Ausgabe 
21.11.1936
 
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Nr. 273 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen) Samstag, 2i. November M6

Herbstein: Grabmal des Bürgers Iah. Bonert (1714).

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Ein schöner Grabstein aus Hörnsheim. Die ganze Familie schart sich um den Gekreuzigten.

Jost Nachtigalls Grabdenkmal (Kirche Salzböden).

Schenklengsfeld: Denkmal des P. Schneider (1888).

Hachborn bei Marburg: Der Grabstein veranschaulicht reichen Kindersegen.

Grabstein des Bürgers, Hus- und Fahnenschmiedes 3UL Traut, Herbstein.

Grabstein aus Schenklengsfeld. (2Iufn.: Aus dem Prioatbesitz des Verjasters.)

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lieber die künstlerische Trostlosigkeit mancher heu- Hqen Friedhofsdenkmäler ist schon viel geschrieben worden. Man klagt mit Recht, daß viele neuere Grabdenkmäler im großen und ganzen nichts find, als Fabrikware, von den Hinterbliebenen in irgend­einem Grabsteingeschäft ausgesucht, und außer einer kärglichen Aufschrift, die nur die allerdürftigsten Daten enthält, völlig unpersönlich sind, Freilich ist es heute außerhalb einer großen Stadt, wo man von wahren Künstlern beraten werden kann, oft schwer, aus dem allgemeinen Massenangebot her­aus etwas Gutes zu finden.

ten stehen oder auch knien. Rechts steht die Mutter mit den Töchtern, links der Vater mit den Söhnen. Frühverstorbene Kinder erschienen als Wickelkinder, vor den Eltern Verstorbene werden mit einem darüber gesetzten Kreuz bezeichnet. An der Regel, daß Söhne und Töchter getrennt werden, wird ge­wöhnlich streng sestgehalten. Das kann zu dem eigenartigen Ergebnis führen, daß auf der einen Seite der Raum für die Söhne oder Töchter nur knapp ausreicht, während der Raum auf der ande­ren Seite leerbleibt. (Dgl. das Beispiel aus Ober-

Was bei den meisten alten Grabsteinen auffällt, ist die oft sehr große Anzahl der Kinder eines Ehe­paars. Ein Grabstein aus Dautphe bei Bieden­kopf zeigt die Bilder von fechs Söhnen und acht Töchtern. Alte Inschriften sagen uns geradezu, daß der Kindersegen Zweck und Ziel der Ehe ist, indem sie berichten, daß die Eltern in ihrer Ehe soviele Söhne, soviele Töchtererzielet" haben. Freilich ist auch zu sehen, wie so viele Kinder in zartestem Alter verstorben sind. Wir wissen zwar, daß m früheren Zeiten die Kindersterblichkeit außerordent­lich groß war. Vielen verheerenden Krankheiten man denke an Diphtherie stand der Arzt fast hilflos gegenüber. Aber es ist doch erschütternd, daß auf fast keinem Grabmal, auf welchem Kinder mit abgebildet sind, die frühverstorbenen, als Wickel- kinder Dargestellten fehlen. Der Grabstein des Johann Jost Burkhard Orth in Roßdorf (Kreis Marburg) und seiner Frau Magdalene, geb. Nau­mann, ist ein besonderes eindrucksvolles Beispiel. Die Frau starb ihres Alters 38 Jahre alt am 23. April 1695, nachdem sie in zwanzigjährigem Ehestand drei Söhnen und 10 Töchtern das Leben geschenkt hatte. Ein Sohn und nicht weniger als sieben Töchter sind klein verstorben, und mit dem letzten Kind wurde auch die Mutter vom Tod hin- wegqerafft. Auf diesem Grabstein (ähnlich auf fob dien in Hachborn, Hörnsheim, Butzbach u. a. O.) sind die Namen der Kinder einzeln über den Köpfen angegeben: Johann Konrad, Ludwig, Johann Heinrich f, Christine t, Anna t, Elisa­beth t, Magdalena t, Juliana t, Anna 7, Anna Maria, Elisabech und Anna Elisabeth, und ein un­getanstes Kind, welches die Mutter in den Armen h°Aber es sind nicht nur Personen schlechthin dar- aestellt, nicht selten trifft man auf Steine, aus denen Handwerk oder Beruf des Verewigten zu erkennen ist Das Grabdenkmal des Schlossermeisters Johann Henrich Bendrod, t 1787, auf dem Kirchhof m Bettenhausen bei Lich, zeigt in emem von zwei Engeln gehaltenen Schild unter der Lebens-

Dreispitzhut abgebildet, 1 aus einer andern Zeit 1 dagegen mit einem hohen ' zylinderartigen Hut ohne Krempe; auf einem Grab- 1 stein in Dautphe bei Biedenkopf erscheinen die Männer in einem runden Hut; auf einem andern, in Solz, halten sie den Hut mit der Trauerschleife vor sich. Bemerkenswert ist auch, wie man auf den Steinen nicht selten die Trauertracht feststellen kann. Da tragen z. B. die Männer noch den langen Trauermantel genau wie er auf einer Abbildung des Trauergefolges eines im Jahr 1667 verstorbe­nen Landkomthurs in Marburg von den Männern getragen wird. Das schwarze Kopfmän­telchen, welches die Frau­en, soweit sie noch die Tracht beibehalten haben, in ganz Oberhessen bei der Beerdigung tragen, und wodurch sie, in Ver­bindung mit dem in der Reihe Gehen, demTrauer- gefolge diesen ganz eigen­artig stimmungsvollen, tiefernsten Zug zu ver­leihen, dieses gleiche Kopf­mäntelchen tönen wir auch auf Grabsteinen bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Manche Steine veranschaulichen noch, wie der Bauer fein Haupthaar lang herab­wallend trug, so wie es in der Schwalm noch vor zwei bis drei Jahrzehnten üblich war!

Die alten Grabsteine sind ein bedeutsames Kul­turdokument unseres Volkes. Aber nicht nur das, sie sind auch Quellen der Familiengeschichte. Man­cher Forscher seines Stammbaumes hat schon auf einem Grabstein Anhaltspunkte für feine Ahnen- reihe finden können, eben deshalb, weil die Steine vielfach Namen, Stand und Alter der Eltern und

ihrer Kinder vermelden. Mit den kärglichen Anga­ben der heutigen Steine, welche kaum den Namen des Verstorbenen mit Geburts- und Todestag ent­halten, wird ein späterer Familienforscher wenig anfangen können.

Darum die Mahnung an Alle, die es angeht, 'Pfarrer, Bürgermeister, Lehrer: Sorgt dafür, daß die alten Grabsteine erhalten bleiben, womöglich geschützt aufgestellt werden, ihr erfüllt damit ein Gebot heimatlicher Kunst- und Kulturgeschichte!

K. von Baumbach.

Herbstein weist das Bild eines Fahnenträgers auf. Die Inschrift besagt, daß es das Grabmal des 1727 verstorbenen Johan­nes Staubach,HVIVS OPPIDI VEXILLIFER ist, Fahnenträger dieser Stadt.

Ist dieser Grabstein ein­facher Art, so ist ein an­derer auf dem Herbsteiner Kirchhof des Bürgers Jo­hannes Bonert, t 1714, von hohem künstlerischem Wert. Die Gewandung der Figuren ist sorgfältig ausgeführt, die Gesamt­darstellung frei und un­gezwungen. Der Stein­metz hat sich offenbar be­müht, den Köpfen Bild­nisähnlichkeit zu geben, was auch auf anderen Grabsteinen manchmal der Fall zu sein scheint. Oft freilich entspricht dem guten Willen nicht das Können. Der Unterschied in der Ausführung der Grabdenkmäler bewegt sich in allen Stufen vom ganz schlicht Handwerks­mäßigen bis zum beach­tenswert Künstlerischen, und zwar in Stadt und Land. Es müssen keines­wegs immer städtische Meister gewesen sein; man , kann sich durchaus den- ken daß auch Stein- 1 meßen auf dem Land es zu ' trefflichen Leistungen brachten.

Alte Grabmalkunst.

Kulturdokumente unseres Volkes. Quellen der Familiengeschichte.

walgern.) ,, ...

Diese Art der Darstellung geht wohl auf die Stifterbilder" des 16. Jahrhunderts und früher zurück, bei welchen eine Familie ein Bild des Er­lösers oder der Mutter Gottes in die Kirche stiftete, und sich selbst darauf mit abbilden ließ. (Das schönste solcher Bilder ist die berühmte Holbeinsche Madonna in Darmstadt, auf welcher der Bürger­meister Meyer mit seinen Angehörigen abgebildet ist) Ganz dieser Art entspricht das Grabdenkmal des Jost Nachtigall aus 1586 an der Kirche in Salzboden. Es ist nun bemerkenswert, wie diese Art sich fast dreihundert Jahre lang erhalten hat. In ganz Hessen finden wir solche Grabsteine. Es waren offenbar die Begüterten, die sie unfertigen ließen. Wer keine Mittel hatte, begnügte sich mit einem einfachen Holzkreuz. Naturgemäß sind solche mit der Zeit vermorscht und zerfallen.

In andern Gegenden wieder, wie in Niederheffen, ist das Motiv einer Krone, welche von Engeln über den Sargefteliten gehalten wird, üblich und weit verbreitet, nach dem Bibelwort:Ich will Dir die Krone des Lebens geben." Zuweilen trägt der Stein noch die InschriftDie Himmelskron wird mir zum Lohn." Solche Steine kommen in großer Anzahl in Schenklengsfeld bei Hersfeld und Um­gegend vor. Auf dem dortigen Friedhof find mehr als 100 alte Grabsteine aus der Zeit von etwa 1600 an bis fast in die neueste Zeit, denn der jüngste Stein in alter Art ist erst aus dem Jahr 1888! Alle Stilepochen sind vertreten; der Friedhof ist em einzigartiges Freilicht- und Heimatmuseum, an welchem man die Stilentwickelung der verschiedenen Zeiten studieren kann.

Aber nicht nur diese, auch die Veränderungen der bäuerlichen Tracht und der Zeittracht überhaupt kann man auf den Steinen er­kennen. In Schenk­lengsfeld sind z. B. Männer mit dem großen

Bettenhausen: Grabstein von I. H. Bendrod.

Vergleicht man Grabdenkmäler aus früheren Zeiten, wie wir sie noch vielfach auf Friedhöfen der Dörfer oder Landstädte oder an den Kirchen­mauern aufgestellt finden, so fällt der Unterschied in die Augen. Da sind die aus heimischem Sand­stein gearbeiteten starken Platten, aufrecht stehend, am oberen Ende je nach dem Zeitstil ausgestaltet und mit einer entsprechenden Umrahmung ver­ziert In der Mitte sind regelmäßig die Personen dargestellt, denen das Denkmal gesetzt wird; und zwar wenn es ein Ehepaar ist, mit den Kindern in der Art, daß sie neben dem Bild des Gekreuzig-

krone die Symbole des Handwerks: gekreuzte Schlüssel und Hammer. Aus der Inschrift erfahren wir ferner, daß der Meister langjähriger Herzoglich Braunschweigischer Salpeterfabrikant war. Gewiß ein einträgliches Geschäft, denn in den damals häufigen Kriegen war der Bedarf an Schießpulver Nicht gering. Aehnlich ist auf bem sehr schonen und stattlichen C -abmal des Nikolaus Tram, t 1726, welcher zu H e r b st e i n Bürger Huf- und Fahnen­schmied war, das Handwerkszeug eines Hufschmieds zu sehen Auf einem Stein in Solz (Kreis Roten­burg) hält ein Mann, sich dadurch als Fleischer kennzeichnend, einen Schild mit Fleischerwerkzeu- gen: auf einem Stein da­neben ist ein Jäger, viel­leicht ein Trottscher För­ster, unter einem Baum mit Gewehr, Hund und Reh oder Hirsch zu sehen. Ein anderer Stein .in