Donnerstag, 19. Ulan 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
M.67 Zweites Blatt
Viertausend wählen auf hoher See.
Wieder fahren Tausende deutscher Arbeiter nach Madeira.
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Er erzählt, wie er vor einiger Zeit zum Gau der „Kraft durch Freude" gerufen wurde, mitten in der Arbeitszeit, zusammen mit einem Maurer. Dort hat man nach Feststellung der Personalien ihnen gesagt: „Ihr sollt m i t f a h r e 'n nach Madeira; es ist höchst wahrscheinlich, daß es dabei bleibt!" — „Na" sagt der junge Arbeiter und wischte sich die arbeitsheiße Stirn, „wir haben uns beide angeguckt — det Ham wa ja nich for möglich jehat- t e n, sowat! Na, und meine Frau, die war erst anz sprachlos, war schon gespannt gewesen, was das sein sollte, so während der Arbeitszeit wegfe- holt zu werden. Schließlich hat ses ja glauben müs
sen. Sie is gleich zum Bezirksamt, um mir einen Wahlschein zu besorjen, hat aber noch keenen kne- len können. Anjeblich soll alles in Sammelaustrag durch „K. d. F." erledijt werden. Werde aber lieber noch mal nachfragen!" u v
Na, dann mal gute Reise! Und daß der Stimm- zettel mitgenommen wird, ist ja ganz selbstverständlich! — Wir glauben, daß am 29. März alle, die an Bord der Madeira-Dampfer ihren Umschlag ab- geben, wissen, warum sie ihre Stimme den Nationalsozialisten geben; sie sind alle welche geworden!
Stg-
3 Jahre Nationalsozialismus.
ßraft durch §reude zeigt taufenden von Arbeitern die schöne Welt
Unterwegs nach Madeira
Ertüchtigung durch Sport!
Gin Gang durch die Berliner Wassersport- und Lustsportausstellung.
NSK. „Ich will, daß dem Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird, und daß alles geschieht, um ihn diesen Urlaub sowie seine übrige Freizeit zu einer wahren Erholung werden lassen. Ich wünsche das, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen." Das ist ein Ausspruch Adolf Hitlers. Und dieser Ausspruch bildet die Grundlage und Programm der Idee und Organisation, die wir „Kraft durch Freude" nennen. Das bedeutet sowohl eine Freizeitgestaltung, wie sie keine andere Arbeiterbevölkerung in der Welt kennt und Fürsorge für die Würde des Arbeitsplatzes, wie es sie nur im nationalsozialistischen Deutschland gibt.
Für die arbeitenden Deutschen, die auf Grund ihres bescheidenen Einkommens nicht in der Lage wären, in Urlaub zu fahren, geschweige denn in Auslandsurlaub, wird im Staate Adolf Hitlers gesorgt. Sie lernen ihr Vaterland, sie lernen die Märchenwelt des Fernen Südens kennen mit deutschen Schiffen. Besonders Aufsehen haben im In- und Ausland die Hochseereisen des deutschen Arbeiters erregt. Fast eine viertel Million von Volksgenossen sind bis jetzt kostenlos auf großen Ozeandampfern hinausgefahren in den Englischen Kanal und in die schönsten Fjorde Norwegens.
Als Spitzenleistung sind die Madeira-Rei- se n der „K. d. F."-Dampfer anzusehen, die gerade in diesen Wochen zum zweiten Male die Leinen loswerfen zur Großen Fahrt. In diesem Jahr, im März und April, gehen 8000 Männer und Frauen an Bord und starten nach jenem Eiland im blauen Meer das bisher nur von Luxusreisenden mit viel Geld im Portemonnaie besucht werden konnte.
Am 15. März fuhren die ersten 4000 mit der „Kroft-durch-Freude"-Flotte los. Das sind die Schiffe „Saint Louis", „Sierra Cordoba", „Der Deutsche", „Oceana" — bewährte und beliebte Dampfer, die zusammen mit weiteren Schiffen der größten Urlauberorganisation der Welt viele Tausende befördern und schon nicht mehr für den Andrang ausreichen. Deshalb ist die Deutsche Arbeitsfront dazu übergegangen, eigene Dampfer zu bauen, und zwar sind vorerst drei nach den modernsten Erfahrungen konstruierte Hochseedampfer vorgesehen.
Wer fährt mit diesen Dampfern? Keine internationalen Gentlemen, keine Großkaufleute, Filmstars, Plantagenbesitzer, nein, es sind deutsche Arbeiter aus Gaswerken, von Bauplätzen, aus Maschinenfabriken, Straßenbahnschaffner und Schofföre, Schupobeamte und Angestellte von Behörden, Banken, Versicherungsgesellschaften. Es sind Rein- machefrcruen und Kellner — kurz, was in Verhältnissen lebt, die solche Reisen früher ein Leben lang einen schönen Traum fein ließen. Die nut den niedersten Lohn- und Gehaltsstufen, die unter besonders schwerem sozialen Druck Stehenden, die, welche am vorbildlichsten ihren Mann bei der Arbeit stehen sie sollen mit der Hakenkreuzflagge am Höck übers Weltmeer kreuzen.
Die 4000, die sich am Sonntag einschifften, haben Wahlurnen an Bord. Die Fahrtteilnehmer sind bemüht, und zwar mit Evfolg bemüht, die Stimmscheine zu besorgen. Sie werden wohl mit besonderer Begeisterung am 29. März wählen, auf hoher See, am Ende der Reise, vielleicht in Höhe der Insel Wight. * *
In einer der riesigen Banken der Berliner Friedrichstadt treffen wir einen Madeira-Fahrer. Ein Familienvater oon 47 Jahren, Angestellter mit be-
scheidenem Einkommen, das Gesicht von den Falten der Sorge und des Sichdurchbeißens gefurcht, jetzt von Freude überstrahlt. Vor drei Wochen wurde- er zur Betriebsführung gerufen und zerbrach sich den Kopf, aus welchem Grunde. Keine Ahnung hatte er und war wie aus den Wolken gefallen, als ihm die Botschaft wurde. Mit einigen anderen Kameraden aus dem Betriebe soll er halb auf Kosten des Betriebes, halb auf Kosten der Arbeitsfront auf eine Erholungsreise geschickt werden, wie er sie noch nie gemacht hat. Er erzählt es mit übersprudelnder Begeisterung.
Und seine Frau erst! Was für eine Freude war es für sie, ihren abgearbeiteten Mann, der sich nur kleine Erholungen gönnen konnte, einmal wochenlang in frischer Seeluft, ledig jeder Bürde, unter guten Kameraden der verschiedensten Fachgruppen der Arbeit zu wissen. Die Tochter, ein Schulmädel, ist brennend neidisch und wartet nun darauf, daß ihr ebenfalls eine Reise übers Meer in den Schoß fällt ...
In der Bank der Deutschen Arbeit war schon Appell für die Berliner Fahrer, auch die auserwählten Angestellten des Betriebes, wo wir den Buchhalter sprechen, waren dabei. Mit Vergnügen hörten sie die Kunde, daß die bevorstehende Reise keine Modefahrt fein sollte und daß man auch im Arbeitsanzug mitfahren dürfe. Nur reinlich und ordentlich müssen alle sein, denn s i e vertreten d a draußen Deutschland! Und wer könnte es besser vertreten als die Arbeiter Adolf Hitlers?
„Wir find froh", sagte der Bankangestellte, „daß wir bei dieser Gelegenheit gleich unseren Dank für das große Erlebnis mit dem Stimmzettel abftatten dürfen. Wir alle sind uns dessen bewußt, daß wir nicht nur zu unserer eigenen Freude fahren, sondern auch zur Demonstration unseres neuen Reiches. Na und die Wahl, die wird ja wohl hundertprozentig ausfallen!"
Das glauben wir gerne, dazu wird nicht nur die Freude an dem Erleben der freien See und fremden Länder beitragen, dazu wird auch die musterhafte Kameradschaft an Bord beitragen. Hier erlebt das deutsche Volk sich einmal selber, auf engem Raume zusammen, einem Ziele entgegenfahrend, täglich eng zusammen, da muß etwas erwachsen, was der deutsche Arbeiter früher nicht kannte. Ein Schweizer Dichter, dessen Werke Weltgeltung haben, nahm an einer Fahrt teil; er sagte hinterher von den Teilnehmern: „Sie gewinnen wirklich neue Kraft durch Freude. Das ist eine geniale Erfindung, aber es hat viel Not und Elend dazu gehört, um sie reif zu machen. Der hohe Wandel von Sonne uüd Mond über der leuchtenden Unendlichkeit der See weiß nichts von Not. Der Salzwind weht ihnen Kummer und Niedrigkeit aus den Augen, Möwen sind keine Sorgen. Ihre Lebensfragen wiegen sich auf strahlenden Wolken. Aeltere Menschen entdecken noch einmal das Jugendglück: Nicht denken! Nur sein!"
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Jin vierten Geschoß des Neubaues^ im Trakt des Deutschen Opernhauses am Kaiserdamm in Berlin- Charlottenburg arbeitet der Hilfsarbeiter, der ebenfalls mitfahren soll nach Madeira. Der Staub fällt auf die aus Brettern provisorisch gezimmerten Treppen, er wolkt auch auf den zer^hlis- senen und schon fast zu Tode strapazierten Anzug des Arbeiters. Die blaue Mütze mit dem SA.- Sturmriemen hat einen feuchten Rand um den Schädel gelegt, die Züge sind abgespannt und hart. 33 Jahre ist der Mann alt, noch nie hat er eine Seereise gemacht, noch nicht ein einziges Mal ein fremdes Land gesehen._____________________________
Die wachsende Freude am Wassersport jeder Art kommt in der immer weiter wachsenden Berliner Wassersportausstellung deutlich zum Ausdruck. Was sich vor wenigen Jahren auf geringem Raum zusammendrängen ließ, füllt heute eine der großen Ausstellungshallen am Kaiserdamm. Durch die Einbeziehung einer besonderen Luftsport - ausstellung hat die Frühjahrsschau eine Erweiterung erfahren, die über die Grenzen des Sportes hinausgreift in die planmäßige Schulung des jungen Deutschland, die anfängt beim Pimpf, der die elementarsten Begriffe der Lufttechnik auszunehmen hat. Der älteste und heute hundertjährige Wassersport ist der Rudersport, der sich von Hamburg aus an der Wasserkante entlang und über alle Binnengewässer verbreitete. Damals galt er der Rettung in Seenot geratener Kameraden, heute dient er der Erziehung und Kräftigung von jung und alt. Welche Fortschritte in schiffbautechnischer Beziehung seit jenen ersten Anfängen bis zur Gegenwart gemacht wurden, zeigen am deutlichsten die mit Notrufanlagen und Motor ausgerüsteten Rettungsboote.
Eine große Blütezeit hat auch der Kanusport, der heute wieder zu neuer Kraft erwacht ist, vor mehr als sechs Jahrzehnten erlebt. Form- und zweckvollendete Fahrzeuge, die mit der „Badewanne" früherer Zeiten nichts mehr gemein haben, geben einen Einblick in die heutige Technik des Baues von starren Holzbooten und zusammenlegbaren Faltbooten. Die Kanufahrer Deutschlands, von denen 50 000 Mitglieder im Fachamt Kanusport vereinigt sind, werden in diesem Jahre 3um ersten Male auch um die olympische Ehre kämpfen.
Nicht weniger lehrreich ist die Schau der Segelboote, unter denen das Einmannboot „Olympia-Jolle" ebenfalls im August am Sportkampf der Völker beteiligt fein wird. Da bei der Olympiade nicht die nach deutschen Baubestimmungen geschaffenen Kielboote, sondern internationale Bauarten in den Wettkampf eingreifen werden, hat jeder Segler auf der Berliner Ausstellung eine hervorragende Gelegenheit, sich über Bootstypen und Baustoffe zu unterrichten. Als Sonderklasse des Wassersports sind schließlich die Jachten anzu-
Gießener Giadiiheaier.
Eduard Neinacher: „Lapp im Schnakenloch".
Auf der Suche nach den in unserer Zeit lebendigen, dichterischen Stimmen, die dem Theater dienen und inert sind, vernommen zu werden, fand die Bühnenleitung den Straßburger Eduard Reina- ch e r. Sehr zu begrüßen, daß man auf diese Weise wieder an einen Dichter erinnert wurde, dessen dramatisches, episches und lyrisches Werk eingehender Beschäftigung wert ist. Wir nennen von feinen Dichtungen, 'für die schon vor dem Kriege kein Geringerer als Wilhelm Schäfer sich einsetzte, hier nur den „Bauernzorn", „Todes Tanz", die „Elsässer Idyllen und Elegien" und „Agnes Ber- nmpr". Da Reinacher im Jahre 1929 mit dem Kleistpreise ausgezeichnet wurde, schien es so sinnreich wie ehrenvoll, ihm an einem Abend zusammen mit dem größten preußischen Dichter von der Bühne herab das Wort zu geben. Und wenn es nur ein kurzes Spiel, eine kleine elsässische Sommeridylle war, es konnte als ein heiterer Auftakt recht wohl bestehen und wird, fo hoffen wir, manchem auch den Weg zum ernsteren und geräumigeren Gesamtwert einladend gewiesen haben.
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Der Hans im Schnakenloch", eine volkstümliche bäuerliche Charakterfigur aus Reinachers elsässischer Heimat, die schon im Kriege einmal auf die Bühne beschworen wurde, „hat alles, was er will. Und was er will, das hat er nicht, und was er hat, das will er nicht" —: so ein Kerl ist das ein woyl- habender, eingesessener Landmann mit der Zipfel- Haube des verschollenen deutschen Michels angetan, ein Erzpessimist und bitterlicher Griesgram, dem nichts recht ist und nichts gefällt, nicht fein Hof und Haus, nicht Knecht, Magd, Vieh und alles was fern ist. Nicht einmal Grete, fein Weib, frisch, munter herzhaft und bei der Hand. Das ist zuviel; der Kerl muß kuriert werden. Und er wird. Da kommt der „Narrenlapp", ein eulenspiegelhafter, lunger Landstreicher, dem wären Hof und Frau, stattlich wie beide sind, gerade recht. Sie tauschen wahrhaftig (mit Hilfe des Onkels Bürgermeister und mit einem listigen Einfall der Gret) — sogar mit dem Schein des Rechts. Der Lapp setzt sich auf den Hof und an den Tisch und läßt sichs wohl (ein, bis der Hans, von Heimweh und Eifersucht getrieben, dazwischen fährt und den Lapp hinausschmeißt unter Hallo und Gelächter. — *
Die Aufführung unter Herrn Kühnes Leitung traf, musikalisch untermalt, den spielerischcheiteren, beschwingten Ton, auf den das kleine Stuck^gestimmt ist, aenau. Ein wahrhaft entzückendes üub- nenbild, eine sommerlich - idyllische Landschaft wie von Matthäus Schiestl, war aus Herrn Löfflers
Werkstatt hervorgegangen, jedermann eine Augenweide.
Herr Mosbacher machte den Lapp mit spiel- freudiger Laune und Humor und einer Spitzbubenfrechheit, welche die lustigsten Wirkungen hervorbrachte. Herr Schorn gab den Hans mit leise parodistisch verbrämtem Weltschmerz und sand gegen Ende den befreiend-erfrischenden Uebergang vom miesepetrigen „Schlappes" zum rechten Kerl, der endlich weiß und hat, was er will. Eine leckere, resolute und mundfertige junge Frau war Fräulein Henckel l; während Frau Schubert und die Herren V o l ck und Kühne verständnisvoll Verwandtschaft und Gesinde im Schnakenloch repräsentierten.
Kleist: „Der zerbrochene Krug".
Mindestens seit zehn Jahren haben wir dieses herrliche Stück nicht mehr bei uns auf dem Theater gehabt- eines der wenigen wirklichen, runden und in sich ruhenden Lustspiele in deutscher Sprache, von dem Hebbel einmal gesagt hat: „Der zerbrochene Krug ... gehört zu denjenigen Werken, denen gegenüber nur das Publikum durchfallen kann." Und: „Seit dem Falstaff ist im Komischen keine Figur geschaffen worden, die dem Dorfrichter Adam auch nur die Schuhriemen auflösen dürfte." K l e i ft selber freilich hat von solcher Würdigung nichts zu spuren bekommen. Goethe hatte für den „Krug" so wenig Verständnis wie für die „Penthesilea"; er verdarb die Aufführung (Weimar 1808) mit unzulänglichen Schauspielern und mit einer uns heute unbegreiflichen Akteinteilung. Erst lange nach Kleists Tode wurde das Lustspiel der deutschen Buhne gewonnen, und erst siebzig Jahre nach seinem Erscheinen fand es in Adolph Menzel den wahrhaft kongenialen Illustrator.
Menzels köstliche Bilder zum „Zerbrochenen Krug" sind uns heute viel gegenwärtiger als der französische Kupferstich „La cruche cassee“ von Le Beau, auf dem bereits das corpus delicti und die wichtigsten Personen abgebildet waren; der Stich gab die Anregung zu einem „poetischen Wettkampf" zwischen Zscholke, Ludwig Wieland und Kleist, in dem dieser, wie vorauszusehen war, den Sieg davontrug. Ernst von Pfuel, einer von Kleists wenigen Freunden, berichtet, dieser habe ihm schon in Dresden 1803 einige Szenen glatt in die Feder diktiert; in Königsberg kam das Stück dann 1806 zum Abschluß.
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Die großartige innere Geschlossenheit des Werkes I beruht zunächst auf dem echt lustspielmäßigen Einfall, daß in dem Rechtsstreit der Richter selbst der wahre Schuldige ist und sozusagen in eigener Sache gegen sich Recht finden muß: bann auf der analytischen Technik, das heißt darauf, daß der eigentliche i Tatbestand, dramaturgisch und juristisch, m der Ver- | gangenheit liegt und erst im Lause der Verhandlung
Stück für Stück und Szene für Szene ans Licht gebracht wird — vor den Augen des Zuschauers, der auf diese Art gleichsam selber unter anderem Volke im Gerichtssaal sitzt und als stummer Zeuge teilnimmt, dabei aber bis ganz zuletzt, bis zur Preisgabe der verblüffenden Pointe, theatermäßig und kriminalistisch in der Spannung bleibt
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Kleist hat ferner mit überaus glücklicher und leichter Hand den ursprünglich französischen Schauplatz ins Niederländische verlegt, in die fröhlich-realistische, kraft- und lebenstrotzende Welt flämischer Bauern- und Sittenmalerei der Ostade und Te- niers, der Brouwer und Brueghel. Das gibt seinem Stück zusammen mit der handlungsmäßigen Geschlossenheit eine atmosphärische Dichte und Leuchtkraft, wie sie nur in ganz wenigen deutschen Lustspielen auf ähnliche Weise wieder erreicht worden ist. Hinzu kommt eine schlechthin unvergleichliche Schärfe der Charakterisierung, die jede der handelnden Gestalten in saftiger Fülle und Plastik vor dem Beschauer aufbaut; das beginnt schon bei der Namengebung: etwa mit dem witzigen Einfall, den Richter in seinem Sündenfall sogleich mit der Eve aufs verfänglichste in Beziehung zu setzen; auch, die Namen des Gerichtsrates wie des Schreibers, Walter und Licht, entbehren so wenig der Symbolkraft wie der Name des ganzen Stückes
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Es ist kaum notwendig, darüber hinaus an Kleists sprachliche Eigenart und Meisterschaft zu erinnern, die diesem Lustspiel wie kaum einem andern zugute kommt: in der Charakterzeichnung seiner Gestalten wie in der Ausmalung kleiner komischer Episoden, die dem Ganzen jene prachtvolle, niederländische Breite und Fülle geben; nicht zuletzt auch in der Ent-Wicklung des Handlungsfadens, der mit jedem entwirrten Stückchen näher an den Tatbestand und die Entdeckung des Täters heranführt; in einem Dialog endlich, der die Personen schon hi Rhythmus und Versmelodie beziehungsvoll verbindet, der zwei und drei Stimmen innerhalb einer einzigen Zeile laut werden läßt, und, alles in allem, die Fabel unaufhaltsam vorwärtstreibt dergestalt, daß man sich bei jedem neuen Lesen und Hören wundern muß, wie lange das deutsche Theater gebraucht hat, sich dieses Meisterwerk zu eigen zu machen.
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Intendant Schultze - Griesheim hat im Programmheft einige Bemerkungen zu der von ihm geleiteten Aufführung niedergelegt und daran erinnert, daß Kleist und Shakespeare im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit des Theaters stehen sollen, weil sich in ihnen der Sinn unseres Spielplanes am reinsten auspräge. Was den „Krug" betrifft, so wird er als ein Sinnbild des Lebens begriffen Und es spricht, unter anderem, für den Ehrgeiz der Spielleitung, gerade dieses Sück gewählt zu haben, das
sprachlich, wie mit Recht gesagt wurde, eines der schwersten ist, die dem Schauspieler begegnen können.
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Es ist wahrscheinlich die beste Anerkennung, die man der Aufführung geben kann, daß diese io schwere, so schöne und so prachtvoll charakteristische Sprache Kleists wirklich erfreulich bewältigt wurde, daß sie in ihrer ganzen Blutfülle nachgestaltet wurde und dennoch stets den wie im Schmiedefeuer gehämmerten und elastisch gehärteten Dramenvers erkennen und ausschwingen ließ. Im Ganzen waren hier, wie es sich gehört, die Farben satter und kräftiger, der Ton schärfer und fülliger als in Reinachers sommerlichem Spiel. Der Uebergang von der elsässischen Rheinebene nach Flandern vollzog sich zugleich mit herzhaftem Stilwandel vom Idyllischen ins Realistische. Es ging mitunter laut und lärmend zu, aber die Regie behielt stets die Uebersicht und die Fäden in der Hand, und in der Vielfalt der streitenden und heischenden Stimmen wahrte jede ihren eigenen Klang und die ihr zu- kömmliche Charaktermelodie. — Wiederum hatte Herr Löffler das angemessene Raumbild geschaffen, diesmal behäbig-breit und sinnvoll gegliedert; nichts war vergessen.
Herr Hub als Adam: welch eine Rolle für ihn;
seit langem hat er keine gehabt wie diese. Er wußte es zu würdigen, wahrte die Grenzen und gedieh eben deshalb zu einer Fülle von großartigem Humor. Sein Adam hatte wahrhaftig etwas vom Falstaff, doch blieb er in feiner niederländischen Sphäre; fein treuherziger Wortschwall, seine dummdreisten Ausflüchte und Praktiken, seine scheinheilige Entrüstung schwanden am Ende dahin im Bilde des leibhaftigen bösen Gewissens. Es war, alles zusammen, eine prächtige Leistung.
Als ein echter, derber, redlicher Bauernbursch erschien Herrn Rosenthals Ruprecht, der mit der Schilderung der nächtlichen Szene am Tatort ein kleines Kabinettstück lieferte. N e u b a u s als Gerichtsrat wachte und waltete mit der patriaräwli- schen Würde des Kleistschen Kurfürsten über Mn bäuerlichen Tribunal. Herr L ü p k e gab dem Licht einen zweideutig-vertrackten Humor und die intrigante Wendigkeit, die jeder Situation gewachsen ist. Fräulein B i r k m a n n war als Evchen verschüchtert, sck;amhaft und zärtlich nigleid), ganz rührend anzusehen. Frau to t i r l (Marthe) und Frau Schubert - Jüngling (Brigitte) als zwei bäuerliche Matronen, die mit umständlicher Genauigkeit und Ausführlichkeit die Verhandlung förderten.
Es war ein wirklich heiterer und dichterischer Theaterabend; beide Ausführungen sanden ner« bientcrmafjen dankbaren Beifall. hth.


