Ausgabe 
25.1.1936
 
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Nr. 2! Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Samstag, 25. Zanuar 1956

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I lauch und fauligem Obst erfüllt sind. Wie mit einem Schwamm ist alle Eleganz ausgelöscht, hierhin ver­irrt sich nicht der Schritt derbesseren Gesellschaft*, hier herrscht gedrückte Armut und das Laster. Der Kontrast ist überaus stark, weil die Gegensätze räumlich so dicht beieinander stehen.

Man rast im luxuriösen Mercedes oder Adlerwagen durch die breiten Straßen der Vorstädte. Aber schon heißt es Halt, denn einer jener vorsintflutlichen Ochsenkarren, die noch heute eines der wichtigsten Verkehrsmittel in den südamerikanischen Ländern bilden, versperrt den Weg. Diese schwerfälligen, ewig quietschenden zwei­rädrigen Karren, von acht, zehn, zwölf Ochsen ge­zogen, mit ihrem fortgesetzt schreienden und gestiku­lierenden Treiber auf magerem Klepper zur Seite, sind ebenso zahlreich, wenn nicht noch zahlreicher als die schönen Autos. Aber der Kontrast springt förmlich in die Augen, wenn man diese Stiefbrüder der Landstraße dauernd nebeneinander beobachten kann. Und wie erst stechen die kleinen dreckigen fenster- und oft türlosen Lehmhütten, die am Rande der Großstadt zu Tausenden und aber Tausenden zu finden sind, von den gewaltigen Prachtbauten und den mit allem Komfort eingerichteten Hoch­häusern ab! Das sind Gegensätze, Widersprüche, die das alte Europa nicht kennt; die Asien nicht kennt, und Afrika und Australien ebenso wenig. Diese Kontraste sind typisch für Südamerika. Was man in Rio de Janeiro sieht, wiederholt sich in allen südamerikanischen Großstädten, zuweilen stärker aufgetragen, zuweilen abgeschwächt, im Grunde aber ist doch stets dasselbe.

Schon die Natur weist die dem Europäer fremden Kontraste auf; sie schuf die herrlichen Fal­ter, die die winzigen Kolibris um ein vielfaches an Größe übertreffen. Sie schuf das brütende, mörde­rische Tropenklima und ließ in eben diesen Tropen­gegenden Gebirge entstehen, die von ewigem Schnee und Eis bedeckt sind. Man besteigt im argentinischen Weinstädtchen Mendoza zur Sommerzeit bei 40 Grad Wärme das Flugzeug und überfliegt in wenig mehr denn einer Stunde in 6000 Meter Höhe den Paß der Kordilleren bei 20 Grad Kälte.

Aber was die Natur nicht in hinreichendem Maße schuf, das sind Menschen, die die unermeß­lich weiten Räume des Kontinents bevölkern! Raum ohne Volk, auch das ist ein Kenn­zeichen Südamerikas.

Doch nicht nur rein äußerlich sind die Wider­sprüche. Die Disharmonie zieht sich genau so durch das politische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leben. Ueberall krasse Gegensätze, die einer Ver­einigung zu widerstreben scheinen. Wie kommt es zum Beispiel, daß in den Ländern Südamerikas der Kommunismus Boden finden kann? Es gibt eine bekannte Scherzfrage: Was ist das Schwerste in Südamerika? Das Reichwerden! Und was ist das Allerschwerste dort? Das Verhungern! In der Tat: der Hunger, so wie ihn Europa, wie ihn Indien, China und andere Gebiete der Welt kennen gelernt haben, ist etwas Unbekanntes in Südamerika. Gewiß gibt es Armut, bittere Armut und Not, aber an Hunger geht in Südamerika so leicht niemand zugrunde. Die Industrie ist ver­hältnismäßig sehr gering entwickelt und die Jndu- striearbeiterschaft ist ziffernmäßig sehr gering.

Die Löhne sind im allgemeinen außerordent­lich niedrig, zugegeben; aber die Anspruchslosigkeit der breiten Massen ist bewundernswert groß, so daß sie ihre Lage im großen und ganzen nicht als drückend empfinden. Es fehlt also durchaus an Vor­bedingungen für den Kommunismus, und doch hat er in allen Ländern des Kontinents so stark Ein­gang gefunden, daß die Regierungen einzelner Staaten wie erst kürzlich die Staatsführung von Uruguay sich bereits zu sehr durchgreifen­den Abwehrmaßnahmen veranlaßt gesehen haben.

Wie erklärt sich der Widerspruch? Die politi­sche Emanzipation zu Beginn des 19. Jahrhun­derts förderte das Eindringen demokra­tischer Ideen. Die Wellen der französischen Revolution schlugen bis an die Gestade Brasiliens und Argentiniens, die Gedanken der Aufklärung durchdrangen ganz Südamerika und fanden in den Verfassungen teilweise ihren Niederschlag. Eine großzügige Freiheit wurde das Ideal der südameri­kanischen Staaten, die Ideen Auguste Comtes wa­ren vielfach richtunggebend für die Bildung des Staatsgedankens. Aber gleich neben diesen Ideen stand die katholische Kirche mit ihrem stren­gen Dogma und formte mit bei der Staatenbildung der jungen Länder.

(Schluß folgt.)

fand. Die Arbeiterbeoölkerung der großen Städte

Der fiönifl im Tronenna

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gewiß; aber sie bringen eine unverkennbare Dis­harmonie in das gesamte Leben und wirken

ihnen ausstrahlend wird der Verkehr Landesteile ergreifen, die bisher immer noch abseits lagen. Durch die Steigerung gerade des Verkehrs, dessen Träger der bewegliche Kraftwagen ist, wird erst die Möglichkeit geschaffen, die überstarke Zusammen­ballung der Industrie in den Städten aufzulockern und eine Entwicklung, die Stadt und Land einander entfremdet hat, zum Heil des Volksganzen rückläu­fig zu machen.

Gesund ist ein menschlicher Körper nur, wenn der Kreislauf des Blutes in ihm nirgend stockt. Und was der Kreislauf des Blutes für den Menschen­körper ist, das ist der Strom des inneren Güteraustausches für den Volkskörper. Mit dem Austausch von Sach gut ist es dabei jedoch nicht getan, auch Gedankengut, seelisches Gut muß zwischen Land und Stadt herüber und hinüber­fließen. Und das ist nur möglich, wenn Bauer und Städter sich ihrer inneren Verbundenheit als die­nende Glieder der Volksgemeinschaft bewußt sind, wenn sie einander aus der Notwendigkeit ihres Daseinszweckes heraus verstehen und achten lernen.

Wicklung einengen und hindern. Für den süd- amerikanischen Kontinent hat die An­sicht immer noch ihre Berechtigung. Aber was noch augenfälliger ist als die unbegrenzten Mög­lichkeiten, das sind die zahlreichen großen, fast rätselhaft erscheinenden Widersprüche, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Man kann Südamerika getrost denKontinent der Gegen­sätze" nennen. Sie sind erklärlich, diese Gegensätze,

I.

Buenos Aires, Januar 1936 (Durch Luftpost.)

ist eine allgemein verbreitete Ansicht, daß Amerikadas Land der unbegrenzten Möglich­keiten" ist. Ob die Meinung heute noch zutrifft, mag dahingestellt bleiben; vielleicht ist es richtig, daß Amerika heute sogar, um ein boshaftes Wort zu wiederholen, das Land derunbegrenzten Unmög­lichkeiten" ist; vielleicht aber sind den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten durch die fortschreitende Zivi­lisation doch bereits Grenzen gesetzt, die die Ent-

Bauer und Städter

Bvn Dr Paul Harms

Der Kontinent der Gegensätze

Bon unserem Or. M. F.-Äerichterstatter.

bewohner, die Stadt zu erreichen, um so näher wer­den Stadt und Land sich in ihrer seelischen Haltung kommen. Um so rascher wird die Entfremdung, die lohrzehntelang zwischen beiden lag, dahinschwinden. Auch hier also erwächst den A u t o b a h n e en , die auf Anregung des Führers in allen Teilen Deutsch­lands gebaut werden, eine Aufgabe, die dem inne­ren Zusammenschluß und der sozialen Gesundung des Volkskörpers zugute kommt. Denn die Auto­bahnen werden dieHauptadern des inner­deutschen Verkehrs der Zukunft fein, und von

ist überwiegend ländlichen Ursprungs Man erkennt das deutlich noch heute am Landhunger des städti­schen Arbeiters, der, wenn er irgend kann, sich ein Stück Gartenland am Rande der Großstadt pachtet und dort feine freie Zeit zubringt. Man hat es fein- nerzeit als einen großen Vorteil für Deutschland angesehen, daß die Städte imstande waren, den Ueberschuß der stark wachsenden Bevölkerung auf­zunehmen, und man wollte den bedenklichen Nach­teil, der bei hemmungslosem Fortschreiten der ein­seitig gerichteten Binnenwanderung sich notwendig einfteUen mußte, nicht wahr haben. Man nahm den Vorgang hin, wie ein naturnotwendiges Geschehen, wogegen der Mensch machtlos fei.

Bis der Krieg uns über die leidige Tatsache, daß wir mit unserer Ernährung mehr und mehr vom Auslande aD hängig geworden waren, eine böse Lektion erteilte Vorerst freilich wurden daraus nur die gegenteiligen Forderungen gezogen. Die Schichten, die infolge des Zusammenbruchs des Kaiserreichs an die Macht kamen, waren städtischer Herkunft. Bürgerliche Demokratie und marxistischer Internationalismus waren in den Städten groß­geworden. Und der pazifistische Einschlag, den sie, infolge des verlorenen Krieges, in verstärktem Maße bekommen hatten, verführte sie zu Anschauungen, die den Ruin der deutschen Landwirtschaft nach'sich ziehen mußten. Deutschland drohte zur Arbeits­kolonie des Siegerkapitalismus zu werden, dem die Ernährung dieser Arbeiterkolonie anheimfiel

Eine der vordringlichsten Aufgaben des Drit- t e n Reiches war es, hier Einhalt zu tun. Frei­heit und Selbstbestimung waren nicht zu retten, wenn der deutsche Bauernstand nicht gerettet wurde. Flinke Konjunktur-Politiker freilich gaben der not­wendigen Propaganda für die Gesundung des Bau­ernstandes manchmal einen Anstrich, als sei nur der Bauer ein wertvoller Mensch und der Städter an sich minderwertig. Die Meinung der verantwort­lichen Führung ist das selbstverändlich nie gewesen. Sie hat dem Bauerntum die Sicherheit der Lebensgrundlage zurückgegeben, aber sie hat ihm auch ernste und schwere Pflichten gegenüber der Volksgemeinschaft auferlegt. Ihr Ziel war ja nicht, einen Stand auf Kosten der anderen zu be­vorzugen, sondern die lebenswichtigen Stände der Volksgemeinschaft zusammenzuführen zu verständnisvoller Aufbauarbeit.

So sollen auch Stadt und Land einander er­gänzen, und um sich ergänzen zu können, ein­ander verstehen lernen. Stadt und Land hatten sich so weit auseinander gelebt, daß daraus eine Lebensgefahr für den Bestand des Staates erwach­sen war Das darf sich in alle ZiKunft nicht wieder­holen? Der Städter muß wissen, daß sein Leben ohne den Bauern seinen völkischen Sinn verliert. Und der Bauer wiederum muß erfahren, daß die Stadt etwas anderes ist, als ein Rummelplatz aus­gekochter Vergnügungen, daß in erster Linie auch ie eine Arbeitsstätte ist Immer wird es im Ge­meinschaftsleben des Volkes unentbehrliche Arbeit geben, die nur in der geballten Form städtischen Zusammenwirkens wird geleistet werden können. Nur daß diese Arbeitsform sich nicht Selbstzweck oerben darf! Und das Bewußtsein, daß auch sie nur Daseinsberechtigung hat als Dienst am ganzen Lolke, wird dem Städter am sichersten erhalten leiben, wenn ihm das Land nicht nur räumlich, andern auch seelisch wieder näher gebracht wird, cls es in der Vergangenheit der Fall war.

Ein Mittel dazu aber eben nur eins von vielen ist dieGrüne Woche", die alljährlich mehr Landleute nach der Reichshauptstadt führt, als Dieb sicht der ganze Rest des Jahres. Die aber auch em Städter die Augen öffnet für Wesen und Zweck er Landarbeit sowohl, wie für ihre tiefe und Dieb iiltige Verbundenheit mit dem Leben der Stadt. )ie Grüne Woche ist wenn man einen etwas ühnen Vergleich gestatten will ein innerdeutsches

Schon rein äußerlich fallen einem diese Wider­sprüche auf, wenn man zum ersten Male in Südamerika den Fuß kaum an Land gesetzt hat. Man spaziert etwa durch die wunderbare Avenida Rio Branco in Rio de Janeiro, eine der prachtvollsten Straßen der Welt. Die Eleganz der brasilianischen Hauptstadt hat sich hier ihr Stelldich­ein gegeben. Große Geschäftshäuser mit erlesensten, lockendsten Schaufensterauslagen, vor denen die Damen in Seidenroben, die Herren in blütenweißen Anzügen promenieren Aber zwischen all diesem Luxus drängeln sich in ihren zerlumpten Kittelchen die kleinen Zeitungsjungen, die mit wildem Geschrei ihre Blätter ausrufen oder Lotterielose feilbieten, schieben sich Negerweiber, die gebrauchte oder auch gewaschene Wäsche in einem Bündel auf dem struppigen Kopfe balancieren, drücken sich armselige Schlucker aller Farbenschattierungen, barfüßig, in zerfetzten, verschmutzten Röcken, die in einer Kneipe in einer der Nebenstraßen einen Zuckerrohrschnaps in die ewig durstige Gurgel geschüttet haben. Diese Nebenstraßen! Nur ganz wenige Schritte abseits der herrlichen Prachtstraße Rio Branco stößt man schon auf enge und engste Gassen und Gäßchen, die von eklem Geruch von Stockfisch, Zwiebeln, Knob-

)lympia, wo Stadt und Land Zusammenkommen, Harmonie in vas geja m sich auf das zu besinnen, was sie im Dienste | zuweilen geradezu grotesk.

Neben König Eduard VIII. (X) schreiten seine ältesten Brüder, der Herzog von Aork (links) und der Herzog von Gloucester (rechts). Hinter ihnen der Herzog von Kent (links) und der Earl von Harewood, der Schwiegersohn des verstorbenen Königs. (Scherl-Bilderdienst-M.)

am Volk gemeinsam zu leisten Haven. Wo sie sich aber auch darüber klar werden müssen, daß es mit einer einmaligen Zusammenkunft im Jahre nicht 9e.tan ift sondern daß die Annäherung und das Die Grundtatsache für das Gemeinschaftsleben im eine bie den

zweiten Reiche der Deutschen wurde geschaffen ! 6 nzen Rmg! des Jahres zu erfüllen hat.

Durchs die große Binnenwanderung die nach nn^,irhr.2rJ «Ln!ld)x ber^u®bJ*.t[ "us eine andere Der Reichsgründung einsetzte. Sie wandelte das sich ^btor-k at ber jStaatsfubrung im Dritten selbst ernährende Agrarland langsam aber stetig .,x o "JJn°bc.run9 "nd Sichkennenlernen von Stadt um in ein Industrieland, das mit seiner Gr=. m p"? lft 1 %n Grund eine Frage des nährung vom Auslande abhängig wurde | f ß; r OS ^e leichter es dem Stadter gemacht

Die Wandlung vollzog sich in der Form, daß der ! ?^auss Land^ hinaus zu gelangen, und dem Land- Zuwachs an Bevölkerung, der naturgemäß auf!

dem Land am stärk st en war, Unterkunft und Arbeitsgelegenheit in den Städten suchte und

Ueberfübninfl König Georgs

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Am Donnerstag wurden die sterblichen Ueberreite König GeorgsV von Sandringham in die West- ninfterabtei zu London übergeführt. Unser Bild zeigt den Leichenzug vor demKenotaph", dem Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Weltkriegs in Whitehall, dem Londoner Regierungsviertel. (Scherl-M.)

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In der Westminsterhalle zu London wurde König GeorgV. aufgebahrt. Offiziere Der Leibgarde mit gesenktem Degen und gebeugtem Haupt und Offiziere der Bürgergarde in mittelalterlicher Uniform halten die Ehrenwache. Auf dem Sarge liegt die goldene Königskrone, die mit 500 Edelsteinen geschmückt ist; daneben sind die übrigen Abzeichen der Königswürde, das Zepter, der Reichsapfel und die Insignien des Hosenbandordens. (Scherl-Bilderdienst-M.)