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weder vor- noch rückwärts einen Schritt zu tun und blickte nun hilfeflehend herunter zu den Ka­meraden Doch bevor der Jungenschaftsführer ir­gendeinen Plan fallen konnte, war Hans plötzlich schon ins Wasser gesprungen, er kraulte in blen­dendem Stil herüber, und ehe die übrigen sich von ihrem Staunen erholen konnten, war Hans schon eilends aufwärts gestiegen. Der vorher so unbeachtete Junge rückte nun in den Mittelpunkt des Interesses, und man fand bei aller Spannung noch Zeit genug, festzustellen, daß Hans über eine fabelhafte Geschicklichkeit verfüge. Er sprang von

Stein zu Stein und kletterte dann gewandt auf­wärts.

Erwin, der bis dahin bewegungslos gehangen hatte, stieg nun vorsichtig auf Hans' Schulter und krönte seine Frechheit und Tollkühnheit durch einen steilen Sprung ins Wasser.

Sie haben kein großes Aufsehen davon gemacht; man schüttelte ihm nicht die Hand, aber man sah ihn jetzt anders an.

Bald dauerte es nicht mehr lange, und Hans wurde als Jungenschaftsführer eingesetzt.

Die Fahri nach Paraguay.

Von Johan Luzian.

Auf dem Rio Paraguay, im Juli 1936.

Groß ist der Paranä, groß ist das weite, strö­mende Wasser in Corrientes, ein Rudel rotbrauner, glimmender Riesenschlangen. Bon der brasiliani- chen Serra im Norden kommen sie her, stürzen ich von den Höhen zuerst nach Westen, dann chmecken sie den üppigen Brodem der Urwälder und folgen südwärts dem Lauf der heißen, grünen Mulde, brechen sich durch Misiones und Paraguay unter Riesenbäumen und ungeheurem Dickicht den Weg nach dem Kampland von Corrientes und den Pampas Argentiniens. Sie fressen das Land an ihrem Weg mit flutender Kraft, und ihre Schwänze peitschen um die verlorenen Inseln der Reiher, Wildgänse und einsamen Adler. Der Rio Para­guay, der Bermejo und Salado wälzen sich mit in das endlose Bett, wellen und brodeln durch die herrenlose Landschaft, überschwemmend und zer­störend, bis sie ostwärts alle der La Plata und das Meer verschlingt. Weit hinaus in den grünen Ozean flutet die rote, abgeschwemmte Erde aus dem Herzen des großen Kontinents.

Bor vierhundert Jahren fuhr der Abenteurer Sebastian Gabotv als erster Europäer vom La Plata das Strombett des Paranä hinauf und kam bis an den Rio Paraguay. Vor dreihundert Ihren segelten die Schiffe der Jesuiten durch die Jnselwildnis nach dem Staate der Väter Jesu. Heute fahren die schönen, luxuriösen Motorschiffe der Mihanovich-Linie, deren Begründer, ein dalma­tinischer Matrose, das Geschäft mit einem Fährboot begonnen hatte, auf dem Paranä von Buenos Aires bis Afunci6n und weiter hinauf bis Co- rumbä im brasilianischen Matto Grosso.

Mit diesen Dampfern fährt noch ein Stück Europa mit, ein Rest der wohlgepflegten, wohlorganisier­ten Welt, hinein in das Herz des grünen Erdteils. Die Kabinen der Ersten Klasse sind geräumig und sauber, der Boden ist blankgewichst, alles spiegelt und glänzt, man geht auf welchen Teppichen, die Promenadendecks um das schlanke, lange Schiff sind gescheuert und gespült. Nur von unten, aus dem Laderaum und aus der Dritten Klasse steigt zuwei­len ein dicker Schwaden Gestank von Fleisch und fauligen Obstresten. Eine Zweite Klasse gibt es nicht. Es gibt Reiche, die das Geld haben, um es auszugeben, und es gibt arme Teufel, die noch Geld machen wollen. Für die Reichen ist alles da, was zum angenehmen Leben gehört, die Mihano- vich-Linie und ihr liebenswürdiges Personal sorgen dafür für die Anderen mag der Herrgott sorgen. Südamerika ist groß, er wird ihnen schon ein Plätzchen aussuchen, wo sie es mit dem Glück ver­suchen können. Die Einwanderer in der Dritten Klassefahren" nicht, sie werden befördert, so wie Häute, Fleisch, Drangen befördert und verfrachtet werden, wohin die grünen, gelben, roten Klebezet­tel nun gerade lauten. Seht zu, daß ihr weiter­kommt. Gott mit euch! Weit ist das Land, weit und menschenleer, und weit und hellblau und leer ist der Himmel darüber.

Doch es belebt sich, das blasse Blau! Aus dem gelben Sonnenlicht flattern schwarze Funken eines fernen Brandes. Bei näherem Zuschauen entdeckt man helle Flügel und längliche, rotgrüne Körper. Wie glühende Aschenstückchen treibt und wirbelt es ostwärts heran aus dem Chaco, die Luft ist bis zu unendlicher Höhe durchsiebt davon: Langosten, die Schrecken der Pflanzer, die Wanderheu­

schrecken kommen! ... Türen und Fenster wer­den eilig geschlossen, denn schon surren die ersten, reisemüden Tiere herab auf das Schiff und fallen hungrig über Obstschalen und Brotreste her. Sie haben in Formosa den Kamp und die Baumwoll­felder geplündert, haben im Chaco Weizen, Mais und Bohnen kahlgefressen, nun ziehen sie herüber nach Corrientes und weiter bis an die Küste von Uruguay, dort gibt es noch frisches Grün zwischen Strömen und Sümpfen. Der fliegende Brand in der hellen Luft wird immer dichter, es fchwadet heran, das Schiff ist übersät von Langosten. Sie gleiten an den Fenstern ab, sie werden auf dem Deck zertreten, sie klammern sich mit ihren gezähnten langen Beinen an Holz, Eisen, Seile, Kleider, an die Seide der schöngeputzten Damen. Aber sie ver­ursachen kein Geschrei, keine Aufregung. Der Him­mel schickt sie, Südamerika ist reich an Plagen, warum sich darüber aufregen? Die Damen nehmen die zudringlichen Tiere zwischen die rotlackierten Fingernägel, spitz und sachlich packen sie das Insekt an den Flügeln, lösen es aus dem Haar und werfen es über Bord, wo die Fische sich freuen, ober sie wischen es mit der Hand, die die Zigarette hält, wie Staub von Bluse und Rock und plaudern ruhig weiter von der Plaza de Mayo ober vom Theatro Colon. Es ist bie Sonne, bie diese rot­braunen Wolken sendet, die kilometerlangen Strich­wolken dort am Horizont über dem Fluß. Hoch, hoch hinauf reichen die Hungerwolken ohne Ende, die ganze Wälder in wenigen Stunden vertilgen werden, wo sie zur Ruhe kommen. Aber sind es deine Wälder, amigo? Wohl kaum. Corrientes ist groß, und der gleiche Himmel, der die Heuschrecken sendet, schickt auch den Frühling wieder, die Wärme, den Regen, alles zur rechten Zeit. Morgen wird der Baum wieder zu grünen beginnen, den heute der Brand überfällt. Alles auf der Welt ist in Gottes Hand, paciencia, liebe Seele, Geduld! ...

Drei Tage und drei Nächte dauert die Fahrt vom Meer bis nach der Stabt Corrientes, wo der Alto Paranä beginnt und der Paraguayfluß in ihn mündet, vier Tage bis A f u n c i 6 n. Man sieht nichts von den wenigen kleinen Städten am Ufer, oft liegt der Landungsplatz, ein Ponton, kilometer­weit fort in der Wildnis. Man sieht rechts und links immer das gleiche Bild, überwucherte Inseln, Lianen- gewirr, Kamp, Buschwald, Sumpf. Mitten drin ein rosa blühender Baum, ganz überschüttet von Blü­ten. Und im treibenden Wasser losgerissene Inseln von großen Blattpflanzen, und auch dazwischen Blüten, gelbe, lila, weiße große Sumpfblüten, die hinab zum Meere fahren. Und über den Sümpfen weiße und graue Reiher und Fischadler und schwarze Geier, und am Ufer kleine, huschende Vögel, bunt und lustig und schreiend, wie ein Funken huschen ihre Farben durch das Grün, in das die Uferwelle sich stürzt. Zuweilen sieht man auch einen großen goldenen Fisch, einen Dorado, über die Welle springen, metallisch sprühen die Schuppen über der schmutzigen Flut. Und dann und wann sieht man ein Rancho, eine Hütte aus vier Pfählen, zwischen denen Wellblech und Flechtwerk und Lehm die zu­sammengestückelten Wände bedeuten. Ein langes herabhängendes Rethdach deckt sie milde zu. Davor ist eine Feuerstelle mit dünnem, blauem Rauch, der zwischen den Bananenblättern hinzieht. Braune Correntiner hocken davor, lutschen aus der Bom- billa den heißen Matä und stochern im Puchero-

frffel herum. Oder sie tanzen mitten am hellichten Tag auf dem Lehmboden vor der Hütte, aus Freude über den Dampfer in ihrer Einsamkeit, aus Freude an der Sonne; vielleicht ist auch wirklich ein Festtag heute, wer weiß es, es gibt viele Fest­tage in Corrientes, die den Heiligen gewidmet sind, an denen man tanzen kann, oder einem Mädchen, oder einem Pferd, das man kaufte ober stahl, quilo sabe? Wer kümmert sich um die Correntiner auf dieser weiten Welt, um wen sollen sie sich küm­mern? Der Friedensrichter ist weit, er ist ein guter Mann, er bleibe, wo er ist!...

Schön ist die Reise durch die stille grüne Wild­nis. Für den Europäer kann es nichts Schöneres geben, als hier zu reisen. Die Welt der Meeres­küsten ist verfälscht, ist vernigaert und vermengt, ist imitiertes Europa, Halbzivilisation. Hier in Cor­rientes aber beginnt das Ewig-Unbekannte, beginnt das Abenteuer in Südamerika. Die Spannung ist groß, denn man steht noch mit einem Fuß in der sicheren Welt, aus der man kam, man lieft an der Schiffswand, daß es vor zwei Jahren in Glasgow gebaut wurde und man sieht einen Steinwurf weit den Urzustand dieser Er de. Wild wie der Strom, ungezügelt wie sein Laus ist bas Leben an diesen Ufern. Und immer noch reifen in der Luft die Heuschreckenwolken darüber hin. Rctt versinkt die Sonne vor uns im Fluß, die Wellen glühen noch eine Weile, bann fällt jäh die Dunkelheit über die Wildnis. Es gibt keine Dämme­rung, es gibt Tag und Nacht, Helles und Dunkles, Reiche und Arme.

Im Comedor, im Speisesaal der ersten Klasse, strahlen die hundert Lampen, spiegeln sich im Bodenbelag, im Porzellan, in den Gläsern, auf dem Silbergeschirr, das tadellos geordnet auf den wei­hen Tischtüchern liegt. Droben im Musiksalon spielt einer, dem Buenos Aires noch nicht aus dem Kopf will, ein Händlerssohn aus Pilar, auf dem Pianino die Chansons des Mazurkafilms, einen Tango, einen spanischen Pasodoble. Doch plötzlich bricht er ab, besinnt sich einen Augenblick und fällt dann mit heftigem Anschlag in die Cucaracha, den südamerika­nischen Volkstanz mit seinem stampfenden Rhyth­mus, und dann haut er den Deckel zu und springt auf. Freund, ja, jetzt kommen wir nach Paraguay! Dort vorn liegt Humaita, liegen die öden Lagunen und dahinter die unerschlossenen Urwäl­der, bas Land der Guarani und Toba, der Indianer und einsamen weißen Kolonisten auf ihren Chacras und Estanzien. Der Händlerssohn aus Pilar Import von Stahlwaren und Kolonistenbedarf, Export von Baumwolle, Erdnüssen, Perba und son­stigen Landesprodukten, der ein paar Ferien­wochen am La Plata verbrachte, geht vom Musik­salon langsam die läuferbelegte Treppe hinunter in seine Kabine, sich umzukleiden zum Essen. Zum letztenmal für einige Zeit nimmt er den Smoking vom Bügel. Morgen früh find wir in Pilar, dort braucht der Mensch andere Kleidung...

Ein süd amerikanisches Menü bedeutet für unerfahrene europäische Mägen allerlei Zu­mutung. Zuerst eine Vorspeise, eine Scheibe kalte Zunge, mit Ei und Gewürzen zu einer gelierten Masse verarbeitet. Dazu herrlich flockiges Weißbrot mit argentinischer Butter, goldgelb und süß. Es folgt ein gebackenes Ragout aus vielerlei Fleisch, säuerlich und pfefferig, mit scharfen Oliven und Paprikascheiben. Darauf die Sopa, fett und sämig, mit einem neckischen Klößchen zum Ueberfluß. Und dann kommt erst das erste Hauptgericht, ein köst­lich gebackener Fisch, der heute Morgen noch im Rio schwamm, übergossen mit pikanter Kräuter­tunke. Und dann ist man unversehens schon beim zweiten Hauptgericht, einem ehrbaren Stück Lomito, Filet von einem Kampochsen, zart und saftig, gar­niert mit Gemüsen, mit Kürbis, Bataten, Bohnen. Jetzt folgt die Süßspeise, ein warmer Kuchen, triefend von Zuckersaft. Man greift danach gern zu der Schale mit Früchten, mit Trauben von Mendoza, Drangen und Bananen von Misiones, und man freut sich endlich auf die Erfrischung zum Schluß, bas Täßchen Mokka, schwarz wie die Nacht. Das Täßchen wird erst halb voll Zucker geschüttet, bann fließt ber bicke aromatische Saft darüber. Und endlich kommt die Zigarette, die nordamerikanische Camel, die hier nur ein paar Centavos kostet...

Herbsiparade des IX. AK.

Am 18. September findet im Anschluß an dh Korpsmanöver des IX. Armeekorps eine Feld« parade bei Großenenglis in Gegend südlich Fritzlar statt (siehe Skizze), an der alle T r u p« penteile aus dem Bereich des XI. Ar« m e e k o r p s teilnehmen. Es wird schon jetzt ait[

Mt.

dieses große diesjährige militärische Ereignis West» und Mitteldeutschlands aufmerksam gemacht. Zwei Zuschauertribünen werden unmittelbar an dem Paradefeld errichtet werden. Bei dem zu er* wartenden Andrang ist damit zu rechnen, daß die verfügbaren Tribünen-Sitzplätze bald vergriffen sein werden. Der Verkauf der Tribünen* karten (Preis: 6,, 4,, 3,, 2,, 1,50 RM.) erfolgt ab 12. August durch: Frankfurt a. M.: Mittel* europäisches Reisebüro, Hauptbahnhof; Fritzlar: Hamburg-Ämerika-Linie, Fritzlar; Gießen: Ha* pag - Reisebüro Kreger, Selterswegi Marburg: Norddeutscher Lloyd, Agentur, Bahn« Hofstraße 20; Bad-Nauheim: Nordd. Lloyd, Agentur, Parkstraße. Wetzlar: Städtisches 23er« kehrsamt, Rathaus.

Ja, man ißt hier in Südamerika nicht, um seinen Leib zu sättigen, man ißt aus Vergnüaen an den Speisen. Hunger? Wer kennt ihn in diesem Lande? Wer Hunger hat, wird schon irgendwo einen Teller mit Puchero bekommen, es ist genügend davon da. Seht, unten in der dritten Klasse ißt man jetzt auch zur Nacht: Man löffelt den Puchero wie jeden Tag vom zerstoßenen Teller, Rindfleifch, zusam­mengekocht mit schwarzen Bohnen und Nudeln. Wird ber Mensch, ber Hunger hat, nicht herrlich satt davon, morgens mittags und abends? ...

Im Comedor geigt die Radiomusik aus Monte­video. Die Lampen strahlen über den Tischen, an denen gejeut wird, Baccarat, ziemlich hoch, ganze Haufen von blanken Chips wandern von einem Estanziero zum andern. Der helle Trapiche und ber buntle Vino Tinto funkeln in den Gläsern. Da hinten sind ein paar Tische beiseite gerückt worden, dort wird getanzt, Pariser Parfüms mischen sich mit dem süßlichen Rauch der Zigaretten ...

Der Strom ist schmaler geworden, wir fahren ganz nah am Ufer hin, wo die Fahrtrinne läuft. Zuweilen streift bas Licht des Comedors die großen Blätter der Urroalbbäume. Der Himmel hat fid) bestirnt, hell flimmern die ewigen Lampen bort oben. Man blickt über das Geländer hinunter in das Reich der dritten Klaffe. Auch dort schiebt sich ein Menschengesicht über bie Reling hinaus, um bie Sterne zu sehen. Es ist blaß unb fragenb, aber von einer geheimen Hoffnung überzittert, bas Gesicht des Einwanderers, der hier eine neue Heimat finden will, mit wenig Geld unb kleiner Habe und großem Mut. Ja, viel Mut muß man haben unter diesen fremden Sternen unb fremden Bäumen an den großen Strömen Paranä und Paraguay, die aus dem Innern des grünen Erdteiles kommen.

Erlkönig im Memelland.

Von Horst Biernaih.

Ja, was können doch die alten Leute für Ge­schichten erzählen! Unb vor allen Dingen, wie kön­nen sie Geschichten erzählen! Ober verzaubert es euch nicht, wenn ihr einen alten Herrn ober eine alte Dame sagen hört: bamals, im sechsunbsünf- ziger Jahr ... ober: bamals, anno sechzig ... Das hat bann gleich Patina wie eine alte kupferne Turmhaube, ober hat Blume unb Reife wie bie schmelzenden Jahrgänge eines gepflegten Kellers, nur ohne den Nachteil des letzten Ver­gleichs, ohne Löcher in die Börse zu schmelzen, nämlich.

Vor wenigen Tagen las ich in einer alten, ich möchte sagen, urgrohmütterlichen Familienfreundin, aus Sudermanns Bilderbuch seiner Jugend vor. Ich hatte dieses stille Buch in einem Antiquariat erstanden unb wußte, baß es sie er­freuen würbe, weil sie in ihrer Kindheit mit dem Hermannchen" in derselben Sandgrube gespielt hatte und aus seiner Heydekrüger Gegend im deut­schen Memelland zu Hause war. Unb babei kam ich an bie Stelle, wo Sudermann erzählt, wie damals im Sommer 67 die Sonne über die Memelniede­rung zu scheinen aufhörte. Wie vom Juni an kein Lichtstrahl und kein Schnupftüchelchen Blau mehr am Himmel stand und aus den Wolken ein ewig sickernder, suppender, trommelnder Regen fiel. Wie der Roggen verfaulte, wie die Felder zu Lehm­tennen und Sümpfen wurden, und wie dann das Schlimmste kam, daß die Kartoffeln im Naß er­stickten.

Ja, sie besann sich noch gut auf dieses schreckliche Notjahr 67, die kleine alte Dame:Dh", nickte sie, das war eine sehr sehr böse Zeit damals. Was Die Leute Ende August an Kartoffeln aus dem Boden zogen, hatte Haselnußgröße und war mit Stock­pfropfen kreuz und quer von einem Ende bis zum andern durchsetzt. Ja, das hieß Hungern, und hieß unter Umständen Verhungern. Wir waren abgeschnitten von aller Welt. Und erst im Frühjahr 68, als es für viele schon zu spät war, kamen die ersten Kurenkähne durchs offene Wasser mit Mehl unb Kartoffeln zu uns. Aber bie furchtbarste Geschichte war doch die, wie sich das Notstanbs- jahr ankündigte; fast wie die Plagen, die über Aegypten hereinbrachen. Und das ist eine Geschichte, die meinen Vater fast das Leben gekostet hätte..."

Und da klappte ich den Sudermann zu.

Das war nämlich im Juli 67", fuhr sie fort, als mein Bruder Felix, unser Jüngster, und ein Bürschchen von acht Jahren damals, plötzlich er­krankte, mit hohem Fieber und Halsweh, bis die Ettern erkannten, daß es die Bräune war. Damals hatte es schon fast ununterbrochen Tag für Tag

und Nacht für Nacht geregnet, und die Wege waren grundlos geworden, unb unsere Hoffnung auf die Roggenernte bahin. Ich sehe noch, wie die Mut­ter müd von einer Nachtwache und erschöpft von den Sorgen jener Tage mir auftrug, den Vater hereinzurufen, und wie er dann an das Bett des Kindchens trat.

Der Vater war nicht sehr hochgewachfen, aber breit in den Schultern und stark und fest wie ein Haus. Er sah sehr ernst aus unb brachte eine schlechte Nachricht mit. Der Reitknecht nämlich, ben er zum Doktor nach Heybekrug geschickt hatte, war nach schwierigem Ritt mit bem Bescheib zurückge­kehrt, ber Arzt würbe erst für bie Nacht baheim zurückerwartet unb könne erst morgen unter Tag bei uns vorsprechen, ba in ber Jugnaier Gegenb zu allem Unheil auch noch bas Brunnenfieber, also Typhus, ausgebrochen fei.

Mein Brüberchen phantasierte bereits, und seine Atemnot wurde immer qualvoller anzusehen. ,Nun wird Gott uns auch noch bas zweite nehmen', sagte meine Mutter still. Ich habe sie niemals Nagen gehört, auch wenn ihr das Herz noch so schwer war. ,Nein!' rief der Vater, und noch ein­mal ,Nein!', als könne er durch seinen Willen den Tod abwenden. Er hing sehr an dem Jüngstge­borenen. Und dann sah er nach der Uhr. Die Nacht war schon herangebrochen. Er legte mir bie Hanb auf bie Schulter: ,ßauf, Möbel', befahl er mir, ,ber Jurgaitis soll anspannen! Den leichten Jagb- maqen ..

,Du kommst nicht durch mit dem Wagen', sagte bie Mutter, ,bie Wege sind grundlos!'

Aber der Vater ließ sich nicht beirren: ,Es muß gehen!' sagte er entschlossen. ,Den Jagdwagen unb bie Schecken an bie Deichsel! Die Rappstute gesattelt als Hanbpferd! Bleibt der Wagen stecken, gut, bann nehm ich ben Jungen für ben Rest bes Weges eben auf ben Arm und reite.' Und zu mir: ,Laus schon!' Und zur Mutter: ,Pack das Kind gut ein! Und damit war es gesagt unb getan. Kurz darauf stand das Gespann vor dem Hause.

Die Nacht war wie alle Nächte seit Wochen, mondlos und triefend. Es regnete ohne Unterlaß. Kein Wolkenbruch, aber ein andauerndes zähes ©eriefel aus tief verhängtem Himmel. Und obwohl der 23ollmonb nicht durch die Wolken brach, war es doch keine völlige Stockfinsternis, sondern es lag ein fahles Licht über der Erde, unb rings ums Haus wogte und dampfte es wie bleiches Nebel- gefpinft. Die Mutter bettete das keuchende Kind in die Mulde des Kutschbocks dem Vater zu Füßen, er spannte die schwarze Lederdecke schützend über den Kleinen, griff nach der Peitsche, unb fuhr bald barauf scharf burch bas Tor und auf die sumpfige Landstraße hinaus, in das dünne ©eriefel, in den Nebelbrei, in bie triefenbe fahle Nacht hinein.

Es war ein Weg von sechs Mellen bis zum

Arzt. Ja, so dünn waren damals die Doktoren über das Land verstreut. Nicht leicht für die Kran­ken, und auch nicht wenig anstrengend für die Aerzte.

Nun, die Zugpferde sanken zwar bis über die Hufe in den Schlamm ein, aber sie waren kräftiges Halbblut und zogen den leichten Wagen ohne son­derliche Anstrengung mit sich fort. So flogen in scharfer Fahrt die ersoffenen, niedergewalzten Fel­der vorüber. Der Vater schonte die Pferde nicht. Der erstickte Atem und die ächzenden Fieberphan­tasien unseres kleinen Felix trieben ihn mit aller Kraft vorwärts. Und als wüßten es die braven Tiere, worum es ging, so legten sie sich ins Ge­schirr, unb so jagten sie vorwärts unb weiter, in sausender Fahrt durch die rinnende Dunkelheit.

Die gute Hälfte der sechs Meilen mochten sie so in scharfem Trabe zurückgelegt haben, als der Vater merkte, daß die Tiere verhaltener liefen und trotz Peitsche unb Zuruf stockten. Aber nun nicht er­lahmten ober müde wurden, sondern abftemmenb vom Wege drängten, und stampfend unb sich däu- menb ben leichten Wagen bald nach links unb halb nach rechts herüberrissen, als suchten sie nach einem Fluchtwege seitab. Unb auch bas Sattelpferb, ein ruhiges Tier sonst, gebärbete sich ängstlich, schnob unb legte bie Obren flach an, warf den Hals zurück und querte, kurzum, es sah gerade so aus, als ob bie Tiere im nächsten Augenblick aus un- ersichtlichen Grünben burchgehen wollten. Der Wa­gen würbe hin- und hergeschüttelt, der Vater mußte sich mit aller Kraft gegen bas Fußbrett stemmen, bie Seine kürzen, die Gäule halten, und dazu fühlen und hören, wie sich das kranke Kind in feinem engen und dumpfen, aber regengeschützten Gelaß zu feinen Füßen in Fieberschauern herum- wars unb jammernb belirierte.

Wie ich meinen Vater kenne, wird er mit Flüchen über bie unvernünftige Kreatur nicht gespart haben. Aber ob Güte ober Zorn, die Pferbe kehrten sich nicht baran, sonbern brachen mit dem Wagen ein­mal hinüber und einmal herüber, und nur die un­geheure Kraft meines Vaters verhinderte ihr Durch­gehen querfeldein, wo ber Wagen wahrscheinlich schon nach kurzer Zeit bis über die Achsen hinauf im Lehmbrei unrettbar versunken wäre. Und plvtz- ftanben sie. Verhielten zitternd und schnaubend mit­ten auf ber Straße, brängten zurück, würben vom Vater mit ber Peitsche vorwärts gejagt, zogen auch wieder an, aber für wenige Schritte nur, unb mit jener entsetzlichen Angst in ben weiß rollenben Augäpfeln, mit jenem starren, aufgerissenen Blick, ben ber kennt, der einmal hinter durchgehenden Pferden auf dem Wagen saß ...

Ja, und bann war auch die Reihe an meinem Vater, von einem ungeheuerlichen Entsetzen für endlose Sekunden gelähmt zu werden. Nämlich die Straße lebte plötzlich. Sie schwamm unter ihm

dahin wie ein grauer Strom. Soweit das Auge durch die milchige Dunkelheit reichte, quoll es heran und vorüber, dicht und zäh wie ein brodelnder leig, raschelndes Gewimmel, ein Millionenzug hungriger Wanderratten. Und so schäumte heran wie eine Wasserflut, und schloß einen Ring um das Gefährt herum, einen angriffslustigen, gie­rigen Ring. Und da war es zu spät zur Umkehr und Flucht, und zu spät zum Durchbruch. Schon brandete die schreckliche Flut um die Fesseln ber Pferde, die in sinnloser Angst das hungrig zu- schnappende Gebrodel zerstampften und sich zitternd wehrten in Grauen unb Todesfurcht. Unb jetzt sprang bie Welle auch am Wagen empor, mit kleinen, Hellen Hungerschreien über bas Knieleber hinauf, und meinen Vater an, stieß nach feinen Hänben, von benen er blinblings ben ersten grauen Tropfen abschüttelte, und den zweiten, und ben brü­ten, und bann zahllose, wie lange noch, wie viele noch ... Und vorn hingen sie schon fest verbissen wie scheußliche Trauben an den Bäuchen der furchterstarrten Pferde.

Und da riß er bie Leberbecke zurück, packte das armselige kleine Menschenbünbel, das darunter lag, mit einer Hand, sprang, das wimmernde Paketlein links, sein Taschenmesser in der Rechten, über ben Knieschlag des Kutschbockes hinaus auf die Kruppe des auffahrenden rechten Zugpferdes, und von bort weiter in ben Sattel feiner Rappstute, schlug mit ben Absätzen seiner Stiefel die widerlichen Ratten- trauben vom Pferdeleib ab, zerfetzte mit raschen Schnitten das Lederzeug, überließ bie beiden Zug« pferde als Rückendeckung unb Ablenkung ihrem Schicksal, unb brückte bem Reittier bie kurzen Spo­ren in bie Flanken, fest entschlossen, mit dem noch offenen Messer in ber Hand, falls der Durch- bruchsversuch mißlang, eher feinem unb bes Jungen Leben ein rasches Ende zu machen, als lebenbigen Leibes biesem ekelhaften Tode zu verfallen.

Ich weiß nicht, was ihm zur Rettung wurde, fein rascher Entschluß und die verzweifelte ©e*' wanbtheit jener Stunde, oder die Schnelligkeit seines- Tieres, oder fein Opfer, das Scheckengespann denn gefräßigen, hungrigen Heer der Ratten zu überlas" sen. Er kam durch. Und erreichte mit dem Kinde: im Arm die Stadt und den Arzt, rechtzeitig ge­nug, um durch einen Luftröhrenschnitt meinem kleinen Bruder Felix retten zu lassen, denn da­mals gab es noch keine Sera.

Die Gerippe ber Schecken wurden am nächstem Tage auf der Straße gefunden, blank und glatt; ihre Gerippe, dazu zernagte Lederdecken und an- gefreffenes Zaumzeug. Die Leute brachten es auss unfern Hof. Aber ber Vater wollte nichts bavom sehen. Er sprach auch niemals von biefer Nacht, unb bis in fein hohes Alter hinein burfte niemand in seiner Gegenwart bieses Erlebnis erwähnen odee auch nur das Wort ,Ratte' ausjprechen."