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Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für GberhcHen)

Nr. (89 Zweites Blatt

Zreitag, (^.August 1936

Boccaccio."

Eine Tonfilm Operette der Ufa.

Gerne flüchtet man von dem trübetümpelig düster verhangenen Augusthimmel der rauhen Wirklichkeit in das heitere, sonnendurchglühte Ferrara, das die Phantasie Herbert Maischs mit einem bezau- bernd anmutigen Sommernachtsspuk im Stil des echten Boccaccio erfüllt hat. Ein verliebter, aber armer Gerichtsschreiber und Derseschmied und ein findiger Verleger tun sich zusammen, um Ferrara auf den Kopf zu stellen. Echte Lyrik stand, wenn man dem geschäftstüchtigen Herrn Calandrino glau­ben will, schon im Ferrara der Renaissance nicht grade hoch im Kurse, aber ein kühner Griff Ins volle Menschenleben, liebenswürdia erzählt und sen­sationell aufgemacht, fand schon damals reißenden Absatz. So kommen der Gerichtsschreiber Petruccio als Verfasser und Calandrino als Verleger beide auf ihre Kosten. Daß die Skandalgeschichten, die Petruccio unter Benutzung der Gerichtsakten schreibt, unter einem Pseudonym erscheinen müssen, ist selbstverständlich und erhöht den Reiz. Besonders die schönen Frauen Ferraras sind auf den geheim­nisvollenBoccaccio" gefpannt und bis an den Herzogshof bringt die fieberhafte Erregung. Der Herzog läßt zwar den Verleger Calandrino festneh­men, um den wahren Verfasser der amüsanten Büchlein zu erfahren, aber er benutzt nur allzu gerne die Maske des Boccaccio, um der schönen Fiametta, der Frau des Petruccio, nachzustellen. Daraus entspinnt sich ein an tollen Verwicklungen reiches Liebesspiel. Als schließlich der in contu­maciam zum Tode verurteilte Boccaccio bei einem vieldeutigen Stelldichein auf dem großen Mas­kenfest des Herzogs entlarvt wird, muß der Herzog Gnade vor Recht ergehen lassen, um nicht selbst aum Gespött seiner Untertanen zu werden. Nach den heiter beschwingten Weisen Franz Doelles wirbelt dieses graziöse Spiel in hinreißendem Tempo vorüber. Die reizende Heli Finkenzel­ler und Willy Fritsch sind ein anmutig Der- liebtes Ehepaar, Albrecht Schoenhals ist der heißblütig galante Herzog, dem Francesca, die Herzogin (Gina F a 11 e n b e r g), immer charmant, scharf auf die Finger sieht. Ein lustiges Paar sind Paul Kemp als geschäftstüchtiger Verleger, der auch im Gefängnis nicht so leicht seinen Witz ein­büßt und für die verzwickteste Situation einen guten Rat weiß, und Fita B e n k h o f f, seine naseweise Frau, der Neugier, Schalk und Abenteuerlust in den Augen sitzen. So viel unbeschwert heitere Fröhlich­keit und Grazie wird man selten beisammen sehen. Im Beiprogramm wird in sehr hübschen und lehrreichen Aufnahmen für den Schutz der <5ing» vögel eindringlich geworben. Ferner sieht man noch einmal die Wochenschau vom Montag, aber ver­mehrt um eine Fülle von interessanten Bildern von den ersten Entscheidungskämpsen der Olym­pischen Spiele.

Rumäniens Aufrüstung.

Tschechischer Kredit für Tanklieferungen der Lkodgwerke.

Bukarest, 13. Aug. (DNB.) Zwischen der rumänischen Regierung und den tschecho­slowakischen Skodawerken wurde ein neuer Vertrag für die Lieferung von Tanks an die rumänische Armee abgeschlossen. Die Bezahlung der Lieferungen ist auf 10 Jahre aufgeteilt und beginnt ab 1938. Bekanntlich hat die Praßer Regierung Ru­mänien einen Kredit in der Höhe von 200 Mil­lionen Tschechenkronen im Rahmen der letzten tschechischen Rüstungsanleihe eröffnet. Gegenwärtig werden zwischen der Bukarester Regierung und den Skodawerken Verhandlungen über die Errich­tung einer neuenSprengstoffabrik in Rumänien geführt. Ueberhaupt ist die Organi­sierung einer engeren Zusammenarbeit zwischen den rumänischen und den tschechoslowaki­schen Rüstungsindustrien in Aussicht genommen. Während der letzten Verhandlungen soll von den Skodawerken auch die Begnadigung des ehe­maligen Vertreters der Werke in Bukarest, Se­iet; 'k i der vor drei Jahren menen Spio­nage verurteilt wurde und nunmehr die Strafe abbüßt, gefordert worden sein. Die Begnadigung soll im Oktober dieses Jahres erfolgen.

Rumänien betreibt wie die übrigen europäischen Länder eine Aufrüstung größten Stils. Eine eigene Kriegsindustrie besitzt Rumänien nicht, mindestens ist diese Industrie nicht leistungsfähig genug, um ein umfangreiches Aufrüstungsprogramm durchfuh­ren zu können. Bisher kamen die Waffen Rumä­niens in der Hauptsache aus Frankreich und aus der Tschechoslowakei. Franzosen und Tschechen lie­fern noch immer, allerdings ist die französische Rüstungsindustrie in letzter Zeit etwas zurückhal­tender geworden. Dafür sind also nun die Skoda- werke, die übrigens von Schncider-Creuzot kon­trolliert werden, in die Bresche gesprungen. Nun ergibt sich eine nicht uninteressante Frage: wird diese Ausrüstung der rumänischen Armee, wird überhaupt die rumänische Wehrmacht bei etwaigen militärischen Konflikten im Südosten mit aller Leidenschaft zum Schutze rumänischen Ge­bietes eingesetzt, oder sind unter der Hand schon so weitgehende Abmachungen getroffen worden, daß Rumänien, freiwillig oder unfreiwillig, das machen muß, was die Tschechoslowakei und die Sowjetunion bestimmen? Auf der bevor­stehenden Konferenz der Kleinen En- t e n t e wird man dieses Problem berühren, denn nach dem Wunsche Titulescus sollen auch die Be­ziehungen Südslawiens zur So w j et- uni o n zur Sprache gebracht werden. Südslawien ist antibolschewistisch, es steht dem sowjetrussisch­tschechischen Bündnis ablehnend gegenüber, es hat auch bisher nichts unterlassen, um Rumänien da­hin zu bringen, dem tschechisch-russischen Bündnis nicht beizutreten, sondern eine Riegelstellung zwi­schen Rußland und der Tschechei zu bilden. Titu- lescu schwimmt aber im Fahrwasser der Tschechen und der Bolschewisten. Er scheint sich nur bis jetzt noch nicht durchgesetzt zu haben, sonst hätte man über eine Schwenkung der Rumänen schon etwas mehr erfahren. Man muß also vorerst annehmen, daß die Tanks, die der tschechische Verbündete der Sowjetunion nach Rumänien liefert, dazu bestimmt sind, Rumänien gegen den bolschewistischen Bundes­genossen der Tschechoslowakei zu verteidigen.

Die dänischen Bauernwehren.

Kopenhagen, 13. Aug. <DNB.) Der fiaupb Vorstand der großen dänischen Landwirtschastsorga- nisation Landbrugernes Samenslutning (LS.), der in den letzten Tagen in Aaarhus tagte, hat, wie

bereits gemeldet, die Errichtung einer Bauernwehr beschlossen, die aus Landwirten, Landarbeitern und Angehörigen der Landjugend bestehen soll. Als Aufgaben der Bauernwehr werden außer Anwesen­heit beiungerechten" Zwangsversteigerungen und anderengroben Uebergriffen gegenüber notleiden­den Landwirten und Landarbeitern u. a." noch die Ueberwachung von Versammlungen genannt. Im allgemeinen soll die Bauernwehr zur Verfügung stehen, wenn ein persönlicher Einsatz notwendig sei. Die Leitung der Bauernwehr, deren Mitgliederzahl auf 10 000 beschränkt wird, soll je nach Aufgaben und Verhältnissen in den einzelnen Aemtern er­folgen.

Oie britisch-ägyptische Verständigung.

Auch in der Frage der Kapitulationen eine Einigung erzielt.

Kairo, 13. Aug. (DNB.) In der letzten ge­meinsamen Sitzung der beiden Abordnungen in Alexandrien wurde das enalisch-ägyptische Vertragswert paraphiert. Die ägyptische Delegation wird sich am 17. August nach Lon­don begeben, wo am 27. August die endgültige Unterzeichnuna des Vertrages durch Eden und Nahas Pascha stattfinden soll.

Die Schlußbestimmungen des Vertrages räumen Aegypten das Recht zur Abschaffung der ausländischen Finanz- und Rechtsbe­rater und die Auflösung der europäi chen Abtei­lung für öffentliche Sicherung ein. Aegypten wird nach Abschluß des Vertrages in Genf eine Auf­nahme in den Völkerbund beantragen, lieber die Kapitulationen wurden noch ver­schiedene Abänderungen in den Vertragsbestim­mungen getroffen. In diesem Teil des Vertrages wird vor allem die NotwendigKeit der Abfchaf - jung der Rechts - und g i n a n 3 Kapitula­tionen sowie aller jener Bindungen anerkannt, die die Souveränität Aegyptens einengen. Dieses Ziel soll auf dem Verhandlungswege mit den inter­essierten Mächten erreicht werden.Moming Post" bezeichnet den Bericht, wonach Aegypten das Recht zur einseitigen Aufkündiaung der Kapi- tulationen für den Fall erhalte, daß es nicht ge­linge, auf der nächstjährigen Konferenz eine Ein i- gung mit den Kapitularmächten zu erzielen, als unrichtig. England habe sich lediglich einver­standen erklärt, die ägypttsche Regierung bei ihren Bemühungen, die Zustimmung der anderen Mächte zur Durchführung gewisser Reformen zu erhalten, zu unterstützen. Diese Reformen zielten auf eine allmähliche aber gänzli ch e Ab ^chaf - fung der Kapitulationen ab, sie würde jedoch nur dann wirksam wetden, wenn alle Kapitularmächte ihr Einverständnis erklärten.

Times" ist der Meinung, daß der neue Vertrag die englisch-ägyptische Freundschaft auf eine weit solidere Grundlage stelle als die zweideutigen Ver­einbarungen der letzten 14 Jahre. Der Vertrag sehe eine allmähliche Verlegung der britis ch e n Truppen von Kairo nach der Gegend von Js- mailia vor. Den Bedürfnissen der brittschen Flotte im östlichen Mittelmeer werde durch ent­sprechende Vorkehrungen in Alexandrien Rechnung getragen. Darüber hinaus habe die ägyptische Regierung sich bereit erklärt, Erleichte­rungen für die Ausbildung der in Aegypten statio­nierten Einheiten der brittschen L u f t ft r e i t« träfte und für die Gruppen in der Kanal­zone zu gewähren. Ferner sei die Schaffung einer belferen direkten Verbindung zwischen der Kanalzone und Alexandrien vorgesehen. Dem Aufbau der ägyptischen Armee seien keine

Grenzen gesetzt, eine britische Militär mif- si 0 n werde Aegypten bei dem Aufbau feiner Ar­mee in ein starkes und schlagkräftiges Heer behilflich sein. Außerdem sehe der Vertrag ein langfristiges Verteidigungsbündnis im Rahmen der Dölkerbundsfatzungen vor.

In Zukunft würden ägyptische Truppen an der Verteidigung des Sudan wieder teilneh­men. Ein Antrag der ägyptischen Regierung auf Ausnahme in den Völkerbund werde von Eng­land naturgemäß in jeder Beziehung unter- stützt werden. Und schließlich enthalte der Ver­trag noch Abmachungen über den Schutz der ausländischen Interessen in Aegypten und den Schutz der Minderheiten, lieber die Kapitulationen schreibt dieTimes", die britische Regierung habe bei allem Verständnis für den Wunsch auf Abschaffung der Forderung auf einseitige Aufkündigung nicht zustimmen können, solange sich der Verhandlungsweg nicht als vergeblich erwiesen habe. England habe sich jedoch damit einverstanden erklärt, die ägypti­sche Einladung an die Kapitularmächte zur Entsen­dung von Vertretern zu einer in Kairo im kom­menden Winter stattfindenden Konferenz zu un­ter st ü tz e n.

Mliens 3ntereffe.

Englands militärische Stellung verstärkt.

Rom, 13. Aug. (DNB.) Die englisch-ägyptische Verständigung wird in Italien sehr stark beachtet. Tribuna meldet bereits eine Reihe von Vorbehal­ten an und weist vor allem daraufhin, daß für eine Aenderung der völkerrechtlichen Stellung Aegyptens nicht nur England, sondern auch viele andere mitinteressierte Mächte ein Recht zum Mitreden hätten. Es sei zweifellos richtig, daß die Stellung Aegyptens gegenüber England grund­legend geändert werde. Tatsächlich werde aber die Stellung Englands in verlchiedener Hinsicht und vor allen Dingen unter dem militärischen und Marinestandpunkt beträchtlich verstärkt. England werde nicht nur weiter ägyptische Gebiete auf praktisch unbeschränkte Zeit besetzt halten kön­nen, sondern den Hafen von .Alexandrien ZU- seiner Flottenbasis im östlich en Mittelmeer ausbauen. Die ©egenkiftung für so weitgehende Zugeständnisse sei die Unterstützung Aegyptens durch England in der Frage der Aus­hebung der Kapitulation. England ver­pflichte sich also, die übrigen Mächte zur Aufgabe ihrer Vorrechte zu bewegen. Niemand sehe aller­dings, welche Gegenleistungen den an­der e n M ä ch t e n für ihren Verzicht auf die Kapi­tulationen gewährt werden sollen.

Oie deutsche Volksgruppe in polen.

Warschau, 13. Aug. (DNB.) Der Führer der deutschen Erneuerungsbewegung in Polen, Sena­tor Wiesner, wurde am Mittwoch vom pol­nischen Ministerpräsidenten empfan­gen. Senator Wiesner unterbreitete dem Minister­präsidenten drei Denkschriften mit positiven Vorschlägen für eine gesunde Regelung der Beziehung zwischen der Deutschen Volksgruppe, dem polnischen Staatsvolk und den polnischen Zentralbehörden. Die Deutsche Volksgruppe in Po­len hofft, daß diefer Besuch sich auch auf die Haltung derRegierungsstellen im gan­zen Lande gegenüber der Deutschen Volksgruppe

im Sinne eines für beide Teile ersprießlichen Zu­sammenlebens auswirkt.

Moskaus Schatten.

BlutigeStreikunruheninFranzösisch-Jndien

Paris, 13. Aug. (DNB.) Wie erst jetzt aus Pondichery (Französisch-Indien) gemeldet wird, kam es dort Ende des vergangenen Monats zu blutigen Streikunruhen. Auf Befehl von unbekannter Seite hatten die Arbeiter der meisten Spinnereien die Arbeit niedergelegt, die Betriebe besetzt und die europäischen Ange st eilten gefangen gesetzt. Da die französische Verwaltung dagegen nicht einschritt, teilte der englische Konsul mit, daß er die britisch-indischen Behörden in Ma­dras ersuchen werde, wenn nötig mit Waffengewalt, die englischen Staatsangehörigen zu befreien, die in den Werken Der Anglo-French Textil Cy. eingeschlossen waren. Auf diese Mit­teilung hin setzte der französische Gouverneur die örtliche Polizei ein. Es kam zu schweren Z u sammenstäßen mit den Streikenden, die über­all versuchten, die Betriebe in Brand zu stecken. In mehreren Fällen ist ihnen dies auch gelungen. Die Polizei mußte schließlich von der Waffe Gebrauch machen, wobei etwa 20 Strei­kende getötet und 50 zum Teil schwer verletzt wurden. Schließlich konnte die Ordnung wiederher­gestellt werden. Der Sachschaden soll sich auf etwa zehn Millionen Franken belaufen.

Oie 4000-Mark-Gperre noch nicht aufgehoben.

Berlin, 13. Aug. (DNB.) Amtlich wird mit- geteilt: Die Pressemeldungen über den Abschluß der deutsch-österreichischen Verhandlungen in Ber­lin sind in der Öffentlichkeit vielfach dahin miß­verstanden worden, daß die vereinbarte Aufhebung der Reisesperre nach Oesterreich bereits ro i r K s a m sei. Demgegenüber wird amtlich darauf hin­gewiesen, daß der Zeitpunkt der Aufhebung der Reisesperre noch besonders bekannt­gegeben wird. Bis zu diesem Zeitpunkt gelten die bisherigen Bestimmungen weiter.

Kleine politische Nachrichten.

Der Führer und Reichskanzler hat dem Admiral a. D. Behncke anläßlich feines 70. Ge­burtstages ein Telegramm gesandt, in dem es heißt:Zur Vollendung ihres 70. Lebensjahres spreche ich Ihnen in dankbarer Würdigung Ihrer der Marine in Krieg und Frieden geleisteten wert­vollen Dienste meinen herzlichsten Glückwunsch aus."

*

Der Reichs- und preußische Minister des Innern Dr. Frick hat mit Zustimmung des preußischen Ministerpräsidenten den Gauleiterder Kur- markEmil Stürtz zum kommissarischen Ober- Präsidenten der Provinz Brandenburg und Grenzmark Posen °We st preuhen ernannt.

Angtt vm du Kx^wauUe."?

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Stimmt Oer Saldo, Herr Spieß?

Don Walter persich.

(Nachdruck verboten!)

Der Bürovorsteher, Herr Manz, hegte gegen die Konten LR gesteigertes Mißtrauen; sie befanden sich in heilloser Verwirrung. Man muß es also schon als finstere Machenschaft des Zufalls bezeichnen daß Hermann Spieß am Tage ihrer beider Anstellung eine halbe Minute nach Heinz Kohler das Büro betrat, und ihm deshalb die Verwaltung des ver- wahrlosten Postens zufiel, während Heinz Kohler Konten von märchenhafter Differenzlosigkeit erhielt. Kohler horte sich schon in liebenswürdiger Zer­streutheit die Ausführungen des Bürovorstehers an, Spieß trat hinzu und fand kaum Gelegenheit, sei­nen Namen bescheiden als offizielle Vorstellung an- zubringen.

Bis zur Frühstückspause verlief alles glatt. Dann wandte sich zwischen einem schütten- unb einem Gänseleberbelegten Butterbrot Heinz Kohler zur Seite:Na, Herr Kollege, ich mochte nicht nur Brot mit Butter. Warum leisten Sie sich keinen Aufschnitt?"

Mir schmeckt das ganz gut so.

S)a". meinte Kohler königlich,mir ist es doch zu viel, essen Sie mal dies

verheiratet. Ich hätte diese Dummheit nicht gemach, um trockenes Brot dafür zu essen."

Hermann Spieß machte sich an die 2Irbeit. Danke, Herr Kollege, ich bin gesättigt, außerdem ist die Pause, glaube ich, vorüber un° mühte sich von neuem mit den verlotterten Bu­chungen.

Spieß sah auf eiligem Heimweg, wie sich der flöt e Kollege ohne weiteres Herrn Manz vnschloß. N würde Spieß es gewagt haben, einen Vorgesetzten einfach zu begleiten.

So oerainq der erste Tag, und so verstrichen oie e andere. Spieß mußte sich seit mehr als em m Jahre mit einem billigen Anzug für die Buro- stunden begnügen. Sein Kollege 9 9

es zum Tanz oder zum Panick Und erzählte unterbrochen von Autofahrten mit ^nem Freunde, einem Großkaufmann, ®oot5Par!l^;i^eüÄen auserlesenen Festmahlen und nächtlichen Gelagen.

Wieso konnten diese Dinge den Buchhalter Spieß kränken? Eher hätte er Grund ^habt. durch die tausend Fehler entmutigt zu fein, die ihml immer, immer wieder mit Hilfe des Kollegen durch Herrn Manz nachgewiesen wurden. Wenn auch diese Ver­sehen noch aus fehlerhafte Additionen und Grund- buchungen, auf den Verlust von Grundbelegen durch jahrelang unbeachtete Pfuscherei zuruckzusuf1 e waren, so ließ es keine guten Schluffe auf feine Tüchtigkeit zu, wenn noch immer Differenzen sich nicht flären wollten.

Besonders nervös wurde Spieß, wenn Manz' Ausbrüche über feine angebliche Untüchtigkeit sich unter fünfzehn halb hämischen Augenpaaren ab- spielten und wenn in ganz schlimmen Fällen ihn sogar der Inhaber ins Privatkontor rufen ließ. Mochte das ganze Büro die lustigsten Ge­schichten erzählen, mochte Herr Kohler Zeitung lesen oder Nägel polieren Spieß arbeitete wie ein Pferd. Die Rubrik L R umfaßte mehr als achtzehnhundert verpfuschte Konten; der Herr Kol­lege verwaltete kaum achthundert tadellos übernom­mene. Schließlich fühlte Spieß zu seinem eigenen Erstaunen, wie er den scheinbar so freundlichen Kohler zu hassen begann; dessen Reden tonnte er kaum noch ertragen. Er hätte ihm ins Gesicht schla­gen mögen, wenn er erzählte:Bei Herrn Manz gestern abend die Tochter spielte gerade Klavier hat er mir im Vertrauen etwas über Sie ge­sagt, Spieß. Er meinte, wenn die Wirtschaft in Ihren Hauptbüchern nicht bald aufhörte und er glaube nicht daran müsse er dem Chef die Kün­digung unterbreiten. Eigentlich darf man solche Sachen nicht ausplaudern, aber Sie sind doch ein ganz netter Kerl, wenn auch nicht so tüchtig wie ich!

Wenn Sie mir Ihre Konten geben, kann ich genau so tüchtig sein."

Ach wo!" grinste Köhler,Sie sind eben n un­moderner Mensch. Glauben Sie mir, nur Ihre Ehe macht Sie in so jungen Jahren kaputt. Schade um Sie!"----

Wieder erlaubte sich das Schicksal einen faulen Witz: Spieß befand sich in einem Abteil, das jeweils aus diskreten Gründen nur von einem einzigen Menschen aufgesucht wird. Die Tür zum Vorderraum klappte, und der Buchhalter unterschied die Stimmen Köhlers und des Bürovorstehers.

Na, Herr Manz, Sie müßten sich mal die Kon­ten von Spieß anfehen. So viele Bocke bei einem Angestellten habe ich noch nicht gesehen."

Sie müssen bedenken, daß Spieß einen voll­kommen unfähigen Vorgänger hatte.

Und alle die neuen Fehler? Nee, wissen Sie, mir kann er nichts vormachen ich habe schon m Riesenfabriken Bilanzen gebaut/ Die Herren ent­fernten sich, und der Buchhalter Spieß erkannte m eigenartiger Beleuchtung den Sinn des Wor.es .Kollegialität"!

Ja, und schließlich erschien an einem Morgen Köhler nicht an seinem gewohnten Platze. Drei Tage später übernahm ein neuer Kollege seinen Posten. Er hätte auch Spieß heißen können denn er sah so aus. Und die Arbeit erschien dem ersten, der wirklich so hieß, ein Paradies zu werden.

Das ganze Büro steckte die Köpfe zusammen man tuschelte dies und das die Angestellten ersah- ren immer gerade, was ängstlich vor ihnen geheim gehalten wird. Weder eine Benachrichtigung noch eine Zeitungsanzeige spielte den Verräter. Aber man wußte: Herr Bürovorsteher Manz selbst hatte

die Hochzeit mit Herrn Köhler energisch betrieben mit seiner Tochter. Und er richtete seinem Schwie­gersohn ein eigenes Geschäft ein.

Der tüchtige Herr Köhler erschien gelegentlich bei seinem Schwiegervater, dem Prokuristen Manz, im Büro. Seine Handelsbeziehungen bildeten den angenehmen Gesprächsstoff denn in seinen Aus- jührungen hatte er die ganze Börse in der Hand. Sein Auto war jedenfalls luxuriös. Einzig der Buchhalter Spieß enthielt sich jeder Meinungsäuße­rung; aber niemand störte ihn auch mehr, er arbeitete.

Da diese Geschichte eine Geschichte von wie man gesehen hat moralischen Leuten ist, so bleibt uns nichts anderes übrig, als das entspre­chende unmoralische Ende nicht zu verheimlichen. Erst langsam sickerte die Sache durch. Als Spieß am Morgen im Büro erschien, konnte niemand ahnen, daß diejer Pflichtmensch die Möglichkeit für das spurlose Verschwinden des von feinen Gläu­bigern gedrängten Heinz Köhler geschaffen hatte.

Während die Herren Kollegen sich eingehend über den Fall aussprachen, suchte er Differenz auf Differenz zwischen Wünschen und Erfüllungen, Differenzen im Kontokorrent des Schicksals. Und nun nahm er in seinen Erinnerungen die Ausbuchung vor, und es verblieb nicht der kleinste Saldo! Denn nach Mitternacht hatte ihn nämlich das Schrillen der Hausglocke geweckt, er riß das Fenster auf da stand Heinz Köhler! Er ließ ihn ein und lernte die unerbittliche Revision von Zufallsbuchungen kennen--Köhler, der Mann mit dem Auto, der

reichen Bekanntschaft und der Überzeugung oon feiner Genialität tarn wie ein Bettler m der Nacht ,;u ihm und bat ihn um eine lächerliche Summe, um die Grenze erreichen zu können.

Hermann Spieß ging ins Nebenzimmer, schloß ein kleines Kästchen auf, entnahm ihm dreihundert Mark, die Ersparnisse des letzten halben Jahres, mit denen er mit seiner Frau im Sommer verrei­sen wollte und legte sie Köhler worttos m die Hand.

Mensch, Spieß, Sie find der beste Kerl auf der Welt! Wenn ich im Ausland mein neues Vermö­gen gemacht habe, werden diese dreihundert Mark Ihr Glück werden!" Sttahlend zog er ab--

Noch auf der Treppe antwortete Spieß nicht ein Wort. Er blickte dem hastig Davoneilenden eine halbe Minute nach, und eben wollte der um die Ecke biegen, als ihn des Buchhalters Ruf erreichte. Ich brauche mir kein Glück schenken zu lassen. Du ---Lump'."

Zn diefer Nacht schlief Hermann Spieß nicht wie­der ein. Dem bankerotten Kaufmann Heinz Kohler war die Flucht gelungen, Hermann Spieß arbeitete, um den Saldo klar zu Kriegen---