Ur. 136 Zweites Blatt__Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 13. Zuni 1956
Sprachverwirrung.
Äon Ernst von Niebelschüh
„Zwar besitzen wir noch einzelne sprachgewaltige Dichter und Prosaisten, aber dem Durchschnitt des lebenden Geschlechts gebricht das Sprachgefühl so gänzlich wie keiner anderen Generation seit Lessings Tagen. Wenn die Zeitgenossen Ludwigs XIV. eine Masse altmodischer Fremdwörter gebrauchten, so meinten sie doch ein gutes Werk zu tun, ihre rauhe Sprache lieblich zu schmücken; die heutigen Barbarismen entspringen einfach der Mißachtung, einer Rohheit des Gemüts, die gar nicht mehr weiß, was der Deutsche seiner Muttersprache schuldet." Diese Anklage finden wir in einem Aufsatz der „Preußischen Jahrbücher" vom Jahre 1883, und der sie erhob, war kein Geringerer als Hei n- r i ch von T r e i t s ch k e. Sie ist heute sicher noch zeitgemäßer als damals, denn was wir seit dem Kriege mit wachsendem Schaudern erleben mußten, war ein barbarischer Einbruch in den Blumengarten unserer deutschen Sprache, wie er verwüstender kaum gedacht werden kann.
Der Einbruch der zerstörenden und tötenden Macht, mit der verglichen die mit Recht bekämpfte Fremdwortmode noch harmlos zu nennen ist, einfach weil sich das Fremdwort ehrlich als solches zu erkennen gibt und wenigstens eine deutliche Sach- bezeicknung enthält. Richt daß wir etwa seinen Gebrauch befürworten wollen; wir wünschen im Gegenteil seine — soweit möglich — gänzliche Verdrängung durch deutsche Wörter und wissen, daß hier noch manches zu tun übrig bleibt. Was wir meinen, ist etwas anderes: die aus dem Auslande wie eine Seuche über uns gekommene Unsitte, Anfangsbuchstaben und Anfangssilben zu ganz neuen Wortgebilden zusammenzuziehen und damit eine neudeutsche Umgangs- und sogar Schriftsprache zu schaffen, die angeblich sachlich, in Wahrheit aber ein Hohn auf den Gei st des echten Sprachgutes ist. Und diese Pest hat alle Kreise ergriffen. Ihr Keim liegt keineswegs bei den sogenannten „Ungebildeten^, sie ist ganz im Gegenteil von den Intellektuellen ausgegangen und hat erst von hier aus die Volkssprache vergiftet, die heute leider nicht mehr jener Born der Urspünglichkeit ist, der mit gesunder Quellkraft die krankmachenden Elemente wieder ausstoßen könnte Mit der „Gesolei", der „Wumba" und der „Krabula" fing das Unwesen an. Jedermann wird die Beispiele beliebig vermehren können, denn heute sind wir wirklich schon soweit, daß man eines besonderen Wörterbuches bedürfte, um aus dieser toten Begriffssprache, die sich da zersetzend in die bildhaft gestaltende Volkssprache hineindrängt, überhaupt noch klug werden zu können. Und was das Allerschlimmste ist — man findet das offenbar ganz in der Ordnung. Wir aber meinen: wer sich in solcher Weise an seiner Sprache versündigt, der versündigt sich auch an seinem Volkstum. Denn Sprache und Volkstum sind eins.
Als das kennzeichnende Merkmal unserer Zeit rühmen wir die „S a ch l i ch k e i t". Worin besteht sie? In der Heiligsprechung der Kürze, in der Ablehnung alles Gefühlbedingten, des Symbols, kurz: des Umwegs. Auch des Umwegs über den Menschen? Denn, zweifeln wir nicht, — Versachlichung kann zur Entmenschlichung führen. Das geschieht, wenn das Leben, das ein Gleichnis fein sollte, zum Apparat wird, bestehend aus Dingen, die ein persönliches Verhältnis zu uns nur noch insofern haben, als sie uns nützlich sind oder nicht.
Am deutlichsten zeigt sich das in der Sprache. So bald sie aufhört, an ihrer Bilderwelt weiter zu arbeiten und die Neigung verrät, ihr inneres Leben dem technischen Begriff zu opfern, beginnt auch bereits ihre Loslösung von den geheimnisvollen Urquellen. Eine Sprache stirbt, wenn sie der heiligen Wegzehrung, die ihr von den „Müttern" zuströmt, nicht mehr zu bedürfen glaubt.
Das Wort trennt, das Bild verbindet. Warum war Nietzsche lange Zeit der gelesenste aller Philosophen? Weil er die wundersame Fähigkeit besaß, aus der Welt des Bildes zu schöpfen und
Satze zu gestalten, die sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägen. Aber auch umgekehrt: Wie kommt es, daß heute viele Menschen ein Gedicht von Goethe einfach nicht mehr verstehen können? Weil sie den Schlüssel zum Bilde verloren haben, weil ihr Denken so „sachlich" und phantasielos geworden ist, daß sie zu dem verborgenen Schatz im Wortbilde keinen Zugang mehr finden. Warum ist heute die Bibel, trotz ihrer weiten Verbreitung, das am wenigsten verstandene Buch/die Bibel, von der doch noch Goethe urteilte, daß er ihr den größten Teil seiner Bildung verdanke? Aus dem gleichen Grunde: Weil der heutige Mensch durch den feinen Schleier von Bild und Gleichnis nicht mehr durchsehen kann, weil er seine eigene graue Kopfgescheitheit in ein Buch hineinträgt, das sich an ganz andere Organe wendet und nie und nimmer abstrakt und materialistisch verstanden sein will.
Kein Zweifel, die Menschheit ist bildfaul geworden. Das Verstandesdenken hat unsere Bildkraft geschwächt, andernfalls wir gegen „Krabula" und Konsorten empfindlicher wären, als es leider der Fall ist. Man lese doch nur unsere alten Volksmärchen, man lese eine Rede Bismarcks! Wie ungesucht künstlerisch ist da jeder Satz, wie funkelt da alles von gestalthaften Beziehungen, die für jeden, der mit dem Lesen und Hören noch ein geistiges Schauen verbindet, die heutige Auffassung, man könne nur mit abstrakten Begriffen deutlich und sachlich sein, leicht widerlegen' Das Gegenteil ist richtig. Je bildhafter eine Sprache ist, uni so knapper kann sie sich auch ausdrücken. Nur müssen die Bilder auch wirklich .den Nagel auf den Kopf treffen"
Statt der unmittelbar einprägsamen Vorstellungsreihen unserer alten bildenden und unbewußt dichtenden Sprache haben wir also unsere Anfangsbuchstaben und Silbenungeheuer, auf die wir so stolz |
sind, von denen man aber vermuten darf, daß sie der Teufel der Abstraktion in einer besonders fruchtbaren Stunde gezeugt hat. Aber sollte es im Ernst wirklich einen noch halbwegs vernünftigen Menschen geben, der behaupten wollte, sie gehörten zu jenen „schönsten und edelsten Worten" unserer Sprache, von denen Herder urteilte, daß sie „bei ihrer Geburt in das süße Heer des Wohllautes getaucht und im lebndigen Gefühl der Sache gebildet" worden fein?
Man könnte hier einwenden, sie seien noch immer besser als die damit bezeichneten Sachen selber, die jede Stenotypistin, der man zumuten wollte, sie im vollen Wortlaut niederzuschreiben, wahnsinnig machen müßten. Aber das ist es ja gerade, was wir die „Entmenschlichung" nannten. Man könnte auch sagen, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die technische Kosmopolitisierung der Nationalsprache, denn es ist eine Angelegenheit der ganzen „Kulturwelt". In England fing es an, Amerika folgte, die Russen machen einen wahren Sport daraus, und der im Nachahmen übler Gewohnheiten besonders begabte Deutsche übertrumpft heute noch den Unfug.
Das alles schreit nach Abhilfe, und die Reden der führenden Staatsmänner lassen uns zuversichtlich an die Möglichkeit einer Rettung unserer schwerbedrohten Volkssprache glauben. Inzwischen ist ja auch das Sprachpfleqeamt Wirklichkeit geworden. Man möchte seinem Leiter die Kraft eines Herkules wünschen, um den Augiasstall von dem angehäuften Sprachmist so gründlich zu säubern, daß in Zukunft jeder Deutsche über sein heiligstes Erbe wieder ohne Schamerröten das aussagen kann, was einmal der Schweizer Dichter Heinrich L e u t h o l d in die schönen Worte gefaßt hat: Mancher Völker Sprachen vernahm ich, keine ist an Farbe, plastischem Reiz, an Reichtum, Wucht und Tiefe, keine sogar an Wohllaut dir vergleichbar.
ßnlhetftingen und Erfahrungen in Aordchina.
Von unserem H. Tr.-Äerichierstaiier
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) I.
Tientsin, Anfang Mai 1936.
Die Lage in Fernost, deren kritische Zuspitzung gerade in den letzten Tagen wieoer besonders deutlich wurde, hat unseren H. Tr.- Berichterstatter in der Mandschurei zu einer Reise nach Tientsin veranlaßt. Seine Eindrücke hat er in einer Artikelreihe zusammengefaßt, mit deren Veröffentlichung wir heute beginnen.
Leber das Gelbe Meer nach Tientsin
Gerade sollte in D a i r e n — Freihafen, Kai 6 — das Fallreep der „Ppsilon-Maru" hochgezogen werden, als mit fliegenden Rockschößen noch ein Japaner das Treppchen heraufgestürmt kommt. Rast wie von Furien gehetzt durch das Schiff, hinter ihm her Schiffsoffiziere und Stewards in schweren Mengen ... „Was ist denn da schon wieder los?" — „Mister Trobst front Dschörmany wird gesucht!" — „Hier! Hier!... Hier hängt er!" — Aufatmend landet der Japaner an meinem Tischchen: „Please, Mister, zeigen Sie mir Ihr Billett!" — „Gern!" — Er studiert es aufmerksam, vergleicht es mit seinen Aufzeichnungen, langt in die Tafche, holt 80 Sen oder 56 Pfennig hervor und legt sie mit dem wohlbekannten Zauberwort: „I am sorry" vor mich hin — eine Redensart, die hier genau so häufig angewendet wird, wie daheim das Wort „Pachong!^ und die im lokalen kaufmännischen Leben alle Grade der japanischen Traurigkeit, angefangen vom leisen Bedauern bis zur restlosen Verzweiflung wiedergibt. In diesem Sonderfalle sprach mir Herr Nucki-Mucki, Beamter des „Japanese Turist Bureau", das tiefe Bedauern seiner Agentur aus, die sich — „I am verrrry Sorrrry!"
— zu meinen Ungunsten im Fahrpreis um 56 Pfennig verrechnet hatte und die mir also durch einen Sonderboten diese Riesensumme buchstäblich in der letzten halben Sekunde vor der Abfahrt der „Ppsilon-Maru" wieder zurückerstatten ließ.
Wenn man so etwas erlebt, ist man natürlich zunächst „platt", aber die Sache ist bezeichnend für die japanische Ordnung! Denn, um 56 Pfennig zurückzubringen, hat das „Turist-Bureau" sicher den doppelten Betrag für Autospesen verausgabt, aber was tut man im Fernen Osten nicht alles, um fein Gesicht nicht zu verlieren! Uebrigens — bei dieser Gelegenheit: ganz auffallend, wie schwach fast durchweg die Japaner im Kopfrechnen sind! Ohne Rechenmaschine kommen sie nicht aus, selbst die einfachste Addition wird auf der Maschine aus- aeführt, einer Art Holzrahmen mit Drähten, auf denen an die hundert kleine Kugeln aufgereiht sind. Dieses Rechnen muß man mal gesehen haben: mit phantastischer Geschwindigkeit huschen alle fünf Finger gleichzeitig über die Kugeln hinweg, ein paar Verschiebungen, und „klipp! klapp!" — steht das Resultat da. Millionenziffern und alle Rechnungsarten lassen sich buchstäblich im Handumdrehen auf diesem Wunderding, das ein paar Groschen kostet, berechnen und ausführen, aber dieses ewige Maschinenrechnen scheint auf die Dauer die zuständige Gehirn-Kopfrechnen-Gangltnie genau so abzustumpfen, wie dauerndes Maschinenschreiben unfähig zum Handschreiben macht. Unzählige Male habe ich es erlebt: hatte der Kaufmann oder der Schalterbeamte seine Maschine nicht zur Hand, verrechnete er sich selbst bei den einfachsten Additionen, und zumeist noch zu seinen eigenen Ungunsten. Aber wohlgemerkt: nur in Kleinigkeiten! Denn in großen Dingen sind die Japaner ausgezeichnete „Rechner", und bis dato haben sie sich in der Politik zum Beispiel noch nie verrechnet!
Jubel um den Führer.
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Während seines Aufenthaltes in Wilhelmshaven wurde der Führer von der Bevölkerung mit einer überwältigenden Begeisterung begrüßt. Dicht zusammengedrängt stand die Menge bei seiner Abfahrt am Bahnsteig, und Kinderarme reichten ihm Blumen ins Fenster. — (Presse-Jllustration-Hofsmann-M.)
Bei Anbruch der Dunkelheit ist die „Ppsilon- Maru" bereits auf hoher See. Im Speisesaal treffe ich — Halloh! Wo kommen Sie denn her? — Mister Schulze, seines Zeichens „21. E. O." (sprich: „21—Her E—rfahrener Ostasiate"). „Nun, nehmen wir einen Drink?" — „Aber sicher!" — Und während der Steward Whisky und Soda, diesen alten, biederen fernöstlichen Sorgenbrecher aufbaut, schnüffelt Mister Schulze etwas argwöhnisch „in der Luft herum". — „Was haben Sie denn? Brennt's irgendwo?" — „Das nicht! Fiel mir eben nur ein, daß wir heute so das Wetter für einen soliden Seeräuber-Ueberfall haben! Ruhiges Meer und an die 700 Kulis an Bord." — „Machen Sie keine Geschichten! Ueberfall! Könnte mir so passen!" — „Tja, warum denn nicht? Rechnen Sie sich doch mal aus: jeder dieser aus der Mandschurei nach Nordchina zurückkehrende Wanderarbeiter hat — ohne die reichen Chinesen zu rechnen — min- destens 50 Dollar Ersparnisse bei sich. Macht zusammen mindestens 40 000 Dollar! Viel Geld heute. Brauchen doch bloß an die 20 Banditen als harmlose Passagiere mitzufahren, holen auf offener See die Pistolen raus, sammeln ein und fahren mit den Rettungsbooten zur Küste. Und ehe der Funker ein Torpedoboot aus Port-Arthur herbeiruft, liegt er schon längst im Bach oder hat eine vor die Plautze bekommen ... haben doch sicher den letzten Ueberfall in der Mukden-Peking- Bahn gelesen? Der ganze Zug voll koreanischer Silberschmuggler, plötzlich eine wilde Schießerei, ein Dutzend Tote und Verwundete, die Koreaner waren ihr Geld los und die Räuber-Passagiere in den Büschen verschwunden — tjawoll! So wird das hier draußen gemacht!" — Und der A. E. O. nahm einen tiefen Schluck aus dem Whisky-Glas — aber leider ist — vom journalistischen Standpunkt aus gesehen, tief bedauerlich — die „Ppsilon-Maru" ohne Ueberfall nach Taku gekommen, das gewissermaßen den Hafen von Tientsin bildet, eine Stadt, die — genau wie im Boxerkrieg — auch heute noch das Sprungbrett für Peking ist.
3m Kinderland.
Erinnerungen von Ernst Mechert.
Ich bin ein mit vielen Träumen gesegneter und beladener Mensch, schon von Kindheit an. Aber von hundert Träumen, die heute über meinen Schlaf gehen, sind neunzig dort zu Hause, wo ich ausgewachsen bin. Ich gehe durch das alte Haus, in dem ich doch seit fast dreißig Jahren keine Nacht mehr geschlafen habe, über das Roggenfeld, durch das Schilf der Seen, tief in die Wälder hinein. Und selbst der Krieg, so tief eingegraben in meine Seele, spiegelt sich nicht im Raume der fremden Länder wider, sondern ist da zu Hause, wo ich zu Hause war. Unter den alten Erlen stehen die Geschütze eingegraben, aus dem Rand meiner Wälder tauchen die Schützenketten auf, und alles Große und Grausige seines Geschehens geht über mein Kinderland hin, als hätte es den ersten Anspruch auch auf diesen so ernsten und düsteren Teil meines Lebens.
Um die Mittagszeit kehre ich heim, und eine Stunde später bin ich schon wieder unterwegs. Die Schnepfen sind auf dem Durchzug, und in Schonungeck und Brüchen suche ich sie auf, ohne Hund, nur mit dem Gefühl dessen, der wissen muß, wo die Tiere seines Waldes schlafen. Vier, fünf Stunden dauert der Bogen, den ich durch die Wälder mache, und bevor die Sonne sinkt, sitze ich zwischen Hochwald und Torsbruch, im Grenzgraben, wo der Blick weit hinausgeht und über den gelben Birken die roten Abendwolken stehen. Hier ist mein stillster und geliebtester Platz. Zwischen den Torfhaufen steigt der frühe Nebel auf, und durch die stille Luft kann ich hören, wie der Pumpenschwengel auf unsrem Hof auf und nieder geht Finster und gewaltig steht hinter mir der Wald, aber hell und rötlich bestrahlt liegt der ganze Himmelsraum vor meinen Augen. Da zieht alles vorüber, was ich war und einmal werden möchte. Goldene Tore sind aufgebaut, und wie ein Traumoogel schwebt oer Reiher über Säulen und Dach. Schmerz erfüllt mich und das tröstliche Gefühl des lebendigen Seins. Noch weiß die junge Seele nicht, wohin sie fliegen wird, aber sie fühlt die Kraft ihrer Schwingen, und ein glühendes Verlangen erfüllt sie, gut und groß zu werden, wie alle diejenigen, mit deren Mildern man von Kindheit an ihren Raum erfüllt yar. Manchmal schreibe ich hier einen Vers aus ein zerknittertes Blatt, aber nicht die Verse sind die Flucht dieser stillen Stunde, sondern die Bereitschaft, die aus ihr strömt, das Stillesein, das uferlose Ersullt- werden mit etwas, das ich nicht kenne und nicht nennen kann,
Dann kommt die Dämmerung, und nun ist nur der Jäger übrig geblieben, für den es keine Träume gibt. Denn die Schnepfe kommt stumm, in rasendem Flug um Wipfel und Waldecken, und die Hand, die nicht fehlen will, darf keine Verse schreiben.
Dann steigt der Mond über das Moor, und ich gehe noch zum See. Im Schilf, bis zu den Knien im kalten Wasser, warte ich auf die ziehenden Enten, bis das silberne Korn auf der Schiene des Gewehrs nicht mehr zu sehen ist. Der Tag ist zu Ende. Er hat das Seine gebracht. Dunkel liegt schon das Haus. Durch die Kammertür sage ich meinem Vater noch, wie alles war. Am Fenster meiner Oberstube esse ich mein Abendbrot, im Dunklen, und sehe zu, wie der große Herbstmond über See und Felder steigt. Die Eulen rufen aus dem schwarzen Wald, und in einem fernen Dorf bellt ein Hund, daß das Echo lange über die Erde geht. So einfach ist die Welt, wenn man nichts hinzutut zu ihr, und der Schlaf kommt über mich, wie er über die Erde kommt: ein Lohn des Tages, der erfüllt worden ist.
Grünes Veqenrohr, Gchwatzecke der Vögel.
Von Anton Schnack
Zwischen dem weitvorspringenden oberbayerischen Hausdach und dem Abflußrohr, das an der Wand zum Boden hinabführt, ist das meterbreite, schrag- ansteigende Verbindungsstück: rund, wettergeschutzt, grüngestrichen, ein derbes, handfestes Bauernblech. Meine Liebe für Idyllen und sonderbare Nebensächlichkeiten hat es gleich entdeckt; denn auf dem Regenrohr ist ein belustigendes Sammelalbum von Vogelbesuchen, Eintrag neben Eintrag, Batzchen neben Bätzchen, Würstchen hinter Würstchen, große, kleine, krumme, gerade, dicke, dünne, breite und aus- einandergeschwommene, nicht nur ein paar das wäre nicht der Erwähnung wert, sondern Dutzende sind es, ja ein halbes Hundert, frische von beute, trockene von gestern und vorgestern, aus allen Monaten stammen sie, Hinterlassenschaft eines ganzen Jahres, Lebenszeichen von flügger Brut und alten Vögeln, die sich auf dem Blechrohr zur letzen Rast niedergelassen haben, bevor sie durch den Alpenpatz ins südliche Ueberwinterungsland hinunterzogen.
Viele Farben sind vertreten: sprödes, kalkiges Weiß, dann Schwarz, bläuliches Schwarz, violettes Schwarz, grünlich schillerndes Schwarz, metallen durch Reste unverdauter Käferslügel, Rotgesprenkel-
tes, braune ausgedörrte Krusten, aschfarbene Punkte, und graues Zeug, geschwind und achtlos aus dem unruhigen und quecksilbrigen Federpürzel der Meisen gefallen. Die auseinandergelaufenen violetten Kleckse schreibe ich den Amseln zu, die mit dumpfem Schwung auf der Rohrrundung landen, einen klickernden Warnungsruf ausstoßen, den Schwanz wie einen Fächer aufklappen und dann zum feuchten Strauchdickicht am Zaun abstreichen, wo sie den aufeinandergepreßten Blätterabfall schnell, lauernd und heißhungrig umwenden. Spatzen fliegen das Rohr oft an: es schwankt nicht, es ist sicher vor einem Katzenüberfall und bietet genug Platz zu zänkischen Auseinandersetzungen und Volksversammlungen. Gerne wird es als Startort zu räuberischen Äus- flügen benutzt; denn weithin reicht die Aussicht, rundum auf die Kirschenbäume, die Gartenbeete, auf Pferdeäpfel, auf die Futterschüsseln der Hühner und die Küchenabfälle im Sand. Die Spatzen ziehen nie ohne Hinterlassenschaft ab, knappe, freche lieber» bleibsel bleiben von ihnen liegen, bestimmt und humorvoll wie sie selbst. Auch zum Schnabelwetzen eignet sich das Rohr vorzüglich: klipp klapp, wetz wetz, scharf und klirrend stechen die Finkenkrallen auf dem Blech herum, hinauf hinunter, hinunter hinauf. Emsig wird getrippelt und heftig wird eine Strophe in das frühe, graue Morgenlicht geschmettert; die Dreingabe des eingebildeten Finken ist ein schmaler, weißer Streifen, kalkig und fingerlang über die Rohrrundung gebogen, ein heiteres Un= schuldszeichen vom Vogel des Feldes, der weder sät noch erntet und doch vom himmlischen Vater ernährt wird. Hübsche Treffer machen auch die Meisen, die Kohlmeise am häufigsten; denn sie ist immer futter- suchend, immer freßbegierig, immer spähend, bohrend, knabbernd, knackend und dafür immer frei» giebig, wo sie auch sitzt. Und sie und ihre Verwandte, die frische, saubere Blaumeise, besetzen oft das Rohr. Von ihm aus können die runden schwarzen Vogelaugen bequem und scharf die innere Holzverschalung des Dachvorsprunges beäugen: ein rei- ckies Jagdgebiet, zahllose Kerfen, Spinnen, Milben, Jnsekteneier, Schwärmerleiber, also Fressen hundertfach. Das lockt auch bei langen Regentagen das lautlos sich benehmende Rotkehlchen an. Lange steht es auf eingeknickten drahtigen Beinchen und äugt in den Regenniederfall hinaus, dabei aber nicht vergessend, dem grünen Rohr seine winzige Vogel- inschrift zu schenken.
Ich weiß immer, wer da war: der bewegliche Hausrotschwanz war da, Männchen wie Weibchen, das Schwalbenpaar war den ganzen Sommer hindurch auf dem Rohr, zwitschernd, schwätzend, putzend und besonders aufgeregt, wenn vier ober fünf stahl
blaue Jungschwalben nebeneinander saßen und auf Futter warteten. Auch der scheue, rotrückige Würger war da, ein lauernder, befiederter Dolch, der vorüberfliegenden Insekten kerzengerade und todbringend nachschoß.
Ich liebe das grüne Regenrohr: Vogelrast, Vogelausguck, Vogelruhe, Fangplatz, Gesangspodium und Schwatzecke. Auch der heilige Franziskus hätte es geliebt. Nur dem Gärtner ist es zuwider und ein Dorn im Auge, weil es so betüncht und verdreckt ist. Mir zuliebe läßt er es unberührt und ungestrichen. Sv bleibt mir mein lustiges Lesebuch, Stück des Gartenglücks und der Gartenfreude, die ich habe, wenn ich, aus dem Fenster mich beugend, feststellen kann: eine Amsel ist dagewesen, ein Buchfink, ein Spatzenpaar.
Qochschulnachnchten.
Durch Urkunde des Führers und Reichskanzlers wurde der Dozent Dr. Otto Scherzer in Darmstadt unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum außerordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt berufen.
Der ordentliche Professor an der Frankfurter Rechtswissenschaftlichen Fakultät Dr. jur. Friedrich Klausing ist zum Direktor des Instituts für Rechtsvergleichung ernannt worden.
Der Honorarprofessor Dr. phil. nat. Franz Baur in der Frankfurter Naturwissenschaftlichen Fakultät ist zum korrespondierenden Mitglied der Ungari- scheu Meteorologischen Gesellschaft gewählt worden.
Der ordentliche Professor für Kinderheilkunde in Frankfurt Dr. med. Bernhard d e Rudder ist zum Mitglied der Leopoldisch-Karolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher in Halle ernannt worden.
Professor Dr. Wilhelm Rudorf, Ordinarius für Pflanzenbaulehre an der Universität Leipzig, ist zum Direktor und Professor des Kaiser-Wilhelm- Jnstituts für Züchtungsforschung in Müncheberg ernannt und gleichzeitig als ordentlicher Professor an der Universität Berlin berufen worden.
Professor Dr. Otto Elsenreich, Extraordinarius für Gynäkologie an der Universität München, wurde zum ordentlichen Professor daselbst ernannt.
Professor Dr. Erwin Ferber, Ertraordinarius für chemische Technologie an der Technischen Hock,, schule München, wurde zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Breslau ernannt


