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Montag, 20. Ziili 1956

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Ar. 167 Dritter Blatt

Rund um Schotten" vor 40000Zuschauern.

Gauleiter Sprenger in Schotten. - Großer Sporterfolg. - Glanzende Organisation. - Hans Winkler-München f.

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Das lange und sorgsam vorbereitete Rennen Rund um Schotten" wurde gestern das 10. Mal ausaetraqen. Zehntausende standen im Bann der phantastischen Leistungen der Fahrer und der Ma­schinen, säumten die Strecke, verfolgten die Rennen mit gespannter Aufmerksamkeit. Aus dem ganzen Reich kamen Fahrer und Zuschauer in den sonst so stillen Vogelsberg. Tagelang vor dem eigentlichen Rennen und unaufhörlich stundenlang hallten gestern Dörfer, Wald und Felder wieder von dem ohrenbetäubenden ungedämpften Lärm der Mo­tors, deren Lied ein sinnfälliges Teil des Ganzen war. Aber nicht nur der Vogelsberg stand im Banne des Rennens, sondern vielmehr die ganze Umgebung. Ueberall m den Dörfern an den S)aupt= Zufahrtsstraßen standen und saßen vor und nach dem Rennen fast alle Dorfbewohner vor den Häusern, um den ungeheuren Zustrom der Fahr­zeuge zu beobachten, der sich zentral verdlchtere, je mehr man sich dem Betonring der Rennstrecke

näherte. An den Punkten, die besonders guten Ueberblick gestatteten, die eine gute Beobachtung der Fahrer in den Kurven und an den Steigungen zulietzen, staute sich die motorsportbegeisterte Men­schenmenge. Am Start und am Ziel am Ausgang der Stadt, unmittelbar bei der Molkerei fanden sich ebenfalls viele Zuschauer ein, obwohl gerade dort das Tempo weniger zu beobachten war, Da die Fahrer gerade in der Haarnadelkurve des Tempo erheblich mindern mußten, um diese Stelle der Strecke überhaupt zu meistern. Umso interessanter war es, zu beobachten, wie sich die Fahrer technisch mit diesem schwierigen Stück auseinandersetzten. Besonders von den Seitenwagenfahrern gab es viel Artistik zu sehen. Ganz abgesehen davon, daß es nicht weniger interessant war, den schwierigen Start zu beobachten und Zeuge der letzten Entschei­dungen zu sein.

Dem RennenRund um Schotten" brachte man aus den Kreisen der Partei, der Behörden und der Wirtschaft große Aufmerksamkeit entgegen. Gaulei­ter Sprenger verfolgte die Rennen mit großer An­teilnahme. Zahlreiche Hoheitsträger der Partei waren anwesend. Die Provinzialdirektwn wie auch die Polizeidirektion Gießen waren durch verschiedene Herren vertreten. Aus Gießen sah man zahlreiche Führer und Kameraden der Motorstandarte 147, die sich um die Absperrung mit verdient machten.

Die Fülle der Erscheinungen, die mit einer sol­chen Großveranstaltung verbunden ist, hat etwas Mitreißendes an sich. Großartiger Anblick an den Parkplätzen die Fülle der Kraftfahrzeuge aller Ar­ten und Größen zu sehen! Die Menge der freudig erregten und erwartungsvollen Menschen verbindet das gemeinsame brennende Interesse am Motor­sport. Das äußere Bild ist bunt und vielfältig. Die Industrien der Fahrzeuge, der Reifenbranche, der Betriebsstoffe und Oele sparten nicht an buntfar­biger Reklame; sie richteten Ersatzteillager ein, schufen Groß- und Schnelltankstellen. Unweit der Stadt im Blickfeld vieler Augen stand ein heller Reklameballon am Himmel. Am Start wehten die Hakenkreuzflagge, die Flaggen des veranstaltenden DDAC. und des RSKK. am hohen Mast. Böller­schüsse bellten als Zeichen für den Beginn der ein­zelnen Rennen in den sommerlichen Tag und lösten das fanatische Geheul der Motore aus.

Ein besonderes Kapitel die Fahrer selbst! Män­ner (auch zwei Frauen) mit verwegenen entschlosse­nen dunkelgebräunten Gesichtern, aus denen bei aller Ruhe vor dem Start die Leidenschaftlichkeit zur Sache und zum Kampf sprach. Tollkühnheit und Mut bewiesen sie während jeden Kilometers des Rennens. Es soll aber auch nicht vergessen sein, von jenen Helfern zu sprechen, die mit ungemein raschen und sicheren Händen und äußerster Auf­merksamkeit vor dem Start die Maschinen noch einmal prüfen, die auf den Gang des Motors hören und von deren Arbeit vielleicht der Erfolg abhängt. Die Rennleiter der Firmen gaben den Fahrern letzte Empfehlungen mit auf den Weg, wünschten Glück und gute Fahrt, um sich nachher um so herzlicher über den errungenen Erfolg zu freuen.

Ein besonderes Kapitel sind auch die Maschinen, die mit allen Raffinessen ausgestattet sind, die die Fahrer stehen und fallen lassen können. Die Ma­schinen stellten wohl ausschließlich Höchstleistungen der Technik dar. Alle Möglichkeiten der Maschine auszunutzen, ist Sache des Mannes, der in dem Sattel sitzt.

Zum äußeren vielfältigen Bild gehört auch die Organisation. Sie war hervorragend gut. Die Ren­nen wurden ohne jede Störung planmäßig durch­geführt. Die Strecke war gesichert. Die Absperrung war gestellt durch SA., RSKK., Arbeits­dienst und Polizei vortrefflich, das Publikum hielt mit wenigen Ausnahmen Disziplin. Durch Lautsprecher wurden die Zuschauer über wesentliche Phasen der Kämpfe auf dem Laufenden gehalten, so weit nicht jeder einzelne die Dinge selbst ver­folgen konnte.

Mit großem Interesse wurden die Znnschenmel- dungen über Zeiten und Durchschnittsgeschwindig­keiten ausgenommen. Musik unterhielt während der Rennen und in den kurzen Pausen.

Die herrliche sommerliche Landschaft des Vogels­berges war der Veranstaltung ein großartiger Rah­men. Das Wetter war wahrhaft ideal. Kein Trop­fen Regen, der die Fahrer in erhöhte Gefahr ge­bracht hätte, immer wieder etwas Sonne, leichter Wind, nicht allzu warm, nicht schwül ein Wet­ter, wie man es sich weder besser wünschen noch denken konnte.

Leider blieb dem großen sportlichen Ereignis ein schwerer Schatten nicht erspart. Auch das Jubi­läumsrennen forderte ein Opfer. Hans Winkler (München) geriet bei Rudingshain aus der Bahn, stürzte einen Abhang hinunter, die Maschine hinter ihm her. Ursprünglich war man der Meinung er sei nur leicht verletzt. Bald aber lief die Kunde wie ein Lauffeuer über den ganzen Vogelsberg: Hans Winkler ist tot! Wohl kaum ein Mensch, der nicht dem toten Fahrer Gedanken tiefen Bedauerns widmete!

(Bauleiter Sprenger (in der Mitte, im Sportanzug) beglückwünscht die siegreichen Lizenzfahrer Geiß (rechts) und Fleischmann (links). (Aufnahme: Pfaff, Gießen.)

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kilometer. Steinbach stand ihm nur wenig nach. Dritter wurde der für Soenius eingesprungene Königsberger K n e e s.

Geitz sorgte für die Neberraschung.

Eine Ueberraschung bedeutete das Ergebnis der Klasse A (nicht üuer 250 ccm), in der Geiß saft sämtliche Fahrer der B-Klasse aufholen konnte (DKW.) und mit 114 Stundenkilometer Durchschnitt fast Fleischmanns Leistung errreichte. Vom Start weg machte er sich in unheimlicher Fahrt an die Verfolgung der zwei Minuten früher abgegange­nen 350er-Maschinen. Schneidig ging er in die Kurven, bald hatte er Anschluß gefunden und Runde um Runde verkleinerte er den Rückstand zu den Spitzenleuten der höheren Klasse. Als Geiß un­angefochten Sieger seiner Klasse über das Ziel­band fuhr, lag er an fünfter Stelle vor den meisten

Kahrmann als Favorit galt, blieb schon in der zwei­ten Runde bei Kilometer 13 wegen eines Maschinen­schadens liegen und schied aus. Damit war der Weg für Kahrmann frei; mit mehr als zwei Minuten Vorsprung steuerte er seine Maschine zum Sieg. Rur um Weniges blieb er hinter dem Durchschnitt der Braun und Stärkte zurück. Zimmermann (Nürn­berg) kam ungefährdet mit seiner NSU. zum zwei­ten Platz vor dem bekannten Aachener Harley- Fahrer W e y r e s.

Steinbach siegte, Müller im Pech.

Ein prächtiger Ausklang war das Rennen der 50Oer-Klafse, zugleich der Höhepunkt des er­eignisreichen Tages. Müller, Steinbach, Mansfeld (alle DKW.) und der NSU.-Fahrer H. Fleisch­mannmachten" den Kampf. Müller übernahm in toller Fahrt vor Mansfeld die Spitze; mit 121,3

Links oben: Kahr­mann (Fulda) unmittel­bar nach seinem Sieg in bester Laune.

Rechts: Letzte Vor­bereitungen zum Rennen der Krafträder mit Sei­tenwagen.

Unten links: Aus­weisfahrer am Start.

Unten rechts: In der Haarnadelkurve am Start und Zielplatz in Schotten.

(Aufnahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Der Empsangsabend. - Die Renne».

Arn Samstag vereinigte der Empfangsabend im Rathaussaal zu Schotten die Vertreter der Partei des Ortes und des Kreises, die Rennleitung, des DDAC., etwa 150 Fahrer und die Vertreter der qastqebenden Stadt. Bürgermeister Menge! hieß die zahlreichen Gäste der Stadt herzlich willkommen und kredenzte ihnen nach hergebrachter Sitte Wem im silbernen Becher. Gleichermaßen begrüßten der Ortsgruppenleiter Z e s ch k y und der örtliche Ver­treter des DDAC. die Gäste. Hans Winkler (München) hielt für die Fahrer eine kurze An­sprache, schilderte das Gefahrvolle ihres erwählten Berufs, ihre Begeisterung zur Sache des Motor­sports und ihr leidenschaftliches Bemühen, den großen Leistungen der deutschen Fahrzeugmdustrlen zu großen sichtbaren Erfolgen zu verheizen. Seme Ansprache machte einen tiefen Eindruck, Wey- res (Aachen) dankte für die herzliche Aufnahme m der Stadt. Kahrmann (Fulda) wurde von Bür­germeister Menge! für feine Teilnahme an je­dem der bisherigen 10 Schottener Bennen mit einem Bilde des Rathauses Schotten bedacht.

*

Die Rennen, die pünktlich gestartet mürben, nah­men den erwarteten spannenden Verlauf, befand sich doch fast die gesamte Elite des deutschen Mo­

torrad-Rennsportes am Start! In jeder Klasse wurde erbittert gekämpft. Allerdings gab es fast aus­schließlich Siege der Favoriten

Ausweisfahrer zuerst.

Im Rennen der Ausweisfahrer (Solomaschinen) sicherte sich in der Klasse C (nicht über 500 ccm) der Essener F r a n k jr. auf NSU. in sauberer Fahr­technik den Sieg. Er hatte nur die erste Runde an Boeser, Erfurt (Norton), abzugeben. In der Klasse B (nicht über 350 ccm) wurde Irin (Ra­volzhausen) unangefochtener Sieger. Eine ganz her­vorragende Leistung erzielte H. Schwab, Frank­furt a. M. (DKW.), in der Klasse A (nicht über 250 ccm), der mit erstaunlichem Tempo fuhr, 94,2 Kilometer Durchschnitt erreichte und damit nur wenig langsamer war, wie dieSchweren".

Fleischmann überlegen...

Im Rennen der Lizenzfahrer (Solokraft­räder) gab es harte Begegnungen. In der Klasse B (nicht über 350 ccm) dominierten die beiden NSU.- Fahrer Fleischmann und Steinbach, die keinen Konkurrenten herankommen ließen. Fleisch­mann fuhr fast in jeder der 8 Stunden (128,64 Kilometer) einen Durchschnitt von 116 Stunden­

der 35Oer-Fahrern. Seiner Zeit nach hätte er in dieser Klasse sogar glatt den zweiten Platz geholt: nur Heiner Fleischmann war schneller als Geiß.

Die Kämpfe der Seitenwagen.

Nach halbstündiger Pause wurden die Seiten­wagen gestartet, die Klasse bis 1000 ccm zuerst, mit zwei Minuten Abstand die Klasse bis 600 ccm.

In der 6OOer-Klasse gab es einen unerhört spannenden Zweikampf zwischen Meister Braun (Karlsruhe), der erstmals die 6OOer-DKW.-Maschine im Rennen steuerte, und dem bekannten schweizeri­schen Ehepaar Stärkte. Braun hatte den besse­ren Start erwischt und verteidigte seinen kleinen Vorsprung zäh und hartnäckig. Immer wieder ver­suchte Stärkte aufzuschließen, Braun schlug jeden Angriff ab. Braun, der den Uebergang von der lOOOer-Horex zur schwächeren Maschine überraschend glatt vollzogen hatte, mußte nur einmal den ver­wegen fahrenden Schweizer auf gleiche Höhe lassen, als er selbst in einer Kurve seine Maschine nur im lebten Augenblick an einer Böschung hatte vorbei­reißen können. Der Kampf hielt bis ins Ziel an, wo Braun und feinen großen Gegner nur wenige Meter voneinander trennten.

Glatter Sieg von Kahrmann.

Bei weitem weniger aufregend war das Rennen der lOOOer-Mafchinen. Schumann, der NSU.-Fah­rer, der zusammen mit dem Fuldaer DKW.-Mann

km/st durchbrausten beide die ersten zwei Runden. In der vierten Runde kämpften beide Rad an Rad um die Spitze, hinter ihnen ging Steinbach an Fleischmann vorbei. Rüttchen folgte mit einer Mi­nute Rückstand an fünfter Stelle. Schon die nächste Runde änderte den Stand. Mansfeld stürzte, fuhr aber unverletzt weiter. Seine Chance allerdings war dahin, er war hinter Rüttchen zurückgefallen. Vorne verfolgten Steinbach und Fleischmann den immer noch fahrenden Müller, ohne ihn aber ernstlich gefährden zu können. In der sechsten Runde gab Rüttchen auf, Mansfeld kam auf den vierten Platz. Müller führte immer noch! Mansfeld fetzte jetzt alles auf eine Karte. Toll fegte er durch die Kurven, drehte auf wie nie und fuhr mit 125 km/st (!) die schnellste Runde dieses ohnehin unheimlich schnellen Rennens. Bis auf gute 1OO Meter kam er schließlich an die Spitzengruppe heran, die bis zum Eingang in die achte und letzte Runde von Müller geführt wurde. Steinbach folgte vor Fleischmann. Plötzlich wurde Müller langsamer, seine Maschine war nicht mehr voll intakt. Steinbach und Fleischmann nutz­ten die Gelegenheit, gingen an dem Pechvogel vor­bei, der sogar Mansfeld noch ziehen lassen mußte. In 1:03:59,2 Stunden ging Steinbach (DKW.) als Erster durchs Ziel, dicht gefolgt von Fleischmann (NSU.) mit 1:04:03,6 Stunden. Steinbachs Durch­schnitt: 120,6; der von Fleischmann 120,55 km/st! Mansfeld und Müller belegten für DKW. die näch­sten Plätze.

Die preisverteisung:

nahm in Vertretung von Korpsführer Hühnlein Stabsführer von Bayer-Ehrenberg vor. In feiner Rede dankte er vor allem dem (Bauleiter und Reichsstatthalter Sprenger und den verantwort­lichen Männern für die Durchführung des Rennens und der Provinz Oberhessen für die Erbauung der schönen RennstreckeRund um Schotten".

Die Ergebnisse:

Ausweisfahrer:

Fünf Runden 80,4 Kilometer.

B i s 2 5 0 ccm: 1. H. Schwab-Frankfurt a. M. (DKW.) 51:13,2 Min. = 94,2 km/st; 2. K. Lottes- Marburg (DKW.) 55:14,6 Min. = 87,3 km/st. B i s 3 5 0 ccm: 1. O. Trin-Ravolzhaufen (NSU.) 52:32,0 Min. = 91,8 km/st; 2. I. Hamann-Neun- kirchen (Rudge) 55:02,8 --- 87,6 km/st. Bis 5 0 0 ccm: 1. W. Frank-Ir.-Efsen (NSU.) 48:42,2 Min. = 99 km/st; 2. K. Ameln-Wiesbaden (BMW.) 49:47,8 Min. = 96,9 km/st.