Ausgabe 
13.5.1936
 
Einzelbild herunterladen

Htl» Erster vlatt

186. Jahrgang

Mittwoch, 15. Mai 1036

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle

Monats-Sezugsprelr:

Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte 1.80 Zustellgebühr .. -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Zernsprechanschlüffe

unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen

Postscheckkonto:

Sranffurt am Main 11686

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Universitäts-Such- und Steindruckerei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftrahe 7

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8^/,Uhr des Dormittags

Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text­anzeigen von 70 mm Breite 50 Rpf.,Platzvorschrift nach vorh.Dereinbg.25°/g mehr.

Ermäßigte Grundpreise:

Stellen-, Vereins-, gemein­nützige Anzeigen sowie ein­spaltige Gelegenheitsanzei­gen 5 Rpf., Familienanzei­gen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B

Keine Aufhebung der Sanküonen-Zlalien verläßt Genf.

Ein Vertagungsbeschluß -es Völkerbundsrats. Erst in vier Wochen erneute Beratung.

Genf, 12. 2Kai. (DJIB.) Die italienische Dele­gation hat von Mussolini die Anweisung erhalten, Genf sofort zu verlassen. Baron Aloisi hat darauf den Generalsekretär des Völkerbundes verständigt, daß er an den Arbeiten des Rates nicht mehr teilnehmen könne. Der Völker­bundsrat hat darauf in Abwesenheit der italieni­schen Delegierten folgende Entschließung an­genommen:

Der Rat, der berufen ist, den italienisch-abessilU- fchen Konflikt zu untersuchen, erinnert an die Fest- stellungen und Entscheidungen, die in dieser Sache seit dem 3. Oktober 1935 getroffen worden sind. Er ist der Ansicht, daß eine Frist notwendig sei, um seinen Mitgliedern die Prüfung der Lage zu ermöglichen, die durch die schwerwiegenden neuen Schritte der italienischen Re­gierung entstanden ist. Der Rat beschließt, am 15. Juni seine Beratungen über die Angelegen­heit wieder aufzunehmen und erachtet, daß es nicht angebracht sei. die Maßnahmen abzuändern, die durch die Völkerbundsmitglie­der gemeinsam getroffen worden sind.

In der Aussprache betonte der a b e s s i = Nische Vertreter die unerschütterliche Entschlossen­heit Abessiniens, seine Unabhängigkeit und Unver­sehrtheit zu verteidigen. Der Vertreter Argen­tiniens erklärte, er stimme der Entschließung im Interesse der Aufrechterhaltung der Grundsätze des Völkerbundes zu, mache aber einen Vorbehalt hinsichtlich der Vertagung der Aussprache. Der Ver­treter Chiles meldete seine Stimmenthal­tung an, da nach Auffassung seiner Regierung die Sanktionen mit Beendigung des Krieges gegen­standslos geworden seien und deshalb aufge­hoben werden müßten. Die Aufhebung der Sank­tionen wäre ein wichtiger Beitrag zur Ueberwin- dung der gegenwärtigen politischen und wirtschaft­lichen Krise Der Vertreter Ecuadors wies dar­auf hin, daß sein Land die Sanktionen bereits aufgehoben habe, nachdem sie sich als Mittel zu dem ursprünglich angestrebten Zweck nicht mehr als angemessen erwiesen hätten. Damit war der einzige auf der Tagesordnung der Sitzung vom Dienstag stehende Punkt erledigt.

Das Echo in London.

Verschärfte Spannung.

London, 13. Mai. (DNB. Funkspruch.)Daily Telegraph" berichtet aus Genf, Italien habe dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Mitteilung unterbreitet, die an alle Mitglieder in Umlauf ge­setzt werden solle. Darin werde eine Reihe von Anklagen gegen Großbritannien er­neuert. So werde besonders auf die angebliche Lieferung von D u m - D u m - G e s ch o s s e n aus England an Abessinien Bezug genommen. Die Mitteilung enthalte eine neue Serie von Greuelphotographien. Aehnliche Anschul­digungen, die von Italien im Februar gemacht wurden, seien sofort und überzeugend von der bri­tischen Regierung zurückgewiesen worden. Die Wie­derholung dieser Behauptungen erfolge in einer Art, die die schärfste und bestimmteste Zurückwei­sung durch die britische Regierung erfordere. Es könne kein Zweifel bestehen, daß die vergangenen 48 Stunden den Eindruck einer verstärkten englisch-italienischen Spannung ge­macht hätten. Die erneuten Anschuldigungen zeigten das bittere Gefühl Italiens gegen Großbritannien als den Führer der Völkerbundspolitik. Es sei ein unglücklicher Umstand, daß die Zurückhaltung anderer Rotsmitglieder Eden verpflich­tet hatte, am Dienstag wiederum die Füh­rung in Genf zu übernehmen.

Morning Post" meint, daß keine der großen Mächte gewillt sei, den Vorschlag für die Beseiti- aung der Sanktionen auf sich zu nehmen. Die kleineren Nationen warteten natürlich auf die Füh­rung der Großmächte. Bei den letzten Gelegen­heiten feien jedoch weder Großbritannien noch Frankreich gewillt gewesen, sie zu übernehmen. Das stets gegen die Sanktionen kämpfende Blatt erklärt, die offensichtliche Unentschiedenheit Londons werde in internationalen Kreisen ernsten Gründen zuge­schrieben. Die amtliche Erklärung, daß Großbritan­nien auf die Bildung des neuen fran­zösischen Kabinetts warte, sei wenig zufriedenstellend, da in der 'französischen Politik eine große Aenderung nicht vorgenommen werde. Leon Blum sei ebensowenig wie seine Vor­gänger bereit, das Risiko eines Bruches der fran­zösisch-italienischen Beziehungen auf sich zu nehmen.

DieTimes" schreibt, der Völkerbundsrat habe offensichtlich das Richtige getan, seine Aussprache über die Lage in Abessinien um

Monat zu vertagen. Es sei einer der Fälle, wo in der Aufschiebung Weisheit und nicht Schwäche liegt. Der Zusammenbruch der abessinischen Armee könne durch keine Aktion des Völkerbundes ins Gegenteil verkehrt wer­den. Wie die Dinge nun einmal liegen, würde ein rasches Vorgehen nur ein Anzeichen von Panik und Verzweiflung sein. Das sei die wirk­liche Antwort an die beiden Richtungen der englischen Auffassung, die einerseits zu einem energischeren Vorgehen gegen Italien aufriefen und andererseits wünschten, daß keine Zeit ver­

loren werde, um die Hand des Eroberers zu ergreifen. Niemand beabsichtige, mit irgend­einer Nation in der Welt einen Dauerzu­stand von Spannung zu schaffen.Sanktionen" würden ebenso wie ein Krieg zu ihrer Zeit zu Ende gehen. Bevor dieser Zeitpunkt jedoch komme, müsse noch viel erledigt werden.

DerDaily Telegraph" meint, die Zurück­ziehung der italienischen Abordnung von Genf sei von einer logischen Folgerichtigkeit. Von Anfang an habe Mussolini darauf bestanden, daß die Aus­einandersetzung mit Abessinien Jtalienseigene Angelegenheit sei. Nur Hitzköpfe würden be- dauecn, daß eine Zeit für Ueberlegungen entstan­den sei. Sie gebe Gelegenheit, den Völkerbund im Lichte der 15jährigen Erfahrung zu beurteilen und zu entscheiden, ob seine Verfassung aufrechterhalten werden könne oder nicht.

DieMorning Post" äußert zynisch, der Völkerbund habe bei seiner 92. Sitzung seinen Ruf gewahrt, den er in den vergangenen 91 Sitzungen erworben habe:Der Völkerbunds­

rat kam, sah und vertagte si ch". Der Völkerbund müsse, wenn er ein Garant von Frie­den und Sicherheit sein wollte,. in der Lage sein, sich auf die unmittelbare und bedingungslose Unter­stützung aller seiner Mitglieder zu verlassen. Die einzige Gewißheit, die man aus der Erfahrung der vergangenen zwölf Monate erlangt habe, sei die, daß man noch in einer Welt lebe, wo der st arte Arm die einzige Garantie für Sicherheit fei.

Die Presse wurde im Foreign Office davon unter­richtet, daß der italienische Botschafter die britische Regierung von der Einverleibung Abes­siniens unterrichtet habe. Gleichzeitig seien auch die französische und die ameri­kanische Regierung davon verständigt wor­den. In Kreisen des britischen Roten Kreuzes wird angenommen, daß das italienische Oberkommando den Stationen wahrscheinlich 14 Tage Zeit lassen werde, um die Abreise-Vorbereitungen zu beenden. Die Patienten des britischen Roten Kreuzes dürften dann von den Italienern über­nommen werden.

Zeitweilig oder für dauernd?

pariser Besorgnisse über den Beschluß Mussolinis.

Paris, 13. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die Ab­reise der italienischen Abordnung aus Genf hat in Paris eine ziemliche Verwirrung ausgelöst. Man fragt sich, ob Italiens Fernbleiben aus Genf nur vorübergehend oder dauernd sein wird und wägt mit Besorgnis die Rückwirkungen dieses Schrittes auf die europäische Politik ab. Einig scheint man sich in französischen Kreisen in der Erkenntnis zu sein, daß ohne Aufhebung der Sanktio­nen eine Rückkehr Italiens nach Genf nicht erwartet werden kann. Vor der Wahl, entweder auf die Sanktionen zu verzichten oder Deutschland als den angeblichen Nutznießer des Aus­zuges Italiens aus Genf zu sehen, entscheidet Paris sich ohne Zögern für die erstere Lösung.

Sogar die radikalsozialistischeRepublique", die dieses Entweder Oder am deutlichsten heraus­arbeitet, will nun auf die Sanktionen verzichten, um nicht die italienische Freundschaft zu verlieren, die Frankreich zum Ausgleich der historischen An­sprüche benötige". (!) Auch dasJournal" warnt davor, Italien in die Isolierung zu treiben, denn das klarste Ergebnis einer derartigen Politik würde fein, Italien denM anövern Deutsch­lands" auszuliefern, das fkch Italiens be­diene, um einen Druck auf England auszuüben. Echo de Paris" glaubt, daß man noch nicht mit einem endgültigen Fernbleiben Italiens aus Genf rechne, denn die Gegenwart Italiens in Genf habe Mussolini seit dem Herbst manchen Gewinn eingebracht. Italien werde versuchen, diesen oder jenen Staat zur Aufhebung der Sanktionen zu be­wegen und hier und dort den italienischen König als Kaiser von Abessinien anerkannt zu sehen. Die neutralen Staaten wollten nicht die Opfer tragen, nur um Frankreich und England zu gestatten, die Eisenbahn Addis AbebaDschibuti und die Nil- quellen für sich zu retten. Sehr bezeichnend sei auch Litwinows Haltung. Bis zum Laval-Hoare- Plan sei er der eifrigste Fürsprecher der Sanktionen gewesen. Am Dienstag aber habe er alles kri­tisiert, was die Beziehungen zwifchen Rom und Genf verschlechtern könne.

Oeuvre" sieht die einzige Hoffnung darin, daß Italien sich dis zum 15. Juni um den Preis der

Anerkennung seiner Eroberung durch alle Staaten und durch den Völkerbund zu einer Z u - sammenarbeit in Europa bereit erkläre. Gewisse Staaten wünschten, daß Frankreich in Uebereinstimmung mit England der italienischen Regierung Fragen unterbreite über die Haltung, die die italienische Regierung in diesem oder jenem Falle einnehmen werde, sei es in Mitteleuropa, sei es im Mittelmeer, sei es am Rhein. DerPetit Parisien" klagt, wenn Italiens Abreise aus Gen nicht nur eine Warnung, sondern ein endgültiger Entschluß sei, werde Italien nicht nur für Genf, sondern für die europäische Zusammenarbeit ver­loren sein.Le Jour" erklärt, daß die größten politischen Schwierigkeiten nun erst begännen. Nach der Einverleibung Abessiniens werde der Streitfall zwischen Rom und London und zwischen Italien und dem Völkerbund sich erst in seinem ganzen Umfang entwickeln.

Vorerst keine Kaiser-Krönung Viktor Emanuels.

Rom, 11. Mai. (DNB.) Die ausländischen Pressenachrichten, die von Verhandlungen zwischen der italienischen Regierung und dem Vatikan we­gen einer feierlichen Krönung Victor Emanuels zum Kaiser des neu entstandenen römischen Imperiums in der Peterskirche sprechen, finden in hiesigen zuständigen Kreisen keine Bestätigung. Wenn es auch nicht für ausgeschlossen angesehen wird, daß ein derartiger Akt später einmal, wenn auch nicht in Rom, so doch in Addis Abeba oder Aksum vor- genommen werden wird, erfährt man, daß die Krö­nung nicht unbedingt erforderlich ist, und daß auch die Königin Viktoria von England sich niemals zur Kaiserin von Indien hat krönen lassen, sondern diese Gepflogenheit erst von ihrem Nachfolger aus­genommen worden sei.

Das abessinische Serrscheepaar in Palästina.

W..

*

Kaiser Haile Selassie hatte sich von Dschibuti aus auf den britischen KreuzerEnterprise" nach Haifa begeben, wo er von dem Bezirkskommissar von Nord-Palästina empfangen wurde. Unser Bild zeigt die Begrüßung der Kaiserin am Hafenkai von Haifa. (Associated-Preß-M.)

Abessinien alsSiedlungslanb

Die Annexion Abessiniens durch die Italiener soll wirtschaftlich ergänzt werden durch die Besiedelung des Landes, durch einemilitärische A u s - wanderun g", wobei der italienische Bauer ge­wissermaßen in der einen Hand den Spaten und in der anderen Hand das Schwert zur Verteidigung gegen die zum Teil noch unkultivierten Eingebore­nen führen soll. Mussolini hat erklärt, in Abes­sinien befänden sich rund 400 000 italienische Bauern­söhne und 100 000 Arbeiter, von denen der größte Teil wohl im neuen Gebiet Italiens sich seßhaft machen werde. Sein Propagandachef Graf Ciano sagte, in dreißig Jahren würde man die Früchte ita­lienischer Kulturpolitik einheimsen können, aber schon nach fünf Jahren die ersten Früchte sehen. Dabei muß von vornherein die Einschränkung gemacht wer­den, daß die Italiener des Nordens von denen des Südens grundverschieden sind. Die Süditaliener zie­hen es vor, in Städten oder stadtähnlichen Dörfern ihr Leben bei möglichst wenig Arbeit zu fristen. Da­her waren sie auch das ist ein offenes Geheim­nis für die Wiederurbarmachung der Pontini- schen Sümpfe nicht geeignet und wurden durch Nord- italiener ersetzt, die arbeitsamer an und für sich und robuster sind und auch das Leben auf Einzelgehöften im Gegensatz zu den Süditalienern ertragen. Das ist besonders wichtig für Abessinien, wo tatsächlich sich die Besiedelung nur auf Einzelgehöften und wohl nur im Norden des Landes abspielen könnte.

Man hat viel über die Bodenschätze und über die natürlichen Reichtumsquellen geschrieben, aber man hat in Wirklichkeit nur einige Proben gesehen, und diese Proben an Gold, Platin, Eisen, Kupfer und Blei entstammten Gegenden, die erst noch der Aus­schließung durch Verkehrswege harren, deren An­lage im durchweg gebirgigen und teilweise wasser­armen Abessinien gewaltige Kapitalien erforderlich macht. Abessinien hat mehr als die drei­fache Fläche Italien, es reicht vom ge­mäßigten Klima des Berghochlandes über das sub­tropische Klima bis in die tropische Zone hinein, und in Addis Abeba, das 2424 Meter hoch liegt, ist noch im Dezember ein jäher Temperaturunter­schied zwischen Nacht und Tag zu verzeichnen, wobei die durchschnittliche Tagestemperatur 13,3 Grad Cel­sius beträgt.

In der Danakilwüste und im Süden herrscht eine geradezu Ünerträgliche Hitze. In diesen Gebie­ten sind also kaum Siedlungsmöglichkeiten für die Italiener vorhanden. Es müßten gewaltige Be­wässerungsanlagen gebaut werden, zu denen die Ströme Uebi, Schebeli und Juba zwar das Wasser liefern könnten, aber es fragt sich, ob die ganze Sache lohnend ist Das ganze Gebiet, größer als Deutschland und Holland zusammen, bleibt Steppe, und wenn es dort auch Nitrate und vielleicht Petro­leum geben soll, so kommt dieses weite Gebiet doch als bäuerliches Siedlungsland nicht in Frage Bei der Hauptstadt Addis Abeba scheinen allerdings reiche Eisenvorkommen nach Ansicht der Geologen vorhanden zu sein, die eine Ausbeute lohnen würden.

Wichtiger vielleicht für die italienische Besied- lung ist die bisher, unbesetzte Provinz Kaffa, die Urheimat des Kaffees, im Südwesten des Lan­des. Diese Provinz mit ihrer subtropischen Natur ist allerdings nur für Plantagenbau geeignet. Nörd­lich davon, also genau westlich der abessinischen Hauptstadt, liegen die Provinzen W a l e g a und I a m b o. Hier haben schon zur Zeit der alten Aegypter die Eingeborenen in Frondiensten auf Gold und andere Edelmetalle geschürft, und in der Provinz Beni Shangul gibt es uralte Gold- aräberlager, die durch deutsche Forscher wie Gras Prorok als die Ouelle der alten ägyptischen Schätze festgestellt wurden. Während Kaffa sich neben der Produktion von Kaffee vorzüglich als Kaut­schuk- und Baumwollgebiet eignet, ist in der Provinz Walega schon in den letzten Jahren Platin und Gold durch eine Bergbauaefell- schgst, bie Soci£t£ Miniere des Concessions Prasso en Abessinie abgebaut worden, und zwar im Ge< samtwerte von fast sechs Millionen Goldfranken. Auch ein deutsches Handelshaus besitzt dort Schürf­rechte, die es aber bisher nicht ausnutzte. Diese Pro­vinzen müssen allerdings von den Italienern mili­tärisch besetzt werden.

Weiter nordwestlich liegt die Provinz G o d j a m, die an den vielbesprochenen Tana-See heran- reicht. Der Tana-See dient bekanntlich der Bewässe­rung des englischen Sudan und seiner gewaltigen Baumwollplantagen, die im vorigen Jahr für über 20 Millionen Pfund Baumwolle lieferten. Die Ita­liener versichern, daß sie die englischen Wasserrechte achten werden, aber da die nördlichen Provinzen Amhara und Tigre, die als die eigentlichen Siedlungsgebiete für italienische Bauern in Be­tracht kommen, zum Teil ebenfalls künstlich bewässert werden müssen, um Lwchsterträae zu erzie­len, und diese Bewässerungsanlagen gewaltige Kapi­talien verschlingen, ist es in den Zeiten der Dürre wohl selbstverständlich, daß die Italiener zunächst für sich sorgen und dem Sudan dann das Uebrige lassen werden. Es ist nicht anzunehmen, das die Italiener ihre Pflanzungen verdorren lassen, um die engli- chen Baumwollanlagen mit Wasier zu versorgen.

Die nördlichen, sehr gebirgigen Gegenden Abessi­niens bieten dem italienischen Kleinbauern gute Siedlungsmöglichkeiten, wenn auch, wie Graf Ciano ausführte, Jahre darüber vergehen werden, ehe sie ausgenutzt werden können. Zunächst fehlt es an Verkehrswegen, dann zum Teil an den Vorarbei­ten für die Bodenbewirtschaftung. Der Abessinier lebte hauptsächlich von seinen Herden und baute an Feldfrüchten nur das Notwendigste an. Diese pri­mitive Wirtschaftsform wurde einmal durch die große Bedürfnislosigkeit der Eingeborenen und dann durch die ständigen räuberischen Ueberfälle der