Oberhessen.
Bedeutsame Ausgrabungen in Zriedberg
Cpb. Friedberg, 23. April. Die seit Ende März in der Burg stattfindenden Grabungen zur Aufhellung der Frühgeschichte Friedbergs, die unter Leitung von Professor Blecher, Studienrat Mager und Dr. H. R 0 th stehen, haben zu höchst erfreulichen Ergebnissen geführt. Obwohl sich diese Arbeiten noch im Anfangsstadium befinden, ist jetzt bereits nackgewiesen, daß auf dem Burgberg schon zehnJahre vorEhristi Geburt ein Römerkastell bestand, das der römische Feldherr D r u s u s bei seinen Feldzügen gegen die Germanen (11 bis 9 v. Ehr.) angelegt hat. Diese Feststellung wird erhärtet durch den Fund zweier Töpferstempel, von denen der eine der Stempel des „belgischen" Töpfers Ciruco ist; der andere, allerdings nur als kleiner Rest vorhanden, wurde jetzt einwandfrei als der des aretinifchen (Arezzo in Italien) Si- gillatafabrikanten S e n t i u s festgestellt. Stempel dieser Art befinden sich auch in Haltern i. W., das etwa 11 v. Ehr. bis 9 n. Ehr. römisches Kastell war. Damit steht fest, daß Drusus ein Kastell in der Burg angelegt hat. Andere Funde verschiedenen Materials (Scherben, Gefäßformen) verweisen in die Zeit des Augustus. In Grabkammern römischen Ursprungs wurden ebenfalls wertvolle Funde gemacht. Bon weiteren Funden seien hier genannt eine Kupfermünze der Zeit des Augustus, aus der mittelalterlichen Zeit zwei weiße hessische Pfennige, die im 13. bis 14. Jahrhundert Gültigkeit besaßen. Diese kurze Uebersicht macht deutlich, daß die Ausgrabun- gen noch manche Aufklärung über Friedbergs Geschichte bringen dürften.
20 Jahre Evangelische Irauenhilfe Steinbach.
5 Steinbach, 24. April. Am Mittwochabend versammelte sich die Frauenhilfe im „Einhorn", um in schlickter Weise des Gründungstages der jetzigen Frauenhilfe zu gedenken. Mitten im Kriege, 1916, gründete der damalige Pfarrer Köhler den Frauenverein, der sich zunächst als Alicefrauenver- ein besonders mit Kriegsaufgaben befaßte. Die erste Aufgabe war die Gründung eines Kriegskindergartens, der sich im Kriegssommer 1916 sehr bewährte. Es fehlte aber an einem aeigneten Lokal. So wurde er im Freien neben der Kirche gehalten, und wenn das Wetter ungünstig war, flüchtete die Kindergärtnerin, Frl. Ella Hauff aus Darmstadt, mit den Kindern in die Kirche. Mit Beginn der kalten Jahreszeit mußte der Kindergarten aufgeaeben werden, da ein passender Raum fehlte. Während des Krieges arbeitete der Fraunverein in der Kriegsfürsorge. Fleißige Hände regten sich, um die Krieger mit allerlei warmen Ausstattungsstücken zu bedenken. Als Anerkennung dieser Leistungen wurde der Vorsitzenden Frau Marie Köhler, der Pfarrsrau, zum Geburtstag der Großherzogin das allgemeine Kiegsehrenzeichen verliehen. Rach dem Ausgang des Krieges stellte sich der Verein um und wuroe allmählich zu dem Evangelisch-kirchlichen Frauenbund, als der er noch heute nach 20 Jahren besteht. Eine Reihe von Mitgliedern aus der ersten Zeit sind heute noch als treue Mitglieder in der Frauenhilfe. Zur Ausschmückung des Gotteshauses, zur Unterstützung mancher Einrichtung unserer evangelischen Kirche, zur stillen Hilfe bei Notständen innerhalb der Gemeinde war der Verein stets breit. Nach einer kurzen Dereinsgeschichte der vergangenen 20 Jahre, dargeboten von dem Leiter Pfarrer Döll, wurde die Rechnung, die von Frau Lina W a l b geführt wird, geprüft und der Rechnerin der Dank für ihre treue Arbeit ausgesprochen. Der Leiter gedachte darauf des vergangenen Geburtstages des Führers und forderte zum Dank auf für die Treue des Führers durch die besondere Treue der Evangelischen Frauenhilfe. Im Laufe des Vorsommers will die Frauenhilfe in einem besonderen Gottesdienste ihr Jubiläum feiern. In einer Nachversammlung soll dann die Frau des
Oie Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Stegmann
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(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Dreiviertel Jahre lang war Annina ziellos in der Welt umhergereist, bald hier, bald da Rast machend. Als es aber verschiedentlich geschah, daß man sie auch unterwegs ablehnte, sobald man ihren Namen hörte, zog sie es vor, sich völlig in einem einsamen Gebirgsdörfchen zu vergraben. Hier endlich fand sie Muße genug, um über ihre Zukunft nachzudenken, und ball) war ihr Plan gefaßt.
Sie wollte Deutschland verlassen, dies ungastliche Land, dessen Bewohner so merkwürdige Ansichten über Recht und Unrecht hatten und viel zu viel Mitleid besaßen. Spanien oder auch Amerika würden sie mit ihrem Geld sicherlich mit offenen Armen aufnehmen. Ihr sonstiges Vermögen aus Deutschland herauszubekommen — mein Gott, Annina von Gellern hatte schon Schwierigeres bewerkstelligt.
Eines Morgens war die Bevölkerung des einsam gelegenen Gebirgsdörfchens Moosbach in heller Aufregung. Eine „Städtische", mit Bergen von Gepäck, hatte sich im Dorfwirtshaus einquartiert und kehrte dort das Unterste zuoberst.
Allgemein freilich war man der Ansicht, daß die Städtische zwar blitzsauber wäre, und daß ihr die Dirndlkleider zum Entzücken ständen. Aber warum sie sich das Gesicht weiß und rosa machte wie ein Clown, das verstand niemand im Dorfe. Außerdem hatte die schöne Fremde eine hochmütige Art, auf das treuherzige „Grüß Gott!" der Dorfbewohner nur so ganz kurz mit dem Kopf zu nicken, das sie sehr bald unbeliebt machte.
Auch in der Folge ließ Annina zwar eine Menge Geld in dem Ort,' benahm sich aber so hochmütig und abweisend, daß sogar der Pfarrer und der Arzt, die sie zuerst aufgesucht hatten, froh waren, wenn sie ihr aus dem Wege gehen konnten.
Und dann war eines Tages eine alarmierende Nachricht nach Moosbach gekommen. Der Herr Gemeindevorsteher war in der Stadt gewesen und brachte von dort eine Zeitung mit, die er sofort ins Pfarrhaus trug. In diesem Blatt war ein Steckbrief erlassen, der haargenau auf die „eingebildete Wurz'n" im Dorfwirtshaus paßte. Eine solche Aufregung war in dem stillen, schlichten Dorf schon lange nicht gewesen. In stundenlanger Beratung saß der Gemeindevorsteher mit dem Herrn Pfarrer zusammen. Aber zum Schluß sagte der Gemeindevorsteher:
„Es ist zwar sehr schad', denn sie hat Geld ins Dorf gebracht, die Fremde. Aber nichts gegen das Gesetz — ich muß den Gendarm benachrichtigen!"
Die Reichsnährstandsaussteüung in Frankfurt.
Sofort Quartiere bestellen!
NSG. Zum Besuch der 3. Reichsnährstandsausstellung in Frankfurt (17. bis 24. April) haben sich schon jetzt Hunderttausende von Bauern und Landwirten angemeldet. Ein großer Prozentsatz der Ausstellungsbesucher bleibt mehrere Tage in Frankfurt, um nicht nur die Ausstellung, sondern auch die Sehenswürdigkeiten Frankfurts zu besichtigen und billige Ausflüge in die an Naturschönheiten reiche Umgebung, inbesondere an den Ryein, zu unternehmen.
Viele gemeldete Ausstellungsbesucher, vor allem die Sonderzugfahrtteilnehmer, die sich mehrere Tage in Frankfurt aufzuhalten beabsichtigen, haben aber bis heute noch kein Quartier bestellt, offenbar weil sie der irrigen Auffassung sind, daß die Quartierbeschaffuna auch nach der Ankunft in Frankfurt ohne Schwierigkeiten möglich sei. Dem ist aber nicht so! Tatsächlich stehen in Frankfurt und in den umliegenden Städten Quartiere nur in beschränktem Umfange zur Verfügung. Die vorhandenen Privat-Quartiere sind sämtlich vom Quartieramt der 3. Reichsnährstandsausstellung beschlagnahmt, die Hotels für die Dauer der Ausstellung Aum großen Teile schon jetzt ausoerkauft. Unter diesen Umständen ist es für die Ausstellungsbesucher sehr schwierig, sich in Frankfurt und seiner näheren und weiteren Umgebung erst nach Eintreffen am Ausstellungsort ein Quartier zu besorgen.
Damit für alle Ausstellungsbesucher Quartiere sichergestellt werden können, ist es unbedingt erforderlich, daß jeder Besucher, der sich mehrere Tage in Frankfurt aufhält und eine Quartierbestellung noch nicht aufgegeben hat, unverzüglich bei seinem Ortsbauernführer oder bei der zuständigen Kreisbauernschaft ein Quartier bestellt. Der Preis des Privatquartiers beträgt pro Nacht und Bett einschließlich Morgenkaffee 2,90 Mark, der Preis des Gemeinschaftsquartiers
(Schnellbetten, Decken mitbringen!) 1,40 Mark ohne Frühstück. Die Gemeinschaftsquartiere werden von der Vorbereitungsstelle für Kundgebungen des Reichsnährstandes zum Selbstkostenpreis abgegeben.
Nur wer vor seiner Abreise nach Frankfurt im Besitze einer vom Quartieramt ausgestellten Quartierkarte ist, kann ohne Unterkunftssorgen die große deutsche Landwirtschaftsschau besuchen. Deshalb ergeht nochmals der Ruf an alle sich mehr als einen Tag in Frankfurt aufhaltenden Ausstellungsbesucher, soweit sie eine Quartierbestellung noch nicht auf- gegeben haben: „Sofort Quartiere bestellen!^
Aus dem Sonderzugplan.
Reichsbahnzug am 21.2Uai ab Alsfeld.
Aenderungen.
Stationen
Hinfahrt
Rückfahrt
Alsfeld
ab 6.25
Die Rückfahr
Zell-Romrod
„ 6.39
zeiten werden
Ehringshausen
„ 6.55
noch bekannt
Burg- u. Nieder-Gemünden
„ 7.03
gegeben.
Nieder-Ohmen Gießen
7.14
„ 8.18
Friedberg
„ 9.01
Frankfurt-West
an 9.34
ab 22.30
Reichsbahnzug ab Gladenbach am 24. Mai fährt nicht über Herborn, sondern verkehrt ab Bischoffen, hält an allen Stationen bis Mornshausen und fährt über Niederwalgern.
Näheres betreffs der Fahrzeiten wird noch bekanntgegeben.
Reichsbahnzug ab Nidda hält zusätzlich in E ch - zell.
Stationen Hinfahrt
Häuferhos ab 8.00
Echzell an 8.09
Echzell ab 8.11
Gründers, die in Gießen lebt, gebeten werden, aus der ersten Dereinszeit zu erzählen. In üblicher Weife wurde dann der Abend mit einer Andacht geschloffen.
Landkreis Gießen.
* Alten-Buseck, 24.April. Der hiesige sechzig Jahre alte Weißbinder Jakob Brück erlitt durch einen Sturz vom Fahrrad erhebliche Bein- und G e s i ch t s v e r l e tz u n g e n.Er wurde in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht.
wg. Großen-Buseck, 24. April. Dieser Tage and eine Hebung und zugleich die Neueinteilung )er hiesigen Freiwilligen und der Pflicht- euerwehr statt. Äm Anschluß daran hielt die Freiwillige Feuerwehr beim Wilhelm Wagner V. ihre Generalversammlung ab. Der 1. Kommandant sprach zunächst grundsätzlich über die großen Neuordnungen im Feuerwehrwesen. Dann wurden die Feuerwehrmänner für die Motorspritze, die im Ernstfälle einzugreifen haben, bestimmt. Es sind dies Heinrich Schwalb, Karl Pfeiffer, Heinrich Döring, Heinrich Hahn, Richard Rühl, Wilhelm Weiß und Heinrich K l i n k l e r. Sodann erstattete der Kommandant den Tätigkeitsbericht. Die Geschäfte der Wehr wurden in vier Vorstandssitzungen und sechs Versammlungen erledigt. Im Laufe des vergangenen Jahres wurden acht Uebungen durchgeführt. Außerdem wurde die Wehr einmal inspiziert. Die bei den Uebungen gestellten Aufgaben wurden fast ausnahmslos gut gelöst. Das kam auch bei der Kritik durch den Kreisfeuerwehrinspektor zum Ausdruck. Der Mitgliederstand hat sich auf der vorjährigen Höhe gehalten. Dem Vorstand, den Geräteführern, Obleuten und Mannschaften wurde für ihre Arbeit Dank gesagt. Der Mitgliederbestand hielt sich auf der Höhe des Vorjahres. Herzlich wurde des treuen passiven Kameraden Dr. Adler gedacht, der durch Tod aus den Reihen der Wehr schied. Im weiteren Verlauf
der Versammlung wurde von dem Ergebnis der Kassenreoision Kenntnis gegeben. Der Stand der Kasse ist dank der Unterstützung durch die Gemeinde und die Landesbrandkasse, die wieder einen Zuschuß von 400 Mark gewährte, zufriedenstellend. Dem Kassenführer Wilhelm H e n ß, der die Kasse in mustergültiger Weise führte, wurde Entlastung erteilt. Es wurde daran erinnert, daß der bisherige Posaunenchor aufgelöst wurde und als Musikzug
Am 29. INärz hast du dem Führer dein Ja gegeben, ihn bei seiner schweren Arbeit zu unterstützen; nun darfst du nicht fehlen, wenn die NSV. um Freistellen bittet!
der Freiwilligen Feuerwehr beitrat. Zum Schluß wies der Kommandant darauf hin, daß es auch weiterhin alle Kraft für die Wehr und damit für unser deutsches Vaterland einzusetzen gelte. Die von Schriftführer Balthasar Mayer verlesenen Protokolle wurden einstimmig genehmigt. Die Versammlung wurde in der üblichen Weise geschlossen. — Nachdem dieser Tage die ABC-Schützen ausgenommen worben sind, sand am Sonntag eine Schulandacht statt. Pfarrer Müller richtete beherzigenswerte Worte an Schüler, Eltern und Lehrer. Nach dem Gottesdienst wurden die Kinder von der NS.-Frauenfchaft in der Gastwirtschaft „Zum Busecker Tal" mit Kakao und Gebäck bewirtet. — Dieser Tage konnten die Eheleute Wilhelm Rein- s ch m i d t, Adolf-Hitler-Straße wohnhaft, das Fest der silbernen Hochzeit begehen. — Am kommenden Sonntag feiern in körperlicher und geistiger Rüstigkeit die Eheleute Landwirt Ferdinand Gans I. und Frau Katharina, geborene Scheld, das Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar.
vermag noch heute sämtliche landwirtschaftlichen Feld- und Hausarbeiten zu verrichten, während sich seine Frau noch in der Küche nützlich macht.
* Lich, 24. April. Der 36jährige Arbeiter Wilhelm Kuhn von hier zog sich durch einen unglücklichen Sturz einen Bruch des linken Unter« schenkels zu und muhte in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht werden.
Kreis Friedberg.
□ Butzbach, 22. April. Im großen Saale des „Hessischen Hof" veranstaltete die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" einen Heimat- abend, der von dem Kreisringleiter des Landschaftsbundes „Volkstum und Heimat", Oberstudiendirektor W. Philipps aus Friedberg, bestritten wurde. Der Heimatdichter Philipps, der unter dem Namen „Unkel Kounnerad" mit feiner Truppe erschienen war, brachte in seinen ergötzenden Darbietungen echten, urwüchsigen Humor, der ganz aus dem Volkstum unserer engeren Heimat, der Wetterau, geschöpft war. Mundartgedichte, Lieder und Spiele wechselten in bunter Reihenfolge miteinander ab. Reicher Beifall wurde dem Leiter des Abends und feinen Mitarbeitern dargebracht. Auch die vorzüglichen Leistungen einer Truppe aus Kärnten hatten sich geschickt in den Rahmen des Abends eingefügt. „Onkel Kounnerad" hat uns einen Heimatabend erleben lassen, wie er wohl bis jetzt noch nicht in unserer Stadt stattgefunden hat. — Die Bautätigkeit hat in unserer Stadt mit Frühjahrsbeginn stark eingesetzt. Nicht weniger als sieben Wohnhäuser wurden begonnen, die zum Teil schon unter Dach stehen. Sie alle sollen anschließend den Innenausbau erhalten und noch im Sommer, spätestens im Herbst bezugsfertig werden. Daneben sind gegenwärtig alle Bauhandwerker mit dem inneren Ausbau von ebenfalls sieben Rohbauten, die im Herbst errichtet wurden, befchäfttgt. Eine Anzahl hiesiger Geschäftshäuser werden umgebaut und erweitert. Kurzum: Durch die starke Belebung der Bautätigkeit ist nicht nur dem heimischen, sondern auch dem auswärtigen Handwerk Gelegenheit zur Beschäftigung gegeben.
Kreis Schotten.
(D Schotten, 23. April. In der Sitzung des Evangelischen Kirchenvorstandes wurde der V o r - anschlag der Evangelischen Kirche zu Schotten für das Rj. 1936 beraten und angenommen; in Teil I (Kirchenfonds) schließt er ab in Einnahme und Ausgabe mit 10164,68 Mark, in Teil II (Pfarrbesoldungsfonds) in Einnahme und Ausgabe mit 2756,42 Mark. Außerdem nahm der Kirchenvorstand die gesetzlich erforderliche Wahl eines Ersatzmitglieds des Kirchenvorstands vor, bei welcher der Gastwirt und Metzgermeister Heinrich Karl Hofmann zum Kirchenvorsteher gewählt wurde.
□ Laubach, 22. April. In den Räumen der hiesigen Realschule fand gestern in Anwesenheit des Wehrbezirkskommandeurs und des Vertreters der Zivilbehörde die Musterung der Wehrpflichtigen der Jahrgänge 1913 und 1916 nachgenannter Orte statt: Freienseen, Gonterskirchen, Solms-Ilsdorf, Klein-Eichen, Lardenbach, Laubach, Ruppertsburg, Stornfels, Ulfa und Wetterfeld. Bald darauf sah man überall in den Straßen frohe, mit Bändern und Sträußen geschmückte Rekruten, die alsbald in den Arbeitsdienst bzw. in die Wehrmacht eintreten dürfen. Der „Rekrutenball", der abends im Gasthaus „Zur Traube" stattfand, erfreute sich eines guten Besuches. — Im „Schützenhof" fand eine Versammlung der Ortsbauernführer des Bezirkes Laubach statt, zu der Stabsleiter L a n g l i tz und Geschäftsführer Schmidt von der Kreisbauernschaft Oberhessen- Ost, sowie Bezirksbauernführer Straub und Kreisjugendwartin Recklinghaus erschienen waren. Die Besprechungen hatten den Besuch der Reichsnährstandsschau in Frankfurt a. M., die Werbung für die Adolf-Hitler-Freiplatzspende, die Feldberemigung, Schädlingsbekämpfung u. a. zum Gegenstand. — Die vereinigten Männer- gesangvereine „Eintracht-Harmonie" veranstalteten am Sonntagabend unter Leitung des
„Aber machen S' es ohne Aufsehen", mahnte der Pfarrer. „Am besten, die ganze Geschichte spielt sich am Abend ab."
Annina war sehr verwundert, als nachts um elf Uhr plötzlich jemand an die Tür ihres Zimmers klopfte. Aber sie wurde kreidebleich, denn sie hörte draußen auf ihre Frage die Antwort:
„Deffnen Sie ohne Aufsehen! Polizei!"
Annina zögerte einen Augenblick. Aber als das scharfe Klopfen noch einmal ertönte, zog sie es vor, zu gehorchen. Sie warf sich einen lichtgrünen seidenen Morgenrock über und schloß die Tür auf.
„Was wollen Sie eigentlich von mir? Was fällt Ihnen ein?"
Sie versuchte, den Gendarm durch Schärfe in Verwirrung zu bringen. Bildschön sah sie aus, wie sie so dastand mit dem im Schlaf verwirrten rötlichen Gelvck, dem schneeweißen Gesicht und den lodernden blauen Augen. Aber der Gendarm sagte nur kurz:
„Bitte mir ohne Aufsehen zu folgen — Steckbrief.
Da begann Annina zu zittern. Dor dem furchtbaren Wort „Steckbrief" versagte all chre Sicherheit.
Fieberhaft überlegte sie, ob eine Möglichkeit zur Flucht vorhanden wäre. Aber das war aussichtslos. Das Gasthaus hatte hier nur einen Ausgang. Ihr Zimmer lag im ersten Stock. Ein Auw hatte sie nicht zur Verfügung. Sie mußte sich m das Unvermeidliche fügen.
Während der Gendarm nun draußen auf und ab patrouillierte, zog sich Annina an. Schwankend folgte sie dann dem Gendarm. Gott sei Dank, das Dorf lag dunkel und still. Niemand ahnte, daß die reiche, schöne Fremde aus dem Dorfwirtshaus ins Stadtgefängnis überführt wurde. Nur der Dorfwirt und feine Frau waren unterrichtet. Scheu schauten sie hinter dem Fensterladen heraus, wie der Gendarm hinter Annina die dunkle Dorfstraße entlang ging. So etwas war in ihrem Hause noch niemals geschehen.
Annina wurde über Nacht ins Stadtgefängnis geschafft und am nächsten Tage nach Berlin. Die Fahrt verging chr wie in einem wirren Traum.
*
Nun stand sie vor dem Gerichtshof. „Wegen Diebstahls des Bonaqliaschen Familienschmucks."
Sie hatte an dem Tage ihrer Gefangenschaft Zeit gehabt, sich zu fassen. Auch hatte sie sich den besten Verteidiger gesichert, der zu haben war. Sie hatte sich ihren Feldzugsplan kalt und klar zurechtgelegt. Sie würde alles leugnen! Auch ihrem Verteidiger gegenüber hatte sie behauptet, daß die Anklage wegen Diebstahls des Bonaglia-Schmucks eine gemeine Lüge wäre, und daß der Schmuck ihr gehörte. So stand sie jetzt vor den Schranken des Gerichts.
Sie hatte die Einzelheiten dieser Kleidung sehr genau überlegt. Sie wollte unauffällig wirken und doch nicht etwa wie jemand, der sich' zu verstecken hatte. Ein allgemeines Raunen war durch den Saal gegangen, als sie mit dem Verteidiger erschien. Die stumpfe Seide des Kleides ließ Annina noch schlanker erscheinen. Das Kleid trug keinen Aufputz, bis auf einen kleinen Einsatz aus glänzend weißer Seide, der als Kragen bis zu dem schlanken Hals hinaufging und eine kleine weiße Schleife aufwies. Das schwarze Seidenbarett mit der weißen Schleife umspannte eng den schönen Kopf mit dem rötlich-goldigen Haar.
Annina fühlte sofort, daß ihre Erscheinung Aufsehen erregte — das gab ihr ihre ganze Sicherheit wieder. So beharrte sie auch jetzt mit eiserner Festigkeit darauf, daß es an Mariella wäre, ihr den Diebstahl zu beweisen, und nachzuweifen, daß Mariella in der Nacht nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstage sich s e l b st und nicht ihre Pflegemutter bestohlen habe.
Annina von Gellern war ihrer Sache besonders sicher, weil ja ihr Haus, das gefährliches Beweismaterial geborgen hatte, bis auf den Grund nieder- gebrannt war.
Von Giovannis Rückkehr wußte sie ebensowenig wie von dem tatkräftigen Eingreifen des Herzogs der Abruzzen und Doktor Heßlings. So konnte sie also, wie sie glaubte, ohne Gefahr darauf bestehen, daß der Schmuck, den Kammacher dem Gericht zur Verfügung gestellt hatte, der ihre sei. Auch die Quittung, in der sie dem Bankier über „ihr" Eigentum quittiert hatte, lag den Richtern vor.
„Glaubt der Hohe Gerichtshof wirklich von mir, daß ich die Juwelen für mich in Anspruch nehmen würde, wenn sie nicht mein unumstrittenes Eigentum wären? Außer den von mir bereits genannten Zeugen kann ich noch eine ganze Reihe anderer anführen, die feit mindestens zwanzig Jahren, fast solange wie ich in Deutschland lebe, wissen, daß der Schmuck mein Eigentum ist."
Hochmütig warf sie den Kops in den Nacken. Endlich war die Geduld des Vorsitzenden erschöpft. Mit einem Blick zu ihrem Anwalt rief er:
„Da die Angeklagte so hartnäckig weiter leugnet, sehe ich mich gezwungen, zur Zeugenvernehmung zu schreiten. Von all den gelaberjen Zeugen scheint mir nur ein einziger nötig, der sich erst heute morgen bei mir gemeldet hat. Wachtmeister, rufen Sie den Herrn di Bonaglia auf!"
Erregt wandte sich Annina an ihren Verteidiger: „Herrn di Bonaglia kenne ich nicht."
Doch im gleichen Augenblick weiteten sich ihre Augen; sie fing an zu zittern, wurde leichenblaß. Vor ihr stand Giovanni di Bonaglia, der sie mit verachtungsvollen Blicken maß.
Da brach Annina zusammen. Sie sank auf ihren Platz zurück und barg das Gesicht in den Händen. Sie konnte Giovannis Blick nicht ertragen. Er erin
nerte sie an alles was einst gewesen war. An ihre Jugendzeit, in der sie glücklich und schuldlos gewesen — an ihre leidenschaftliche Liebe zu dem einzigen Mann, dem ihr Herz gehört hatte. An ihre Schuld und ihr Irren. Das Spiel war aus. Und sie mußte nun die Schuld büßen.
Da erhob sich plötzlich Anninas Verteidiger, Doktor Jensen.
„Ich lege hiermit mein Amt als Verteidiger der Frau von Gellern nieder", erklärte er, zog die Rode ab und wandte sich, mit einer Verbeugung an den Gerichtshof und die Pressevertreter, zum Gehen.
Und jetzt, als alles für sie verloren war, raffte Annina ihre letzte Energie zusammen. Ihre Schuld konnte sie nicht mehr leugnen, und nichts konnte sie in den Augen Giovanni di Bonaglias reinwaschen. Aber er sollte wenigstens sehen, daß sie nicht haltlos zusammenbrach. Sie stand auf. Eine atemlose Stille war im Gerichtssaal. Und in diese Stille hinein sagte A/mina fest:
„Sie brauchen den Prinzen nicht zu vernehmen — ich gestehe, feine Tochter um ihr Eigentum betrogen zu haben. Mariella hat nicht m i ch bestohlen, sondern ich habe s i e bestohlen. Der Schmuck, den Mariella di Bonaglia in jener Nacht nahm, war ihr Eigentum — somit ist sie niemals zur Diebin geworden. Verurteilen Sie mich, wie Sie müssen!"
*
Auf den blauen Fluten des Adriatischen Meeres schaukelt eine herrliche Jacht. Es ist Pepita Arlesis „Speranza III", die einen Kreis guter Freunde um ihn und feine junge Frau Lore vereint.
Im silbernen Mondlicht gleitet das Schiff dahin. Zwei glückliche junge Paare stehen eng umschlungen art der Reeling und sehen in die Ferne.
„Wie schön, wie wunderschön ist es hier!" sagt Mariella Heßling leise zu Walter. „Wir alle sind so glücklich hier. Und daß Vater nicht allein zurück- bleibt, wenn wir jetzt nach Deutschland zurückkehren, ist meine tiefste Freude. Ich glaube, er wird mich nicht vermissen."
Lächelnd deutet sie hinüber zu der Reling. Dort steht Giovanni di Bonaglia, kindlich an ihn geschmiegt, Jlaro in einem weißen Kleidchen. Das sanfte Licht der Bordlampen liegt auf ihrem goldig zitternden Haar, auf das Giovanni di Bonaglia in väterlicher Fürsorge seine Hand legt.
Das Meer und das Land verfließen in einem Schimmer von Blau und Silber. Der Mond zieht ruhig feine Bahn und Taufende von Sternen find in das samtene Himmelsgewölbe gestickt. Von fern grüßen die Türme Venedigs wie ein Märchentraum herüber. Eine Barke mit bunten Lichtern fährt langsam an ihnen vorüber. Mandolinenspiel und sanfte Stimmen klingen. Sie fingen ein Lied von Glück und Jugend. Es ist wie ein Widerhall des Glückes dieser Menschen hier, die nach schweren Prüfungen sich gefunden haben.


