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die an den Kontrollfahrten beteiligten Herren zu einer Schlußbesprechung unter Leitung von Ober­regierungsrat Dr. P a b st, bei der in regem Meinungsautausch das Ergebnis dieser ersten Uebung gezogen und dabei mancherlei wertvolle Anregungen erteilt wurden. Im Verlaufe der Be­sprechung brachte Oberregierungsrat Dr. P a b st den Luftschutzsachbearbeitern bei der Polizeidirektion Gießen, Polizeihauptmann Keller, Polizeiober- inspekor Hoffmann und Polizeikommissar Z i m - m e r, seine volle Anerkennung für ihre bisherige ausgezeichnete Arbeit zur Durchführung eines wirk­samen Luftschutzes in Gießen zum Ausdruck, ebenso sprach er allen Helfern bei dem guten Werk ver­dientermaßen Dank und Anerkennung aus. B.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Buß- und Bettag.

23on Propst Knodt.

Es entspricht deutscher Art, sich nichts vorzu­machen, sondern den Dingen, auch wenn sie unange­nehm sind, geradeswegs ins Auge zu sehen. Erst recht ist es ein Zeichen selbständiger und männlicher Art, sich über sich selbst keinen Täuschungen hinzu­geben und gerade da mit der Besserung anzufangen. So kam es, daß Dr. Martin Luther durch das Kreuz­feuer der Selbsterkenntnis und Selbsterniedrigung ging und erst so der kraftvolle Kämpfer mit Men­schen und Dämonen wurde, als den wir ihn kennen. So kam es aber auch, daß das ganze Volk immer wieder das Bedürfnis empfand, sich selbst unter das Gericht zu stellen und zu prüfen, ob es auf dem rechten Wege sei. Diese Bußtage sind keine von der Kirche dem Volke aufgezwungenen Lasttage, sie sind aus ihm selbst wurzelhaft erwachsen, meist in Zeiten äußerer und innerer Not. Darum konnte ein Gott­sried Keller, dieser männliche und im Preisgeben von religiösen Aeußerungen bis zur Stacheligkeit keusche Dichter als Erster Staatsschreiber des Kan­tons Zürich zum eidgenössischen Buß- und Bettag 1862 ein Mandat verfassen, das ihn als einen from­men und ernsten Mahner seines lieben Volkes zeigt. In Zeiten wie heute, wo die Kirche scharf angefochten wird und in dieser Anfechtung eine Probe zu sehen hat, ob es ihr mit der christlichen Botschaft ernst ist, da ist es eines der erfreulichsten Geschehnisse, daß wir seit 1933 einen gemeinsamen Bußtag der evan­gelischen Kirche in unserem deutschen Volke haben. Er steht, wie die großen kirchlichen Feiertage, in besonderer Weise unter dem Schutz des Staates, der durch seine Maßnahmen dem Tag die nötige Ruhe und Würde garantiert.

Mit der Tatsache des Bußtages wird anerkannt, daß Religion nicht Privatsacke ist, sondern daß wir auch als Volk unter Gott stehen. In dem gleichen Augenblick, wo das deutsche Volk kraftvoll umgekehrt ist von einem falschen Weltbewußtsein xu bluthaftem Eigenbewußtsein, da wäre es ein schweres Verhängnis, wenn es nicht auch umkehren wollte von einem irrenden wahnwitzigen Selbst­dünkel, der ein Zerrbild wahrer Volkskraft ist, zu demütiger Beugung vor Gott dem Herrn, die noch immer die Quelle aller Kraft und Erhebung in der deutschen Vergangenheit gewesen ist. Dieses Um­kehren nennt die Kirche nach der Heiligen Schrift: Buhe. Und wie es keinen Menschen gibt, der der Buße nicht bedürfte, wenn er nicht stillstehen und versacken will, so gibt es auch im Himmel und auf Erden kein Volk, das nicht immer wieder solcher Umkehr zu Gott bedürfte. Es ist eine bekannte Tat­sache: je höher entwickelt ein Mensch ist, um so demütiger ist er! Je klarer und schärfer sein Auge ist, um so eher erkennt er, was ihm fehlt. Das gleiche aber gilt auch für ganze Völker. Ein Volk, das aus freiem Willen einen Tag wählt, an dem es in gemeinsamer Beugung vor Gott sich wieder die rechten Maßstäbe für sein Handeln geben läßt, von einem solchen Volk gilt im vollen Sinn das Pro­phetenwort: Suchet mich, sowerdetihrleben!

Es ist ein großes Gottesgeschenk an uns Deutsche und überhaupt an unser christliches Abendland, daß unsre Beugung vor Gott nicht ein wirres Suchen und Tasten nach einem unbekannten höchsten Wesen sein muß, sondern eine klare Zwiesprache sein darf mit dem Herrn Christus, der in unserer Bibel in herz­andringendem Deutsch zu uns redet. Wir brauchen nicht bei fremden Philosophien nach Gott zu fragen, die eben doch nichts anderes sind und sein können, als menschliche Sehnsuchtsrufe. Das wäre ja das­selbe, als wenn man uns empfehlen wollte, unsere Begriffe von Hell und Dunkel wieder am Petroleum­licht zu messen, anstatt am elektriscken Licht! Rein, wir sind als deutsches Volk vor das Gericht der

Wege im Rebel.

Vornan von Käthe Mehner.

(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)

10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Seit Jahren schon hatte er nicht mehr Zeit ge­funden, sich um Frauen zu kümmern. Diese Frau aber zog ihn an, ob er wollte oder nicht! Wie verzückt starrte er auf das kupferfarbene Haar, blickte er in die rätselhaften graugrünen Augen, deren Ausdruck so unergründlich schien ...

Ganz nah beugte sich Olga Willnoff jetzt zu ihm herüber:

Ich werde also alles tun, was ich hm kann, um die Sache für Sie zur Zufriedenheit auszuführen! Für Sie!" Leise, ganz leise hatte sie die letzten beiden Worte gehaucht, doch nicht so leise, daß Walter sie nicht verstanden hätte.

Mit einem langen Blick dankte er ihr.

Als Vater Brand nach einiger Zeit die Willnoff- sche Villa verließ, fühlte er die seltsame Erregung seines Gesprächs mit Olga noch lange in sich nach­klingen, und lange noch, während er im wiegen­den Rhythmus des Fahrens tief in den Polstern des Wagens saß, sah er die verlockende Gestalt Olgas vor seinen Augen.

Dann freilich kamen ihm auch andere Gedanken, Bedenken, ob er auch recht daran getan habe, den angebotenen Vorschlag anzunehmen? Ob es nicht doch besser gewesen wäre, Gerhard noch vorher zu Rate zu ziehen, jetzt, wo Rammelt sich selbst in Oberhof aufhielt? Aber auch da würde Gerhard ja nicht mit ihm verhandeln, wenn er einmal nicht wollte! Er kannte doch seinen Bruder und dessen störrichten Eigensinn!

Wieder kehrten seine Gedanken zu Olga Willnoff zurück. Morgen wollte sie zu ihm kommen, das er­forderliche Material für die Unterredung bei ihm zu holen. Ja, sie sollte nach Oberhof fahren!Für Sie!" hatte sie gesagt!

Und während er sich von neuem ihr Gesicht, ihre rätselhaften Augen vorstellte, überrann es ihn plötz­lich, daß er Olga Willnoff mit heißer Leidenschaft liebte!

arum Tag der Hausmusik?

<1

In ganz Deutschland hat man sich auf den Tag der Hausmusik, den 17. November, ge­rüstet, der schon seit Jahren dieser Veranstaltung Vorbehalten ist. Die Schulen, die Privatmusiklehrer­schaft, der Rundfunk, die Presse, alle wirken zu­sammen, um diesen Tag zu einer Werbung für die schönste der Künste zu gestalten. Dieser Einsatz all der Menschen, deren Liebe der Musik gehört, muß auch dem Uneingeweihten zeigen, daß es hier um Großes geht, nämlich um die Zukunft der Hausmusik und damit um die Zukunft der Musik überhaupt. Manchem mag diese Behauptung vermessen erscheinen. Eine kurze Betrachtung soll aber zeigen, daß es doch so ist.

Stellen wir uns vor, daß in keinem Haus mehr musiziert würde. Die unausbleibliche Folge wäre die, daß auch die Konzerte ernsten Inhaltes, zu deren Verständnis eigenes Musizieren gehört, nicht mehr oder kaum noch besucht würden. Wer unser Konzertpublikum aufmerksam beobachtet, der wird die Tatsache feststellen, daß es in überwiegendem Maße immer wieder dieselben Leute sind. Forscht man nach, so wird man weiter feststellen können, daß alle diese Menschen entweder selbst musikaus­übend sind ober aber aus einem Hause kommen, in dem die gute Musik eine Pflegestatt hat. Nur ganz wenige Menscken finden den Weg zu unseren großen Meistern, ohne sich selbst mit ihren Werken ausübend zu beschäftigen. Ein nickt mehr ernstlich musiktreibendes Volk wird also ohne weiteres die Fühlung mit der guten Musik verlieren, und die schon bestehende Kluft zwischen Schaffenden und Hörenden würde unüberbrückbar sein und damit wäre es wohl um die Zukunft der deutschen Musik geschehen.

lieber die Bedeutung dieser Kunst für unser gan­zes Volk ist schon so viel gesagt worden, daß sich eigentlich weiteres erübrigt. Die Tat soll sprechen, und so soll der Tag der Hausmusik wieder auftüt- telnd wirken, bei den Alten und besonders bei den Jungen, in deren Hände die Zukunft gelegt werden soll. Es soll aber nicht bei dem einen Tag bleiben,

von ihm aus soll die Anregung weiter gehen und fruchtbar für das ganze Jahr sein. Hausmusik soll gepflegt werden. Unter ihr versteht man all die Musik, die wir daheim in unserem Zimmer ausüben. Es ist Hausmusik, wenn ein Lied, ein- unb mehrstimmig, mit ober ohne Begleitung gesun­gen wirb, es ist auch Hausmusik, wenn jemanb Munb- unb Ziehharmonika spielt unb von ba aus zu noch ernsterem Schaffen angeeifert wirb. Das hohe unb erstrebenswerte Ziel ber Hausmusik ist es aber, baß man bie Kammermusik in Duos, Trios ober gar Quartetten treibt unb bamit zu ben Quel­len ber Musik vorstößt. Sie bleibt bann nicht mehr ein Buch mit sieben Siegeln: An geeigneten Werken ist gewiß kein Mangel. Das zeigt ein Blick auf die Folge ber Privatmusiklehrerschaft am heutigen 17. November in ber neuen Aula der Universität.

Der Tag ber Hausmusik hat aber noch einen an» beren schönen Zweck. Er soll klar unb einbeutig in breitester Öffentlichkeit auf bie Tätigkeit eines Standes Hinweisen, ber gewiß nicht auf Rosen ge­bettet ist. Es ist ber Stand ber Privatmusiklehrer. Der Privatmusiklehrer von heute muß ein gerüttel­tes Maß an Können besitzen, wenn er überhaupt biefen verantwortungsvollen Beruf ausüben will. Die Reichsmusikkammer unb ihre Glieberungen wachen streng barüber, baß fein Unberufener Un­terricht erteilt. Die Gießener Musiklehrer brauchen ihr Licht nicht unter ben Scheffel zu stellen, bas darf hier von einem Unparteiischen einmal ruhig gesagt werben unb wer bas Wirken ber einzelnen Musikschulen genau kennt, ber wird auch wissen, baß schon eine ganze Anzahl Schüler herausgestellt würbe, bie sich mit Erfolg sogar im Runbfunk hören lassen konnten unb bie von ber Güte ihrer Lehr­meister ein treffliches Zeugnis ablegt. Das werben sie auch am Abenb bes heutigen 17. November bei Der Vortragsfolge in der Aula unter Beweis stel­len, unb sie werben zeigen, baß sie auch weiterhin aus ben ihnen anvertrauten Schülern gute Streiter für unsere schöne beutsche Musik heranbilben wollen.

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klaren Augen unseres Herrn Christus gerufen. Mag es nicht paffen, wem es will unb mag sich baran stoßen, wer will! Dieser Herr Christus fragt fein beutsches Volk: Hast bu benn nach beiner Art mein Wort gehalten unb meinen Willen getan, ober läufst bu Götzen nach, bie nicht lebenbig sinb? Trinkst bu aus schabhaften Brunnen, bie kein Quellwasser geben?

Ihm vor dieser Frage nicht ausweichen, ihm auf biese Frage willig Antwort stehen, bas heißt Bußtag halten!

O Lanb, Lanb, Lanb, höre bes Herrn Wort!

Vornotizen.

Tageskalenber für Dienstag.

Stabttheater: 20 bis 22.30 UhrDer Bogen des Obysfeus." Gloria-Palast, Seltersweg:Eine Frau ohne Bedeutung/' Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße: 14.15 Uhr Märchen-DorstellungAschen- bröbel";Liebelei." Katholisches Vereinshaus, 11 bis 22 Uhr AusstellungSchafft Freube ins Heim." Kreismusikerschaft Gießen in ber Reichs­musikkammer: 20 UhrTag ber Deutschen Haus­musik" (Vorspiel von Klavier zwei- unb vierhändig, Streich- und Blasinstrumente und Gesang) in ber Neuen Aula ber Universität. Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Oelgemälden, Aquarellen unb Tempera.

Tageskalenber für Mittwoch.

Stabttheater: 19 bis 22.30 UhrDon Carlos." Gloria-Palast, Seltersweg:Eine Frau ohne Bebeutung." Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 14.15 Uhr Märchen-Vorstellung,, Aschenbrödel"; Liebelei." Katholisches Vereinshaus: 11 bis 22 Uhr AusstellungSchafft Freube ins Heim." Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Branb: 11 bis 13 Uhr Ausstellung van Oelgemälden, Aquarellen und Tempera.

Stabttheater Gießen.

Heute abenb finbet die erste Wieberholung statt vonDer Bogen des Obysfeus", Schauspiel von Gerhart Hauptmann. Die Spielleitung führt ber Jntenbant. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Die Vorstellung finbet als 9. Vorstellung ber Diens­tag-Miete statt.

Am Mittwoch, 18. November, findet bie letzte Aufführung vonDon Carlos", bramattsches Ge- bicht von Schiller, statt. Spielleitung: Dr. Fr. H ellmund a. G. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr, Enbe 22.30 Uhr. Mittwoch-Miete. 9. Vor­stellung.

Varietegastspiel im Stabttheater.

Aus bem Stabttheaterbüro wirb uns geschrieben: Die Intendanz hat für Montag, 23. November, bie weltberühmten drei italienischen Clowns3 Za­ch i n i s" zu einem einmaligen Gastspiel in bas Stabttheater Gießen verpflichtet. Einen Abend voll bunter Abwechslung unb artistischer Vielgestaltig­keit bringt bas Programm. Die3 Zachinis" wer­ben in einer tollen Varie-te-Nummer ihr großes Können unter Beweis stellen unb bas Publikum zum Lachen bringen. Aber neben ben3 Zachinis" stehen noch acht Nummern des internationalen Groß-Varietös. Es steht ben Besuchern burch dieses Gastspiel ein Abend seltener artistischer Kunst unb Vielseitigkeit bevor. Infolge anderweitiger Ver­pflichtungen konnte das Gastspiel nur für einen Abend abgeschlossen werden. Die Preise sind von der Intendanz so gehalten, daß jedem Freund des Varietös der Besuch möglich ist. Dauer von 20.15 Uhr bis 23 Uhr. (Siehe heutige Anzeige.)

Gießener Konzertverein.

Für die zweite Veranstaltung feines diesjährigen Winterprogramms hat der Gießener Konzertverein ben Organisten zu St. Thomä in Leipzig, Professor Günther Ramin, gewonnen. Der Künstler, ber als erster Organist von Deutschland zu den besten Vertretern seines Faches in der ganzen Welt gehört unb Weltruf genießt, wirb am fommenben Montag einen Orgel-Abenb in ber Stabtkirche geben. Presse­stimmen aus neuester Zeit sprechen von der letzten Vollkommenheit unb Dem hiureißeuben Einbruck seines virtuosen Spieles. (Siehe heutige Anzeige.)

Deutsche Frauenkultur.

Am fommenben Freitagnachmittag veranstaltet bie Deutsche Frauenkultur im Saal ber Arbeits­front, Schanzenstraße, eine Kinderkleiberschau. Eine große Anzahl Kinberkleiber roeroen von Kinbern vorgeführt unb dabei sachgemäß erklärt. Von 19 bis 21 Uhr liegen die Kleiber noch zur Ansicht aus. (Siehe heutige Anzeige.)

Ungebulbig wartete die alte Justizrätin inzwischen auf bie Ergebnisse ber Begegnung Olgas mit bem Generalbirektor. Aber noch lange, nachbern Walter Branb gegangen war, blieb Olga an diesem Abend in des Justizrats Arbeitszimmer, um sich von ihm genau über den Prozeß instruieren zu lasten.

Als sie bann enblich bas Zimmer ihrer Mutter betrat, hüllte sie sich wie immer in Schweigen. Nur als bie Justizrätin ihr von neuem riet, boch ja bie» sen Generaldirektor einmal festzuhalten, ber für sie bie glänzenbste Partie sein könnte, lachte sie kurz auf:

Mach bir nur um mich nicht immer so viele Sorgen, Mutter. Im übrigen aber, bamit bu es weißt, ich tue in jeber Beziehung nur was i ch will! Ganz allein nur bas! Unb verlaß dich barauf: Wenn ich einmal einen Mann haben will, dann bekomme ich ihn auch!"

Damit überließ sie bie alte Justizrätin ihren Gebauten unb begab sich in ihr Zimmer, ihre Vor­bereitungen für ihre morgige Reise zu treffen.

*

Schon am frühen Morgen bes folgenben Tages ließ sich Olga Willnoff bei bem Generalbirektor melben, um bas noch nötige Material zu ber ge­planten Besprechung wegen bes Gutachtens in Empfang zu nehmen.

Sie war bereits reifefertig. Ein dunkelgrünes Kostüm umschloß ihre schlanke Gestalt. Flammend und gleißend drängte sich bie Fülle ber roten Locken unter ber kleinen Reisekappe hervor. Es war nicht verwunbertlich, baß sich mancher ber Angestellten nach ihr umsah, währenb sie selbstbewußt unb mit hocherhobenem Kopf burch ben Vorsaal ging, in bem man solchen Besuch nicht gewöhnt war.

Mein Fräulein!"

Verzückt nahm Walter Branb, der seiner Be­sucherin zur Türe entgegenkam, wiederum ben eigenartigen Reiz ihrer Erscheinung in sich auf.

Das freut mich aber wirklich sehr, baß Sie sich selber bemüht haben! Sie wollen bie Akten holen, nicht wahr?"

Olga gab seinen Blick mit bem ihr eigenen Lächeln zurück.

Gewiß, Herr Generalbirektor! Allerbings hätte ich auch noch bies unb jenes zu fragen, aber..."

Ein leichtes Stirnrun^eln unb ein Seitenblick zum Tisch der anwesenden Sekretärin belehrten

Walter Brand, daß Olga sich durch Fräulein Schlicht behindert fühlte. Walter verstand.

Würden Sie die Freundlichkeit haben, einmal für mich in meine Wohnung zu gehen, Fräulein Schlicht?" bat er bie Sekretärin, bie sich sofort er­hob, feinen Auftrag entgegenzunehmen.

Warum schicken Sie Ihre Sekretärin nicht ein­fach hinaus, anstatt baß Sie sich lange mit einem erfunbenen Auftrag bemühen?" fragte Olga spöttisch, als bie Sekretärin gegangen war.Dergleichen Mäbchen empfinben boch solche Rücksichten gar nicht."

Da fürchte ich atterbings, baß Sie begleichen Mäbchen doch sehr unterschätzen!" erwiderte Walter ernst.In bezug auf solche Dinge unterscheiden sich die Menschen nicht nach ihrer Stellung, sondern allein nach bem Taktgefühl! Fräulein Schlicht hat solchen Takt! Ihr Vater war übrigens ein Kollege Ihres Herrn Vaters,--Rechtsanwalt!"

Olga biß sich ärgerlich auf bie Lippen. Sie hatte es schon bereut, bie Bemerkung gemacht zu haben. Doch schnell hatte sie sich wieder in ber Gewalt, lächelte ihr altes, bestrickenbes Lächeln.

Ihre Sekretärin muß es gut bei Ihnen haben, baß Sie sie so verteibigen!" sagte sie mit kluger Berechnung. Unb in ber Tat war Walter im Augenblick roieber versöhnt.

Schabe, baß ich Sie nicht auch hierbehalten kann!" gab er scherzenb zurück, währenb schon wie- ber bie heiße Bewunberung für sie in seinen Augen stanb.Aber ich bin Ihnen ja schon so banfbar, baß Sie sich meinetwegen für mich biefer Reise unterziehen wollen!" fügte er ernst hinzu.

..Aber ich sage es Ihnen boch, wie gern ich bas für Sie tue! Ober glauben Sie mir bas nicht?"

"Nur zu gerne glaube ich es Ihnen ja, Fräulein Willnoff!"

Walter Branb hatte bie Aktien aus einem Schrank genommen unb sie Olga herübergereicht. Ießt nahm er ihr gegenüber Platz, ergriff impulsiv ihre Hänbe, preßte sie heiß:

Wollen Sie nach Ihrer Reise gleich mieber zu mir kommen, Fräulein Willnoff? Ich möchte Ihnen bann etwas sagen, was ich Ihnen jetzt noch ver­schweigen muß!"

In verhaltener Leibenschaft hatte er die letzten Worte hervorgestoßen.

Mit untrüglichem Instinkt erkannte Olga, daß

NSDAP., Ortsgruppe Gießeu-Ost.

Die Ortsgruppe Gießen-Ost der NSDAP, führt heute um 20.30 Uhr im Schützenhaus einen Schu­lungsabend für alle Politischen Leiter, Amtswalter ber NSV., DAF., bes NS.-Lehrerbunbes, bes NS.- Iuristenbunbes unb die Amtswalterinnen ber NS.» Frauenschaft ber Ortsgruppe burch. Pünktliches unb restloses Erscheinen aller ist erforberlich.

Appell der politischen Leiter von Gießen-Nord.

Am Sonntagvormittag traten bie Politischen Lei- ter ber Ortsgruppe Gießen-Norb zu einem Aus- marsch an, ber von ber Geschäftsstelle ber Ort» gruppe in ber Walltorstraße zunächst in Richtung Heuchelheim unb bann zurück nach bem Landgraf» Bhilipp-Platz führte, wo bie Marschgruppe an ber angemarck-Gebenkfeier teilnahm. Am Nachmittag fand im Saale bes Cafe Leib ber Appell ber Politi­schen Leiter, Amtswalter unb Amtswalteoinnen aller Glieberungen ber Partei statt. Nach ben Er» Öffnungsworten bes Ortsgruppenleiters Thomas sprach zunächst ber Kreisobmann ber Deutschen Arbeitsfront Hermann Wagner aus bem Be­reich feines Aufgabengebiets. In einer Arbeiis- pause gab Ortsgruppenleiter Thomas Mittei­lungen unb Weisungen für bie weitere Arbeit in ber Ortsgruppe bekannt. Sobann sprach Kreislet» ter Dr. Hilbebranbt über bie Aufgaben ber Politischen Leiter, ber Amtswalter unb Amtswal- terinnen. Hierauf schloß ber Ortsgruppenleiter ben Appell mit bem Gruß an ben Führer.

Der Tag fanb seinen Abschluß mit einem sehr stark besuchten Kamerabschaftsabenb im Caf6 Leib, an bem bie Volksgenossen aus ber Ortsgruppe außerorbentlich zahlreich teilnahmen. Im Anschluß an bie Begrüßungsworte bes Ortsgruppenleiters wickelte sich ein vielseitiges geselliges Unterhaltungs­programm ab, bas allen Besuchern einige genuß­reiche Stunben bereitete. Der schöne Abenb ist in besonderem Maße auch ber sorgfältigen Vorberei­tung unb umsichtigen Durchführung ber NSG. Kraft burch Freube" zu verbanken.

An die Ortspolizeibehörden abliefern!

Die Polizeibirektion Gießen teilt uns folgenbes mit:

Zur Sicherung ber Luftfahrt unb zu wissen« schaftlichen Zwecken werben von verschiebenen me» teorologischen Instituten Ballone unb Drachen mit Registrierinstrumenten ausgelassen, bie bie Tempera­tur unb anbere Wetterelemente selbsttätig aufzeich­nen. Um eine einheitliche Behanblung unb Rücksen- bung biefer Ballone unb Drachen sicherzustellen, sinb künftig alle Ballone unb Drachen mit Regi- strierinstrumenten unb Anhängekarten (also auch Kinberballone mit Anhängekarten), bie im Reichs­gebiet gefunben werben, an bie Ortspolizeibehorben abzuliefern. Die entstehenben Unkosten werben er­stattet. Bei richtiger Behanblung ber Instrumente, bie aus ben anhängenben Anweisungen zu ersehen ist, erhält ber Finber außerbem eine Belohnung. Böswillige Beschäbigung ober Entwenbung wird strafrechtlich verfolgt.

Führung über den Alten Friedhof am Buß- und Bettag.

Der alte Friebhof stellt ein wesentliches Stück Geschichte unserer engeren Heimat bar, ist er boch seit 400 Jahren ber Ruheplatz ber in Gießen Ver­storbenen. Viele ber steinernen Zeugen, bie ber Verwitterung stanbgehalten, ober Der Vernichtung burch Menschenhanb entgangen sinb, übermitteln uns in ihren eingemeißelten Inschriften bas Ge- bächtnis an Menschen, bie einst in unserer Stadt gelebt unb gewirkt haben. Der Heimatfreunb unb Familienforscher begrüßt es besonbers banfbar, baß sich bie Inschriften ber älteren Grabsteine nicht auf die Angabe des Geburts- unb Tobesbatums beschränken, sonbern auch familiengeschichtliche An­gaben enthalten, die für bie Gießener Orts» unb Kulturgeschichte wertvoll sinb.

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Vertragsschneiderei der Heeres - Kleiderkasse

Walter mit seiner Bemerkung nur ihre eigene Person, nur sie meinen konnte. Schon bei bem ge­strigen Besuch im Hause ihres Vaters hatte er ihr ja feine Bewunberung nicht verhehlt. Jetzt schien es zur Gewißheit werben zu wollen, baß er sie liebte! Kaum hatte sie gehofft, so schnell zum Ziele zu kommen!

Woran benfen Sie benn auf einmal?" riß bie Frage Walters sie aus ihren Gebauten, bem ihre plötzliche Zerstreutheit nicht entgangen war.

Ich benke nur baran, was es wohl Besonderes fein mag, bas Sie mir sagen wollen, wenn ich zu« rück bin , erroiberte Olga geschickt, inbem sie sich wie absichtslos vorbeugte.

Was bas ist, wollen Sie wissen..."

Walter Branb stockte. Wie schon am Vorabend ergriff ihn bie Leibenschaft zu Olga Willnoff wie ein brennenber Rausch. Er sah bas Locken in ihren Augen, verführerisch brang plötzlich ber seltsame Parfümgeruch, ber Olga anhaftete, zu ihm her­über, umnebelte seine Gebauten, seine klaren Sinne. Immer näher beugte sich Olga vor. Seltsam schimmerten, lockten ihre Augen. Einen Augenblick noch sah er bas kupferglühenbe Haar bicht vor sich. Daun umfaßte er Olga mit leibeuschaftlicher Kraft, hob sie von ihrem Sessel auf, erstickte sie in leiben« schaftlichen Küssen.

Aufatmeub schloß Olga Willnoff die Liber.

Heißer Triumph erfüllt sie.

VI.

Unerwartet hatte Witteruugsumschlag eingefeffl.

In weichen großen Flocken fiel Schnee unb beckte ben braungrauen Kohlenstaub langsam zu, ber ben Siebluugshäusern rings um ben alten Tagebau berGrube Margret" sonst ein so trauriges, ver­lassenes Aussehen gab.

Immer bichter schichtete sich der Schnee, immer mehr weiße Helligkeit erfüllte bie sonst so häßliche unb abschreckenbe Einobe bes ©rubengelänbes. Aus bem Schueefelb lugten bie unzähligen Grubeulichter bes Tagebaues.

Es würbe Abenb.

Am Raub ber Straße wartete ein kleines Ka­briolett. In ihm Douitz, Dr. Rammelts Chauffeur, Der ben faüenben Schnee unb bie bereits einfefeenbe Dämmerung mit nicht gerade gut gelaunter Miene begrüßte. Der Heimweg war lang, unb ihm graute vor der glatten Straße. (Fortsetzung folgt)

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