Nr. 94 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 22.AprilM6
Deutschlands jüngster Generalseldmarschall.
Der Gohn einer alten Soldatenfamilie. - pour le mente und Verwundetenabzeichen. — An vorderster Stelle bei der Neugestaltung des Heeres.
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Der Führer und Reichskanzler hat dem Reichskriegsminister WernervonBlom- b er g am 20. April den Feldmarschallstab überreicht. Diese Beförderung ist die Krönung eines Soldatenlebens voller Treue und Pflichterfüllung.
Reichskriegsminister Werner von Blomberg, Deutschlands jüngster Generalfeldmarschall, dem das Heer, die Kriegsmarine und die Luftflotte unterstellt sind, entstammt einer alten Soldatenfamilie. Er ist Pommer, 1878 in Stargard geboren, und erhielt seine Erziehung im Kadettenkorps in Lichterfelde.
(Scherl-Bilderdienst-M.)
1897 trat er als Leutnant in das 73. Füsilierregiment ein, wo die großen militärischen Begabungen des jungen Offiziers schon bald auffielen. Dadurch war seine Laufbahn schon von früh auf ziemlich eindeutig festgelegt: Besuch der Kriegsakademie und 1908 bereits Beförderung zum Großen Generalstab. Vor dem Kriege war er noch kurze Zeit Kompaniechef im Infanterie-Regiment Nr. 130. Als der Krieg ausbrach, erfolgte feine Kommandierung als Generalstabshauptmann zur XIX. Reservedivision, die damals unter dem Kommando des Generalleutnants von Bahrfeldt stand und dem X. Reservekorps angehörte. Hier machte er den Vormarsch durch Belgien mit und zeichnete sich in der mehrtägigen Schlacht an der Sambre aus. Die Schlacht bei St. Quentin am 28. und 29. August stellte ihm neue, dankbare Aufgaben, und auch an der Marne- Schlacht nahm er in dem Abschnitt von Petit-Morin wesentlichen Anteil.
Der Held vom Chemin-des-Dames.
Das Jahr 1915 ließ ihn an der Winterschlacht in der Champagne teilnehmen, dann wurden seine großen Fähigkeiten im Oberelsaß verwandt, wo die schweren Kämpfe am Reichsackerkopf und am Hartmannsweilerkopf sowie die zweite Schlacht bei Münster alle seine Kräfte in Anspruch nahmen. Auch die große Verdun-Offensive zog ihn in ihren Bann; der inzwischen zum Major beförderte von Blomberg wurde im Juli 1916 erster Generalstabsoffizier des XVIII. Reservekorps. Der Abschnitt von Douaumont und Vaux war damals sein Arbeitsgebiet, bis er im Frühjahr 1917 als erster Generalstabsoffizier zum Armee-Oberkommando der VII. Armee versetzt wurde. Sein größtes Ruhmesblatt bildeten die Schlachten von Soisfons und Reims im Mai und Juni 1918,
die zur Rückeroberung des Chemin-des-Dames führten und den großen Vorstoß nach der Marne im Gefolge hatten. Die hervorragenden Vorbereitungen dieser Kämpfe waren zum größten Teil Blombergs Verdienst, so daß er am 3. Juni 1918 den „Pour le mdrite“ erhielt. Wie intensiv Blomberg seine Auf- aaben anfaßte, ergibt sich daraus, daß er keinen Augenblick den Einsatz seiner eigenen Person scheute und neben dem „Pour le merite“ auch das Verwundetenabzeichen erhielt.
Von der Front zur Reichswehr.
Daß man einen derart hervorragend begabten Offizier der Reichswehr zu erhalten suchte, war selbstverständlich. So sehen wir ihn nach dem Kriege als Chef des Stabes im Wehrkreiskommando V in Stuttgart, bis er im Jahre 1921 in das Reichswehrministerium berufen wurde. Hier war er zunächst Abteilungsleiter, dann Chef des Truppenamtes: hierauf übernahm er, nachdem er 1928 Generalmajor geworden war, das Oberkommando über den Wehrkreis I Ostpreußen. Eine längere Studienreise durch Amerika folgte im Jahre 1930. 1933 wurde er beim Umbruch Reichswehrminister und General der Infanterie, am 1. November des gleichen Jahres Generaloberst.
3m neuen Deutschland.
Generalfeldmarschall von Blomberg hat im geistigen Ringen um die Neugestaltung der Wehrmacht Deutschlands stets an vorderster Stelle gestanden, wie er überhaupt zu jenen Vertretern preußisch-deutscher Arbeit gehörte, die, bewußt ihrer großen Tradition, Reformatoren aus innerer Ueber= zeugung sind und die geistigen Kräfte in der Entwicklung sehen, werten und zur Geltung bringen. Schon die äußere Erscheinung unseres neuen Feld- marschalls charakterisiert am besten den alten Soldaten: seine hohe, schlanke Figur mit dem Gardemaß, sein scharfgeschnittenes offenes Gesicht mit den klaren, hellen Äugen, feine ausgesprochene Reitererscheinung, verbunden mit seiner von Sport gestählten Beweglichkeit. Was ihn aus der Reihe der anderen hohen Offiziere der Armee hervorhebt, ist seine ausgesprochene rednerische Begabung, die ohne jede Phrasenmalerei knapp und exakt den Kern der Dinge umreißt.
„Dir wollen den Frieden ..."
Schon in seiner Rede vom 3. November 1933 zeichnete er das Ziel unserer deutschen militärischen Aufbauarbeit ganz konzentriert in folgenden Worten:
„... Uns treibt nicht der Wille zum Krieg, wir wollen kein Wettrüsten, und wir fordern keine Angriffswaffen. Wir fordern nur das Recht, das jedem anderen Staate unbenommen ist, nur das Recht auf Sicherheit. Deutschland will den Frieden, es will in Ruhe feinen Staat neu aufbauen, es will ungestört die Wunden heilen können, die ein unglücklicher Krieg und ein unseliger Frieden der deutschen Wirtschaft schlug. Es will den deutschen Menschen das Glück der gesicherten Arbeit wiederbringen. Nie hat ein Staatsmann vor aller Welt seinen Friedenswillen eindringlicher verkündet, als der deutsche Reichskanzler. Nie hat ein Führer so ehrlich sein Volk zur Bekundung dieses Friedenswillens zur Abstimmung gerufen, wie Adolf Hitler. Wir deutschen Soldaten haben die Schrecken des Krieges kennengelernt, wie kein anderer Soldat der Welt, wir deutschen Soldaten wissen, daß ein Krieg der Zukunft ein Krieg der Völker sein würde. Wir wollen deshalb mit Adolf Hitler den deutschen Frieden "
Man könnte auch eine Stelle aus einem Interview anführen, das von Blomberg einem Vertreter einer großen amerikanischen Zeitung gegeben hat, und wo er sagt: „Wir sehen in dem Militär nicht ein In
strument des Angriffes und der Eroberung, sondern eine hohe Schule zur Bildung des Charakters. Alles jenes, wofür sich der Nationalsozialismus einsetzt — der Geist der Einigkeit, des Gehorsams, der Disziplin, des Zusammenwirkens, der Kameradschaft — alles dieses ist und war stets ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Wehrmacht. Wir wünschen.
daß jeder diensttaugliche Deutsche diese Schule zur Entwicklung seines Charakters durchmacht."
Ein deutscher Generalfeldmarschall, der solche Ideen verficht, muß in Wort und Werk über Deutschland hinaus in der ganzen Welt gehört und anerkannt werden.
Generaloberst v. Geeckt 10 Lahre alt.
Zu seinem Geburtstag am 22. April.
Nach dem Zusammenbruch des Kapp-Putsches war General von Seeckt zum Chef der Heeresleitung berufen worden. Sein erster, am 18. März 1920 an das Offizierkorps gerichteter Erlaß begann mit den ernsten Worten: „Das Offizierkorps der Reichswehr steht in seiner Schicksalsstunde", und es hieß dann weiter: „Im festen Vertrauen auf das Offizierkorps bin ich an die Spitze der Heeresleitung getreten. 35 Jahre lebe ich in der Armee und für sie. Ihr gehört der Rest meiner Kräfte." So wurde von Seeckt der Organisator der Reichswehr, die unbeirrt in den Jahren der Reichstags- Mißwirtschaft und der üblen Parteienherrschaft ehernen Schrittes ihren Weg ging und auf ihre Stunde wartete, die dann kam, als Adolf Hit- l e r Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes wurde.
Seeckts Lebenswerk ist die Reichswehr. In Schleswig wurde Hans von Seeckt am 22. April 1866 geboren, wo fein Vater als Offizier in Garnison stand. Sie sind eine alte Soldatenfamilie, die Seeckts, die einst in Pommern gesessen haben: auch der Vater des Generalobersten brachte es zu hohen Stellungen, war er doch zuletzt Kommandierender General des V. Armeekorps in Pofen. Im Jahre 1885 trat der junge Seeckt in das Kaifer-Alexander-Garde-Grena- dier-Regiment Nr. 1 ein. Jahre eifriger Arbeit und guten Vorwärtskommens folgten, so daß bei Ausbruch des Weltkrieges der Oberstleutnant von Seeckt als Chef des Generalftabes des III. Armeekorps unter dem Kommandierenden General von Lochow ins Feld zog.
Bekanntlich gehörte das III. Korps, das Brandenburgische, zur 1. Armee unter dem Kommando des
(Scherl-Bilderdienst-M.)
Generals von K l u ck. So hatte Seeckt Anteil an den ruhmreichen Kämpfen dieser Armee, der dann in unglückseliger Verkennung der Lage von der Obersten Heeresleitung der Rückzugsbefehl gegeben wurde. Im Jahre 1915 war Seeckt als Generalstabschef bei Mackensen. An den großen militärischen Erfolgen gegen die Russen, die in dem Durchbruch von Gorlice-Tarnow und in dem Auf
w
Am gestrigen Dienstag, dem Tag der Luftwaffe, hat Ministerpräsident Generaloberst der Flieger Göring im Fliegerhorst Gatow bei Berlin der Truppe die neuen Fahnen übergeben. Auf der einen Seite trägt sie das Hoheitszeichen der Luftwaffe, umgeben von einem Lorbeerkranz: in den Ecken vier Hakenkreuze. Die andere Seite schmückt das eichenumkränzte Eiserne Kreuz. Je nach der Formation sind die Fahnen in der Farbe verschieden. Für die Flieger: gelb, für Flak: rot, für die Luftnachrichtentruppe: braun. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
„Gavoy-Hoiel 217."
Gloria-Palast.
Der Dramatiker Gerhard Menzel, der seinerzeit mit dem Drehbuch zu den „Flüchtlingen" einen nachhaltigen Erfolg erzielte, schrieb für die Ufa auch „Savoy-Hotel 217": damals spielte die Handlung, die stellenweise wie eine zeitgeschichtliche Reportage wirkte, im Fernen Osten: diesmal ist sie unseren Grenzen etwas näher gerückt, obwohl, von hier aus gesehen, noch immer östlich genug. Das alte kaiserliche Rußland vor dem Kriege ist seit langem einer der beliebtesten Filmschauplätze, und auch hier gibt das längst versunkene Moskau des Jahres 1911 den Vorgängen ihre eigentümliche, landschaftlich-nationale Farbe Die Szenen im Hotel, im Panoptikum, im Tanzlokal, in der nächtlichen Kathedrale beim Osterfest, in einem kleinen Spezialitätentheater und in einem Nachtasyl haben jene schwer zu beschreibende russische Atmosphäre, die zu den stärksten Eindrücken des Films gehört: dies fesselt im Grunde mehr als der gewiß spannend und auch verwirrend aufgezogene Kriminalfall, die Aufklärung des Mordes im Savoy-Hotel, Zimmer 217 Natürlich wird der Fall aufgeklärt — zuletzt — und es geht, vom Standpunkt des normalen Filmbesuchers aus gesehen, alles gut und glatt zu Ende. Zu gut und glatt; der Schluß ist ein wenig entgleist, ein etwas gewalttätiges happy end mit sonny-boy-@efang. Dabei ist der Fall selbst, in feiner Vorgeschichte und in seinen Motiven, so unerfreulich wie möglich, eine düstere Geschichte mit Ehescheidung, betrogener Liebe, Eifersucht, Verleumdung und Verdächtigung, mit Haß und blutiger Gewalttat. Es lohnt kaum, dies in allen Einzelheiten zu rekonstruieren; niemand kann verlangen, daß uns ein noch dazu erfundener Kriminalfall vor 25 Jahren etwa um des Opfers oder um des Täters willen menschlich berührte oder auch nur stärker fesselte als irgendein gut gemachter amerikanischer Reißer: was uns fesselt, und weshalb es sich lohnt, diesen Film zu sehen, ist nicht der Fall an sich, sondern die menschlichen Hintergründe, die erst durch das akute Geschehen bloßgelegt werden, sind nicht die Hauptbeteiligten, sondern, juristisch gesprochen, die Nebenpersonen, jene, die es nur mittelbar oder peripherisch angeht, berührt und streift; mit anderen Worten: zu sehen, wie das Schicksal oder der Zu- iall spielen kann, wie es einen Ahnungslosen, Unbeteiligten, Außenstehenden plötzlich hinterrücks überfällt, hineinreißt und verstrickt in einen Wirbel von Zweideutigkeit, offener oder versteckter Anklage, von Verdacht und Schuld. Dabei ist es sehr gleichgültig, ob der Fall im Savoy-Hotel sich so oder anders ereignet hat, ob er sich überhaupt je er
eignet hat ober zutragen könnte . . zumal manche wesentlichen Voraussetzungen uns merkwürdig oder höchst unwahrscheinlich vorkommen. Der Besucher wird sich vermutlich erst hinterher, nach und nach, über diese Eindrücke Rechenschaft geben können, weil er während der Handlung vollauf beschäftigt ist, den Faden nicht zu verlieren und sich beispielsweise zu überlegen, wann und wie der Täter in der verhängnisvollen Stunde ins Zimmer gelangt fein kann .. Aber wir sagten schon, daß uns dergleichen Ueberlegungen nicht sehr belangvoll scheinen. Wichtiger als die Frage, ob der Regisseur Gustav Ucicky, der ja ein alter, erfahrener Filmhase ist, das rein kriminalistisch geschickt und zweckmäßig eingefädelt und aufgebaut hat, ist die Feststellung, daß es ihm gelang, einen Schauplatz von ganz besonderer Art zu beschreiben und das Beispielhafte eines an sich unwichtigen und ziemlich unerfreulichen Tatbestandes ans Licht zu ziehen
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„Savoy-Hotel 217" ist angekündigt als ein Hans- Albers- Film; also muß wohl von ihm zuerst die Rede sein, wenn es sich um die Besetzung handelt. „Ein Mordskerl, ... schön, stark, mit blitzenden Zähnen, immer lustig" — so wird er in der Inhaltsangabe des Programmheftes charakterisiert, und fo, im wesentlichen, wirkt er auch Er spielt den Zimmerkellner Andrei im Hotel, aber es ist im Grunde der gleiche Typ, den er als Rittmeister Prack oder als Wanderartist im „Variete" zeigte. — Die Gestaltung der Frauenrollen in diesem Film weist, soweit sie im Vordergründe stehen, eine ungleich größere innere Spannweite, darstellerische Intensität und Wandelbarkeit auf. Da ist Käthe Dorsch als die Hausverwalterin Anna Fedo- rorona Orlowa, und obwohl diese Gestalt seelisch gleichsam nur auf einen einzigen Ton gestimmt ist, nur aus einem beherrschenden Gefühlsantrieb handelt, wird man bemerkt haben, was für eine künstlerische Kraft da am Werke war, eine der ganz wenigen, großen, seelenhaften Schauspielerinnen und Menschendarstellerinnen in Deutschland: wer sie nicht auf der Bühne sah, kann nach dieser Rolle nur ahnen, welcher Entfaltung und Fülle sie fähig ist. Auch Brigitte Horney sieht man nicht häufig, aber immer gleichmäßig gut; beispielsweise den russischen Weibsteufel Natasja hier entwickelt sie mit bestechender und völlig glaubhafter Natürlichkeit. Ein neues Filmgesicht: Gusti Huber, eine junge Schauspielerin, die, von der Ufa zum erstenmal herausgestellt, gleich eine starke Talentprobe liefert; sie spielt, was sie zu spielen hat, ganz aus ihrem jugendlichen Gefühl heraus und gewinnt damit sofort. Auch sonst sieht man noch manche lebendige, darstellerisch konzentrierte Gestalt: Rene Deltgen vor allem, bann Alexander Engel, der
kürzlich eine ähnlich angelegte Rolle spielte, Aribert Wäscher, Leidelt, Tiedtke und Wester- meier. — An der Kamera stand, was nicht unerwähnt bleiben soll, F. A. Wagner
Das Beiprogramm bringt neben der Wochenschau einen interessanten Kulturfilm von der Transozean- Flugpost. der hier schon einmal gezeigt wurde, einen Vorspann zu „Schloß Vogelöd" und, auf der Bühne, die drei Londos mit einer hübschen, sauber ausgearbeiteten Schleuderbrett-Nummer.
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pimpsenprobe bestanden.
Ein Zehnjähriger berichtet.
Als auf dem Heimabend bekanntgegeben wurde, daß wir eine dreitägige Fahrt in unser Dambrauer Landheim machen wollten und daß dabei die Pimpfenprobe abgenommen werden würde, wollten alle gleich mitmachen. So hatten sich am Freitag über vierzig Jungen auf dem Bahnhof eingefunden, die alle die Probe ablegen wollten. Nachdem wir uns in Dambrau häuslich eingerichtet hatten, versammelten wir uns noch eine Weile im Tagesraum, um das Horst-Wessel- und das HI.-Fahnenlied zu üben, die jeder bei der Prüfung kennen muß. Nachdem diese Lieder allen geläufig waren, gingen wir zuversichtlich schlafen.
Am anderen Morgen ging es früh raus zum Geländesport. Da aber ein Sprühregen einsetzte, gingen mir bald wieder ins Heim und dort begann die Schulung. Zuerst nahmen mir die „Sieben Schwertworte" des Jungvolkjungen und ihre Bedeutung durch. Darauf folgte das Tornisterpacken, und bald war das Mittagessen herangekommen und mit ihm nahte der bedeutungsvolle Nachmittag immer mehr. Trotz des Regens gingen wir auf den Sportplatz, wo die Leichtathletikübungen abgenommen wurden. Mit dem Weitsprung wurde begonnen. In meiner Altersklasse mußten 2,50 Meter gesprungen werden. Ich war einer der ersten und zuversichtlich sprang ich ab. Aber mein erster Sprung war „übergetreten", mein zweiter ebenfalls. Beim dritten Sprung setzte ich alles auf eine Karte und holte 2,89 Meter heraus. Zufrieden wartete ich auf das Laufen. Für meine Ältersklaffe war es erforderlich, daß man 60 Meter in 12 Sekunden lief. Da wurde ich auch schon aufgerufen und lief sofort, als das Zeichen ertönte, ab. Aber ich stolperte in dem Grase mehrere Male, lief aber schließlich doch 11,7 Sekunden. Nun kam als letzte Uebung das Ballwerfen an die Reihe. 25 Meter weit mußte man den Ball werfen, wenn man die Hebung erfüllen wollte Ich
warf 32 Meter, und somit hatte ich die Leichtathletikübungen alle geschafft.
Nun kam noch die Schulung an die Reihe. Aber vorher tranken wir alle noch einmal einen kräftigen Kaffee. Ich mußte sehr lange warten, bis ich endlich zum Tornisterpacken drankam. Nun kamen nur noch die Lieder und die Sieben Schwertworte. Damit aber war ich erst nach dem Abendbrot an der Reihe. Als auch das geschafft war, und ich somit die Pimpfenprobe bestanden hatte, war cs schon sehr spät und wir gingen alle schlafen. Den ganzen Äbend sprach keiner; alle mögen wohl an die Pimpfenprobe gedacht haben
Am Bahnhof wartete bereits mein Vater auf mich. Seine erste Frage war, ob ich die Pimpfenprobe auch bestanden hätte. Als ich seine Frage bejahte, mag er wohl auf feinen Sprößling sehr stolz gewesen sein, denn ein Lächeln glitt über sein Gesicht, wie es sehr selten bei ihm geschieht.
Was alles verloren wird.
Die Fundstellen der verschiedenen Verkehrsgesellschaften liefern immer wieder neues Beweisfnate- rial für die Behauptung, daß die Vergeßlichkeit eine der am weitesten verbreiteten Eigenschaften des Menschen ist, und daß sich kaum ein Gegenstand denken läßt, das in dieser „Statistik der Zerstreutheit" nicht eine Rolle spielt. Kürzlich fand ein Polizeibeamter in den Straßen von Nizza eine Eule, die, wie einige Einwohner übereinstimmend versicherten, ein Soldat auf einem Motorrad verloren hatte, ohne daß er feinen Verlust in den folgenden Tagen anmeldete. In London vermißte jemand vor einiger Zeit einen „versteinerten Menschen", einen von Kalkablagerungen „umfrufteten" Körper, der in einer Höhle entdeckt worden war In Paris sind im letzten Jahr allein 350 falsche Gebisse von ihren Besitzern verloren worden Das Fundbüro der Neuyorker Untergrundbahn teilt in seinem letzten Bericht mit, daß bei ihm vom Trauschein bis zum lebendigen Affen so ungefähr alles abgeliefert worden sei, was man sich überhaupt nur vorstellen kann. Unter den verlorenen Dingen des vergangenen Jahres befanden sich eine Klapperschlange, ein stattlicher Satz funkelnagelneuer Verbrecherwerkzeuge, ein großer Kasten mit Rosenkränzen, beträchtliche Mengen künstlicher Zähne, mehrere Violinen, fünf chinesische Grammatiken, ein Jockey-Dreß und einige Paar Krücken. Ganz un- verständlich aber erscheint dem Amerikaner die Tatsache, daß unter den Fundgegenständen auch eine ansehnliche Flasche mit gutem echten Whisky ist. Auf einer Station der Untergrundbahn ist ein wohlausgestatteter Kinderwagen mit Decken und Kissen stehengelassen worden, und auch die Babyflasche fehlte nicht.


