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Der österreichische Staatssekretär Dr. Schmidt in Vertin.

Herzliche Begrüßung am Anhalter Bahnhof.

Berlin, 19. Rov. (DJIB. Junffprudj.) Mit dem fahrplanmäßigen Zuge von Wien traf am Donnerstag um 8.37 Uhr auf dem Anhalter Bahn­hof der österreichische Staatssekretär für die aus­wärtigen Angelegenheiten, Dr. Guido Schmidt, als Gast der Reichsregierung zu einem mehrtägigen Besuch in Berlin ein. In seiner Begleitung befand sich der Leiter der Wirtschaftspolitischen Ab­

teilung des Außenministeriums, Gesandter Wild- ner, der Leiter der Abteilung für Mitteleuropa, Gesandter f) o f finger, ferner die Legationssekre­täre Wildmann und Chlumocky-Löwen- thal. Botschafter von Papen begleitete die österreichischen Gäste nach Berlin. Zur Begrüßung der österreichischen Gäste hatten sich u. a. eingefun­den: der Staatssekretär und Chef der Präsidial­kanzlei Dr. Meißner, der im Auftrage des Füh- r^s und Reichskanzlers die Gäste willkommen hieß, der Reichsminister des Auswärtigen $ r e i - Herr von Reurath und Ministerialdirektor Dr. D i e-kk h o f f. Der österreichische Gesandte in Ber­lin, T a u s ch i h, war dem Staatssekretär ein Stück entgegengefahren. Außerdem bemerkte man auf dem Bahnhof den Königlich-Ungarischen Gesandten S z t o j a y und den italienischen Geschäftsträger Botschaftsrat Magistrat!. Auf dem Bahnsteig und vor dem Bahnhof hatte sich eine größere Men­schenmenge angesammelt, die die Oesterreicher herz­lich begrüßte.

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Dr. Guido Schmidt, der zu zweitägigem Aufent­halt in Berlin weilt, ist der erste österreichische Re­gierungsvertreter, der seit vier Jahren nach der Reichshauptstadt kommt. Er ist Staatssekretär des Aeußeren und als solcher dem Bundeskanzler Schuschnigg beigegeben, der zwar nominell öster­reichischer Außenminister ist, aber die Führung der Geschäfte infolge der Beanspruchung durch seine anderen Aemter vorwiegend dem Staatssekretär überläßt. Dr. Schmidt gedenkt in Berlin Verhand­lungen über praktische Einzelheiten des deutsch­

österreichischen Abkommens vom 11. Juli zu füh­ren, die noch in manchen Punkten der Klärung bedürfen. Er steht mit diesem Abkommen persönlich insofern in direktem Zusammenhang, als er un­mittelbar nach dem Abschlußtermin aus seiner da­maligen Stellung als Kabinettsvizedirektor auf den Posten des Staatssekretärs des Aeußeren bei der Kabinettserweiterung vom Juli berufen wurde. Dr. Schmidt, der aus dem Kartellverband der katho­lischen Studentenschaft Oesterreichs herkommt, gilt als ein Mann des persönlichen Vertrauens seines Bundeskanzlers, mit dem er Schüler der bekannten LehranstaltStella Matutina in Feldkirch war und den er schon vor seiner Berufung in das Ka­binett wiederholt auf Auslandsreisen begleitet hat. Dr. Schmit ist nach Abschluß seiner Studien in Wien, Berlin und Bologna als junger Diplomat in Paris gewesen, sodann in der Wiener Staats­präsidentschaft der Verbindungsmann zum diplo­

matischen Korps bis er Kabinettsoizedirektor und dann Staatssekretär des Auswärtigen wurde.

Die vierte Umbildung des Kabinetts Schuschnigg, die am 4. November erfolgte, ließ den Staats­sekretär in seiner Position unberührt. Man kann ihm und seinem Berliner Verhandlungspartner nur die besten Erfolge für die Berliner Gespräche wün­schen, die die Reihe der wichtigen politischen Aus­sprachen, die in der letzten Zeit auf der Linie BerlinWienBudapestRom stattgefunden haben, abzuschließen. Sie alle verfolgen das gemeinsame Ziel, in dem Durcheinander der Politik den Kern und die Mitte Europas zusammenzuschließen und ihn so gegen die Gefahren einer unsicheren Zukunft zu schützen. Der Besuch des österreichischen Staatsmannes ist der sichtbare Ausdruck dafür, daß die politische Ver­ständigung, die im Sommer zwischen Deutschland und Oesterreich zustandegekommen ist, ihre volle Wirksamkeit erhalten hat.

Der Zweck des Berliner Besuchs.

Vor seiner Abreise gewährte der Staatssekretär dem Wiener Vertreter des Deutschen Nachrichten- Büros eine Unterredung. Dabei faßte Dr. Schmidt den Sinn und Zweck seines Berliner Besuches u. a. wie folgt zusammen:

Ich möchte diese Unterredung vor allem benützen, um der Reichsregierung meinen Dank für die an mich gerichtete Einladung auszusprechen, in der ich ein erfreuliches Symptom für das angebahnteoertrauensvolleVerhält- n i s zwischen unseren beiden Staaten erblicke. Diese Fühlungnahme mit dem benachbar­ten, durch Bande des Blutes und des Geistes ver­bundenen Deutschen Reich namens des zweiten deutschen Staates aufnehmen zu können, erfüllt mich mit um so größerer Freude, als ich glaube er­messen zu können, mit welcher Anteilnahme die- seits und jenseits unserer gemeinsamen Staats­grenze diese erste Begegnung nach Jahren schmerzlichen Bruderzwistes verfolgt wird. Ich bringe mit meinem Besuch die Genugtuung Oesterreichs über die Wiederherstellung der naturgegebenen Beziehungen seit dem historischen Tage des 11. Juli zum Ausdruck. Mit aufrichtiger Freude haben sich nach dem 11. Juli Reichsdeutsche und Oesterreicher in meiner Heimat am Bodensee die Hände gereicht. Mehr als sich dies sonst bei einem Staatsbesuch geziemt, ist darum auch mir in dieser Stunde erlaubt, persönliche Genug­tuung auszusprechen

Freilich wird Politik nicht durch das Gefühl gemacht. Die Tage in Berlin sind daher der gründlichen Vorbereitung aller zwischen den beiden Staaten schwebenden Fragen gewidmet. Cs gilt, Hindernisse zu beseitigen, die sich in den letzten Jahren gestaut haben, sie wieder frei zu machen, Reibungsflächen auf das Un­vermeidliche zu beschränken, die Grenzlinie g e - meinsam möglicher Kulturarbeit auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Hoch­schule, der Künste, des Theaters, des Films usw. abzusiecken, die alten Beziehungen nach Tunlichkeit wieder anzuknüpfen und eine Form zu finden, durch die der Kulturzusammenhang elastisch, aber sicher wirksam gemacht wird. Die kurz nach dem 11. Juli angebahnten Wirt­

schafts- und Devifenverhandtun- g e n sollen ebensalls ausgenommen und weiter­geführt werden, um so zu einer möglichst gro­ßen Erweiterung des Wirtschaftsverkehrs zu gelangen. Der Ausbau des Reisever­kehrs im Winterhalbjahr und die Bereitstel­lung der nötigen Devisen ist eine ehestens zu lösende Frage.

Die Stellungnahme Oesterreichs zu Deutschland ist klar. Oesterreich teilte stets deutsches Schicksal: Wir waren Brüder im Leide, als der Schicksals­schlag eines unseligen Friedensoertrages beide traf. Einig waren wir seitdem in dem berechtigten Ver­langen nach Gleichberechtigung der Staa­ten. Um Freiheit und Ehre kämpfend hat Oester­reich an dem Erfolg, den das Deutsche Reich in gerechtem Kampf um seine Freiheit gerungen hat, von Herzen teilgenommen. Unsere besten Wünsche begleiten Deutschlands Schicksalsweg. Wer den Frieden Europas will, muß die Freiheit jedes Staates, muß die Freiheit auch des Deutschen Reiches wollen, denn Friede ist nur unter Freien dauernd möglich. Durch den Mund seines Führers hat Deutschland immer wieder feinen Wunsch nach Erhaltung und Stärkung des Friedens bekundet. Wir glauben dieser Versicherung, glauben an den festen Willen der deutschen Regierung, mit friedlichen Mitteln im Wechselspiel der ideellen und materiellen Interessen zu bestehen, denn auch dem deutschen Volk ist ja der Frieden die beste Gewähr für die innere Er­starkung und den Ausbau seiner einst so blühenden, durch den Weltkrieg und seine Folgen in Mit­leidenschaft gezogenen Wirtschaft. Alle Fühlung­nahmen führender Politiker in letzter Zeit haben der Beseitigung der Spannungen, die Europa schwer beunruhigen, und der Befriedung gegolten. Die österreichische Bundesregierung hat sich an dieser diplomatischen Aktion beteiligt, oa sie überzeugt ist, daß sie ein geeignetes Mittel dar­stellt, den Frieden zu sichern. Da jede Vertiefung internationaler Zusammenarbeit einen Schritt weiter auf dem Wege friedlicher Entwicklung be­deutet, glaube ich, daß mein Besuch in Berlin überall dort Beifall finden wird, wo der ehrliche Wille, Frieden und Eintracht zu halten, besteht.

Selbstmord des französischen Znnenministers Salengro.

Paris, 18. Rov. (DRV.) Innenminister Sa« tengro hat sich durch Gas vergiftet. Als die Haushälterin des Innenministers am Witt- wochmorgen die Wohnung betrat, um ihren Dienst aufzunehmen, wurde sie auf starken Gasgeruch auf­merksam. Sie eilte sofort in das Schlafzimmer des Winisters, wo sie ihn tot im Bett auffand. Innen­minister Salengro Halle Tür und Fenster versperrt

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und dann einen Gashahn geöffnet. Der Bruder des Innenministers gab der Presse folgende Erklärung ab:Wein Bruder war seit langerZeit sehr mitgenommen, zunächst durch den Tod seiner Frau im Wai 1935, dann aber auch durch verschie­dene Todesfälle, die sich kürzlich in unserer Familie ereignet haben. Sein Gesundheitszustand hat sich in der letzten Zeit noch verschlechtert. Der allge­meine Lügenfeldzug, der letzthin gegen ihn unter­nommen wurde, hat ihn verzweifeln lassen, obgleich nichts davon übrig geblieben ist. Lr hat sich das Leben genommen."

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Roger Salengro wurde 1890 in Lille geboren. Er studierte die Rechte an der Pariser Universität. Sehr früh schloß er sich der sozialistischen Partei an. Bei Kriegsausbruch ging Roger Salengro als Rad­fahrer des 235. Infanterie-Regiments an die Front. 1915 geriet er in deutsche Kriegsgefangen­schaft und kam kurz vor Beendigung des Welt­krieges über die Schweiz mit einem Transport Schwerverletzter nach Frankreich zurück. 1925 wurde er als Sozialist zum Bürgermeister von Lille und 1928 in die Kammer gewählt. Als Mitglied des ständigen Verwaltungsausschusses der Sozialistischen Partei wurde er im Mai dieses Jahres in das Kabinett Löon Blum als Innen­minister berufen Als solcher hatte er mehrfach

die Lohnstreitigkeiten zu regeln, die vor wenigen Monaten in Frankreich zu außergewöhnlich langen Streiks führten. Seit Wochen wurde er von den Rechtsparteien wegen angeblicher Fahnenflucht im Oktober 1915 stark bekämpft. Dieser Vorwurf führte am vergangenen Freitag zu einer erregten Aus­sprache in der Kammer. Die Auseinandersetzung endete schließlich mit einer Entschließung der Kam­mer, in der zum Ausdruck kam, daß die Kammer den Feldzug gegen Salengro verurteile. Trotzdem setzte die Rechtspresse den Feldzug gegen Sa­lengro fort. Sie vertrat dabei die Ansicht, daß noch eine ganze Anzahl dunkler Punkte im Soldaten- leben Salengros unaufgeklärt geblieben seien. Die Beisetzung Salengros findet am Samstagnachmit­tag in Lille statt. Ministerpräsident Löon Blum hat sich entschlossen, unverzüglich nach Lille zu reifen. Der deutsche Geschäftsträger in Paris hat sofort nach dem Bekanntwerden des Ablebens des französischen Innenministers der französischen Regierung das Beileid der Reichsregierung aus­gesprochen.

Das Ableben Salengros hat in politischen Kreisen eine gewitterschwüle Stimmung geschaf­fen. Am Mittwochnachmittag gerieten in den Wan­delgängen der Kammer zahlreiche Abgeordnete in eine erregte Aussprache mit den Pressever­tretern. Die Gemüter erhitzten sich so, daß Drohun­

gen ausgesprochen wurden. Wie verlautet, wollen die marxistischen Gewerkschaften das Erscheinen der WochenschriftG r i n g o i r e". deren nächste Num­mer am Freitag herauskommen soll, mit Gewalt verhindern. Ministerpräsident Blum hat an die Arbeiterbevölkerung von Lille einen Auf - ruf erlassen, in dem es heißt:Selbst nach seinem Tode müßt ihr den Willen Solengros achten. Zwei­erlei würde er euch verboten haben: Das Vergessen und die Rache. In seinem Namen beschwöre ich euch, ruhig zu bleiben und euren Zorn zu meistern!"

In den späten Abendstunden des Mittwoch kam es im Zusammenhang mit dem Selbstmord des Innenministers Salengro zu lärmenden Kundgebungen von Anhängern der Linken. So demonstrierten mehrere hundert junge Leute auf den Champs Elysees vor den Verlagshäusern rechts st ehender Zei­tungen. Dabei wurden Schaufensterscheiben des Figaro" zertrümmert. Die Kundgeber wurden von der Polizei abgedrängt, bekamen aber bald Zulauf und zogen dann über die großen Boulevards. Un­ter den RufenRache für Salengro!" undMör­der Faschismus!" sowieEs lebe Blum!" zogen sie vor andere Zeitungsgebäude. Die Kundgeber konn­ten von den verstärkten Pvlizeikräften zum Natio­nalplatz abgedrängt werden, wo gegen Mitternacht die Auflösung des Umzuges erfolgte.

Dr. Schachts Besuch in Ankara.

Deutschland und die neue Türkei.

Ankara, 18. Nov. (DNB.) Zu Ehren des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht gab der Ge­neralsekretär des Außenministeriums ein Essen im Ankara-Palast, an dem auch Außenminister Dr. Aras und Ministerpräsident I n ö n ü teilnahmen. Dr. Schacht besuchte die neue Talsperre am Tschu- buk und folgte bann einer Einladung des iranischen Botschafters zum Frühstück. Am Spätnachmittag empfing Staatspräsident Atatürk Dr. Schacht. Dr. Schacht überreichte dem Präsidenten ein Bild des Führers mit eigenhändiger Widmung. Dr. Schacht erklärte der türkischen Presse, der Zweck seines Besuches entstamme dem Wunsch, die Be­suche zahlreicher türkischer Persönlichkeiten des Bankwesens, insbesondere den des Präsidenten der türkischen Notenbank, zu erwidern. Gewiß habe er damit Besprechungen über allerlei praktische Fragen verbunden. Es handle sich mehr um wirtschaft­liche Fragen technischer Art. Der freund­schaftliche Geist, der stets beide Länder vereinigt habe, ohne ihre Unabhängigkeit in irgendeinem Punkte zu beeinträchtigen, gebe ihm die Hoffnung, daß auch in Zukunft alle solche Fragen eine Lösung finden würden. Die wirtschaftliche Struktur Deutsch­lands und der Türkei fei derart, daß es zwischen ihnen nur gemeinsame Interessen gebe

und sie sich gegenseitig ergänzten. Er sei tief beein­druckt nicht nur von allem, was er hier gesehen, sondern insbesondere von den Anschauungen und den Charaktern der leitenden Männer.

Am Abend gab der deutsche Botschafter v. Kel - l e r einen Empfang zu Ehren des Reichsbankpräsi­denten, an dem neben dem diplomatischen Korps wiederum führende Persönlichkeiten der türkischen Oeffentlichkeit und Vertreter der deutschen Wirt­schaft und der deutschen Kolonie teilnahmen. Am Donnerstagmorgen verläßt Dr. Schacht im Son­derflugzeug die türkische Hauptstadt, um nach Bag­dad und von dort nach Teheran zu fliegen.

Die Türkei zählt auf ihren fast 800 000 Quadrat­kilometern Wirtschaftsfläche nur rund 16 Millionen Einwohner, seit Kemal Atatürks Befreiungskampf ist aber ein geradezu rapider Aufschwung gekom­men. Durch den Staat wurde jede Kraft nutzbar gemacht, um das Land zu kultivieren und in die Reihe der modernen Staaten zu bringen. Die Wirtschaftsform der neuen Türkei ist der sogenannte E t a t i 5 m u s im Gegensatz zur liberölistischen Wirtschaftspolitik. Der Staat ist Herr der türkischen Erzeugung insofern, als durch seine Hand der Ver­trieb der Waren ins Ausland erfolgt und er der

Urheber zahlreicher Verbesserungen ist, wobei aller, dings der Privatinitiative ein erheblicher Spiel- raum gelassen wurde.

Im deutschen Ausfuhrhandel nimmt zwar die Türkei nur ungefähr einen hundertsten Teil ein, aber für die Türkei sind wir weitaus der b e ft e Kunde, und in den letzten Jahren hat sich die Türkei vor allem auch von den bis­herigen Monokulturen des Tabaks und des Ge­treides zu dem Anbau von Baumwolle ge- wandt, der eine sehr beträchtliche Ausdehnung er­fuhr. Die Qualität der türkischen Baumwolle ist vorzüglich, sie entspricht auch in der Länge der Spinnfaser etwa der ägyptischen. Die türkische Aus­fuhr von Baumwolle nach Deutschland betrug im Jahre 1933 nur eine halbe Million Reichsmark, im Jahre 1935 dagegen schon 15,5 Millionen Reichs­mark. Daneben führt die Türkei nach Deutschland aus vor allem Tabak, Rosinen, Haselnüsse, Weizen, Erze und Eier, während die deutsche Ausfuhr hauptsächlich durch Jndustrieerzeugnisse bestritten wird, wie Maschinen, Papier, Farben, Glas und Glaswaren, chemische und pharmazeutische Erzeug­nisse und elektrotechnische Artikel.

Die Ausfuhr von und nach Deutschland hat seit dem Weltkriege einen stetigen Aufstieg erlebt. Ein leichter Rückgang in den Jahren 1932 bis 1933 wurde durch den Meistbegünstigungsvertrag von 1930 infolge der verschiedenen Zusatzabkommen wieder ausgeglichen. Im Jahre 1934 belief sich die Einfuhr Deutschlands aus der Türkei auf 67,5 Millionen Mark, im Jahre 1935 dagegen auf 39,4 Millionen Mark. Die Ausfuhr Deutsch­lands nach der Türkei stieg von 50,9 Mil­lionen Mark im Jahre 1934 auf 67,3 Millionen Mark im Vorjahre. Im Gesamtaußenhandel zwi­schen der Türkei und Deutschland ist im Vergleich zu 1934 eine Erhöhung von 42,3 Millionen Mark oder 36 Prozent eingetreten, gegenüber 1933 aber betrug die Steigerung nicht weniger als 86,5 Mil­lionen Mark oder 118 Prozent! Dieses erfreuliche Ergebnis hat auch im laufenden Jahre eine weitere Verbesserung erfahren.

Die Schaffung einer nationalen Volkswirtschaft in der Türkei ist der Initiative Kemal Atatürks und seiner Mitarbeiter zu verdanken. Sie legten vor allem Gewicht darauf, das Verkehrswesen zu verbessern. Vor dem Kriege war die Türkei Wirtschaftsvbjekt der westlichen Kapitalmächte, die nicht nur spärlich Eisenbahnen bauten, sondern auch ausgedehnte Konzessionen zur Ausbeutung des Landes erworben hatten, vor allem im Bergbau, wobei der türkische Staat nicht einmal durch Zölle usw. sein Interesse wahrnehmen konnte. Die neue Türkei machte einen Strich durch diese Rechnung. Die Konzessionen und sonstigen Privilegien der Ausländer wurden aufgehoben, der Türke wandte sich zum erstenmal selbst mehr und mehr dem Handel und der Produktion zu, die Eisenbahn- konzessionen wurden ausgekauft, und trotz der Hilfe ausländischer Fachleute bleibt immerhin noch ein sehr erheblicher Teil des Aufschwungs des türki­schen Wirtschaftslebens der Energie der Türken selbst zu verdanken, die der Welt klarmachten, daß das Wort vomkranken Mann" falsch gewesen ist. Heute ist die Türkei soweit, daß selbst bei schlechter Ernte sie nicht nur ihren Getreidebedarf befriedigen Fann, sondern darüber hinaus noch für etwa fünf Millionen türkische Pfund Weizen, Mais und Gerste auszuführen vermag.

Vom Aufschwung des Baumwollanbaues haben wir schon gesprochen. Aber auch der Anbau des Tabaks wurde intensiviert. Die Erzeugnisse des Weinbaues, die Früchte der Haselnuß- st r ä u ch e r machen einen erheblichen Teil der tür­kischen Ausfuhr aus. Hinzu kommt die Aufschlie­ßung der Oel- und Erzvorräte durch den Fünfjahresplan, der im Frühjahr 1934 begann. Die Türkei ist in fünf Jndustriegruppen eingeteilt wor- den. Die Textilindustrie strebt vor allem dar­auf hin, den Anbau und die Verspinnung von Baumwolle, Wolle und Hanf zu verbessern. Die Montanindustrie sieht die Aufschließung der großen natürlichen Lager von Eisen, Halbkoks usw. vor. Die Z e l l st o f f i n d u st r i e umfaßt die Ein- sührung der Fabrikation der künstlichen Seide usw.; schließlich wurde der Fünfjahresplan auch ausge­dehnt auf die chemische Industrie, die elektrische und Schwerindustrie und auf die Erschließung minera­lischer Bodenschätze. Man erwartet in der Türkei, daß nach diesem Fünfjahresplan der Staat in der Lage ist, etwa die Hälfte der bisher einge­führten Waren im I n l a n d e herzuftellen. Dabei geschehen die Aufwendungen zur Durchführung des Fünfjahresplanes aus eigener Kraft. Die Staats­einnahmen find von 1933 bis 1935 von 175 auf 195 Millionen türkischer Pfund gestiegen. Gleich­zeitig macht sich eine Steigerung des Volkseinkom­mens bemerkbar, das zu einem gesteigerten Ver­brauch von sogenannten Luxusgütern führt.

Deutschland und die Türkei ergänzen sich wirtschaftlich auf das Beste. Die Türkei wird immer in erster Linie ein agrarisches Land bleiben, die Industrie wird in Menschengedenken in der Türkei doch nur eine untergeordnete Rolle spielen. Im übrigen wird die Industrialisierung der Türkei so­wohl wie die Vervollkommnung der landwirtschaft­lichen Produktion die Einfuhr von Maschinen und Eisenwaren usw. aus Deutschland erforderlich ma­chen, wogegen wir Agrarprodukte aufnehmen. Diese Gesamtlage ist der Hintergrund des Besuchs Dr. Schachts.

England und Italien.

Grandi zur Berichterstattung nach Rom.

London, 17. Nov. (DNB.) Der italienische Bot­schafter Grandi verließ London zur Teilnahme an den Beratungen des Großen Faschistenrates. Grandi wird Mussolini Bericht über seine Aus­sprache mit Eden erstatten. In dieser ist der gesamte Umfang der englisch-italienischen Beziehungen er­örtert worden.

Daily Mail" meldet, daß der italienische Plan einesgentlemen agreement zwischen England und Italien bereits klare Formen ange­nommen habe. Italien schlage einen Austausch von Briefen vor, in denen die Interessen der beiden Länder im Mittelmeer und in den angren­zenden Gebieten hinsichtlich der Flotte, des Heeres, der Luftwaffe und der Kolonien genau niedergelegt würden. Die beiden Regierungen würden sich gegen­seitig verpflichten, diese Interessen zu beachten unb in einen Meinungsaustausch einzutreten, falls eine besondere Lage entstünde. Italien dränge nicht auf eine baldige Anerkennung des Kaiser­reiches Aethiopien durch England, es würde sich zufriedengeben, wenn England dahingehend« schrittweise Maßnahmen in Genf er­greifen würde. Als ersten Schritt denke man sich in Italien eine Aufhebung der Anerkennung Abessi­niens als Mitglied des Völkerbundes.