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In Tientsin sitzt bereits seit Jahr und Tag das Oberkommando der japanischen Nord-China-Schutz- truppen und Taku ist erst kürzlich vonautono- mistischen" Truppen besetzt worden, die wiederum Schulter an Schulter" mit Japan operieren. Denn derchinesische Zopf" wird bekanntlichstückweise" abgeschnitten,damit es nicht so weh tut" ... Und damitman" es nicht so schnell merkt--

Im Rauchsalon treffe ich einen Chinsen, der sich des längeren und breiteren über eine deutsche Rundfunkrede anläßlich der Jahresfeier der S a a r- abstimmung ausläßt. Denn irgend etwas Höf­liches und Liebenswürdiges muß er mir schließlich sagen. Leider stelle ich nur allzubald fest, daß er sich von derSaar" genau so nebelhafte Vorstel- lungen macht, wie wir von einem chinesischen Mar­schall, und man notiert erneut im Taschenbuch, wie schwer es doch für Deutschland ist, selbst mit den modernsten technischen Hilfsmitteln wirksam Aus- landpropaganda und Aufklärung zu treiben. Denn was sind schließlich die Staaten Europas in den Augen eines Chinesen? Richts weiter als ein Konglomerat vonProvinzen", deren verschiedene Bewohner der Farbe nach zusammengehören und verschiedeneDialekte" sprechen.

Die meisten Kabinen-Passagiere sind Japaner, die nach Tientsin, dem fernöstlichenGenf" reisen. Jedes einzelne Gesicht eine Studie wert, denn diese Gesichter" sind keinejapanischen Gesichter" mehr, sondern stellen, jedes einzelne, eineninternatio­nalen Typ" dar. Der kleine Mann am unteren Ende der Mitteltafel ist sicher ein Generaldirektor. Denn so sehen sie alle aus, mögen sie ihrOffice" in Lon­don, Tokio, Reuyork oder Hamburg haben. Und der Mann ihm gegenüber ist wahrscheinlich eirr Gene­ralstabsoffizier in Zivil. Denn auch diese Gesichter findet man alsTyp" in jeder Armee. Und der dritte ist sicherlich ein Mathematikprofessor, während der vierte, der an Deck im dicken gelben Ulster mit aufgenähten Taschen und in breiten Schuhen herumspazierte, begleitet von seiner Tochter Tailor-made-dernier-cri" den amerikanisierten Japaner vorstellt, wie er im Buche steht. Gegen­über diesen hyper-verwestlichen Typen macht der einzige Mitreisende Japaner in Nationaltracht brauner Kimono und Holzsandalen fast einen fossilen Eindruck. Etwas über 50 Jahre haben die Japaner gebraucht, um aus derMerovinger-Zeit" in das Zeitalter der Elektrizität hinüberzuwechseln, das Experiment scheint gelungen zu sein, aber der letzte Beweis steht wohl noch aus.

Auf alle Fälle: von der vielgerühmten Roman­tik desFunkelnden, Fernen Ostens" ist auf diesen kleinen japanischen Passagierdampfern nichts zu be­merken! Denn derBetrieb" unterscheidet sich in nichts von dem auf einem sagen wir mal deutschen Dampfer: Blitzende Sauberkeit und nüch­ternste sachliche Zweckmäßigkeit. Die Stewards in weißen Jacken sind besteeuropäische Schule", alles wickelt sich rasch, lautlos, schnell und gewandt ab einen Unterschied gibt es allerdings, und das sind die Preise! Rätselhaft, wie Die Japaner ihre derzeitige Preispolitik auf allen Gebieten des Lebens darstellen und vor allem durchhalten kön­nen. Nach dem Essen zeigte mir zum Beispiel mein japanischer Nachbar ein soeben herausgekommenes, wissenschaftliches Buch über China. Etwa 500 Sei­ten stark, zwar broschiert, aber auf ganz dünnem, alasiertem oderlackiertem" Papier gedruckt. Ein solches Buch würde daheim noch dazu unter Be­rücksichtigung der beschränkten Auflagemöglichkeit im Minimum fünf, wenn nicht gar zehn Mark kosten. Dieses japanische Buch kostete 1 Pen 50 oder 1 Reichsmark und 7 Pfennige! Mit anderen Worten: jeder kann sich dies wissenschaftliche Buch kaufen, und der Bildungsmöglichkeit sind kaum Grenzen gesetzt. Auf derNpsilon-Maru" ist es nicht anders:The purest of all Pilsener Beer, specially brewed für Exportation, Made in Japan kostet die Literpulle 35 Pfennig! Die Speisekarte ver­zeichnete 15 Gerichte Diese werden im Laufe der 24stündigen Fahrt viermal morgens, mittags und abends und amandern Tage" gereicht, dazu ge­räumige Kabine I. Klasse, einschließlich 60 Tage gültiger Rückfahrt mit wiederum vier großen Diners alles zusammen" 25 Mark oder 12,50 Mark für die einfache Fahrt! Und da die Frachtsätze ähn­lich liegen, braucht man sich schließlich über die steigenoe Beliebtheit", der sich die rührigen Ja­paner im Fernöstlichen Handel erfreuen, nicht mei-

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Der Neubau des Aeichsluftsahrtminisleriums.

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ter zu wundern... rührig! Das ist wohl der richtige Ausdruck! Denn bei Tisch tranken sie nur Wasser, und kaum war der Kaffee gereicht, ver­zog sich alles eilig und lautlos in die Kabinen. Auch das scheint mir bezeichnend zu sein:..Europa durch mich und Mister Schulzerepräsentiert hielt sich an daspurest of all Pilsener Beer, Made in Japan", und zwar ausgiebig und lange, die Japaner tranken Wasser und rechneten, schrieben und kalkulierten in ihren Kabinen. Auch das könnte man einSymbol" nennen.

AnSymbolen" war diese Fahrt überhaupt reich. Durch schweren Sturm aufgehalten, trifft diePpsi- lon-Maru" erst kurz vor Abgang des Schnellzuges nach Tientsin in Taku ein. Regelloser Sturm auf die Billetschalter, man vermißt das saubere japanische Schlangestehen doch sehr. Um den Reisenden abzu­fertigen, benötigt der chinesische Kartenverkäufer zehn Minuten. Auch ganz klar! Denn mehr als ein Dutzend Chinesen sindvon hinten" in den Billet- Raum gedrungen und kaufen dort für ihre Genos­

sen gleichen gros" ein. In Japan nicht auszuden- ken! Fünf Minuten vor Abgang des Zuges komme ich endlich dran.Eins zweiter nach Tientsin!" Als ich mir auf dem Bahnsteig Karte und Wechsel- geld besehe, stelle ich fest, daß der Beamte mir fünf Dollar zu wenig herausgegeben hat. Wieder an die Kasse rennen?? Ausgeschlossen! Eben fährt der Zug ein und der Sturm auf die Wagen beginnt. Gottseidank! Einen Platz hätten wir er­wischt! Mit der Uhr in der Hand habe ich die Ab­fahrtsminuten gezählt, aber kein Kassierer kam wie in Dairen gelaufen, um denMister Tröbst from DschÖfnany" zu suchen und ihm die fünf Dol­lar wiederzubringen ... ach ja! Die Japaner haben schon recht, wen sie sagen:China ist groß, aber keine Ordnung darin! DieseOrdnung" will Japan in China schaffen, genauer wohl eineNeu- Ordnung" vornehmen, und diesen Versuch ver­folgt man wohl am zweckmäßigsten von der Zentrale Tientsin aus ..

Landwirtschaft rechts und links des Gchienenstranges.

Die Aeichsbahn-Meinlandwirte als Helfer der Erzeugungsschlachr.

ZdR. Die deutsche Reichsbahn ist nicht nur aufs innigste mit dem deutschen Bauerntum und der Landwirtschaft dadurch verknüpft, daß sie die land­wirtschaftlichen Erzeugnisse mit Hilfe ihres gewal­tigen Güterverkehrs befördert und mit ihrem weit­verzweigten Schienennetz Stadt und Land in des Wortes eigentlichster Bedeutung verbindet; inner­halb der Reichsoahn besteht darüber hinaus noch eine der breiten Öffentlichkeit leider zu wenig be­kannte Gruppe von Volksgenossen, die neben ihrem Reichsbahndienst selbst Bauernarbeit leisten: Das sind die Reichsbahn-Kleinland- wirte, die gewissermaßen eine Spezialtruppe in der Erzeugungsschlacht darstellen. Ist es doch mit ihre Aufgabe, das noch nicht landwirtschaftlich ge­nutzte, aber dazu geeignete Gelände der Reichsbahn der Bearbeitung und Nutzung zu- zuführen, um auch am Werke Der Erringung Der Nahrungsfreiheit mitzuhelfen.

Jeder wird schon vom dahinbrausenden Zuge aus den salutierenden Bahnwärter vor seinem Häuschen gesehen und ihm freundlich zugewinkt haben. Das rasende Tempo der Fahrt aber hat ihn meist ge­hindert zu beachten, daß dieser Bahnwärter und

neben ihm viele tausend deutsche Reichsbahner eigentlich von Beruf ein Doppelleben führen. Der deutsche Eisenbahner ist nicht nur der treue tech­nische Verwaltungsbeamte, sondern außerdem in vielen Fällen der seine Familie mit Nahrungsmit­teln selbst versorgende Landmann. Das Bahnwär­terhaus stellt mit seinem Gärtchen, mit seinem Stückchen Feld oder Wiese, mit seinen Hühner-, Ziegen- oder Kaninchenställen einen kleinen H o f für sich dar, auf dem der Gedanke der Selbstversorgung aum Teil bereits verwirklicht wor­den ist. Das Bahnwärterhaus hat also in diesem Sinne beispielhafte Bedeutung, und von hier aus ist auch der Gedanke weitergegangen, das Ge­lände der Bahndämme und anderer Reichsbahnanlagen, das von Nichteisenbah­nern aus Gründen der Sicherheit für Leben und Betrieb nicht betreten werden darf, durch die Eisen­bahner selbst der Volksernäyrung dienst- b a r zu machen.

Die Organisation der Reichsbahn-Kleinlandwirt­schaft ist übrigens keine Einrichtung neueren Da­tums, im Oktober des vorigen Jahres konnte diese Wohlfahrts- und Selbsthilfeorganisation der deut­

schen Reichsbahner, die den für sie in Betracht kommenden Gliederungen des Reichsnährstandes angegliedert ist, ihr 25jähriges Bestehen feiern. Ihre volle Entfaltungsmöglichkeit hat Die Reichsbahn-Kleinlandwirtschaft aber erst im Dritten Reich erhalten, indem die Idee von Blut und Boden, der verpflichtende Gedanke von Bauern» arbeit als Dienst am Volke, maßgeblich sind.

War die Arbeit der Reichsbahn-Kleinlandwirte früher eine private Liebhaberei, eine Aufbesserung des Diensteinkommens, so hat diese Arbeit jetzt höhere Ziele und Zwecke: Jetzt ist der Grundsatz richtunggebend, daß auch der letzte Quadratmeter deutschen Bodens zur Sicherung der deutschen Er- nährungsgrundlage genutzt werden muß! Das heißt, daß also auch der Reichsbahn-Kleinlandwirt es gibt ihrer über 140 000 Soldat der Erzeuaungs» schlacht ist. Und man soll die Tätigkeit dieser kleinen Truppe nicht unterschätzen. Die Reichsbahn verfügt über 50 000 Hektar Gelände, das zum großen Teile landwirtschaftlich nutzbar ist. Meist sind es schmale Bahndämme und kleine Landstück» ; chen, aber viel Wenig machen ein Viel, ganz ab­gesehen davon, daß die teilweise Selbstversorgung von über 100 000 deutscher Reichsbahner bereits eine ganz erhebliche Entlastung des Lebensmittel- marktes darstellt.

Um das Reichsbahngelände, das sich landwirtschaft» lich in irgendeiner Form nutzen läßt, diesem Zweck zuzuführen, hat die Deutsche Reichsbahn mit der , Reichsbahn-Kleinlandwirtschaft eine General« pacht abgeschlossen. Die Reichsbahn-Kleinlandwirt­schaft, die in jedem Reichsbahndirektionsbezirk ihre Leiter hat, wurde so die Rechtsnachfolgerin in über 150 000 Einzelpachtverträgen, und sie erhielt auch die zur Durchführung der neuen großen Aufgaben er­forderlichen Mittel. Hunderttausende von Reichsbahn- bediensteten gilt es nun, in der planmäßigen land­wirtschaftlichen Arbeit zu schulen, die vorhanden n landwirtschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen und auch auf dem Grund und Boden der Deutschen Reichs­bahn zu höheren Erträgen und besseren Leistungen zu kommen.

Welche Gebiete sind es nun, die von derLand­wirtschaft am Schienenstrang" bevorzugt werden? Die Hauptsache ist die K l e i n t i e r z u ch t: Hühner, Kaninchen, Bienen werden von Reichbahnern ge­halten. Der Ziegenhaltung der Haltung derKuh des kleinen Mannes", wie man sie scherz­haft bezeichnet wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Um an der Rohstofffreiheit mitzuarbeiten, wird neuerdings auch die Seidenraupenzucht durch die Reichsbahner in verschiedenen Gegenden geför­dert und längs der Bahndämme entstehen Maul-

Waldspuk.

Von Cecile Lauder.

Mit vierzehn Jahren erfuhr ich eines der hübsche­sten Erlebnisse meines Lebens. Es könnte ein Traum gewesen sein.

Barfuß, den Zeichnungsblock unterm Arm, hatte ich mich von Großmama und meiner Schwester ent­fernt, die auf einem Bänklein an der Sonne aus- ruhten, in der Nähe von Wolfhalden im Appenzel­ler Land, wo wir kurze Sommerferien zubrachten. Ich stapfte lange durch Unterholz, kam tiefer in den Wald, betrat eine Lichtung, darin die Sonne an den roten Kiefernstämmen bunte Feste feierte, und fetzte mich still auf einen Stein, mitten in Erika- traut und Preiselbeeren. Ich wollte zeichnen und hatte wohl auch schon angefangen; aber es war so wunderbar still und feierlich um mich her, daß ich wieder aufhörte und mich träumend hingab an Sonne, Harzduft und Märchenstille.

Es summte in der Luft von goldenen Bienen. In den braunen Lücken zwischen den Baumstämmen schauckelten blitzende Netzsäden Es roch nach Bee- rcn und Pilzen.

Plötzlich ein leises, hurtiges Rascheln vor meinen Füßen in den Beerenstauden, als habe sich ein Eidechschen oder eine Schlange gerührt. Wie aus her Erde gezaubert stand ein goldbraunes Wiesel vor mir und schaute mich an mit glänzenden Augen.

Ich rührte mich nicht.

Neues Rascheln. Don allen Seiten tauchten kleine Wieselchen auf, ein halbes Dutzend oder mehr. Sie fuhren aus dem Laub heraus, standen regungslos, zuckten zurück und standen wieder da. Sie spielten, liefen aufeinander los, überrannten sich und schlu­gen Purzelbäume.

Ich wagte kaum zu atmen, rührte mich nicht. Und plötzlich als wäre ich ein Wurzelstück kletterte eines an meinem nackten Bein in die Höhe. Es kratzte, und ich hätte lachen sollen, verhielt mich aber und zuckte nicht. Und schon stand es oben auf meinem Zeichnungsblock mit lang aufgerecktem Hals und guckte mir ein wenig erschrocken und richtig neugierig in die Augen

Nie hat Natur mich schärfer prüfend angeblickt. Aber ich hielt ihren Blick aus. Ein zweites turnte am meinem Knie empor, ein drittes. Die tolle Jagd ging über mich hinweig, hinauf, hinunter, über den Schoß, an den Armen aufwärts, und über die Schultern Sie stießen halblaut ruckende Töne aus; sie neckten und balgten sich über meinem Zeichenblock, die langen Schwänze bepinselten mich, und ich dielt still, als wäre ich ein Wurzelstöcklein.

auf einem Mooshügelchen vor meinen Füßen stand die Mutter, lauschte und paßte auf

Räderrollen in der Ferne.

Ein Pfiff vom Muttertier; die Schar stob ausein­ander und verschwand in den Büschen wie ein Spuk. Und ich hüpfte auf die Füße, jauchzte, rannte erregt und überglücklich zurück zur Groß­mama, um zu erzählen, was mir schwer geglaubt wurde.

Spaziergang durchs ölte photographie-Album

Von Peter Peppermint.

Beim Entrümpeln haben wir es gefunden, das alte Photographie-Album, das den Eltern gehörte. Manch alte, liebe Erinnerung wurde beim Durch­blättern lebendig. Wir haben herzlich gelacht über die Stellungen, die die Großväter und Großmütter, Onkels und Tanten vor dem Objektiv einzunehmen gezwungen waren, manchmal ja, manchmal überkam uns auch eine leise Wehmut beim Ge­denken an die, die wir noch selbst kannten ..

Wir wissen ja, wie das war damals, als wir klein waren. Das erste Bild, das überhaupt von uns ge­macht wurde, war dasStrampelchen". Es dauerte lange, bis das Bild zustande kam. Immer und im­mer wieder verschwand der Mann unter dem ge­heimnisbergenden schwarzen Tuch, und wenn er wieder drunten heroorkam, hatte er am Apparat gerüttelt, und die ganze Sache fing von vorne an. War alles so weit, dann kam das Baby vielleicht gerade etwas an. was besser zu Hause na, las­ten wir das. Oder eine pessimistische Anwandlung ließ dem kleinen Alfred die Welt als etwas durch­aus Verabscheuungswürdiges erscheinen, über das er Ströme bitterer Tränen meinte

Das schwarze Ding da warum sollte man Da Hinsehen? Seit einer halben Stunde erzählte der fremde Onkel was von einer Miezekatze, die unter dem Dinge auftauchen sollte, aber wenn was drun­ter vorkam, wars das immer ärgerlicher werdende Gesicht dieses Mannes, dem man am liebsten die Zunge rausgesteckt hätte ...

Wie ganz anders wurde das später! Da hatte man schon die Wahl zwischen Brustbild und an­deren Formaten mit so schönen Namen:Kabi­nett",Disit",Boudoir" das imponierte ge­waltig. Die ersten langen Hosen erforderten eine Totalaufnahme, die erste Stellung ein Brustbild von wegen des Sich-in-die-Brust-Werfens. Wie

haben wir über Onkel Georgs Bild gelacht kühn schwingt sich sein Huls aus dem Vater­mörder heraus, gewichttg ist sein Aeutzeres und drohend der Blick. Das lag daran, daß der Kopf- halter zu eng geschraubt war ...

Das war nämlich so. Als Onkel Georg zum Photographen in dessenGlashaus" trat das neue Jahrhundert war noch gar nicht angebrochen benahm ihm eine üppige Flora von Makart- buketts beinahe den Atem. Er stolperte über zier­liche Balustraden, gebrechliche Tischchen und Plüsch­möbel. Onkel Georg wog nicht gerade wenig, und wenn er nun auf dem Bilde an dieser zarten ge­drechselten Balustrade lehnt, dann ja, dann hat er diese kühne Positur nur dem Schraubstock zu ver­danken gehabt, in den er gespannt wurde und der nicht nur den Schädel, sondern zugleich die ganze Wirbelsäule in möglichst groteske Formen bog.

Da hatte es Tante Adele leichter. Die durfte sich aus einer Art Burgverlies mit Ranken und Gir­landen herauslehnen natürlich nicht richtig, sonst wäre das ganze PappmachS-Gebäude in die Binsen gegangen. Neben Kusine Emme stellte man eine Vase ja, man muß Zugeben, die Kusine wie das Bildnis wurden dadurch ungemein gehoben. Beide blühen förmlich ...

Großvater Schmidt ließ sich mit seiner Braut photographieren. Der Photograph tat sein mög­lichstes: der Großpapa mußte seinen Hut in die Hand nehmen und Großmama die Pompadour mit Quasten. Zwischen beide, die sich per Arm in Posi­tur stellten, stellte er anscheinend als Zeichen des Verlobtseins, als eine Art Bindestrich, eine Balu­strade. auf die Großpapa kühn feinen Fuß fetzen Durfte. Das heißt, er mußte so tun, als ob unter den Fuß baute man irgend was, was auch wieder wegretuschiert werden konnte. Ihm schlief der Fuß ein, als die Aufnahme vonstatten aina und nur aus diesem Grunde sieht er so aus als bereute er die Verlobung.

Dabei sagte der Mann dann nochBitte recht freundlich!" und hielt die Linse minutenlang'offen Das heißt, so lange, wie bei Onkel Theodors fiocfr 3eif 1903 dauerte es für gewöhnlich nicht. Wir wurden damals im Januar alle aus dem Saal herausgeholt und auf der Terrasse des Etablisse­ments aufgestellt wir Kinder legten uns quer oor bie ©ruppe unb hielten eine Tafel mit der Kreidelnschnft Hochzeit Schmidt Bornmüller 17. Januar 1903.' Es ist kein ganz richtiges Bild' gewogen Herr Thielemann, der später Fräu­lein Kranz geheiratet hat, hat ein Weinglas mit rausgebracht ihm hat vor Kälte (?) die Hand f° gezittert, daß er dann auf dem Bild mehrere

Gläser in der Hand hielt ... Herr Jünnemann hat mit seinem Vollbart die Tante Dora, die vor ihm saß, ganz verdeckt. Wäre es eine Farbenphoto» graphie geworden, dann wären alle blau, nicht bloß Herr Thielemann. Wir standen nämlich bei­nahe eine Stunde bei fünf Grad unter Null- der Rest des Tages wurde mit Niesen verbracht.

Aber das ist nun alles vorbei. Wir lächeln über diese Dinge, lächeln über Vetter Ernst, der, um 1908 ausgenommen, aus hohem Gipsverband, mit einer Marguerite im Knopfloch, einer hellen Melone und einem hauchdünnen Spazierstöckchen tut, als ge­höre ihm die Welt wir lächeln und freuen uns doch zugleich: denn aus diesen Bildern steigt jene herrliche Welt der Erinnerung in''uns auf, die nur deshalb so schön ist, weil sie eben die Welt unserer Jugend ist.

Inzwischen hat der Photograph eine neue Welt erschlossen, eine Welt der Natürlichkeit und Un» gezwungenheit. Seine Platte, sein Film halten uns fest, wie wir find, nicht, wie wir sein wollen oder zu fein glauben. Aus der Welt des Scheins ist die Welt des Seins geworden ...

3eiffd)riffen.

, DieSüddeutschen Monatshefte" (München), machen uns in ihrem, vom ehemaligen Reichsmlnister des Auswärtigen, Botschafter z D. von Rosenberg, eingeleiteten Juniheft mit dem Heu» ngen Stand der Dinge in der Türkei vertraut. Der erste Aufsatz, von Professor Dr. Richard Hart» "sann, gibt durch den Hintergrund des alten Osma» mschen Reiches das lebendige Bild der vollzogenen Wandlung. Deutlich hebt sich das Wesen der heu» tigen, völkischen Türkei vom überstaatlichen, durch den religiösen Gedanken des Kalifats zusammen­gehaltenen alten Reiche ab. Der Rückzug nach Ana- tolien versinnbildlicht den Vorgang. Dagobert von Mlkusch entrollt uns das Bild der modernen Türkei. Botschafter a. D. Nadolny umreißt die Durch­führung seines nach japanischem Vorbild etwa entworfenen Programms. Was bisher alles ge­schaffen wurde, schildert Dr. Hermann v. Engelmann aus eigener Anschauung. Mit Interesse wird man erfahren, daß bereits Moltke vor hundert Jahren diese Loslosung vom Bosporus befürwortet hat. Professor Dr. H. H. Schaeder weist darauf hin, daß der Islam m den Mandatsländern seine Stoßkraft gegen die europäische Vormundschaft richtet wäh­rend er, wenigstens in der sunnitischen Türkei dem b/hndpf gegenüber in einer gewissen Defensive sich