Er. Ml Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 19. Zum 1956
Schmeling — Joe Louis um 24 Stunden verlegt.
Der Ausscheidungskamps um die Dellmeister- schaft im Schwergewichtsboxen zwischen Max Schmeling und Zoe Louis ist auf Freitagabend verlegt worden, da es zur Zelt, da der Kampf ausgetragen werden sollte, in Reuyork ununterbrochen regnet.
Louis nur sechs Pfund schwerer!
Am Donnerstagoormittag wurden Max Schmeling und Joe Louis dem offiziellen Wiegen unterzogen. Dabei zeigte sich zur allgemeinen Ueber« raschung, daß Joe Louis' Kampfgewicht nur um sechs englische Pfund schwerer als das Max Schrne- lings ist. Schmeling brachte 192 englische Pfund auf die Waage, Joe Louis 198. Anschließend nahm der Vertrauensarzt der States-Athletik-Union die ärztliche Untersuchung der beiden Boxer vor. Dr. Walker stellte fest, daß sich beide Boxer in einer außerordentlich guten physischen Verfassung befinden.
Schmeling zuversichtlich.
Der Boxkampf zwischen Schmeling und Joe Louis drückt selbst einer so riesigen Stadt wie Neuyork seinen Stempel auf. Der Zustrom der zahlreichen Boxenthusiasten aus allen Staaten Amerikas, der am Mittwoch schon einsetzte, war deutlich zu spüren. Ueberall sah man die „Jagd" nach der Eintrittskarte und den letzten Trainingsberichten, die in
allen Verkehrsmitteln und auf Straßen und Plätzen das Gesprächsthema bildeten. Die Wettabschlüsse — Joe Louis ist nach wie vor Favorit — haben dagegen erheblich nachgelassen, da man anscheinend allgemein doch nicht so überzeugt von einem schnellen Siege des Negers ist. 800 Journalisten waren bereits am Mittwoch anwesend.
Schmeling und Louis beendeten ihr Training schon am Dienstag. Der Deutsche äußerte sich so zuversichtlich wie noch nie. Schmeling erklärte, daß er während seiner ganzen Vorbereitung insgesamt 95 Rund en mit seinen Sparringspart- nern geboxt habe und sich in der besten Form seiner Boxerlaufbahn befinde. Obwohl er den Stil seines Gegners genau kenne, habe er sich keinen Angriffsplan zurechtgelegt, er werde aber keineswegs auf die Tricks des Negers hereinfallen.
Kurze Sportnotizen.
Immer schneller wird die amerikanische Kurzstreckenläuferin Helen Stephens. Nach einer neuen amerikanischen Meldung soll sie jetzt ihren eigenen 100-Meter-Weltrekord von 11,6 auf 11,3 Sekunden verbessert haben.
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Die englische Touri st-Trophy auf der Insel Man wurde am Donnerstag mit dem Rennen der „Leichtgewichte", der 250-ccm-Klasse, fortgesetzt. Bei schönstem Wetter fuhren die drei Ersten neue Rekordzeiten heraus. Sieger wurde der Engländer A. R. Forster (New Imperial) in 3:33,22 Stun-
ellrekordleistung eines Seaelfluazeugmodells.
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Einen bemerkenswerten Rekord stellte das Segelflugmodell eines 14jährigen Hamburger Schülers auf. Bei einem Wettbewerb auf der Fischbeker Heide bei Hamburg ließ der Junge sein Modell mit dem Gummizug starten. Das Flugzeug erreichte eine Höhe von 1000 Meter und verschwand in den Wolken. Später kam aus dem kleinen holsteinischen Dorf P r e e tz bei Kiel die Meldung, daß das Flugzeug dort niedergegangen sei. Es hatte für die Entfernun^von 92 Kilometer 3 Stunden 14 Minuten gebraucht. —
den (119,451 Stdklm.) vor Tyrell Smith (Excel- sior) und dem DKW.-Fahrer Arthur Geiß. Die beiden übrigen DKW.-Fahrer Stanley Woods, der fünf Runden lang führte, und Oskar Steinbach mußten wegen Maschinenschadens ausscheiden.
Sportamt „Kraft durch Freude".
heule folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule, Frauen und Männer: Don 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26; von 19.45 bis 21.45 Uhr, Grohen-Buseck, Neue Schule.
Schwimmen, Anfänger und Fortgeschrittene: Don 20.30 bis 21.30 Uhr, Frauen und Männer, Volksbad; von 21.30 bis 22.30 Uhr, Frauen und Männer, Volksbad.
Reiten: Don 20 bis 21 Uhr, Universitäts- Reitinstitut, Brandplatz.
Morgen folgender Kursus.
Reichsspor t a b z eichen, Frauen und Männer: Von 17.30 bis 19 Uhr, Universitätssportplatz am Kugelberg.
Verlegung eines Sportkursus.
Der Kursus Allgemeine Körperschule, welcher bisher Mittwochs von 20.30 bis 21.45 Uhr im Lyzeum, Dammstraße, stattfand, wird nunmehr als Kursus für Allgemeine Körperschule und Schwimmen Mittwochs von 20 bis 21.15 Uhr in die Müllersche Badeanstalt verlegt. Sicher werden viele Volksgenossen diese Verlegung während der Sommermonate begrüßen, da hier Gelegenheit gegeben ist, neben der Körperschule auch das Schwimmen zu pflegen. Die Kosten für den Uebungsabend betragen 20 Pf. Neuanmeldungen nimmt die Geschäftsstelle, Schan- zenstraße 18, entgegen oder kann vor Beginn der Uedungsstunde beim Sportlehrer erfolgen.
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Beim Sportfest in Wünsdorf erreichte der Deutsche Meister und Rekordinhaber im Kugelstoßen Hans Woellke (Polizei-Sportverein) 16,54 Meter. Er erzielte damit die größte Weite, die in diesem Jahre überhaupt von einem Kugelstoßer erreicht wurde. — (Schirner-M.)
er wird Deutscher Fußball-Mister?
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Zwei Mannschaften werden om Sonntag im Berliner Poststadion vor fußballbegeisterten Zuschauern um die höchste Ehre kämpfen, die der deutsche Fußballsport zu vergeben hat, um die Deutsche Meisterschaft. Aus 163 Gauliga-Mannschaften, die im Herbst des vergangenen Jahres die Jagd nach den Punkten aufnahmen, sind zwei — eine süddeutsche und eine westdeutsche Elf — an das Ziel gelangt, das allen 163 Vereinen zu Beginn der neuen Spielzeit vorschwebte: Teilnahme am Endspiel um die „Viktoria". Der Weg, den diese beide Mannschaften gehen mußten, um dieses Ziel zu erreichen, war hart und schwer, aber der nächste Sonntag wird dem 1. FC. Nürnberg und der Düsseldorfer Fortuna alle Mühen mehr als reich- lich lohnen.
Etwas Geschichte . . .
Spiele um die deutsche Fußball-Meisterschaft aibt es schon seit 33 Jahren. Insgesamt wurden in Die« sen 33 Jahren 28 Endspiele durchgeführt, es gab aber nur 26 Meister, da im Jahre 1922 der Hamburger SD. und der 1. FC. Nürnberg zweimal Unentschieden spiellen und der HSV. auf den ihm am grünen Tisch zugesprochenen Titel in sportlicher Weise verzichtete. 1904 und in den Kriegsjahren 1914 bis 1919 wurde die Meisterschaft ebenfalls nicht vergeben. 1904 sollten VfB. Leipzig und Sri* tannia Berlin um den Titel kämpfen, das Spiel fiel jedoch aus, da nach dem Dorschlußrundenspiel Karlsruher FD. gegen Britannia ein Protest eingelegt und angenommen wurde. In diesem Jahre wird nun der 29. Endkampf ausgespielt und der 27. deutsche Meister ermittelt.
Die Geschichte der deutschen Meisterschafts-Endkämpfe ist reich an schönen und spannenden Begegnungen. Die Art der Ermittlung der Endspielgegner ließ fast immer die wirklich besten und erfolg
reichsten Mannschaften eines Jahres ins Finale kommen.
Der ruhmreiche „Club".
Der 1. FC. Nürnberg verkörpert beste deutsche Fußball-Tradition. Seine Geschichte ist mit der Geschichte des Fußballsportes in Deutschland auf das Engste verbunden. Nicht allein deshalb, weil der „Club" fünf deutsche Meisterschaften einheimsen konnte und weitere dreimal im Endspiel stand, sondern weil er einer der Vereine ist, die mitgeholfen haben, dem deutschen Fußballsport seine heutige Größe und Popularität zu verschaffen. Wo immer der „Club" auch spielte, überall wurden Tausende durch sein Können begeistert und viele neue Freunde dem Fußballsport gewonnen.
Wenn in den vergangenen Jahren die Nürnberger Meistermannschaft etwas in den Hintergrund gedrückt wurde, so kam das daher, weil sie einen inneren Umwandlungsprozeß durchmachen mußte. Die großen „Alten" wie Stuhlfauth, Träg, Böß, Riegel, Kalb, Sutor, Schmidt, Strobel und wie sie alle heißen, traten ab und mußten ersetzt werden. Es dauerte natürlich eine Weile, bis sich der „Ersatz" das Können und die Routine angeeignet hatte, die zur Beherrschung des Nürnberger Stiles unbedingt nötig sind. In dieser Zeit aber entstand aus dem reichhaltigen und talentierten Spielermaterial, das dem „Club" zur Verfügung stand, eine Mannschaft, die heute im technischen Können, in der Genauigkeit der Kombination, im taktischen Einfühlungsvermögen und im unermüdlichen Kampfgeist den großen Klubmannschaften der Meisterschafts- Jahre kaum mehr nachsteht. In Stuttgart machte sich die „neue" Clubelf den Weg zur sechsten deutschen Meisterschaft frei.
Fortuna, die Klasseelf des Westens.
Fortuna Düsseldorf war der erste deutsche Meister, den Westdeutschland herausbrachte. Im Jahre 1933
Ernst von Beling.
Dem Andenken eines bedeutenden deutschen Rechtslehrers
Am 19. Juni ziemt es uns, eines Mannes zu gedenken, der für die deutsche Rechtswissenschaft Großes und Bedeutendes geleistet hat: An diesem Tage würde Ernst von Beling sein siebzigstes Lebensjahr vollendet haben. Schon rüsteten sich im Jahre 1932 seine Schüler, dem Lehrer zum siebzigsten Geburtstag eine würdige Festschrift zu bescheren — die gewidmet zu bekommen nach einer scherzhaften brieflichen Aeußerung Belings ihn „ein solcher Lebenshochgenuß dünkte, wie dem Sancho Pansa Statthalter einer Insel zu sein" —, als ein allzufrüher Tod am 18. Mai 1932 dem Schaffen des nie rastenden Gelehrten eine schmerzliche Grenze setzte.
Arbeit und Pflichterfüllung waren der Inhalt seines Lebens, das er, Sohn eines Juristen und wie selbstverständlich zum Juristen bestimmt, nach Ablegung seiner Examina mit 27 Jahren in die akademische Laufbahn einlenkte. Er habilitierte sich 1893 an seiner schlesischen Heimatuniversität Breslau unter B e n n e ck e, dessen Nachfolger er fünf Jahre später wurde. Bald führte ihn der Weg weiter nach Gießen (1900), nach Tübingen (1902, Rektor dort 1912/13) und schließlich nach München, wo er als eine Zierde der Universität und seiner Fakultät bis zu seinem Lebensende wirkte und einen großen Kreis in- und ausländischer Schüler tief und nachhaltig beeinflußte. Gehörte er doch zu jenen nicht eben zahlreichen Hochschullehrern, die mit hervorragender wissenschaftlicher Begabung ausgezeichnetes Lehrtalent und inneren Beruf zur Hingabe an die akademische Jugend verbinden. Es war ihm gegeben, unter seinen Schülern gemeinschaftsbildend zu wirken, fte m seinem Geiste zu einen.
Belings reiches vielverzweigtes wissenschaftliches Lebenswerk gipfelt in zwei Leistungen: der Lehre vom Verbrechen (1906) und dem Lehrbuch des Deutschen Reichs straf- prozeßrechts (1928). Mit dem ersteren Werke begründete Beling die Lehre vom Tatbestand, Die ein Kriminalist der jüngeren Generation als Die „grundlegende Rechtswahrheit der modernen Strafrechtsdogmatik" bezeichnet hat. Der „Tatbestand ist wirklich der Eckpfeiler aller im strengsten Sinne strafrechtsdoqmatischen Erörterungen der letzten Jahrzehnte geworden, und ich glaube, dieser Begriff wird auch neuerlich gegen ihn gerichteten 21n* griffen standhalten. Daß die Lehre vom Tatbestand freilich kein starres unabänderliches Dogma, sondern ein entwicklungsfähiges Gedankengebilde ist, hat
Besuch bei Annke von Tharau Empfindsame Ostpreußen-Reise
Königsberg i. Pr., im Juni.
Ueber Deutschlands Grenzen hinaus ist das Lied vom „Aennchen von Tharau' bekannt, man hort seine lebhafte frohe Melodie ebensogut m Sud- deutfchland wie an der Waterkant. Und manch einer, der in der heutigen Zeit Ostpreußen bereift, von der Stadt Kants aus, südwärts nach Masuren fahrt und die manchmal etwas sonderbar klingenden Namen der Ortschaften an den Stationsgebäuden studiert fühlt sich bei einem Namen plötzlich angenehm berührt. Ja: Tharau, das klingt bekannt, und gleich fällt ihm das Aennchen em. Vielleicht wird dann ein Mitreisender daraus aufmerksam machen, daß dies in der Tat der Heimatsort jenes vielbesungenen Aennchens ist, und daß dort weiterhin im Land — zwischen alten Bäumen steht man den Turm einer Ordenskirche aufragen — ihr Geburtshaus steht. Ä , ..
Mehr als dreihundert Jahre sind vergangen, feit Simon Dach das Tharauer Pfarrerstochterlein geliebt und der heimlich Verehrten ein Lied zur
keiner besser gewußt als Beling selbst, der im Jahre 1930 seine frühere Lehre einer tiefgreifenden Revision und Neugestaltung unterzog. Das „Reichs- strafprozeßrecht vom Jahre 1928 ist sicher die originellste und juristisch am tiefsten eindringende Bearbeitung, die. das Strafverfahren in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erfahren hat. Dieses Buch hat uns wieder einmal gezeigt, was ein Denker von Rang einer den Meisten toten und stummen Materie am geistigen Leben und rechtsbegrifflicher Beredsamkeit abzugewinnen vermag.
Ueber dem Gelehrten und Lehrer darf nicht der Mensch vergessen werden: der reine, warmsühlende, liebenswürdige, hilfsbereite, aber gegen sich selbst strenge Mann, dessen Wesen vielleicht am schönsten offenbar wird darin, daß er manchen ihm am Herzen liegenden wissenschaftlichen Plan zurückstellte hinter der Arbeit für seine Studenten, deren Uebungsarbeiten Stück für Stück noch einmal selbst durchzufehen er sich nicht nehmen ließ, die er persönlich um sich sammelte und beriet, und für die er in den letzten Jahren seines Lebens auch die Betreuung der Stipendienangelegenheiten übernommen hatte, im Innersten durchdrungen von dem edlen Bewußtsein, daß über die Monumente, die er sich in den Hallen der Wissenschaft errichtet hat, zu stehen kommt, was nur die Überlieferung des Herzens bewahrt: die lebendige Tat im Dienste der Gemeinschaft.
Prof. Engisch, Heidelberg.
Hochzeit — mit einem anderen, gedichtet hat, eben jenes Lied, das Aennchen unsterblich gemacht. Denn schwerlich wäre sonst das Gedächtnis des frühverwaisten Mädchens, das von seinem Onkel, einem Mälzenbrauer in Königsberg, vom elften Jahre an erzogen wurde, erhalten geblieben.
Mich wandelt nun bei einem Aufenthalt in Ostpreußen die Lust an, die Geburtsstätte der ewig jungen und in dem Lied von so kraftvoller Liebe Umstrahlten aufzusuchen. Nichts leichter als das! Eine eifrig bimmelnde Kleinbahn pustet durch das flache Land dem Dorfe Tharau zu, das wie eine altmodische Idylle um den Kirchberg gelagert ist, mit schindelgedeckten Häusern und einem Flüßchen, dem Frisching, der sich munter durch buntblühende Wiesen schlängelt. Die Dorfstraße geht in anmutiger Windung gerade auf das Schulhaus zu Birken stehen am Eingang, steil führt der Weg zu der alten backsteinernen Ordenskirche empor, um die herum unter bunten Blumen und mächtigen Bäumen die Toten schlafen. Ein hübsch geschwungenes hölzenes Gitter grenzt den Friedhof vom Pfarrgarten ab.
Dort liegt, von uralten Linden fast verborgen, das Pfarrhaus, die Geburtsstätte Aennchens. Ein terrassenförmiger Garten führt mit schmalen Holz* treppen zu dem blaßrosa getünchten steinernen Haus mit dem braunroten geteilten Ziegeldach und hoch* aufragenden Giebel. Eine Tafel verkündet, daß Aennchen von Tharau, Anna N e a n b e r , hier 1619 das Licht der Welt erblickt und bis zu ihrem elften Jahr gelebt hat. Die Haustür steht weit offen, man tritt in eine kühle Halle, Sonne flutet durch eine weiße geöffnete Zimmertür hinein, im Lichtstreif tanzen Sonnenstäubchen, rechts gelangt man in das von den alten Linden verfchattete Studierzimmer des Pfarrers, der mich freundlich hereinbittet und in die Kirchenchronik des Orts, einen dicken Schweinslederband, aus dem Jahre 1691, hineinsehen läßt.
Da erfahre ich denn: daß der Pfarrer Neander, gestorben 1630, von feiner Gattin, einer Sperberin, eine von „Gestalt angenehme" einzige Tochter, namens Anna, hinterlassen hat, welche die Annke von Tharau ist, von der das bekannte Lied oder Aria — „Annke von Tharau is, di mn gefölt", herrührt, und von dem bekannten preußischen Poeten Simon Dach bei derselben Hochzeit gemacht worden ist.
Mit 18 Jahren hat sie den Pfarrer Johannes Portati us geheiratet. Aber auf den Hochzeitstag, den das liebesfrohe Lied des Simon Dach verschönte, ist, so scheint es mir, ein recht trübes Leben für Annke gefolgt. Den geliebten Mann verlor sie früh, und heiratete dann noch zweimal. Und zwar, wie es damals so Sitte, nacheinander des ersten Gatten „Successores im Amt", die mit der Pfarre die verwitwete Pfarrfrau mit übernahmen. Aber sie hat auch diese und einen erwachsenen Sohn überlebt,
der sie zu sich genommen, und ist schließlich, arm und vereinsamt, im 74. Lebensjahr verstorben.
Nachdenklich schließe ich das dicke Buch und trete wieder in den jonnigen Garten hinaus. Die Worte der Chronik klingen mir nach und das hochzeitsfrohe Bild des bräutlichen Aennchen ist verschaltet. Sinnend bleibe ich stehen und blicke auf das alte Haus zurück. Da kommt aus der Haustür ein kleines Mädchen gesprungen, hellblond und von „angenehmer Gestalt". Lachend und leichtfüßig springt es über die mit Kastanienblüten bestreuten Wege und verschwindet in einer Geißblattlaube. Ist dieses des Pfarrers Töchterlein oder Annke von Tharau selbst, die mich auslacht, weil ich enttäuscht über ihren Lebensweg bin, der ihr mehr Sorgen und Leid als Glück gebracht hat? „Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein", wie es in dem Lied heißt, find lange vergangen und vergessen. Das Annke von Tharau aber lebt in bräutlicher Freude im unsterblichen Volkslied ewig jung, wie der Frühling, der das ostpreußische Land heute wie vor dreihundert Jahren erfüllt..4
M. v. O.
Uraufführung im Frankfurter Schauspielhaus.
Es geht in dem Märchenspiel „D e r goldene Klang" von Josef Mühlberger, einem jungen Sudetendeutschen, um das Unbegreifliche in unserem Leben, das dem Verstand Unfaßbare, das Wunder. Es mag diesem Dichter besonders nahegelegen haben, das Riesengebirge mit seinen abgeschlossen lebenden Menschen und seinem reichen Sagenschatz um Rübezahl als Ort seines Spieles zu wählen, sind wir doch geneigt, nach manchen Vorgängen in unserer Geistesgeschichte dort die Stätte sich immer erneuernder Geburt mystisch gefärbter Weltbetrachtung zu suchen. Ein Märchen, ausgewachsen in einer Umgebung, die auf die scheinbar unbedeutenden Dinge etwas gibt, auf das Klopfen des Wurmes im Holz, auf das Stehenbleiben der Uhr, auf unheilwehrende Zeichen an den Türbalken des Hauses, verfällt durch den Klang eines Namens in eine traumhafte Liebe zu einem nie gesehenen Mann. Auch ein philosophisch sich gebendes Vorspiel vermag das Stück nicht über die Ebene einer dramatisierten Rübezahlgeschichte zu erheben, deren Stärke in der glücklichen Erfassung des Milieus liegt.
Das Frankfurter Schauspielhaus hat das Wagnis unternommen, zu ungewohnter Zeit mit dieser Uraufführung herauszukommen, und hat überdies dem Stück in der Besetzung (Georg Lengbach, Fritz S a a l f e l b , Cläre Kaiser sind hervorzuheben) und Inszenierung (Heinz Haufe als Gast) viel Sorgfalt angedeihen lassen, die das Publikum beifällig anerkannte. Dr. W.


