großen werden genau festgelegt, und alles umrahmt und zwingt in sich hinein die Stadtmauer. Sie be. stimmt den Verlauf der Straßen. Die anfänglich ur- wüchsige Anlage ordnet sich in Haupt- und Neben- straßen, rippenförmig, parallel und meridional ver- laufen sie unter dem Einfluß der Umrißlinien, bis sie ihre letzte Klärung und Festlegung erfahren durch ben rein geometrischen Wohnblock, der dann für alle Zeiten seine Gestalt erhält. .
So wächst langsam das germanische Dorf im Zeit- raum eines Jahrtausends durch immer straffere Fas- jung in den Zeiten der rationalistischen Denkweise zur deutschen Stadt.
Gerade die hessischen Städte zwischen Mam und Weser geben für die Entwicklung sehr schone Set- spiele, da die meisten von ihnen über den mittelalterlichen Rahmen nicht hinausgewachsen sind, auf jeden Fall aber ihren damaligen Kern noch klar erkennen lassen. So läßt sich an Hand der Grundrisse von mehr als 40 hessischen Städten die Entwicklung
Gedenket der hungernden Vögel!
und
21.50
22.07
22.32
23.03
0.42
Frauen 21.45 Uhr,
Spiele,
Frankfurt a. M. Friedberg Butzbach Gießen Marburg
Die deutsche flrbeitöfront
>" 1L9.=Gemcinfchaft „firaft durch freuöc"
in Marburg zusteigen. , .
Zu diesem Urlaubszug sind noch einige Platze frei. Anmeldungen sofort bei den zuständigen Dienststellen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Kosten der Fahrt einschließlich Unterkunft, Verpflegung und Besuch der Automobilausstellung 28,50 Reichsmark.
Sportami „Kraft durch Freude".
Uhr, Dolksbad.
Reiten. Von 20 bis 21 Uhr, Universitäts-Reitinstitut, Brandplatz. (Neuanmeldungen für die in der nächsten Woche beginnenden Reitkurse werden auf der Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, angenommen.)
SonnlagSrückfahrkartenzumKarneval.
Von der Fahrkartenausgabe Gießen werden Sonntagsrückfahrkarten zum Karneval nach folgenden Bahnhöfen ausgegeben:
Zum Mainzer Karneval nach Mainz-Hbf., Mainz-Süd und Mainz-Kastel zur Hinfahrt vom 22. Februar, 12 Uhr, bis 25. Februar und zur Rückfahrt vom 22. Februar bis 26. Februar, 12 Uhr (spätester Antritt der Rückreise).
Zum Karnevalszug in Marburg (Lahn) am 25. Februar zur Hinfahrt vom 25. Februar, 11 bis 24 Uhr, und zur Rückfahrt vom 25. Februar bis 26. Februar, 12 Uhr (spätester Antritt der Rückreise).
Zum Karnevalszug in Friedberg am 25. Februar zur Hinfahrt am 25. Februar von 0 Uhr und zur Rückfahrt bis 24 Uhr (spätester Antritt der Rückreise).
Schulung der Wandersührer.
Die für Sonntag, 23. Februar, im Haus der Deutschen Arbeitsfront angesetzte Wanderführer- Schulung beginnt vormittags 8.30 Uhr. Wir bitten hiermit alle Wanderführer, pünktlich zur Schulung anwesend zu fein.
Achtung KdF.-Iahrer!
NSG. Wir teilen nachstehend die genauen Fahrzeiten des Sonderzuges der NSG. „Kraft durch Freude" zur Automobilausftel- l u n g in Berlin mit:
heule folgende Kurse: Allgemeine Körperschule, und Männer. Von 20.30 Uhr bis
Kassel
Berlin, Potsdamer Bahnhof an 9.24 „
Die Abfahrt von Berlin, Potsdamer Bahnhof, erfolgt am 26. Februar, 18.20 Uhr. Ankunft in Frankfurt a. M., Hauptbahnhof, am 27. Februar um 5.35 Uhr. In Gießen steigen die Teilnehmer der Kreise Unterlahn, Unter- und Oberwesterwald, Limburg, Oberlahn, Wetzlar, Dillenburg und Gießen ein. Die Teilnehmer des Kreises Biedenkopf können
Schwimmen, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.30 Uhr und vom 21.30 bis 22.15
Abfahrt des Zuges am Samstag, 22. Februar, in: ~ 21.14 Uhr
Lyzeum, Dammstraße 26.
Fröhliche Gymnastik
Frauen. Von 20.30 Uhr bis 21.45 Uhr, Lollar, Kantine der Firma Buderus.
stellung vorausgeht, müßen stch Unterprimaner, die sich für eine der beiden Laufbahnen entscheiden möchten, baldmöglichst melden.
Bewerbungsgesuche sind für Fahnenjunker im Sanitätskorps an den Wehrkreisarzt des nächsten Wehrkreiskommandos (z. B. Kassel), für Fahnenjunker im Veterinärkorps an den Wehrkreisveterinär des nächsten Wehrkreiskommandos zu richten. Bei den genannten Dienststellen sind auch Merkblätter über die Sanitäts- und Veterinäroffiziers-Laufbahn zu erhalten, sie geben über alle Annahmebedingungen sowie über die Ausbildung nach erfolgter Annahme als Fahnenjunker erschöpfende Auskunft.
♦* Scharfschießen des II. Bails. Jnf.- R e gt s. 3 6. In der Zeit vom 5. bis 7. März und vom 9. bis 14. März wird das II.Batl. Jnf.-Regts.36 in der Gegend von Erda Scharfschießübungen abhalten. Für die Zeit dieser Hebungen werden die Truppen in den Orten Hohensolms, Erda und Groß-Altenstädten Quartier beziehen.
** Verstärkte Kurzarbeiter-Unter - stützung für die Schuhmacherei. Der Präsident der Reichsanstalt hat mit Wirkung ab 23. Februar diejenigen Betriebe der Schuhmacherei und Schuhindustrie zur verstärkten Kurzarbeiterunterstützung zugelassen, in denen regelmäßig mindestens zehn Arbeiter oder Angestellte beschäftigt werden.
** Ausbau d e s Leihgefterner Weges. Bereits vor einigen Jahren wurde der obere Teil des Leihgefterner Weges — Ludwigftraße bis Gummifabrik — durch die Herstellung von Kleinpflaster an der Fahrbahn und durch Plattenbelag für die beiden Fußsteige neu befestigt, während der untere Teil, Ludwigstraße bis zur Einmündung in die Wilhelmstraße, bis jetzt unbefestigt blieb. Nachdem in letzter Zeit hier zwei neue Wohnhäuser errichtet wurden, die ihren Zugang von «diesem Straßenteil aus haben, ist man jetzt dabei, die Fahrbahn zu verbreitern, auf der Südseite einen Fußsteig anzulegen und beide zu befestigen. Da auch an der hier anschließenden Straße, Rodthohl, im vergangenen Jahr ein Neubau errichtet und die Straße neu befestigt wurde, so'wird durch diese Ausführungen eine wesentliche Verbesserung im Südviertel unserer Stadt erreicht.
** Der Landesverband der DLRG. (Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft) wird eine öffentliche Tagung am Sonntag, 1. März, im Studenten - Kameradschaftsheim in Gießen abhalten.
Mit der Tagung wird eine Ausstellung der DLRG. und des Roten Kreuzes Gießen über das Wasserrettungswesen verbunden sein.
** D i e Kneipp-Bewegung veranstaltete am Donnerstagabend im „Bayerischen Hof einen öffentlichen Vortrag, der sehr gut besucht war. Frl. Stang aus Bad Wörishofen sprach über das Thema „Die Kochkunst vergangener Zeit und der Gegenwart". In ihren Darlegungen brachte die Vortragende eine Fülle von praktischen Ratschlagen und Hinweisen, deren Anwendung dem Wohle des einzelnen und dem Nutzen der Volksgemeinschaft diene. Die Rednerin ermahnte die Hausfrauen, es auf dem Gebiete einer natürlichen und gesünderen Ernährung an Tatkraft und Energie nicht fehlen zu lassen und auch dabei die Aufbauarbeit unseres Volkes zu fördern. Im weiteren Verlaufe ihres Vortrages ging die Rednerin auf die Ziele der Kneipp-Bewe- gung ein, die keine Medizinlehre für kranke Menschen sei, sondern die natürlichste Lebensbetätigung bezwecke. Durch die Anwendung von Wasser, Licht und Luft habe sie Tausenden von Menschen neue Wege zu einer gesunden Lebenshaltung und einer glücklicheren Lebensführung gewiesen. Auch auf dem Wege über die Küche der Hausfrau wolle die Kneipp-Bewegung am Aufbau der Volksgesundheit und eines kraftvollen und zufriedenen Volkes mitwirken. Die Vortragende gab sodann eine Reihe von Kochrezepten bekannt, ferner konnten sich die Besucher durch Kostproben ein Urteil über die Ratschläge der Vortragenden bilden. Zum Schlüsse gab die Vortragende noch Ratschläge für die hauptsächlichsten Krankheiten. Vereinsleiter Sier unterstrich noch in kurzen Worten die Darlegungen der Vortragenden und schloß sodann den Abend mit dem Sieg-Heil - Gruß an den Führer.
Oie Cniwicklungslinien des deutschen, besonders des hessischen Städtebaues.
Heber diesen Gegenstand sprach im letzten Vortrag des Oberhessischen Geschichtsvereins am gestrigen Donnerstagabend Stadtbaurat G r a o e r t. Nach den Begrüßungsworten des Vorsitzenden Dr. Glöckner führte der Vortragende etwa folgendes aus:
Der deutsche Städtebau kann in feiner vollen Bedeutung als Ausdruck deutscher Willenskraft nur erkannt werden, wenn er im Rahmen der deutschen Siedlungsgeschichte gesehen wird. Es hat drei große Abschnitte städtebaulicher Gestaltung auf deutschem Boden gegeben: Den römischen Garnison-Stadtbau von 100 vor Christi bis 400 nach Christi, den germanischen Dorfbau von 400 bis 900 nach Christi und den deutschen Städtebau von 900 bis 1400 nach Christi. Also drei große Perioden von je einem Halbjahrtausend.
Der römische Städtebau in Deutschland braucht nicht weiter eingehend behandelt zu werden, denn er ist fremdes Gut auf deutschem Boden, und begrenzt sich in feinen Nachwirkungen vielleicht nur auf den durch den Limes abgegrenzten Teil Deutschlands. Er vergeht wieder unter den Stürmen der germanischen Völkerwanderung.
Der deutsche Städtebau dagegen hat feine Wurzeln im eigenen Boden, ist aus eigener Kraft gewachsen und wurde der reinste Ausdruck deutscher Jugend. Zwischen Rhein und Elbe entwickelt sich nach dem Seßhaftwerden der germanischen Stämme, je nach dem Charakter der Landschaft, der Einzelhof (Sippenhof), oder das Haufendorf. Der Einzelhof in Gebieten vorwiegend extensiver Weidewirtschaft, das Haufendorf mit seiner Gewann-Flureinteilung in Gebieten mit intensivem Ackerbau. Die Struktur des Haufendorfes ist urwüchsig und in der Entwicklung feiner Gestalt nur bestimmt durch die Bevölkerungsvermehrung.
Aber der Germane ist nicht nur Bauer, sondern er muß auch Krieger sein. Sein Leben ist ein dauernder Kampf gegen die Natur, gegen Menschen und Tiere. Deshalb spielt die Frage der Sicherung bei der Gestaltung seiner Siedlungsanlagen eine dauernd wichtige Rolle.
Die Fliehburgen auf Bergeshöhen treten in ihrer Bedeutung zurück. Jede Siedlungsgemeinschaft sichert jsich selbst durch Anlage eines befestigten Platzes,
eines „umfriedeten Hofes", in ruhigen Zeiten die Stätte des Gerichts, der Götterverehrung, der Spiele; in kriegerischen Zeiten die Stätte des Schutzes für Mensch und Vieh. Diese Platzanlage ist der Kern jeder Siedlung. Später wird aus dem Friedhof der „Kirchhof", als jede Gemeinde sich ihr Gotteshaus baut. Aber auch jetzt noch behält der Platz mit feiner Kirche Wehrcharakter. Viele Kirchtürme, zumal in Hessen, zeigen heute noch ihre Schießscharten, ihre unter den Dachhelmen liegenden Zinnen, die Pechnasen usw. Rund um diesen Platz standen die Häuser in „Rundlingsform", und strahlenförmig, rippenförmig oder netzförmig liefen die Gassen von hier aus. So entwickelt sich das germanische Haufendorf, gleichzeitig üi günstiger Acker- und Schutzlage, ungekünstelt und urwüchsig, kein Gesetz und keine sonstige Bindung bestimmen seine Struktur.
Aber das Volk wächst und der Lebensraum wird enger, nicht mehr alle kann der väterliche Hof ernähren. Die nicht erbberechtigten Söhne wandern aus und suchen sich neue Lebensaufgaben. Der Bedarf des Volkes steigt. Der Handel mit den Nachbarn beginnt. Produktionsüberschüsse treten ein; was der eigene Bedarf nicht mehr verbrauchen kann, wird verkauft. Es bildet sich der Markt. Nicht nur der Wand erhandel, auch im Ort selbst bildet sich ein an bestimmte Zeiten gebundener Markt. Aber er kann nicht der Willkür überlassen bleiben, denn der Kaufmann braucht Sicherheit für seine Waren, die sein ganzes Vermögen darstellen. Das Marktrecht gibt sie ihm. Der Marktplatz aber entsteht unter dem Schutze des Grundherrn, d. h. am Fuße einer Kirche oder einer Burg. Auf ihm als dem neuen Mittelpunkt laufen auch hier alle Straßen zusammen.
Der Bürger, der neue Stand neben dem Bauern, geht mit seiner Ware über Land, es entsteht der Verkehr von Ort zu Ort, von Land zu Land. Die Sicherheit wächst, der Bürger verdient und sein Seldstbewuhtsein läßt ihn langsam selbständig werden. So wandert der Marktplatz von seinem Schutzplatz unter der Burg an die Verkehrsstraße. Die Straßen der Stadt richten sich aus. Jeder braucht seinen Platz an ihr. Deshalb bildet sich eine immer straffere Form des Wohnblocks, die Grundftücks-
des deutschen Städtebaues von dem noch dorfähnlichen Gebilde verfolgen bis zum rein geometrischen Straßennetz, wofür gerade nordhessische Städte viele Beispiele geben.
Als dann unter den Karolingern die ersten Schritte über die Elbe getan werden zur Gewinnung neuen deutschen Bodens im Osten, liegen die Formen der Siedlung fest. Im slawischen Grenzland entsteht der deutsche Rundling, der sich durch Zuwachs der Ansiedler erweitert zum Angerdorf, dieses wieder zum Sttaßendorf. Unb auch die deutsche Stadt im Osten ist ein klares Gebilde aus rechtwinkeligen Straßenblöcken mit dem Marktplatz in der Mitte, eingeschlossen von dem meist ovalen Ring der Stadtmauern. Ueberall, wo deutsche Bauernsöhne und Kaufleute deutschen Boden gewonnen haben, ob im slawischen Osten, im tschechischen Böhmen oder in Ober-Oesterreich, überall erkennt man die gleiche, auf germanischem Boden entwickelte, jetzt nur klar angewandte Siedlungsform.
So entsteht deutscher Städtebau aus deutscher Wurzel und bringt deutsche Kultur weit hinein in den Osten und Südosten. Das deutsche Dorf und in ihm das deutsche Bauernhaus, von keinem anderen Volk vor- oder nachgemacht, wird weit über die politischen Grenzen Deutschlands im ganzen deutschen Lebensraum das Symbol deutscher Kraft und deutscher Kunst und bewahrt diese innere Kraft bis in die Tage unserer Gegenwart.
Der Vortragende schloß mit einem Wort des berühmten Kunstgeschichtlers Pinder: „Gewiß war die große Kaiserzeit des deutschen Mittelalters keine Zeit wissenschaftlicher Forschung, sie ergriff ein ganz anderes. Sie ergriff die große Form. Wissen kann sie zerstören, Glaube allein kann sie möglich werden lassen. Ein Zeitalter, das wieder Glauben hätte, nur aber, ohne sein Wissen zu verlieren, wäre ein großes und dankbares Ziel. Wer ihm zustrebt, hilft nicht, das Mittelalter zu überwinden, sondern es wieder zu finden. Denn unsere Zukunft ruht auf unserer Herkunft."
In feinem Schlußwort dankte Dr. Glöckner dem Vortragenden herzlich für seine ausgezeichneten, von vielen Lichtbildern unterstützten Ausführungen. Er gab dann noch einen kurzen Heber- blick über die Arbeit dieses Winters und berichtete über einen Werbefeldzug des Oberhessischen Geschichtsvereins. Der Verein, der in Kürze den 33. Band seiner „Mitteilungen" herausbringt, kann feine Aufgabe nur erfüllen, wenn er einen Mindestbestand von Mitgliedern hat, die für nur 3 Mark bei freiem Besuch der Vorträge und des Oberhessischen Museums unentgeltlich die „Mitteilungen" erhalten, welche im Buchhandel 4 Mark kosten. Diese „Mitteilungen" sind die einzige geschichtswissenschaftliche Zeitschrift der Provinz Oberhessen und unentbehrlich für die geschichtliche Arbeit an dem historischen Institut der Universität. Sie werden der Universitäts-Bibliothek in 350 Stücken zum Tausch zur Verfügung gestellt, die von 350 in- und ausländischen Geschichtsinstituten und -vereinen deren Veröffentlichungen erhält. Dr. Glöckner schloß mit dem bekannten Wort Fontanes: „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du".
MMMMklMlkN.
Vornan von H. von Hellermann.
Copyright 1936 by Aufwärts-Derlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
27 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Blaß war das schöne Gesicht geworden, hatte jetzt oft einen nervösen Leidenszug. Schatten unter den früher so strahlenden Augen sprachen von durchwachten Nächten. Hnd doch waren diese matten Züge manchmal rosig überhaucht, srraff und glückstrahlend, wenn Elfriede von „einem schönen Spaziergang" oder von „Besorgungen" heimkam. Hatte sie da jemanden getroffen? — An jenen Abend mußte die Mutter denken, da Drau in dem ersten Vortrag Selldöns in ihrer Nähe gesessen, sein und Elfriedes Blick so selbstvergessen ineinander geruht. War Drau schuld am Zusammenbruch dieser Ehe ober ein anderer? Der Gatte selbst?
Ach, es war nicht leicht, all diese Fragen zu verschweigen, zu warten, dis Elfriede sich ihr freiwillig offenbarte. Oft schien sie nahe daran — verhielt aber dann das befreiende Wort und trug, was ihr Herz beschwerte, stumm weiter.
Auch heute war sie gekommen, saß im Sofawinkel, den Kopf an der Mutter Schulter, von derem Arm umschlungen, und plauderte verträumt von vergangenen Tagen.
„Weißt du noch, wie schön wir deinen letzten Geburtstag vor Vaters Tod feierten, Mamachen? Er wollte ihn ganz besonders festlich begehen, als ahnte er, daß er es im nächsten Jahre nicht mehr tun könne. Alles war mit Rosen geschmückt, frühmorgens fangen wir dir ein Stündchen, wobei Gretelchen immer falsch den Baß brummte, und abends brannten bunte Lampions im Garten, dessen Wege wir Kinder eifrig mit frischen Blumen bestreut hatten. Väterchen sah so froh aus und du wie ein ganz junges Mädchen in dem weißblauen Sommerkleid! Wir waren allein, wir fünf, brauchten keine fremden Menschen, um unser Fest zu feiern, waren glücklich unter uns im eigenen Heim. Wie anders ist alles geworden — —
„In meinem Herzen nicht", sagte Frau Margret erinnerungsoersunken und lächelte mit nassen Augen, „da blüht jede Glücksstunde sorgsam gehütet weiter."
„Wie reich bis du Mamachen!"
„Solltest du ärmer sein, Kind?"
Die feinen Hände krümmten sich zusammen, da Elfriede Stalling den Kopf von der Mutter Schul
ter hob und abwandte, als scheue sie ihren Blick. „Viel, viel ärmer, als du ahnst", sagte sie leise.
Margret Mervius hielt den Atem an. Jetzt war die Last zu groß geworden zum Weiterschleppen...
Vorsichtig suchte sie nach dem rechten Wort.
„Vieles in dem glänzenden Gesellschaftsleben mag dich bitter enttäuscht haben, Elflein, hast wohl hinter all dem Prunk manche Leere entdeckt, nicht wahr, dich wohl manchmal verwundet an Dornen, die du inmitten der bunten Pracht nicht geahnt hast. Auch in deiner Ehe wird manch kleiner Schatten aufgetaucht fein. Teddy ist keine Idealfigur, wie sie sich so ein törichtes kleines Mädchenherz erträumt, — die gibt es nun einmal nicht im Leben. Aber er hat viele vorzügliche Eigenschaften, ist gut zu uns allen, liebt dich zärtlich. Darf eine Frau ich „arm" nennen, die geliebt wird?"
Die warme (Stimme bat förmlich um Wiber- pruch.
Elfriede richtete sich auf, sah ihre Mutter voll an: „Theodor Stalling hat mich nie geliebt, Mama, er hat sich nur verliebt in mein Aeußeres, es schmeichelt seiner Eitelkeit, eine schöne Frau zu besitzen. Wie die innerlich beschaffen ist, kümmert ihn nicht. Er läßt sie nach Belieben (eben, solange cs seinen Interessen dient. Unb zeigt sein wahres Gesicht, sobald das nicht der Fall ist."
Die blassen Züge wurden hart.
„Er beklagt meinen Mangel an Leichtlebigkeit. Wie viel könnte ich für den guten Teddy erreichen, in wie viel Aufsichtsräte ihn hineinschmeicheln, denn der bewußte Freund, der umworben werden soll, ist reich und vermag Diel, wenn er will — und schön gebeten wird. Warum siehst du mich so entsetzt an, Mama? Das ist modern, fortschrittlich gedacht! Man wechselt die Ehefrauen öfters einmal aus. schlüpft in ein fettbezahltes Pöstchen für die erwiesene Gefälligkeit. Warum nicht? Nur schade, wenn einem die Frau einen Strich durch die Rechnung macht und sich weigert, teilzunehmen am .Kämmerchenvermieten'--"
Die höhnende Stimme brach.
„Ach, Mama, nicht die Leere, nicht die Kälte aller Not der Mitmenschen gegenüber, nicht der krasse Egoismus ist's, an dem man zugrunde geht — der Schmutz um einen ist's, man versinkt darin!"
Das war ein Hilfeschrei. Wortlos vor Erschütterung nahm Margret Mervius ihre Tochter in die SJrme und ließ den Verzweiflungssturm sich an ihrem Herzen austoben. Alles, was die junge Frau monate«, jahrelang mit sich herumgetragen, quoll nun hemmungslos aus ihr hervor, all das Häßliche, das sie sorgsam unter Scherz und Lachen verborgen, brach auf wie eine schwärende Wunde.
Frau Margret suchte zu begreifen, was sie hörte. Theodor Stalling und sein nur für Geld und Genuß lebender Kreis waren ihrer ganz auf Innerlichkeit und Nächstenliebe eingestellten Art nie sonderlich sympathisch gewesen, dieser ganzen oberflächlichen Lebensauffassung stand sie fremd und verständnislos gegenüber. Aber unter der Protzsucht, unter dem vergnügten Poltern — das in ihrer Gegenwart sich immer in gewissen Grenzen gehalten — hatte sie ein warmes Herz, viel Gutmütigkeit und echte Liebe zu der Frau vermutet, die sich jetzt verzweifelt in ihre Mutterarme geflüchtet hatte.
Das Telephon im Flur gellte.
Elfriede hob das tränenüberftrömte Gesicht, sah aus verschwollenen Augen die Mutter angstvoll an.
„Das wird Teddy sein! Wir sollten mit Egidys Wegerdts und Brucks eine Spreewaldfahrt machen, die anderen sagten aber ab — nun will er mit Brucks und mir allein fahren, aber ich gehe nicht mit — nie mehr!"
Margret Mervius küßte die nasse Wange, schob ihre Tochter dann sanft von sich und stand auf.
„Beruhige dich, wenn es wirklich Teddy sein sollte, so werde ich ihm sagen, du seiest hier mit Erkältung und Kopfweh. Du legst dich auch gleich in meinem Zimmer hin."
Die Stimme des Schwiegersohns klang ungewöhnlich kurz, als er auf seine Anfrage, ob Elfriede dort sei, die Antwort hörte.
„Alles schon und gut, Mama, aber an die Migräne glaub ich nicht, mit deiner gütigen Erlaubnis! Jedenfalls werde ich mich selbst davon überzeugen, ob Elfi wirklich krank" — spöttisch betont — „ist, oder nur mal wieder tücksch."
. Der Hörer wurde aufgeknallt. Langsam ging Frau Margret wieder zur Tochter hinein. „Stalling wird Herkommen", sagte sie, überlegend, was am besten zu tun fei, und ohne zu wissen, daß sie ihn beim Familiennamen genannt hatte. „Du wirst dich sofort legen, Kind, komm —"
Elfriede Stalling schüttelte den Kopf. „Nein, Mamachen, laß ihn kommen! Mag er endlich erfahren, daß ich — so — nicht weiterzuleben vermag. Es muß Klarheit zwischen uns bestehen." Das tränennasse Gesicht erstarrte. „Ich werde ihn hier erwarten."
Die Minuten verrannen. Margret Mervius saß neben der Tochter, hielt ihre Hand fest. Sie konnte nicht abreden, es war gut so. Wenn Elfriede übertrieben hatte, würde eine Aussprache alles klären. Es konnte ja nicht fein, daß ...
Als es draußen Sturm klingelte, zitterte die • ältere der beiden wartenden Frauen. Die junge
saß ganz still, sah steilerhobenen Hauptes dem Mann entgegen, der, von Frau Margret herein- gelassen, grußlos das Zimmer betrat.
„Was ist denn das wieder?" begann er zornig. „Gleich ist es ein Hhr — um zwei holen Brucks uns ab, und wir haben noch keinen Bissen gegessen! Du weißt, daß mir gerade an dieser Tour viel liegt —" er stockte, betrachtete sie mißtrauisch: „Du hast doch gar keine Migräne —"
„Nein", sagte Elfriede Stalling sehr ruhig, „aber ich werde trotzdem nicht mitfahren."
„Da soll doch gleich der Deu ..." Stalling wurde dunkelrot. „Hnd warum nicht, wenn ich fragen darf?"
Die junge Frau bat ihre Mutter mit einem Blick, sie allein mit dem Gatten zu lassen. „Weil ich mich weigere, den Verkehr sowohl mit Herrn als auch mit Frau Bruck fortzusetzen", erwiderte sie, als sich die Tür hinter Margret Mervius geschlossen.
Ihr Mann sah sie fassungslos an. „Sag mal — bist du verrückt geworden?"
Ein seltsames Lächeln huschte über das blasse Frauengesicht. „Nein, aber wissend."
„Das heißt —?" Er trat näher, einen lauernden, etwas unsicheren Blick in den Augen.
„Daß ich mich weigere, deine Geliebte weiter bei mir zu empfangen."
„Meta Bruck meine ... Nun höre einer den blühenden Blödsinn!"
Sie unterbrach ihn mit einer kurzen, herrischen Handbewegung.
„Ihr eigener Mann hat es mir gesagt, in der Hoffnung, mich seinen Wünschen gefügiger zu machen. Er täuschte sich. Aber seine Nähe ist eine stete Beleidigung und Belästigung für mich, die ich nicht länger ertragen kann." Ihre sonst so weiche Stimme hatte einen schrillen, gläsernen Klang — „verstehst du, Teddy — ich kann nicht mehr!"
Der lief mit gerungenen Händen im Zimmer herum, stieß einen Stuhl, der im Wege stand, beiseite, daß er umflog. Diese Frau — — feinen Funken von Großzügigkeit, von Verständnis für feine Nöte besaß sie---Unb wenn zwischen
ihm und der Meta wirklich so eine kleine Tändelei bestand: war das nicht geschäftlich klug gehandelt gewesen, hatte ihm Meta nicht die Sechsundvierzig« tausend zum Anlegen überlassen, an denen sie beide so fein verdient hatten, ihm nicht manches Sümm« chen zugewiesen durch einen von Bruck erlangten guten Tip? Mußte man denn jede Kleinigkeit in engherziger moralischer Entrüstung auf die Spitze treiben?
(Fortsetzung folgt!)
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