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Nr. 71 Erstes Blatt

Dienstag, 24. Marz 1956

186. Jahrgang

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Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Der Charakter des Locarno-Memorandums.

England erwartet deutsche Gegenvorschläge.

Lord Halifax zur Lage.

L 0 n d 0 n, 24. März. (DNB.) Der englische Lord- siegelbewahrer Lord Halifax hielt an Stelle des in London durch seine Arbeit festgehaltenen Außen­ministers Eden die Eröffnungsrede auf der Jah­resversammlung des Landesausschusses der Evan­gelischen Freikirchen in Bristol. Lord Halifax, der als zweiter englischer Vertreter an den Locarnobe­sprechungen teilgenommen hatte, erklärte u. a.:

Wir wollen keine Einkreisung Deutschlands. Wir wollen keine exklu­siven Bündnisse. Wir wollen vielmehr eine Gemeinschaft in der europäischen Ge­sellschaft aufbauen, an der sich Deutschland frei beteiligen und die Rolle eines guten Europäers für das europäische Wohlergehen spielen kann.

Ich habe es mir nie verheimlicht, daß wir etwas Schweres von Deutschand forderten. Schließlich hat aber Deutschland die Bedingungen geschaffen, durch die die Festigkeit Europas erschüttert wurde. (!!) Es war daher unter den gegebenen Umständen nicht zuviel von Dutschland verlangt, einen Beitrag zu leisten, der zugegebenermaßen schwer war. Ich habe jedoch Berichte in der Presse gelesen, daß Deutsch­land mindestens einen der Vorschläge der Locarno­mächte nicht anzunehmen in der Lage sein werde.

Wenn das zutrifft, dann möchte ich zunächst sagen, daß diese Vorschläge niemals irgend etwas von der Art eines Ultimatums sein sollten, das Deutsch­land in seiner ursprünglichen Form zu unter­zeichnen hätte. Wir möchten jedoch hoffen, daß von Deutschland, wenn es unsere Vorschläge nicht annimmt, Gegenvorschläge kom­men, die nicht weniger wirkungsvoll wären als die anferigen. Soweit die britische Regie­rung in Betracht kommt, kann gesagt werden, daß allen ernsthaften deutschen Gegenvorschlä­gen irgendwelcher Art die sorgfältigste Er­wägung gesichert ist.

Lord Halifax erklärte, das britische Volk habe den überwältigenden Wunsch, daß der ganze Einfluß Englands in die Waagschale des Frie­dens geworfen werde, und daß die englische Re­gierung keine Bemühungen scheue, den Frieden auf der einzig möglichen Grundlage, nämlich der Achtung für die internationalen Ver­träge und der gegenseitigen Verständigung zwischen den Nationen Europas und der Welt, zu erzielen. Außenminister Eden versuche, eine Brücke zu bauen, auf der sich die deutschen und französischen Auffassungen begegnen, einer gegen­seitigen Verständigung näher kommen und daduxch das Friedensgebäude verstärken könnten. Aus dieser Bemühung hätten sich die Vorschläge der Locarnomächte ergeben. Nichtangriffspakte von der Art, wie sie der deutsche Reichskanzler vorge­schlagen habe, unterstützt durch Maßnahmen für gegenseitigen Beistand zwischen den Nationen wür­den als mächtiges Abschreckungsmittel gegen alle Friedensbrecher wirken. Er und Eden hofften, daß Deutschland sich an diesen Maßnahmen beteiligen werde.

Die englische Sochkirche für einen Frieden der Gleichberechtigung.

London, 24. März. (DNB. Funkspr.) Die Hochkirche von England hat zur politischen Lage Stellung genommen und zwar in einem Brief des Erzbischofs von Canterbury an Ministerpräsident Baldwin. Der Brief lag einer Konferenz sämtlicher Bischöfe von Eng­land vor. Das Schreiben betont, daßauch die anderen Mächte" nicht immer dem Gei sie nach ihre V e r p f l i ch ku n g e n erfüllt haben und zwar sowohl die aus dem Locarno-Ver­trag als auch die aus der Völkerbundssatzung ent­springenden. Von größter Bedeutung sei es nun, daß die Staatsmänner Europas nicht rück­wärts, sondern vorwärts sehen und sich ernsthaft anstrengen, die einzigartige Gelegen­heit zu nutzen, die sich jetzt biete, das System des europäischen Friedens neu aufzubauen und zwar auf der Grundlage internationaler Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Daher sei der Vorschlag zu begrüßen, daß der Völkerbund möglichst bald eine internatio­nale Konferenz einberufe, die die Grundlage zu diesem Neuaufbau legen solle.Wir hoffen", so heißt es in dem Schreiben weiter, ,chaß eine solche Konfernz nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen Ursachen der Ner­vosität und Unzufriedenheit vieler Nationen behan­deln wird. Wir vertrauen darauf, daß in einer so geschaffenen besseren Atmosphäre eine neue un­entschlossene Anstrengung gemacht werden wird, um in Uebereinstimmung mit den Verpflichtungen der Völkerbundssatzungen eine allgemeine Abrüstung herbeizuführen."

News Chronicle" weist darauf hin, daß der Brief nicht nur von Vertretern der anglikanischen Kirche, sondern auch von den Methodisten, Kongregationa­listen, Baptisten, Presbyterianern, Nonkonformisten

und den Vertretern der Heilsarmee unterzeichnet wurde. Es sei kein Zweifel, daß er die Ansichten des Durchschnittes des englischen Publikums wiedergäbe.

Die Haltung Italiens.

London, 24. März. (DNB. Funkspruch.) Die Morgenpresse zeigt, daß das Verständnis für die deutsche Haltung weiter an Boden gewonnen hat. Die öffentliche Meinung ist sich darüber klar, daß die Vorschläge der Locarnomächte an Deutschland i n der gegenwärtigen Form nicht an­nehmbar sind.

Eine Erschwerung, so meintMorning Post", er­warte man durch die Haltung Italiens. Grandi habe bei der Eröffnung der Ratstagung es ganz klar gemacht, daß Italiens Zusammenarbeit mit den Locarnomächten gewisse Bedingun­gen zur Voraussetzung mache, nämlich die B e -

Paris, 24. März. (DNB. Funkspruch.) Die Pariser Morgenpresse gibt eindeutig den tiefen Gegensatz wieder, der zwischen der e n g - l i s ch en und der französischen Auffassung über die Eigenschaft des Londoner Vierer-Abkom­mens besteht. Edens Unterhauserklärung, daß die dem Botschafter von Ribbentrop übergebenen Schriftstücke nurVorschläge" darstellten, hat das französische Außenministerium so betroffen, daß es sich nämlich offenkundig an der ganzen weite­ren Verhandlung in London zu desinteressieren ge­denkt und die Völkerbundsratssitzung m ö g l i ch st schnell beendet zu sehen wünscht. Außerdem scheint es die Londoner Verhandlungsbühne mit dem üblichen diplomatischen Weg austauschen zu wollen. Flanoin hat erklärt, er werde nicht nach London zurückkehren sondern in seinen Wahlkreis reisen

Die Zeitungen geben nur übereinstimmend die Information wieder, wonach Frankreich keine Gegenvo schlüge erörtern werde. Vor allem ist man besorgt, daß Englands mili­tärischer Bei st and keineswegs bereits so gesichert erscheint, wie Paris Ende voriger Woch noch angenommen hatte. DerJour" schreibt, wenn Hitler am Dienstag seine Gegenvorschläge unterbreite, und Flandin dann Verhandlungen über sie verweigere, würde die englische Regierung wahrscheinlich versuchen, die Schuld für das Scheitern der Locarnoverhandlungen Frankreich zuzuschieben. Alle Welt' fei überzeugt, daß es am besten gewesen wäre, den Völkerbundsrat sofort nach der Feststellung der Locarnoverletzung durch Deutschland zu vertagen, die Verhandlungen auf diplomatischem Wege weiter zu führen und in zwei bis drei Wochen wieder zusammenzutreten. Weder England noch Deutschland noch Italien fühlen sich gebunden, schreibt dasJournal". Was bleibe denn überhaupt noch von dem Londoner Plan übrig? Der letzte Fehler, den man noch machen könne, sei die Ansicht, daß die französische Politik

seitigung der Sanktionen. Mussolini habe noch nicht seine Zustimmung zu dem Viermächte- Abkommen gegeben und es sei auch unwahrschein­lich, daß er sie ohne wichtige Vorbehalte geben werde. Mit all seinem Mut und kühlen Haltung, die er gegenüber der übrigen Welt zeige, müsse Mussolini doch darauf bedacht fein, auf dem Wege der Versöhnung den Fried en in Afrika her- zuftellen, um desto besser den Frieden in Europa aufrechterhalten zu können. Eine solche Veränderung der italienischen Politik könne natür­lich nicht an einem Tage erreicht werden. Daily Telegraph" sagt, weder der Tonfall noch die Launenhaftigkeit der Anspielungen Mussolinis gegenüber Großbritannien könnten in England ernsthaften Unwillen erzeugen, da man Italiens Schwierigkeiten sehr gut verstehe. Nichtsdesto­weniger brächten sie eine mißliche Note zwi­schen die beiden Länder.

aus dem Kreislauf falscher Entschlüsse herauskom men könne, wenn man an eine Wahlreise nach Ponne (womit auf Flandin angespielt wird) mache und eine Vertagung des Dölkerbunds- rates zu erreichen versuche.

Pertinax sieht die erste Schwierigkeit darin, daß die italienische Regierung hinsichtlich des Vierer-Abkommens noch nichts von sich habe hören lassen. Sie wolle die Gelegenheit aus­nutzen, um von den Sühnema'ß nahmen loszukommen. Grandi, der bei der ganzen Angelegenheit ein stummer Zeuge gewesen sei, habe am Montagabend noch keine Anweisungen aus Rom gehabt.Oeuvre" meldet jedoch, Grandi sei von seiner Regierung mitgeteilt worden, Rom sei zur Unterzeichnung der Londoner Schriftstücke der Locarnomächte nur bereit, wenn Frankreich genau umrissene Bürgschaften über seine Rolle im afrikanischen Streit geben wolle. Frankreich glaube, bereits genug für Italien getan zu haben, Italien hingegen meine, Frankreich hätte noch mehr tun können. Italien werde also mit seiner Antwort warten, bis Deutschlands Ant­wort vorliege.

Madanaga soll im Abessinien-Konflikt verhandeln.

London, 23. März. (DNB.) Der Dreizeh­ner-Ausschuß des Dölkerbundsrates hat be­schlossen, seinen Vorsitzenden de Madariaga und den Generalsekretär des Völkerbundes zu be­auftragen, an die italienische und abessinische Re­gierung heranzutreten, um festzustellen, welche Möglichkeiten für die Herbeiführung eines Waffen st ill st an des und den Abschluß eines Friedens im Geiste des Völkerbundspaktes bestehen

Zuversicht.

Von Dr. Hans von Malottki.

In voller Schärfe hat sich an der deutschen Aktion vom 7. März jdner diplomatisch-politische Kampf entzündet, der bisher noch jeder entschlossenen Be­kundung des deutschen Lebenswillens gefolgt ist, die Auseinandersetzung um die Stellung Deutschlands innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft. Die Wiederbesetzung der Rheinlandz0ne ist bei dieser Wendung ins Grundsätzliche gar nicht mehr so sehr tatsächlicher und alleiniger Streitgegen­stand. Sie bildet vielmehr nur das Symbol und den Ausgangspunkt für den neu entbrannten Kampf um jenedeutsche Frage" überhaupt, die seit 1919 wie ein Albdruck auf diesem friedlosen und ruhebedürf­tigen Kontinent lastet.

Die Londoner Dokumente der Lo­carno-Mächte waren nicht nur ein Gradmesser der Widerstände, mit denen der deutsche Selbst- behauptungswille auch heute noch zu rechnen hat. Sie waren auch was fast noch schwerer wiegt ein erschütterndes Eingeständnis, daß die West­mächte den wahren Charakter der deutschen Politik, ihre Notwendigkeit und Nützlichkeit für Europa noch immer nicht erkennen wollen und erkennen können. So bewegt sich die europäische Politik in einem unseligen Zirkel: Jeder deutsche Schritt in Richtung der Gleichberechtigung er mag noch so notwendig und vernünftig fein, erscheint in der verzerrten Perspektive des Versailler Hohlspiegels den anderen als ein bedrohlicher Akt. Unfähig oder einfach nicht gewillt, sich aus einer Betrachtungsweise zu lösen, die den erstarkenden deutschen Lebenswillen nicht als Voraussetzung des europäischen Gleichgewichts, sondern als gefährliche Stö­rung der Versailler Zustände empfindet, wird so jede deutsche Durchbruchsschlacht für den wahren Frieden in den Augen der anderen zur Quelle einer neuen Gefahr.

So werden wir vorerst uns damit abfinden müssen, daß die Fundamentierung einer sinnvollen europäischen Ordnung auf absehbare Zeit leider nur unter Erschütterungen und gegen den Wider­stand derer sich vollziehen kann, die wie gebannt auf die Trümmer der Versailler Welt starren. Das Werk der Friedensstiftung wird da­mit ungleich schwieriger, freilich darum nicht weniger dringlich und notwendig. Es erfordert den Einsatz der gesammelten deutschen Lebenseneraien. Die Welt mißt diese Lebensenergien des deutschen Volkes an dem Grad der Geschlossenheit und Wider­standsfähigkeit nach außen. Sie wird am nächsten Sonntag Gelegenheit haben, die volle Ueber­einstimmung zwischen Führung und Volk festzustellen. Wenn sie klug ist, dann wird sie in der Bekundung des einheitlichen deutschen Wollens nicht eine bloße selbstverständliche Billigung der Aktion vom 7. März erblicken; sie wird in erster Linie in der Wahl vom 29. März einen Akt unbeugsamer Entschlossenheit Deutschlands erkennen müssen, gegen alle Wider­stände den Wegweiterzugehen, den Selbst­achtung, politische Vernunft und europäisches Ver­antwortungsgefühl zur unbeirrbaren Pflicht stem­peln. Gleiche Ehre, gleiches Recht, gleiche Sicher­heit, mit diesen Punkten ist nicht nur das un­erschütterliche Ziel der deutschen Politik, sondern auch der deutsche Beitrag zum Frieden Europas umschrieben.

Wie schwer macht sich dieses Europa dank der Fehlhandlungen seinerStaatsmänner" das Leben? Alle Welt ist sich im Grunde darüber klar, daß das französische Vormachtstreben der Gle i ch gewi ch t sidee des Locarnover­trages den Todesstoß versetzt hat. Diese Idee war eines der wenigen gesunden und natürlichen Sicher- heitselemente im europäischen Nachkriegsdasein. Ausschaltung jeder Gewaltanwendung zwischen Deutschland und Frankreich, Friedenssicherung im Westen unter unparteiischer Garantie Englands und Italiens, diese Konzeption war vernünftig und entsprach europäischen Notwendigkeiten. Es ist kein Zufall, daß die Vorschläge des Führers und Reichs­kanzlers sinngemäß und unter Anpassung an die gewandelten politischen und militärischen Umstände an diese Konzeption anknüpfen. Was aber tut Frankreich? Wenn nicht alles täuscht, will die französische Politik es bei ihrer bisherigen Schuld nicht bewenden lassen, geschweige denn einer fried- llchen Entwicklung Raum geben. Was der Quai d'Orsay an Gedanken und Vorschlägen in die Lon­doner Dokumente hineinbringen konnte, deutet vor allem auf die Absicht hin, den selbstverschuldeten Zusammenbruch des westlichen Sicherheitssystems noch obendrein so auszuschlachten, daß jeder auf­bauenden und alle Teile befriedigenden Neuord­nung nach Kräften der Weg versperrt wird. Von kn g l a n d wird unter Provozierung einer deut- chen Ablehnung nichts anderes verlangt, als sich ur alle Zukunft feiner unparteiischen und unbe- sangenen Garantenfähigkeit zu begeben und als militärischer Verbündeter Frank- r e 1 ch s bei den weiteren Sicherheitsgesprächen auf- zutr^ten. Dazu soll das Weißbuch den Weg frei madjen. Es soll also wieder einmal auf dem Rücken Der deutschen Gefahr der Versuch gemacht werden, Cnglands vollends von der Politik des Zleichgewichts abzubringen, ein Ver- der besonders gefährlich ist angesichts der enq- Mchen Wendung zurKollektivität". Mit einem

. rf)inbcrun9 ^des wirklichen Ausgleichs «^Gleichgewichts und damit Stabilisierung der Unsicherheit der europäischen Gesamtlaqe, frnf 11 auS b±r Krise die Position der fron nist- schen Politik. Man darf nicht vergessen, daß fierr tyianöin es ausdrücklich als Zumutung bezeichnet hat, wenn man Frankreich und Deutschland in der

Schlesien bekundete dem Führer seine Treue.

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2Im Sonntagnachnuttag sprach der Führer u n d R e i ch - k ° n z, e r in der Breslauer Jahrhundert- Halle zur schle,sichen Bevölkerung Luch hier kam es wieder zu stürmischen Kundgebungen für ben Fuhr-r m denen die Unverbrüchliche Treue der schlesischen Bevolkeruno sllr Adolf Hiller zum Ausdruck kam. Aus dem Flughafen von Breslau wurde der Führer von einem Jungvolkjungen begrüßt Rechts- Gauleiter Josef Wagner; in der Mitte Reichsführer SS. tiimmler ö J

(Presse-Jllustration-Hoffmann-M.) ' '

Flandin wünscht keine weiteren Verhandlungen

Keine Rückkehr des französischen Außenministers nach London.