Mittwoch, 19.5ebruar 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
M.42 Dritter Blatt
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der Blumenladen.
gr ist das Wunderbarste in der winterlichen Straße. Hinter seinen Schaufenstern prangt ein Blumenmärchen voll frühlingshafter Buntheit, als habe die Jahreszeit über feine Schwelle hinweg teine Gewalt. Wie eine Insel ewigen Lebens, an deren Ufer die Brandung herbstlicher Vergängnis unh winterlichen Sterbens sich brach, strahlt die leuchtende Fülle von Blüten und Blattgrün formend farbenfroh auf, und die Straße wird Heller, wenn in der Frühe der Rolladen des Schaufensters hochschnurrt.
Armlange, schlanke Forsythiazweige sprühen, zu einem Strauß in hoher Glasoase versammelt, ihr aelbes Sonnenfeuer nach allen Seiten. Die kleinen Blüten sitzen wie züngelnde Flämmchen an der Rinde. Aber noch dichter drängen sich die Flieder- sträuße in vollen weißen Trauben, von denen jeder Zweig ein üppiges Bukett trägt. Sanft, wie das traumschwere hingebungsvolle Herz einer Braut dem Geliebten entgegen, beugt sich die duftige Fülle über den Glasrand.
Neben einigen großblumigen Nelken, die zwischen zartem Spargelgrün wie rote Lippen brennen, treiben Primeln und Alpenveilchen aus breit entfalteten Blätterbüscheln hohe Blütenstengel mit weißen, weinroten, blaßlila und rosa Blumen. Sie haben den kurzlebigen Schnittblumen gegenüber den Vorteil, daß sie eingetopft sind und in jedem Zimmer weiterblühen. Wenn ich wählen dürfte, ich zöge eine Primel einem Alpenveilchen vor, trotzdem jenes so schmucklose Blätter hat und dieses so viel auf Form und Aufmachung gibt. Wie kunstvoll ist das Herz des Alpenveilchens tätowiert und wie steif trägt es diese Ornamente zur Schau. Die Blume der Primel dagegen hat etwas Frisches, Quicklebendiges — nicht umsonst heißt sie im Englischen Spring! —, was zwar am stärksten in der Urfarbe des Wald- und Wiesenwildlings, im Gelb des Himmelsschlüssels, aber auch in den roten und blauen Abarten der Gartenprimel noch anspricht.
In niedrigen Büschen oder auf fremde Stämmchen hochgezüchtet blüht der Gliederkaktus, der meist im Dezember oder Januar einem über und über aufgeknospeten Fuchsienftock gleicht. Seine glatten fleischigen Blätten kommen stiellos aus dem Stamm und setzen — ebenso stiellos — neue Blätter an. Manchmal wachsen sie wie Finger aus einer Hand. Jeder Finger ist ein Glied und bringt ein neues Blatt hervor, was das Gewicht der Blattgirlande nach ihrem Ende zu vermehrt und sie darum in sanfter Biegung abwärts beugt. Aus dem stumpfen Ende des äußersten Blattes bricht wie eine winzige Koralle die Knospe vor und schwillt, länger werdend, auf, bis sie schließlich einer Fuchsienknospe gleicht. Sie baumelt aber nicht wie diese an einem dünnen Stiel, sondern sitzt unmittelbar am Blatt. Ebenso bleibt die Blüte, die dreifach ineinander geschachtelt ist, strack und ausgereckt, bis sie nach tagelangem Prangen abwelkt.
Seltsame Blüten von phantastischer Gestalt charakterisieren die Orchideen, von denen der Frauenschuh sich am leichtesten verrät. Sie bringen in ihren Farben- und Formen die Schwüle der Tropen mit. Diele sehen Zwergengesichtern mit Bärten, Falten und Fliegen ähnlich, als trügen sie Masken wie zu einem Mummenschanz. Orchideen haben wohl in den Gemächern der Semiramis und Kleopatra verschwenderisch geblüht. Nicht Umsonst sind die meisten von ihnen Schmarotzer. W
Ganz vorn am Schaufensterrand stehen kleine grüne Wuschelköpfe, die dicht wie Moos den Blumentopf überwuchert haben. Damit auch sie ein bißchen leuchten können, hat ihnen die farbenliebende Verkäuferin ein paar winzige künstliche Fliegenpilze wie rote Knöpfe eingesetzt.
Sie selbst aber, rosig, blond und mit lachendem roten Mund, scheint mir die Schönste unter einer Schar verzauberter Schwestern zu sein, die zu bedienen und betreuen ihr glückliches Tagewerk ist.
Bornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
DAF. Ortsgruppenwaltung Gießen-Ost: 20.30 Uhr Besprechung sämtlicher DAF.-Walter in der „Wirtschaft Kimpel". — NS.-G. „Kraft durch Freude": ab 20.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Der Kanzler von Tirol". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der schüchterne Casanova". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Friesennot". — Deutscher Biologenverband: 20.15 Uhr im Zoologischen Institut, Bahnhofstr. 84, Lichtbildervortrag von Aquariumsvorsteher G. Lederer. — Kneippbewegung: 20 Uhr im „Bayerischen Hof" Vortrag über „Kochsünden der Vergangenheit, Küche der Gegenwart". — Oberhessischer Kunst- oerein (Turmhaus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Josef Steib (Berlin).
Karneval 1936 im Stadtthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Die nächsten Tage sind auch im Theater bereits auf Karneval eingestellt. Zunächst eröffnet das Theater am Sonntagmorgen den bunten Faschingsreigen mit der ersten Sonntag-Morgenveranstaltung unter dem Namen: „Der fröhliche Mozart". Kapellmeister Ernst Bräuer, der diese Veranstaltung leitet, hat eine kleine, ausgesuchte
k u rfe, zu denen noch Neuanmeldungen abgegeben werden können. Die Kosten betragen für den sechsstündigen Kursus für Mitglieder der DAF. 6 Mk., für Nichtmitglieder 9 Mk. Anmeldungen nimmt die Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Telephon 2919, entgegen.
Deutsche Arbeitsfront.
Orlsgruppenwallung Gießen-Ost.
An alle DAF. - Walter und K d F. - W a r t e !
Am Mittwoch, 19. Februar, 20.30 Uhr, findet eine dringende Besprechung sämtlicher DAF.- Walter in der „Wirtschaft Kimpel", Licher Straße 57, statt.
In Anbetracht der Umstellung der vier Gießener Ortsgruppen und der demnächst stattfindenden Vereidigung ist es notwendig, daß B l o ck w a l t e r, Zellenwalter, Betriebswalter, Betri e b s b l o ck - und Zellenwalter, sowie die Vertrauensräte der Betriebe an dieser Besprechung erscheinen.
Bewerbungen
um Einstellung bei der Polizei.
Durch Verordnungen des Reichsinnen- und des Reichsfinanzministers ist der Eintritt in die Landes-
Zweite ReichsgeWfammlung für das WHW.
In diesen Tagen wird im Gebiet von Stadl und kreis Gießen die zweite Reichsgeldsammlung für das WHW. durchgeführl. Es handelt sich dabei um eine hauslistensammtung. Wenn die unermüdlichen Helfer und Helferinnen des Whw. daher an jede Tür klopfen und zum Spenden aufrufen, dann weiß nunmehr jeder, um was es sich handelt. Im übrigen sind wir sicher, daß die Opserfreudigkeit unserer Bevölkerung auch, oder gerade in diesem Monat der Fröhlichkeit und Geselligkeit nicht geringer ist als sonst. Wir wollen uns immer wieder zurufen, daß die Schlacht noch nicht gewonnen ist, daß auch unser Scherflein noch bitter nötig ist, um die Rot, um hunger und Elend aus jedem deutschen Haus zu vertreiben.
Darum sehe jeder einen Betrag hinter feinen Kamen in die Sammelliste, der ihn nicht beschämt, sondern mit der Befriedigung erfüllt, die eine gute Tat in jedem hinterläßt.
Die Kreisführung des WHW Gießen.
Pfarrer Münchmeyer, M. d.R. einer der ältesten Kampsredner der NSDAP.
spricht am Sreitog, 28. Iebr„ 20.30 Uhr, in der Dolkshalle zu Gießen.
Sämtliche Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP. nehmen an dieser Kundgebung teil.
Die Eintrittskarten müssen umgehend von den Gliederungen, soweit dies nicht schon geschehen ist, bei der Kreisleitung (Oonystrahe 18) abgeholt werden.
Eintritt im Vorverkauf 20 Pf. Vorverkaufsstellen Kreisleitung Gießen, Geschäftsstellen der Gießener Ortsgruppen, die zuständigen Blockleiter der NSDAP.
Kreisleitung Gießen der NSDAP.
Programmdarbietung zusammenaestellt, die u. a. ein Quintett in Es-dur vorsieht, sowie das Terzett „Das Banderl" und das Divertissement „Die Dorf- musik". Sonntagabend findet eine Wiederholung der Operette: „Die Fledermaus" statt, die in der neuen Ausstattung ein großer Spielplanerfolg war und deren letzte Aufführungen vor ausver- kauften Häusern erfolgte. Musikalische Leitung Kapellmeister Paul Walter, Spielleitung Paul W r e d e, Tänze Thery Schultheis. — Der Höhepunkt des Faschingsprogramms am Faschingsdienstag mit einem großen revueartigen Bunten Abend „Karneval bei Prinz Orlofs k y". Die Zusammenstellung des Abends hat Paul Nieren übernommen, und er hat sich für diesen Abend unter der Devise „Mer dont all met!" die Mitarbeit sämtlicher Kapellmeister, Regisseure, technischer Vorstände, aller Solo- und Orchestermitglieder und des gesamten Chorpersonals gesichert. Dieser „Karneval bei Prinz Orlofsky" bringt einen heiter beschwingten Ausklang des Karnevalsprogramms im Stadttheater. Die Dauer des Abends ist absichtlich so gelegt, daß jedem Besucher im weiteren Verlauf noch der Besuch anderer Veranstaltungen möglich ist. Die Veranstaltung ist außer Abonnement. Man beachte die heutige Anzeige.
Sportamt „Kraft durch Freude".
Heute findet folgender Kursus statt: Allgemeine Körperschule, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.
In der kommenden Woche beginnen neue R e i t-
polizei jetzt für das ganze Reichsgebiet einheitlich geregelt. Die Durchführungsbestimmungen zu der Verordnung erläßt die oberste Dienstbehörde (Reichsminister des Innern). Da diese Bestimmungen bisher noch nicht ergangen sind, sind bei den unteren Dienstbehörden die Bedingungen für die Einstellung, Beförderung usw. nicht vorhanden. Gesuche um Einstellung in die Landespolizei, die zur Zeit zahlreich bei der Polizeiverwaltung eingehen, können daher nicht berücksichtigt werden. Die Einsendung neuer Bewerbungsgesuche ist zur Zeit zwecklos.
Vie deutsche Arbeitsfront ^7 fr N.9.-6emeinschakl „Kratt durch freuöc"
Verbilligte Theaterkarten für Mitglieder der DAF.
Für die Vorstellungen am 21. Februar „Krach im Hinterhaus", am 26. Febr. „Undine" und am 28. Februar, „Undine", sind in der Kreisdienststelle, Gießen, Schanzenstraße 18, noch verbilligte Eintrittskarten zu den bekannten Richtsätzen zu haben. Anmeldungen bitten wir sofort vorz'unehmen.
„Friefennot",
„Deutsches Schicksal auf russischer Erde".
Für diesen Film, der vom 17. bis 23. Februar im Lichtspielhaus Gießen, Bahnhofstraße, läuft, sind in der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, verbilligte Eintrittskarten für alle Tage und alle Vorstellungen zu haben. In diesem Film wird nicht nur das furchtbare Schicksal deutscher Kolonisten in Rußland behandelt, sondern in den Vorgängen spiegelt
ich die gewaltige Auseinandersetzung Adolf Hitlers mit dem Bolschewismus in einer so überwältigenden und überzeugenden Weise wieder, daß jeder Deutsche diesen Film gesehen haben muß.
Achtung Zungreiter!
Für den Bereich des Wehrmeldeamtes Gießen finden am 2 3. Februar (Sonntag) folgende Prüfungen zur Erlangung des Reiterscheines durch den Beauftragten des Reichsinspekteurs für Reit- und Fahrausbildung statt:
In Londorf um 9 Uhr auf dem Reitplatz des SA.-Reiterfturmes 4/147.
In Gießen um 11.30 Uhr im Univerfitäts- reitinftitut.
In Hungen um 14 Uhr auf dem Reitplatz des SA.-Reiterfturmes 5/147.
Die Prüfung kann jeder junge Mann ablegen, der zu den Jahrgängen 1911 bis 1918 gehört. Wer den Reiterschein besitzt, hat folgenden Vorteil:
1. B e i freiwilligem Eintritt in das Reichsheer: Einstellung in den selbstgewählten Truppenteil im Rahmen der allgemeinen gesetzlichen und militärischen Bestimmungen.
2. Bei der pflichtmäßigen Aushebung: Bevorzugte Einstellung als Reiter oder Fahrer. Mitbringen von Pferden ist erwünscht, aber nicht erforderlich. •
Es wird kurz verlangt:
1. Das Vorhandensein eines losgelassenen, geschmeidigen mit den Bewegungen des Pferdes mitgehenden und gestreckten Sitzes.
2. Kenntnis der Kreuzleine 22.
3. Handgriffe bei Wendungen und Paraden.
4. Verkehrsregeln.
5. Verpaffen landesüblicher Kummt- und Sielengeschirre.
6. Fütterungslehre (Tagesrationen, Tränkzeiten).
7. Sattelung und Zäumung.
8. Putz und Wartung des Pferdes.
9. Einrichtung behelfsmäßiger Stallung in der Ortsunterkunft.
10. Pferdeschonung und Pferdepflege auf dem Marsch.
Der Beauftragte des Reichsinspekteurs für Reit- und Fahrausbildung.
Wehner, Standartenführer.
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** Ernennungen. Ernannt wurden: der Kanzleigehilfe Wilhelm Ruhl in Gießen unter Be- rufuna in das Beamtenverhältnis zum Kanzlisten I im hessischen Landesdienst; der Regierungsbauführer
Gießener Stadttheater.
Maximilian Böttcher: „Krach im Hinterhaus".
Während sie jetzt in Berlin den hessischen „Datte- rich" wieder herausgebracht haben, bekommen wir, in seiner engeren Heimat, den berlinerischen „Krach im Hinterhaus" (Lothringer Straße 199, drei Treppen) — nachdem das Stück in Berlin und auch an zahlreichen Bühnen des Reiches erstaunliche A".f- sührungsserien erzielt hat. Wir bekommen es nicht einmal zur unrechten Zeit, denn gerade um den Fasching herum kann es seine heiteren Reize am ungezwungensten entfalten, zumal die Dialektschwierigkeiten, 'mit denen bei jeder Aufführung dieser Art von vornherein gerechnet werden muß, bei uns in erfreulich geringerem Maße bemerkt wurden, als das in Berlin, wie mir gelesen haben, bei der „Lokalposse in der Mundart der Darmstädter" der Fall gewesen ist.
Inzwischen haben wir den Film bereits gehabt, während es ja von Rechts wegen umgekehrt hätte fein sollen, denn zuvor war das Stück da, und erst nach dessen großem Erfolg kam die Produktion, die hier mit gutem Recht ein aufgelegtes Geschäft witterte. Wir haben den Film seinerzeit ausführlich besprochen und können heute hinzufügen, daß er — von den üblichen, räumlichen Veränderungen abge- fehen — nichts Wesentliches an der Urform geändert hat. * *
Böttcher hat hier in der Tat ins volle Menschenleben hineingegriffen, und zwar da, wo es am dichtesten, gedrängtesten und lautstärksten zusammen- geballt ist: in einer der zahllosen Mietskasernen »es Berliner Nordens, wo (erster, zweiter, dritter -Hof) eine unglaubliche Anzahl von Menschen auf engstem Raum bei-, neben- und übereinander Wohnt, dabei aber in eine Fülle von Gruppen, Mietern und Hausparteien geschieden ist, und wo demgemäß Klatsch und Irach auf das üppigste gedeihen. So entstand zwar ein naturalistisches Stuck mit typischen Merkmalen dieser Gattung, ein richtiges Dolksstück auch, aber ohne dessen unverbindliche Anspruchslosigkeit, das heißt also mit den viel seltener zu habenden echten Komödien-Zügen, auf die der Autor Wert legt.
*
Ein Diebstahl ist das erregende Moment für die alsbald gewitterstürmisch in Gang kommende Handlung, und man hat denn auch auf eine ältere, be
rühmt gewordene Diebskomödie der deutschen Literatur hingewiesen, den „Biberpelz" nämlich, der in einer ähnlichen Luft spielt, und der auch sonst gewiß verwandte Züge aufweist. Wir haben aber schon in der Besprechung des Films darauf aufmerksam gemacht, daß der Vergleich der Kriegerwitwe Bock im Hinterhaus mit der Waschfrau Wolffen bei Hauptmann dennoch verfehlt sei, daß vielmehr, wenn man schon literarische Parallelen aufweisen wolle, die „Bocken" vielmehr als ein weiblicher „Michael Kohlhaas" bezeichnet werden müsse, denn bei ihr geht es, was von der Waschfrau nicht behauptet werden kann, im Grunde um eine höchst moralische Angelegenheit, um ein ethisches Prinzip: was sie tut, tut sie aus verletztem Ehrgefühl und aus dem gesunden Rechtsempfinden des einfachen Menschen.
Sie geht zwar nicht so weit, wie bei Kleist der brandenburgische Roßkamm, dessen Rechtsgefühl „einer Goldwaage glich", sie bekommt auch die Bewährungsfrist, die jenem neben manchem anderen versagt blieb, — aber im Grunde handelt sie aus dem gleichen Antrieb. Im Hinterhaus werden einem Mieter fortgesetzt Kohlen aus dem Keller gestohlen, die Bocken wird vom Hausklatsch fälschlich des Diebstahls bezichtigt. Sie weiß sich nur auf eine ebenso raffinierte wie gewalttätige Weise zu helfen, füllt Sprengstoff in Briketts und schickt sie als Paket mit kurzgefaßter Gebrauchsanweisung anonym zu den Bestohlenen: die legen sie, der Anweisung gemäß, recht greifbar in ihren Keller, und wenig später kracht es: wessen Ofen da in die Luft geflogen ist in der Lothringer Straße, der wird es ja wohl gewesen sein.
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Der Krach, der dabei entsteht, ist nur eine symbolische ßautoerftärfung mancher andern Kräche, die sich in dem gesegneten Hinterhaus am Palmsonntag und auch zu anderer Zeit abspielen. Die Gerichtsverhandlung im zweiten Akt packt das alles mit einer Gründlichkeit aus, daß einem angst und bange werden kann. Und es handelt sich nicht nur um Körperverletzung in Jdealkonkurrenz mit Sachbeschädigung, sondern noch um verschiedene andere Sachen, denn es leben außer der Bocken noch andere „Parteien" im Haus, und es gibt da eine Menge Probleme und Konflikte, eine Menge Kleinlichkeit, Bosheit und übler Nachrede, aber auch viel gesundes Gefühl, mutterwitzigen Humor und sogar eine richtige Liebesgeschichte, eine A^ms zweischneidige übrigens, die dann im örtten Akt lustspiel- und oolksstückmäßig ins Reine gebracht wirb.
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Der von Herrn Hub geleiteten Aufführung ist zu danken, daß die wenigen, stilleren Augenblicke des Stückes, besonders zum Schluß des Mittelaktes, nicht im Gebrüll untergingen und vom großen Krach übertönt wurden. Sonst konnte die Regie aus dem Vollen wirtschaften, und die Aufführung ließ, was die Fülle der Gesichte, die Dichtigkeit und Sprengwirkung sozusagen der meisten Szenen betrifft, nichts zu wünschen übrig. Es gab was zu lachen, soviel steht fest, und die eigentümliche, für hiesige Zungen nicht ganz einfache Mundart der Lothringer Straße begegnete im Ganzen doch minderen Widerständen, als wir im Stillen gefürchtet hatten.
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Die Witwe Bocken war Frau Schubert- Jüngling, und auch sie hatte reichlich Gelegenheit, aus sich herauszugehen und ihrerseits aus dem Vollen zu wirtschaften, denn die Rolle ist dankbar, nicht nur, weil die Person hier Herz und Mundwerk gleichermaßen an der richtigen Stelle hat, sondern auch, weil das, was sie sich, mit Worten und Werken, leistet, aus einem guten und gesunden Kern kommt.
Eine Paraderolle hatte desgleichen Fräulein H e n ck e l l als Edeltraut Panse; ihr machte es sicht- ! lich Spaß, sich einmal als halbwüchsige Jöhre aus ! Berlin N zu verkleiden und ein unbeschreibliches Mundwerk spazieren zu führen — zur Freude aller Zuhörer. Feiner und stiller in der Wirkung, schon oon der Rolle aus, die viel Gefühl für richtiges Maß in diesem Milieu erfordert: Fräulein Birkmann als Ilse Bock. Am ungezwungensten ber
linerte Herr Lüpke, der als Hausverwalter Krüger nicht bloß eine effektreiche „Type", sondern auch Ansätze für Charakterzeichnung entwickelte. Herr Hub, der in letzter Stunde für den plötzlich erkrankten Herrn Geiger eingesprungen war, fand sich mit dem cholerisch „aus den Pantinen kippenden" Oberpostschaffner überraschend geläufig und witzig zurecht.
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Sehr hübsch auch die übrigen scharf belichteten Hausbewohnerfiguren: Herr Mosbacher als Bäckergeselle Kluge, Frau Stirl, die sich ins Ostpreußische rettete, Frau Karden, Fräulein P e - tri). Aus den vorderen Regionen: Herr Kühne, angenehm menschlich und überlegen in der Rolle des Justizrats Horn, und Herr Schorn als der junge Liebhaber und Anwalt. Auch die Nebenfiguren waren recht ordentlich besetzt. — Herr Löff -
l e r hatte mit seinen Bildern die charakteristische Umwelt nicht übel getroffen; nur stellen wir uns die Bocksche Wohnung etwas enger vor. —
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Das Publikum war großartig in Stimmung und spendete demgemäß reichen Beifall, stellenweise sogar bei offener Szene. hth.
Zeitschriften.
— Volk und Reich. 12. Jahrgang 1936. Heft 1 bietet sich in einem neuen, reicheren Gewände dar, was vor allem den kartographischen und bildnerischen Darstellungsmitteln zugute kommt. Das Januarheft ist der politischen Erziehung, was sie bei den größeren Nationen gehandhabt wird, gewidmet. Karl C. von Loesch stellt eine Betrachtungüber die Organe an, welche sich die Staaten zur Wahrnehmung ihres Einflusses jenseits der Grenzen geschaffen haben. Waldemar Lentz gibt ein Bild von den Mängeln der deutschen Außenarbeit in der Vergangenheit, die an Zersplitterung und Ziellosigkeit litt, und stellt fest, daß erst jetzt, nachdem eine einheitliche Weltanschauung alle Deutschen zusammenschließt, auch dem deutschen Außenarbeiter die Möglichkeit gegeben wird, Missionar seines Volkes im vollen Umfang des Wortes zu fein. Karl Brinkmann berichtet über die „Außenpolitische Erziehung in Italien". Karl Epting steuert eine umfassende Schilderung der politischen Schulung in Frankreich bei. Johann von Seers schildert die Auslandsarbeit der Japaner. Ferner wird an Hand von zwei polnischen Karten die Grenzziehung zwischen Polen, Tschechen und Magyaren beleuchtet, die durch die neuesten Verwicklungen im Osten besondere Aufmerksamkeit beanspruchen darf. Umschau und Buchbesprechung schließen das Heft ab, dessen Bildberichte vor allem der englischen Jugenderziehung gewidmet sind.
— Die Überraschungen der neuen Mode verraten die U l l st e i n - M o d e n - A l b e n , die soeben erschienen find. Dies sind die wichtigsten Regeln für die nächsten Monate: viel Plissee, Stepperei, Blenden- und Tressenbesatz, lustige Taschen und Passen- Effekte, bunte Reißverschlüsse. Ganz neu wirken zweifarbige Straßenanzüge, Mäntel mit ganz weitem Rücken und seidene Nachmittags-Kostüme. Es gibt ein Album für „D a m e n - K l e i d u n g" und eins für „Kinder-Kleidun g", jedes zeigt über 150 zum Teil bunte Modelle.


