Ur. 97 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 25. April 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Vergessen?
Du kehrst von deinem Einkaufstag zurück und packst aus. Erstens, zweitens, drittens, viertens ... Ja, wo habe ich denn den Tee? Du wühlst die Tasche durch, fängst noch einmal an zu zählen. Nichts! Du schaust dich verzweifelt um. Deine Frau blickt dich mit vorwurfsvollen Auaen an. „Gerade den Tee hätte ich eben so nötig", sagt sie, „hast du ihn denn vergessen?" „Nein! Bestimmt nicht! Ich habe ihn gekauft. Aber dann muß ich ihn im Geschäft stehen gelassen haben "
Was nun? Du gehst zurück und fragst. Natürlich umsonst. Der Tee ist nirgends zu finden. Du kaufst eine neue Packung. Das ist das Gescheiteste, was du tun kannst.
Aber in deinem Innern bohrt und sticht es. Du kommst nicht zur Ruhe und fängst wieder an, in der Tasche zu suchen, bis deine Frau dann zu dir sagt: „Laß doch! Reg dich nicht auf wegen einer Kleinigkeit!"
Aber du bist nur schwer zu beruhigen. Es bleibt ein kleiner Stachel zurück. Immer wieder stellst du dir den Gang der Einkaufshandlung vor. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen, daß du das Paket nicht finden kannst. Die Stimmung ist dir verleidet, du bist verärgert, und alles wegen einer kleinen Vergeßlichkeit. —
Nicht immer geht die Sache so einfach ab. Wie leicht gibt es scharfe Vorwürfe von feiten anderer. Du antwortest auch nicht gerade fein, und schon ist eine häusliche Szene im Gang. Gewiß gibt es kein großes Unglück, aber Mißstimmung und Aerger lagern über dem ganzen Haus, worunter schließlich auch ganz Unbeteiligte zu leiden haben.
Am andern Morgen gehst du nach deinem Arbeitsplatz und ziehst deinen Ueberzieher an. Dabei knistert etwas in der Brusttasche. Du greifst hinein und ziehst das Paketchen mit dem Tee hervor. Also hier steckt es! Erleichtert gehst du noch einmal in die Küche und gibst das Gesuchte ab. Nun fällt dir auch ein, daß du mit dem Geschäftsinhaber ein längeres Gespräch geführt hast und daß du wahrscheinlich während des Sprechens das Paketchen in die Tasche des Ueberziehers gesteckt hast. Nun ist ja alles gut, denkst du. —
Ja, aber die ärgerlichen Stunden, die lebhafte Auseinandersetzung mit deiner Ehehälfte, waren die eigentlich nötig? So fragt man unwillkürlich. Nein! Sie hätten vermieden werden können. Man muß sich nur ein für allemal vornehmen, bei solchen Sachen niemals das Gleichgewicht zu verlieren. Das ist für den Anfang nicht so einfach. Mit der Zeit kommt man aber zu einer gewissen Uebung. Ein altes Wort heißt: Wir wollen einmal darüber schlafen. Und sicherlich hat dieses Wort schon viel Beruhigung in der Welt geschaffen. Am nächsten Tage sieht sich gar vieles ganz anders an. Wie oft haben wir schon etwas verlegt, suchen dann stundenlang und finden es doch nicht. Daß dabei ganz kleine Sachen eine Hauptrolle spielen, wissen wir.—
Ich will hier gar nicht die Folgen ausmalen, wenn z. B. ein Kragenknöpfchen gesucht wird. Ich will auch nicht von dem Zerrbild der lustigen Blätter, dem vergeßlichen Professor, reden. Das alles ist übertrieben, muß ja übertrieben fein, sonst würde es nicht wirken.
Was haben wir noch nicht alles vergessen? Man sehe nur einmal die Liste auf dem Fundbüro der Polizei oder der Reichsbahn nach! Da kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Aber, Hand aufs Herz? Haft du bis jetzt nur deinen Regenschirm stehen gelassen? Wir wollen nicht mit Steinen auf die armen vergeßlichen Menschen werfen, wenn wir selber im Glashaus sitzen. Wir wollen die „Vergeßlichkeit" hinnehmen als etwas Menschliches, als etwas, das halt einmal zum Sammelbegriff „Durchschnittsmensch" gehört, und wollen uns demütig fügen, aber niemals vergessen, daß man nicht mit Kanonen nach Spatzen schießen soll.
Bornostzen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater (Ring Deutsche Bühne): 20 bis 22.30 Uhr, „Lapp im Schnakenloch"; „Der zerbrochene Krug". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Savoy-Hotel 217". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schloß Dogelöd". — Soldatenbund Gießen: 20.30 Uhr:
Vornan von Marlise Köllinq.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
I.
„Vier Mark fünfundzwanzig, vielen Dank — fünfundsiebzig zurück. Bitte, hier, Ihr Kassenzettel."
Benedikte Zedlitz schob einer vergeßlichen Kundin das Stück Papier zu und nahm von der nächsten bereits Zettel und Geld in Empfang. Leise klirrte das Silber auf dem geriffelten Holz des Zahlbrettes, wurde fortgenommen. Schon lag wieder ein neuer Zettel vor Benedikte; sie gab heraus, blätterte schnell die Listen um, trug die gekauften Waren nebst dem vereinnahmten Geld mit winzigen Zeichen in die entsprechenden Rubriken ein.
„Bitte sehr, vielen Dank. — Bitte von rechts herantreten, dann geht es schneller. — Verzeihung, ich kann nicht wissen, wer zuerst da war" —, sie sprach immer mit dem gleichen verbindlichen Ton. Niemand hätte ihrem blassen beherrschten Gesicht angemerkt, wie entsetzlich abgespannt sie war.
Nahm denn die Geschäftszeit heute überhaupt fein Ende? Schnell sah sie zwischen zwei Eintragungen auf ihre Armbanduhr. Gott sei Dank, es war drei- viertelsieben. Noch eine Viertelstunde, dann wurde keiner mehr eingelassen.
Aber jetzt kurz vor dem Osterfeste drängten sich die Menschen bis zur letzten Minute in den Gangen des großen Geschäftshauses. Auf die Angestellten, die Verkäuferinnen und die Kassiererinnen, die Packer und Boten nahm niemand Rücksicht. So viele dieser eleganten Frauen hätten sicherlich ihre Besorgungen etwas früher legen können. Aber nein, eine Stunde vor Geschäftsschluß kamen sie vorgefahren in ihren gepflegten Wagen, schlenderten erst einmal als „Seh-Leute", wie man in der Geschäftssprache sagte, durch alle Abteilungen, um dann kurz vor Toresschluß zu kaufen. Natürlich kamen die Angestellten um soviel später aus dem Geschäft.
Es hätte nur einmal eine von diesen verwöhnten, nichtstuerischen Frauen einen einzigen Tag an der Kasse sitzen, hinter dem Ladentisch stehen, in der
Wo werden „Oankopfer der Nation" entgegengenommen?
Oie Ehrenlisten liegen in den SA -Sturmlokalen auf.
Das „Dankopfer der Ration“, zu dem vom Stabschef der SA. aufgerufen wurde, soll alle SA.-Kameraden und alle Volksgenoffen im Opfer für den Führer und damit für das deutsche Volk einig sehen. Es ist eine Ehrenpflicht jedes SA.-Kameraden und darüber hinaus für jeden Volksgenoffen, der sich dem Dritten Reich verbunden fühlt, feinen Kamen in eine der Ehrenliflen einzuzeichnen.
Diese Ehrenlisten für das Dankopfer liegen bei den Stürmen der SA.-Standarte unserer Stadt in den Sturmlokalen auf. Zum Teil können die Spenden wahrend des ganzen Tages über gegeben werden. 3n allen Lokalen, die das Standquartier eines Sturmes darstellen, ist die Dankopferstelle durch ein Plakat gekennzeichnet.
Nachstehend geben wir die Lokale bzw. Geschäftszimmer bekannt, in denen die Dankopferlisten aufliegen:
Sturmbann I: R12/116 Cafe Ebel, Burggraben; R 11/116 „Aquarium", walllorstrahe; I/L 116 „Frankfurter Hof", ITlarfHauben.
Sturmbann II: Sturm 5/116: Bahnhofstraße 27, Hinterhaus, 1. Stock (Geschäftszimmer). Sturm 8/116 „Hof von Holland", Dammstrahe. Sturm 45/116 „Stadt Wehlar", Ecke Ludwigslraße und Riegelpfad. Sturm 46/116: Gastwirtschaft Teichler, Ludwigslraße. Sturm 47/116: „Zum Andres", Son- nenstrahe. Rachrichtensturm 116: „Zum Löwen", Neuenweg.
Die Besetzung freier Arbeitsplätze.
Oie Einstellung von Personen unter 25 Jahren erfordert die vorherige Zustimmung des Arbeitsamts.
Vorn Arbeitsamt Hießen wird uns mitgeteilt: Nach der Anordnung über die Verteilung von Ar- beitskräften vom 28. August 1934 hat der Betriebsführer verantwortlich zu prüfen, ob freiwerdende Arbeitsplätze aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen durch Arbeitskräfte unter 25 Jahren besetzt werden müssen. Bejaht er die Notwendigkeit, so muß er vor der Einstellung schriftlich die Zustimmung des zuständigen Arbeitsamtes einholen. Unterläßt er diese Einholung, sieht die Anordnung eine strafrechtliche Ahndung auf Antrag des zuständigen Arbeitsamtes vor.
Nunmehr liegt ein Urteil des Landesarbeitsgerichts in Essen vor, nach dem auch eine Schadens
ersatzpflicht des Unternehmers gegeben sein kann, der Arbeitskräfte unter 25 Jahren ohne die erforderliche Zustimmung des Arbeitsamtes einstellt. Das Urteil spricht den Grundsatz aus, daß der Unternehmer, der Arbeitskräfte ohne die nach der Anordnung erforderliche Zustimmung des Arbeitsamt einstellt, sich gegenüber dem Eingestellten schadensersatzpflichtig macht, wenn dieser das Fehlen der Zustimmung des Arbeitsamts bei der Einstellung nicht kannte. Das Urteil stellt ausdrücklich fest, daß ein Führer eines Betriebes die für seinen Betrieb geltenden Bestimmungen über die Einstellung von Arbeitern und ^gestellten unbedingt kennen muß.
Lichtbilder-Vortrag des Herrn Prof. Sessous über seine Erlebnisse in Samoa.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr, „Tiefland". — Gloria-Palast, Seltersweg: Savoy-Hotel 217". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schloß Vogelöd". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 13 Uhr, Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden).
Stadttheater Gießen.
Heute von 20 bis 22.30 Uhr als Vorstellung der Deutschen Bühne zum letzten Mal „Lapp im Schnakenloch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Hierauf: „Der zerbrochene Krug", Lustspiel von H. v. Kleist. Spielleitung: Der Intendant. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse.
Der Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 26. April bis 3. 2Hai.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 26. April, von 19 bis 21.30 Uhr Oper „Tiefland" von Eugen d'Albert. Musikalische Leitung: Paul Walter; Spielleitung: Paul Wrede. Die Vorstellung ist außer Abonnement. — Dienstag, 28. April, von 20 bis 22.30 Uhr Erstaufführung der Operette „Schwarze Husaren" von W. W. Goetze. (Nach einem Lustspiel von Leo Lenz.) Musikalische Leitung: Ernst Bräuer; Spielleitung: der Intendant; 28. Dienstag-Abonnement. — Mittwoch, 29. April, von 19.30 bis 22 Uhr als 28. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement die Komödie „Towärisch" von Jacques Deval; bearbeitet von Curt Goetz. Spielleitung: Wolfgang Kühne. — Donnerstao, 20. Avril, von 20 bis 22.30 Uhr „Schwarze Husaren", Operette von W. W. Goetze. Die Vorstellung gilt als 28. Vorstellung im Freitag- Abonnement, da die Freitagvorstellung wegen des
Nationalfeiertages auf Donnerstag oorverlegt wird. — Freitag, 1. Mai, ist das Theater geschlossen! — Sonntag, 3. Mai, von 19 bis 21.30 Uhr zum letzten Mal „Tiefland", Oper von Eugen d' Albert. Die Vorstellung ist außer Abonnement.
Oberhessischer Kunstverein.
Die Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden) ist im Turmhaus am Brandplatz vom 26. April bis 17. Mai zu sehen. (Siehe heutige Anzeige.)
Die deutsche flrbeitsttont ■ , n.s.-0ememsch<ch „firaft durch freute"
Sonntagswanderung.
Morgen, Sonntag, Wanderung nach dem Gleiberg mit Burg-Besichtigung, dann weiter nach Krofdorf, Gleibachtal, Wißmar, Launsbach, Wettenberg, Gießen. Abmarsch 8.30 Uhr Lahnbrücke. Führung: Wanderwart Peter.
Platzkonzert
des Marine-Standarten-Musikzugs 34
anläßlich einer Sammlung für das Dankopfer der Ration.
Am Sonntag, 26. April, von 11 bis 12 Uhr, findet vor dem Landgericht Gießen ein Platzkonzert des Marine-Standarten-Musikzuges 34 statt. Es werden folgende Musikstücke gespielt:
Marsch: „Die Ehrenwache" von Lehnhardt.
Ouvertüre: „Regina" von G. Rossini.
Charakterstück: „Die kleinste Truppe" von H. Löhr.
Fantasie aus Verdi-Opern von Joh. Heisig.
Deutsches Marschlieder-Potpourri: „Siegende Bataillone" von K. Robrecht.
Packabteilung arbeiten sollen, dann wären sie viel- leicht geduldiger und verständnisvoller gewesen.
Wie diese rotblonde Frau dort drüben, der man das Wasserstoffsuperoxyd auf zehn Meter Entfernung ansah, die kleine Aushilfsoerkäuferin bei den Geschenkartikeln behandelte! Es war einfach entwürdigend. Man hörte die schrille Stimme der Rotblonden bis hier herüber.
„Beschweren werde ich mich über Sie", vernahm Benedikte.
Natürlich, da war auch der Aufsichtsherr nicht weit. Der blassen Kleinen standen die Tränen in den Augen.
Benediktes Herz war heiß vor Empörung: am liebsten wäre sie aus ihrem Glasverschlag herausgestürzt — sie konnte nun einmal keine Ungerechtigkeit vertragen.
„Na, Fräulein, wollen Sie uns denn nicht gefälligst weiter abfertigen?", fuhr eine grobe Männerstimme in ihre zornigen Gedanken.
Sie schrak auf.
„Verzeihung, bitte —"
Benedikte zwang ihre Gedanken, sich ganz auf die Arbeit zu richten-, aber sie war zu abgespannt. Sie verrechnete sich ein paarmal, und jetzt kamen sogar einige Reklamationen von der Packstelle herüber. Das war ihr noch nie passiert.
„Sie haben mir zwanzig Mark zuviel herausgegeben", sagte plötzlich eine angenehme Männerstimme.
Ein festgefügtes Gesicht war da vor ihr, braungebrannt, obgleich der Frühling noch kaum feine erste Sonne gesandt hatte. Merkwürdig Helle durchscheinende Augen besaß der Mann, mit blonden Wimpern und Augenbrauen, dazu einen herben Mund und eine strenge Nase.
Benedikte begriff selbst nicht, wie sie das Gesicht des Fremden so schnell in sich aufnehmen konnte. Denn eigentlich hatte sie ganz anderes zu denken: daß nämlich bei der Abrechnung Zwanzig Mark in der Kasse gefehlt haben würden, wenn dieser Herr weniger ehrlich gewesen wäre. Und zwar zwanzig Mark, die man aus seiner eigenen Tasche hätte ersetzen müssen. Das aber hätte geheißen, auf den Osterausflug zu verzichten, auf den man sich schon feit Wochen freute.
Ties errötend nahm sie den Geldschein zurück.
„Vielen, vielen Dank, mein $)errr
„Nichts zu danken, mein Fräulein."
Der blonde Mann hatte bei dem warmen Ton von Benediktes Stimme aufgeschaut. Einen Augenblick blieb fein Blick an ihrem Antlitz haften, streifte über das blasse Gesicht mit seinen reinen Linien, von keiner Schminke, keinem Puder irgendwie verfälscht, über das aschblonde Haar, im Nacken zu einem schweren, weichen Knoten zusammengenommen.
Wie weiblich und lind §ah dies Haar auf dem dunklen Kragen des Kleides aus. Man bekam richtig Sehnsucht, dies weiche, goldene Gespinst einmal in seinen Händen zu fühlen.
Der junge Mann wurde rot, beinahe ärgerlich schüttelte er den Kops. Was fiel ihm denn nur ein? Was ging ihn diese fremde Kassiererin an?
Er verschwand in der Menge der Käufer. Aber am Ende des Ganges, beinahe ohne es zu wissen und zu wollen, wandte er noch einmal den Kopf und konnte gerade noch ein Stück des zarten Profils erspähen. Ganz versunken blieb er stehen, bis ein paar Passanten den im Wege Stehenden ärgerlich anstießen.
Da ging Jens Petersen langsam weiter und verließ das große Haus, in dem es unausgesetzt summte und brandete von nie abreißendem vielfältigen Stimmengewirr. Dieses Getriebe war ihm in tiefster Seele zuwider. Er hatte plötzlich wieder einmal genug, übergenug von der großen Stadt. Hätte er nicht für die Jungens eines Freundes ein nettes Ostergeschenk kaufen wollen, keine zehn Pferde würden ihn noch einmal in das von sich selbst berauschte Gelärme zurückgeführt haben. Am liebsten wäre er sofort nach der Beendigung der Tagung, die der Anlaß seines Aufenthaltes hier gewesen war, heimgekehrt in fein kleines Jnfeldorf. Er paßte nicht in die große Stadt. Und doch war er ein wenig nachdenklich und irgendwie leise beglückt in feinem Innern, als er jetzt langsam und gelassen den Weg nach dem Bahnhof nahm.
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Endlich schrillte die Klingel durch die Gänge und Räume des riesenhaften Geschäftshauses.
„Arbeitsschluß —", tonte die Helle Stimme.
Marsch: „Heut geht's an Bord" von L. Bauer.
Marsch: „Unsere Marine" von Rich. Thiele.
Bei dieser Gelegenheit wird der Marinesturm 12/34 die anwesende Bevölkerung bitten, sich in die Einzeichnungslisten für das Dankopfer der Nation einzutragen.
NGLB., Kreis Gießen.
rNädchenerziehung, technische Fächer.
Samstag, 2. Mai, 15 Uhr, in der Mädchenberufsschule in Gießen: 1. „Das Fettprogramm der Reichsregierung und die Fettversorgung im Haushalt" (Großer, Gießenl. 2. „Das Zeichnen in der Berufsschule", Fortsetzung (Schad, Gießen).
Alle technischen Lehrerinnen des Kreises Gießen werden gebeten, die für das Hilfswerk „Mutter und Kind" gearbeiteten Gegenstände (f. „NS.-Er- zieher" vom 19. März und 16. April) bis zum 3. M a i an G. Zöller, Gießen, Mädchenberufsschule, abzugeben.
Unser neuer Vornan.
Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe des Gießener Anzeigers den Abdruck des Romans „Die Tippgräfin" von Klothilde von Stegmann beendet haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes, dem ein nicht geringerer Erfolg in allen Schichten unseres Leserkreises in Stadt und Land beschieden sein dürfte. Wir bringen heute die neueste Arbeit einer Autorin, die bisher noch nicht in unseren Spalten zu Worte gekommen ist, deren bisherige Veröffentlichungen aber allenthalben den größten Beifall gefunden und der Verfasserin einen ständig wachsenden Kreis treuer Leserinnen gewonnen haben. Unser neuer Roman heißt:
„Du meines Herzens Heimat" von Marlise Kölling.
Dies ist die Lebens- und Liebesgeschichte der jungen Benedikte Zedlitz, die mit hellen Augen und warmem Herzen durch Irrungen und Wirrungen mancher Art, durch Abenteuer und Anfechtungen den Weg zu einem großen und reinen Glück findet. Eine kleine Ostseeinsel ist der Hauptschauplatz der überaus fesselnden, dramatisch aufgebauten Handlung. Dieser Roman ist so frisch und lebendig geschrieben, so mitreißend und spannend erzählt, daß jedermann vom ersten Kapitel an bis zum guten Ende seine helle Freude daran haben muß. So dürfen wir gewiß fein, auch mit dem neuen Roman allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine besonders genußreiche, von Tag zu Tag mit Ungeduld erwartete Lektüre zu bieten.
Hast Ou schon eine Freistelle für ein Kind gemeldet?
Wenn nicht, weife den Werber der NSV. bitte nicht von deiner Tür. Wenn es irgend möglich ist, gib dem Kinde eines bedürftigen Volksgenossen für einige Wochen in deiner Familie Gelegenheit zur Erholung. Im vergangenen Jahre wurden Hunderttausende von Kindern im Gau Hessen-Nassau verschickt. Trage mit dazu bei, daß deinem Heimatgau der Ruf der Hilfsbereitschaft für die minder bemittelten Volksgenossen bewahrt bleibt. Trage dazu bei, daß die Zahl des Vorjahres erreicht ober, besser noch, übertroffen wird!
Wertungssingen im Deutschen Sängerbund.
SBK. Der Deutsche Sängerbund hat an Stelle der von der Reichsmusikkammer verbotenen Wettstreite sogenannte Wertungssingen eingeführt, die im ganzen Bundesgebiet von jetzt ab nach bestimm-, ten Richtlinien abgehalten werden. Die Richtlinien des DSB., die den Ablauf des Wertungssingens einheitlich regeln, sind im Juni vorigen Jahres erschienen und mit Beginn dieses Jahres endgültig in Kraft getreten, nachdem der Bundesführer des DSB., Oberbürgermeister Meister (Herne), in einer Übergangsbestimmung für die zweite Hälfte des vergangenen Jahres gewisse Ausnahmen zugelassen
Wohlig, weiche Haut
„Arbeitsschluß —", lachten die freudigen Augen der jungen Mädchen, die schnell schützende Tücher über die strahlenden Auslagen legten, die letzten Pakete zur Paketabteilung brachten und die restlichen Abrechnungszettel verglichen.
Eilige Füße liefen durch die Gänge, die Diener rollten schon die eisernen Schutzgatter vor die großen Ausgänge. Die letzten Kunden verließen das Haus.
Nach einer halben Stunde strömten die Angestellten aus dem Seitenausgang hinaus auf den lichterhellten Platz. Abschiedsworte wurden getauscht, ein paar junge Mädels wurden von ihren Verlobten und Freunden abgeholt, verschwanden in der Untergrundbahn und den Autobussen. Bald hatte das Durcheinander auf dem großen Platze alle die Menschen verschluckt.
Benedikte stand als letzte an der Ausgangspforte.
Sie hatte noch die kleine Aushilfsverkäuferin Liselotte getröstet, die vorhin den Zusammenstoß mit der ungeduldigen Kundin und den Verweis des Aufsichtsherrn über sich hatte ergehen lassen müssen. Es war so von ungefähr in der Abteilung Brauch geworden, mit allem Ungemach zu Benedikte zu kommen. Nicht nur, weil sie unter den Angestellten ein besonderes Vertrauen genoß durch ihre Tüchtigkeit, Ruhe und Hilfsbereitschaft. Man fühlte bei ihr so stark, daß sie ein warmes Herz hatte und es auch unbedenklich einsetzte gegen alle Ungerechtigkeit.
Ja, Benedikte Zedlitz wußte selbst noch allzu gut, was es hieß, um Arbeit und Brot zu zittern. Es war ja erst ein paar Jahre her, seitdem sie nach dem Tode des Vaters alles hatte zusammenbrechen sehen und nicht gewußt hatte, woher für die Mutter und sich das Notwendigste zu schaffen. Wenn sie nicht schon in den guten Zeiten würde darauf bestanden haben, etwas zu lernen — was wäre dann wohl aus ihnen geworden?
Nun sorgte sie schon lange für das kleine Hauswesen und hatte sich darein gefunden, nicht mehr ihrem eigenen Willen gemäß zu leben. Aber mitunter Überkam es sie doch wie ein leises Weh. Sie hatte sich trotz vieler Mühe in der großen Stadt nicht einleben können, und sie würde es niemals lernen.
(Fortsetzung folgt!)


