m. 268 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 14. November M6
„Has tot"—„Fuchs tot"—„Jagd vorbei"
Ein Tag bei einer Treibjagd in der Nähe von Gießen.
„Ne Postkart grün wie Gras, macht jedem Jäger Spaß" — beginnt ein launiges Frankfurter Jägerlied. Kein Wunder, bringt doch die grüne Karte eine Einladung zur Treibjagd ins Haus! Wenn es im Herbst und Winter grün herausleuchtet aus all der übrigen Post, die der Briefträger brachte, dann gilt des echten Jägers erster Griff den „Grünen". Verrät ihm doch die grüne Karte, wo und wann man ihn zum frohen Jagen erwartet, welche Wild
rat" halten und auf dem Wege des „Volksentscheides" zu klären suchen, was man nun treiben soll und was dann. Das taugt nie etwas und erst recht nicht bei der Treibjagd. Das gehört vorher daheim oder im Revier genau festgelegt, und ferner — eine Treibjagd kann nur einer leiten, aber nicht ein „Jagdrat". Ist aber eine Jagd gut vorbereitet, und wird sie straff durchgeführt, dann ist sie ein Genuß!
Pünktlich, wie es sich gehört, haben sich alle, die zur Jagd gehören, am „Stelldichein" eingefunden : Jäger, Treiber, Hunde und Wildwagen. Freude liegt auf den Gesichtern der Jäger und Treiber, denn sie hoffen auf einen schönen Tag. Jagen ohne Jagdhornklang wäre früher undenkbar gewesen! Dann kam aber eine Zeit, in der die schöne Kunst fast verlorengegangen wäre. Dafür traten Autohupen und Signalhörner nach dem Vorbild des Rangierbahnhofes an die Stelle des Hornes. Heute legt jeder Jagdherr wieder Wert darauf, daß das Jagdhorn auf seiner Jagd nicht fehlt. Wie ganz anders wirkt es doch, wenn am „Stelldichein" die Hörner das Signal „Begrüßung" erklingen lassen und damit verkünden: „Die Jagd beginnt"! Die Treiber sind zuvor in Reih und Glied angetreten, die Schützen sammeln sich um den Jagdherrn, der sie nun noch einmal mündlich willkommen heißt, dann in großen Zügen darlegt, wie er sich den Verlauf des Tages denkt, was er zu schießen und was er zu schonen bittet, und der vor allem daran erinnert, daß jeder Schütze die Vorsicht walten lassen möge, die beim Umgang mit einer Feuerwaffe am Platze ist. Ein . „Weidmannsheil" wünscht er seinen Gästen. „Weidmannsdank" schallt es zurück. — Die Jagd kann beginnen.
Die Hälfte der Schützen hat der Jagdherr zu sich gebeten, die andere schließt sich dem Förster an, der genau unterrichtet ist, wie
Am Treffpunkt. Der Jagdherr heißt die Gäste herzlich willkommen.
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die Jagd verlaufen soll.
Herr und Hund beobachten gespannt das Jagdfeld. Die einzelnen Jagden sind
arten dabei besagt werden sollen und was es sonst Wissenswertes für ihn gibt. Darunter gehört zum Beispiel die Bemerkung, ob er zur Frühstückspause seine Jagdtasche oder seinen Rucksack selbst mit dem ausrüsten soll, was Leib und Seele zusammenhält, oder ob der Jagdherr Wert darauf legt, seine Gäste bewirten zu dürfen, sei es etwa mit einer guten Erbsensuppe mit allerlei, was darin herumschwimmt, oder mit einem feinen Schmierkäs mit Kartoffeln, in der Schale in heißer Asche gebraten, oder mit sonst irgendeiner „Spezialität". Hat er dies alles in sich ausgenommen, so weiß er, wenn er ein erfahrener Weidmann ist, daß man eine Treibjagd nicht aus dem Aermel schütteln kann, sondern daß der Jagdherr wissen muß, mit wieviel Schützen er rechnen kann ufro.; denn die Jagd muß gut vorbereitet sein, wenn sie wirklich klappen soll. Drum fetzt er sich flugs hin und schreibt seinen Dank und vor allem — daß er kommt. Bald hat der Jagdherr die Zu- und Absagen in der Hand, und nun kann er den Plan seiner Jagd festlegen.
Der Teufel soll eine Treibjagd holen, in der kein Plan herrscht! Es ist für die Gäste ein Vergnügen besonderer Art, wenn nach jedem Treiben die Pächter die Köpfe zusammenstecken, einen „Kriegs-
Der Obertreiber aus Rödgen war schon bei vielen Jagden mit dabei.
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meist durch Schneisen abgegrenzt, auf denen die Schützen ihre Stände finden sollen. Rechts herum geht der Jagdherr, links herum der Förster, und jeder stellt dabei nach und nach seine Schützen an. Dabei sagt er dem betreffenden Schützen, wo der Nachbarschütze steht, worauf es bei dem Stande etwa besonders ankommt (vielleicht flüstert er ihm mit vielsagendem
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„Ajax", der brave Jagdhund, bringt den geschossenen Hasen seinem Herrn.
Blick das Wort „Fuchspaß" zu!) und wohin die „Folge" geht, d. h. wohin der Gast kommen soll, wenn das Treiben zu Ende ist.
Indes haben die Treiber sich auf der einen Seite des Jagens in einer Linie mit gleichen Zwischenräumen aufgestellt, mit einem derben Stock oder einer Klapper bewaffnet, um das Wild aufscheuchen zu können. Verantwortlich für alles, was bei den Treibern vorgeht, ist der „Obertreiber". Eine schlechte Treiberwehr, die keine Ordnung hält, die sich zu Klumpen zusammenballt, oder in der bald hier, bald dort einer hinter der Linie herumkrebst, kann die ganze Jagd verderben. Deswegen erfreuen sich gute Treiberwehren bei den Jägern immer einer besonderen Wertschätzung. So waren z. B. die „Münchholzhäuser" immer als eine besonders gute Treiberschar bekannt, die mit Vorliebe auch außerhalb ihrer Heimatgemarkung Verwendung fand. Mit Buben kann man keine anständige Treibjagd machen; am besten sind ältere Leute, die das „sehen" gelernt haben, die das Wild „ansprechen" und es den Schützen durch Zuruf richtig ankündigen können, ehe diese es zu Gesicht bekommen. Auch zimperlich dürfen sie nicht sein, wenn es auch einmal durch Dickicht und Dorn geht, oder wenn die Dickung einmal regennaß oder schneeoerhangen ist. Kurz: eine richtige Treiberwehr muß die Empfindung haben, daß es überhaupt nur klappen kann, wenn sie sich voll einsetzt, und sie ist stolz darauf, wenn es wirklich geklappt hat. Es darf dem Treiber nicht nur auf den Treiberlohn ankommen, er muß selbst etwas wie Weidmannsfreude in sich
fühlen. Dann ist die halbe Jagd bereits geglückt.
Während so der Obertreiber seine Leute aufaestellt hat, haben die beiden Flügel, Jagdherr und Förster, sich getroffen und selbst ihre Stände eingenommen. Der Jagdherr „bläst" das Treiben „an", andere Hörner nehmen das Zeichen auf und vom „Rück- wechfel", wo die Treiber stehen, klingt es zurück. Das Treiben beginnt. Schon fällt ein Schuß dort, wo alljährlich der Fuchs geschossen oder —gefehlt wird. Reineke hatte zu spät versucht, seinen Balg in Sicherheit zu bringen. Gespannt und ohne sich zu rühren, stehen die Schützen auf ihren Ständen, die Flinte so zur Hand, daß sie sofort im Anschlag liegt, wenn Wild erscheint. Nicht immer ist es so, daß man das Treiben so weit überblicken kann wie auf unserem Bild. Wenn es gilt auf enger Schneise zwischen zwei Dickungen den Fuchs über den Kopf gehen zu lassen, oder das Kaninchen oder den Hasen Rad schlagen zu sehen, dann gibt es kein langes Ueberlegen. Leute mit „langer Leitung" sind dort am falschen Platze. Hier gibt es kein langes Zielen, wie auf dem Schiebstande. Der Schuß muß hingeworfen sein und trotzdem — sitzen! Hier knallt es und dort! Mit „Haro" kündigen die Treiber den Hasen an, mit „Tiro" Fasan und Schnepfe, bis schließlich das Treiben zu Ende ist.
Während „Waldmann", der Dackel, bei den Treibern seinen Platz fand und schon manchen „Krummen" lauthals vor die Schützen hetzte, hat sein großer Weidqeselle unbeweglich neben seinem Herrn gesessen. Er darf nicht „pfeifen" und „winseln", und nur ein Zittern, das ab und zu über seinen Rücken läuft, verrät die Erregung, in der er sich befindet. Ein Mümmelmann, der über die Schneise flüchtete, wurde vom Schuß etwas kurz gepackt und verschwand nach Verlust einer Handvoll „Wolle" in der gegenüberliegenden Dickung. Nun ist das Treiben vorüber und abgeblasen, und „Ajax" soll jetzt zeigen, was er kann. Diese Arbeit nach dem Schuß ist die schwerste und zugleich wertvollste Arbeit des Hundes. Soll er doch wieder gut machen, was der
Hornsignal: „Die Jagd beginnt!".
(Aufnahmen [9]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Alles Wild wird so auf dem grünen Gras der Waldwiese gestreckt, wie Weidmannsregel es vorschreibt, in Reihen und jede Wildart für sich. Wehe dem, der über die Strecke schreitet! Ihm gebühren die Pfunde, d. h. Schläge mit dem blanken Hirschfänger auf feine „Kehrseite". Denn mit dem „Streckelegen" will der Weidmann sein Wild ehren. Der Jagdherr verkündet nunmehr allen die Strecke:
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Drüben steht ein guter Bock.
Ein Teil der Jagdbeute wird zum Wagen gebracht.
schlechte Schuß verdarb, und das Wild vor Qual und Ludertod bewahren! Am „Anschuß" legt der Jagdherr seinen Hund zur Fährte; der „saugt" sich an ihr fest, kurz hängt er noch am Riemen nach, dann wird er „geschnallt" und dahin geht die Jagd. „O weh, o weh" klingt des Hasen Todesklage. Doch schon ist der Hund zurück, stolz den Hasen im Fang, und setzt sich vor seinem Herrn nieder, bis der ihm das Wild abnimmt, ihn lobt und ab= liebelt.
Nun geht es weiter von Treiben zu Treiben. Nicht alles Wild, das vorkommt, darf geschossen werden. Trotzdem hat der Jäger feine Freude daran, und der Anblick eines „guten" Bockes läßt alle den Schritt verhalten. Nach jedem Treiben wird „Strecke" gelegt, d. h. das darin geschossene Wild wird ordnungsmäßig in einer Reihe, jedes Stück auf der rechten Seite, niedergelegt, um dann zum Wildwagen gebracht und dort so aufgehängt zu werden, daß es nicht verhitzen, aber gut auskühlen kann.
Der Aufenthalt im Freien macht Hunger und Durst. Schon hat da und dort mal einer den Griff in die Tasche getan. Nun sitzt alles zusammen in der warmen Herbstsonne ober an einem Feuerchen, oder auch in der Jagd- oder Schutzhütte, die Jäger und Treiber gastlich aufnimmt. Allerlei kommt da zum Vorschein! Belegte Brote gestatten keine besonderen Schlüsse, dagegen verrät die verlockende Leberwurst dort drüben die „Hausschlacht", während sich das Gänsekeulchen als der für den Hausherrn kaltgestellte Rest des Sonntagsbratens offenbart. Scherzworte fliegen hin und her, ein Schluck „Zielwasser" ist auch nicht zu verachten, doch der Jagdherr drängt zum Aufbruch. Man ist ja doch schließlich nicht zum Frühstücken hierher- gekommen! Unb weiter reiht sich Treiben an Treiben, bis bie Sonne sinkt. In Reihen hängen die Hasen auf dem Wildwagen, bunte Fasanen- hähne schaukeln an seinen Leitern, drei Füchse, eine Schnepfe und ein Habicht vermehrt das bunte Bild. Und nun wird die Strecke des Tages gelegt!
„Die heutige Strecke beträgt 3 Füchse, 47 Hasen und Fasanenhähne, 1 Schnepfe und 1 Habicht." Und während die einzelne Wildart genannt wird, ertönt das „Totsignal". „Fuchs tot", „Has tot", „Federwild tot", rufen die Hörner, grüßt der Jäger fein Wild. „Halali" und „Jagd vorbei" bilden den Abschluß. Die Jagd ist vorüber.
Alle sind zufrieden, aber jeder hat irgend etwas Besonderes erlebt, und das müßte doch noch besprochen werden! Wo aber könnte das besser geschehen als dort im Dorfwirtshaus, wo eine „deftige" Erbsensuppe, ober ein „Schweinernes", ober dergleichen der hungrigen Jäger und Treiber harrt. Dann kommen Weidmannslied und Weidmannsscherz zu ihrem Recht.
Nach dem Frühstück: Treiber und Jäger machen sich wieder auf den Weo.
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Die Schützenkette umstellt beim Mühlchen von Annerod das weite Feld.


