Nr. 27l Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 19. November 1956
Aus Oer provinzialhauptstaOt.
Ser Bußtag.
Zu einem richtigen Bußtag gehört nach der Meinuna vieler Leute in Stadt und Land ein Wetter, das in seiner ganzen Art auf den ernsten Charakter der Buße abgestimmt ist. Kein Sonnenstrahl darf an diesem Tage die Menschen erfreuen. Kein Heller Blick in die Weite soll möglich sein. Lustig dahinsegelnde Wolken am Himmel gehören nicht in den Rahmen dieses Tages. Gewissermaßen „grau in grau" soll alles in Feld und Wald, Himmel und Erde sich dem Auge darbieten. Wie in der Natur alles Leben und Weben jetzt nahezu erloschen ist, so soll eben auch der Wettercharakter dieses Tages eindeutig und ohne jede Ablenkung auf die große Ruhe in der Natur Hinweisen.
Dieser landläufigen Ansicht vom äußeren Bild des Bußtages hat der Verlauf des gestrigen Tages in vollem Ausmaß entsprochen. Düster und grau begann der Tag; selbst sein Höhepunkt um die Mittagszeit brachte kein lichteres Bild, ganz zu schweigen von einem Gastspiel der Sonne; und ebenso dunkel und trostlos ging er zu Ende. Felder, Berge und Wälder ringsum lagen in dicken, feuchten Nebeln verhüllt. Kaum daß man den Gleiberg oder den Vetzberg sehen konnte; vom Dünsberg waren noch nicht einmal die Umrisse zu erkennen. Tief herunter hingen die Wolken, wie ein unheimlich dichter Schleier, auf die schlafende Mutter Erde. Dazu kam der fast den ganzen Tag über rieselnde Regen, der zu der grauen Eintönigkeit und Trostlosigkeit des Himmels und des Landschaftsbildes das ebenso niederdrückende Bild der Stadt hinzufügte. Es war ein Tag und ein Wetter, bei dem die Herzen nicht froh werden konnten, bei dem einem fröstelte ob all der Düsterkeit eines solchen trüben Novembertags.
Der Verkehr in den Straßen war bei diesem We'cer natürlich sehr dünn. Wer nicht ein besonderes Ziel im Auge hatte, den Besuch der Gottesdienste oder der Friedhöfe, der zog es gewiß vor, bei diesem trübseligen Werter zu Hause zu bleiben. Es wäre ja auch kein Vergnügen gewesen, bei dieser Nässe von oben und von unten her und bei diesem die Feiertagsstimmung bedrückenden düsteren Wetter spazierengehen zu wollen. Felder und Wälder sind eben an einem solchen Tage keine lockenden Ziele für die Menschen, die auf einem derartigen Gang Entspannung und Erholung ihres seelischen Empfindens und Freude für das Auge suchen. Da bleibt man schon lieber daheim und sucht seine Erholung bei einem guten Buche, bei schöner Musik oder in anregender Ui: erhaltung.
Für uns Gießener ist die erhebliche Wandlung des Straßenbildes am Bußtage, und noch dazu an einem solchen wie gestern, noch besonders einschneidend, wenn wir Uns des Verlaufs dieses Tages vor einigen Jahren erinnern. Damals war der Bußtag, der sog. „dicke Mittwoch", für unsere Stadt ein Großver- kehrstag erster Ordnung. Tausende von Menschen strömten aus Stadt und Dorf der preußischen Nachbarschaft herbei, um hier im hessischen Gießen, das damals noch keinen gemeinsamen Bußtag mit Preußen hatte, den Feiertag lustig, vielfach sogar wenig feierlich zu verbringen. Jenem Zustand, an dem weite Kreise der kirchlich gesinnten Bevölkerung in Stadt und Land seit Jahren Anstoß nahmen, hat die einheitliche Festsetzung des Bußtages für das ganze Reichsgebiet nach der Machtübernahme durch den Führer ein Ende bereitet. Damit hat auch für unsere engere Heimat der Bußtag wieder den tiefen feierlichen Gehalt bekommen, den er als hoher kirchlicher Fei rmn von aUershcr, als Tag der Selbstbesinnung auf die hohen seelischen und religiösen Werte unseres V" zinn S' ,1 von Stadt und Land besessen hat.
Diesem feierlichen Charakter des Tages entspricht die Festtagsstille und würdige Ruhe, die wir als seinen '^br wesenttichen Bestandteil anzusehen ge- roohnt sind. Und di^em Charakter des Tages wurde auch der gestrige Mittwoch in würdiger Weise gerecht. B.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast. Seltersweg: „Eine Frau ohne Bedeutung". — Lichtspielhaus,'Bahnhofstraße: „Fiaker- Lied". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Oelgemälden, Aquarellen und Tempera.
Arbeilsiagung der oderhessischen Standesbeamten
Der Bezirk Gießen des Reichsverban- Ves der deutschen Standesbeamten hielt im „Katholischen Vereinshaus" eine Arbeitstagung ab, die der Information über die wichtigsten Fragen der Blutschutz- und Ehegesundheitsgesetze aalt. Verwaltungsins^ektor Wiedmeyer (Gießen) leitete mit der Bekanntgabe organisatorischer Fragen die Tagung ein.
Hierauf sprach Verwaltungsinspektor Christian Müller (Wiesbaden) über
„das Vlulschuh- und das Ehegesundheilsgeseh", zu dessen eingehender Erfassung er auf die vorgeschriebene Literatur aufmerksam machte. An Hand von Vorfällen aus der Praxis erklärte er eingehend die Wertung der Ehepartner hinsichtlich ihre Rassezugehörigkeit und begründete die daran anzuknüpfende Handhabung nach den Gesetzesvorschriften. Aus der Vielfältigkeit der Praxis untersuchte er u. a. die Möglichkeiten der Eheverbindung zwischen den halbjüdischen Partnern mit fremden Staatsangehörigen, die Verbindung fremder Staatsangehöriger z. B. mit deutschblütigen weiblichen Ehepartnern usw. Erwies besonders auf die Aufmerksamkeit gegenüber solchen Ausnahmefällen hin, damit unter allen Umständen der Vorschrift des Gesetzgebers hinsichtlich der Reinhaltung der deutschen Rasse Genüge getan wird.
Dazu gehört u. a. auch die Vorlegung eines Ehefähigkeitszeugnisses für den fremden Staatsangehörigen, der in Deutschland heiraten will. Hinsichtlich der Wertung der Mischlinge 1. und 2. Grades machte der Redner auf den Unterschied zwischen Rasse und Bekenntnisvolljuden aufmerksam. Wichtig sei hierbei die Erkenntnis, daß eine deutsche Frau, die einen Juden geheiratet hat und einmal der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte, auch im Falle einer Wiederverheiratung mit einem Deutschen und dem Rücktritt zu einer anderen Konfession, stets als Volljüdin zu gelten habe.
Auf das Ehegesundheitsgesetz eingehend besprach der Vortragende die verschiedenen Möglichkeiten der Verwandtschaftsehen und ihre Zulässigkeit nach dem Gesetz, sowie die Unterschiede zwischen den zulässigen und den ehehindernden Krankheiten. Weiterhin setzte er die Unterschiede des E h e f ä h i g - und des Ehetauglichkeitsgesetzes auseinander. Durch die vorgeschriebene Mitteilung aller Ehsaufgebote an das Staatliche Gesundheitsamt soll die Zusammenarbeit in all diesen Fragen gefördert werden. Der Redner machte die Standesbeamten auf die große Verantwortung gegenüber dem Volke aufmerksam und regte sie zu größter Vorsicht an, damit der Zweck der Gesetze erfüllt werde.
Ucber die praktische Handhabung in Ausführung dieser Gesetze klärte Verwaltungsinspektor Wiedmeyer, Gießen, auf, der sich besonders über die
persönliche und rechtliche Seite der Aufgebotsbestellungen
verbreitete. Dabei klärte er die Zuständigkeitsfrage für die Entgegennahme der Aufgebote dahin auf, daß der Standesbeamte nur solche Anträge entgegennehmen darf, die von Antragstellern aus dem Wohngebiet, das in seinen Bezirk fällt, eingehen. Eingehend besprach er die Eheerfordernisse und die Ehehindernisse in rechtlicher Art, wie z. B. hinsichtlich der Volljährigkeit, des Mindestalters und der Nachprüfung der Eheurkunden der Eltern hinsichtlich des Blutschutzgesetzes.
Eine weitere Aufklärung wurde über die Vorschriften für die Eheschließung eines heeresangehörigen,
ganz gleich ob er Soldat, Offizier oder Wehrmachtsbeamter ist, ferner über die Vorschriften für die Arbeitsdienstmänner gegeben. In beiden Fällen wurde auf die Notwendigkeit der Heiratserlaubnis durch die vorgesetzte Dienststelle aufmerksam gemacht. In längeren Ausführungen behandelte der Redner auch die Vorschriften für die Wiederverheiratung, wobei bei sämtlichen bestandenen und aufgelösten Ehen die Gründe ihrer Auflösung durch Tod, Scheidung oder Nichtigkeit urkundlich nachgewiesen werden müssen. Zum Schluß ging Inspektor Wiedmeyer noch auf die praktische Handhabung bei der Beschaffung der erforderlichen Urkunden unter Berücksichtigung der Beschaffung aus dem Auslande ein.
Ergänzend zu der Beschaffung von Urkunden aus dem Auslande gab Inspektor Chr. Müller praktische Hinweise über die Art der erforderlichen Unterlagen und ihre rechtmäßige Beschaffenheit. Sehr interessant war die aus der Praxis sich ergebende Frage nach der Urkundenbeschaffung für Ädoptiv- und für uneheliche Kinder. Schließlich ging der Redner noch auf die
Namengebung
ein, die Sache des befugten Namensgebers ist, der über eine unbeschränkte Wahl der Namen verfügt. Das Gesetz macht hierbei nur Einwendungen gegen anstößige, sinnwidrige und lächerliche Namen. Der Redner gab aus der Praxis eine große Auswahl solcher Beispiele, wie z. B. „Putti", „Tomate", „Bringfriede", „Lulu", „Lolu" und namentlich jüdische Namen. Er verwies auf die Fülle deutscher Namen und regte zu strenger Sachlichkeit und aufmerksamer Beobachtung an, damit kein Mensch sich -später einmal seines Namens zu schämen brauche.
Die zahlreichen Anregungen aus der Versammlung ergaben den Beweis für die Wichtigkeit einer solchen Arbeitstagung, in der die Wechselfälle der so überaus vielgestalteten Praxis durch eine persönliche Aussprache geklärt werden können.
Deutsche Arbeitsfront.
Verwaltungsstelle 19 Gießen.
Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, daß bei Wohnungsänderung, oder wenn sie in einem anderen Betrieb Arbeit annehmen, bei dem zuständigen Orts- oder Betriebsobmann Meldung zu erstatten ist. Durch die Nichtummeldung tonnen dem Mitglied große Unannehmlichkeiten entstehen. Desgleichen weisen wir darauf hin, daß die Mitgliedsbücher zwecks Eintragung der Ummeldung vorzulegen find.
Ferner weisen wir nochmals darauf hin, daß jedes Mitglied, insbesondere die Handels- und Gewerbetreibenden, für die richtige Beitragszahlung zur DAF, seinem Bruttoeinkommen entsprechend, selbst verantwortlich ist. Bei einer nicht dem Bruttolohn entsprechenden Beitragszahlung erlischt der Anspruch aui die zur Zeit bestehenden Einrichtungen der DAF.
AS.-Lehrer^nnd, Rieften.
Abteilung „Höhere Schule".
Fachschaft „Neuere Sprache n".
Die nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft findet । nm Freitag, 20. November, 16 Uhr, in der Oberreal- I schule statt.
Johann Strauß kommt
zum Jahrestag der NS.-G. „Kraft durch Freude".
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ft durch freüde
Die NS.-G. „Kraft durch Freude", Kreis Gießen, feiert in diesem Jahr ihren 3. Jahrestag am Mittwoch, 25. November, in der Volkshalle. Ein großer heiterer Wiener Abend wird den Höhepunkt der diesjährigen Veranstaltungen in Gießen bringen. Der Kreisdienststelle ist es gelungen, zu dieser Veranstaltung, die ein Ereignis für Gießen zu werden verspricht, Johann Strauß, den letzten schaffenden Musiker der großen Walzer-Strauß-Dynastie, mit seinem Kammerorchester für ein ehemaliges Gastspiel zu verpflichten. Aber nicht nur Johann Strauß und sein Orchester werden diesen Jahrestag der NS.-G. „Kraft durch Freude" gestalten, auch weitere Künstler von Ruf werden für diesen Abend noch verpflichtet, so daß die Bevölkerung sich an einem Programm erfreuen wird, wie es in unserer Stadt selten geboten worden ist. Es wird ein „großer heiterer Wiener Abend" im wahrsten Sinne des Wortes.
Oie Musik in jedes Haus!
Wie überall im Reich, fand auch in Gießen am Dienstagabend eine Werbeoeranstaltung für die Hausmusik statt.
Der rührige Führer der hiesigen Ortsmusikerschaft, Musiklehrer Kasten, eröffnete den Abend mit einem herzlichen Willkommengruß an die Freunde der Musik und die Schüler. Auf die Bedeutung des Tages hinwiesend, verlas er Begleitworte drei bedeutender Deutscher, des Reichsministers Dr. Goebbels, des Präsidenten der Reichsmusikkammer Dr. Peter Raabe und des Generalmusikdirektors Hermann Abendroth, die in ihren Aufrufen klar und eindeutig die Bedeutung der Musikpflege für unser Volk Herausstellen.
Der Musikbeauftragte der Stadt Gießen, Herr Christ, sagte dann in einer Ansprache u. a.: Das Ziel der nationalsozialistischen Bewegung und ihres unvergleichlichen Führers ist durchaus nicht mit der Erringung der politischen Macht erreicht, sondern der Kampf geht weiter um die völkische Seele. Dieses Kampfziel sehen wir eben überall, auch außerhalb der deutschen Grenzen. Der Mensch hat nicht nur einen Körper, den er pflegen soll und muß, sondern auch eine Seele, die der Pflege in gleichem Maße bedarf. Die Musik aber ist Seelennahrung und muß deshalb mit allen Kräften gefördert werden. Herr Christ führte dann aus, was er unter Hausmusik versteht: Nicht geistloses technisches Musizieren, sondern gemeinsames Musikmachen, bei dem alle mithin und es alle verstehen können. Der Redner gab weiter noch beachtliche Winke und Anregungen, wie in den einzelnen Familien die Hausmusik wieder erfolgreich und fruchtbar zu machen sei.
Die anschließend beginnende Folge bot chronologische Werke für die verschiedensten Instrumente von der Zeit Bachs bis auf unsere Tage. Noch auf verschiedenster Entwicklungsstufe stehend, wetteiferten die Ausführenden, die von ihnen'vorgetragenen Stücke möglichst vollendet wiederzugeben, und sie stellten damit die zielbewußte und fleißige Arbeit der Gießener Ortsmusikerschaft in ein helles Licht. Der reiche Beifall der Hörer galt sowohl den Darbietungen als auch ihnen.
Die neue Aula der Universität war gut beseht, und besonders erfreulich für den Musikfreund war es, daß diesmal die Jugend in der Ueberzahl war. Ihr gilt ja all die Mühe und der Kampf, und so darf man wohl hoffen, daß das Mühen nicht vergebens war. —a —
Hausmusik im Lyzeum.
Das Lyzeum unserer Stadt beging den Tag der Deutschen Hausmusik auf ganz besondere Weise, und zwar nicht etwa so, daß für eine Stunde eines beabsichtigten Konzertes (vielleicht vor Eltern und Schülerinnen) Lieder und Musikstücke unter der Leitung des Musiklehrers vorbereitet und in vielleicht stundenlanger Arbeit eingeübt worden wären — nein! Es geschah ganz anders! Die Schülerinnen sollten selbst musizieren, sich aus eigener Initiative zusammentun, zum Duett, zum Trio, zum Quartett usw. für instrumentale Musik, oder aber zum Chor für einige Lieder. Sie sollten auch selbst wählen, was sie spielen und fingen wollten.
Was nun am Dienstagnachmittag vor dem Direktor, dem Lehrkörper, einigen geladenen Gästen und den nicht unmittelbar beteiligten Mitschülerinnen zu Gehör gebracht wurde, war recht erfreulich, weil es aus eigener Kraft, aus Liebe zur Musik und aus der Zusammenarbeit der Schülerinnen gegeben wurde. Was in dieser Musikstunde geboten worden war, sollte allerdings nicht für musikkritische Würdigung bestimmt sein, sondern lediglich dazu dienen, in vielen anderen Schülerinnen durch das
Dann dürfen Sic natürlich nicht alles durcheinander trinken. Bleiben Sie bei Schaum- wein. Der ist ja so bekömmlich?
SCHAUMWEIN
Wegs im Nebel.
Vornan von Käthe Mekner.
(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)
l l. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Endlich, nach wieder einer Viertelstunde ungeduldigen Wartens, erschien Dr. Rammelt mit einigen Herren im Torbogen eines Verwaltungsgebäudes. Langsam, noch immer in eifrigen Gesprächen begriffen, kamen die Herren näher.
„Nun aber, Dönitz! Es ist später geworden als ich dachte!"
Der Chauffeur murmelte seine Antwort, dann fuhr der Wagen an.
Ralf Rammelt hüllte sich fest in feine Reisedecke. Zu seinen Füßen spendete ein Katalytofen angenehme Wärme. Trotzdem fror ihn. Zu lange war man in dem durchweichten Boden hm- und hergewandert, so daß die Kälte und Nasse bis ins innerste Mark gedrungen zu sein schien.
Rammelt runzelte unmutig die Stirn. Dieser ganze Tag war ein Unglückstag gewesen, hatte ihm nichts wie Unangenehmes gebracht! Und wenn es sich nun doch bestätigte, daß das Gerücht über den Sturz der Kupferaktien der Wahrheit entsprach! —
Rammelt fühlte plötzlich, wie es ihn eiskalt überlief! Ja es hatte keinen Zweck, sich noch zu betrügen: Wurden die Kupferpapiere wertlos, so hatte er in der Tat fast sein ganzes Vermögen verloren, und bitter rächte es sich, was er selbst einmal an einem andern gesündigt hatte!
Ach, nicht mehr daran denken! Jetzt nicht mehr daran denken! Ungeduld ergriff ihn. Endlos schien ihm die Fahrt. r ,,
„Ist es denn nötig, daß wir m solch einem Schneckentempo fahren?" rief er dem Chauffeur durch die geöffnete Scheibe nach vorn zu.
„Aber Herr Doktor meinen doch nicht etwa, daß ich bei diesem Wetter noch schneller..."
„Jawohl, Dönitz! Ich meine, daß Sie ruhig etwas schneller fahren können! Wir kommen ja sonst heute überhaupt nicht mehr zurück!"
Dönitz' Einwände gar nicht mehr beachtend, lehnte sich Rammelt aufs neue in die Polster zurück, verfolgte die schnellere Gangart des Motors.
Dönitz biß die Zähne zusammen. Warum mußte er nur solche Unvernunft mitmachen? Hatte er bisher nicht schon Mühe genug gehabt, den Wagen zu lenken? Wenn nun irgend etwas passierte, der Wagen auf der mit Schlamm und nassem Schnee bedeckten Landstraße ins Rutschen kam?
Mit scharfen Augen spähte Dönitz den Weg entlang. Manchmal fluchte er vor sich hin, wenn der Wagen wieder und wieder auf den abschüssigen Stellen ins Schlittern kam. Doch stets gelang es feiner geübten Hand, den Wagen wieder einzufangen, über die gefährlichen Stellen unbeschadet hinwegzusteuern. Wie aber, wenn der Wagen erst in die gefährlichste Kurve an der Talsenke kam, wo es bei trockenem Wetter oft schwer hielt, die Gefahr zu vermeiden?!
Schon neigte sich langsam der Boden abwärts. Unwillkürlich verlangsamte Dönitz die Geschwindigkeit des Motors auf das anfängliche Tempo.
Doch sofort fuhr auch Rammelt wieder von seinem Sitz in die Höhe, klopfte mit beiden Händen nervös an die Scheibe:
„Ich habe Ihnen doch befohlen, schneller zu fahren, Dönitz! Schalten Sie sofort eine schnellere Gangart ein, sofort, sage ich Ihnen!"
Zögernd gehorchte Dönitz. Er hatte Frau und Kind. Seine Stellung konnte er nicht riskieren! Wenn man Rammelt in dieser Stimmung den Willen nicht tat, konnte das wer weiß welche Folgen haben! Aber mit Bangen sah er jetzt in der Ferne den Meilenstein auftauchen, der die gefährliche Stelle markierte.
Immer näher schien sie heranzufliegen. Immer abschüssiger wurde die Bahn! Fest umklammerte der Chauffeur das Steuer. Aber schon gerieten die Räder ins Rutschen, der Wagen glitt plötzlich zur Seite...
Mit Entsetzen sah Rammelt in diesem Augenblick einen gewaltigen Baum am Rande der Straße auf sich zukommen.
Ein Krachen! Ein Splittern!
Ein furchtbarer Stoß traf feine linke Schulter, dann verging ihm Horen und Sehen, und er sank bewußtlos am Boden des Wagens in sich zusammen — —
„Scheint doch noch einmal Glück gehabt zu haben!"
Verwundert rieb sich Rammelt die Augen, während die Worte wie aus weiter Ferne zu ihm heranzudringen schienen. Er versuchte sich aufzurichten. Da beugte sich auch ein fremdes Gesicht über ihn:
„Machen Sie sich keine Sorge! Es scheint alles ganz gut abgelaufen zu sein! Auch Ihr Chauffeur ist nicht ernstlich verletzt!"
„Ja, was ist denn?"
Fragend blickte Rammelt den Fremden an, der ihm diese Auskunft gab. Nur langsam kam es in sein Bewußtsein zurück, daß ein Unglücksfall mit dem Wagen passiert sein mußte.
„Hier trinken Sie erst mal! Ein Kognak wird Ihnen gut tun."
Ein zweiter Herr trat zu Rammelt heran, reichte ihm eine Reiseflasche, aus der dieser in langen Zügen trank.
Dankbar sah Rammelt zu seinen Rettern auf, während er die Flasche zurückgab.
„Sie können wirklich von Glück sagen", meinte der erste der beiden Herren. „Der Wagen hat zwar einen tüchtigen Stoß mit abbekommen, da wird nicht mehr viel mit zu machen fein; — — aber die Hauptsache ist ja schließlich, daß Sie und der Chauffeur mit dem Leben daoongekommen sind! Selbstverständlich sind mein Freund und ich gern bereit, Sie mit zurück in die Stadt zu nehmen."
Rammelt nickte mühsam, während sein Blick nach jemandem zu suchen schien.
„Suchen Sie mich, Herr Doktor?" klang es da von der anderen Seite.
Langsam kam Dönitz heran. Man sah sofort, daß er den rechten Fuß nachzog, aber mit äußerster Anstrengung versuchte, sich geradezuhalten, um den Schmerz nicht merken zu lassen.
„Dönitz!"
In warmer Aufwallung, wie Dönitz es an feinem Herrn noch niemals erlebt hatte, streckte ihm Rammelt die Hand entgegen. „Ich bin schuld, Dönitz! Ich weiß es! Ich..."
„Aber nicht doch, Herr Doktor!" wehrte der Chauffeur verlegen ab. „Bloß — nächstes Mal fahren mir lieber nicht wieder so schnell!"
♦
Das alte Hausmädchen Pauline, das bei Dr. Ralf Rammelt schon seit Jahren ihren Dienst tat, staunte nicht wenig, als vor dem Hause eine fremde
Limousine hielt; doch wie groß wurde erst ihre Verwunderung, als sie Dr. Rammelt und den Chauffeur Dönitz dem fremden Wagen entsteigen sah, beide von zwei fremden Herren vorsichtig unterstützt.
Mit zitternden Knien lies Pauline die Stufen herab.
„Ist dem Herrn denn etwas passiert?!" stammelte sie erschrocken.
„Nur eine kleine Schramme, Pauline!" antwortete Dönitz statt seiner. „Nur das Auto ist hin!"
„Wie kannst du nur so sprechen, Dönitz! „Nur" das Auto ist hin! So ein kostbarer Wagen!"
„Nun klag' nur nicht, Pauline! Sei froh, daß du uns überhaupt noch lebend wiedersiehst!"
Eifrig sprechend begaben sich beide ins Innere des Hauses, während Rammelt sich noch mit vielen Dankesworten von seinen Rettern verabschiedete.
„Dürfen wir Ihnen nicht doch lieber einen Arzt bestellen, Herr Doktor?"
„Nein, wirklich nicht, meine Herren! Ich glaube, es ist nichts als eine kleine Quetschung, die ich davongetragen habe. Ich hoffe nur, Ihnen diesen Dienst einmal vergelten zu können!"
„Aber das ist doch nicht der Rede wert! War doch nur eiffe Selbstverständlichkeit!"
Grüßend entfernten sich die beiden Herren. Rammelt horte den Motor ihres Wagens noch sausen, als er bereits die Treppen zu seinem Arbeitszimmer hinaufstieg.
„Bringen Sie mir einen starken Kaffee herauf!" rief er im Vorbeigehen Pauline zu, die ängstlich und besorgt in der Küchentüre stand und den Schrecken noch in allen Gliedern hatte. „Nur einen Kaffee, sonst vorläufig nichts! Und keine Sorge, Pauline, es ist mir weiter nichts geschehen! Sehen Sie lieber einmal nach Dönitz. Wenn es nötig ist, können Sie einen Arzt für ihn rufen!"
Drinnen in feinem Zimmer streckte sich Rammelt, vorsichtig die linke Schulter schonend, auf die breite Chaiselongue.
Der Vorfall hatte ihn ernst gestimmt. Vielleicht zum ersten Male in seinem Leben war er so dicht am Tode vorübergegangen! Wie leicht, wie allzy leicht hätte es schlimmer ablaufen können! Nur die Geistesgegenwart des Chauffeurs hatte sie beide gerettet! Und fein eigener Starrsinn war schuld gewesen..^ (Fortsetzung folgt.)


