Ur. 270 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Dienstag, (7. November (936
9. Ji.Spott
enttäuschten die Zuschauer nach der angenehmen Seite und hatten das Glück auf einen Tormann zu stoßen, der einen schwarzen Tag hatte. Sie gewannen verdient mit 6:2 Toren.
Zugendspiele der Spog. 1900.
Fußball für das Wmterhilsswett im Kreis Gießen £o(lord900 kombiniert - Gteinberg-VfB./R. kombiniert
Zugunsten der Winterhilfe tragen die obengenannten Mannschaften auf dem Trieb ein Spiel aus. Die Paarung dieser vier Mannschaften muß als gelungen angesehen werden. Die Lollarer, die in diesem Jahre sich gut in der Bezirksklasse behaupteten, werden zusammen mit den 1900ern eine einheitliche Elf abgeben. Da die Steinberger, trotzdem sie nicht mehr der Bezirksklasse angehören, durch ihre erzielten Resultate von sich reden machten, kann man überzeugt sein, daß die aus der Mannschaft entnommenen Spieler mit denen des VfB.-R. ebenfalls eine Mannschaft bilden werden, die auch in diesem Spiele kämpfen wird. Bei der Betrachtung beider Mannschaften ist man geneigt, dem Sturm der erstgenannten Kombination mehr als dem der anderen Kombination auf Grund ihrer Beweglichkeit zuzutrauen. Aber der Sturm der VfB.-R.-Stein- berger hat unbedingt die größere Wucht und Härte dem anderen Sturme voraus. Die Läuferreihe der VfB.-R.-Steinberger sollte ein kleines Plus gegenüber den Lollar-19OOern haben. In ihr stehen drei Techniker, die, wenn sie sich finden, durchaus in der Lage sind, ein großes Spiel zu liefern. Am interessantesten wird ohne Zweifel der Vergleich der beiden Verteidigungen sein. In dem Tormann Happel haben die VfB.-Steinberger einen Hüter von Klasse, der geschlagen sein will. Bei der Gesamtbetrachtung der Mannschaften kann man feststellen, daß auf dem Papier gesehen sie sich die Waage halten sollten.
Die Mannschaften.
Lollar-1900 :
Ziegler (L.) Zerler Lippert
in Watzenborn-Steinberg erzielte Unentschieden. Da es das erste Zusammentreffen der beiden Mannschaften ist, dürfte eine Vorhersage über den Ausgang des Spieles sehr schwer sein. Spielt Heuchelheim in der Form der beiden letzten Spielsonntage, könnte es au einem knappen Siege langen.
Vor diesem Spiel stehen sich die beiden ersten Jugendmannschaften der gleichen Vereine gegenüber. Die Heuchelheimer Jugend, die durch Abgabe verschiedener Spieler an die aktiven Mannschaften nicht die Stärke hat, wie im vergangenen Jahr, dürfte um eine Niederlage kaum herumkommen.
In Wieseü.
Zu Gunsten des WHW. spielen am morgigen Mittwoch die 1. Mannschaft der Fußballabteilung des Turnvereins Wieseck gegen die gleiche Mannschaft des Turnvereins 1846 Gießen. Das Spiel wird auf dem Wiesecker Sportplatz ausgetragen.
Oie Ergebnisse der Bezirksklasse.
VfB.-R. Gießen—Naunheim 0:1.
Bissenberg—1900 Gießen 5:1.
Burg—Lollar 4:1.
Dillenburg—Sinn 1:4.
Die Lollarer enttäuschten in Burg. Einen Sieg in dieser Höhe hatte man den Sinnern in Dillenburg nicht zugetraut.
Staufenberg I — Flensungen I.
Am Sonntag traten zum fälligen Verbandsspiel die Staufenberger erste Mannschaft und die erste Elf von Flensungen in Staufenberg an. Die Gäste
1900 1. Jugend — Leihgestern 1. Jugend 3:1. Einen schönen Sieg konnte die erste Jugendmannschast gegen Leihgestern erringen und sich damit zwei weitere wertvolle Punkte sichern. Man sah von beiden Mannschaften schön durchdachte Angriffe, die bei den Blauweißen zuerst zum Erfolg führten. Aber der Ausgleich ließ nicht lange auf sich warten. Auch nach der Halbzeit hielt das Spiel in unvermindertem Tempo an. Es wurde verbissen um die Führung gekämpft, jedoch macht sich dann eine Überlegenheit der Platzbesitzer bemerkbar, der durch zwei schöne Tore Ausdruck gegeben wird.
1900 2. Jgd. — Tuspo Wieseck 1. Jgd. 1:10. Die zweite Jugend trat mit nur neun Mann den Wieseckern gegenüber und hatte so schon von vornherein den Sieg verschenkt. Die Gastgeber dagegen spielten mit einem Eifer, der zu bewundern war. Als dann noch zwei Spieler den Platz verlassen mußten, war der Widerstand der Blauweißen gebrochen.
1900 3. Jgd. — Staufenberg Jgd. 3:0: Ihren Siegen reihten die kleinsten Jugendlichen einen weiteren schönen Erfolg an. Die Gäste boten in der ersten Halbzeit heftigen Widerstand und verhinderten jeden Erfolg der 1900er. Nach Seitenwechsel wurde das Tor Staufenbergs weiter belagert und dreimal konnte der Ball in das Netz befördert werden.
VfB.-R. Iugendfuhball..
VfB.-R. 1. Jgd. — Reichsbahn Rotweiß Frankfurt 1. Jgd. Am Mittwochmorgen haben die Gießener die Jugendmannschaft von Rotweiß zu Gast. Bei ihrem letzten Auftreten in Gießen hatte man Gelegenheit, das hohe Können dieser Mannschaft festzustellen. Diesem Gegner gegenüber haben die Platzbesitzer keinerlei Aussichten auf Spielgewinn. Dieses soll ja auch in diesem Spiel in den Hintergrund treten gegenüber der Aufgabe der Mannschaft, von diesem Gegner möglichst viel zu lernen.
Erhard Klinkel (L.) Lehrmund
Gabriel (L.) Löhr (L.) Kreiling (L.) Heilmann Heuser Felt (St.) Haas (St.) Heß Krämer Fehling Feuster Knaus Schmandt (St.) Jung (St.) Schwarz
Happel (St.)
D f B.- R.- S t e i n b e r g :
Gießener Stadtjugend — Borussia Fulda 1. Fugend.
Die Gießener Jugend will demgegenüber den Aktiven nicht zurückstehen, wenn es gilt, zugunsten des WHW. sich in den Dienst der guten Sache zu stellen. Zu diesem Zwecke hat man die 1. Jugendmannschaft von Borussia Fulda nach Gießen verpflichtet. Die Fuldaer Borussen sind im vergangenen Spieljahre Meister ihrer Klasse gewesen. Mit der Vertretung von Gießen hat man folgende Spieler beauftragt: Werner (1900), Schreier (1900), Goß (1900), Krieger (VfB.-R.), Kirchner (1900), Kurtz Möhl, Schlitz (VfB.-R.), Theiß (1900), Godglück (VfB.-R.), Weirauch (1900). Diese Vertretung sollte ihrer Zusammensetzung nach die augenblicklich stärkste Waffe von Gießen sein. Man hat gut daran getan, daß man die einzelnen Mannschaftsgebilde der Vereinsmannschaften ziemlich unverändert in die Mannschaft übernommen hat. Auf diese Art und Weise sollte die Einheit der Mannschaft gewährleistet sein. Man erwartet von den Gießenern eine große Leistung.
In Heuchelheim.
Auch in Heuchelheim findet ein Spiel für das WHW. statt, und zwar treffen sich die Mannschaften des SD. 1920 Heuchelheim und des Tv. Klein-Linden. Diese Paarung kann man als glücklich bezeichnen, denn beide Mannschaften stehen in den beiden Abteilungen der ersten Kreisklasse an führender Stelle, so daß die Zuschauer ein schönes Spiel sehen werden.
Heuchelheim muß auf einige bewährte Kräfte verzichten und Umstellungen vornehmen. Für die Spiel- stärke des Gegners zeugt das am vorletzten Sonntag
Unerwartete Ergebnisse im Handball Smikreis Gießen.
Auch der vergangene Sonntag hat wieder in allen Klassen eine ganze Reihe von unerwarteten Ergebnissen gebracht. So verlor der Tv. Wetzlar in der Gauklasse zwei wertvolle Punkte, in der Bezirksklasse überrascht das gute Abschneiden der Hochelheimer, und in der Kreisklasse endlich läßt der Punktoerlust — der erste übrigens — der Hörnsheimer aufhorchen.
Bezirksklasse.
Tv. Lützellinden — Tv. Heuchelheim 7:7 (4:3): Obwohl bekannt war, daß die Heuchelheimer Mannschaft zur Zeit recht gut in Fahrt ist, hatte niemand mit einem derartigen Abschneiden gerechnet. Es hätte vielleicht sogar noch zu einem knappen Sieg gelangt, wenn nicht ein Spieler herausgestellt worden wäre. Ueberraschend dürfte auch die Tatsache sein, daß in technischer Beziehung Heuchelheim im Vorteil war und daß die Platzbesitzer lediglich durch ihren übergroßen Eifer dieses Plus ausgleichen konnten.
Tv. Hochelheim — SpV. 1900 Gießen 8:9 (4:5): Viel besser, als man nach dem Ergebnis des Winterhilfespieles erwartet hatte, führte Hochelheim gestern sein erstes Verbandsspiel in der Bezirksklasse durch. Man hatte, und das nicht ohne Grund, mit einem hohen Sieg der Gießener gerechnet. Wenn die Sache nun anders kam, so lag das nicht nur daran, daß Gießen mit Ersatz den Kampf bestritt, sondern vor allem auch an dem Eifer, mit dem die Platzbesitzer zu Werke gingen. Hätten sie nicht bei einem Stande von 7:5 für Hochelheim einen Mann durch Herausstellung ver
loren, dann wären die beiden Punkte wahrscheinlich in Hochelheim geblieben.
Tv. Münchholzhausen — Tuspo. Marburg 6:7 (3:3): Man könnte verschiedene Gründe für das schlechte Abschneiden der Platzbesitzer angeben. Es soll sich aber darauf beschränkt werden, nur zu erwähnen, daß das Ergebnis keineswegs den Spielverlauf wiedergibt und daß ein knapper Sieg der Gastgeber am Platze gewesen wäre.
1. Kreisklasse.
Tv. Atzbach — Tv. Hörnsheim 7:6 (5:3): Daß die Hörnsheimer auch verlieren können, beweist dieses Ergebnis. Die Mannschaft trägt aber die Schuld selbst. Denn hätte der Sturm sein übertriebenes Jnnenspiel gelassen, dann hätten auch Tore fallen müssen So aber war Atzbach, das unbekümmert spielte, immer etwas im Vorteil und konnte, zumal auch die gegnerische Hintermannschaft Schwächen aufwies, seinen Vorsprung halten.
Tv. Dorlar — Tv. Holzheim 4:7 (1:5): Die Dorlarer haben eine ziemlich deutliche Niederlage einstecken müssen, die aber vollkommen in Ordnung geht. Holzheim war wieder einmal sehr gut in Fahrt.
Tv. Dutenhofen — To. Herborn 6:2 (5:1): Dieses Ergebnis gibt keinesfalls den Spielverlauf wieder. Denn beide Mannschaften waren sich in jeder Beziehung ebenbürtig. Nur an dem ausgezeichneten Torwart der Einheimischen schei- terten die bestgemeintesten Angriffe der Gäste. Mit diesem neuen Sieg ist Dutenhofen wieder um einen Schritt weitergekommen.
2. Kreisklasse.
To. Allendorf (Lahn) — To. Wetzlar II 2:8 (2:4): In diesem Spiel zeigten sich die Platz» besitzer wieder einmal von ihrer schlechtesten Seite. Ihnen gelang nichts, während Wetzlar schnell am Ball war und alle Durchbrüche auch entsprechend abschließen konnte.
To. Nauborn — Tv. Hausen 3:10 (2:6): Der Ehrgeiz, mit dem die Mannschaft Nauborns während des ganzen Spieles ihrem Partner ent« gegentrat, reichte nicht aus, um das Spiel günstig zu gestalten. Die Gäste waren wesentlich stärker und gewannen, wie sie wollten.
Tv. Londorf — To. Beuern 5:4 (1:4): Dieser Kampf, der außerordentlich hart war, zeigte zwei grundverschiedene Halbzeiten. Zuerst war Beuern stark in Front, um sich dann aber immer mehr zurückdrängen zu lassen. Ein unentschiedener Spielausgang wäre vielleicht am Platze gewesen.
Jugend.
To. Dutenhofen — Tv. 1846 Gießen 3:29;
Tv. Lollar — Tv. Allendorf (Lda.) 4:4 (1:1);
Tv. Lich — Tv. Lang-Göns 6:6 (3:3);
Tv. Wetzlar — Tv. Nauborn 15:1 (6:1);
To. Atzbach — Tv. Garbenheim 6:6 (5:2);
Londorf — Tv. Beuern 12:3 (5:1).
lieber die Stärke der Jungens des Tv. 1846 braucht nichts gesagt zu werden. Alle übrigen Ergebnisse nahmen den erwarteten Ausgang.
Tv. 1846 Gießen Sieger in Langen.
Vereinswettkampf an den Geräten.
„Eintracht" Frankfurt a. 7N. — Tv. 1846 Gießen — „Vorwärts" Langen.
Ein äußerst spannender Wettkampf an den Geräten fand am Samstagabend in Langen vor 1000 Zuschauern seinen Ablauf, aus dem die Mannschaft des To. 1846 Gießen (H. Herbert, L. Herbert, K. Reuter, K. Schick, M. Hardt und H. Gutbub) mit 386,5 Punkten vor To. „Vorwärts" Langen mit 383,5 und Tgmde. „Eintracht" Frankfurt a. M. mit 360 Punkten als Sieger heroorging. Schon am ersten Gerät, dem Barren, konnten sich die Gießener einen kleinen Vorsprung vor den Langenern holen, obwohl der Langener Barren mit seinen steifen Holmen für die Gießener schwer zu meistern war. (Gießen 93,5 P., Langen 92 und Frankfurt 81,5 Punkte.) Hier zeigte sich schon, daß der Kampf um den Sieg sich zwischen Gießen und Langen abspielen würde. Langen hatte eine über Erwarten gute, ausgeglichene Mannschaft, während Eintracht Frankfurt a. M. nach dem Auseinandergehen ihrer „Jahnriege" keine gleichwertige Mannschaft stellen konnte. Selbst wenn Ernst Winter mitgeturnt hätte, hätte sie den beiden andern Mannschaften kaum gefährlich werden können. Das zweite Gerät, Pferd- Seit, sah Gießen und Langen mit je 96 Punkten gleich, Frankfurt erzielte 84 Punkte; Gießen hielt also seinen Vorsprung. Nun turnten je 3 Mann jeder Mannschaft an den Ringen und die 3 anderen Freiübungen. An den Ringen konnte die Langener Mannschaft die Gießener einholen und sogar einen halben Punkt Vorsprung gewinnen (Gießen 47,5, Langen 49,5 und Frankfurt 48,5 Punkte). Aber Gießen holte mit den Freiübungen den Verlust wieder auf, so daß Gießen vor dem letzten Gerät — dem Reck — mit 289 Punkten, vor Langen mit 286 und Frankfurt mit 265 Punkten wieder an der Spitze stand.
Jetzt galt es, sowohl für Langen, wie auch für Gießen, das Beste herauszuholen, denn ein geringer
>inn!
Zum erfreu Male Gaste tm jungen Heim? Dann gleich zu Anfang Schaumwein geben. Schon ist alle Be« fangenheit verflogen!
Es ist noch fein Mister vom Himmel gefallen...
3um „Tag der deutschen Hausmusik" am 11. November
Erster Schritt in die Welt.
Beifällig nickt der Herr Hofkompositor Georg Reutter aus Wien, als er den Chor frischer, klarer Knabenstimmen beim Gottesdienst hört. Die ganze kleine Dorfkirche erfüllen sie mit ihrem Gesang und machen das Herz froh und weit. Ja, der hohe Herr vom kaiserlichen Hof versäumt nicht, dem Leiter des Chors, dem Dorfschulmeister Frankh, seine volle Zufriedenheit auszusprechen. Und nun rückt er mit einem besonderen Wunsch heraus. Da vorn in der ersten Reihe ist ein kleiner Bub, den möchte der Herr Schulmeister einmal herrufen.
„Seppl" schreit der Lehrer und schon steht das kleine Bürschlein vor den Männern. „Seppl, mach deine Reverenz vor dem Herrn Hofkompositor."
Gar nicht verlegen macht der Seppl seinen Diener, und der Herr Hofkompositor erfährt indessen, daß er den Neffen des Schulmeisters, der bei dem Lehrer in Pension ist, vor sich hat.
Der Seppl hatte vorhin besonders frisch und glockenrein gesungen.
„Büberl", fragt ihn der Herr aus Wien", kannst du auch einen Triller schlagen?"
„Nein, das kann mein Onkel auch nicht!" sagt der Seppl und bringt den Onkel in Verlegenheit. Der Lnkel und der Neffe scheinen sich nicht sehr zu lieben.
Nun macht der hohe Herr aus- Wien dem Seppl einen Triller vor. Der Seppl ahmt ihn nach, erst will es nicht recht gehen, aber beim zweiten Mal geht es schon besser und bald macht dem Buben das Trillern rechten Spaß. Noch größer aber ist die Freude des Herrn Hofkompositors.
„Bravo, Büberl", ruft er, „du kommst mit mir!' Und dann steckt er ihm einen Siebzehner zu, damit er sich zum Lohn für das bestandene Examen Kirschen kaufen kann. „ re
Der Zweck der Reise des Herrn Hofkompositors Georg Reutter aufs Dorf ist erfüllt. Er hat eine neue Stimme für den berühmten Chor der Wiener Sängerknaben am kaiserlichen Hof gefunden. Diese Stimme aber gehört dem kleinen Hufschmiedssohn, Joseph Haydn aus Rohrau, der damit seinen ersten Schritt in die große Welt tut. Später wird er diese Welt erobern. Der Weg dahin ist freilich noch hart und weit. Aber der Anfang ist doch gemacht
G e »st e r st u n d e.
Durch die stillen Straßen des nächtlichen Bonn hallt der Schritt zweier Männer. Ihre überlauten Stimmen und ihr nicht mehr ganz sicherer Gang verraten, woher sie kommen. Der eine ist Tenorist bei der kurfürstlichen Kapelle, der andere schlägt sich schlecht und recht mit Musikunterricht durch. Wer diese schweren Naturen näher kennt, wundert sich nicht, daß sie ab und zu in der Kneipe sich vom Druck des Alltags befreien wollen.
Jetzt schließt der eine der beiden eine Haustür auf. Laut fällt sie ins Schloß. Schwer stampfen die Schritte der Männer die Stiegen hinauf. Man meint, sie streiten sich, so heftig diskutieren sie. Es muß sich um eine musikalische Frage handeln, denn jetzt wird der Deckel eines Klaviers zurückgeschlagen, ein paar Akkorde klingen auf. Dann wird es ganz ruhig.
Und dann schlurfen Schritte über den Gang, rauhe Worte und dazwischen Weinen verraten schnell, daß im Nebenzimmer ein Kind aus dem Schlaf gerissen wird. Unsagbar hart empfindet das Kind die Zumutung des Vaters, sich jetzt ans Klavier zu setzen, und kaum kann es das Schluchzen unterdrücken, als nun der Musiklehrer Pfeifer anfangt, Unterricht zu geben. Trübe Geister scheinen umzugehen, und Wort und Klang erscheinen unnatürlich und gequält.
Aber unmerklich geht eine Verwandlung vor sich. Der Knabe am Klavier hat seine technischen Uebun- gen verlassen und beginnt, anfangs unter der Leitung des Lehrers, dann aus Eigenem, Klänge zu gestalten, Melodien zu formen, Akkorde zu suchen. Die Männer verstummen und wissen selbst kaum, was ihnen geschieht. Nicht der Alkohol hat sie bezwungen. An dem Spiel des Knaben ist etwas, das stärker ist als tye düstern Geister der Mitternachtsstunde.
Morgen am hellen Tag wird er wieder barsch und hart sein, der Musikus Johann Beethoven, in dieser Nachtstunde aber ahnt er dunkel die Erfüllung alles dessen im Sohne, was ihm selbst das Schicksal zu seiner Qual versagt hat. Und eine scheue Ehrfurcht überfällt ihn, die Ehrfurcht vor dem Titanen, der in dem Kind, in seinem Kinde sich zu regen beginnt.
Wiener Walzer.
Was so ein überfülltes Wiener Mietshaus doch für Geräusche hervorbringt. Durch die Fenster, durch die Türen, durch die Wände, von überall her dringt der Lärm zu dem Mann mit der Geige, der sich vergebens um seins Aufgabe müht. Immer wieder beginnt er eine etwas altmodische Walzer
melodie zu spielen, immer wieder kommt er gerade bis zur Coda, und dann bricht er ab, denn der Schluß, den er verzweifelt sucht, will sich nun einmal nicht einstellen. Man müßte aufhören, morgen wieder probieren, aber bis morgen zur Redoute soll ja der neue Tanz schon fertig fein. Bestellt ist bestellt, und ein Tanzgeiger mit einer großen, ewig hungrigen Familie kann sich die vornehme Kundschaft nicht verärgern.
Also, noch einmal! Seufzend nimmt der Mann die Geige wieder zur Hand und beginnt zum so und sovielten Mal die ersten Takte seines neuen Walzers zu spielen. Bis zur Coda geht es, aber dann ist wieder alles aus...
Aber nein, da pfeift jemand, und er pfeift genau das, was der Geiger braucht. So erfreut ist der Mann, und so erleichtert, daß er sich zuerst gar nicht nach dem Retter aus Kompositionsnöten umsieht, sondern erst einmal den nun fertigen Tanz durchspielt. Dann freilich schaut er auf und ist nicht wenig überrascht, seinen eigenen Buben neben sich zu finden. Ja, das ist ein Köpfchen, der Johann, hat seinem Vater mit seiner Pfeiferei diesmal richtig aus der Schlamassel geholfen, kann eben mehr als Schularbeiten machen ...
„Aber jetzt geh, laß mich in Ruh..." meint der Alte und schiebt den Jungen zur Tür hinaus. Noch einmal beginnt er dann den neuen Walzer durchzuspielen. Da begleitet ihn eine zweite Violine. Was ist denn das schon wieder ...?
Das ist, daß der kleine Johann wieder im Zimmer aufgetaucht ist, diesmal mit einer Geige, und mitten im Spiel des Vaters mit der Begleitung eingesetzt hat.
Plötzlich herrscht Stille im Zimmer, unheimliche Stille.
„Vater", sagt der Junge, „sei nicht bös, ich weiß, du hast mir das ©eigen verboten. Aber ich muß doch spielen, und da hab ichs heimlich gelernt..."
Da bricht es aus dem Alten hervor. Alles, bloß das nicht! Tanzgeiger werden wie der Vater? Alles kann der Junge werden, aber Tanzgeiger ... niemals. Dieses Hungerleiderleben, diese Schinderei zu anderer Leute Vergnügen, dieses Elend unter allem Glanz, dieses Lächelnmüssen, wenn das Herz verzweifelt ist...
Rasend wird der Alte, wenn er sich das alles vorstellt, sein eigenes Leben und den Sohn, der das alles auch ■ mmal durchmachen will. Er reißt dem Jungen das Instrument aus der Hand, knallt ihm eine Ohrfeige herunter und stürzt aus dem Zimmer. Krachend fällt die Tür zu.
Noch schluchzt der Bub, da geht die Tür wieder leise auf. Die Mutter tritt herein. Sie sagt nichts,
aber sie fährt dem Kind tröstend übers Haar. Und dann geht sie zu einem Schrank und kramt eine alte Geige hervor, ja, es ist sogar eine Geige des Vaters, und gibt sie ihrem Buben. „Da!" sagt sie bloß, und vielleicht handelte sie erzieherisch nicht recht...
Aber der Bud hieß Johann Strauß.
Fred Lang.
Gibt es noch unbekannte große Tiere?
366 000 verschiedene Tierarten hat die Wissenschaft bisher gezählt und in Schriften und Bildern festgelegt. Da erhebt sich die Fraae, ob es heute, nachdem die Erde überall erschlossen scheint und durch die moderne Technik auch die entlegensten Gebiete zugänglich geworden sind, noch große unbekannte Tiere gibt. Die Frage wird zu bejahen sein, wenn man sich vergegenwärtigt, welche neuen Tierarten erst in den letzten Jahren entdeckt worden sind. So hat, wie die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" schreibt, der 26 Jahre alte Zoologiestudent Ernst Schäfer, der bereits vor einigen Jahren Forschungen in Tibet vorgenommen hatte und vor kurzem von einer neuen zweijährigen Forschungsreise in dieses rätselvolle Land zuruckgekehrt ist, in schwer zugänglichen Schluchten des oberen Jangtse das Z w e r a b l a u s ch a f entdeckt und auch sonst eine große Beute an zoologischen Seltenheiten mitgebracht. Man muß auch an das vor einigen Jahren in den Sümpfen des inneren Kongostaates entdeckte Okapi erinnern, das Aehn- lichkeit mit Giraffe und Zebra hat, aber eine gänzlich neue Tierart darstellt. Auch das Grevy-Zebra, das in den Berglandschaften Südabessiniens gefunden wurde, unterscheidet sich wesentlich von den bisher bekannten Zebraarten durch einen besonders großen und plumpen Eselskopf mit großen Ohren und'einer auffallenden Streifung des Felles. In Jnnerafrika spukt bei den Eingeborenen ein Märchen von einem riesenhaften Reptil; sie vergehen vor Furcht, wenn sie mit zitternder Stimme von diesem Ungeheuer erzählen. Auf der Insel Java ist aber tatsächlich vor nicht zu langer Zeit eine bisher unbekannte Riesenschlangenart gefunden wor« den, die in ihrem Aussehen und durch ihre Größt wirklich Angst einflößen konnte. Auf der Insel Sumatra wurden Riejennashörner entdeckt, die sich beträchtlich von den afrikanischen unterschüd?n. Merkwürdige kurzbeinige Hundearten und Rinder fanden sich auf den großen Sundainseln, und der seltsame Riesenvogel „Abu Markub", den man in den Sümpfen des Weißen Nils fand, ist auch erst in den letzten Jahren bekannt geworden.


