YlT.ll Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Dienstag, ZI. Zanuar M6
^zunge Schauspieler wachsen heran
Eindrucksvolle Stunden im Berliner Staatsthealer.
Aus der Provinzialhauptstadt
Menschen mit Fingern zeigen, die nur Spott für die ganze Fliegerei überhaupt hatten unb'Oie den alten Grafen Zeppelin für „total meschugge" hielten! Da man aber nicht mit dem Finger auf jemand zeigen darf, unterlassen wir es. Aber wir denken uns unser Teil!
Und — zum dritten — die Angelegenheit mit der Funkentelegraphie! Auch da sind's gerade 25 Jahre her, seitdem die Deutsche Betriebsgesellschaft für Funkentelegraphie gegründet wurde, deren Arbeiten dann auch zum Rundfunk führten. Ich kannte einen Menschen ganz genau, der damals voller Hohn sagte: „Unglaublich!" Aber ich nenne seinen Namen nicht, weil--weil---weil ich es damals
eben für unglaublich hielt!
Seit dieser Zeit bin ich etwas vorsichtiger geworden! Und ich bin ja auch nicht der einzige Mensch, der sich so blamiert hat. Aber als ich ieht alle die Erinnerungen an jene eben geschilderten Erfindungen gelesen hatte, uns aus ihnen sah, wie die Menschen sich immer und immer wieder mit ihrem „Unglaublich!" bloßgestellt haben, da habe ich jenen festen Entschluß gefaßt, nie mehr etwas — unglaublich zu finden! Mag jetzt entdeckt, erfunden, erdacht werden, was will: ich glaube daran! Ich habe keine Lust, mich nochmals auslachen zu lassen. Ich strebe vielmehr nach dem Ruhm, immer der erste gewesen zu sein, der's geglaubt hat. Vielleicht gehe ich auf diese Art einmal ruhmvoll in die Geschichte ein!
Wissen Sie übrigens, daß man jetzt Pillen erfunden hat, die die Schwerkraft der Erde aufheben? Man braucht sie nur zu schlucken und kann sich frei durch die Luft überall dahin bewegen, wohin man sich bewegen will.
Sehen Sie: Selbst diese Pille schlucke ich! Und wenn S i e es für unglaublich halten, i ch glaube daran! Das heißt, in Wirklichkeit glaube ich nicht daran — aber ich sag' es keinem öffentlich. H. D.
Unglaublich!
Seit einigen Monaten habe ich mir vorgenommen, das kleine Wort „unglaublich" nicht mehr zu benutzen. Nicht etwa, weil ich dies oder das nicht auch für unglaublich hielte, sondern weil ich mich vor der Zukunft fürchte oder genauer ausgedrückt: weil ich mich nicht gern blamieren möchte, mich nicht gern bloßstellen, mich nicht lächerlich machen möchte.
Wie ich das meine, und wie ich zu dem Entschluß kam, will ich gern verraten, obwohl eigentlich jeder, der die letzten Monate mit wachem Sinn durchlebt hat, auf denselben Gedanken gekommen sein müßte.
Denn in diesen letzten Monaten haben wir drei mal hintereinander uns solcher Menschen erinnern können, die sich in unfern heutigen Augen einfach unsterblich blamiert haben!
Denken wir — zum ersten — an die Eröffnung der ersten Eisenbahn in Deutschland, jetzt vor hundert Jahren! Wie oft, wie betont und wie erregt haben damals viele kluge, sogar sehr kluge Menschen gesagt: „Unglaublich!" Sie konnten weder an die Möglichkeit der Fortbewegung eines Wagens ohne Menschen- oder Tierkraft glauben, noch an die Möglichkeit irgendeiner nennenswerten Ausdehnung des Eisenbahnverkehrs. „Woher sollen denn die vielen Menschen kommen, um mit der Eisenbahn zu fahren? So viel Zeit haben doch die wenigsten!" Wie lächerlich klingt das heute, wo wir die Eisenbahn benutzen, um Zeit zu sparen!
Dann — zweitens — die Geschichte mit der Fliegerei! Just liegt die Jubelfeier anläßlich der Gründung der „Lufthansa" vor zehn Jahren hinter uns! Manchem von uns klingt noch das „Unglaublich!" unserer damaligen Mitmenschen im Ohr. Ja, wir könnten heute vielleicht noch auf diesen oder jenen
Schema in allen kulturpolitischen und weltanschaulichen Fragen. Die Schüler müssen den Ort ihrer Erziehung einst als ganze Menschen verlassen. Ihnen darf nicht passieren, was ich neulich bei einem Schauspieler erlebte, der eine wesentliche Rolle im „Prinzen von Preußen" zu spielen hatte und der auf eine Frage nach Hcmz Schwarz erklärte, den Herrn kenne er nicht. Eine wichtige Ergänzung des allgemeinen Unterrichtes bilden die Gymnastik, Schwimmen und Fechtkurse bei Herrn I a n n e ck e.
Die Schule ist auch räumlich mustergültig eingerichtet. Jeder Schüler hat im gemeinsamen Zimmer seinen Schrank. Helle, luftige Ankleideräume und Duschen ermöglichen eine gesunde Körperpflege. Die zweijährige Ausbildung ist völlig k o st e n l o s. Wer die Ehre hat, hier seine Ausbildung zu genießen, muß sich so führen, daß er auch außerhalb der Schule ihrer würdig ist. Lothar M ü t h e l ist ein idealer Lehrer. Für ihn und seine Helferin gehen die Schüler durch das Feuer. Was er will, ist eine Elite. Keiner wird ihn enttäuschen wollen.
Die Stunden der Prüfung vor den .Ferien waren ein Erlebnis Den Schülern brachte sie das Lob ihres Meisters und das Versprechen, bei der nächsten „Faust"aufführung im Chor und bei der bevorstehenden „Hamlet"aufführung in kleinen, aber nicht unwesentlichen Rollen im Staatstheater mitspielen zu dürfen.
Ich schüttle Lothar M ü t h e l die Hand und danke ihm. Auch beim deutschen Theater wird heiß um die neue deutsche Kunst gerungen.
Dr. Robert Oberhäuser.
Lothar Müthel lud mich zum Besuch der D e r l l n e r st a a t l i ch e n Schauspielschule ein, deren Leiter er ist. Ich kam zu einem Festtag. Zum erstenmal sollten die Schüler in den neuen Raumen fpielen, die durch den großen Umbau des staattichen Schauspielhauses frei geworden waren. Diese feierliche Einweihung war zugleich mit der ersten geschlossenen Vorführung des unteren Jahrganges vor dem Leiter der Schule verbunden An diesem Tage als einziger Pressevertreter anwesend sein zu dürfen, war eine Ehre, die ick au schätzen wußte. 1 0
Das Erlebnis dieser Stunden war die Bekanntschaft mit dem künstlerischen Nachwuchs unserer deutschen Bühnen. Hier stellt sich Cln z n euer Typ des Schauspielers vor: Menschen, die mit ungeheurer Leidenschaft am Werk sind und ihren Beruf als eine ganz große Ausaabe auffassen und verstehen. Der lockenwerfende Jüngling, der mit Pathos und rollendem Rrrr den zukünftigen Mimen markiert, hat einer harten männlichen Jugend Platz gemacht, der ihr Beruf tiefstes Erlebnis ist und die leidenschaftlich ihre flammenden Rufe in die Herzen des kunftgläubigen Volkes senken möchte
Zwei Jahre dauert die Ausbildung dieser Schule, die eine Elite deutschen Künstlernachwuchses erziehen will. Von durchschnittlich hundert Anwärtern werden von Lothar Müthel und seiner getreuen Helferin Helma Clement, die den unteren Jahrgang der Schule betreut, jedes Jahr 12 Schüler und Schülerinnen für den laufenden Jahrgang ausgesucht.
Die ganze sprachliche Ausbildung des ersten Jahrganges leitet Fräulein Clement. Sie schafft die Grundlage für das Können des zukünftigen Schauspielers. Sie gibt das technische Rüstzeug, lehrt sie die Kunst der Sprache. Wie haben doch die Nichtigkeiten der Bühnenliteratur der letzten Jahre die Sprache des Schauspielers verdorben! Wer kann heute noch Goethe oder Schiller sprechen? Wie wundervoll dagegen sprechen diese jungen unverdorbenen Stimmen, die an den schönsten Beispielen der deutschen Klassik geschult werden. Es ist eine wahre Freude und ein Genuß ihnen zuzuhören.
Der neue schöne P r o b e s a a l mit der kleinen Probebühne ist sauber und geräumig und besitzt eine ausgezeichnete Akustik. Durch ein kleines Fenster sieht man hinunter auf die Bühne des Staatstheaters — wir sind hier ganz oben im Dachgeschoß. Dort unten stehen allabendlich die besten deutschen Schauspieler auf der Bühne und erfreuen Tausende durch ihre begnadete Kunst, und hier oben arbeiten zwölf junge Menschen zwei Jqchre mit heißer Leidenschaft und ungeheurem Ehrgeiz für den Tag, der Abschluß und Anfang augleich sein wird: Entlassung aus der Gemeinschaft strebender Menschen und erstes freies Tasten in eine Zukunst voll Hoffnung und heiße Wünsche.
Die Schülerinnen beginnen. Sie tragen alle den dunkelblauen Rock und die kurze weiße Bluse. Sie stellen Szenen aus dem „Faust" dar: Ariel mit Elfen, Sprechchöre aus dem Helena-Akt und dem Himmel. Wundervoll, was ihre Lehrerin in kaum drei Monaten aus ihnen gemacht hat. Sie sprechen klar wie Kristall. Wie rein und keusch sind die Empfindungen, wie gläubig der Blick, wie rührend die Gesten. Das sieht man auf den ersten Blick: unter diesen fünf jungen Mädchen sind große Begabungen.
Nach ihnen kommen die jungen Männer. Sie stehen in Reih und Glied, dunkelblaue Hosen, dunkelblaues Hemd. Wie klar sie die Sätze von Krieg,
Tod und Heldentum sprechen, wie sie die „Braut von Messina" neu sehen und erleben, das ist schon wundervoll. Dann eine kleine Meisterleistung zweier Schüler: die Szene Okelly-Mortimer.
Interessante Dergleichsmöglichkeiten: Drei, vier Schüler sprechen hintereinander dieselbe Szene. Wie stark ist hier schon in der Schule die verschiedene Auffassung, wie deutlich sind die verschiedenen Temperamente schon jetzt zu spüren.
Einer wird an diesem Abend wegen seiner außerordentlichen Begabung vom ersten Jahrgang in den zweiten übernommen. Die berühmte Ama- zonen-Szene aus „Penthesilea" („Sie liegt den grimmen Hunden beigesellt...") wird so erschütternd von den jungen Schauspielerinnen gestaltet, daß man Raum und Ort vergißt. Man wird von der Gewalt der Dichtung überfallen.
Nachdem die Schauspieler im ersten Jahrgang hauptsächlich sprachlich geschult wurden, gilt die Arbeit des zweiten Jahrganges, der unter Leitung Lothar M ü t h e l s steht, dem Rollen st udium. Weiter unterrichten an der Schifte Walter Frank, Maria Koppenhöfer und Güncher H a - dank. Wie fortschrittlich der Unterricht an dieser Schule gehandhabt wird, zeigen vor allem auch die Stunden, die Alfred M ü h r, der bekannte Kulturpolitiker und frühere Theaterkritiker der „Deutschen Zeitung", hält. Er unterrichtet in lebendiger anschaulicher Form und nicht nach einem starren
llnser neuer Vornan.
Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe des „Gießener Anzeigers" den Abdruck des Romans „Nicht müde werden, Annelies!" von Bernhard Songer zu Ende geführt haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer unseres Blattes mit der Veröjfentlichung eines neuen großen Werkes, das den Roman-Jahrgang 1936 ganz be« sonders erfolgreich und verheißungsvoll eröffnen soll. Der Roman, mit dem wir heute beginnen, führt den Titel:
„Das Äild der Unbekannten" von ßelma von Wettermann und erneuert die Bekanntschaft mit einer außerordentlich beliebten und begabten Autorin, deren Roman „Der Weg in den neuen Tag" sich als einer unserer stärksten und nachhaltigsten Erfolge im Jahre 1933 bewährte. Die hervorragenden Eigenschaften, die jenes Werk auszeichneten und es gerade zur fortsetzungsweisen Veröffentlichung in der Tageszeitung wie geschaffen erscheinen ließen, finden sich womöglich in noch ausgeprägterem Maße in unserem heute beginnenden neuen Roman, der letzten, erst vor kurzem zum Abschluß gebrachten Arbeit von Helma von Hellermann.
Es handelt sich hier um einen Gesellschafts- und Liebesroman, wie er nicht alle Tage geschrieben wird, und dessen Hauptgestalten sich die Herzen der Leserschaft (zumal der weiblichen) sofort erobern werden; eine mit Temperament, mit Wärme und mit großartiger Spannung geschriebene Erzählung, die mit ungewöhnlichem Geschick die Fäden der Handlung zu schürzen und zu entwirren versteht, so daß der Leser den so beweglich und lebenswarm geschilderten Schicksalen mit klopfendem Herzen bis zum glücklichen Ende folgt. Mit einem Wort: Hier ist ein Roman, der allgemein gefallen und unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine von Tag zu Tag mit Freuden erwartete Lektüre sein wird.
Domotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NS.-Frauenschaft: 20 Uhr im Cafe Leib Vortrag von Pgn. Johanna Bopp. — NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik, nur für Frauen, im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Die Fledermaus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Henker, Frauen und Soldaten". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „April — April".
Sladttheater Gießen.
Heute von 20 bis 23 Uhr als 15. Vorstellung im Dienstag-Abonnement Wiederholung des großen Erfolges: „Die Fledermaus", Operette von Johann Strauß, in neuer Ausstattung und Inszenierung. Leitung haben Walter-Wrede-Schultheis.
** Die Hessische Handwerkskammer Darmstadt weist wiederholt darauf hin, daß ihre Geschäftsstelle lediglich in der Zeit von 8 bis 13 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet und nachmittags geschloffen ist.
Großer heilerer Abend der NSG. „Kraft durch Freude".
Am morgigen Mittwoch, 22. Januar, veranstaltet die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Kreis Gießen, einm aroßen heiteren Abend, bei dem namhafte Künstler mitwirken. So tragen zur Unterhaltung u. a. bei der bekannte bayerische Komiker Georg B l ä d e l aus München, der Ansager Heinz Vogel aus Düsseldorf, die Komiker Jan und Hein aus Hamburg, die berühmte Sängerin Margarete ©legal aus Berlin. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
MIÖMMM.
Vornan von © von Hellermann.
Copyright 1936 by Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
1. Kapitel.
„Des Jahres letzte Stunde ertönt mit ernstem Schlag--"
Frau Mervius hob den Kopf ein wenig und lauschte. Herrlich klangen die Stimmen des Chors, kein Wunder, daß er bei seinen Konzertreisen im Ausland so gefeiert wurde! Hier in der Heimatstadt nahm man diese schone Kunstvollendung mit ruhiger Selbstverständlichkeit hin. Immer wieder bewahrheitete sich die alte Erfahrung: Besitz sättigt, und Sattheit stumpft ab.
Aufs Feinste abgetönt schwebte der Klang durch die säulengehaltene Hohe der Kirche, die bis auf den letzten Platz hoch unterm gewölbten Dach besetzt war. Leise schwang der große aoldene Adventsstern unter der Orgelempore im Luftzug hin und her. Zum letzten Mal leuchtete er heute, zum letzten Mal brannten die Kerzen an Kranz und Baum, in wenigen Minuten war das Jahr erloschen.^
„Es brachte Leid und Kummer viel--"
Ja, weiß Gott, das hatte es. Konnte es noch schlimmer kommen, konnten Menschen noch mehr leiden ohne Schaden zu nehmen an ihrer Seele? Verkehrt gedacht. Leid weckte, Wohlergehen schläferte ein. Regten sich nicht überall neue Kräfte unter dem Druck der Not, stemmten sie sich nicht gegen alles, was sie niederhielt, und erstarkten sie nicht just unter dem Zwang dieses Kampfes um Leben und
Ihr Blick streifte das Gesicht des noch jungen Mannes, der rechts neben ihr saß. Sehr hager, ernst, festgeschlossen der schmale der schongesormte Mund, die dunkelumschatteten Augen in grübelnder Nachdenklichkeit auf das große Altarbild — Die Kreuzigung Christi — gerichtet, zu dessen Setten die beiden Riesentannen lichterflammende Wacht hielten. Das war das neue Mannesgesicht, das man fetzt so oft sah. Hier wuchs stählerner Willen unter den Schlägen des Schicksals, fuhr es der Frau durch den Sinn. Und sie wandte sich ab und betrachtete Tochter und Sohn, die zu ihrer Linken saßen. Lag nicht jener unverkennbare Hauch innerer Festigkeit auch auf Gretes blondem Gesicht, auf Hans jungen Qüaen die trotz feiner siebzehn Jahre schon an Weiche einzubüßen begannen? Merkwürdig schnell reifte die Jugend von heute.
Eine kleine Falte steilte sich unbewußt zwischen den grauen Augen, die nun au dem gerade vor ihr sitzend Schwiegersohn hasten bliebe^ den sie immer und ungewollt als Mißklang im harmonisches Frieden ihrer Häuslichkeit empfand, wenn
er diese mit seinem Besuch beehrte, was nicht oft geschah. Gottlob und leider zugleich. Gottlob, denn in den seltenen Besuchen balanzierte Margret Mervius geschickt aber mühsam über die sie trennende Kluft, vermied sorgsam alles, was zu Reibereien führen konnte, und versuchte auf feine ihr sehr fernliegenden Interessen einzugehen. Und leider, weil mit dem Gatten auch Elfriede fernblieb und dadurch den Ihren immer mehr entfremdete. Wie hatte ihr Kind nur diesen oberflächlichen Geldmenschen heiraten können, dem nur Besitz imponierte und Gemütswerte unbekannt waren.
Nachdenklich, ein wenig traurig betrachtete Frau Margret das feine Profil ihrer Aeltesten, das sich in gemmenhafter Tadellosigkeit aus dem großen Kragen des kostbaren Breitschwanzmantels gegen das Licht hob.
Sehr, sehr schön war Elfriede in den zwei Jahren ihrer Ehe geworden, das war nicht zu leugnen, aber — die Stirn glättete sich, als der Mutter Blick wieder zur neben ihr sitzenden Tochter wanderte: Gretes Gesichtel war ihr lieber in seiner mädchenhaften Frische! Tief und klar wie ein Gebirgssee leuchteten die graublauen Augen, in denen sich das Licht der Kerzen schimmernd widerspiegelte. Ein Stück Natur und Salonkünstlichkeit. Wie verschieden Schwestern doch sein konnten!
Grete Mervius gewahrte der Mutter Blick, lächelte ihr zu und streichelte ihren Arm, dabei verstohlen auf den Nachbarn zu Frau Margrets Rechten weisend, dessen Kopf auf die Brust gesunken war.
„Eingeschlafen," flüsterte sie, „paß auf, daß er nicht — —" Aber da war es schon geschehen: ein kleiner Ruck Des auf der glatten Holzbank zusammengesackten Körpers, und der Kopf des Schläfers lag auf Frau Margrets Schulter.
Amüsiert und gleichzeitig mißbilligend sahen es die Umsitzenden. Der neben dem Eingeschlafenen befindliche Herr machte Miene, ihn hochzuziehen, hielt aber in Der halben Bewegung inne, Denn Frau Mervius hatte in lächelnDer Abwehr leicht Die Hand gehoben. Ganz still saß sie Da, ganz in Wärme und Mütterlichkeit getaucht, und ließ den Fremden, Den Müdigkeit übermannt, an ihrer Schulter weiterschlafen, während die großen Armleuchter erloschen und im golddurchdämmerten Raum Der PreDiger auf Der Kanzel tiefempfundene Worte fand, die' zu Herzen gingen, weil sie von Herzen kamen.
Frau Margrets Gedanken wanderten ein wenig abseits dabei. Ob der junge Mensch da neben ihr wohl jemanden besaß, der sich um ihn kümmerte, oder ob er fremd in der Stadt war und allein? Vielleicht gar stellungslos, arm? So weiß und hager war sein Gesicht, das dem ihren nun sehr nahe, die geschlossenen Augen lagen richttg in den Höhlen. Krank oder unterernährt. Beides schlimm. Armer Junge--
l Ach, da sprach Der Geistliche schon Den Segen —
Frau Mervius blieb ruhig sitzen, neigte nur tief Das Haupt. — „UnD gebe euch Seinen FrieDen", wünschte Die milDe Stimme voller Inbrunst.
Eine Welle aufbrechenDer Bewegung ging Durch Die nach Tausenden zählenDe Menschenmenge, als nun in Das Schweigen des Schlußgebets zwölf Dumpfe Schläge vom Kirchturm erschollen und in Die aufbrausenden Orgelklänge die Glocken zu dröhnen begannen. Zu den geöffneten Türen drangen mit der kalten Luft Die Rufe Der Draußen versammelten Menge herein. Die Das neue Jahr begrüßten.
Vom Lärm geweckt fuhr Der Schläfer hoch, sah verstört auf, just in Das über ihn geneigte Gesicht Frau Margrets, Das ihn anlächelte.
„Mein Gott, ich habe Doch nicht--ich bitte
tausendmal um Verzeihung — —"
„Wenn Ihnen das kurze Schläfchen nur wohlgetan hat," unterbrach sie das Gestammel, „Sie sahen so müde aus! Dazu die Kälte draußen. Die Wärme hier Drin, Da fallen einem leicht Die Lider zu. Sie brauchen gar nicht so entsetzt zu sein" — leicht Die behandschuhte Rechte auf des jungen Mannes Arm legend — „ist noch gar nicht lange her, daß mein großer Junge Da nach einer herrlichen Wanderung im Zug an derselben Schulter einschlief!" Lachend blitzten die grauen Augen ihn an, der verwundert zu dem hochaufgeschossenen Jüngling und blonden Mädchen hinüberblickte und wieder am Gesicht der Frau herumtastete, die viel zu jung aussah für solche erwachsenen Kinder. Doch da ihn die Blicke der beiden trafen, stieg wieder die Scham in ihm hoch. Mit unsicheren Händen griff er nach feinem Hut, sprang auf und verbeugte sich — „Gnädige Frau sind so gütig--"
„Na, fertig, Mama?" schnitt eine knarrende Männerstimme seine erneute Entschuldigung ab. Der in der vorderen Reihe sitzende Herr hatte sich umgedreht und musterte mißbilligend den mit Frau Mervius sprechenden Fremden. „Wenn wir uns nicht beeilen, kommen wir gerade in den größten Rummel."
Ungeduldig schlug Theodor Stalling den Kragen hoch. Zu den offenen Türen zog es herein, und den Hut durfte man doch nicht aufsetzen.
Auch Elfriede Stalling hatte sich fest in ihren Mantel gewickelt. Ohne auf ihre Umgebung zu achten, stand sie, den Blick in selbstvergessener Nachdenklichkeit auf den sacht bin und her pendelnden Weiynachtsstern geheftet — bis sie, un- merklich zusammenzuckend, gewahr wurde, daß jemand just vor ihr sie betrachtete. Ein schmales, strenggeschnittenes Jungmännerantlitz war es, dessen dunkle Augen wie gebannt an ihr hingen, beim Ertapptwerden schnell wegsahen — und wieder zu ihr fanden. Ihre Blicke tauchten für den Bruchteil einer Sekunde ineinander. Und da geschah Das Seltsame, Daß das siegessichere, etwas selbstgefällige Lächeln, Das Die Lippen Der jungen Frau umspielt, schwand und sie verwirrt Die Lider senkte
vor diesem Blick, der wie ein feiner Feuerstrahl in geheimste Tiefen zu bringen schien.
Aber schon hatte der Fremde sich gefaßt, verneigte sich abermals leicht und wollte sich zum Gehen wenden, als Frau Mervius ihm Die Hand hinhielt.
„Da wir als Nachbarn Das alte Jahr verschwinden sahen, sollen Sie wenigstens einen guten Wunsch für Glück und Wohlergehen ins neue mit hinübernehmen," sagte sie voll ruhiger Herzlichkeit, ohne die Zwischenbemerkung des Schwiegersohnes zu beachten. Fest umschloß sie die Hand des Fremden, deren Kälte sie durch den Handschuh hindurchfühlte, und nickte ihm freundlich zu, dabei seine Züge durchforschend. „Krank gewesen?"
„Jawohl, gnädige Frau, fünf Wochen an Lungenentzündung im Diakonissenhaus gelegen. Wieder ganz gesund, Gottlob, nur noch ein bißchen schlapp." Er lächelte zum ersten Mal, da Frau Margret ihn anblinzelte. Hatte plötzlich rote Flecke auf Den eingefallenen Wangen. Was mochten all Diese Menschen von ihm Denken —
Frau Mervius sah es unD gab seine HanD frei — „Alles Gute!" Einen Moment sah sie noch Dem Manne nach, Der gleich Darauf im Gewühl Der hinausstrebenDen Masse untertauchte, wanDte sich dann ihren wartenden Kindern zu: „Nun wollen wir gehen."
2. Kapitel.
Stalling saß schon am Steuer seines Wagens am Parkplatz, als Margret Mervius mit Sohn und Tochter angehaftet kam.
„Na, endlich", knurrte er. „War Denn Diese Beglückwünschung unbedingt nötig?" Vorsichtig manövrierte er den Wagen aus Der langen Reihe wartender Gefährte, fuhr langsam, unaufhörlich hupend, zwischen den Menschenmassen dahin. Die mit luftigen Zurufen bunte Papierschlangen über Die elegante Limousine warfen, unD gab an Der nächsten Straßenecke mit erleichtertem „Gott sei Dank" Vollgas. Leise furrenD schoß Der schnittige Wagen durch Die nächtliche Stille, Die hier trotz Neujahrnacht unverändert herrschte.
Frau Margret hatte sich behaglich neben ihre älteste Tochter in die weichgepolsterte Ecke gekuschelt und lächelte ob des Vorwurfs stillvergnügt vor sich hin, ohne zu antworten.
„Nöttg war es ja nicht gerade, aber ich fand es riesig nett von Mutti, dem armen Kerl ein gutes Wort zu geben", erwiderte an ihrer Stelle die pingt Grete und saß dabei sehr gerade und kampfbereit — wie meist in Gegenwart Des von ihr wenig geliebten Schwagers.
„Wieso ,arm'," erkundigte sich Elfriede Stalling, die linke Hand hebend, von der sie den Handschuh gestreift, um den neuen Ring zu betrachten. Der in Diesem matten Licht prächtig und geheimnisvoll funkelte.
(Fortsetzung folgt!)


