Nr. 2Y§ Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 16. Dezember (936
Freizeiistunden in der Gießener Artillerie-Kaserne.
Ein Besuch bei Rekruten und Alten Männern.
Seit acht Wochen nun tragen die Rekruten des Jahrgangs 1936 das Ehrenkleid des deutschen Soldaten. In schöner Kameradschaft steht ihnen Der „ölte Knochen" zur Seite, der noch im vorigen Frühjahr nicht geahnt hatte, daß der Dienst mit der Waffe als Auszeichnung ihm ein zweites Jahr befchieden sein werde. Mit beiden eng verbunden in joldatlscher Kameradschaft erfüllen die Offiziere und Unteroffiziere ihren Dienst als Waffenträger der
Aber vom Dienst soll in diesem Zusammenhang einmal nicht weiter gesprochen werden. Geschütz- und Karabinerexerzieren, Fußdienst, Reiten und Pferdepflege, Fahrübungen, Appelle mit den verschiedensten „Brocken" als soldatische Selbstverständlichkeiten unter des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr, seien hier nur angedeutet. Reben der militärischen Ausbildung wird der junge Soldat natürlich auch mit dem Zeitgeschehen bekanntgemacht, wozu der regelmäßig stattfindende weltanschauliche Unterricht in ausgiebigem Maße Gelegenheit bietet. Dadurch bleiben die Soldaten in ständiger enger Verbindung mit den Geschehnissen im Vaterland und in der Welt, sie können die Weite ihres Blickes vertiefen und erhalten und dadurch an der Aufbauarbeit des gesamten Volkes ständig inneren Anteil haben. Heute möchten wir jedoch einiges davon erzählen, wie unsere Jungs der Gießener Artillerie-Abteilung (III/Art.-Regt. 9) ihre Freizeit verbringen, und wie sie jetzt bei den Vorbereitungen zur Weihnachtsfeier sind.
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Ein trüber, regenfeuchter Dezembertag neigt sich dem Abend zu. Im Dämmerlicht ist nur noch eine Abteilung auf dem Kasernenhof beim Fußexerzieren zu sehen. Wir besuchen in Begleitung des Abteilungs-Adjutanten eine Gruppe Artilleristen, die in einem Speisesaal im Wirtschaftsgebäude mit dem Einüben der wunderbaren Komposition „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" beschäftigt ist, die bei der Weihnachtsfeier die Stunde verschönen soll. Ein rechter Soldat kann vieles; er kann nicht nur singen, sondern er kann, wenn er neben dem militärischen Schneid mindestens noch gutes musikalisches Gehör hat, auch einen Männerchor einüben; den Beweis dafür liefert der Wachtmeister, der hier in der Ar- tilleriefaferne den mehrstimmigen Chor mit feinen Männern einpaukt; ein Soldat am Klavier und ein „Landser" mit der Violine helfen dabei wacker mit. Man sieht es den Männern an, daß sie mit Begeisterung bei der Sache sind und daß ihnen
dieser Beitrag zur Verschönerung der Weihnachtsfeier jetzt schon innerlich Freude bereitet.
Wir wandern dann wieder einmal — wie schon oft vor Wochen und Monaten — durch die Mannschaftsgebäude der Kaserne. Erneut können wir uns erfreuen an der ausgezeichneten Unterbringung unserer Artilleristen. Da sind die schönen, großen und hellen Mannschaftsstuben; sie sind mit militärischer Schlichtheit eingerichtet, aber freundlich und anheimelnd in ihrer ganzen Aufmachung, hygienisch vorbildlich und außerdem durchweg gut geheizt. Da findet der Besucher nichts mehr von qualmenden und rußigen Defen, keine Spur mehr von düsteren Petrolumlampen, wie man derlei Dinge vor dem Kriege in den Kasernen hatte. Durch die Zentralheizung werden die Stuben und die Korridore in angenehmer Weise erwärmt, und helle elektrische Beleuchtung macht auch in den dunkeln Abendstunden den Aufenthalt in den Stuben sehr angenehm. Daß unsere neuen Kasernengebäude auch wunderbare Wasch- und Duschräume, sowie alle übrigen sanitären Anlagen in neuzeitlicher Einrichtung innerhalb der Gebäude haben, ist von uns bei früheren Gelegenheiten schon geschildert worden, es sei aber hier noch einmal erwähnt.
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Reben den Wohnräumen und den Gesundheitseinrichtungen können die Artilleristen innerhalb ihres Hausblocks aber auch andere Annehmlichkeiten genießen. Beispielsweise sind freundliche Lesezimmer eingerichtet worden, in denen die Soldaten, Unteroffiziere und Mannschaften kameradschaftlich ungezwungen beieinander, nach dem Dienst des Tages ihrer geistigen Erholung leben können. Da sitzen sie in einem schönen Lesezimmer beieinander, dessen Tische freundlich gedeckt sind. Das Zimmer wird durch Hänge- und Stehlampen erhellt, es weist bequeme Stühle auf und besitzt — außerdem als wertvollen Wandschmuck Gemälde und Bilder, die von der Stadt Gießen in anerkennenswerter Weise zur Ausschmückung der Räume zur Verfügung gestellt wurden. Wer von den Feldgrauen keine Lust zum Lesen hat — obwohl Zeitungen, Zeitschriften und Bücher auch in unserer Artilleriekaserne reichlich vorhanden sind — der kann sich im Lesezimmer mit einem gleichgesinnten Kameraden beim edlen Schachspiel prächtig unterhalten. In dem angenehm erwärmten und durch seine Aufmachung sehr freundlichen Raume können unsere Soldaten schöne Stunden der Ocrholuna verbringen.
Andere Männer vertreiben sich die Feierabendzeit auf den Mannschaftsstuben. Gegenwärtig sieht man in den Stuben den lichtergeschmückten Adventskranz als besonderen Zimmerjchmuck. Bei dem Schein der Kerzen sitzen die Jungs am Abend beisammen und basteln irgendwelche Sachen für die gemeinsame Weihnachtsfeier; andere wieder sind schon erfüllt von der weihnachtlichen Vorfreude, denn sie haben bereits spitz bekommen, welcher Art ihr Weihnachtsgeschenk ist, das ihnen die Batterie aus irgendwelchen Quellen beschafft hat; da sieht man z. B. eine nette Rasiergarnitur, oder ein Paar schöne Hosenträger, Briefpapier und andere hübsche Sachen. Gemütlich sitzen die Kameraden der Stube beim gemeinsamen Abendessen an ihrem Tische, über dem der Adventskranz mit seinen leuchtenden Kerzen hängt und die Weihnachtsoorfreude in die Herzen der jungen Soldaten bringt
Wie bei jeder berittenen Truppe, so ist natürlich auch bei unserer Gießener Artillerieabteilung die Freundschaft zwischen Mann und Pferd besonders innig. Es ist immer wieder eine Freude, wenn man — wie wir z. B. am gestrigen Dienstagabend — bei einem Gang durch die Ställe sieht, mit welcher außerordentlichen Liebe und Sorgfalt die jungen Soldaten um ihren Kamerad Pferd bemüht sind. Und was einer da nicht weiß, das verraten ihm die anderen, und gemeinsam erhöhen sie ihr Wissen und ihre Kenntnisse über das Pferd, wobei ein solcher vierbeiniger Kamerad aus seiner Box auch einmal in die Stallgasse herausgeholt wird, um hier unmittelbar als Gegenstand des Lernens zu dienen. Das geht auch in einer freien Viertelstunde so vor sich, denn ein rechter Soldat — und das wollen doch alle unsere jungen Rekruten und auch die „alten Knochen" samt und sonders sein — ist immer bemüht, seine militärischen Kenntnisse über Waffen und Tier soweit wie nur irgendmöglich zu vertiefen.
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Und nun ein Wort über die Kameradschaft in unserer Artilleriekaserne. Es ist nur zu sagen, daß die kameradschaftliche Verbundenheit unter den Gießenern Jüngern der heiligen Barbara vorbildlich ist. Jeder Vater und jede Mutter, deren Sohn seiner Dienstpflicht bei dieser Truppe genügt, kann versichert fein, daß ihr Junge in dieser Gemeinschaft von Offizieren,. Unteroffizieren und Mannschaften gut geborgen ist, weil eben überall das ungeschriebene Gesetz der Soldatenkameradschaft vornehmste Richtschnur für alle ist. Wir haben uns bei unserem
gestrigen Besuche mit zahlreichen Rekruten unterhalten. Da waren neben bedächtigen auch ville uxe Jungs anzutreffen; als Landsleute der engeren Heimat ein Landwirtssohn aus Berstadt bei Hungen, Landwirtssöhne aus Rieder-Ohmen und Liederbach im Kreise Alsfeld, ein junger Soldat aus Gießen, ein anderer aus Löhnberg bei Weilburg, einige aus der Büdinger und der Franfurter Gegend, ein junger Kamerad aus Fulda, der ein besonders humorgesegneter Junge ist, der seine Stube schon morgens um 4.30 Uhr beim Wecken durch Mutterwitz und zünftigen Humor in prächtige Laune versetzt und in der gleichen lustigen Weise noch am Abend seinen Mann steht; aber auch die „alten Knochen", die ihr zweites Dienstjahr nun als Stubenälteste ober sonst als beispielgebende Soldaten in besonderer Weise auszufüllen haben; und schließlich die mit den jungen Mannschaften in engster Wohngemeinschaft lebenden Unteroffiziere — sie alle miteinander machen, ungeachtet der selbstverständlichen Wahrung der militärischen Disziplin, den erfreulichen Eindruck einer einzigen, großen, in harmonischster Gemeinschaft lebenden Familie. Man kann wiederum die erfreuliche Feststellung machen, daß die Offiziere, die eine derartige Truppe führen, mit Freude und Stolz auf ihre Soldaten blicken können, deren Formung und Erziehung im weitesten Sinne diesem Worte ihr gutes Werk ist.
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Von allen jungen Soldaten, die als Rekruten oder als alte Männer mit Eifer ihren Dienst erfüllen, kann man immer wieder hören, daß sie gern Soldat geworden sind und sich im Militärleben wohlfühlen. Diele von ihnen haben denn auch die Absicht, länger als die gesetzlich vorgeschriebeuen zwei Jahre zu dienen. Diese freudige Bereitwilligkeit bekunden schon Rekruten, die in den wenigen Wochen ihres Soldatseins bereits die hohen Werte und die Freuden des Waffendienstes so reich schätzen gelernt haben, daß bei ihnen der Wille zum Kapitulieren jetzt schon vorhanden ist. Und noch eine weitere Feststellung ist bei den Unterhaltungen mit den Rekruten von besonderem Interesse. Man hört nämlich übereinstimmend, daß ihnen die Ausbildung im Arbeitsdienst für ihre Militärzeit außerordentlich gut zustatten kommt und daß sie durch diese gute Vorbildung den Kameraden, die die Schule des Arbeitsdienstes nicht kennengelernt hatten, in mancherlei Dingen des militärischen Dienstes um einige Längen voraus sind. Diese Wahrnehmung stellt der segensreichen Einrichtung des Arbeitsdienstes ein neues, glänzendes Zeugnis aus, denn sie offenbart, daß in den Kolonnen mit der erdbraunen Uniform auch nach dieser Richtung hin ein sehr wertvolles Stück Aufbauarbeit zum Besten der jungen deutschen Generation geleistet wird. Gerne sprechen daher die jungen Soldaten von ihrer Dienstzeit im Reichsarbeitsdienst. Uebrigens kann man diese fruchtbare Arbeit auch an dem schneidigen Marschtritt und an den schönen Marschgesängen erkennen, wenn die Formationen des Arbeitsdienstes, oder die Abteilungen der jungen Rekruten schon nach wenigen Wochen ihres Militärdienstes in bester Marschdisziplin durch die Straßen ziehen.
So gewinnt man bei einem Besuche in tier Freizeit unserer Gießener Artilleristen nach mancherlei Richtung immer wieder wertvolle Erkenntnisse und beste Eindrücke von den jungen Soldaten, denen durch die Großtat unseres Führers der reiche Segen
K Haben Sie gern Gä[ie ?
Dann setzen Sie iW diesmal Schaumwein vor. Sie werden überrascht fein, was der für Talente zum Vorschein bringt.
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Links: Ruhestunde im Lesezimmer. — Rechts: Beim Abendessen in der Mannschaftsstube mit dem Adventskranz. — (Aufnahmen |2j: Pfaff, Gießen.)
ZU Er ier-
Die Weihnachtsgans
Don (Sorge Spervogel.
„Rein. Drei Mark und Schluß."
„Und du willst sie auch nicht, Wellern?"
„Rein. Fünf Mark und weg damit."
„Tscha, dann geben Sie her", sagt Hickfank dem Fremden und zählt nach: eins, zwei, drei, greift in die Tasche und zählt weiter: vier, v
fünfzig, sechzig, siebzig, achtzig, neunzig, fünf.
„Fünf Mark, Wellern. Hier!"
Wellern zählt nach. „Stimmt."
„Dann kann er ja weiterfahren, nid)?"
„Jawoll "
„Gegen Hickfank? Den kennt er. Dem läuft er aus Bekanntschaft nach."
„Ja, ja", brummt Hickfang und reibt die Fußspitze an seinem Bein.
„Einerlei. Die Gans hat sich gegen meinen Wagen geworfen, und dafür kann ich nichts."
„Sich selbst gegen den Wagen geworfen? Hickfank, hat sie sich gegen den Wagen geworfen? Hickfank!"
„Hier war ich", sagt Hickfank, „und er der Ganter, meine ich, hier. Und der Wagen kam so. Da wußte er wohl nicht, wo er hinsollte, der Ganter, meine ich, und da hätte er höchstens —"
„Ich habe keine Zeit", unterbricht ihn der Herr. „Behalten Sie Ihren Ganter. Hier haben Sie drei Mark für den Schaden. Ich betone aber, daß ich schuldlos bin und der Bursche verdient hat, was ihm geschehen ist."
„Was soll ich denn damit", sagt Wellern Dühr- kopp und versetzt dem Ganter einen verächtlichen Tritt. „Fünf Mark, dafür können Sie ihn mitnehmen."
Hickfank läuft das Wasser im Munde zusammen. So eine Gans für fünf Mark! Was für ein Braten! Er würde genügen, alle acht Mäuler feiner Familie zu Weihnachten satt und zufrieden zu machen — ohne die Keulen! Die Keulen in den Rauch und das Schmalz in den Topf ... Hickfank wiegt den Kopf und spitzt die Ohren. *
„Drei Mark, keinen Pfennig mehr. Ich brauche keine überfghrene Gans."
„Fünf Mark, und id) will von der Gans nichts mehr wissen!"
Der Herr hat keine Zeit mehr und öffnet den Wagenschlag.
„Hier geblieben!" brüllt Wellern. „Hickfank, hol den Gendarm!"
Vadder Hickfank schrickt auf. Braten, Keulen, Leber, Schmalz und Daunen .. acht hungrige Mäuler, und Weihnachten vor der Tür. Was muß zum Feste alles her? Da ist an keinen Braten zu denken, was kostet ein Braten für acht!
Vadder Hickfank legt sein Rad auf die Erde. „Sie wollen die Gans nicht haben?" fragt er den Herrn.
Was tut Wellern Dührkopp den lieben Tag lang? Er geht mit der Sonne ums Haus. Rach dem Kaffee sitzt er auf der Morgenbank, nach dem Frühstück auf Der Bank an der Tür, nach Mittag auf der Bank unterm Busch, nach der Vesper auf der Milcheimerbank und am Abend wieder auf der Bank an der Tür. Wellern Dührkopp kann sich das wohl leisten. Was soll ein alter Mann nicht in der Sonne sitzen und seinen Tabak wegschmöken? Das soll er gern, wenn er den Hof seinem Jungen abgegeben hat Aber Wellern sagt, erst soll ihm einer zeigen. Daß es bessere Köpfe gibt als seinen, Dann will er Den Altenteilvertrag gern unterschreiben.
Ein warmer Spätherbst, über dem Bach jenseits Der Straße beginnen die Mücken in Schwärmen zu tanzen Mücken im Dezember. Sie tanzen über den Gänsen, die am Ufer umherstehen und ihr Gefieder putzen. Vadder Hickfank, der von der Arbeit auf Feinem Rade den Sommerweg entlangkommt, weiß, was nun geschehen wird. Er sieht zur Seite: der alte dicke Dührkopp sitzt auf der Milcheimerbank und tut so, als gehörte ihm kein riesiger grauer Ganter, vor dessen Flugeihieben ieder Hund im Dorfe ausreifet, und als vernehme er nichts davon, wie er nun mit Zischen und Trompeten au den kleinen Hickfank losgeht. Indem kommt schnell und leise ein glanzvolles, prächtiges Auto heran, sein $)orn brüllt auf, daß d°r Gant-r zusammenfahrt und den Radfahrer nur nach eben schnell m den Arhuh iwickt um sich nun unter dem Geschrei ®rn^Oän|e bem neuen Feind entgegenzustürzen Wieder brüllt das fiorn. die Bremsen kreischen aus Der Ganter will auffliegen, ^mächtigen Flügel dazu^ läßt "e? aus ftlnern" vorgesUeckte7 Halse ein
Ast, unk dann MÄÄ neiäqi unb der dicke graue Ganter oallstandig tot
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„Und die ©ans ist meine."
„Von mir aus", sagt der Herr und lacht.
„Jawoll", sagt Wellern Dührkopp.
Was für eine Gans! Hickfank hebt sie auf. Eine Gans für acht.
„Eck heww mien Willen fregen", knurrt Wellern, als der Wagen anfährt, steckt die Pfeife an und geht wieder hin zur Milcheimerbank.
„Er auch", sagt Hickfank. „Und ich auch", fügt er vergnügt hinzu.
Was für eine allmächtige Weihnachtsgans! Zwei Mark, ist das ein Geld dafür?
„Wenn wir alle Engel wären."
Lichtspielhaus.
Wenn wir .. mir find aber nicht ... jedenfalls nicht alle von uns. Und bestimmt nicht die, die so tun oder so aussehen. Zum Beispiel der Kanzleivorsteher Christian Kempenich, der in einem kleinen Moselstädtchen ein beschauliches und unbescholtenes Dasein führt. Richt daß ihm geradezu Flügel wüchsen, aber als er eines Tages zur Kindtaufe bei Verwandten nach Köln fährt,'hat er wahrhaftig die besten Absichten. Bloß hinterher, schon auf dem Heimweg vom Familienfest durch die Hohe Straße, da reitet ihn der Teufel (obwohl es erst bloß Neugier ist, aber mit der Neugier fängt es meistens an) — und bann nimmt die Sache ein böses und unvorhergesehenes Ende. Er wird da in eine Sache verwickelt, welche nach und nach die übelsten Folgen zeitigt und ihn am Ende in Gestalt von peinlich amtlichen Aktenstücken verfolgt und bedroht — als Beamten wie- als Ehemann. Verheiratet ist er nämlich auch, und Lügen und Leugnen macht das Abenteuer immer größer und legt ihn schließlich richtig rein. Aber nicht ihn allein. Denn seine junge, nette Frau hat die Abwesenheit ihres Mannes dazu benutzt, um bei schönstem Wetter einen Ausflug auf der Mosel zu machen — und zwar auch ohne Nebenabsichten. Jedenfalls ist es nicht ihre Schuld, daß sie nicht allein in Koblenz ankommt, wo mittlerweile der letzte Zug weg ist. Unangenehmer ist die Eintragung ihres Gemahls im Fremdenbuch eines Kölner Hotels, und am allerunangenehmsten, daß in diesem Hotel in jener bewußten Nacht aus einem Zimmer die Bettwäsche gestohlen wurde. Zwar werden Kempenichs dieses Diebstahls schnöderweise ganz zu Unrecht bezichtigt, aber in der Verhandlung kommt ja nun am Ende alles an den Tag: freilich nicht, wer den Diebstahl beging, aber wer in der Nacht nach Himmelfahrt nicht in feinem angestammten Bett geschlafen hat. (Worin er zwei
fellos, ohne vergeblich nach einem Alibi suchen zu müssen, gewesen wäre — wenn wir alle Engel wären.) Das konnte ja nun alles auch ein bißchen anders ausgehen, als es hier zuguterletzt geschieht; aber darauf kam es diesmal nicht an, sondern der Regisseur Carl Froelich, einer der ersten des deutschen Films, hat sich ein Vergnügen daraus gemacht, das Abenteuer zwischen Rhein und Mosel mit Witz und Laune bis in seine letzten Konsequenzen auszumalen. Für die Art feiner Inszenierung scheint uns interessant und charakteristisch, zu erfahren, daß sein Drehbuch nur ein schmales Manuskript darstellte. Froelich kam es darauf an, die Atmosphäre einzufangen, die Umwelt zu zeigen, in der so ein Ausflug ins Abenteuer Umschlägen kann; dabei mußte er seinen Darstellern möglichst freie Hand lassen; wir hören z. B. von einer größeren Szene im Atelier, die der Autor Heinrich S p o e r l (samt Dialog) auf einer einzigen Schreibmaschinenseite untergebracht hat. Der hierin angedeutete improvisatorische Stil kam vor allem Rühmanns Darstellung zugute, der als Kempenich hier so recht in seinem Element ist. Er erlebt das Abenteuer auf eine unnachahmliche Weise: wie er sich reinreitet, wie er sich rauszuschwindeln versucht, wie er sich in peinlicher Verlegenheit windet, sich schamhaft versteckt, um alsbald wieder hochzukommen und „anzugeben", — das muß man gesehen haben. Leni Marenbach als Frau Kempenich war früher in Darmstadt beim Theater, kann aber nicht verleugnen, daß sie Rheinländerin ist, und das paßt hier gerade hin: sie kann sprachlich und temperamentsmäßig davon Gebrauch machen und macht es vorzüglich. Harald Paulsen ist (als kleiner Gesangslehrer) auch in die Geschichte verstrickt und bestä- tigt aufs neue seine überraschende darstellerische Vielseitigkeit, seinen Sinn für Humor und nebenbei aud) seine Herkunft von der Operette. Von den übrigen seien Will Dohm (Kommissar), Paul M e o e r o w (Amtsrichter) und Lotte Rausch als rheinische Dienstmagd Maria mit Anerkennung hervorgehoben. — Der Film, mit den Prädikaten „staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" ausgezeichnet, erschien bei der Tobis Europa.
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Im Beiprogramm sieht man eine interessante Fox-Wochenschau, einen Werbefilm für die Arbeitsbeschaffungslotterie, außerdem einen sehr aufschlußreichen Bildstreifen „Der Spiegel aus Papier", der als volksbildender, kulturell wertvoller Lehrfilm in lebendiger Form Dem Beschauer einen Einblick in die geistige und technische Arbeit eines großen deutschen Zeitungsbetriebes gewährt und der Aufmerksamkeit aller Besucher angele'gentlid) empfohlen sei. Dr. Hans Tyriot.


