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nr.47 Dritter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 25. Februar (936
Aus der Provinzialhauptstadt. ।
Lowboy, Maat und Limousine.
Zugegeben, daß die Worte „Cowboy, Maat und Limousine" eine seltsame Ueberschrist bilden. Sicherlich fällt es sehr schwer, zwischen diesen drei Be- qttffen so ohne weiteres eine Gedankenverbindung herzustellen. Aber das Leben kümmert sich zuweilen durchaus nicht um begriffliche Zusammenhänge und übertrumpft nicht selten die kühnsten Vorstellungen der Phantasie.
In unserem besonderen Falle erlebte eine stille Straßenecke die Vereinigung der obengenannten Elemente. Es war die Zeit nach dem Abendessen, und kaum ein Mensch war zwischen den dunkel schattenden Vorgärten zu sehen. Zuerst rollte die Limousine auf den Schauplatz. Sie kam mit Hellen Scheinwerfern die Straße herauf, und kurz vor der Ecke passierte ihr etwas Motorliches. Das heißt, sie bekam eine kleine Panne, sagte „Pff ..und blieb stehen. So was kommt vor.
Der Beobachter dieses Ereignisses wollte gerade seinen Weg fortsetzen, als sich der Wagenschlag öffnete und eine Gestalt herausstieg, die den Beobachter sofort wieder an seinen Platz fesselte. Denn was nun ärgerlich an die Motorhaube trat, war nichts anderes als ein ausgewachsener Cowboy. Das Bowiemesser im Gürtel, das farbenbunte Zipfeltuch um den Hals geschlungen, Fransen an den Leder- I Hosen und über allem ein großrandiger Filz, so klappte der Sohn der Prärie die Motorhaube auf. Urplötzlich wurde das stille Straßenviertel dergestalt zum wilden Westen, und man vermeinte im Hupen ferner Automobile das sprichwörtliche Heulen der Coyoten zu vernehmen.
Der Cowboy riß sich den Filz mit energischer Gebärde vom Kopf und stülpte ihn über die Kühlerschraube. Dann tauchte er die in die Höhlung des Motorgehäuses ein, allerdings nicht „Danined!“ oder „By Jove!“, sondern „Saublöde Gemeinheit!" ausrufend, was leider gar nicht stilecht war.
Dem Cowboy schien es im Augenblick aber keineswegs auf Stilreinheit, sondern allein auf einen laufenden Motor anzukommen. Er bastelte brummig zwischen Kabeln und Gestänge, aber einem alten Drauch zufolge erwiesen sich diese Bemühungen als vergeblich. Die Laune des Cowboys gewann mit fortschreitender Anstrengung an Grimmigkeit. Am liebsten hätte er gewiß die nächste Zündkerze mit dem Lasso erdrosselt.
In jene reizvolle Situation, die den König der Rinderherden im Kampf mit den Tücken der Technik sah, klang plötzlich eine Stimme: „Zum Cowboy gehört eben das Pferd! Erstens paßt es besser zum ■ Kostüm, und zweitens bringt es keine unwürdigen Pannen." Wie vom Pfeil eines Sioux getroffen, fuhr der Franfenhosige auf und blickte wild umher. Sein Blick fiel auf eine unweit stehende Gestalt, und diese Gestalt war sage und schreibe einer jener Matrosen. die laut Film auf den Luxusjachten schrankenloser Millionäre Dienst tun. Bobbykappe und weihe, sehr weit geschnittene Hosen bewiesen das.
Der Cowboy schien ganz wider Erwarten gar nicht lo sehr erstaunt, hier in Gießen dem Maat einer ozeangewohnten Damvfjacht zu begegnen. „Doktor!", rief er vielmehr begeistert, „gut, daß ich Sie treffe! vielleicht kriegen Sie die Mühle wieder in Schwung? Andernfalls kommen wir wenigstens beide zu svät." Der Maat trat daraufhin näher, schüttelte dem Wild- 'Westener die Hand und fingerte nun seinerseits im Motorgehäuse herum. Und er schien nicht nur etwas von Kreiselkompaß und Ankerlichten zu verstehen, sondern hantierte sachverständig am Vergaser, blies bann durch eine Düse, und alsbald begann der Motor zu brummen. Maat und Cowboy stiegen darauf selbander in die Limousine, und dem einsam zurückbleibenden Beobachter blieb nichts weiter übrig, als den beiden viel Vergnügen zu wünschen für den — Maskenball. H. B. v. M.
Vorrwiizen.
Tageskalender für Dienstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik (nur für Frauen) im Lyzeum;
Arbeitssronttameraden im Gau Hessen-Mau!
Aufruf des Gauwalters Becker zur Heichsstraßensammlung der DAF.
Deutschland steht heute inmitten des gigantischsten Ringens seiner Geschichte. Es kämpft um seine Weltanschauung und feine Weltgeltung, um seine Existenz als Volk und Ration.
Schon einmal vor 20 Jahren, verbunden durch einen Wall von Feuer und Eisen, standen die Starken unseres Volkes auf, um freiwillig das Opfer ihres Blutes zu bringen. Es war eine stählerne Schicksalsgemeinschaft entstanden durch den gleichen Lebenskampf. Der unwiderstehliche Einsatz des „Unbekannten Soldaten" des Weltkrieges und der unvergleichliche Wert feines Heroismus haben Deutschland gerettet. Der Größte unter ihnen hat die Tat dieser Millionen vollendet. Er schenkte uns die Freiheit als Volk durch seine Idee, als Ration durch die Wehrhaftigkeit. Dies bedingt den restlosen Einsatz eines jeden Deutschen, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern täglich, in jeder Stunde, bei jeder Handlung, da, wo sich das stille Heldentum unbeachtet im Alltag vollzieht.
Von Euch, Kameraden der Arbeit, erwarte ich diese Bereitschaft und diesen willen, Luch für unser Volk und unseren Führer bedingungslos einzusehen. Den Dank dafür werdet Ihr in dem Bewußtsein
Rur noch wenige Tage und auch die letzte Stra- ßensammlung für das WHW. 1935/36 gehört der Vergangenheit an. SA.» SS., RSKK., HI., die Beamten, die Handwerker, die RSKOV. waren die Träger der bisherigen Sammlungen. Die Reihe der aktiven Helfer beschließt nun am 29.2. und 1. März die DAF. Die Führer dieses größten aller Verbände, die Männer, denen die Schaffenden in ihren Arbeitsstätten das vertrauen ausgesprochen haben, sammeln am kommenden Samstag und Sonntag.
Ein Betriebsappell am Samstag früh eröffnet die Sammeltätigkeit. Feder in Arbeit und Brot stehende deutsche Mann oder Frau schmückt seinen Arbeitsrock
der restlosen Pflichterfüllung finden. Das ist der Stolz deutscher Männer!
Am Samstag, 29.Febr. und Sonntag,!.März, werden die Vertrauensmänner, die Betriebswalter, die Betriebsführer und die Amtswalter der DAF. für das große Werk deutscher Rächstenliebe zum Sammeln auf die Straße gehen.
Das Symbol dieses Tages ist die Rarziffe. Auf keiner Brust darf sie fehlen, ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt. Es gibt nur ein Ja, oder ein Rein. Denn diese Blume ist keine Gegenleistung für irgendeinen Geldbetrag, sondern der Ausdruck einer sittlichen Haltung gegenüber dem Werk des Führers und dem Vaterland. Deshalb lautet die Parole: „Für die Gemeinschaft aller Schaffenden!"
Zehntausende werden sammeln, Millionen werden freiwillig spenden, jetzt und auch später, damit einst in der Geschichte des deutschen Aufstiegs das Denkmal des „Unbekannten Arbeiters" stehe!
Willi Becker, M.d.R.
Landesobmann der RSBO. und Gauwalter der DAF.
dann schon mit dem März-Abzeichen. Am Samskag- nachmittag sammelt der deutsche Einzelhandel in seinen Verkaufslokalen; am Abend zieht die RS.- Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" gesellige Veranstaltungen auf, deren Ertrag dem WHW. zuflieht, und am 1. März sammeln dann die Amtswalter der DAF. auf den Straßen und in den Häusern.
Schon jetzt reife in jedem Volksgenossen der Entschluß, zum letzten Sammeltag ein Scherflein mehr als sonst zu opfern!
Die Kreisführung des WHW.
Gießen.
Richtung ändern ober anhalten will. Die Art der Zeichengebung ist freigestellt; ein Zwang zur Anbringung von Fahrtrichtungsanzeigern und Bremslichtern besteht mithin nicht; sie müssen aber gefordert werden, wenn eine eindeutige Zeichengebung ohne solche Hilfsmittel nicht möglich ist. Werden sie verwendet, dann müssen sie die Reichsstraßenverkehrsordnung entsprechen.
Meldungen für die Sanitätsoffizierlaufbahn im Heer.
Unterprimaner, die am 1. April 1937 als Sanitätsoffizieranwärter für das Heer angenommen werden wollen, müssen ihre Bewerbung bis spätestens 31. März 1936 beim örtlich nächsten Wehrkreiskommando (Wehrkreisarzt) einreichen (Königsberg, Stettin, Berlin, Dresden, Stuttgart,' Münster i. W., München Breslau, Kassel, Hamburg.) Nach erfolgreicher Waffenausbildung studieren sie als Fahnenjunker, später Fähnriche (im Sanitätskorps) an der Universität Berlin und werden hierzu in der Militärärztlichen Akademie untergebracht. Die Studienkosten müssen im wesentlichen von den Erziehungsberechtigten getragen werden. Die Wehrkreisärzte geben auf Wunsch ein Merkblatt ab.
Llrlauberaustausch der Bauern und Landarbeiter.
NSG. Am Samstag, 29. Febr., fahren heffen- nasfauische Bauern und Landarbeiter im Rahmen des kostenlosen Urlauberaustausches des Reichsnährstandes zum Besuch von Berufskameraden in' das Sauerland. Die Fahrt führt die Urlauber durch einen schönen Teil der deutschen Heimat und wird ihnen in dem Urlaubsgebiet in beruflicher Hinsicht viel Neues bieten. Die Fahrtkosten betragen 19 RM., Unterkunft und Verpflegung während der ganzen acht Tage sind frei. Interessenten wollen sich sofort bei der zuständigen Kreisbauernschaft melden, die über alle weiteren Fragen Auskunft gibt.
Sportamt „Krast durch Freude".
heule folgende Kurse:
Schwimmen: Von 20 bis 21 Uhr, Frauen und Männer, Volksbad; von 21 bis 22 Uhr, nur für Frauen.
In den in dieser Woche beginnenden neuen R e i t k u r s e n sind noch einige Plötze frei. Anmeldungen hierzu werden auf der Geschäftsstelle, Schan-
Die Sammlung in Stadt und Kreis Gießen
20 bis 21 und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20.11 bis 22.45 Uhr: Karneval bei Prinz Orlofsky. — Gloria- Palast, Seltersweg: „Soldaten — Kameraden". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Herz ist Trumpf". — Maskenbälle: Spielvereinigung 1900 e. V. 20.11 Uhr im Caf6 Leib.
Sladllhealer Gießen.
Heute von 20.11 bis 22.45 Uhr bunter Faschings- trbenb in vollständig neuer, luftiger Bearbeitung: „Karneval bei Prinz Orlofsky". Gesamtleitung: Paul Nieren. Die Vorstellung ist außer Abonnement.
Wegen der großen Nachfrage bittet die Theaterkasse alle hiesigen Theaterbesucher, die für heute abend vorbestellten Karten bis spätestens Dienstag mittag, 13 Uhr, abholen zu wollen oder Bescheid zu geben, falls die Karten nicht benötigt werden.
Wilhelm-Backhaus-Konzerl.
Dom Konzertverein wird uns geschrieben: Dem III. Solistenkonzert mit Professor Kulenkampff (Geige), das bei Publikum und Presse gleich großen Erfolg hatte, wird nun am Samstag, 29. Februar, 20 Uhr, das letzte Solistenkonzert folgen, für welches der Konzertverein einen der ersten Pianisten nicht nur Deutschlands, sondern der Welt, Wilhelm Backhaus, gewonnen hat. Der Künstler, der zur Zeit auf einer Konzertreise in Schweden weilt, brachte Lei seinem letzten Auftreten in Gießen ein klassisches Programm. Mit unerhörter Meisterschaft vermittelte er uns drei Sonaten von Beethoven. Im kommenden Konzert wird er, einleitend mit Bachs
„Chromatischer Fantasie und Fuge", ein Werk, in dem alle Kühnheiten der Modulation gehäuft sind, folgende Werke bringen: Schumann, die poesieerfüllte, „dreisätzige Fantasie", Franz Liszt gewidmet, Brahms' „Balladen", darunter die berühmte „Edward-Ballade", „Walzer" und die gewaltige „Rhapsodie" in Es-dur, Chopin „Barcarole" mit dem merkwürdigen Pedaleffekt vor Abschluß des ersten Teiles, sämtliche Töne der Tonleiter erklingen zugleich, „Walzer" in cis-moll und „Etüden", darunter op. 25 Nr. 11 in a-moll, wegen des ehernen Marschmotivs der linken Hand auch „eroica" genannt. (Siehe gestrige Anzeige.)
Bremslichter
und Fahrtrichtungsanzeiger.
DNB. Nach der Reichs-Straßenverkehrsordnung müssen die Brems-(Stop-)lichter bei Kraftfahrzeugen und ihren Anhängern „gelbrot" sein. Bisher wurde bei der Beurteilung der Farbe der Bremslichter Nachsicht geübt. Nachdem die neuen Vorschriften fast IV2 Jahre in Kraft sind, sollen sie nunmehr voll durchgeführt werden. Es werden deshalb vom 1. Oktober 1936 an Bremslichter beanstandet werden, die den Vorschriften der Reichsstraßenverkehrs- ordnung nicht entsprechen. Vielfach bestehen Zweifel, ob Fahrtrichtungsanzeiger und Bremslichter vorge- schrieben sind. Deshalb wird darauf hingewiesen, daß nach der Reichsstraßenverkehrsordnung der Führer eines Fahrzeuges oder Zuges anderen Verkehrsteilnehmern anzuzeigen hat, wenn er seine
zenstraße 18, Telephon 2919, engegengenommen. Die Kosten betragen für den 6stündigen Kursus für Mitglieder der DAF. 6 RM., für Nichtmitglieder 9 RM.
Gießener Gartenbauer in Wetzlar.
Der Obst- und Gartenbauverein Gießen hatte seine Mitglieder für den vorgestrigen Sonntag zu einer Besichtigungsfahrt nach Wetzlar eingeladen. Dieser Einladung hatte eine stattliche Anzahl besonders eifriger Gartenfreunde und -freundinnen Folge geleistet, um im Muster-Obstgarten des Kreises Wetzlar die verschiedenen Baumformen vom Hoch- und Halbstamm, wie auch besonders der künstlichen Formen auf Zwergunterlage, ihre Erziehung und Unterhaltung kennenzulernen. Unter Führung von Obstbauinspektor Kilp, dem die Anlage unterstellt ist, wurde der anzuwendende Schnitt bei Obstbäumen und Beerensträuchern, wie auch der Erfolg aller Maßnahmen am „lebenden Objekt" gelehrt und praktisch gezeigt. Die muster- haft gehaltene Obstanlage, in der auch Blumen ihren Platz gesunden haben und zum Teil auch bereits in Blüte standen, stammt aus dem Jahre 1914. Manche kurzlebigen Spalierbäume, wie z. B. Pfirsich, mußten bereits durch Neupflanzungen ersetzt werden. Der gesamte Baumbestand zeigt auf dem warmen, nach Süden zu stark geneigtem Gelände, das gegen Nordwinde geschützt liegt, ein erfreuliches Gedeihen und reichen Ansatz von Blütenknospen. Die Anlage dient vorzugsweise Lehr- und Versuchszwecken für die alljährlich wiederkehrenden Obstbaukurse. Die Erträge an gutem Edelobst sind erfreulicherweise derartig, daß die Unterhaltung der
Klemer R tter.
Von Oiemar Moering.
Er war kaum mehr als zwei Jahre alt und saß auf dem Schoß seiner Mama. Seine hellen und wachen Augen beobachteten aufmerksam die Men- ichen, die den Raum durch die schwingende Tür betraten und verließen, am Schaltertisch mit den Beamten verhandelten oder wartend die Bänke und Stühle besetzt hielten. Es herrschte große Geschäftigkeit. Keiner dieser Plätze war frei, und manche der Wartenden mußten stehen. Es war im Geschäftsraum einer Krankenkasse.
Der Name der Frau wurde aufgerufen. Sie ließ den Kleinen auf seine Füße gleiten, erhob sich und Idjob ihn, mit der Hand lenkend, vor sich her an den Schaltertisch.
Der Tisch war hoch, zu hoch für den Kleinen, um ihm einen Blick auf das, was hinter und auf hm geschah, zu gestatten. Eine Mauer, die einem so kleinen Burschen die Aussicht vollkommen ver- 'perrte. Blieb nichts anderes übrig, als sich an das ;u halten, was diesseits ihrer Grenzen vorging. Die sielen fremden Menschen interessierten den Kleinen.
Aber siehe da: dort hatte sich jemand auf den Stuhl gesetzt, von dem die Mama soeben mit ihm aufgeftanben war! Eine fremde Dame! Wie kam ste dazu?
Hatte sie ein Recht, sich diesen Stuhl zu nehmen? Gehörte der Stuhl nicht der Mama? Wo sollte die Dlama sitzen, wenn die fremde Dame sich ihren Platz nahm? ,
Der Kleine zupfte an Mamas Rock und wies auf t»en Stuhl. .
„Mama!" sagte er. Viel großer war fein Wortschatz wohl kaum!
Aber die Mama hatte wichtigere Dinge zu tun, rls sich um jenen Stuhl zu kümmern. Sie blickte einen Augenblick zu ihm hinunter und strich ihm süchtig über die Haare: „Still doch, Bübchen. Eine Minute!"
Sie hatte wohl gar nicht gemerkt, um was es !ich handelte. — , ..
So, dann mußte man also auf eigene Faust handeln! _
Und der Kleine trippelte auf den Stuhl zu. Cr ^stanzte sich vor der Fremden auf und blickte ihr treng in die Augen. r, f
Sie lachte ihn an. O, sie hatte ihn schon lange beobachtet, den kleinen Burschen!
Ihm war nicht recht geheuerlich zumute. Warum tad)te diese fremde Frau? Er hatte sie noch nie ge- ehen. Da saß sie auf Mamas Stuhl und lachte!
Warum konnte er ihr nicht sagen, daß sie sofort diesen Platz zu räumen hatte? Auf der Stelle, damit Mama sitzen konnte! O, es war schlimm, daß man nicht das Geheimnis der Sprache verstand, mit dem die Großen sich so leicht verständigten!
Man konnte nur mit den, Augen sprechen. Aber begriff ihn denn diese fremde Frau nicht? Wenn er Mama anblickte, so wußte sie gleich, was er wollte. Diese Fremde aber — sie lachte! Lachte ihm mitten in seine ernsten, befehlenden Augen!
Gut, so mußte man wohl zur Gebärde greifen, um sich verständlich zu machen! Und der Kleine begann, erregt trippelnd den Sessel zu umkreisen. Er stieß drollige, dumpfe und ungeformte Laute dabei aus, Laute, die an das Knurren eines geärgerten kleinen Löwen erinnern. Und er belauerte die Fremde mit finsteren Blicken.
Und siehe da: sie erhob sich!
Sie erhob sich und trat an den Schaltertisch.
Nein, er machte sich nicht die Mühe, ihr lange nachzusehen. Soviel war ihm diese Gegnerin nicht wert. Er hatte sie in die Flucht geschlagen, jetzt aber galt es, zu verhindern, daß sich wieder einer dieser Fremden, die hier herumstanden, des Platzes bemächtigte!
Und schnell erkletterte der Kleine den Sitz und ließ sich auf ihm nieder.
Da saß er.
Er saß sehr gerade und stolz und blickte drohend um sich. Es sollte nur niemand wagen...
„Mama!" rief er. Es war vielleicht doch besser, sie bei sich zu haben. Man war ja so klein.
Sie sah sich einen Augenblick lächelnd nach ihm um. „Gleich, mein Junge!" erwiderte sie. Aber da bemerkte sie den alten Herrn, der an einem Pfeiler lehnte und den Kleinen belustigt betrachtete, und trat einen Schritt herzu.
„Verzeihung!" begann sie. „Aber Bübchen, wirst du wohl gleich —"
Doch der alte Herr, er mochte zwischen sechzig und siebzig sein, hielt sie zurück: „Nicht doch! Nicht! Er tut es ja nicht für sich!"
Sie errötete.
Es ging aber ein großes Lächeln über die Gesichter der Wartenden. Und inmitten dieses Lächelns saß, wie auf einer von Sonnenglanz umspielten Burg, der Kleine auf feinem Stuhl. Er blickte trotzig um sich, und schließlich verfingen sich seine Augen in denen des alten Herrn.
Der nickte ihm lächelnd zu.
Und da lächelte auch der Kleine zurück.
O ja, sie verstanden einander!
Denn: waren sie nicht beide Männer?
Photozelle - Mädchen für alles.
Von Georg Häring.
Bim — bim — bim, warnt der kleine Elektrokarren. Hochbeladen mit Gepäckstücken schnurrt er über den Querbahnsteig, fordert energisch Platz und freie Durchfahrt und fährt direkt auf das Gitter zu, das die Bahnsteige vom Querbahnsteig trennt. Jetzt denke ich schon, der Führer schläft und wird gegen das Tor rennen. Aber plötzlich öffnet es sich von selbst. Der Karren fährt durch, und krach, schließt sich die Pforte.
Auf der anderen Seite wieder ein Wägelchen. Mit voller Geschwindigkeit kommt es heran, fährt elegant eine rechtwinklige Kurve, rennt auf die Pforte — da ist sie schon aufgesprungen. Wie ist das bloß?
Noch mal sehen!
Da kommt einer mit drei Anhängern. Ob die Tür, schon bevor alle Wagen durch sind, zukracht? Sie springt auf, läßt den ganzen Zug hindurch und kracht wieder zu.
Zauberei? Trick? Schwindel?
Irgendein Ueberfahrkontakt, der die Tür durch das Gewicht der darüberfahrenden Wagen öffnet? Mal nachschaun! No, zu sehen ist nichts.
Mal näher ran... — klapp, Türchen auf, ich mit einem Satz auf die Seite. Warum bimmelt denn der Kerl nicht? Krach — Türchen zu. Es kommt gar kein Wagen. Sollte ich...? Noch mal ran- gehen!
Auf einmal eine Hand auf der Schulter: „Sie, junger Mann!" Au weh, jetzt habe ich was kaputt gemacht! Er lacht mich aber an. „Sie wissen wohl nicht, was das da mit dem Türchen auf sich hat?" — „Nee." — „Mochten es aber gern erfahren?" — „Jawoll." —
„Passen Sie mal gut auf! Den Spuk dort macht eine Photozelle. Wissen Sie, was das ist? Dazu find zwei kleine Apparate notwendig. Erft mal ein Lichtwerfer und zweitens eine Photozelle, die im übrigen mit Photographieren nicht viel zu tun hat. Sie ist ein für ultraviolettes Licht empfindliches elektrisches Gerät, das bei schwankender Lichtstärke schwankende Strome durchläßt. Als Sie vorhin mit ihrem Körper den Lichtstrahl, der in die Zelle einfällt, absperrten, ließ sie Strom durch. Der wirkte auf Magnete, die die Tür öffneten. Sie sprangen beiseite, im Glauben, ein Wagen käme, das Licht fiel wieder ein, der Strom erlosch, und die Tür fiel wieder zu."
„Prima, wenn das Ding erst mal bekannt wird,
dann stecken wir die Hände in die Taschen und gehen durch Türen, die von selbst aufspringen."
„Soweit sind wir noch nicht. Aber heute ist die Photozelle schon weit verbreitet. Sie ist ein Mädchen für alles geworden.
Sie schützt den Banktresor gegen Einbruch, kontrolliert im Schornstein unseres Elektrizitätswerkes die Rauchdichte, gibt acht, daß in der Papierfabrik die Papierbahn gleichmäßig läuft. Im Neuyorker Hudsontunnel schlägt sie Lärm, wenn die vielen Autos Gestank machen... Und nun sind Sie ja wohl so schlau geworden, daß Sie sich über andere staunende Menschen ebenso freuen können, wie ich mich vorhin über Sie gefreut habe. Sehen Sie, da steht schon wieder einer..."
Weltreise der deutschen Nähnadel.
Schon feit 200 Jahren ist die deutsche Näh- und Stecknadel ein Ausfuhrerzeugnis, das in der ganzen Welt beliebt ist und gerne gekauft wird. Gerade diese kleinen unscheinbaren Dingerchen erfordern viel Sorgfalt für ihre Verarbeitung, Glättung und Verpackung. Die Genauigkeit deutscher Arbeitsleistung hat auch diesen Erzeugnissen ihren Weltruf gesichert. Wie sehr man die deutsche Qualität auch schon früher zu schätzen wußte, geht ‘am besten daraus hervor, daß man schon im Welthandel des 18. Jahrhunderts deutsche, französische, englische und holländische Nadeln führte. Man hielt im allgemeinen die englischen und holländischen Nadeln für die besten: doch diese Tatsache gereichte Deutschland zur besonderen Ehre — weil nämlich die meisten holländischen und französischen und englischen Nadeln aus Deutschland stammten. Es kam häufig vor, daß so eine deutsche Nähnadel nach einer Rundreise durch Frankreich oder England mit fremder Aufschrift versehen und als französisches bzw. englisches Erzeugnis gekennzeichnet, zu vierfachem Preis verkauft, nach Deutschland zurückgelangte. Wir Deutsche von heute schütteln den Kopf über solche Handelsmethoden; vor allem aber bringen wir der Tatsache, daß diese Nadeln besonders gern im Deutschland von damals gekauft wurden, eben wegen ihres angeblich fremdländischen Ursprungs, fein Verständnis mehr entgegen. Den alten deutschen Fehler, alles Fremdländische blind zu bewundern, hat das nationalsozialistische Deutschland endgültig überwunden. Die Geschichte der deutschen Industrie aber kann mit Genugtuung verbuchen, daß das deutsche Erzeugnis sich durch seine Qualität die Kunden im eigenen Lande und in der Welt draußen sichert; und sie wird deshalb unermüdlich an weiteren Qualitätssteigerungen Weiterarbeiten.


