Itr. 96 Zweites Blatt_________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Die Organisation der Kriegsschulen.
Die Entwicklung der Kriegsschulen kann bis auf den Großen Kurfürsten zurück verfolgt werden. Dieser schuf in Kolberg eine Ritterakademie, welche von 1653 bis 1701 bestanden hat. Aus den Zög- linaen dieser Akademie, welche nach deren Besuch meist als „Gemeine" in die Regimenter eintraten, wo sie nach zwei- bis dreijähriger Frontdienstzeit zu Offizieren befördert wurden, ergänzte sich das Offizierskorps des ersten „stehenden" Heeres, das durch den Großen Kurfürsten geschaffen worden war. Später wurde die wissenschaftliche Ausbildung der Junker den Regimentern überlassen. Erst bei der großen Reorganisation des preußischen Heeres unter Scharnhorst anfangs des 19. Jahrhunderts wurden Kriegsschulen in Berlin, Königsberg und Breslau für „Portepeefähnriche" errichtet. Rach den Befreiungskriegen traten an deren Stelle bei den einzelnen Divisionen die „Divisionsschulen". Diese bestanden bis zur Reorganisation des preußischen Heeres durch Prinzregent Wilhelm, den späteren König und Kaiser, im Jahre 1859. Jetzt wurden die eigentlichen Kriegsschulen zur Ausbildung des Offiziersnachwuchses geschaffen. Im gleichen Jahre wurden die Schulen in Potsdam und Erfurt «rrichtet, denen 1860 Reiße, 1863 Engers, 1867 Hannover und Kassel, 1871 Anklam und 1872 Metz folgten. Im Jahre 1865 wurde die Erfurter Kriegsschule nach Glogau verlegt. Im Jahre 1891 wurden die Kriegsschulen in Hersfeld und Danzig geschaffen, dem sich 1913 die Bromberger Kriegsschule anschloß. Die bayerische Armee hatte eine eigene Kriegsschule in München, während die Fahnenjunker der sächsischen und württembergischen Truppenteile auf den preußischen Kriegsschulen mit ausgebildet wurden.
Im allgemeinen mußten alle Fahnenjunker bei der Truppe sechs Monate lang Dienst tun, wobei ihnen nichts geschenkt wurde, so daß sie schon mit einer guten Grundlage an Kenntnissen des Truppendienstes zur Kriegsschule einrückten. Hier wurde eine Eintrittsprüfung abgehalten, um den Stand der Kenntnisse jedes einzelnen Fahnenjunkers festzustellen. Der Lehrgang auf den Kriegsschulen dauerte im allgemeinen 35 Wochen, in welchem die zur Offiziersprüfung nötigen wissenschaftlichen und praktischen Kenntnisse erworben werden mußten.
Der Unterricht fand nicht nur in den Hörsälen durch besonders ausgewählte Lehrer statt, die stets die Kriegsakademie besucht haben mußten, sondern ein gleich großer Wert wurde auf die praktische Unterweisung und Ausbildung im Freien gelegt. Hier wurde besonders die Entwicklung der körperlichen Fertigkeiten (Turnen, Sport, Schießen, Nachrichtendienst, Reiten, Fechten, Schwimmen), dk?r auch Geländeerkundung und vieles andere gsÄt.
Bei ausgedehnten Belehrungsreisen wurden Truppenübungsplätze, Festungen, Scharfschießen der Artillerie sowie klassische Schlachtfelder besichtigt. Nach etwa neun Monaten wurde die Offiziersprüfung abgehalten, welche in sehr eingehender Form (schriftlich und mündlich) dke erworbenen Kenntnisse der Offiziersanwärter zutage förderte. Mehr als einmal kam es vor, daß Prüflinge zurückgewiesen und zum Besuch eines neuen Kriegsschul-Lehrgangs geschickt werden mußten.
Als am 1. August 1914 der Weltkrieg ausbrach, wurden sämtliche Kriegsschulen geschlossen. Nach Beendigung des Weltkrieges wurde im März 1919 in Potsdam die Kriegsschule wieder eröffnet, um hier den während des Krieges beförderten jungen Offizieren die notwendige allgemein-kriegswissenschaftliche Ausbildung zu geben. Jedoch bereits im September mußten die Kurse abgebrochen werden, da die Siegermächte dagegen Einspruch erhoben? Im Friedensdiktat von Versailles war im Artikel 176 genau festgelegt, was Deutschland an militärischen Ausbildungsstätten für den Offiziersnachwuchs haben durfte. Für jede Waffe der jungen Reichswehr war nur eine Schule zugelassen (wobei Nachrichten- und Kraftfahrtruppe nicht als „Waffe" anerkannt wurden!). So wurden am 27. Mai 1920 die Jnfanterieschulen mit je einem Lehrgang in
München und Wünsdorf, die Artillerieschule in Jüterbog, die Kavallerieschultz. in Hannover und die Pionierschule in München geschaffen. Auf diesen Schulen wurden in mehrjährigen Lehrgängen die Offiziersanwärter des Reichsheeres ausgebildet. Zunächst kamen alle Fahnenjunker zur Jnfanterie- schule, um nach deren Besuch dann zur eigentlichen Schule ihrer Waffe kommandiert zu werden.
Nach der Wiedergewinnung der Wehrfreiheit durch die historische Tat des Führers vom 16. Mär.; 1935 mußte naturgemäß auch der Ausbildungsgang des Offiziersnachwuchses den Erfordernissen entsprechend umgestaltet werden. Während bis dahin im Reichsheer allgemein eine vierjährige Ausbildungszeit eingeführt war, wurde diese im Sommer 1935 auf zwei Jahre herabgesetzt. In diesen zwei Jahren findet die Ausbildung wie folgt statt: Nach einer neunmonatigen Frontausbildung beim Truppenteil kommen die Fahnenjunker auf eine der vier bestehenden Kriegsschulen Dresden, Hannover, Potsdam oder München, in welche die bisherigen Waffenschulen umgewandelt wurden.
Diese dem „Inspekteur der Kriegsschulen" unterstehenden Anstalten haben die Aufgabe, die in der
Kameradschaft heißt: Treue von einem Lebewesen zum andern. Im guten Sinne gibt es überhaupt keine andere Haustierhaltung, die doch stets ein Bündnis auf Gegenseitigkeit sein sollte: du, Tier lieferst mir deine Kraft, deinen Mut, deine Wachsamkeit und deine Sinnenstärke, du ernährst mich, während ich, der Mensch, dir die Sorge ums Dasein abnehme, dich vor deinen Feinden beschütze und vor der Kälte, Krankheiten dir fernhalte und einst dein Ende schmerzlos mache.
Wie gesagt, anders ist die Haltung von Haustieren — das heißt die Verpflanzung ehemals wild und freilebender Geschöpfe in den Jnteressenkreis
Truppe begonnene Erziehung und Ausbildung der Fahnenjunker fortzusetzen und den Kriegsschülern jenes Maß militärwissenschaftlicher Kenntnisse zu vermitteln, dessen ein junger Offizier jeder Waffe nicht nur für seinen Beruf bedarf, sondern ebenso auch für seine spätere Weiterbildung. Im praktischen Dienst wird das in der Front Erlernte erweitert und vor allem (was vor dem Kriege nicht der Fall war) jeder Kriegsschüler als Gruppenführer im Jnfanteriegefechtsdienst ausgebildet.
Nach einem zehnmonatigen Ausbildungslehrgang auf diesen Kriegsschulen, bei welchen die Offiziersanwärter aller Waffen zusammen ausgebildet werden, kommen die Fähnriche zu Sonderausbildungslehrgängen für die einzelnen Waffen. Hier werden sie bereits für die Verwendung in der Front als Zugführer ihrer Waffe sowie als Ausbilder von Rekruten vorbereitet, wodurch eine erhebliche praktische Vorarbeit für Verwendung in der Front geleistet wird. Die Kriegsschulzeit schließt wie früher mit der Ablegung der Offiziersprüfung ab. Nach deren Bestehen kommen die Fähnriche für die letzten zwei Monate ihrer Ausbildungszeit wieder zu ihrem Truppenteil zurück, bis sie dann nach Ablauf der zwei Jahre durch den Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zum Offizier befördert werden! S.-E.
und in die Raumbegrenzung der Menschen — keineswegs zu verantworten.
Aber der Tierfreund wird sich damit nicht begnügen-, er will über diese äußerliche Wechselbeziehung hinaus Kontakt haben mit dem „Lebensbruder", und indem er also auch seelische Treue hält zu seinem Tier, erfährt er Freude und Glück. Das eben ist das Schöne am Umgang mit den tierischen Lebewesen, daß sie — wenn ihre natürlichen Eigenschaften und ihr Charakter nicht von uns Menschen falsch geleitet worden sind — rückhaltlos die Kameradschaft halten, daß sie ohne Eigennutz und ohne Verstellung treu sind, und daß
Das Iild des Lustgartens für den Staatsakt am 1. Mi.
y.
Zum 1. Mai wird der Lustgarten eine eindrucksvolle Umgestaltung und Ausschmückung erfahren. Unser Bild zeigt den Entwurf des Architekten Speer, der die Ausschmückung leitet. Rechts und links sind die Tribünen, hinter denen sich gewaltige Fahnenmasten erheben. In der Mitte steht das Sinnbild des 1. Mai, der Maibaum. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Kameradschaft zwischen Mensch und Tier.
Äon tätiger Tierliebe und belohnter Treue.
Kleine und große Erlebnisse, miigeteilt von Paul Eipper.
Zrettag, 24.April (936
jede Wohltat, die der Mensch ihnen angedeihen läßt, sofort als Beglückung zu uns zurückströmt.
Wer das schöne Buch des Indianers G r a u» Eule gelesen hat, wer dadurch von der innigen Wechselbeziehung zwischen einem naturhaften Menschen und den Bibern der freien Wildbahn erfuhr, der begreift gewiß, was ich meine. Aber wir brauchen gar nicht so sehr in die Ferne zu schweifen; auch um uns gibt es Beispiele genug. Wieviele Tiere haben sich unsere Feldgrauen während des großen Krieges gerade in den vordersten Stellungen gehalten, nicht als Gefangene, sondern als Freunde, als ein lebendiges Stückchen Lichtblick in Kampf und Entbehrung. Gedenken wir der treuen Kriegs- Hunde, jener nie versagenden Meldegänger, Verwundetensucher, Essenbringer! Es würde aber ein Unrecht sein, wollte man nur die äußeren Leistungen der Hunde aufzählen und verschweigen, wie gut es war, solch ein blutwarmes Tiergeschöpf neben sich zu fühlen, in seine gläubigen, frohen Augen zu blicken. Hat jemand je gehört, daß ein Soldatenhund den Mut verlor?
Und welche Kameraden waren uns die Pferde! Eineinviertel Millionen Pferde standen auf deutscher Seite im Krieg; ungefähr Vierhunderttausend haben ihr Leben für uns gelassen. Es ist ein schönes Zeichen deutscher Tierliebe, daß wir Menschen diese Kameradschaft nicht vergessen haben. Vor einigen Wochen unternahm es der tätige Tierfreund F i - n u s, 1163 noch heute lebende Kriegspferde fest- zuftellen und ihnen das Ehrenschild „Kriegskamerad" zu stiften. Ich sah Bilder solcher Veteranen, die inzwischen 20, 25, ja 30 Jahre alt geworden sind, noch immer dem Menschen bei der Arbeit helfen oder in Ruhe und Wohlbefinden bei ihrem Freund das Gnadenbrot verzehren dürfen. Solche Treue tut wohl!
Wer nur einmal in seinem Leben ein Jungtier aufgezogen hat, ein Kätzchen, eine aus dem Nest gefallene Eule, ein verwaistes Rehkitz, ein beinlahmes Entchen, einen ausgesetzten Junghund oder selbst einen Fuchs, der weiß, wie bedingungslos solch ein Pflegekind seiner Nährmutter anhängt; ich könnte davon Beispiele in großer Zahl anführen.
Irgendwo in Westfalen lebt die Gans Kunigunde; sie war, eben aus dem Ei geschlüpft, durchaus schon dem Tode verfallen. Aber ein Mensch hat durch ausdauernde und liebevollste Betreuung diefes eigentlich hoffnungslose Tierschicksal zum Guten gewandelt, und seitdem gehört Kunigunde dem engsten Familienkreis der Menschen an. Draußen auf dem Hof find Hühner, Enten und Gänse in großer Zahl; Kunigunde jedoch kommt im Bewußtsein ihres selbstverständlichen Rechts jederzeit in die Wohnstube, begleitet wie ein Wachhund die Hausfrau auf Schritt und Tritt und hält es für ihre Pflicht, jeweils auch die frisch ausgebrüteten Gösselchen der Menschenfamilie unmittelbar vorzuführen.
Einen besonders schönen Beweis von Kameradschaft und Vertrauen habe ich im Berliner Zoo erlebt. Dort wird seit fast zehn Jahren die Schim - pans in Titine von dem alten Pflegerpaar Liebetreu gehegt. Man muß es selbst mit angesehen haben, wie sich diese „Tiermenschen" am frühen Morgen mit Titine unterhalten, mit welch lebhaftem Mienenspiel die Schimpansin ihre Freude über das Wiedersehen zeigt. Selbstverständlich, daß Titine auf das tägliche Kämmen und Bürsten, aufs Einfetten der Hände und Füße, auf die Säuberung der Ohren, Zähne und Augen behaglich wartet; geradeso, wie sie dem Pflegevater jeden nur einmal geäußerten Wunsch sofort erfüllt. Alle Menschenaffen lieben diesen tierverbundenen Menschen; ein eben erst eingetroffener kleiner Orangmann schmiegt sich ebenso an Liebetreu, wie auch der Riesengorilla Bobby immerzu freundschaftliche Gefühle für ihn empfand.
Nun stellte eines Morgens der Pfleger fest, daß die Schimpansin ein Zahngeschwür bekommen hatte. Titine zeigte immer wieder an di.e Backe, faßte dorthin, wo es ihr wehtat. Den Tierarzt zu rufen, schien nicht ratsam; er hätte Titine nur behandeln können, wenn sie zuvor festgemacht worden wäre.
Oer Guedermann.
Dom Wesen des Marionettentheaters.
Von Goethe bis Storm hat das Puppentheater im Leben unserer Großen eine Rolle gespielt. Und wer da sagen wollte, bei dem größten Bekenntnisdichter und bei dem verträumten Lyriker sei es gewissermaßen nur ein Symbol für das verlorene Paradies der Kindheit gewesen der sei daran erinnert, daß Heinrich von K l e i st, unser vielleicht größter Dramatiker, eine längere Abhandlung über Marionetten geschrieben hat, eine Abhandlung, über deren letzten Si?.n heute noch die verschiedensten Meinungen umgehen. Seine Zeit hat den Herrn von Kleist nicht verstanden, das war die Tragödie, die er lebte. Erst den späteren Generationen blieb es vorbehalten, sein Werk zu erfassen und auszudeuten. Und unserer heroischen Auffassung vom Leben steht der preußische Dichter besonders nahe. Was war es nun, was diesen doch wirklich ernsten Mann an der Puppenbühne so fesselte? Drei Dinge gesteht er den Marionetten zu: Ebenmaß,, Beweglichkeit und Leichtigkeit. Diese drei Eigenschaften haben die Puppen in „einem viel höheren Grade" als menschliche Darsteller. Und noch eines haben die den Schauspielern voraus: die Grazie desUn- bewußten. Seit wir vom Baume der Erkenntnis gegessen haben wir die Unbefangenheit verloren. An ihre Stelle ist die bewußte Eitelkeit getreten, und sie nimmt uns das Beste an uns: den selbstverständlichen Gebrauch der Gaben, mit denen uns die Natur bedacht hat. Seitdem also kann die Schönheit am reinsten nur in dem erscheinen, „der entweder gar kein- ober ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann oder in dem Gott."
Wäre cs nicht ein Hauptfehler aller Theorie, bei einem Künstler allzuviel Bewußtes vorauszusetzen, könnte man meinen, Fritz Gerhards, dessen Theater als „Reichspuppenbühne" vor kurzem von der NS.-Kulturgemeinde übernommen wurde, habe feine Marionetten auf Grund der Kleiftschen Abhandlung konstruiert. Denn Gerhards künstlerische Figuren' haben alles das, was jener fordert, und sie haben noch mehr. Jede Puppe dient über ihr bloßes Vorhandensein hinaus einer bestimmten Idee. Der arme des Spiels ist gewissermaßen der formgewordene Gedanke der Armut und der reiche Geizhals der des Geizes und des Reichtums. Damit gewinnen die Figuren ein überpersönliches Leben. Sie sind einmal sie selbst und darüber hinaus die Idee, die sie verkörpern. Alte mythische Vorstellungen bekommen damit ein zwingendes Leben.
Erst im Anblick dieser Marionetten kann man ermessen, was die antiken Theatermasken bedeutet haben. Eine unheimliche Gewalt geht von diesen Schnitzwerken aus und reißt den Zuschauer in ihren Bann. Wer auf dieser Bühne einmal das Sterben des reichen Mannes gesehen hat, wird es so leicht nicht vergessen; denn das kommt hier noch hinzu: Nicht nur den Puppen eignet eine magische Kraft, sondern auch dem Bühnenbild. Die Gesetzmäßigkeiten dieses Theaters bedingen Dekorationen, die allein m ihren Größenverhältnissen die Mitte halten zwischen Vorstellbarem und Märchenhaftem. Auf der Puppenbühne findet der Mythos das eigentümliche Zwielicht zwischen Sage und Geschichte, das seine Heimat ist. Hier brauchen wir uns nicht zu wandeln, hier werden wir verwandelt. Der Mythos lebt, und der Lebende hat bekanntlich recht.
Es braucht nicht betont zu werden, welche Wirkung eine solche Kunst auf die Seele eines Kindes ausüben muß. Der Jugendliche, der bestenfalls die Sagen und Märchen unseres Kulturkreises gehört hat, erlebt sie. An seine aufnahmefähige Seele wird damit ein Volksgut herangetragen, das wirksamste Niederschläge bilden muß. Wer gelernt hat, in dieser konzessionslosen Art Kunst zu genießen, der ist gefeit gegen Kitsch und Schund. Das Kind kann hier mit Kunst in wirklich reiner Form in eine ihm gemäße Berührung kommen. Dieses Erlebnis regt das Kind natürlichen und macht in ihm Kräfte frei zum eigenen Gestalten, fei es nun im bildmäßigen, im wörtlichen oder auch im technischen. Denn, auch das darf nicht übersehen werden, die Marionettenbühne ist nicht nur ein künstlerisches, sondern ebenso auch ein technisches Wunderwerk
Wie das Kind, so wird auch jeder schöpferische Mensch überhaupt durch dieses Theater angeregt. Es geht von ihm eine nachhaltige Wirkung auf alle Gebiete der Kunst aus. Jeder Künstler, fei er Maler, Plastiker, Musiker oder Dichter, findet hier ein Instrument, auf dem er für einen großen Kreis spielen kann. Jede andere Kunst kommt nicht immer an die Menschen heran, an die sie sich richtet, das Puppentheater macht Reisen durch das ganze Reich, sein Publikum ist das ganze Volk oder kann es werden. Damit erwachsen dem Künstler die schönsten Aufgaben. Hans R e h b e r g, der erfolgreiche Dramatiker der preußischen Geschichte hat z. B. für Ger- hard's Marionetten ein Spiel geschrieben. Das alte vertraute Märchen vom Froschkönig verbirgt sich unter dem vorläufigen Titel „Die goldene Kugel". Es ist kein Zufall, daß gerade ein dramatischer Dichter feine Kunst in den Dienst des Gliedermannes stellt. Wer mit den Gesetzen der Bühne vertraut ist, muß hier zuerst besondere Möglichkeiten für die
Kunst ahnen. Rehberg wird nicht der einzige Künstler bleiben. Andere Dichter werden ihm folgen, und sie werden Musiker und Maler nach sich ziehen.
Auf dem „Nationaltheater des Kindes" kann damit, was das letzte Ziel dieser Puppenbühne ist, eine Kunst erwachsen, die das große, so oft mißverstandene Wort von dem Gesamtkunstwerk Tat werden läßt — für Jugend und Volk.
Kuno Felchner.
Krieqsrüstunq im Ameisenstaat.
15 000 Waldameisen rüsten sich im Londoner Zoo zum Kriege. Diese Feststellung machte einer der Wärter, der den Ameisen seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat und sehr hübsche Beobachtungen über sie erzählt. Die Ameisen leben auf der größten von drei kleinen Inseln in einem Teich außerhalb des Jnsektenhauses. Dieser Tage könnt-' man sehen, wie sie in größter Hast ihre Hauptstadt gegen einen feindlichen Angriff befestigten. Die beiden Nachbarinseln, die von ihnen durch Wasserarme von 1 und 2 Fuß Breite getrennt sind, sind gegenwärtig unbewohnt, aber bald werden auf beiden Ameisenkolonien vorhanden sein, kleine Völker, und dann wird sofort der Vernichtungskrieg beginnen. „Früher pflegten wir Brücken zwischen die Inseln zu legen," sagte der Wärter, während er aufmerksam auf die kleinen, so ausgezeichnet organisierten Geschöpfe, die geschäftig hin- und her- fauften, herabfah. „Dann aber entstanden unbittliche Kriege bis zur Vernichtung; das eine Nest erlitt eine Niederlage, die dem Volk ein Ende bereitete, und die wenigen Ueberlebenden wurden als Sklaven davongeschleppt. Das war sehr interessant zu beobachten, aber wir haben es dann doch unterlassen." Man kann nur sehen, wie die Hauptstadt von den eifrigen Arbeitern befestigt wird, während die Befehlshaber lange Beratungen über eine halbe Apfelsine abhalten, die der Wärter ihnen zugeworfen hat. Einige von den Ameisen gehen augenscheinlich auf Abenteuer aus und setzten auf kleinen Holzstücken oder anderen schwimmenden Gegenständen zu den fremden Inseln über. Man könnte auch glauben, daß sie als Kundschafter gehen; wenn die „anderen Länder" unbewohnt sind, ist alles in Ordnung, aber sobald fremde Kolonien da sein werden, beginnt der Krieg und das Morden. In kurzem werden etwa 50 000 Ameisen im Londoner Zoo an dieser Stelle sein, die in drei kriegslustige Nationen getrennt sind und von denen jede „bis zu den Kinnbacken" bewaffnet ist.
Lichtspielhaus: „Schloß Vogelöd".
Dies ist bereits die dritte Fassung: der bekannte und viel gelesene Roman „Schloß Vogelöd" von Rudolf Str atz wurde schon einmal verfilmt, doch erwies sich die damalige Nachgestaltung, die sich getreu an die literarische Vorlage hielt, als ein Versager, weil hier ein für den Gang der Handlung wesentliches Motiv viel zu früh durchschaut werden mußte — im Gegensatz zum Roman, der erst viel später die Lösung bringt und demgemäß auch die Spannung bis zu diesem Zeitpunkt nicht lockert. Die jetzt erschienene Tonfilm-Bearbeitung der Ufa unterscheidet sich von jenem ersten Film wie dem Roman selbst grundsätzlich dadurch, daß sie neue Motive und Figuren einführt, so daß die ursprüngliche Gestalt nur noch in Umrissen erkennbar bleibt; allerdings geschah dies im Einverständnis mit dem Autor: Rudolf St ratz selber schrieb zusammen mit Peter Francke das Drehbuch. Geblieben ist, sehr allgemein, im Rahmen eines Gesellschaftsstückes, die Überschneidung von Liebesgeschichte und Kriminalfall Das Schwergewicht liegt auf der Frage nach der psychologischen Motivierung der Mordtat. Auch hier spielen, neben anberm, der Streit um das Erbteil des Grafen Andreas, der Bruderzwist und der eheliche Konflikt auf Schloß Vogelöd eine wichtige Rolle, und der Beschauer wird durch die Einbeziehung mehrerer Nebenmotive nicht ungeschickt zunächst "auf die falsche Fährte gelockt, so daß er sich der endlichen Aufklärung und Entlarvung des wahren Schuldigen mit einiger Ueberraschung gegenüberfindet. Der Spielleiter Max O b a l hat die einzelnen Motive, die hier zufam- menwirken, nach Kräften herausgearbeitet und die Lösung durch ein Wechselspiel von Verschleierung und Aufhellung bis zuletzt hinauszuziehen verstam den. Allerdings besteht wohl kein Zweifel, daß auch diese zweite Fassung nicht die, innere Geschlossenheit der ursprünglichen Gestaltung erreicht, geschweige denn über sie hinausgelangt; die Verfilmung des Stoffes ist an sich von der ersten zur zweiten (tönenden) Fassung entschieden verbessert worden. In Hans Stüwe und Walter Steinbeck sind die beiden ungleichen Brüder auf Vogelöd mit scharfem Kontrast einander gegenübergestellt. Carola Höhn als Marianne wirkt daneben etwas blaß und konventionell. Lebhafter getönt erscheinen einige andere Gestalten, Karl Hellmer, Hans Zesch-Ballott, Käthe Haack, Hilde Sessak und A. Schröder-Schrom seien hervorge- hoben. — Im Beiprogramm gibt es u. a. ein Lustspiel und einen beachtlichen Kulturfilm „Im Lande Widukinds. —r—


