M. 67 Dritter Blatt Siebener Anzeiger <SeneraI-Anzeiger siir Vberhche«)vonnerrtag, Il.März M6
Berufsberatung—eine Notwendigkeit.
Besuch in der Berufsberatungsstelle des Arbeitsamtes Gießen. — Der Test.
Die deutsche Volkswirtschaft kann es sich für die Zukunft nicht mehr leisten, Hunderttausende von Volksgenossen in Berufen tätig zu sehen, in denen sie nicht zu voller Leistung kommen können, weil sie die nötige und besondere Befähigung für diesen oder jenen Beruf nicht haben. Die nicht völlig zur Entfaltung gelangende Kraft des einzelnen bedeutet einen Verlust für die Volksgemeinschaft. Ganz abgesehen davon, daß der Betreffende, der nicht am rechten Platz steht, seinen Platz nicht ganz aus- füllen kann und dabei selbst nicht glücklich ist. Hinzu kommt, daß viele junge Menschen heute zu Berufen drängen, die hundertprozentig übersetzt sind, während man auf der anderen Seite und in anderen Berufen in tödlicher Verlegenheit ist und nicht weiß, wer das berufliche Erbe antreten soll. Hier haben das Arbeitsamt und das Amt für Berufserziehung und Arbeitseinsatz der Deutschen Arbeitsfront noch ein großes Feld der Betätigung, das, darüber ist man sich an zuständiger Stelle keinen Augenblick im Zweifel, schwer zu beackern ist. Die Arbeit muß bei der Jugend begonnen werden. Darüber hinaus wird aber auch eine Umschulung erstrebt.
Eines der wirksamsten Hilfsmittel, die männliche und weibliche Jugend den Berufen zuzuführen, in denen sie den Fähigkeiten entsprechend ihren Platz ausfüllen können, ist die Berufsberatung.
Unter der Initiative des Leiters des Arbeitsamtes Gießen, Oberregierungsrat Dr. List, wurde dem Ausbau der Abteilung „Berufsberatung" bei unserem hiesigen Arbeitsamt alle notwendige Förderung zuteil. Die Leitung dieser Abteilung liegt in Händen von Dr. Wagenbach. Der Berufsberatung stehen vier Räume zur Verfügung. Auch sind die nötigen Kräfte für den Innen- und Außendienst vorhanden. Leider wird diese Einrichtung des Arbeitsamtes noch nicht von all den Jugendlichen in Anspruch genommen, die dessen bedürften. Zwar ist der Arbeitsbereich in den letzten Jahren gewachsen, das Ziel ist absr, daß alle jungen Menschen, die einem Beruf zustreben, sich der Berufsberatung stellen und sich dabei gleichzeitig einer Eigungsprü- sung unterziehen.
Hie* richtet sich aber vor allem die allgemeine Aufforderung an die Elternschaft im Bereich des Arbeitsamts Gießen, ihren Söhnen und Töchtern den Beruf nicht völlig nach eigenem Ermessen wählen zu lassen, sondern im engsten Einverneh-
Bei der Arbeitsprobe am Support.
Bei einer Geschicklichkeitsprobe.
(Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.) men mit der Berufsberatung zu handeln. Denn es kommt nicht so sehr darauf an, zu wählen, was der Junge oder das Mädel „gerne werden möchte", sondern darauf, was er oder es nach Befähigung werden können. Außerdem ist auch die Frage nicht unwichtig, ob es in dem oder jenem Beruf ein Vorwärtskommen gibt oder nicht.
Im Vordergrund steht die Eignungsprüfung. So wie sie bei der Berufsberatung Gießen ourchgeführt wird, muß sie jeden Jungen und jedes Mädel eigentlich brennend interessieren. Diese Eignungsprüfung geschieht mit Hilfe der sogen. Tests (Proben). Diese Tests sind an sich nichts Neues. Man kennt sie seit Jahren und pflegt sie in vielen Formen anzuwenden. Auch der Gießener Berufsberatung steht eine große Anzahl der verschiedenartigsten Hilfsmittel zur Verfügung. Diese Prüfungen sind zum großen Teil psychologischer Art, bauen sich dabei auf den durchaus realen Aeußerungvn des Prüflings auf. Der Prüfling hat auf den verschiedensten Gebieten — ohne Beeinflussung und ohne die Voraussetzung einer Erfahrung — zu beweisen, was er aus durchaus natürlichen Fähigkeiten heraus kann. Der Prüfling hat Proben praktischer Geschicklichkeit abzulegen, hat aus vielen Teilen etwas sinnvolles zu montieren, er wird sich einer Prüfung auf Augenmaß, auf Feingefühl der Finger unterziehen, sein Farbenunterscheidungsvermögen wird geprüft, in interessanten und für den Prüfling selbst sehr unterhaltsamen Proben, werden Reaktionsfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit, Dispositionstalent, logisches und systematisches Denkvermögen, werden Raum-, und Formgefühl in überaus zweckmäßigen Hebungen überprüft. Der Prüfling erfährt dabei keinerlei Unterstützung. Der Sachbearbeiter für diese Prüfungen sieht dem Jungen oder dem Mädel zu und gewinnt aus der Quersumme der Ergebnisse alles Wissenswerte über die Fähigkeiten des Prüflings. Aber nicht allein aus diesen Proben baut sich die Beurteilung der Fähigkeiten eines jungen Menschen auf, vielmehr werden auch Schul- und Führungszeugnisse, das Urteil von Lehrern, von Führern der Staatsjugend (HI. und BDM.), von Eltern oder anderen Erziehern hinzugenommen, so daß sich ein nach menschlichem Ermessen fast lückenloses Gesamtbild von der Eigenart und den Befähigungen eines jungen Menschen gewinnen läßt. Aus all diesen Ergeb
nissen läßt sich mit großer Zuverlässigkeit auf die Eignung für die verschiedenen Berufe schließen.
Da die Berufsberatung mit Handwerksmeistern, mit Firmeninhabern, denen junge Menschen zur Ausbildung überwiesen oder empfohlen wurden, in ständiger Verbindung bleibt, lassen sich auch die praktischen Auswirkungen der Berufsberatung verfolgen.
Die Berufsberatung des Arbeitsamtes Gießen konnte bisher die Feststellung machen, daß die jungen Menschen, wenn sie in die empfohlenen Berufe ein- traten, sich durchaus bewährten. Die Nachfragen bei Lehrherren und Meistern ergaben in 90 von 100 Fällen sehr befriedigende Auskünfte.
Aus all dem geht hervor, daß nicht nur im Interesse einer planvollen Volkswirtschaft, sondern im eigenen Interesse eines jeden Einzelnen die Beratung vor der Ergreifung eines Berufs durch die zu- ständige Berufsberatung eine Notwendigkeit ist, dir mit sehr viel mehr Selbstverständlichkeit betrachtet werden müßte, als es bisher geschieht.
So ist man im Dritten Reich auch an dieser Stell« bemüht, dem Wohle nicht nur Einzelner, sondern auch der Allgemeinheit zu dienen, indem jedermann zu dem Arbeitsplatz verhalfen werden soll, an dem er als vollwertige Arbeitskraft wirken kann.
Schafft Lehrstellen!
Heber 2800 Jugendliche aus Oberhesfen haben die Berufsberatung aufgesucht. Heber 2800 Jugendliche sind mit ihren Berufswünschen und Zukunsts- plänen zur Berufsberatung gekommen. Ostern steht vor der Tür. Hnd — nur ein ganz kleiner Teil steht bis jetzt feine Hoffnung erfüllt. Hunderte und Hunderte warten noch, warten auf eine Lehrstelle, auf einen Arbeitsplatz, auf ihre Eingliederung in das Wirtschaftsleben. Werden sie vergebens warten? — Man hat behauptet, daß alle Arbeit, in der man Meister werden kann, erzieht. Man hat behauptet, daß Jugend leicht verkommt in den Fabriken die nur die Monotonie der Arbeit am laufenden Band kennen. Warum? Weil es keinen Aufstieg gebe. Immer nur der gleiche Handgriff. Das gleiche Stück. Die Maschine schleudere es dem Nächsten auf den Schoß. Vom Nächsten zum Hebernach- |ten. Jeder kenne nur diesen Ausschnitt. Kemer wachse ins Ganze. Wenn nun schon die graue Oede
monotoner Fabrikarbeit wertvolles Streben in der'
jugendlichen Seele auslöschen kann, um wieviel verheerender muß dann auf die Jugend das Bewußtsein wirken, vor verschlossenen Toren des Berufs« lebens zu stehen!? Welches Objekt wird sich bad Streben der Jugend nach Betätigung suchen, wenn sie untätig und müßig zu Hause bleiben muß? Das Sprichwort sagt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang."
Noch steht ungebrochen hinter dieser Jugend der Wille zur Arbeit. Das Streben zu lernen. Der Wunsch, Lehrling zu fein. Darum öffnet d i e Tore der Betriebe. Schafft Lehr- und An- lernstellen für die Jugend. Meldet sie umgehend bei der Berufsberatungsstelle des Arbeitsamts an.
Sagt nicht: es geht nicht! Die Jugend ist in Not. Hier gilt nicht Diskussion. Nicht Debatte. Hier gilt Hilfe!'Hier gilt Tat! Groß ist die Not der Jugend! Größer sei der Wille zu helfen!
Verbündete in der Crzeugungsschlacht.
„Stadt" und „Land" wurden früher oft genug wie Feinde gegeneinander gehetzt, und insbesondere die Stadtfrau und die Landfrau hatten kaum eine Verbindung miteinander. Heute dagegen werden auf dem Boden gemeinsamer Arbeit des Reichsnährstandes, der NS. - Frauenschaf t und der Abteilung „Volkswirtschaft — Hauswirtschaft" des-Deutschen Frauenwer- k e s die Stadt- und die Landfrau mehr und mehr zu guten Verbündeten. Der Stadtfrau wird zum Bewußtsein geführt, daß es nicht im Belieben des Bauern steht, eine gute ober schlechte Ernte zu haben, und so wird sie, die Schwere und Verantwortlichkeit der Frauenarbeit auf dem Lande erkennend, nicht ungerechtfertigte Ansprüche stellen. Die Frau nimmt auf dem Lande eine ausschlaggebende Stellung ein; je kleiner der bäuerliche Betrieb ist, um so größer ist der Einfluß der Hauswirtschaft auf den Gesamtbetrieb. Das kommt schon dadurch zum Ausdruck, daß nach der Eigenart des Volksstammes und des Landes sich Stall, Garten und Feld um das Haus gruppieren. In früheren Zeiten war der Herd, der Arbeitsplatz der Bäuerin, fo gelegen, daß sie die Diele mit allen Tieren, Hof und Gesinde im Auge hatte. Auch heute überprüft die Frau das Jnein- rmbergreifen aller Arbeiten in Haus, Garten, in Stall und Feld.
Die Anforderungen, die die Durchführung der Erzeugungsschlacht an die Frau auf dem Lande stellt, sind sehr groß. Die Stadtfrau muß sich einmal in die Lage versetzen, welche Aufgaben in der heutigen Zeit der bäuerlichen Frau zufallen. Sie muß Bescheid wissen um die notwendige Futterbeschaffung, um die Leistungssteigerung in der Viehhaltung, auf dem Geflügelhof und im Garten. Alle diese Arbeiten — hinzu kommen in den meisten Fällen noch Feldarbeiten — leistet sie neben der eigentlichen Haushaltsführung und ihren Aufgaben als Frau und Mutter. Die Bäuerin muß die in der Stadt notwendigen Lebensrnittel auch wirklich in einwandfreier Weife liefern können. Hierzu gehört auch die richtige bäuer- I l i ch e V o r r a t s w i r t f ch a f t, die sie an sich
von jeher betrieben hat. Heute muß die Bäuerin sich vollkommen darüber klar sein, daß alle auf ihrem Grund und Boden anfallenden Lebensmittel nicht mehr nur „Privatangelegenheiten sind.
Aber diese umfangreiche und schwere Arbeit mutz ihre Hnterstützung und Ergänzung bei der Hausfrau in der Stadt finden. Hier mutz die mühselige Arbeit um unsere Ernährungsgrundlage verständnisvoll fortgeführt werden durch überlegten, Einkauf, durch gesunde Vorratswirtschaft, durch Ausnutzung und richtige Verwertung aller Nahrungsmittel und vor allem auch durch eine Kampfansage gegen allen Verderb in Küche und Haus. Wenn so die Frauen in Stadt und Land als gute Verbündete Hand in Hand arbeiten, bann werden sie ihren guten Teil beitragen zum Erfolg unseres Kampfes um Deutschlands Nahrungsfreiheit.
Die N.S.-Dolksrvohlfahrt bei -er Krbeit
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Fahrt in den deutschenVorfrühling
Von Heinrich Hauser.
In diesen Tagen werden wir, die wir in den Städten leben müssen, unruhig. Die Luft verändert sich, der Himmel scheint uns höher und heller nach soviel Winterdunkel und Wolkendecken schwer von Regen oder Schnee. Wir betrachten die noch kahlem Bäume, die unsere Straßen säumen und erinnern uns, um wieviel früher sie im Herbst ihr Laub verloren, als ihre Brüder draußen in der Natur. Hnd obwohl wir nicht mehr von Stadtmauern eingeschlossen im Dunst der Häuser und der Gassen leben wie die Menschen des Mittelalters, erfaßt uns Neugier und Sehnsucht: Was geht vor draußen; was tut der Wald, was tun die Felder und die Wiesen, die Bäche, das Wild, die Zugvögel?
So geht es uns, die wir erwachsen sind, aber viel stärker erleben diese Sehnsucht Wesen, die instinkt- gebundener sind als wir: Kinder und Tiere. Es ist die Zeit im Jahr, wo die Knaben ein unwiderstehliches Bedürfnis haben nach Kreiselspielen an Straßenecken, nach Weidenruten, deren rötlich-grüne Rinde jetzt schon weich und schmiegsam ist, gut für Pfeile und für Peitschen. Aus den städtischen Spielplätzen beobachten wir sie, in ihre Räuber- und Jndianerwelt versunken, ein bißchen verfroren, wenn die kalte Dämmerung sinkt. Viel zu rastlos, viel zu beschäftigt sind sie, um sich auch nur die Nasen abzuwischen; selbst ihr Johlen ist ein Frühlingsruf.
Eines Tages hält es uns dann nicht mehr, wir machen uns auf die Suche nach dem Frühling draußen. Wohl kann man weiträumige und heroische Landschaften im Auto sich erreifen ohne auszusteigen, aber nicht den Vorfrühling. Der Vorfrühling ist ein Geheimnis, ein zartes, stilles Werden, ein Hauch, den wir nicht erleben können in sausender Fahrt, eingeschlossen in ein Stahlgestell und abgeschlossen von der Erde durch Gummireifen. Nein: an den Vorfrühling muß man sich heranpürschen wie an ein scheues Wild. Der Wagen soll uns nur heraustragen aus der verstädterten Landschaft, dann aber müssen wir ihn verlassen und gar nicht mehr an ihn denken.
Noch ist der Fahrwind hart und scharf, aber er scheint uns nicht mehr zu erstarren, sondern zu erfrischen, es ist der gleiche Wind, der den Taubruch gebracht hat, der die Erde weckt. Die Erde erscheint uns wie neugeschenkt! Vollgesogen mit Nässe ist sie, fast schwarz; nur die Kämme der Pflugfurchen und die Kuppen der Hügel haben schon den grauen Farbton des Trocknens. Wenn wir aber gegen die
Sonne blicken, mit halb zugekniffenen Augen, dann liegt über den Feldern ein schwacher Schimmer von Grün, der mehr zu schweben als an der Erde zu haften scheint. Das ist die junge Saat, die in großer Ferne leuchtet, wie ein Heiligenschein, das machen die Zweige, deren Rinde sich mit Saft belebt, jeder Baum hat eine Aura um seine Krone. Geheimnisvoller Glanz liegt an den Mauern, metallisch die frischumbrochenen Pflugfurchen, metallisch glänzt das Gefieder der Krähen, die hinter dem Pfleg hergehen, Glasscherben blenden in der Sonne wie Brillanten, die Wellen der bewegten Wasser spiegeln.
Es gibt aber Geräusche des Vorfrühlings. Da ist das' Murmeln der hochgeschwollenen Bäche, voll emsiger Geschäftigkeit, da ist das starke Rauschen der Flüsse an den Pfeilern der Brücken, über die wir fahren; zwar sind die Zugvögel noch auf der Reise in die Heimat, aber das Volk der Krähen der Dohlen lärmt und schwärmt am Himmel, über den eilige weiße Wolken ziehen. In den Dörfern krähen die Hähne voller Hebermut und flattern mit den Flügeln, als ob sie große Taten verrichten wollten. Schon plustern sich die Hühner an den sonnenbestrahlten Mauern der Höfe und scharren sich Gruben im Boden. In den Ställen brüllt das Vieh voll Sehnsucht nach der Weide. Die Katze sonnt sich auf dem Fensterbrett. Der Bauer windet das Strohseil von der Pumpe ab, der Misthaufen dampft, wohl aufgefüllt im Winter, und Gabel auf Gabel des kostbaren Stoffs fliegt auf den Ackerwagen. Die Jauchepumpen kreischen, fruchtbarer Geruch weht über die Straße — das alles sind Frühlingszeichen.
Wir haben den Wagen m einen Seitenpfad gefahren und jetzt gehen wir. Die pflastermüden Füße müssen erst wieder lernen, wie man auf weichem, elastischem Waldboden geht. Rotbraun ist der Boden des Laubwaldes, dick ist die Schicht der gefallenen Blätter. Im Herbst hat das Laub geraschelt, wenn unser Schritt es pflügte, jetzt gehen wir wie über einen weichen Teppich. Vollgesogen von Nässe ist jedes Blatt und glänzt, wenn wir es umwenden, und duftet mulmig. Die Blätter des Ahorns und der Kastanie zeigen das unendlich zarte Gerippe ihrer Adern, die Flächen dazwischen sind verwest. Man möchte solch ein Blatt mit nach Hause nehmen und unter eine Glasplatte auf den Schreibtisch legen, es ist schöner als jedes von Menschen geschaffene Ornament. Die spitzigen Knospen der Buchenblätter beginnen schon zu schwellen; man nimmt eine in den Mund, kostet den harzigen, klebrigen Saft, den sie enthält und man hat den Ge- lschmack des Vorfrühlings.
Die Axt des Holzfällers klingt hell in der Ferne, dumpfer und dumpfer wird der Ton, die Säge schrillt und — nach minutenlangem Schweigen — hebt ein Rauschen an, lauter und lauter, ein Brechen, ein Krachen, eine dumpfe Erschütterung, die Erde bebt: ein Baum ist gefallen. Zwischen den hellen Stämmen der Buche leuchten Flammenzungen; das Feuer, an dem die Männer ihren Kaffee wärmen. Blauer Rauch von herbem Duft streicht durchs Gebüsch. Man steckt sich einen frischen» weißschimmernden Holzsplitter in die Tasche. Wozu? — Zu nichts. Nur so.
Schaut über die Wiese, da regt sich was, quillt schwärzlich auf über das Gras, als fei ein Miniaturvulkan am Lavaspeien. Ein Hügelchen wächst, Erdklümpchen kollern, schließlich stößt ein schwarzer Kopf oben aus dem Krater heraus: der Maulwurf ist erwacht — es ist ihm ungemütlich geworden in der Bodennässe.
Um ganz aufrichtig zu fein: Auch uns wird ungemütlich in dem feuchten Laubbett, wir springen auf, wir bürsten Halme von den Kleidern und durch den dämmernden Wald über Wurzeln stolpernd und von Zweigen gestreift suchen wir das Auto, ganz erfreut, es noch an seinem Platz zu finden.
Heimfahrt: in den Dörfern stehen die Bauernjungen an der Straße, Hände in den Hosentaschen, die Blicke auf die erleuchteten Fenster der Wirtschaft gerichtet und sichtlich noch nicht geneigt, zu Bett zu gehen. Aus heimlicheren Winkeln reißt das Scheinwerferlicht Paare, die sich eng umschlungen halten. Taktvolle Autofahrer blenden ab in solchem Augenblick. Ja, er ist da, der Vorfrühling; jetzt wissen wir es ganz genau.
Das Schweinchen Nellie
Nellie ist seit Wochen das Tagesgespräch des kleinen englischen Ortes Chalfont. Nelly ist ein kleines Schwein, aber kein gewöhnliches, sondern es hat schon sein Schicksal hinter sich und hat es überdies verstanden, eine ganze Familie mit seinem wichtigen Dasein zu beschäftigen. Frau Wise, Nellies Herrin — wenn man in diesem Zusammenhang schon von einer Herrin reden darf — erzählt mit zärtlicher Stimme: „Mit der Aufzucht von Nellie habe ich mehr Sorge gehabt als mit der Erziehung meiner sieben Kinder. Nellie ist aber auch ein entzückendes Tierchen." Das Wunderschwein ist jetzt acht Wochen alt und mindestens so klug wie seine Urgroßmutter. Jeden Morgen folgt es feiner Herrin bei ihren Einkäufen im Ort, und mit Recht behauptet man, daß es von ihr schwerer zu trennen ist als ein Hund von einem Knochen. Nellie war eines von zehn kleinen Schweinekindern,
die in einer Zeit bitterer Kälte geboren wurden. Es ging hier wie mit den zehn kleinen Negerlein, bald war nur noch eines am Leben. Das war Nellie. Frau Wise nahm das Tierchen zwei Stunden nach seiner Geburt in die Küche und dort wurde es sorgfältig mit Heizkissen und wollenen Decken erwärmt. Alle zwei Stunden, auch in der Nacht, mußte Nellie fünf Wochen lang die Milchflasche bekommen. Zusammen mit einer Katze ruhte sie friedlich auf der Matte vor dem Küchenfeuer. Jetzt hat sie für ihr Alter schon eine ganz beachtliche Größe erreicht und es besteht wohl keine Gefahr mehr, daß sie an einer Kinderkrankheit sterben wird. Frau Wise soll behauptet haben, daß sie nicht daran denken werde, Nellie dem gewöhnlichen Schweineschicksal auszuliefern, sie und die Kinder hingen viel zu sehr an dem Tier, um es ertragen zu können, daß Nellie eines Tages in das Schlachthaus kommen würde. So besteht also die Aussicht, daß Chalfont sich noch sehr lange seiner Sehenswürdigkeit erfreuen kann.
Zeitschriften
— Eine der ältesten schleichenden Seuchen, di« das Menschengeschlecht heimsuchen, ist die Tuberkulose. Auch heute noch sterben an ihr in Deutschland alljährlich 40—45 000 Menschen. Daß hier nicht etwa ärztliche Wissenschaft und Kunst versagen, zeigt Prof. Kurt Lydtin (München) in dem Aufsatz „Die Tuberkulose als Volkskrankheit", der das Märzheft der Süddeutschen Monatshefte (München): „Tuberkulose" einleitet. Weitere Aufsätze beschäftigen sich mit den Möglichkeiten, der bereits ausgebrochenen Tuberkulose Herr zu werden. So bespricht Prof. Hanns Alexander (Agra, Schweiz) „Die Heilstätte im Kampf gegen die Tuberkulose". Eine besondere Form der Tuberkulosebehandlung ist die chirurgische Behandlung. Ihr widmet Prof. Ferdinand Sauerbruch einen Artikel, zu dem auch Dr. Wilhelm Fick (Berlin) Erfahrungen beigesteuert hat. „Ihre große Bedeutung liegt in der Tatsache, daß es gelingt, selbst schwerste Formen einseitiger Tuberkulose der Lunge noch zur Heilung zu bringen, bei denen die anderen erprobten Heilmittel, wie Ruhe, Klima und Diät, versagt haben." Wie man die Tuberkulvseträger ausfindig macht, wie man sich bemüht, die Tuberkulose auszurotten, geht aus dem Aufsatz von Dr. Hermann Braeuning hervor: „Ziele und Wege b« Tuberkulosefürsorge". Das Sonderheft der befann* ten Zeitschrift gibt insgesamt ein zutreffendes Bild vom heutigen Stande der Tuberkulosebebandlung und -bekämpfung, das dazu angetan ist, Aufklärung über alle wichtigen Fragen in weite Kreise zu tragen.


