindung erhalten sind, war eine indo-europäische Schöpfung. So eng er mit dem Sonnenkult verbunden ist, wie aus vie­len Symbolen hervorgeht, hat er doch auch sicher­lich bald eine gewaltige praktische Bedeutung erreicht und in ber technischen Entwicklung ber Menschheit einen gewaltigen Fortschritt bedeutet.

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