Kr. 190 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 15. August 19Z6
voller
zschreibung neue Gesichts- Naturanschauung ebenso
Oer König schreibt an den Rand
Eine Sedenlausstellung im Geheimen Staatsarchiv, Berlin.
Oberbayerisches Tagebuch.
Don Sans Thyriot.
Am Tegernsee, im August.
des Königs in langen Friedensjahren. Nichts war ihm zu gering, als daß er sich nicht darum kümmerte. Wenn er auf Besichtigungsreisen ging, führte er handgeschriebene st a t i st i s ch e Aufzeichnungen mit, wohl die ersten ihrer Art, in denen genau aufgeführt war, wieviele Häuser der besuchten Städte und Dörfer mit Ziegeln und wieviele mit Stroh und Schindeln bedeckt waren. Andere Tabellen gaben ihm genaue Auskünfte über die Zahl der Einwohner, Männer und Frauen, über die ansässigen Gewerbe, wobei er Wert darauf legte, zu erfahren, wieviel Meister und wieviele Gesellen in den einzelnen Gewerben beschäftigt waren. Die Einfuhr von Maulbeerbäumen ließ er sich persönlich angelegen sein, Gartenpläne entwarf er selbst, für die Entwürfe von Regimentsfahnen liegen Zeichnungen von seiner Hand vor, und besonders scheint ein verfrühter Pferdekauf einmal seinen Aerger erregt zu haben. Mit energischen Lettern schrieb er an den Rand: „wer die Ferde bestellt hat, mach Sie bezahlen."
Einmal weilte er in Pyrmont. Zum Schluß seines Aufenthalts ließ er sich eine Liste all der Leute vorlegen, die auf ein Trinkgeld rechneten. Bei jedem Namen schrieb der Alte Fritz ein, wieviel Trinkgeld der Betreffende erhalten sollte, nicht ohne hier und da seinem Unwillen über einzelne Empfänger Luft zu machen. So erhielten die Frau, die das Kaminfeuer legte, 4 Dukaten und die, die die Allee reinfegte, 3 Dukaten. Beim Apotheker vermerkte er: „Spitzbüberei! Soll haben vier Dukaten", und beim Kurarzt, Brunnenmedicus Hofrat Seipr „Fünfzig Dukaten, so er mit nichts verdienet!"
Heuer deutscher Lebensstil
Don Wilhelm v. «Schramm.
äußere Glätte der Umgangsformen, das Auftreten entscheiden, sondern die Tat, die Leistung, das Werk, die Früchte, an denen man die wahren Edlen erkennen kann. Wahrhaftig, frisch, herzhaft, echt: Das sind die stilistischen Merkmale der neuen Gesellschaft, die eine Gemeinschaft auf Leben und Sterben werden will.
die ein neues Zeitalter in der preußischen Geschichte eingeleitet haben: „Die Religionen müssen alle tolerisiert werden und muß der Fiskal nur das Auge darauf haben, daß keine der anderen Abbruch tue, denn hier muß ein jeder nach seiner Fa^on selig werden."
In andern Ditrinen liegen Dokumente aus dem Siebenjährigen Krieg, die erschütternd sind durch die menschliche Größe, die aus ihnen spricht. Dor der Schlacht bei Zorndorf erließ Friedrich eine „Ordre an meine Generals, wie sie sich im Fall zu verhalten haben, wann ich sollte totgeschossen werden." Darin heißt es: „Ich will das nach Meinem Thot keine umbstaende mit mihr gemacht werden, man Sol mihr nicht oefnen Sondern Stille nach Sansouci bringen und in meinem Garten begraben lassen. Diesses ist mein letzter Wille ..." Dann jedoch fährt die Ordre m genauen Anweisungen fort, wie die Armee im Falle einer verlorenen Schlacht gerettet werden soll.
Nach der Niederlage bei Kunersdorf gibt der König einen Augenblick lang alles verloren. In einem erschütternden Briefe schildert er den Umfang der Katastrophe, und eine Anspielung auf eine eigene Krankheit darf man wohl mit den Dergi tungsabfichten des Königs in Zusammenhang bringen. Abgeschlossen wird dieser Teil der Ausstellung jedoch mit Unterschrift und Siegel Mana Theresias unter dem Frieden von Hubertus b ur g. _
Nicht weniger eindringlich find die Aeuherungen
: rücke verwirrt zu werden. *
Erst hier, in der ländlichen Stille und fenenma- >,igen Beschaulichkeit des Standquartiers am Xe- , .ernfee, beginnt sich das Panorama einer auf we- ! ige Tage zusammengedrängten Biwer flucht irecht iu entfalten und gehörig zu ordnen. Die Alte $ma btbef: eine Sammlung von tmponierenöer aßeit chichtigkeit und gehaltvoller Gleichmäßigkeit des Leberblicks über die Meisterwerke ber ffielL Un- crgeßlich daraus — neben vielen höchst anziehen Den Einzelheiten — die einsamen Glpf P es Dürerfchen Altarwerkes, jene großen, vergei- liqten und farblich so bezwingenden Apostelfiguren mi Kleinen Kabinett, vor denen man Viertelstunden mng verweilen kann und nach schweifendem . :;ang immer wieder andächtig zuruckkeyrt ...
Und dann Rubens, Rubens in solcher @r 6 9
»it einer nicht mehr nur durch ihre Formate - sättigenden Bilderfolge, daß man an mem einigen Vormittag ein völlig neues, völlig veränderns Verhältnis zu dieser Malerei gewinnt. Fast Rührung wird man vor den Bildnissen d r H . eourment gewahr, welcher Heiden -
’rit der von Temperament, Bewegung und chaftlichkeit sprühende Künstler und Grandseigneur ichig gewesen sein muß.
k e m p e r s Arie „Nun vergiß leises Flehen" mit dem köstlichen, uns noch tagelang begleitenden Refrain, ... „ein Adonis, ein kleiner Narziß .
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Neben dem Menschenandrang in allen übrigen Ausstellungen wirkt die nachmittäglich hallende Leere im Theatermuseum der Residenz fast beklemmend. Freilich ist dies hier, wie wir zugeben wollen, in erster Linie eine Sache für Spezialisten, für Bühnenmenschen, Leute vom Bau, für reisende Schauspieler und Literaturstudenten. Obwohl wir uns vorstellen können, daß die so überaus lehrreichen und handlichen Bühnenmodelle der berühmten Kösterschen Sammlung auch den durch Zufall hierher verschlagenen Laien reizen müßten, em wenig Kulissen zu schieben, an Drähten zu ziehen und Schräubchen zu drehen, um für em paar Minuten, selbstvergessen zurückgesunken in den paradiesischen Zustand kindlichen Puppentheaterspiels, „mit bedächtiger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle" zu wandeln mit bunten Figurinen und wunderlich verzerrten Masken. Und eine leise Erschütterung müßte, so scheint uns, auch den fremdesten und zufälligsten Besucher überkommen, wenn er vor einem armselig-abgewetzten Möbel steht, das die Aufschrift als den Schreibtisch ausweist, an roel- chem Schiller den „Wallenstein" schrieb ...
Aber es gibt auch eine Menge minder klassischer, kleinerer, heiterer, mehr beiläufiger Eindrücke und Begegnungen in München ... man kann auf dem Odeonsplatz stehn inmitten eines bunt wimmelnden Taubenschwarmes und sich von zutraulichen Sögeln das Futter aus der Hand picken lassen: wer Phantasie hat und das Bedürfnis spürt, mag die Augen schließen dabei und sich vorstellen, er sei auf der Hochzeitsreise in Venedig ... man kann durch den Englischen Garten lustwandeln und im Chinesischen Turm — „kinesisch", sagen die Eingesessenen — Kaffee trinken ... man ckann sich am hellen ©ec« grün der schnellfließenden Isar freuen lange Zeit, dem Figurenreigen beim Glockenspiel am Rathaus- turm zusehen, eingekeilt in einen beängstigenden Fremdenstrom, ... und man soll sich für einen warmen, sonnigen Nachmittag nach Nymphenburg en - führen und sich einfangen lassen von der Weltraumigkeit einer fürstlichen Anlage, in der Architektur und Natur, Schlichtheit und Großartigkeit sich zu einer höchst vollendeten Einheit verbinden.
Zu den Sehenswürdigkeiten von München — um auf etwas ganz anderes zu kommen - gehört überraschenderweise auch die Kartoffel. D r 9 lichkeiten sind unendlich viele: du kannst im Pschorr speisen oder Mathäser, beim Bauemgirgl oder im Bürgerbräu, im Spaten oder beim Franziskaner unb überall ist es flut und reichlich, appehHt« “n‘ nicht teuer. Aber das Schwemerne unb ®^te türmt sich zu gewaltigen, rosig bampfenben ®ebir_ gen vor bir auf, auch schwimmt es S-leflenttich > der Soß, und du bekommst em wenig Kraut dabei.
Montag jährt sich zum 150. Male der Todestag Friedrichs des Großen. Das Geheime Preußische Staatsarchiv in Berlin-Dahlem hat aus diesem Anlaß Urkunden aus der Zeit des großen Preuhen- königs hervorgeholt und in einer fein geordneten Ausstellung der Öffentlichkeit unterbreitet. Es ist ungewöhnlich lohnend, sich in diese vergilbten Blätter zu vertiefen, die meist die Schriftzüge des großen Königs selber tragen: gewinnt man doch aus diesen schnell und temperamentvoll hingeworfenen Randbemerkungen ein lebendigeres Bild der Herrscherpersönlichkeit, als aus manchen dicken Geschichtswälzer. Dabei sind Dokumente von erheb- lichem historischem Interesse in der Ausstellung der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht.
So findet sich dort das Todesurteil gegen Ka11e, zu dem Friedrich Wilhelm I. u. a. geschrieben hat: „Ob er schon vorher verdienet gehabt, mit gluehenden Zangen gerissen und aufgehaenget zu werden, er dennoch in Consideration seiner Familie mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht werden soll." Daneben liegt das Protokoll über das erste Verhör des Kronprinzen unmittelbar nach seiner Verhaftung mit dem Bekenntnis des Kronprinzen, die Wahrheit ausgesagt zu haben. Küstrin und Rheinsberg, das Manuskript des „Antimachiavell" erscheinen unter Glas und die ersten Schriftzüge des jungen Königs unmittelbar nach der Thronbesteigung. So stehen da mit flüchtiger und von Erregung zitternder Hand geschrieben die berühmt gewordenen Satze,
Ein heißer und unbändiger Zorn hat ihn zeitlebens gegen die Bürokratie erfüllt, und die Randbemerkungen, die er auf die Vorlagen des Direktoriums schrieb, sind nicht nur in ihrer er- frischenden Sprache ein lebendiges Zeugnis der Genialität des Königs, sondern auch ein deutlicher Beweis für den Papierkrieg, den er in langen Friedensjahren zu führen gezwungen war. Da heißt es z. B.: „Sie sollen mihr fordersamtwegen die Remissions einschicken und nicht so faul seindt, nicht so viel reisen, sondern mehr arbeiten, auf das bei Sachen, dar es so höchst nöhtig ist, das prompte hülfe geschihet, solches nicht versäumet wirbt." Und anläßlich der unzulänglichen Vorschläge bei einer Ueberschwemmungsgesahr: „Das Direktorium weis vihl, was Ueberschemmungen Seindt, sie lassen got ein guten Man seindt, und wen Sie nuhr lange Schlafen, vihl essen und wenig arbeit haben, So ist ihm alles gleich."
Einmal kommt ihm im Jahre 1755 eine Sache zu Gesicht, die seit 1752 unerledigt geblieben roar. Der König schreibt an den Rand: „wie können jetzunder Sachen von 52 vohrkommen? das ist nicht erlaubet und zeiget eine große Negligeance. es ist gar nicht erlaubet. So abscheulich faul zu seindt." Und als dem König einmal anläßlich einer Butterknappheit vom Direktorium die Aufhebung des Butterzolls unterbreitet wird, schreibt der König an den Rand: „Es fehlet an Brodt und nicht an Butter und Scheinet es, als wen das Directo- rium alle alte princips schon über ein Hausen werfen wallte."
Wenn der König sie nicht bewilligte, gab es keine Gehaltszulage. Und er sah sich die Gesuch- steller genau auf ihre Verdienste hin an. Ein Kammerdirektor erhielt vom König folgenden Bescheid: „1200 Rth. ist genug vohr einen Direktor: sie müssen erst was guhtes machen. Was hat der Schurcke bis dato gethan? nichts. Davohr tagt er keine Zulage." Und einem Geistlichen, der mit den gleichen Wünschen gekommen war, schrieb der König auf feine Eingabe: „Die Apostelen haben gar kein tractement gehabt. Der Priester ihr reich ist nicht von dieser Wett." Dr. Hellmut Magers.
über, sie gab der Ge punkte und änderte wie die gesamte deutsche Weltanschauung. Sie ließ 'ein Gebiet des öffentlichen Lebens beim alten, weil iie nicht nur eine politische Revolte, sondern chöpferische Umbildung bedeutet. 3n dem »egonnenen Prozeß wird auch die private Sphäre «icht unangetastet bleiben — sie braucht nicht aufgehoben zu werden, wie man bisweilen forderte, aber sie muß den Anschluß an die großen öffent- iichen Pflichten und Aufgaben gewinnen. Mit der lationalsozialistischen Revolutton änderten sich selbst-
.erständlich auch die täglichen Umgangsformen und as Verhältnis von „Mensch zu Mensch".
Grundsätzlich wäre zu sagen, daß es im neuen ? Deutschland nicht zuerst Menschen, sondern Deutsche ibt. Das heißt: Der allgemein-menschliche, Huma- .istische oder humanitäre Standpunkt ist einem ölkischen gewichen. Der gegenseitige Verkehr, er Umgang, die Umgangsformen werden nicht mehr vom einzelnen und der Rücksicht auf den inzelnen bestimmt, sondern von der Volks- e meins chaft her. Damit gibt es auch wieder iine Rangordnung, zugleich aber auch eine Gleich- eit, die in der Gemeinschaft des Blutes, der Ahnen nd Ueberlieferungen begründet ist. So steht der Deutsche heute dem Deutschen näher als ehemals er Mensch dem Menschen. Während gestern Fenschheit und Völkerbund ein Traum, eine Illusion, nd nicht einmal eine schöne Einbildung bedeuteten, iü)t heute die Volksgemeinschaft auf der konkreten Tatsache des einheitlichen Blutes und der ihm innewohnenden Artung und Gesittung. Sie bedeutet ilnen biologischen Realismus, der der gesamten Stil- und Geisteswandlung im 20. Jahrhundert ent- oricht.
I Die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts alte die ihr gemäßen Umgangsformen, die in □rem Ursprungsland Frankreich zu höchster Doll- «ibung gediehen waren — in Deutschland sind sie -ne ganz heimisch geworden. Denn bei uns fehlte liie g'cichmachende Voraussetzung der französischen Revolution. So blieb hier die Höflichkeit im französischen Sinn, die Politesse, etwas nur Angenommenes und Aeuherliches. Sie entsprach nicht dem deutschen Wesen. Sie erzog, weil sie erzwungen war, vielfach zu Falschheit und Lüge. Seit dem luffommen der Jugendbewegung hat die Jugend Förmlichkeiten immer energischer abzuschütteln veracht, ohne freilich zunächst neue deutsche, eigen- wüchsige Formen dafür zu schaffen.
Jetzt aber, im Zeichen der politischen Neugestal- !umg Deutschlands, beginnen sich auch d i e neuen ümgangsformen zu bilden. Der Ton ist Wischer geworden. Die Geltung des einzelnen be- - immt nicht mehr das Geld. Sein Ansehen, sein Einfluß, seine Schätzung unter den Volksgenossen üchtet sich nicht mehr in erster Linie nach seinen •nateriellen Gütern ohne Rücksicht darauf, wie sie rroorben wurden, sondern nach seinem inneren Wert, seinen Führereigenschaften, seiner Leistung :irs Große upb Ganze. Man ist sogar gegen eine Aeihe von reichen Leuten mißtrauisch geworden und hat sie ihres illegitimen Fürstentums entkleidet, weil he zwar lebten und leben ließen, aber doch ihren Reichtum nicht als Verpflichtung betrachteten. Die Standesunterschiede, die in Wirklichkeit nur Besitz- unterschiede gewesen sind, gelten nicht mehr. Dafür liilt der Kerl, ber Deutsche, der Mann, die eigen- wüchsige, schöpferische Persönlichkeit. Nicht mehr die gesellschafttichen „Verbindungen , die
morgen gemärten, sondern von langer Hand in die Wege geleitet: Elemente a 11 p r e u ß i s ch e n Geistes, im Rittertum des Ordensstaates begründet, durchdrangen sich mit dem Sttl ter Jugendbewegung, die selber aus dem Erbe der deutschen Romanttk kam. Dem Nationalsozialismus ist die Synthese zwischen diesen beiden, nur scheinbar unvereinbaren Gegensätzen gelungen: er hat auch den Sport wieder beseelt und den Sportgeist völkischen Tradittonen verbunden. Das Leben ist freudiger, hoffnungsvoller und bei aller äußeren Willenanspannung, wie sie die Zeit erfordert, doch innerlich freier und entspannter geworden. Das ganze Volk ist in besserer (Stimmung; es hat die Fesseln der Kleinlichkeit, des falschen Gemütes, der sentimentalen Verweichlichung abgeworfen. Es ist im Norden nicht mehr so starr und barsch, wie es im Süden präziser und akkurater geworden ist.
Mit dem nordischen Geist kommt auch das ritterliche Erbe des deutschen Blutes wieder zu seinem Recht. Diese ritterliche Verpflichtung wird auch den Ton gegenüber den Frauen bestimmen, der auf kameradschaftliche Verehrung abgestimmt werten wird, nachdem die Frau in ihrem Kreis wieder die nächste Helferin und Gefährtin des Mannes geworden ist. Diese Ritterlichkeit wird auch eine neue Achtung vor dem Gegner mit sich bringen — nicht die Achtung vor Ungeziefer, sondern die rechte Einschätzung des Feindes, ter einem zur eigenen Bewährung und Prüfung vom Schicksal gegeben ist. Klarheit und edle Nüchternheit werden die höheren Umgangsformen des deutschen Lebens bestimmen. Auf ber anderen Seite werten Humor und gesunde Lebenslust um so stärker zur Geltung kommen, je mehr es der werdenden Volksgemeinschaft gelingt, die Vergötzung des Geldes aufzuheben und den übersinnlichen Mächten zur Herrschaft über die deutsche Seele zu verhelfen.
ganz obendrauf aber ober schüchtern am Ranb, wie einen zufälligen unb eigentlich überflüssigen Zierat, inbeft bu zwei Kartöffelchen, wenn du Glück hast; vielleicht auch nur eines oder gar ein halbes. Unb an solche Portionen und Proporttonen müssen sich allerbings unsere etwas nördlicher orientierten Mägen erst gewöhnen.
Uebrigens waren alle Lokale, wo wir gegessen haben in biesen Tagen, am Mittag wie am Abenb, zum Brechen voll. (Bis auf eine einzige Mus- nahme, unb bie war bementsprechenb erheblich üppiger unb erheblich teurer.) München ist nämlich, wie sich ferner halb herausgestellt hat, auch bie Stabt ber Fremben unb bes sommerlichen Fremben- verkehrs. Wer ba glaubt, es habe sich Heuer alles in Berlin auf bie Olympiabe konzentriert, ber ver- suche etwa in München auf Anhieb ein Zimmer in einer Pension zu finben — sprich „Pennsiohn" —: er wirb sich wundern.
Unter den Fremden hinwiederum stellen die Engländer (auch wohl Amerikaner; das ist nicht immer zu unterscheiden) einen beträchtlichen Prozentsatz. Sie kommen einzeln, in Trupps, in Familien, in Reisegesellschaften, in Sonderzügen und riesigen Rundfahrtautos. Sie bevölkern den Hofgarten unb ben Obeonsplatz, bie Theatinerkirche unb ben Park von Nymphenburg; sie lassen sich die Dürerfchen Apostel von einer ©tubentin auf englisch vorführen unb die Privatgemächer König Ludwigs II. von einem biederen Münchner in blauer Dienstmütze auf oberbayerisch; ich weiß nicht, wovon sie mehr gehabt haben.
Es gibt auch Holländer und Franzosen unb an- bere Äuslänber, bie man nicht gleich erkennen kann, unb es ist {ebenfalls ein Idyll, wenn einer von diesen mit seiner Frau im Brau zu Nttttag essen will; sein gastronomischer Sprachschatz scheint über den Schlachtruf „Glas Bier!" nicht h.nauszu- reichen, unb er fährt mit feinem Zeigefinger verzweifelt auf ber ellenlangen Speisenkarte umber Aber bie Kellnerin ist ein rettender Engel. Und man sollte nicht versäumen, ihr unb allen ihren Kolleginnen insgesamt ein Lob zu spenben, das nicht nur durch den Magen geht, sondern von Herzen kommt. Ueberaü findet man sie — abrett unb sauber in Schwarz unb Weiß, flink unb gc- roanbt, immer freunbliq unb aufmerksam.. - auch im ärgsten Gewühl.
Der zweite Sonntag im August ist ber schönste unb sommerlichste Ferientag, ben wir bisher hat- ten: warm unb blau und wolkenlos. Das trifft sich aut, denn er wird im ganzen Tegernfeer Tal als „Tag des Gastes" festlich begangen. Gleich zum Frühstück begrüßen dich deine Wirtsleute mit herzlichem Händedruck und überreichen dir eine Ansicht deines Ortes und ein bürgermeisterliches Schriftstück mit den besten Wünschen für eine gute Erholung. Blumen stehen neben deiner Kaffeetasse und im Zimmer auf dem Tisch, und bu fühlst blch
Stil unb Lebensform der SA. ist zum gemeindeutschen Vorbild geworden, von dem aus auch das gesamte Privatleben umgestaltet wird. Die Lebensauffassung ist zuversichtlicher, härter, viel weniger förmlich, aber dafür auch praktisch hilfsbereit. Floskeln und überflüssige Formalitäten wer- ten in steigendem Maße zurückgedrängt. Es gibt wohl Abstand, aber nur Abstand, ber auf frei- williger Anerkennung beruht. Nicht bei Gelagen unb Gastereien werben Jnteressen-Gemeinschaften unb „Brüderschaften" geschlossen, wie es früher üblich war, sondern die Kameradschaft ergibt sich von selbst durch das gemeinsame Ziel, die gemeinsame Leistung, das gleiche Erlebnis. Männliche Zucht herrscht wieder in deutschen Landen. Ein heroischer Zug macht den einzelnen wiederstandsfähiger, fester, zuverlässiger und zugleich elasttscher. Man weiß wieder ja oder nein zu sagen. Man macht einander nichts vor und verabscheut die gesellschaftliche Lüge, die doch nur Betrug und Feig- heit bedeutete. Man mag in der Abwehr des Gestrigen zuweilen allzusehr den Naturburschen unb rauhen Kämpfer hervorgekehrt haben, aber wo beutsche Soldaten unb Streiter sind, setzt sich immer sehr bald gegenüber dem Landsknecht der ritterliche Geist unb die ritterliche Art der deutschen Ueber- lieferung durch. Ein neuer Knigge, Umgang mit Deutschen, sollte geschrieben werden.
Ein Aufatmen geht durch das deutsche Volk, seitdem sich der neue Lebensstil durchzusetzen begonnen hat. Er ist eine merkwürdige Einheit von Disziplin und Freiheit, knapper Unmittelbarkeit und humor-
" Kameradschaft. Er ist nicht von heute auf
Die deutsche Neugestaltung macht vor keinem Lebensgebiet« halt. 6k ergriff nach ter Dolittl die Dichtung, sie ging auf die Künste und Wissenschaften
Ader mir wollen unb können möglich
_ine Geschichte ber Münchener Kunstgen si u Sehenswürdigkeiten schreiben; das h nauer Saebeter unb im Katalog bequemer nidfältiq ^lur «n paar 'Perlen, aufgerecht an der M-MN« ätzenden unb funfelnben Kette ber xierlid>cn über: bie „^igaro-^uffübrung in ber Ä"- nraHo nnn 5 bi« 205 Mark, aber nahezu Hestspielpreise von 5 bis 20 m^rr, unter völlig ausverkauft. Dies war das schönste unter Helen schönen Erlebnissen ""b Beg 9 neberein= ezaubernbe Heiterkeit, die oollkvm -immung von Musik und ^odlung, ^rie - nb Gesang, von Bewegung, Kostüm »stimmten n einer musterhaft geschlossenen unb 9 Aufführung ... das Finale des ersten Aktes, Y
als Gast willkommen und geehrt und bist ganz gerührt, denn dies ist dir bisher noch nicht wider- fahren. Unb noch ehe bu beinen Kaffee ausgetrun- fen hast, beginnt schon ber Blumenkorso ber Autos rund um den See.
Und der See zeigt an biesem Tage fein freundlichstes Gesicht: er ist so hell unb sauber und spielt, leise vom Wind bewegt, von klarem Seegrün bis ins tiefe Himmelblau. Bei uns in Gmund beginnt ber Korso, vorüber am Wahrzeichen ber Gemeinte, ber entzückenben kleinen Kirche, beren schlichte Fassade, in einem ganz hellen, verblichenen Rosa so zärtlich mit dem dunklen Schiefer ber bayrischen Turmzwiebel zusammenklingt. Don hier geht es über Quirin nach Tegernsee; wenn man mit bem Boot übern See fährt, liegt es ba wie aus ber Spielzeugschachtel ausgeschüttet, aber wenn man hinkommt, finbet man einen großzügigen Kurbetrieb mit Promenabe unb erstaunlichen Kostümierungen, mit Fünfuhrtee und Tanzturnier und einen Wagenpark aus aller Herren ßänbern. Auch oberhessische Wagen sinb dabei; da und dort sieht man sogar ein bekanntes Gesicht. Die Welt ist klein. Im übrigen bedeutet das ominöse Zeichen H. B. im Nummernschild ausnahmsweise nicht Hof- bräuhaus, sondern Hansestadt Bremen. (Um Mißverständnisse zu vermeiden.) Drüben am andern Ufer liegt W i e s s e e. Dor ein paar Jahren erhielt ber Name bes Ortes für ein paar bentroürbige Stunben schicksalhafte Bebeutung. Heute finbet bort Preisverteilung statt, Prämiierung ber schönsten Wagen im Auto-Korso. Nachmittags herrscht auf ber Kurpromenabe ein großstäbtisches Gewühl, auf bem See ist Schifferstechen mit Lärm und Gelachter, in den Kaffeegärten kaum ein Stuhl zu triegen.
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Am Abend aber, wenn wir wieder daheim sind, steigt drüben am Wiesseer Strand, zu Ehren des Gastes, ein prächtiges Feuerwerk. Raketen rot, blau unb grün, Feuerräber unb Golbregen über bem nächtlichen Wasser. Wir stehen mit den Emhel- mischen auf dem Bootssteg. Unb bie Einheimischen sagen, wie es zu Enbe ist: „Scheen is g wen, nix hat's kost, an fteifn Hals hamma triagt."
Die bayerische Munbart gehört überhaupt zu ben liebenswürbigsten unb heitersten Erlebnisien bieser Sommerreise; sie ist schwierig unb luftig unb Hingt treuherzig unb angenehm im Ohr. „fiausbua, du breckata" spricht eine Mutter zu ihrem kleinen Sohn, unb es klingt nicht einmal grob, sondern beinah zärtlich. Am Bahnhof sind ein paar Manner beim Ausladen und zählen dabei; „zwoarafuchzig schreit einer: wer hätte gedacht, daß dies zweiundsunfzig heißt? „Grüaß ©ob", ruft ein Mädchen einem jungen Mann über die Straße zu, „wie geht s all- roei?" — „Guat geht mas", ruft der Zurück und feixt übers ganze Gesicht, „i schaug bloß schlecht aus." — So eine Sprache ist bas hier. Es gefallt uns gut, und wir lernen alle Tage etwas dazu.
Dor erste Eindruck in München: dies ist bie -t jt der Banken, ber Versicherungen unb der Lelzgeschäfte; aber das liegt wohl nur an unserem ^glichen Weg durch bie Lubwigstraße und das an- cirenjenbe Viertel, wo sich diese Spezialitäten bauten. Schon am nächsten Morgen müssen wir uns !.crid)tigen: bie Stabt ber Museen unb Galerien her Ausstellungen unb Sehenswürdigkeiten ... uno ha5 in solcher Fülle, daß man sich, wenn man nur (in paar Tage zur Verfügung hat, in weiser Ein- Tiluna, auf das Notwendigste unb wichtigste be chränken muß, um nicht vom Uedermaß ber Gin-


