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Zreitag, 13.MrzM6

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Kr.62 Drittes Blatt

Die Bedeutung des zivilen Lustschutzes.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Lockendes Leben.

5m Schulgebäude schrillt die Klingel. Sie tönt Über den leeren Schulhof und dringt mit ihrem scharfen Klang sogar in den Lärm der Straße, der gegen Mittag gewöhnlich lauter schallt, als in den übrigen Tagesstunden. Aber die Passanten achten nicht auf die Schulklingel, die für sie längst keine Bedeutung mehr hat.

Einige Minuten später ist die Straße vor der Schule mit Schülern so belebt, daß es auch den Passanten auffällt. Für Augenblicke scheint es, als sei nicht mehr hindurchzukommen, bis sich schließ­lich der große Haufen lichtet und nur noch einzelne Gruppen übrig bleiben, die schwatzend und gesti­kulierend ihren Heimweg suchen.

In einer dieser Gruppen geht es besonders leb­haft zu. Fünf oder sechs Vierzehnjährige tauschen ihre Meinungen aus. Diesmal geht jedoch nicht um Kraftwagentypen oder Fußballprobleme. Es ist etwas ganz anderes, was sie bewegt und was ihnen offensichtlich heiße Backen verursacht. Der Wort­führer schildert nämlich seinen Besuch bei seinem künftigen Lehrmeister, und die übrigen haben fort­während etwas zu fragen oder festzustellen. Es ist eine hochinteressante Aussprache.

Wie sah er aus?"Was hat er gefragt?" Mußt du dein Handwerkszeug gleich mitbringen?" Mensch, hast du aber Glück gehabt!"Wann sollst du anfangen?" Die Fragen und Ausrufe prasseln nur so hernieder.

Karl läßt sich indessen nicht beirren. Er ist ganz bei der Sache und erzählt mit Begeisterung von dem Besuch. Zimmerer will er werden, ein groß­artiger Beruf. Sein Onkel ift auch Zimmerer und von ihm ist er an den Handwerksmeister gewiesen worden bei dem er sich gestern vorstellen mußte. Handwerkszeug? Natürlich, es ist schon da. Der Onkel hat es besorgt, und was den Meister an- betrikft, so hat Karl eine ausgezeichnete Meinung von^.-m. Selbstverständlich hat der Meister allerlei gefragt, aber Karl hat auch zu antworten gewußt. Nee, bange machen gilt nicht, das wäre gelacht. Karl sieht sich triumphierend um und stößt nur auf an­erkennende Blicke bei seinen Kameraden.

Aber dann erzählen auch Hugo und Fritz von den Lehrstellen, die ihnen von der Berufsberatung zu­gewiesen wurden, und dabei ergibt sich, daß keiner von der Gruppe den Tag erwarten kann, an dem die Schuljacke ausgezogen und der Berufskittel an­gezogen wird. Das Neue, das Große, das in ihr Leben treten und ihm eine entscheidende Wendung geben wird, hat sie allesamt erfaßt. Sie fiebern dem Augenblick entgegen, an dem ihrem Dasein neue Ziele gewiesen werden.

So geht es Tausenden von jungen Menschen in diesen Tagen, die die Schule verlassen und sich in ihrem Beruf ihr eigenes Leben gestalten sollen. Ihre Freude und ihr jugendlich-frommer lieber» schwang sind wie helle Fanale, die auch in den All­tag der Erwachsenen hineinklingen.

Alle diejenigen, denen sich die Blicke und die Hoffnungen unserer Jugend auf die Erlangung einer Lehrstelle zuwenden, sollten aus dieser Beobach­tung freudig-bewegter Jungen den Entschluß fassen, an ihrem Teile mitzuhelfen, daß jeder deutsche Junge und jedes Mädel, die es zu einer hand­werklichen Lehrstelle zieht, ihren erhofften Lehr­platz erhalten. Denn dadurch wird den jungen Menschenkindern, die voll Freude und Spannung der großen Wende ihres Lebens nach der Schul­entlassung entgegensehen, Inhalt und verheißungs­voller Auftrieb gegeben. Diese Buben und Mädels in ihren Hoffnungen auf die Erringung eines Be­rufes nicht zu enttäuschen, ist eine Der größten Pflichten aller Berufenen. Mögen sie alle beitragen zur Verwirklichung des herzlichen Wunsches, mit dem die Buben und Mädels bei ihrem Eintritt in das Leben der Arbeit begleitet werden: Glück auf den Weg!

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag.

NSG.Kraft durch Freude": ab 20.30 Uhr all­gemeine Körperschule im Lyzeum: 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.15 Uhr Schwimmen im Volks­bad: 20 bis 21 Uhr Reiten, 21 bis 22 Uhr Ski- Trocken, Reitschule Schömbs. Stadttheater: 20

Dor den Amtswaltern und Bauberatern der Be­zirksgruppe Oberhessen des Reichsluftschutzbundes und einer großen Anzahl geladener Gäste sprach am gestrigen Donnerstagabend im Großen Hörsaal der Universität der Gruppenleiter im Präsidium des Reichsluftschutzbundes LS.-Gruppenführer P e - res (Berlin).

Der Bezirksaruppenführer von Oberhessen W. Poppe begrüßte den Vortragenden, der in Be­gleitung von Oberst a. D. Oldenburg (Darm­stadt), Landesgruppenführer der Landesgruppe Hessen-Rheinland-Süd, erschienen war, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß dieser Vortrag die Besucher mit neuem Wissen erfüllen möge, das sie in die Rechen der Bevölkerung tragen sollen, um das Verständnis für den Reichsluftschutz zu wecken.

Der Luftschutzdezernent der Stadt Gießen, Bür­germeister Dr. Hamm, übermittelte die Grüße der Stadt und insbesondere des dienstlich von Gie­ßen abwesenden Oberbürgermeisters. Auch er sprach die Erwartung aus, daß die Bevölkerung die ge­stellten Aufgaben schnellstens erfüllen möge. Es sei Pflicht jedes Deutschen, sich die Bedeutung der Ar­beiten klar zu machen und das erforderliche Maß von Verständnis für die Fragen des zivilen Luft- schutzes aufzubringen.

LG -Gruppenführer Peres

gab in feinem Vortrag überTechnische Schutzmöglichkeit en gegen die Wir­kung von Luftangriffen" eine Fülle von Anregungen und praktischen Erfahrungen. Einlei­tend hob er hervor, daß die Landesverteidigung Sache des ganzen Volkes sei. Der Krieg der Tech­nik bestehe nicht darin, daß nur die Techniker zu Felde ziehen und Technik nur im Kampffelde ver­wendet werde, sondern daß man sie auch in der Heimat anwende. Er zeigte die Entwicklung der Kampfhandlungen aus früherer Zeit bis in die Zu­kunft auf und bewies, daß die gegnerischen Wir­kungen sich nicht nur gegen die kämpfende Truppe

bis 23 Uhr:Die blaue Mazur". Gloria-Palast, Seltersweg:Durch die Wüste". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Mädchenräuber".

Stadttheater Gießen.

Heute von 2023 Uhr als 22. Vorstellung im Freitag-Abonnement Erstaufführung der Schlager­operetteDie blaue Mazur" von Fr. Lehär. Mu­sikalische Leitung: Ernst Bräuer, Spielleitung: Paul W r e d e.

Deutsche Arbeitsfront.

kreiswattung Gießen.

Fachgruppe: Dermittlergewerbe.

Zu der am Samstag, 14. März, abends 8 Uhr, im Hause der Deutschen Arbeitsfront, Schanzen­straße 18, stattfindenden Versammlung werden alle Handelsvertreter und -Makler, Grundstücks- und Hypothekenmakler, Versicherungsagenten und -Mak­ler, Agenten und Makler im Bausparwesen, Ver­steigerer und Hausverwalter (auch die, die der DAF. nicht angehören) eingeladen. Es spricht der Gaufachgruppenwalter Pg. Wagner.

X Die deutsche Arbeitsfront x 3 n.9.=0cmcinf(haftKraft durch freuüe"

Ortswarte, Orts- und Betriebswanderwarte.

Die Sternwanderung nach dem Schif­fe n b e r g am Sonntag, 15. März, wird für die Ortsgruppen Gießens wie folgt durchgeführt:

Ortsgruppe Gießen-Süd: Abmarsch 8.30 Uhr ab Frankfurterstraße Ecke Schubertstraße über Klein-Linden, durch den Bergwerkswald zur Rindsmühle, dann weiter nach Leihgestern, Watzenborn-Steinberg nach dem Schiffenberg.

Ortsgruppe Gießen-Mitte: Abmarsch 8.30 Uhr ob Frankfurterstraße Ecke Wilhelmstraße über Leihgestern Watzenborn-Steinberg Gar­benteich Hausen Schiffenberg.

Ortsgruppe G i e ß e n - O st : Abmarsch 8.30

wenden, sondern gegen alles, was zur Unterhal­tung und Fortführung des Kampfes dient, mit anderen Worten gegen die Bevölkerung selbst. Wenn wir uns darauf verlassen wollten, daß es nicht so schlimm würde, oder wenn wir an ein Wunder glauben wollten, dann, mit einem Worte des Luftfahrtministers zu sprechen,wären wir dumm und feige, eine Gefahr zu erkennen und uns nicht vorzubereiten" Der Luftschutz fei Sache des ganzen Volkes geworden, und Vorbereiten bedeute die beste Sicherung. Das Leben des Volkes laufe dann in geordneten Bahnen, wenn es von Sicher­heit umgeben fei. So muffe auch die Wirtschaft, bevor sie von Wirtschaftlichkeit sprechen könne, erst von Sicherheit reden. Der Luftschutz greife in alle Lebensgebiete ein. Aber wenn es gelinge, das Volk vor wirtschaftlichen und finanziellen Verlusten zu bewahren, so seien die Aufwendungen nicht ver­loren. Allein das durch die Entrümpelung ge»- sicherte Volksgut finanziere schon zum größten Teile die Ausgaben.

Der Vortragende gab dann an Hand einiger Lichtbilder einen Einblick in das umfangreiche und weitgehende Aufgabengebiet und bot aus der Fülle feiner praktischen Erfahrungen als Sachbearbeiter eine Reihe grundlegender fachlicher und technischer Anregungen. Mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit der fortschreitenden Arbeit in jedem Landesgebiet zum Schutze des Vaterlandes und zum Wohle des Volkes schloß der Vortragende feinen Vortrag, für den er starken Beifall erntete.

Bezirksschulungsleiter des DLB. S ch u ch a r d t sprach LS.-Gruppenführer Peres den Dank aus für die ausgezeichneten Ausführungen, durch die die Mitarbeiter neue Anregungen und Belehrungen für ihre Arbeit erhalten haben, die sie in den Dienst der Aufklärung weitester Kreise der Bürgerschaft tragen wollen. Mit dem Treugruß än den Füh­rer Adolf Hitler, den Schirmherrn des Friedens und der Sicherheit des Volkes, schloß der Bezirks­schulungsleiter den Abend.

Uhr Licherstraße (Persiluhr) Steinbach Hausen Schiffenberg.

Ortgruppe Gießen-Nord: Abmarsch 8.30 Uhr Amtsgericht durch den Philosophenwald Annerod am Waldrand entlang Schiffen­berg.

Die Führungen haben jeweils die Orts- dzw. die Ortswanderwarte. Betriebe kommen unter Führung ihres Betriebswanderwartes.

Für die Ortsgruppen Klein-Linden, Großen-Lin- den, Leihgestern, Watzenborn-Steinberg, Hausen, Garbenteich, Lich und Annerod gelten die bekann­ten Anordnungen. Kreiswanderwart.

Sonderfahrt nach Berlin vom 21. bis 23. März.

Zu der Wassersport- und Luftsport-Ausstellung führen wir einen Sonderzug nach Berlin durch. Die Teilnehmer fahren am Samstag, 21.3., abends ab Frankfurt a. M. nach Berlin und treffen am Sonntag, 22. 3., dort ein. Die Rückfahrt ab Berlin erfolgt am 22.3. gegen Abend, die Teilnehmer tref­fen am Montag, 23. 3 gegen 6 Uhr vormittags wieder in Frankfurt a. M ein Preis der Fahrt 12,60 Mark. In diesem Preis ist die Fahrt sowie der Eintrittspreis für die Ausstellung einbegriffen. Die Verpflegung bleibt den Teilnehmern überlassen. Anmeldeschluß 17. März.

Gastspiel des

Original - Oberbayrischen - Bauerntheaters.

Am Mittwoch, 18. März, um 20.30 Uhr, findet ein Gastspiel des Original-Oberbayrischen-Bauern- theaters im Cafe Leib statt. Zur Aufführung ge­langtDas Schützenfest von Garmisch", ein Bauern­schwank in 3 Akten von Max Reitzammer. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pfennig, so daß es jedem Volksgenossen möglich ist, diese Veranstaltung zu besuchen. Karten sind im Vorverkauf zu haben bei: Musikhaus Ernst Challier, Schokoladenhaus Hunte­mann, Seltersweg,Hapag"-Reisebüro, Seltersweg, KreisdienststelleKdF.", Schanzenstraße 18.

Große Kindermärchen-Borstellung.

Am Mittwoch, 18. März, um 16 Uhr findet im 1 Cafe Leib eine große Kinder-Märchen-Vorstellung

statt. Wir bringenDas Märchen im Zauberwald" von Max Reitzammer, ausgeführt von den Mün- chener Heimatspielen. Der Eintrittspreis beträgt nur 20 Pfennig, so daß jeder Volksgenosse seinen Kindern eine große Freude bereiten kann. Karten sind im Vorverkauf zu haben bei: Musikhaus Ernst Challier, Neuenweg, Schokoladenhaus Huntemann, Seltersweg,Hapag"-Reisebüro, Seltersweg, Kreis» DienststelleKdF.", Schanzenstraße 18.

SportamtKraft durch Freude-'.

heute folgende Kurse:

Allgem. Körperschule, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26. Von 19.45 bis 21 Uhr, Großen- Buseck, Neue Schule.

Fröhl. Gymnastik u. Spiele, Frauen. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lollar, Kantine der Fa. Buderus.

was ist am 21., 22., 23. Mrz los?

Schwimmen, Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.30 und von 21.30 bis 22.15 Uhr, Volksbad.

Reiten. Von 20 bis 21 Uhr, Unioersitäts-Reit- institut, Brandplatz.

Wichtige Wahlnachrichten im Rundfunk.

Mit Wirkung vom 16. März gibt der Reichssender Frankfurt täglich von 14.10 bis 14.20 Uhr und von 18 bis 18.10 Uhr sowie von 22.20 bis 22.30 Uhr je­weils wichtige Wahlnachrichten durch.

Zubiläumstagung des hessischen ZürsorgevereinS fürKrüppel in Gießen.

Am Samstag, 28. März, wird der hessische Für­sorgeverein für Krüppel aus Anlaß seines 25jähri- gen Bestehens eine Jubiläums-Feierstunde und an­schließend seine Iahres-Mitgliederversammluntz im Turn- und Hörsaal der Orthopädischen Universitäts­klinik in Gießen abhalten. Vormittags wird die Jubiläumsfeier stattfinden, in deren Mittelpunkt ein Vortrag von Dr. med. Eckhardt, Geschäfts­führer der Deutschen Vereinigung für Krüppelfür­sorge, überDie Krüppelfürsorge im Dritten Reich" und ein Vortrag des Direktors der Orthopädischen Universitätsklinik Professor Dr. P i tz e n stehen werden. Am Nachmittag wird die Mitgliederver­sammlung stattfinden, auf deren Tagesordnung der Geschäftsbericht, die Rechnungsergebnisse der Jahre 1932, 1933, 1934, Satzungsänderungen und Dor- standswahl stehen. Im Anschluß an die Mitglieder­versammlung ist Gelegenheit zu einer Besichtigung der Klinik geboten.

Aerzte-Tagung in Bad-Nauheim verschoben.

Die für die Zeit vom 19. bis 21. März in Bad- Nauheim geplante Gemeinschaftstagung der Deut­schen Gesellschaft für Kreislaufforschung und des Aerztlichen Ausschusses der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz ist im Hinblick auf die bevorste­hende Reichstagswahl auf die Zeit vorn 16. bis 18. April verschoben worden. Die Tagung findet, wie bereits berichtet, im Kerckhoff-Jnftitut statt.

Bekämpfung des feuchenhasten Verkalbens des Rindes in Hessen.

Lpd. Das Freiwillige Abortus-Bekämpfungs- verfahren zum Schutze gegen das feuchenhafte Ver­kalben Bang-Infektion des Rindes ist nun­mehr auch für das Land Hessen eingeführt wor­den. Die Leitung des Abortus-Bekämpfungsverfah» rens liegt, wie der Reichsstatthalter in Hessen Landesregierung bekanntmacht, in den Händen des für den Kreis zuständigen staatlichen Dete- rinärbeamten. An diesen hat sich der Besitzer, der sich mit dem Viehbestand dem Abortus-Bekämp- fungsverfahren anschließen will, zu wenden: von dort wird das weitere veranlaßt. Die Richtlinien

Oie Tippgräfin.

Roman von Klothilde v (Stegmann

Urheb^rrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.

11. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Verwirrt stand Mariella vor dem Gabentisch, den die Tante ihr in dem großen Salon aufgebaut. Die Freunde des Hauses hatten dem jungen Mäd­chen viele Geschenke gestiftet. Anninas Gabe be­stand aus einem prachtvollen Abendkleid, das ge­schickt aus Anninas eigenen Beständen umgearbeitet war. Eine unbegreifliche Wehmut aber überkam Mariella, als sie den Geburtstagsbrief Erhard von Hagens las. Er hatte ihn ihr mit einem großen Busch glühendroter Rosen übersenden lassen. Irgend etwas in den überschwenglichen Worten ließ Ma­riella bang erschauern. Ohne es zu wissen, ahnte sie doch, daß hinter diesen tönenden Worten nicht das stand, was sie suchte. Ein einfaches, schlichtes: Ich hab' dich lieb ich gehöre zu dir!" hätte sie mehr beglückt als dieser Brief.

Und Tränen tiefster Sehnsucht nach elterlicher Zärtlichkeit, dem stillen Händedruck des Vaters oder den warmen Küssen von Mutterlippen ergriffen von Mariella Besitz. Doch nun erhellten sich ihre Blicke. Ein Mensch kam ja, der es schlicht und treu mit ihr meinte: Lore Ankermann. Sie sah auf die Uhr. Es war höchste Zeit, zur Bahn zu gehen, um die Freundin abzuholen.

Der Zug war gerade in die Halle gefahren, als Mariella auf dem Friedrichstraßenbahnhof eintraf. Suchend lief sie an den Abteilen entlang. Zuerst hatte sie Lore nicht gesehen. Endlich erblickte sie die zarte, zierliche Gestalt der Freundin bereits auf dem Bahnsteig. Viele Blicke richteten sich auf Lore Ankermanns liebreizende Erscheinung, die in dem knappen Reisekostüm vornehm und unaufdringlich elegant wirkte. Der weiche graue Stoff des kurzen Jackenkleides zeichnete die junge, ebenmäßige Ge­stalt vorteilhaft ab. Die kurze Jacke war geöffnet. Eine Bluse in matter graublauer Seide, schlicht Searbeitet, schaute daraus hervor. Aus dem kleinen Umlegekragen mit der silbergrauen Schleife stieg Lores lieblicher Kopf jugendfrisch empor. Das Grau und Blau harmonierte wundervoll mit Lores strah­

lend blauen Augen und dem lichtblonden Seiden­haar. Dieses Lichte und Strahlende war immer Mariellas Entzücken gewesen.

Wie oft hatte sie in der Pension gesagt:Lore, so blond und so blauäugig wie du möchte ich sein!" und hatte immer wieder abgewehrt, wenn Lore behauptet hatte, gerade die blauen Pugen zu dem schwarzen Haar Mariellas wären die wahre Schön­heit.

Vielleicht liebte sie das Lichte deswegen so sehr, weil es sie immer an die Mutter erinnerte. Sie hatte die geliebte Mutter ja nicht gekannt. Aber daheim im Palazzo Bonaglia hing ein Bild bet Mutter, das Werk eines großen Malers. Es mußte ein gottbegnadeter Künstler gewesen sein. Denn dies Bild strahlte das wärmste und tiefste Leben aus.

Wie oft hatte Mariella als Kind vor diesem Bilde gestanden! Mit großen, sehnsüchtigen Augen, mit klovfendem Herzen hatte sie zu dem Bildnis der geliebten Mutter emporgeschaut. Heute noch, nach Jahren, hätte sie dies Bild aus ihrer Erinnerung heraus malen können. Es war ein lebensgroßes Porträt der Verstorbenen, gemalt auf der großen Gartenterrasse des Parkes. Ein lichtblauer Himmel war der Hintergrund für die schönste Frauengestalt, die sehnsüchtige Phantasie sich erträumen konnte.

Die Mutter saß in einem Sessel, die Hände leicht gefaltet. Ein Kleid von blauer schwerer Atlasseide umgab ihre zierliche Gestalt. In den Falten des schweren Seidenstoffes schimmerte das Licht. Ein Strauß von bunten Frühlingsblumen lag ihr im Schoß. Wie traumverloren strichen die schlanken Finger liebkosend über die Blüten. Das schöne Antlitz schaute in weite Ferne. Der liebliche Mund war in einem fünften Lächeln geöffnet, und wie eine Gloriole von Gold stand das seine Haar um den schonen Frauenkopf Die Augen, diese blauen strah­lenden Jungfrauenaugen, sahen ahnungsvoll in die Ferne. Der' Künstler schien das tiefste Wesen der Mutter in seinem Bilde erfaßt zu haben. Er schien sogar eine Ahnung gehabt zu haben von dem Schicksal, das schon drohend hinter ihr stand. Denn so frühlingsselig und strahlend das Bild auch ge­malt war: in den sinnenden Augen der Mutter lag es wie ein kleiner weher Schein.

Ahnte sie, daß sie sobald den geliebten Mann allein zurücklassen mußte? Daß sie ihr Kind nie­mals kennen würde, es niemals liebkosen? Nie­

mals bei Namen rufen? Seine ersten Schritte lenken? Seine Händchen zum ersten Gebet falten? Jedenfalls lag es über diesem ganzen leuchtenden Bilde wie ein leiser Hauch von Wehmut. Und diese Wehmut hatte sich Mariellas Kinderherzen mitge­teilt, wenn sie heimlich vor dem Bilde stand. Wie oft hatte sie mit diesem stummen Bildnis gespro­chen! In kindlicher Torheit hatte sie ihm ihre Nöte, ihre Sehnsucht anvertraut. Und es war ihr immer, als wäre die Mutter dann ihr nahe, als spräche sie aus einer geheimnisvollen Ferne zu ihr. Da­her hatte Mariella die Liebe zu allem Blonden, Lichten. Und darum hatte sie sich ihrer Freundin Lore von Ankermann mit besonderer Liebe ange­schlossen.

10. Kapitel.

E i n Wiedersehen.

Mariellas sorgenbeladenes Herz wurde fröhlicher, als sie Lore erblickte. Rasch ging sie auf die Freun­din zu. Aber wer war denn das, den Lore dort eben umarmte? Mit dem sie jetzt so herzlich sprach? Sie kannte diese Dame nicht, die Lores zierliche Gestalt ein ganzes Stück überragte. Sie hatte ein schönes, energisches Gesicht und eine hochgereckte eportgeftalt. Ihren hellen Flanellmantel hatte sie zurückgeschlagen: darunter trug sie ein bräunliches Kleid, sehr einfach gemacht, mit einem dunkelbrau­nen Ledergürtel in der Taille zusammengehalten. Sie machte den Eindruck einer Sportlerin.

Jetzt sah auch Lore Mariella.

Mariella!" rief sie laut. Ein frohes Leuchten glomm in ihren blauen Augen auf. Sie löste sich von der Unbekannten und kam auf Mariella zu. Die Unbekannte war einen Schritt zurückgetreten und beobachtete lächelnd die zärtliche Begrüßung der beiden jungen Mädchen. Immer wieder um­faßte Lore Mariellas zierliche Gestalt und sagte:

Nein, wie glücklich bin ich, Mariella, daß ich dich endlich wiedersehe!"

Ich nicht minder." Mariellas Augen waren von Tränen der Freude erfüllt. Erst nach ein paar Mi­nuten wandte sich Lore der anderen Dame zu.

Jetzt konnte Mariella die Unbekannte auch genau betrachten. Sie hatte schöne, energische Gesichts­züge. Unter dem kleinen Hellen Filzhut quoll locker gewelltes, sehr schönes Haar von goldroter Farbe hervor. In Kontrast dazu standen die klugen dunk­len Augen.

Das ist das einzige Wesen auf der Welt, das ich neben dir noch besitze, Mariella!" Lore stellte vor:Meine Kusine Renate Trotha Presse­photographin in Amt und Würden!" fetzte sie lächelnd, mit einem Blick auf die Spiegelreflex­kamera, die die junge Dame am Arm trug, hinzu.

Reni, darf ich dir meine beste Freundin, Prin- cipessa Mariella di Bonaglia, vorstellen, von der ich dir schon so viel geschrieben habe?"

Wohl die junge Dame mit der Blutsschwestern­schaft?" lachte Renate lustig zurück und hatte da­durch sofort das Herz Mariellas gewonnen.Wer­den Sie mit Ihrem vollen Titel angeredet, Prin­zessin?" fragte sie dann sachlich.Ich begehe näm­lich nicht gern gesellschaftliche Fehler. Aber Ihr Titel ist so lang, daß man schon früh anfangen muß, wenn man bis abends damit fertig sein will."

Mariella lachte fröhlich auf. Der sichere, heitere Ton der Pressephotographin gefiel ihr sehr gut.

Nein, nein, Fräulein Trotha. Ich bin Mariella Bonaglia und sonst nichts. Was mir mein Titel schon für Schwierigkeiten bereitet hat, kann ich gar nicht sagen. Warum mich Tante nicht bet meinem zweiten Namen, den ich zu führen berech­tigt bin, bei der Polizei gemeldet hat, verstehe ich auch nicht. Wieviel bescheidener klingt der Name Maria Nooelli, den ich nach einem Besitz von uns in Italien führen darf."

Aber vermutlich hat dein Fürstenname deine Tante gerade verlockt, dich polizeilich so zu melden", erklärte Lore, als sie die Treppen zur Straße hin­abstiegen. Marietta hatte sich Lores Handköffer­chens bemächtigt und sagte bitter:

Wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin, Lore­kind, daß du nicht bei uns wohnen kannst. Aber du weißt ja . "

Ich weih alles und noch viel mehr, Schwester­lein", tröstete die Freundin. Und Renate fiel ein:

Jetzt werden Sie erst einmal mit zu mir kom­men, Fräulein Bonaglia, und mit uns Geburtstaa feiern. Das unmögliche Menschenkind, die Lore, hat doch wahrhaftig das Wichtigste Dergeffen Ihnen nämlich zum Wiegenfeste zu gratulieren. Das müs­sen wir schleunigst nachholen, und mein Nest ist der geeignetste Ort dazu. Lore wohnt bei mir ich mache ein gutes Geschäft damit. Den täglichen Pensionspreis berechne ich ihr nämlich in frischen Hühnereiern müssen Sie wissen!"

(Fortsetzung folgt!)