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Machtübernahme bis zum Jahre 1935 geschaffen worden, die direkt und indirekt allein zum Zwecke der Arbeitsbeschaffung und zur Bekämpfung der Krise in der gewerblichen Wirtschaft notwendig wa­ren. Es würde zu weit führen, die einzelnen Ge­biete aufzuführen, jedoch sollen die auf diese Bezug nehmenden Gebiete kurz genannt werden, wodurch es möglich war, die Erwerbslosenziffer von über sechs Millionen unter der 1,5-Millionengrenze her­abzudrücken.

Die Methoden der Arbeitsbeschaffungs- und Be­schäftigungspolitik im engeren Sinne waren fol­gende:

1. Erhöhung des Arbeitsbedarfs: a) unmittelbare Arbeitsbeschaffung durch Inangriff­nahme öffentlicher Arbeiten, b) mittelbare Arbeits­beschaffung durch Einsatz öffentlicher Mittel zu­gunsten der privaten Investitionstätigkeit.

2. Verminderung des Arbeitsange­botes: a) durch Bindung von Arbeitskräften im nichtindustriellen Produktionsprozeß (Arbeitsdienst, Landhilfe, Landjahr), b) durch Bindung von Ar­beitskräften in der Hauswirtschaft (Förderung der Eheschließungen durch Ehestandsdarlehen, lieber- führung weiblicher Arbeitskräfte in den Hausbolt), c) räumliche Bindung der Arbeitskraft, d) Binoung nach Arbeitsklassen, e) Arbeitszeitregelung.

3. Sicherung der industriellen Roh­stoffversorgung: a) Rohstoffüberwachung, b) Rohstoffeinfuhr, c) Ausbau der Rohstoffbasis, d) Lenkung des Verbrauches.

"1 . Schutz der Unternehmungen: a) Re­gelung des Wettbewerbes, b) Verminderung von Fehlinvestitionen, c) Steuererleichterung.

5. Verteidigung der Ausfuhr.

6. Steuerung der Preise: a) Preisbewe­gung, b) Preisregulierung, c) Preisüberwachung.

7. Einkommens- und Kaufkraftpo- l i t i k.

8. Förderung des Mittelstandes: a) Minderung des Wettbewerbes, b) Arbeitsbeschaf­fung und Kredit, c) Steuerpolitik.

9. Vereinheitlichung und Ausbau des Verkehrswesens: a) Ausbau des Der- kehrsnetzes nach einheitlichen Gesichtspunkten, b) Regelung des Konkurrenzverhältnisses zwischen den einzelnen Verkehrszweigen, c) Stützung notleiden­der Verkehrszweige, d) Förderung der Motorisie­rung.

10. Feste Währung: a) Devisenkontrolle, b) Auslandszahlungen.

11. Kredit- und Bankenpolitik: a) Zinsbewegung, b) Ordnung des Kreditwesens.

So wurde auch im Gau Hessen-Nassau mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Arbeitslosen­not zu Leibe gerückt. Unser Gauleiter Sprenger war es, der sofort nach der Machtübernahme ziel­sicher die ideellen und organisatorischen Voraus­setzungen schuf.

In klarer Erkenntnis der naturgewollten Struk­tur des Rhein-Maingebietes schritt er zur Tat. Um die Maßnahmen der öffentlichen Hand vorwärtszu- treiben und die Privatinitiative zu fördern, schuf er zunächst das Kontrollamt für Arbeitsbeschaffung, dem bald ähnliche Einrichtungen, wie der Rhein- Mainische Arbeitsbeschaffungsausschuß, der Rhein- Mainische Garantieverband, der Luftverkehrsver­band Rhein-Main, der Landesplanungsverband Rhein-Main, der Rhein-Mainische Industrie- und Handelstag, die Rhein-Mainische Auftragsstelle und andere mehr folgten.

Bereits in der Nachkriegszeit wurden an das Rhein-Mainische Wirtschaftsgebiet, umfassend den Regierungsbezirk Wiesbaden und Teile des Landes Hessen, durch die Fremdherrschaft der Besatzungs­armeen außerordentliche Anforderungen gestellt, die von Staat, Gemeinden und von den Volksgenossen selbst erfüllt werden mußten. Vorübergehend auf- gestellte Zollgrenzen innerhalb des Rhein-Main- gebietes erschwerten Handel und Wandel, und manch günstig begonnenes privatwirtschaftliches Entwicklungsstreben wurde schon damals für alle Zukunft zerstört. Fabriken und Werkstätten wurden verlegt, und ein jeder suchte diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Wer nicht unbedingt im besetzten Gebiet zu tun hatte, ließ sich dort nicht sehen. So waren auch die geschäftlichen Beziehun­gen zueinander außerordentlich gefährdet, was na» turlich nicht ohne Einfluß auf die Gefamtentwick-

lung blieb. Diesen Schwierigkeiten traten noch an­dere nach der Machtübernahme hinzu. Die entmili­tarisierte Zone, die wiederum einen überwiegenden Teil des rhein-mainischen Wirtschaftsgebietes um­faßt, konnte mit Aufträgen für Aufrüstungszwecke nicht bedacht werden, so daß durch diese Umstände die wirtschaftliche Entwicklung im Gau Hessen- Nassau zu anderen Gebieten Deutschlands eine Be­grenzung erfahren hat.

Die Lage des Arbeitseinsatzes im Gau Hessen- Nassau war deshalb außerordentlich schwierig. Be­sonders durch die Regsamkeit der Rhein-Mainischen Auftragsstelle in Berlin wurde bei Auftragsver­gebungen in unser Gebiet manche schlecht beschäftigte Industrie neu belebt. Umfassend und groß sind

die Maßnahmen der öffentlichen Hand durchgeführt worden. Es würde auch hier zu weit führen, alle die Maßnahmen vorzutragen, die zur Beseitigung der Arbeitslosennot durchgeführt wurden.

Eine Hauptsorge bildet noch nach wie vor die Unterbringung des letzten Restes der noch beschäf­tigungslosen, insbesondere der älteren kaufmän­nischen Angestellten. Hier werden ganz neue Wege zur Unterbringung vorbereitet, über die im einzel­nen noch nichts gesagt werden kann.

Es liegt in der Absicht der Gauleitung, auch für die restlose Unterbringung der als bevorrechtigt gel­tenden Parteigenossen, so weit sie vor dem 14. Sep­tember 1930 aktiv für die Bewegung tätig waren, in staatliche Dienste Sorge zu tragen.

Emsige Arbeit auf dem Reichsvarteitaggelände.

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f.

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Die Stadt des Reichsparteitages, Nürnberg, rüstet mit großem Eifer für den diesjährigen Reichsparteitag, der wieder im Mittelpunkt des Geschehens fein wird. Nach den Entwürfen des Architekten Sp e i er baut man gegenwärtig auf dem Anmarschgelände eine gewaltige Tribüne. Riesige Krane führen die mächtigen Quaderblöcke heran. (Prefse-Bild-Zentrale-M.)

25 Lahre Reichsversicherungsordnung.

Zum 19.3uli.

Von Dr. Erich Schmidt.

Ein Bild sei vorausgestellt. Man schrieb den 17. November 1881. In der Schloßkapelle zu Berlin war der Schlußchoral des Gottesdienstes verklungen. Da erhob sich die markante Gestalt des Eisernen Kanzlers. Bismarck verlas die kaiserliche Bot­schaft an den Reichstag, die als historische Ankündi­gung der sozialen Gesetzgebung einen un­vergänglichen Wert für die deutsche Geschichte besitzt. Am nächsten Tage wandte sich begeisterte deutsche Jugend an den Reichskanzler: 200 Breslauer Stu­denten baten in einem Schriftstück Bismarck, dem Kaiser mitzuteilen, daß die Jugend das Vermächt­nis der kaiserlichen Botschaft erfüllen werde.

Das Vermächtnis wurde erfüllt. Das Versprechen wurde gehalten. Von der Regierung wurden dem Reichstag Gesetzentwürfe über die Einführung der sozialen Versicherung vorgelegt. Gegen die Stim­men der Sozialdemokraten wurden sie angenom­men. Der Marxismus wollte damals, wie in den glücklich überwundenen Zeiten desZwischenreiches", keine Lösung der sozialen Frage getreu dem Wort von Bebel, daß die soziale Wunde am Volks­körper offen gehalten werden müsse.

Trotzdem aber ging die deutsche Gesetzgebung den durch die kaiserliche Botschaft vorgezeichneten Weg.

Im Juni 1883 wurde das Krankenversicherungs­gesetz verabschiedet, dann folgten die Gesetze über die Unfallversicherung, und am 13. Juli 1899 das Jnvalidenversicherungsgesetz. So entstand die d e u t- s ch e Sozialversicherung in organischer Entwicklung. Ohne Uederstürzung, mit Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit wurden die einzelnen Ver­sicherungszweige geschaffen.

Nachdem diese Aufgabe vollbracht war, ergab sich von selbst das Bestreben, durch eine Zusammen­fassung der Sozialversicherungsgefetze ein einheit­liches, übersichtliches und auch dem Arbeiter mög­lichst verständliches Sozialversicherungsrecht zu schaf­fen. Das führte zu der Reichsversiche- rungsordnung. Am 30. Mai 1911 fand über sie die Schlußabftimmung im Reichstage statt. Mit 231 Stimmen wurde sie angenommen. Unter den 57 Nein-Stimmen waren 47 sozialdemokratische. Einige Abgeordnete hatten sich der Stimme ent­halten. Am 19. Juli 1911 erfolgte die kaiserliche Ausfertigung der Reichsversicherungsordnung. So blickt dieses große, für unser gesamtes soziales Leben so entscheidungsvolle Gesetzgebungswerk am 19. Juli 1 936 auf ein 25jähriges B e - stehen zurück.

Wir stehen heute mitten in der Reform unserer Sozialversicherung. Es ist deshalb nicht unwichtig, auf die geschichtliche Entwicklung des Entstehens der Reichsversicherungsordnung zurückzublicken. Jahre hindurch war damals an der Vorbereitung des gro- ßen Gesetzgebungswerkes gearbeitet worden. Das damalige Reichsamt des Inneren hatte in alle Lan­desteile Kommissionen entsandt, um an Ort und Stelle Wesen und Wirken der Sozialversicherung zu studieren. Darauf wurde der Entwurf der Reichs- versicherungsordnung ausgearbeitet. In einer be­sonderen Denkschrift wurde die Oeffentlichkeit über die Pläne unterrichtet, um allen Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. 1909 erfolgte dann die Ueberroeifung des Entwurfes an den Bundesrat. Hier arbeiteten fachkundige Vertreter in zahlreichen Sitzungen den Entwurf durch. Im März 1910 er­folgte feine Ueberroeifung an den Reichstag, der eine 28köpfige Kommission zur Durchberatung ein- setzte. Wie beim Bürgerlichen Gesetzbuch, so wurde auch die Reichsversicherungsordnung zur Redaktion dem Deutschen Sprachverein überwiesen, wodurch eine verständliche Fassung der Paragraphen gewähr­leistet wurde.Trotz der Sprödigkeit so mancher Teile des Stoffes", so urteilte zum Beispiel der Präsident des Reichsversicherungsamtes und Reichs- versorgungsgerichts Dr. Schäffer,hat die Reichsversicherungsordnung dem deutschen Arbeiter sein Versicherungsrecht näher gebracht und oer- stündlicher gemacht."

Alle Fragen, die zur Festlegung der Richtung der heutigen Sozialversicherungsreform erneut erwogen werden mußten, sind auch damals pflichtgemäß ge­prüft worden. So besonders die Frage einer Ein- heitsversicherung, also einer Zusammenfassung der verschiedenen Versicherungszweige, die der Aufsicht der Versicherungsbehörden und, um nur noch ein Gebiet zu nennen, die des Ausmaßes der Selbst­verwaltung der Beteiligten. Wie beim Aufbau­gesetz, so entschied man sich damals zu einer Bei­behaltung der verschiedenen Versicherungszweige. Bereits aber wurde die Tendenz bemerkbar, eine möglichste Zusammenarbeit der einzelnen Versiche- rungszweige herbeizuführen, wobei die Versiche­rungsbehörden das Bindeglied fern sollten. Die Reichsversicherungsordnung wurde demgemäß in verschiedene Bücher eingeteilt. Das erste Buch ent­hält die für alle Verficherungszweige gemeinsamen Vorschriften. Das zweite Buch behandelt die Kran­kenversicherung, das dritte die Unfallversicherung und das vierte Buch die Invalidenversicherung. Im fünften Buch wurden die Beziehungen der 23er- sicherungsträger zueinander geregelt und im sechsten Buch das Verfahrensrecht festgelegt. Außer 104 Ar­tikeln des Einführungsgesetzes hatte die Reichsver­sicherungsordnung 1805 Paragraphen, wurde also nur noch durch das Bürgerliche Gesetzbuch mit sei­nen 2385 Paragraphen übertroffen. Man sieht hier­an den gewaltigen Umfang der Materie, die gesetz­lich zu regeln war.

Was ist nun das Große an der Reichsver­sicherungsordnung, also an der Sozialversicherung überhaupt? Zwei Punkte sind es, die hier in erster Linie zu nennen sind. Durch Gesetz wird der Ar­beiter verpflichtet, gemeinsam mit feinem Betriebs­führer, der ja einen Teil der Beiträge zu tragen hat, für die Fälle der Krankheit, für Alter und In­validität vorzusvrgen. Es ist die S e l b st h i l f e, die den Grundgedanken der Sozialversicherung bil­det, und der Grundsatz der Fürsorge des Be­triebsführers für feinen Gefolgsmann das bei der Unfallversicherung mit der alleinigen Aufbringung der Mittel durch den Betriebsführer am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Das ist der eine Punkt. Dann der andere: Tritt Krankheit auf in der Familie des Arbeiters, kommen sonstige Lebensschicksale für ihn, die er aus eigener Kraft nicht zu meistern vermag, dann hat er einen Rechtsanspruch auf Hilfe durch eigene Vorleistung. Er ist dann nicht auf ein Almosen, oder auf die Gnade einer Fürsorgestelle angewiesen, sondern er ist in der Lage, nötigenfalls den ihm gesetzlich zustehenden Anspruch durch einen gesicherten Jnstanzenzug ein­zufordern.

Die Sozialversicherung ist aus unserem Volks­leben nicht mehr wegzudenken. Das wissen wir alle. Ohne Arbeitslosenversicherung betrugen im letz­ten Jahr die Gesamteinnahmen der Sozialversiche- rungszweige 4068 Millionen, von denen 1417 Mil-

Freundchen.

Erinnerung an einen Lehrer.

Er war ein gleichsam unwiderstehlicher Mensch. Nicht etwa, daß er schwärmte ober glänzte ober fortriß. Diel eher war etwas Nüchternes in feiner Erscheinung unb Führung, etwas gänzlich Phrasen­loses. Unb es ist kein Zufall, daß von allen greif­baren Beeinflussungen meines Wesens durch ihn mir zwei am deutlichsten in der Erinnerung ge­blieben sind.

Die erste fand statt, als ich noch kaum seinen Namen kannte, etwa zu meiner Untertertianergeit. Damals hatten wir eine Art vonSport" ausxe- bilbet, ber uns die Pausen zwischen ben beiben Stunden erheiterte unb ber barin bestand, daß wir uns auf der Treppe aufstellten unb jeden der her- abgehenden Septimaner ober Sextaner mit einem Stoß auf eine etwas schnellere als die natürliche Weise bie Treppe herunterbeförberten. In dieser Tätigkeit begriffen, wurde ich meines Tyrannen­mantels plötzlich auf eine jähe Weise entkleidet, in­dem ich von hinten eine unvermutete und sehr präzise gezielte Backpfeife erhielt, hinter der Freund­chen lächelnd die Treppe hinunterstieg, wobei er mich von einer der unteren Stufen noch einmal aufmerksam betrachtete. Unb man wirb, gleichviel von welchem Stanbpunkt, verstehen, wenn in biefer wortlosen Handlung für mich eine erziehenbe Kraft gelegen hat, die mich für viele Jahre, ja vielleicht für immer von bem Ehrgeiz geheilt hat, in ben Lauf ber Natur gewalttätig eingreifen zu wollen unb bas bekannte Wort Nietzsches:Was fallen will, soll man auch noch stoßen" nun dahin zu er­weitern, daß man auch das stoßen solle, was noch nicht fallen will.

Die zweite unvergeßliche Einwirkung fand nach Jahren statt, als ich schon Oberprimaner war. Ich war damals in meiner weltschmerzlichen Periode bei ben Skeptikern der Philosophie unb bes Lebens zu Hause, bemühte mich mit wenig Erfolg Ideale, Pathos unb begleichen zu verachten, hielt Schiller für einen bengalisch leuchtenden Komödian­ten unb befanb mich somit auf der harmlosen Stufe jenes jugendlichen Nihilismus, die wir alle be­stiegen und überschritten haben, aus denen etwas Ordentliches geworden ist.

Nun hatten wir damals einen Aufsatz mit einem Tl>?ma nach freier Wahl zu schreiben, etwas Un­erhörtes in damaliger Zeit, unb ich hatte mich in gerabezu vernichtender Weife über dieBraut von Messina" ausgelassen, die mir eben gelesen hatten, unb wobei mir Hebbels hartes Urteil über dieses Werk gerade zur rechten Zeit unter die Hände ge­

kommen war. Und wenn schon bie Rückgabe eines Aufsatzes im allgemeinen bei diesem Lehrer für uns alle etwas Besonderes war, durch Art unb Weise, wie er sie vornahm, so saß ich in diesem Falle mit besonders gemischten Gefühlen auf meinem Platz, halb wie ein Held, ber feinen ersten Lorbeer­kranz erwartet, und halb wie ein Fanatiker, der einen Dianatempel in Brand gesteckt hatte.

Freundchen kam herein wie sonst, nur etwas ernster als üblich, bie Hefte unter bem linken Arm, unb wie sonst setzte er sich auf bie vorberste leere Bank, bequem unb nachlässig, als einer, ber auf keine befonbere Haltung zu achten nötig hat. Unb bann aingen hinter seinem golbgeränberten Kneifer seine Augen langsam einmal von Gesicht zu Ge­sicht, mit bem burdjbringenben Blick, ben wir so liebten unb fürchteten. Unb in ber atemlosen Stille, bie dieser Blick erzeugte, begann er, wie abwesend vor sich hinsprechend, bas zu sagen, was mir noch heute fast wörtlich in ber Erinnerung ist:

In dem schmalen, engen Schlafzimmer seines Hauses zu Weimar liegt Friedrich Schiller auf seinem dürftigen Lager. Eben ist ein Anfall seiner furchtbaren Atemnot oorübergegangen, noch steht der Schweiß auf feiner blauen Stirn, unb seine Hänbe tasten unruhig über bie zerwühlte Bettbecke. Da wirb ihm ein Heft im blauen Umschlag ge­bracht. Er schlägt es auf, unb feine Augen lesen ben folgenben Satz: ,So bleibt von ber ganzen Braut von Messina nichts übrig als eine blutige, schauerliche Historie, mit Gewaltsamkeit und Roheit gestaltet, auf ben Effekt hin gearbeitet, von einer Wirkung, der bie Rohen verfallen, von ber aber bie Eblen sich schaudernd abroenben/ Er läßt bas Heft sinken unb schließt bie Augen, unb um feine Lippen werden zwei dünne scharfe Linien des Grames sichtbar, als hätte dieses Urteil sie in das edle Gesicht eingegraben ..."

Nichts weiter. Der Lehrer schweigt. Wir schwei­gen. Nur mein Herz schlägt, und ganz heimlich wenden ein paar Augen aus ber Klasse sich mir zu. Nicht lange dauert das, dann zieht Freundchen feinen schmalen Zettel heraus und beginnt, das Allge­meine über die Arbeiten zu sagen. Aber in diesen wenigen Sekunden ist mehr in mir oorgegangen als sonst in Monaten und Jahren: die tiefe unb segensvolle Beschämung eines Menschen, ber ver­gessen hatte, was noch ben Geringsten unter uns ab ein unb bewahren kann: die Pietät.

Der Aufsatz war mitgut" zensiert, unb als Freundchen ihn mir zurückgab, nickte er mir zu. Es ist weiter nicht darüber gesprochen worden. Alles Nötige war gesagt worden, unb er wußte, daß jedes Wort zuviel alles zerstört haben würde.

Ernst Wiechert.

Nachtfalter und Nachtblume.

Von Friedrich Schnack.

Zu einemKleinen Buch der Nachtfalter" mit köstlichen farbigen Zeichnungen, das im Insel-Verlag erscheint, hat Friedrich Schnack ein Geleitwort geschrieben, aus dem das Jnselschiff" die folgende fesselnde Schilderung vorn Leben der Nachtschmetterlinge wieder- gibt

Wenn die Sonne sinkt und der warme, fröhliche Schmetterlingstag von der Erde scheidet, schließen viele Pflanzen, die Tagblüher, ihre Blumenaugen und Blütenlippen. Sie haben genug geleuchtet, genug geduftet, genug Nektar gespendet. Ihre Günstlinge unb Kavaliere, die Schmetterlinge, nun müde vom Gaukeln und satt vom Blumensaft, bie ihnen die bunten Wiesenkneipen kredenzten, suchen ihre Ruhe­plätze, die sie an Halmen, Stengeln, Kraut, Laub, niederen Büschen und in Bäumen finden. Regungs­los geworden, klappen sie die Flügel zu. Sie ver­bergen die glänzenden Farben, so wie sich das Ta­geslicht verbirgt und wie ihre Freundinnen, die Blumen der Fluren und Gärten, ben Schmelz ihrer Blütenherzen vor ber Nacht verstecken.

Tagblume unb Tagfalter entschlummern.

Die Dämmerung webt, das Dunkel kommt, die ersten Sterne blitzen, bald erhebt sich ber Mond über ben Wäldern. Das ist die geheimnisvolle Stunde ber aus ihrem Tagesschlaf erwachenben Nacht­schmetterlinge, und es ist auch bie Stunde der mit ihnen befreundeten Nachtblüher, der Nachtfalter­blumen. Sie tun ihre Augen auf und öffnen die mit Necktar gefüllten Honiggruben ihrer Kelche, be­ginnen auch, je nach Art, stärker und betäubender zu duften. Bei Tage, im grellen Sonnenschein, hiel­ten sie ihre Wohlgerüche zurück. Nun brauchen sie das Aroma nicht länger zu sparen und hauchen es aus. Es ist der Jasmin in den Anlagen, der feine Duftwolke verschwendet, das Geißblatt an der Gar­tenmauer, das in Düften hinstirbt, die Tabakstaude im Beet, der Phlox und das Leimkraut, die leiden­schaftlicher aufzuleben scheinen, die Petunie am Fen­ster, die Silene, das Seifenkraut und der Natter­kopf am Wiesenrain, die gelbe, fremdartig glimmende Nachtkerze an den Bahndämmen unb ben Schutt­halben, auch auf trockenen Brachäckern. Durch Leucht­kraft, vermehrten Duft, schärfere Mischungen, durch Zauber und Wachsein locken sie ihre Gäste und Zecher.

Sobald die Dämmerungsblume inniger atmet, kommen sie herbei. Die Nachtschmetterlinge, die ge­

flügelten Boten und Seelen des Dunkels, verlassen ihren Unterschlupf, wo sie den langen, grellen Tag mit zusammengefalteten Schwingen ohne Regung verbrachten, entschwirren ihren Blattdickichten, schnel­len aus den Schlafbäumen, Hecken unb Wäldern, verlassen ihre Schattenvrte, die Mauern, Planken, Fensterläden, grauen Felsen, Höhlen unb Keller, und überhuschen bas stille Land, bie träumenben Wiesen unb Bäume, bie ruhenben Hänge unb Gärten.

Am liebsten fliegen und flattern sie in schwülen, bewölkten Nächten. Kühle mögen sie nicht, auch tun sie ungern Flüge bei Vollmond. Wahrscheinlich ist ihnen fein Licht zu grell unb gemahnt sie an ben blenbenben Tag, den sie fliehen. Doch sind sie echte Kinder des Mondes, wie ihre Schwestern vom Tage Kinder der Sonne. Die Tagfalter tragen auf ihren Flügeln helle, heftige Lichter, prangende Orden und schillernde Spiegel die Nachtfalter sind mit Mond- farben geschmückt, mit Pastellen, milden, gedämpften und milchigen Tönen, zwar oft bunt, doch nie feurig unb brennenb funkelnd. Der Mond, ihr Gestirn, hat keine Glut, und auch bas Feuer ber Sterne erreicht sie nicht. Sie, scheue, flüchtige, mit phosphoreszieren­den Augen ausgestattete Mondwefen, bewahren des­halb auf ihren Schwingen einen gekühlten Schimmer, verhaltenes Leuchten, mattere Farben, und nur bei jenen merkwürdigen Nachtschmetterlingen, die bei Tage in der hellsten Sonne fliegen unb bie Blumen besuchen, erhöht sich ber Glanz der Flügelbilder. Die Mehrzahl der Nachtflieger aber, völlig angepaßt an ihre in der nächtlichen Finsternis ertrinkende Um­welt, begnügt sich mit einförmigen grauen Farben, mit aschigen Flügelzeichnungen, nebelgleichen, stump­fen, freudlosen Schleiern und Schatten ober auch mit bräunlichen, mönchischen ober nonnenhaften Trach­ten, und wo auf ihren Schwingen noch ein Fünkchen Farbe und Glanz blinkt, ist es wie ein letzter Gruß des Lichtes.

Zeitschriften.

Zum 50. Todestage von Franz Liszt am 31. Juli berichtet Dr. Walther Eggert im neuen Heft ber Illustrierten Zeitung Leipzig (I. I. Weber, Leipzig) ausführlich über Leben und Wirken des großen Klaviervirtuosen. Zahlreiche Abbildungen, darunter auch zu bem Kapitel Frauen um Franz Liszt", ergänzen biefen Bei­trag.Die Herzkammer bes neuen Italien" ist ber Palazzo Venezia in Rom, bie Arbeitsstätte Musso­linis unb ber Sitz des Großen Faschistischen Rates. Gute Ausnahmen führen in diesen Palast ein, ber Zeuge vieler für Italien und Europa wichtiger Ereignisse geworden ist.