Samstag,'8 Zanuar 1936
UtJ5 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Aufbauarbeit in der Stadt Gießen.
Gin Bericht des Gießener Oberbürgermeisters vor der GA.-Reserve.—Oer Weg unserer Stadt führt in gedeihlicher Weise aufwärts.-Großzügige Bauprojekte in Vorbereitung.
Der gestrige Freitagabend brachte für unsere Stadt Gießen ein kommunales Ereignis er st en Ranges. Der Leiter unserer Stadtverwaltung, Oberbürgermeister Ritter, äußerte sich eingehend über die Entwicklung unserer Stadt seit dem 1. April 1934, und er gab gleichzeitig einen fesselnden und sehr verheißungsvollen Ausblick auf die Pläne und die weiteren Möglichkeiten zur Förderung unseres Gemeinwesens. Seine groß angelegte Rede hielt er in dem vollbesetzten Saale des Cafö Leib vor rund 800 SA.-Männern des Sturmbannes II der SA. -Standarte R 116, womit er seine enge Verbundenheit mit der SA. des Führers bekundete. Von der Führung der Standarte 116 war der Standartenadjutant Obersturmbannführer M ü n k e r zugegen. Der Standartenführer weilt zur Zeit dienstlich außerhalb von Gießen. Den Abend leitete der mit der
Führung des Sturmbannes II/R116 beauftragte Obertruppführer Heß.
Ganz im Sinne der SA.-Kameraden des Sturmbannes II brachte
der Führer des Sturmbannes Obertruppführer Heß
zu Beginn des Abends zum Ausdruck, wie dankbar die SA.-Kameraden es vermerkt haben, daß der Oberbürgermeister trotz seiner starken dienstlichen Inanspruchnahme diesen aufschlußreichen Vortrag zugesagt hat und nun inmitten der SA.-Kameraden hielt, und ebenso im Sinne aller Teilnehmer betonte der Sturmbannführer, daß der Sturmbann II/R 116 es als eine Ehre ansehe, den Oberbürgermeister bei sich zu sehen und ihm den Willkommen- grüß entbieten zu können.
betonte zunächst, daß es ihm eine Freude sei, vor den Kameraden der SA. sprechen zu können. Er ließ dabei erkennen, daß ihn vieles mit der SA. verbindet, besonders mit seinen einstigen Kampfgefährten der SA. in seiner Heimatprooinz Rheinhessen Dann wandte er sich seinem Vortragsthema „Aufbauarbeit in der Stadt Gießen" zu. Er erinnerte einleitend ganz allgemein daran, wie unter dem früheren Systeyi in manchen Städten die Kenntnis der Pläne einer Stadtverwaltung von manchen Stadtverordneten zur persönlichen
Bereicherung ausgenutzt wurde, z. B. durch die Jagd nach Grundstücken vor Baulanderschließungen usw., zum Schaden der Stadt und auch zum Nachteil derer, die auf diesem Land Wohnungen für ihre Volksgenossen herstellen wollten. Heute dagegen sei dieser Gefahr weitgehend vorgebeugt; trotzdem könne man natürlich nicht alles vorher öffentlich berichten. Nunmehr wandte er sich den Einzelheiten seines Themas zu, von denen wir an Hand unserer Aufzeichnungen folgendes hervorheben:
Die Vauiätigkeit.
Bis zum Jahre 1933 war der Wohnungsbau nur durch die Reichszuschüsse von 1500 RM. pro Haus möglich gewesen. Damals setzte die Entstehung des sog. Ostmarkenviertels ein. Von 1934 ab fielen diese Zuschüsse fort, an ihre Stelle traten die öffentlichen Geldinstitute. Für die Stadtverwaltung gab es damals zwei Wege: entweder die Aufnahme von Millionenkrediten für eine städtische Bautätigkeit, oder die Heranziehung der privaten Initiative.
Der Oberbürgermeister bekannte sich bei dieser Gelegenheit mit Entschiedenheit als Anhänger der privaten Bautätigkeit,
weil er es nicht als die Aufgabe der Stadt ansieht, das Geld der Steuerzahler in Wohnungen anzulegen, durch die Stadt Mieten einzuziehen und Steuergroschen zu verpfänden, sondern es für richtig hält, den privaten Baulustigen zu fördern durch Hypotheken und billige Darlehen, damit der Private für sich selbst baut und dabei auch für andere Volksgenossen mit Wohnungen schafft. Soweit das der Stadtverwaltung nicht gelang, hat sie sich mit der Treubau und anderen Stellen, sowie mit dem Reich zwecks Förderung des Wohnungsbaues in Verbindung gesetzt. Vom 1. April 1934 ab sind dann 25 private Eigenheime mit 31 Wohnungen,
also nur mit 6 Mietwohnungen errichtet worden. Die eigentliche Unternehmer-Wohnungsbautätigkeit entstand erst im Jahre 1935, wo durch den Bau von 64 Bauherren 113 Wohnungen (64 Eigenwohnün- gen und 49 Mietwohnungen), ferner von 7 Bauunternehmern 203 Mietwohnungen,
im Jahre 1935 also insgesamt 316 Wohnungen geschaffen wurden; gegenüber 25 Häusern mit 31 Wohnungen im Jahre 1934 find es im Jahre 1935 insgesamt 108 Häuser mit 316 Wohnungen; in der Häuserzaht mithin das vierfache, in der Wohnungszahl das zehnfache.
Dabei ist in beiden Jahren der städtische Wohnungsbau nicht mitgerechnet. Diese starke Steigerung Der Bautätigkeit ist nicht allein auf die Finanzierung durch die öffentlichen Geldinstitute zu- rückzusübren. sondern vor allem auch begründet in der Preisüberwachung durch den Staat, im Festhalten auf den Tariflöhnen mit der daraus sich ergebenden Stabilität der Baukosten und Der Stärkung des allgemeinen Vertrauens.
Bei dieser Sachlage konnte sich der städtische W o h n u n g s b a u auf die Errichtung von Volkswohnungen beschränken; seit 1. April 1934 wurden 72 solcher Wohnungen begonnen und dafür
von der Stadt 118 000 Mark aufgewandt. Hinsichtlich der übrigen städtischen Bautätigkeit verwies Der Oberbürgermeister auf die Schaffung des 21 r - beitsdienstlagers, die Umgestaltung der Hardtterrasse zu einem B D M. - H e i m , den Umbau der Schönen Aussicht zum H I. - H e i m, den Umbau der Log e; für alle diese Baumaßnahmen hatte die Stadt rund 75 000 Mark aufzuwenden. Ferner wurden in den Jahren 1934/35 an öffentlichen Gebäuden von der Stadt ausgeführt der restliche Ausbau der P e st a l o z z i s ch u l e und Der
Mit 4108 laufenDen Metern aus Der privaten Bau- tätigfett ist allein eine vierfache Steigerung gegen Das Vorjahr eingetreten.
Durch Zuschüsse vom Reich war es möglich, Ar» beitsbeschaffungsmaßnahmen auch wäh- renD Der Mintermonate 1934/35 beizubehalten, so Daß mancher Bauunternehmer seine Mitarbeiter weiter beschäftigen konnte.
Mit Hilfe dieser Reichszufchüfse konnten Arbeiten im Gesamtwert von 600 000 Mark ausgeführt werden.
Blick auf die Versammlung; links im Hintergrund Oberbürgermeister Ritter am Rednerpult. (Aufnahme: Photo-Pfaff, Gießen.)
M
Rohbau des Schlachthof.Verwaltungsgebäudes.
Von privaten Bauten in den beiden Jahren nannte Der Oberbürgermeister Den Neubau Der katholischen Kirche, die Kasernenbauten, den großen Lagerhausbau des Glaskontors, Umbauten in Der Brauerei Den« ninghoff, Den G l o r i a - P all a st am Seltersweg, Den Wiederaufbau Der Seifenfabrik von Möbs unD Den Beginn Des Proviantamtsbaues, ferner mancherlei Tiefbauarbeiten
Bei den Straßenbauarbeiten ergibt sich eine starke Steigerung gegen früher.
Seit 1. April 1934 wurden an Straßen neu an« gelegt 681 laufende Meter, an Strahenoberflächen hergerichtet 4600 laufende Meter, an Kanalbauten wurden 1028 laufende Meter im Jahre 1934, Dagegen 9677 laufenDe Meter im Jahre 1935 angelegt. Weiter erinnerte Der Oberbürgermeister an Die Not
wendigkeit der Neuaufstellung von Bebauungsplänen, bei denen — wie man in Der Beoolke- rung mit Genugtuung vernehmen wirD — Der Grundsatz der Erhaltung Der g a r t e n ft a D t ■ ähnlichen Gestaltung Der Außengebiete bei- behalten hat. Für Die neuen Stadtteile war Die Neuanlage von Grünflächen erforderlich; u. a. etwa 200 Aleebäume in der Schlageterstraße, eine Grünfläche im Ostrnarkenviertel, Grünflächen- Vorbereitung am Nahrungsberg. Neben diesen prak- tischen Ausfuhrungsarbeiten wurde eine Reihe größerer und kleinerer Projekte bearbeitet.
Als solche Projekte nannte der Oberbürgermeister die Altstadt-Sanierung zwischen
< - Wohlig weiche Haut
Nachdruck verboten!
28 Fortsetzung.
Nichi müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lanzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
„Wo wohnen Sie?" forschte Costa.
„Auf dem Sartorius-Ring", gab sie mit abwesenden Blicken Auskunft.
W^der trat ein Hortes Licht in Costas Augen.
„Sartorius — kennen Sie die Familie?"
Annelies brachte fein Wort hervor. Ein erneutes stummes Neigen Des Kopfes war Die Antwort.
Costa sah ihr in Das schmerzlich verzogene Gesicht. Gab es Da Zusammenhänge?
„Wollen Sie mir helfen?" bat er mit Drängen- dem Blick.
Annelies beugte sich mit zitternben Lippen ein wenig vor.
„Wie heißt diese Frau...?"
„Wollen Sie mir helfen?" wiederholte er.
„Ich weiß es Nicht! Aber — bitte, wie heißt die Frau?" o.
„Mia Rechberg!" kam es hart von Costas Lippen.
Annelies sanf zurück, ganz langsam in den Stuhl zurück. Ihre Hand frampfte sich um den Stiel des Weinglases „ .
„Sie fennen sie?" forschte Costa in offenfunbtger Spannung
„Ich kenne sie ..!" entgegnete Annelies tonlos.
' Und Sie werden mir behilflich fein?"
In Annelies rauschte es dunkel und brandend. Vielleicht — nein, gewiß griff das Schicksal hier ein um diese Frau von Günter zu lösen. Aber es würde ihm weh tun, und dazu durfte sie nicht d,e Hand bieten Damit gewann sie ferne Liebe doch Nicht zurück. Und gewiß ließen die beiden trotzdem nicht voneinander. Nein, Dazu gab sie sich nicht her!
Eine unbegreifliche, rasende Angst ergriff sie PlO3»’mei6 nicht!" wich sie Costas Frage verstört aus. „Aber ich möchte jetzt nach Hause
Er war enttäuscht, aber das verstörte Menschenkind da vor ihm tat ihm leid. m. n ...
Ich will Sie nicht drangen! sagte er. „Vielleicht überlegen Sie es sich noch, wenn Sie ruhiger sind. Ich wohne im .Leipziger Hof — für aCh?
Ja — ich will es mir überlegen! Und jetzt mochte ^„Ja^doch — beruhigen Sie sich nur! Ich fahre Sie heim!"
Sie wehrte verängstigt ab. h ,
„Doch!" beharrte Costa. ,^n diesem Zustand lasse ich Sie nicht allein auf die Straße!
Er winkte den Kellner zum Zahlen heran.
Im Begriff, Den Wagen zu besteigen und den Platz neben Costa einzunehmen überkam Annettes wieder jenes intensive Gefühl des Schwebens, des willenlosen Hingleitens. Die Wolke — die Wolke. ..I
Langsam zog der Wagen an. Dann stürzte er sich mit leisem Singen in Den feuchten AbenD.
Annelies saß zusammengekauert an Costas Seite. Sie fieberte, aber ihre Lippen waren eiskalt. Wie- Der überkam sie ein unbeschreibliches Angstgefühl, wie vor etwas Furchtbarem, Das irgenDwo auf sie lauerte unD alles zermalmen mußte.
Als an einer Straßenkreuzung Das rote Lichtsignal Halt gebot, beugte Costa sich plötzlich aus Dem Wagen
„Bruckmann — hallo, Bruckmann!" rief er einem Herrn nach, Der mit einer Dame eben um Die Ecke bog.
Der Herr hatte ihn offenbar nicht gehört. Mit einem raschen Griff Öffnete er Den Wagenschlag.
„Einen Moment, bitte!" entschuldigte er sich bei Annelies unD sprang heraus.
Annelies war allein, allein mit ihrer Angst, Dieser rasenden, irrsinnigen Angst, Die sie nicht begriff. Der Motor Des Wagens tackte in verhaltener, kaum ge- bänDigter Unruhe, als wehrte er sich gegen Die ihm angelegten Fesseln. Annelies fühlte seinen Herzschlag tief im Blut. Sie beugte sich vor unD starrte in pochender Beklemmung auf Die angelaufene WinDschutzscheibe Mit bebenbem Griff ließ sie mechanisch Den Wischer kreisen.
Wie hinter einer scharf umranDeten Oeffnung hatte sie jetzt Den Ausschnitt Der hell erleuchteten Straße seitlich vor sich. Sie bog Den Oberkörper zur Seite unD starrte mit fiebernben Blicken Durch Den seltsam locfenDen Kreis hinaus.
War Das nicht wie ein Weg in Die Freiheit?
Annelies spürte einen heftigen Druck im Halse. Sie tastete unsicher nach Dem Führersitz hinüber. Wenn man jetzt .! _
Da saß sie auch schon am Steuer, rote von einer Dunklen Gewalt getrieben. Das grüne Licht flammte nuf _ die Straße war frei. Da hatte sie auch schon Gas gegeben. Der Wagen schoß Davon. In roilDem, reißenDem Bogen, Den sie geraDe noch meisterte, raste er um Die nächste Ecke.
ZusammengeDuckt saß Annelies vor Dem Steuer, mit brennenDen Augen unD zusammengepreßten Lippen Nur weiter, nur fort! Wie ein irrer Nachtvogel flog sie Durch Das Gewirr Der Straßen.
Als Die Lichter Des Continental-Hotels vor ihr auftauchten, hielt sie Den Wagen an und sprang heraus. . . , .,
Die rasende Angst fiel mit einem Male von ihr ab als sie Den festen BoDen rouDer unter Den Füßen spürte. UnD im gleichen Augenblick kam es ihr zum Bewußtsein, Daß sie etwas sehr Törichtes begangen hatte Aber sie hatte nicht anders ge- könnt Sic war nicht mehr Die Annelies von früher, sie war ein zermürbter, innerlich zerrissener Mensch geworben, gehetzt von Aengsten und Herzensnot
Da war nun roieDer Die Erkenntnis: es war alles vorbei' Auch Costa würde ihr Günter nicht wieder zurückgeben können. Günters Herz gehörte der
Sie ließ Den Wagen stehen. Costa wurde ihn finden; er wußte ja, wo sie wohnte. Und er wurde sie verstehen — er war ja auch ein unglücklicher, betrogener Mensch.
Das Haus lag im Dunkeln. Nur oben in Onkel Korbinians Wohnung war noch Licht. Ach, Onkel Korbinian, es war alles umsonst! Alles, alles war vorbei...
Leise trat sie ins Haus und huschte die Treppen hinauf. Als sie auf Dem obersten Absatz angekommen war, öffnete sich die Vorsaaltür zu Onkel Korbinians Wohnung. Korbinian Sartorius trat auf die Schwelle, tiefe Besorgnis stand auf feinem verwitterten Gesicht.
„Um Gottes willen, Kind, wie siehst du denn aus! Wo kommst du Denn her?"
Ein wehes Schluchzen wollte in ihr aufbrechen, aber sie bezwang sich. Nur ein ganz leises, qualvolles Stöhnen kam über ihre Lippen.
Korbinian Sartorius ergriff ihre Hand und zog Annelies in tiefer Bestürzung in feine Wohnung hinein:
„Komm, Kind, wir wollen uns mal aussprechen!" Sie leistete keinen Wiberstand. In feinem Wohnzimmer drückte er sie sanft in einen Stuhl.
„So, meine Annelies! Nun sprich nur mal! Was hat es Denn roieDer gegeben?"
Da verließ Annelies Die nur mühsam bewahrte Fassung. Sie schlug Die HänDe vor Das Gesicht. Die Tränen stürzten ihr aus Den Augen. Alles, was sie in Diesen qualvollen Wochen Durchkämpft und er- DulDet hatte, brach mit Diesen Tränen aus ihr hervor.
Onkel Korbinian ließ sie sich ruhig ausroeinen. Er streichelte ihr mit ungeschickten, aber zarten und liebevollen Bewegungen Die feuchten HänDe
„Ist es Denn so schlimm, KinD? Ist es Denn gar so schlimm?"
Als sie sich wieder beruhigt hatte, begann sie langsam und stockend zu erzählen. Alles, alles sprach sie sich vom Herzen, während er ihre Hand in der seinen hielt.
„Weißt du noch, Onkel, wie Du damals im Turm mich wieder aufrichtetest: .Nicht müde werden, Annelies!'" schloß sie „Ich habe mich immer an dies Wort gehalten habe mich immer wieder daran aufgerichtet. Aber nun kann ich nicht mehr. Ich bin nun wirklich müde geworden, Onkel! Und selbst, wenn ich wollte, es würde keinen Zweck mehr haben. Es ist vorbei. Und es muß nun auch Das letzte Wort gesprochen roerDen. Ich werde morgen mit Günter reden und ihm sagen, daß er frei ist."
„Aber wenn Costa vielleicht.. ", wollte Korbinian Sartorius einwenden.
Annelies schnitt ihm mit einer wehen, erschütternd wehen Handbewegung Das Wort ab.
„Was soll Das nützen! Glaubst Du wirklich, daß ich es ertragen konnte, an Günters Seite zu leben unD Doch zu wissen, Daß fein Herz einer anDeren gehört?"
Er wußte nichts Darauf zu sagen. Es war Das erstemal, Daß er keinen Trost wußte.
Am anDeren Morgen war Annelies schon frühzeitig auf. Erst gegen Morgen war sie in einen kurzen, unruhigen Schlaf gesunken. Sie sah übernächtig aus, ein Dunkles Fieberlicht brannte in ihren Augen; aber sie war ruhiger geworden durch ihren schwer erkämpften Entschluß, Der allem ein Ende machen würde.
Sie horte, wie in Günters Zimmer Das Fenster geöffnet rourDe. Er fanD wohl keine Ruhe. Vielleicht war er aber auch zu Dem Entschluß gekommen, ein EnDe zu machen. Sie fühlte bei Diesem Gebauten einen stechenDen Schmerz in Der Brust; aber sie hatte Die seltsame Vorstellung, Daß sie es gar nicht selber war, Die Diesen Schmerz empfand. Das war wohl eine andere Annelies, Der Das noch weh tat Sie selbst war Doch mit sich im klaren...
Jetzt horte sie ganz schwach unten Die Tür gehen. Günter verließ Das Zimmer. Der Augenblick war günstig; es war noch niemanD weiter auf, man konnte ungestört miteinander sprechen. Mit leisen Schritten, um Onkel und Tante nicht zu wecken, ging Annelies hinunter. Die alte Kathrin hantierte schon in der Küche, unbemerkt gelangte Annelies vorbei.
Günter war im Wohnzimmer an das Fenster getreten. Bei ihrem Eintritt wandte er sich verwundert um.
„Du bist schon auf?" fragte er, mit einem forschenden Blick in ihr übernächtiges Gesicht.
Sie sah ihn mit merkwürdig ruhigen Augen an.
„Ja, du bist ja auch schon auf. Und es ist gut so. Ich glaube, wir haben miteinander zu reden, Günter!"
Sie sah, wie ihm langsam ein dunkles Rot ins Gesicht stieg, und deutete es auf ihre Weise.
„Wir wollen peinliche Erörterungen beiseite lassen", fuhr sie fort. „Ich will dir nur sagen, daß ich Dir keine HinDernisse mehr in Den Weg lege. Du brauchst keine Rücksichten mehr auf mich zu nehmen — Du bist frei."
Unter ihrem seltsam klaren Blick unb unter Dem EinDruck ihrer Worte ftanD er, ohne sich zu rühren, einen Augenblick stumm Da.
„Ich bin frei — soll Das heißen...?" stammelte er dann.
„Daß Du deinem Herzen folgen darfst — ja? Es ist genug Der Kämpfe. UnD eines Tages muß das EnDe ja Doch kommen."
Immer noch ftanD Günter regungslos am Fenster. Dann trat er plötzlich ein paar Schritte auf sie zu.
„Annelies, fei ehrlich — was veranlaßt dich zu diesem Entschluß?"
„Die Vernunft. Günter! Es ist das einzig Richtige und Vernünftige!"
„Die Vernunft? Das Wort klingt sonderbar aus Deinem MunDe. Es ist Das erstemal. Daß ich es von Dir höre."
„Sa? Vielleicht haft du recht! Sei froh, daß du Die Vernunft nicht zu Hilfe zu nehmen brauchst, fon- Dem Deinem Herzen folgen kannst. Ich wünsche Dir aufrichtig. Daß es zu Deinem Glück sein möge."
Ihr Blick irrte ab Durch Das Fenster. Sie sah nicht Die Qual, Die in Günters Augen stand.
„Annelies ...!" stammelte er. „Es ist ja nur Mitleid, nur noch Mitleid, das ich mit Mia habe!"
Sie wandte ihm das Gesicht wieder zu.
„Ich kann dir nicht mehr glauben, Günter!" erwiderte sie tonlos.
Sie sah, wie er zufammenzuckte.
(Schluß folgt.)


