Ein Leben lang im Dienst
-er deutsch - französischen Verständigung.
Aus den politischen Erinnerungen Pierre de Coubertins, des Erneuerers der Olympischen Spiele.
Der Wiedererwecker der Olympischen Spiele, der anläßlich der glanzvollen Berliner Tage jetzt wieder von der ganzen Welt gefeiert worden ist, hat immer betont, daß der edelste Sinn der Olympischen Spiele der friedliche Wettkampf der Nationen sei, die gegenseitige ritterliche Achtung und d a s gegenseitige Verständnis der Völker, zu dem der Sport erzieht. Durch seine persönlichen Beziehungen zu führenden Männern der französischen Politik, unter anderen besonders zu D e l c a s s 4 , war es ihm auch möglich, im Sinne der Völkerverständigung sein ganzes Leben lang praktisch tätig zu sein. Es erscheint darum von be- sonderer.l Interesse, was dieser Mann im Novem- berheft der in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinenden „Europäischen Revue" aus dem reichen Schatz seiner Erinnerungen über die deutsch-französischen Beziehungen vor dem Weltkrieg zu sagen hat. Wir geben die wichtigsten Abschnitte seiner Ausführungen wieder.
„Es waren damals (1900) schon zwei Jahre verflossen, seit Thöophile D e l c a s s 6 , der zuerst Kolonialminister gewesen war, dieses Amt mit dem dem Außenministers vertauschte, und er sollte es auch bis 1905 behalten ... Obwohl er in den ersten Jahren mit der Faschoda-Affäre, der diplomatischen Vermittlung zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten sowie mit anderen näher oder ferner liegenden Fragen beschäftigt war, ging er doch gleich daran, in den Hauptzügen sein „großes Werk" zu entwerfen, das darin bestand, eine Annäherung an Italien zu vollziehen, die möglichen Streitpunkte zwischen Frankreich und England zu beseitigen und das letztere zu einer freundlicheren Haltung Rußland gegenüber zu veranlassen, kurz, seine Politik in Richtung auf jene englischfranzösisch-russische Triple-Entente zu verfolgen, die kurz zuvor am Quai d'Orsay in einer wenig bekannten, aber sehr wichtigen Unterredung von Cecil Rhodes umrissen worden war, dessen Vorschläge der Minister von damals mit Geringschätzung angehört hatte.
Schon am ersten Tage, an dem Delcassö zu mir von seinen dahin zielenden Plänen sprach, erwiderte ich ihm: „Nun schön! Und was machen Sie mit Deutschland?" Er blickte mich erstaunt an: „Aber", erwiderte er, „das berühre ich ja gar nicht: in alledem liegt nichts, was gegen Deutschland gerichtet wäre. Das Ganze soll rein defensiv sein." Er war, dafür kann ich mich verbürgen, vollkommen aufrichtig mit diesen Worten, aber er wollte nicht begreifen, daß wenn auch das nach wie vor so mächtige Deutsche Reich keine direkte Schmälerung erfahren würde, die Verwirklichung eines solchen Planes für das Reich doch eine i n - direkte Schwächung mit sich bringen mußte und daß das Mindeste, was man tun konnte, das Ergreifen von Vorsichtsmaßregeln war, um die Reaktion in Berlin abzudämpfen. Von diesem Augenblick an hörte ich nicht auf, Delcassö zuzusetzen, daß er sich zu meiner Meinung bekehrte...
Indessen hatte ich die Empfindung, daß nach
Schließung der Weltausstellung von 1900 der Himmel sich wieder mit Wolken zu beziehen begann. Und das beunruhigte mich. Das glich einem jener „contredanses“ von früher, wo ein Tänzer zurücktritt, während sein Gegenüber einen Schritt vorwärts macht und umgekehrt. Als der Minister des Auswärtigen zu einem offiziellen Besuch auf dem Landwege nach Petersburg reiste, mußte er über Berlin fahren. Ich versuchte, ihn zu überreden, sich dort einige Stunden aufzuhalten. Er wandte ein, daß man ihn „nicht eingeladen" habe, aber man konnte ihn nicht einladen, ohne zu wissen, ob er annehmen würde. Das war eines jener Dinge, die die diplomatischen Gepflogenheiten mit Leichtigkeit zu regeln vermögen, ohne daß man sich dabei eine Blöße gibt. Ich glaube, daß er in Petersburg Mißfallen zu erregen befürchtete, und meine Argumente konnten ihn nicht überzeugen — was ich immer bedauert habe.
Ein anderes Mal wies ich ihn darauf hin, wie lächerlich es fei, daß her Kronprinz, der mit der Herzogin Cäcilie von Mecklenburg verlobt war, die in Cannes wohnte, nach Florenz fahren mußte, um sich dort mit der Prinzessin zu treffen, statt sie einfach in Frankreich sehen zu können. Dieses Mal stimmte er dem notwendigen Entgegenkommen zu, aber auf eine allzu zögernde und diskrete Weise, als daß man ihm dafür Dank gewußt hätte. Als ein wenig später die Hochzeit stattfand, wurde eine französische Abordnung nach Berlin geschickt, an deren Spitze General de L a c r o i x stand, der damals für den Posten des Oberbefehlshabers ausersehen war. Offiziell wurde die Abordnung unfreundlich empfangen, in kaum angemessener Form: aber sobald die Feierlichkeiten vorüber waren, wurden ihrem Führer von feiten des Kaisers die liebenswürdigsten Freundlichkeiten zuteil. Der General hat es 'mir in der Folgezeit selber erzählt.
Alle diese Nuancen der Hin und Her schienen mir weder Frankreichs noch Deutschlands würdig zu sein und vor allem im Widerspruch zu den Interessen beider Mächte zu stehen. Man hätte offnere und deutlichere Verbindungen zwischen beiden herstellen sollen. Man hätte sie damals schaffen sollen, als sich noch keine schwerwiegenden Fragen stellten — und zwar auf solche Weise, daß man sie erleichtert hätte, wenn sie einmal auftauchten. Und unter diesen gab es eine, an die ich unaufhörlich denken mußte. Ueber kurz oder lang mußte die Frage der Erbfolge in Oesterreich mit allen bedrohlichen Risiken akut werden, die sie bedingte. Ich hatte sie am 8. und am 14. Januar 1903 je in einem Leitartikel des „Figaro" unter den Ueberschriften: „Das Problem Mitteleuropa" und „Was werden wir tun?" behandelt. Meine Schlußfolgerung stand völlig jm Widerspruch zur Meinung der Mehrzahl der .Leser des „Figaro", rechtsstehende Leute, die noch auf die alte Festlandspolitik eingeschworen waren, während ich deren Aufgabe zugunsten eines verstärkten Kolonialismus predigte. Ich habe eben diese Artikel
^orvle einige andere Schriften wieder gelesen, die um die gleiche Zeit abgefaht wurden: ich wüßte nichts daran zu ändern. Ich bin weiter der Ueber« zeugung, daß eine Politik, die in aller Stille nach dieser Richtung hin verfolgt worden wäre, den Krieg von 1914 hätte vermeiden und eine dauerhafte und fruchtbare Festigung guter französisch - deutscher Beziehungen hätte vorbereiten helfen, die seit je für mich den Eckstein des allgemeinen Friedens bildeten und immer bilden werden ..." B.
Bücheriifch.
— Wilhelm Hausen st ein: Buch einer Kindheit. Zehn Erzählungen. 264 Seiten. Ganzleinen Preis 5,80 Mark. Societäts-Verlag Frankfurt a. M. — (403.) — Hausenstein, der als Kunsthistoriker und als Schilderet deutscher Landschaft den Lesern der Unterhaltungsbeilage als Mitarbeiter seit langem gut bekannt ist, tritt mit seinem neuen Buch zum erstenmal als Erzähler vor die Oeffentlichkeit. Es find Kindheitserinnerungen, die, ohne Zwang zusammengefügt, ein ergreifendes Bild jener Welt ergeben, die unser aller verlorenes Paradies ist. Es sind Geschichten, vom Vater und Großvater, von Schulkameraden und kuriosen Begegnungen, über die der ganze Zauber des frühen erwachenden Lebens gebreitet ist, des ersten Erstaunens, des großen Schmerzes und des starken Glaubens. Es war schon immer der Vorzug des Schriftstellers Hausenstein, daß er alle groben Mittel des Stils verschmähte, aber selten war feine Sprache so schlicht, so eindringlich, von einer so fast zeichnerischen Genauigkeit des Ausdrucks, von einer solchen Wärme des Gefühls. Und ohne den handlungsmähigen Effekt zu suchen, hat doch jede dieser Geschichten eine innere Spannung, die ihr über alles sorgfältig Beschreibende hinaus den Charakter der echten Erzählung gibt und die eigentümlich erregend das ruhige Fortschreiten des Berichtes begleitet.
— Norbert Jacques: Der Bundschuh- Hauptmann Joß. Roman. Preis in Leinen geb. 4 Mark. Verlag Ullstein, Berlin — (305) — Ein deutsches Schicksal aus der Zeit der Bauernkriege. Das Bild einer Führernatur voll fanatischer Besessenheit von seiner Sendung, einer Mischung aus Bauernschlauheit, politischem Weitblick und tiefster Religiosität. Eine bunte Fülle abenteuerlichen Geschehens läßt das wogende Auf und Ab einer aufgewühlten Epoche packend vor den Augen des Lesers erstehen. So ist das Buch zugleich ein farbiges Zeit- und Landschaftsbild des vorlutherischen Deutschland zwischen Bodensee, Oberrhein und dem Schwarzwald, wo noch die Burgen der Fürsten und Adligen drohend von den Bergen ins Land schauten und der leibeigene Bauer der „Arme Mann" war. Die Herzens- und Ehegeschichte des Hauptmanns Joß steht als ergreifendes Idyll inmitten des bewegten Geschehens.
— Noldin. Ein deutsches Schicksal. Dargestellt von Franz Rucker. Seinen 4,— RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München, 1936. — (306) — Die Geschichte unseres Volkes ist reich an Männern, die ihr Leben bedingungslos zum Opfer brachten für ihr Vaterland. Einer dieser Männer war Josef Noldin, Vorkämpfer des Deutschtums in Südtirol. Für das geliebte Land, das feit mehr als tausend Jahren urdeutsch ist, nimmt er nach dem Zusammenbruch den Kampf auf, als es feine Freiheit verlor.
Nichts kann ihn beirren; denn „das Persönliche kommt erst in zweiter Linie, zuerst das, wofür man kämpft". Als unerbittlicher Fechter für die Idee der deutschen Schule und den Schutz seiner Muttersprache wird er dem Südtiroler Volt zum Führer. Man warf ihn nicht nur ins Gefängnis, sondern verbannte ihn ohne gerichtliches Urteil zu mehrjährigem Zwangsaufenthalt auf die Sträflingsinsel Lipari. Seine erschütternden Aufzeichnungen aus dieser Zeit der Not sind ein unwiderlegbares Dokument des unverdienten Leidens und Sterbens wehrloser Deutscher. Denn er kehrte, zwar unerschüttert in seiner Gesinnung, aber körperlich ae- brochen in die Heimat zurück. So starb er, ein Anwalt des Deutschtums in Südtirol.
— Charlotte Brock: Max Reger als Vater. 36 Seiten. N. G. Elwertsche Verlagsbuchhandlung (G. Braun), Marburg a. d. L. — (360) — Charlotte Brock (Lotti Reger) hat zum 20. Todes- tage des Meisters dieses kleine Erinnerungsbüchlein „im Andenken an meine Mutter Elsa Reger, der wir unsere Adoption verdanken", herausgegeben: es soll nicht die Schilderung der Kindheit der Verfasserin geben, sondern die Gestalt Regers, wie die Kinder ihn als Vater erlebten, herausheben und den Herzen der Jugend nahebringen. Die liebenswürdige, mit einigen Photos ausgestattete kleine Schrift scheint uns dazu angetan, das Bild des Musikers Neger von einer kaum bekannten, rein menschlichen Seite her zu beleuchten und abzurunb"n.
Wetterbericht
des Relchswelkerdienstes. Ausgabeort Frankfurt
Mit der Zufuhr besonders milder Meeresluft hat sich über dem europäischen Festland in großer Ausdehnung neblig trübes Wetter und Regentätigkeit eingestellt. Vom Nordatlantik dringt aber jetzt kältere Luft nach, doch wird sie erst in der zweiten Wochenhälfte bei uns zur Auswirkung kommen.
Aussichten für Mittwoch: Vielfach dunstiges und überwiegend bedecktes Wetter mit Regenfällen, mild, südwestliche Winde.
Aussichten für Donnerstag: Vielfach neblig, sonst noch meist bewölkt, aber nur einzelne Niederschläge, beginnende Abkühlung.
Lufttemperaturen am 16. November: mittags 7,4 Grad Celsius; am 16. November: abends 7,9 Grad; am 17. November: morgens 4,4 Grad, Maximum 9,4 Grad, Minimum 1,5 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 16. November: abends 3,2 Grad Celsius; am 17. November: morgens 4,5 Grad; Mederschläge 2,4 mm.
Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. A. X. 36: 10 000- Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. und Samstags
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