Kr. 248 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 22. Gttober 1936
Der Gauleiter in den Werkstätten seiner Arbeiter.
Der Gauleiter besichtigt einen Industriebetrieb im Grenzkreis Dillenburg des Gaues Hessen-Nassau.
NSG. Am Mittwoch, 21. Oktober, besichtigte Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger bie Eisen- werke i n Burg, Kreis Dillenburg, die zu den größten europäischen Fabriken der Ofen- und Herb- inbustrie gehören.
Bei bem Runbgang burch bas Werk konnte ber Gauleiter feststellen, baß auch auf biesem Probuk- tionsgebiet bie beutsche Qualitätsarbeit an ber Spitze marschiert. Dies ist vor allem bem großen Fortschritt im Herb- unb Ofenbau in ben letzten brei Jahren zuzuschreiben, nach einem Stillstanb ber vorangegangenen zwei Jahrzehnte. Diese Verbesserungen erstrecken sich einerseits auf bie Möglichkeit einer großen Einsparung von Brennmaterial unb anbererseits auf bie ökonomischere Ausnutzung währenb bes Branbprozesses.
Der Aufschwung im Jnbustriegebiet bes Dillkreises finbet seinen Ausbruck in ber Tatsache, baß
bort heute zwei Drittel bes gesamten Herb- unb Dfenbebarfs Deutschlanbs hergestellt werben. Ebenfalls charakteristisch für biese erfreuliche Aufwärtsentwicklung ist bie Erhöhung ber Gefolgschaftsziffer: allein bieser vom Gauleiter besichtigte Betrieb hat seine Belegschaft von 1800 auf 2700 Arbeitskameraben vermehrt.
In ben Werkstätten, an ber Arbeitsstelle unterhielt sich ber Gauleiter mit ben Arbeitern unb er- funbigte sich eingehenb nach ben Leistungen ber Arbeitsfront unb ber NS.-Gemeinschaft ' „Kraft burch Freube". Auch bie sozialen unb materiellen Verhältnisse bes einzelnen Arbeiters würben bei bieser Gelegenheit besprochen.
Am Abenb besuchte ber Gauleiter bie Kreisleitung Dillenburg unb sprach anschließend), zur freubigen Ueberraschung ber Parteigenossen, in einem Mitglieberappell ber Ortsgruppe.
Ohne Frau kein Lustschuh’
Das ist feine Rebensart, sonbern bitterer Ernst. Es ist nicht entscheibenb, ob bie Frauen bie im Luftschutz verlangten Arbeiten leisten können, wesentlich ist allein bie Erkenntnis, baß bie Frauen unb jungen Mäbchen sie in großem Umfange werben leisten müssen.
Warum? So wirb mancher Kritiker unb Zweifler fragen, ber noch nicht in bie Lustschutzarbeit hin- eingese'hen hat. Eine einzige Tatsache macht ben unentrinnbaren Zwang vollkommen klar. Die Heimatfront bes Luftschutzes kann auf-wehrpflichtige Männer bis 45 Jahre nicht rechnen. Sie muß ferner auf alle Kräfte verzichten, bie zum bshörblichen Sicherheits- unb Hilfsbienst gehören. Sie muß alle Angehörigen bes Werkluftschutzes ausschalten. Schließlich bars sie nicht übersehen, baß bie zurück- bleibenben Männer häufig zu alt unb zu wenig leistungsfähig finb. Aus biefen Ueberlegungen bleibt nichts anberes übrig, als im großen Umfang Frauen unb junge Mäbchen praktisch auszubilben, bamit sie im Ernstfall mit Aussicht auf Erfolg bie Abwehr gegen bie aus ber Luft brohenben Gefahren übernehmen können.
Was hat eine Frau zu tun? Der Möglichkeiten finb viele. Sie kann bas verantwortungsvolle Amt eines Luftschutzhauswartes, ober bes Stellver
treters übernehmen. Es ist möglich, sie ber Hausfeuerwehr ober ber Luftschutzgemeinschaft zuzuteilen. Schließlich kann sie als Laienhelferin zur Betreuung von Verletzten unb Kranken eingesetzt werben. Alles will freilich gelernt sein; von heute auf morgen kann niemanb einen bieser Posten übernehmen. Eine grünbliche Schulung unb Ausbilbung in ben Kursen bes Reichslustschutzbunbes ist nötig, unb bie vielen Frauen, bie schon geschult finb, beweisen, baß es keine unüberwinblichen Schwierigkeiten gibt. Es muß vor allem betont werben, baß bas sowohl für Mütter, wie für berufstätige Frauen gilt. Nach oft gemachten Erfahrungen muß auch gesagt werben, baß gerabe Frauen mit großem Verstänbnis sich ben mannigfachen Aufgaben bes Luftschutzes zugewanbt haben.
Selbst Zweiflern braucht für bie Zukunft nicht bange zu werben. Sie sollten nur ein wenig an bie beispiellosen Leistungen aller Frauen im großen Kriege benfen, Leistungen, bie vorher niemanb für möglich gehalten hätte, unb bie bann boch in jenen Notjahren mit schweigenber Selbstverftänblichkeit vollbracht würben. Die Vergangenheit also gibt uns Heutigen ein Recht, überzeugt zu sein, baß Deutschlanbs Frauen auch in Zukunft ber Volksgemeinschaft ihre Kraft weihen können. *7*
Aus Der Provinzialhauptstadt
Herbstlicher Wald.
Die ersten Fröste finb gekommen. Alle blühen- ben Blumen starben in ben letzten Nächten. Wohl bringt uns ber Tag noch Sonnenschein, blauen Himmel unb vielleicht auch herbstliche Milbe, aber schon zogen bie Schneegänse nach Süben. Will sich ber Winter biesmal so früh einstellen? Seine ersten Boten sanbte er uns.
Um so bankbarer genießen wir sonnige Herbsttage. Wir lassen bie Schönheit ber Natur stark unb frisch auf uns wirken. Eine Wanberung an einem schönen Oktobertag, auch wenn ber Winb kühl weht, gehört zu ben stärksten Erlebnissen Wie kräftig wirkt schon ber neblige, frische Morgen! Noch liegt bie Lanbschast wie in einem leichten Schleier gehüllt, aber wir wissen, baß bie Sonne burchkommen wirb.
Schön ist ein Blick von ber Bergeshöhe auf bie bunten Wälber Meilenweit schweift bas Auge über bie blau bämmernben Hügel. Alles scheint nahe zusammengerückt. Unenbliche Fernen tun sich auf.
Die Walbesstille beruhigt bas Herz. Sie überträgt sich auch auf uns. Wir fühlen bas sanfte Einschlummern ber Natur. Der Herbst webt bas Schlasgewanb. Das Pflanzenleben verblaßt, bie grünen Blätter werben bunt unb ber Erbe wieber- gegeben. Schon steht qm trockenen Abhang eine Buche, bie halb entlaubt ist. Balb wirb auch von ben anberen Bäumen bas Laub zur Erbe rieseln.
Ein enger Laubgang, wie aus Golb gewirkt, winbet sich leicht bergan. Dann unb wann haben wir einen Ausblick ins offene Felb. Würziger Erb- geruch strömt uns entgegen. Die Bauern säen bie Winterfrucht.
lieber Nacht hat sich ber Walb in sein golbenes Gewanb gehüllt. Die Fröste lösten schon viele Blatter, unb bie ersten Stürme werben balb alles kahlfegen.
Aber noch glüht es überall in Rot, in Gelb, in Braun unb Grün, unb am Abenb ziehen violette Schatten über bie Lanbschast. Dann ist ber Walb am schönsten. In ben Wipfeln ber Bäume träumt bie Stille. Nur mit verhaltenen Schritten roanbern wir langsam unb behutsam weiter.
Beim Verlassen bes Walbes bleiben wir stehen unb schauen noch einmal zurück nach ben Bäumen. Da leuchten alle Farben in wunbervollem Zusammenklang auf. Von bem Boben her, ber schon ganz mit buntem Laub bebecft ist, wächst bie Pracht. Da stehen bie Büsche, umrankt von ben bunklen Brombeerruten, in buntem Herbstgewanb. Dahinter erheben sich bie stolzen Buchen. Ihre Blätter glänzen in allen Farben. Die schlanken Birken haben ein golbgelbes Kleib angezogen. Die letzten Som- merfäben umroinben bie bunten Blätter. Ganz im Hintergrunb stehen bie bunklen Fichten. Durch ihre grünen Nabeln hebt sich erst bie frohe Farbenpracht unb wirkt befto lebhafter unb frischer.
Es ist ein Abschiebsfest. Ab unb zu knackt es im Laub. Die reifen Bucheckern unb Eicheln fallen ab. Wir fühlen in biefen Tagen mit leiser Wehmut, wie bas Jahr nun langsam zu Enbe geht. H.
Vornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Oberhessischer Geschichtsoerein im Deutschen Dolks- bilbungswerk, 20.15 Uhr Vortrag „Raumforschung im Lahntal" von Prof. Dr. Bechtel im Kunstwissenschaftlichen Institut, Lubwigstraße 32. —° Gloria-Palast, Seltersweg: „Moskau—Schanghai". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Standschütze Bruggler".
Amt für Volkswohlfahrt
Ortsgruppe Gießen-Norb.
Lebensmittelopferring.
Am Donnerstag, 22., unb Freitag, 23 b. M., wirb bie Pfunbsammlung burchgesührt.
Die Mitglieber werben gebeten, bie Pfundpäck- chen bereitzuhalten unb bie Mitgliedskarte jur Eintragung vorzulegen
Die Päckchen finb inhaltlich burch eine klare Aufschrift kenntlich zu machen. Es wirb barauf hinge- wiesen, baß bie Pfunbsammlung im Winterhalbjahr bei allen Volksgenossen, also nicht nur bei ben Mitgliebern bes Lebensmittelopferringes, durchge- führt wirb!
A ie müssen helfen'
In den VDrN.-heimabenden wird tüchtig für das WHW. geschafft.
NSG. Wie im vergangenen Jahr, so werben auch dieses Mal zu Weihnachten wieder unzählig viele Pakete gepackt werben, bamit alle Volksgenossen eine Weihnachtsfreude haben. Da heißt es fleißig sein. Durch eine Vereinbarung zwischen ber Gau- amtsleitung ber NSV. und dem BDM. Obergau 13 stellt die NSV. dem BDM. Wolle und Stoff unb sonstiges Material zur Verfügung, bas bie Mädel in ben wöchentlichen Heimabenden unter Anleitung ber Werkreferentin oder ber jeweiligen Führerin verarbeiten.
So entstehen im ganzen Obergau Hessen-Nassau unzählige Strümpfe, Hemben, Kinberwäsche, Jäckchen, Mäntelchen, Spielzeug usw. Die Jungmäbel finb hauptsächlich für bie Spielsachen aus einfachstem Material, Holzklötzchen usw. herangezogen und stricken unb häkeln mit Begeisterung Kinbermütz- chen unb warme Schals. Der Erfolg wirb sich kurz vor Weihnachten zeigen.
600 ^Zungvoikfübrertagungen m Hessen-Na^ou
Im Laufe bieser unb ber tommenben Woche ziehen bie Fähnleinführer bes Deutschen Jungvolks im Gebiet Hessen-Nassau ihre Jungzug- unb Jun- genschaftsführer zu Arbeitstagungen zusammen. Diese insgesamt etwa 600 Kurzschulungen bienen ber ersten Auswertung bes bisher größten Jungvolkführerlagers, bas vom 11. bis 18. Oktober in Friedberg burchgeführt würbe.
Eröffnung des Volksbildungswerkes.
Am tommenben Freitag, 23. Oktober, 20.30 Uhr, finbet in ber Aula bes Gymnasiums bie Eröffnungsfeier bes Bolksbilbungswerkes im Kreise Gießen statt.
Wie im vergangenen Jahre hat sich auch für biefen Winter eine große Anzahl von Wissenschaftlern unb Gelehrten in den Dienst ber Dolksbilbungs- arbeit gestellt, um jeben beutschen Volksgenossen an bem reichen Schatz beutschen Geistesgutes teilnehmen zu lassen. Die Bilbung ist nicht mehr nur ein Vorrecht gewisser bevorzugter Stänbe unb Kreise, sondern soll weiter unb weiter verbreitet unb schließlich Gemeingut bes ganzen Volkes werben.
Nicht nach ber Breite bes Wissens wirb heute ber Mensch gewertet, sonbern nach ber Leistung, die er für bie Gesamtheit vollbringt. So gibt es über allen wissenschaftlichen Erkenntnissen unb ber Uebersätti- gung mit Wissen noch ein Höheres, bas ist ber auf bas Gute unb Eble gerichtete Wille und bie Tiefe bes beutschen Gemütes. Deshalb hat sich auch bas Deutsche Volksbilbungswerk neben ber reinen Wissensvermittlung bie hohe Aufgabe gestellt, bie Werte ber Seele unb bes Charakters zu bilben unb zu pflegen.
Das Deutsche Volksbilbungswerk umfaßt alle Bil- bungsoereine unb Einrichtungen mit kulturellen Bestrebungen unb roenbet sich mit seiner Tätigkeit an bas gesamte Volk ohne Unterschieb.
Mögen auch im fommenben Winter alle Veranstaltungen, Vorträge unb Gemeinschaftsabenbe, Führungen durch bie Museen unb gemeinsame Lehr- roanberungen einem jeben Besucher zum inneren
Erlebnis werden und mithelfen an bem Aufbau unseres Volkes. W.
Am tommenben Freitag spricht bei ber Eröffnungsfeier bes beutschen Bolksbilbungswerkes ber Gauhauptstellenleiter für Volksbilbung, Pg. Hanb - werk (Frankfurt), über „Deutsches Volkstum — beutsche Größe". Zu bieser Veranstaltung haben nicht nur bie Mitglieber ber im Deutschen Volksbilbungswerk zusammengeschlossenen Vereinigungen — Goethebunb, Lanbschaftsbunb Volkstum unb Heimat, Oberhessischer Geschichtsverein u. a. — freien Eintritt, sonbern alle Volksgenossen.
Berufsschulpslichtige Schuler und die (Gewerbeschule.
Wie bie Abteilung VII ber ßanbesregierung an- ordnet, können im Zuge ber Neuausrichtung bes beruflichen Schulwesens berufsschulpflichtige Schüler nicht mehr in bie Gewerbeschulen ausgenommen werben. Die noch oerbleibenben Schüler finb von ben Gewerbeschulbirektionen unter Aufteilung in Klassen unb Fachrichtungen zu melben.
Vereidigung von Arbeitsdienstmännern.
In der Reichsarbeitsdienstabteilung 5/222 „Justus von Liebig" in Gießen findet am fommenben Sonntag um 10.45 Uhr die feierliche Vereidigung der neueingetretenen Arbeitsmänner statt.
Sürgermeifferfaoung in Giehen.
Die Kreisabteilung Gießen des Deutschen Gemeindetags wird am kommenden Montagnachmittag in Gießen eine Bürgermeisterversammlung abhalten. Aus der Tagesordnung stehen folgende Vorträge: „Urkundensteuergefetz, steuerliches Meldewesen u. a."
Denkt Daran, daß die Pimpfe am 24. Oktober kommen, um für bedürftige Volksgenossen Vrot zu sammeln. Laßt die Pimpfe nicht vergeblich an die Türen klopfen! Veweißt, daß ihr die notleidenden Volksgenossen nicht vergessen habt!
(Referent: Regierungsrat Dr. Dexheimer vom Finanzamt Gießen); „Die Mitwirkung der Bürgermeister bei baupolizeilichen Vorschriften" (Referent: ein Vertreter des staatlichen Hochbauamtes Gießen); „Ortschronik" (Referent: Bürgermeister a. D. A x aus Nanzhaufen); ferner Verschiedenes.
Musikalische Abendfeiern in der Johanneskirche.
Am nächsten Sonntag, 25. Oft., 18 Uhr, beginnen in der Johanneskirche wieder bie musikalischen Abenbseiern. Die erste bieser Veranstaltungen wirb als Orgelfeierstunbe gestaltet werben. Der Organist ber Johanneskirche Johannes Nebeling spielt Werke alter Meister, Choralvorspiele, Präludien und Fugen. U. a. wird man Stücke von dem Hamburger Nikolai-Organisten V. Lübeck und dem Lübecker Marienkirchenorganisten D. Buxtehude hören.
Eine praktische DerdunkelungS- einrichtung.
Zu der am Dienstag im Gießener Anzeiger von einem Leser vorgeschlagenen Verdunkelungsein - richtung wird uns von einem anderen Leser geschrieben: Die Einrichtung ist leicht zu handhaben, zeigt aber dennoch einige Nachteile. Wenn man ben Schirm nach unten offen läßt, kann man seine Arbeit nur bireft unter ber Lichtquelle ausführen.
S NIVEA 4CREME
gegen spröde Häuf
Nachdruck verboten!
30 Fortsetzung.
Zu britt betraten sie Leonharbts kleinen Laben. Der staunt nicht schlecht über ben Massenbesuchs als aber bie Namen genannt werben, erschrickt er. Es finb nur wenige Fragen, bie Branbes an ihn stellt, viel weiß er ja auch nicht, aber er sagt doch:
Wenn Sie mich irgenbroie benötigen, Herr Doktor' stehe ich selbswerstänblich zur Verfügung."
„Bielen Dank, Herr im Waide" Verbindliches Grüßen, dann stehen sie wieder aus der Straße, Brandes hat eine tiefe Falle zwilchen den Augen. Es ist ihm ein unerträglicher Gedanke, daß man auch hier feine Tächter im Zusammenhang mit einem Manne nennt und annehmen kann, daß sie mit ihm verreist ist. Was geht das biefen Herrn aus der Leihbücherei zum Donnerwetter an Seme Frau errät feine Gedanken, teste legt fie ihm die ^L mlcht^fehr sympathischen Eindruck auf ^^uter^Kimmel ja Melanie. Sie wirb ihm au'tfbie Brötchen gebracht haben, außerbem hat p>u “Ä8 K S. " mir ÄVmr' »-.»«-» »I ««» 0CrBu' wirft ungerecht und stehst Selpenfter, Her- bert" mahnt Paul Laverenz. „Wir müssen uns verr, mayia , abfinben, was ist benn nun i*onTabet' Der firnen Gottschalk wird der Milchten auch nicht an der Wiege gelungen wurden |Clnsm„ine Tochter hat das nicht nötig gehabt, Pau^ Aber fetzt will ich zu Herbing. Bitte, komme mi ®ern, ich möchte nur erst am Verlag vorbei und etwas erledigen. Es dauert nur zwei Minuten.
hatten ein paar Straßen weiter, Laverenz stekgt aus stt aber schnell wieder mrück
MMesessklM
JRoman von Ilse Schuster.
Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68
„Meine Sekretärin sagt mir eben, baß Herbing telefoniert hat. Er hat Berlin bereits verlassen unb wirb von unterwegs aus schreiben. Er hat stets schnell gearbeitet, heute früh ben Vertrag in ber Hanb, mit bem nächsten Zug ab. Fahrt heim, Herbert, vielleicht habt ihr boch Nachricht von Hanna."
Paul Laverenz soll recht behalten, auf Branbes Schreibtisch liegt eine Karte. Auf ber steht in Hannas steiler Schrift, baß er sich nicht beunruhigen soll, sie befänbe sich in Bayern unb werbe irgendwann einmal roieberfommen. —
15. Kapitel.
Von Branbes gibt es ber Draht erst zu Laverenz, ber ruft bei Liefet Gottschalk an unb bie saust in ber ersten freien Minute zu Leonharbt im Wölbe.
„In Bayern? Wo benn ba?"
„Wissen wir auch nicht, bie Karte ist in München aufgegeben. Ist ja auch gleich, Hanna ist roieber vorhanben, jetzt habe ich keine Angst mehr. Es gibt so viele Frauen, bie so was burchmachen müssen, ba hilft einem bann bloß bie eigene Kraft," philosophiert bas Aepfelchen. Leonharbt im Wölbe lacht.
„Also auch schon bie Schlechtigkeit ber Männer erlebt, Fräulein Gottschalk?"
„Ich? Kann mir nicht passieren, weil ich mich mit keinem aogebe," ist bie prompte Antwort.
„Wollen Sie benn ewig Milchmäbchen spielen? Sie sehen mir gar nicht so aus."
„Solange ich in Berlin bin, Herr im Wölbe — boch wohl. Heiraten kann ich hier schon gar nicht, auf bem Lanbe fänbe ich schon eher einen, ber zu mir paßt. Jetzt muß ich aber los, meine Kunben werben sich brängeln!" Sie packt sich bas Buch ein, bas Leonharbt ihr herausgesucht hat, unb ver- schwinbet roieber."
Leonharbt im Wölbe kommt von Hanna Branbes unb Bayern nicht los, er grübelt ben ganzen Tag, wie er wohl herausftnben könne, wo sich bas Mäbchen aufhält. Herbegen, ber am Abenb kommt, seufzt abgrunbtief, er weiß nicht mehr, wie er bem Kameraben Vernunft beibringen soll.
..So warte boch ab, bis sie roieber ba ist. Wenn es wirklich roaß mit biesem Herbing gegeben hat, wirb ihr schon nicht gleich be*1 Sinn nach einem neuen Abenteuer stehen. Jetzt pack o!ch
ich brenne barauf, in bie Werkstatt zu kommen, ©Untermann hat mich auch schon angerufen, er ist Feuer unb Flamme unb zur Zeit mehr mit uns, als mit feinem Geschäft liiert. Laß mal Hanna Hanna sein, sie wirb Ruhe haben wollen unb bir ebenso ungern über ben Weg laufen, wie ben anberen auch!"
Daran hat ber Ingenieur Lubwig Herbegen vollkommen recht. Hanna Branbes hat ihren Koffer auf bem Münchener Bahnhof gelassen, sich nur einen Rucksack mit bem Notwendigsten gepackt, bie Bretter geschultert unb ist bann einfach ins Blaue gefahren. In einem kleinen Nest ist fie ausgestie- gen, kurz vor ber Stabt, bie bas Ziel ihrer Fahrkarte war. Es hat ihr aber bann noch nicht gefallen, kein Gelänbe, wie sie es sich wünscht; einen Burschen hat sie bann gefragt, wo sie hinkäme, wenn sie rechts burch ben Walb führe.
„Du kommens nach Greibing. Wenns a guates Zimmer wolln unb an richtigen Teller Suppen mögen, gehns zum Sternbauer. Leut fan aber net in Greibing. Höchstens a Hanbvoll zünftige Sportsleut."
„Das ist mir gerabe recht. Dank auch schön, Skiheil!"
Hanna fährt los, unb ber junge Bursch schaut ihr nach. Mit Kennerblicken beobachtet er jebe Bewegung, bann nickt er, bas Dirndl kann schon laufen, man müßt mal nach Greibing rüber unb zusehen, sie zu treffen, vielleicht ist sie scharf auf eine orbentliche Hvchtour...
Hanna braucht fast zwei Stunben, bis sie ben Kirchturm von Greibing vor sich aufragen sieht. Sie hat sich Zeit genommen, es jft noch hell, bie Sonne hat ben Gipfeln zwar schon einen rotleuch- tenben Mantel umgehängt, ber Monb steht aber tröstenb am Himmel. Wenn bie Sonne ihr Licht abgiebt, wirb er hell über bas friedliche Tal leuchten unb auch ber einsamen Skiläuferin ben Weg zeigen. Sie weiß bas auch unb hat es nicht so eilig, ins Dorf zu kommen. Der Sternbauer wirb balb gefunben fein, unb wenn ber kein Zimmer frei hat, roirbs ein anberer haben. Sie weiß nicht, wie bie hohen Berge heißen, bie ba in schneeiger Majestät in bie blaue Luft aufsteigen. Sie stehen hier seit einer Ewigkeit unb werben in Ewigkeit Gottes Schöpfungszeugen fein. Zu ihren Füßen liegt eine Welt, bie Frühling, Sommer, Herbst unb Winter kennt, aber um ihre steinernen Häup
ter liegt ber Kranz bes ewigen Schnees. Sie werben ben Menschen in ber Tiefe bie Schönheit ihrer Gipfel in strahlenbem Sonnenglast zeigen, unb fie werben sich in Sturm unb Nebel hüllen, wenn bie roilbe Jagb Wotans ungesehen über bie Erbe braust. Aber heute ist Frieben in ber Natur, unb biefen Frieben trinkt bas Mäbchen in vollen Zügen. Der Rucksack ist schwer, aber sie merkt es kaum. Sie sieht zu ben Bergen hinauf, bleibt immer roieber stehen. Gewaltsam brängt sie bie Gebauten zurück, sie will auch bas Gesicht nicht sehen, bas immer roieber wie ein Schemen vor ihr auftaucht ... John Herbings bunkles, geliebtes Gesicht.
Ein trockenes Würgen sitzt ihr im Hals, aber tapfer geht sie mit ber Logik ihres Verftanbes, mit allem verletzten Stolz bagegen an. Endlich ist fie boch im Dorf. Es hat nur wenige Häuser, bie sich eng um bas kleine Kirchlein herumbrängen. Ein Gasthof liegt dazwischen, Hanna erkennt es an ber goldenen Sonne, bie über ber Treppe hängt. Gleich hinter bem Dorf läuft bie Straße vorbei; fie hat es viel zu eilig, um sich burch ben Ort zu schlängeln, bas überläßt sie ihrer altersschwachen Schwester, beren krummer Rücken gerabe noch Kraft hat, Ochsenkarren unb Heuwagen zu tragen. Selbst bas Postauto hält es mit ber neuen Straße, unb von ben wenigen Menschen, bie im Sommer hier vorbeikommen, fällt es keinem ein, in @re* bing auszusteigen, man fährt eine Dreivierter - stunde weiter unb landet vor einem Hotelbetrieb „Alpenrose", dessen Regie ein Berliner Hotelfachmann übernommen hat. Dort ist es auch im Winter gemütlicher, weil es Heizung unb Warmwasser gibt. Außerbem sind dort bie Berge biefelben, wie hier, genau wie bie Luft.
„Wo wohnt benn ber Sternbauer?", fragt Hanna einen kleinen Jungen, ber voller Bewunderung über ben gutgerissenen Christiania, mit bem sie ihre kleine Schußfahrt beenbet, ben Munb nicht roieber zukriegt. Er steht auf felbftgefdjniitenen Brettern, hat keine Stöcke in ben kleinen Hänbern unb ist einer von ben Jungen, bie gleich mit Skiern auf bie Welt kommen.
,Zum Vater wollens? Da kommens halt mit.
Er kraxelt vor ihr bie Dorfstraße hinauf unb bleibt sehr balb vor einem weiß getünchten Haus, bas einen schönen Giebel hat, stehen.
(Fortsetzung folgt.)


