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Aus der Vrovinzialhauptffadt.

Oer späte Gast.

Lange genug haben wir auf den Winter gewar­tet. Nun gibt er dach nach seine Besuchskarte ab. Mit klarem Sternenhimmel und Ballmand führte er sich ein. Und nun zeigt er uns schon seit einigen Tagen, daß er nach nicht gewillt ist, zurückzutreten.

Immer stärker fühlt sich der Winter. Der Fräst geht klirrend über die Lande. Die Luft weht uns scharf ins Gesicht, wenn wir aus dem Hause treten. Wir bleiben tief atmend stehen. Sie tut wähl, diese frische, reine Winterluft. Die Sanne scheint fast den ganzen Tag, und eine ganz dünne Schnee­decke auf den Wiesen und Aeckern die Straßen sind längst frei baoon deutet das winter­liche Kleid an. Im Sonnenlicht glänzen und glitzern die kleinen Schneekristalle.

So muß der Februar sein! Der Frost soll den aufsteigenden Saft in den Bäumen noch zurück­halten, soll verhindern, daß wir weiße Ostern be­kommen. Gern verzichten wir noch für ein paar Wochen auf Frühlingsblumen und Vogelgesang. Alles hat seine Zeit!", sagen die Bauern, und sie haben recht. Sie freuen sich am meisten über den erschienenen Winter. Denn wenn es nicht wintert, sommert es auch nicht, sagen sie.

An den Fensterscheiben malt der Winter seine wunderbaren Kristallblumen. Wir stehen, wie einst in der Jugendzeit, im Zimmer und hauchen da­gegen, bis wir ein kleines Guckloch haben. Dann schauen wir hinaus. Das ist wie in einem Zauber­kasten. Wie rennen die Leute! Und wie haben sie sich vermummt! Bald aber hat der warme Ofen den ganzen winterlichen Zauber am Fenster ver­nichtet.

Jetzt soll man hinauspilgern in den frischen Win­tertag. Freilich sind wir die scharfe Luft noch nicht gewöhnt. Wangen und Ohren schmerzen in der kalten Luft, aber die Sonne hilft schon, daß uns die Wanderung gefällt. Herz und Lunge werden gestärkt.

Darum die warmen Kleider aus dem Schrank, die dicke Mütze auf den Kopf, die Handschuhe an­gezogen und mit frohen Augen hinaus in die klare Winterluft!

Können wir doch heuer vom Winter sagen: Spät kommt ihr, doch ihr kommt! Und das ist die Haupt­sache. Wr.

Vornoiizen.

Tageskalender für Donnerstag.

NSG.Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) fröhliche Gym­nastik im Lyzeum; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reit­schule Schvrnbs. Gloria-Palast, Seltersweg: Kirschen in Nachbars Garten". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Fährmann Maria". Goethe- Bund, Gießen: 20 Uhr in der Neuen Aula der Uni­versität Richard Euringer und Eberhard Wolfgang Möller lesen aus eigenen Werken. Hausbesitzer- Verein Gießen: 20.15 Uhr im RestaurantZum kühlen Grund" 29. Hauptversammlung. Eigen­heim-Schau, Gießen: 20 Uhr im Hotel Schütz Licht­bildervortrag. Oberhessischer Kunstverein (Turm­haus am Brandplatz): 16 bis 17 Uhr Ausstellung von Gemälden von Josef Steib (Berlin).

Gießener Konzertverein.

Das nächste Konzert bringt in der Hauptsache ein klassisches Programm von Bach, Beethoven und Schubert, für das der ausgezeichnete Geiger, der unter den Ersten in Deutschland, wie überhaupt der Gegenwart, gezählt wird, Professor Georg Kulenkampff (am Klavier Professor Volk» mann aus Jena) gewonnen ist. Beethovens erste Violinsonate, die jedem bekannt ist, leitet den Abend ein. Es folgt die große Bach-Sonate für Solo­violine in C-dur (Adagio Fuga Largo Allegro assai). Das herrliche Rondo brillant in h-moll von Schubert beschließt den ersten Teil. Im zweiten Teil kommen kleinere Diolinstücke von Tenajeff, Paganini und Wieniawski zu Gehör. So wird den Zuhörern eine Fülle schönster Diolin-

Gestalten in Anekdoten.

Geschildert von Karl Lerbs.

Der Bader.

In der ehemaligen Reichsstadt Biberach lebte und zwar sehr vergnüglich im achtzehnten Jahr­hundert ein Bader mit Namen Michael Rohrer, uon dem uns berichtet wird, daß erein gar suer- trcfflicher Wundarzt" gewesen sei. Leider lag auch die Unvollkommenheit alles Irdischen bei ihm Zwar nicht auf der Hand, aber in der Kehle: Er war der Trunksucht in solchem Maße hold, daß ein hoher Magistrat ihm eines Tages den strengen Be­fehl erteilte, Mittwochs nüchtern zu fein, da an die­sem Tage die zum Wochenmarkt kommenden Bauern einander bluthig zu schlagen pflegten."

Worauf Michael Rohrer, im tiefsten getroffen, fubmiffeft eine Eingabe machte: Der Magistrat möge den Bauern befehlen, einander vor mittags bluthig zu schlagen, damit er wenigstens nachmittags in Ruhe seinen Schoppen trinken könne.

Ob demgemäß verfahren wurde, verschweigt uns der Chronist.

Der Pantoffelheld macht sein T e ft a m e n t.

Zu Porkshire in England starb in dem auch sonst denkwürdigen Jahre 1791 ein Herr Greenway der auf diese natürliche Weise vom Zusammenleben mit seiner überaus unguten Frau entbunden wurde. In seinem Testament stand zu lesen:

Ich habe das Unglück gehabt, ein sehr unzufrie­denes Leben mit meiner Frau Elizabeth zu führen, indem sie ihr ungestümes Betragen durchaus nicht änderte, alle meine Ermahnungen verspottete und stets auf Mittel sann, mich in meinem Gemüt elend ZU machen. Auch die Vorstellungen der vernünftig­sten Menschen fruchteten nicht bei ihr, sie war und blieb verstockt und zu meiner Qual geboren. Die Stärke Simsons, die Weisheit Homers, die Vorsicht des Augustus, die Schlauheit des Pyrrhus, die Ge­duld Hiobs, die List Hannibals, die Wachsamkeit des Hermogenes hätten nicht ausgereicht, meine Frau ZU beherrschen. Aus allen diesen Gründen vermache ich ihr 1 (lies: einen) Schilling."

Probst, Vikar und Luther.

Ein junger Vikar aus Wurzen, dem die erfreuliche Gabe verliehen war, wunderschön in Holz schnitzen zu können, kam im Jahre 1520 zum Probst Albrecht Megk in Altenburg und erzählte ihm, daß er sich unterfangen wolle, eine Streitschrift wider den Luther zu verfassen

Megk Hopfte ihm wohlwollend besorgt auf die Schulter und sagte:

Schreibet nicht wider ihn auf dem Gebiet werdet Ihrs mit ihm nicht schaffen. Aber schnitzet wider ihn darin wird ers Euch nicht gleichtun."

kompositionen geboten, für deren vortreffliche Wie­dergabe der große künstlerische Ruf Kulen- k a m p f f s bürgt. Es fei daher nochmals auf dieses hochinteressante Konzert hingewiesen, an dem jeder Kunstfreund seine Freude haben wird.

25 Zähre Polizeibeamter in Gießen

Die Polizeidirektion Gießen teilt uns folgen­des mit:

Am 14. Februar begeht der Polizeiverwaltungs- oberaffiftent Herr Max Bertram fein 25jähriges Dienstjubiläum. Nach einer über 7jährigen Militär- dienstzeit trat Herr Bertram am 14. Februar 1911 als Schutzmann in den hiesigen Dienst. Bis zum 31. September 1923 versah er seinen oft nicht leichten Straßendienst in vorbildlicher Weise. Am 1. Oktober gleichen Jahres wurde er zum Polizei- verwaltungsoberassiftent ernannt und im Innen­dienst, den er heute noch versieht, verwendet. Auch hier hat Herr Bertram seinen ihm übertragenen Dienst jederzeit zur vollsten Zufriedenheit feiner Vorgesetzten versehen. Dem pflichttreuen Beamten wünschen wir bei bester Gesundheit noch viele Jahre segensreicher Arbeit.

Militärische Hebung zwischen Steinbach und Lich.

Am morgigen 14. Februar, vormittags, wird das Il./JR. 36 zwischen Steinbach und Lich eine Hebung abhalten. Im Anschluß daran wird das Bataillon in Lich etwa von 12 bis 13 Uhr rasten und aus den Feldküchen verpflegt werden. In dieser Zeit spielt die Regiments-Musik auf den Rastplätzen.

Singkreis Gießen: Alte Hausmusik.

Der Singkreis Gießen (Landschaftsbund Volks­tum und Heimat) hatte zum zweitenmal zu einem hausmusikalischen Abend eingeladen. Der sehr gut besetzte Zeichensaal der Schillerschule war Beweis, daß auch diese Art des Musizierens in weiten Kreisen seine Freunde findet. Der Leiter, Lehrer Siegler, widmete vor Beginn dem für die Be­wegung gefallenen Landesgruppenleiter Wilhelm G u ft l o f f Worte ehrenden Gedenkens.

Die Folge selbst enthielt Stücke instrumentaler und vokaler Art aus dem reichen Schatz deutscher Vergangenheit. Es war besonders erfreulich, daß bei den Jnstrumentalstücken die früher gebräuch­lichen Instrumente wie: doppelchörige Laute, Tenorgambe und Blockflöten gespielt wurden, so daß gerade diese Stücke einen besonderen Reiz hat­ten. Daß gute Musik immer wirksam ist, in welchem Gewand sie sich auch zeigt, konnte man an der in drei verschiedenen Besetzungen gespielten Ballo von Joh. Pezel beobachten. Sehr fein war die Klang­wirkung der Laute bei der sauber gespielten Trio­sonate von Carelli. Viel Freude löste die Gavotte für drei Blockflöten von I. C. F. Fischer des­wegen aus, weil da ein kleiner Kunstjünger so tapfer seine Stimme blies.

Der nicht sehr starke, aber musikalisch und stimm­lich gute Chor sang mit gutem Gelingen teils be­gleitet, teils unbegleitet eine Reihe köstlicher Tonsätze aus der vorbachschen Zeit. Eine sehr schwere Auf­gabe hatte man sich mit der Kantate von Buxtehude gestellt. Sie wurde recht anerkennenswert gelöst, wenn auch noch Wünsche offenbleiben mußten. Zur Vertiefung wurde sie am Ende noch einmal wieder­holt, ein Mittel, das Hans von Bülow oft in feinen Konzerten mit Erfolg anwendete.

Der Abend hat uns gezeigt, welche Schätze es in der deutschen Musik noch zu heben gibt. Aufrichtige Freude muß uns erfüllen, wenn sich Menschen zu­sammenfinden, die mit Lust und Liebe der edlen Kunst dienen wollen. Dabei ist es vollkommen unnütz darüber zu streiten, ob diese oder jene Art die richtige ist.

Die Hauptsache ist und bleibt die Arbeit, die im Weinberg der Kunst getan wird. Tue es jeder an seinem Teil, so wie es der Singkreis Gießen an seinem Teil getan hat.a

Anzahlung.

Unter den guten alten Bräuchen, die in früheren Jahrhunderten zu Shropshire (England) herrschten, befand sich die schone Sitte, daß abgenommene Glied­maßen auf dem Friedhof bestattet werden mußten. Ein armer Teufel, dem der Chirurgus ein Bein ab­gesägt hatte, sollte dem Totengräber für den vor­geschriebenen Dienst vier Schillinge zahlen. Er ging ober vielmehr hinkte zum Geistlichen und klagte ihm sein Leid.

Der Reverend zuckte die Achseln.

Da kann ich Euch nicht helfen", sagte er.Ihr müßt zahlen. Damit Euch aber die Sache nicht so hart trifft, will ich Euch entgegenkommen. Wenn Ihr einmal sterbt, und den Rest Eures Leibes dazu­legt, sollen Euch die vier Schillinge verrechnet werden.

Franz Schuch empfiehlt sich dem Publikum.

Als der Komiker Franz Schuch (er sagte von sich selbst:Wenn ich schon die Hanswurstjacke anziehe, so ist es, als ob der Teufel in mich führe") um 1780 mit feiner Truppe in Breslau gastierte, ließ er fol­gende Zettel anschlagen:

Mit gnädigster Bewilligung hoher Obrigkeit wer­den heute die allhier subsistirende Hochteutsche Co- möbianten unter bem Directorio Franzisci Schuchs benen refp. Liebhabern curieuser teutscher Schau­spiele eine recht abmirable, Sehenswürbige, unb un­serer Meinung nach, einem hiesigen Aubitorio wol- gcfällige, durchaus luftige Capit'al-Bourlesque auf» führen, welche unsere Colombina durch sechs wol- gesetzte Musikalische Arien noch beliebter machen wird, betitult: Colombina Ortolana, vera Colombina fatta Contessa par Forza: die mit Gewalt zur Gräfin gemachte Gärtnerin Columbina, und Hanns Wurst, ein luftiger Gelegenheitsmacher, verstellte Mobrin unb Lauster ä la Mode. Avertissement: Der Titul erklärt ben Inhalt bes ganzen Werkes aus der Ursachen man bas Argument beizusetzen für unnöthig erachtet hat, boch hat man gleichsam zum Prägusto soviel zu melben nicht unterlassen wollen: baß ber mit Gewalt zur Gräfin gemachten Gärt­nerin Columbina ihre jebe Scene extra-bizarr, an­genehm unb luftig ist: auch seynb bie Lustbarkeiten bes Hanns Wurst nicht zu verschweigen, maßen bie meisten ©eenen von ihm mit seinen lustigen Ein­öllen annectirt seynb. Der geneigte Leser sehe es mit Vergnügen unb bleibe gewogen."

Auch beim zweiten Stück mußte ber geneigte Leser gewogen bleiben:Heute wirb bie von Ihre König!. Maj. von Preusen aüergnäbigft prioilegirte Co- mische Gesellschaft eine sehenswürdige, vortreffliche und durchaus luftige Comödie aufführen, betitult: Wie bie Arbeit, f o ber Lohn, ober bas mit Blut rechtmäßig gerochene Blut, an der Person eines durchs Schwerdt bestrafften Brudermörders,

Aerwaltungssouderzug von Frankfurt noch Garmisch-Partenkirchen

Am Freitag verkehrt ein Verwaltungssonderzug 2. und 3. Klasse nach München. Abfahrt in Frank­furt a. M.-Hauptbahnhof um 23.20 Uhr. Weiter­fahrt nach Garmisch-Partenkirchen am Samstag­ober Sonntagvormittag. Rückfahrt am Sonntag, 16. Februar, ab München-Hauptbahnhof um 23.10 Uhr, Ankunft in Frankfurt a. M. am Montag, 17. Februar, 5.48 Uhr. Die Sonderzugteilnehmer haben Gelegenheit, ben Spezial-Sprunglauf unb bie Schluhfeier ber IV. Winterolympiade zu be­suchen.

Schöffengericht Gießen.

Der Ludwig Schulz aus Darmstadt wurde wegen fortgesetzten Betrugs zu insgesamt neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Ange­klagte ist bereits in Berlin wegen Betrugs unb Urkundenfälschung zu drei Monaten Gefängnis ver­urteilt worden. Er kam mittellos nach Oberhessen und kaufte durch Vorspiegelung einer außerordent­lich gesunden Vermögenslage von der Fürst Solms- schen Rentkammer ein Gut für 58 000 Mark. Der Angeklagte, ber als gemeingefährlicher Verbrecher anzusehen ist, wollte auf biefem Gut SieblerfteUen einrichten. Trotz seiner Zahlungsunfähigkeit beauf­tragte er eine ganze Anzahl Handwerker mit ber Ausführung von Arbeiten verschiedener Art, ohne bie Leute jemals zu bezahlen. Bei der Strafzumes­sung wurde berücksichtigt, daß der Angeklagte Kriegsopfer ist. Die Untersuchungshaft wurde an­gerechnet.

Wegen Beleidigung eines Vollziehungsbeamten wurde der H. K. aus Nieder-Florstadt zu 3 0 M k. Geldstrafe verurteilt.

Der F. Sch. aus Lich hatte sich wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu veranworten. Der An­geklagte verstand es, sich im Jahre 1935 in etwa zehn Fällen Heinere Geldbeträge zu erschwindeln, indem er angab, er befinde sich augenblicklich in bedrängter wirtschaftlicher Lage. In einem Falle stellte der Angeklagte eine Quittung mit falschem Namen aus. Die Geschädigten sind Pfarrer, Lehrer und Landwirte. Nach dem Gutachten des Sachver­ständigen handelt es sich bei dem Angeklagten um einen beschränkt Zurechnungsfähigen im Sinne des § 51 Abf. 2 RStGB. Das Gericht verurteilte den Angeklagten in Einbeziehung einer vom Amtsge­

richt Wetzlar wegen Diebstahls erkannten Strafe von zwei Monaten zu einer Gefamtgefang- nisftrafe von fechs Monaten unter An­rechnung von fünf Monaten Untersuchungshaft.

Wieder ein schweres Unglück auf dem Eife.

In Lauterbach fünf Kinder cingebrochen, drei ertrunken.

Lauterbach, 12. Febr. heute kurz vor 17 Uhr, ereignete sich hier ein tragischer Unglücksfall, dem drei Kinder im Alter von Wit, 12 und 13 Iahren zum Opfer fielen. Mehrere Kinder vergnügten sich auf dem sog. P f el­fen w e i h e r an der Straße nach Dirlammen mit Schlittschuhlaufen und haben dann, als die (Eis­arbeiter, die dort Eis machten, fortgegangen waren, auf den .EisschollenFloß gefahren". Wahrscheinlich ist dabei eine der Eisschollen aus­einandergebrochen. Fünf Kinder davon stürz­ten in das eiskalte Wasser, das dort etwa 3 Meter tief ist. Ein Junge war auf einem Stück Eisscholle geblieben und konnte von dem dazukommenden^Ar- beiter Georg Peter mit einem Eishaken heraus­gefischt werden. Ein anderer Junge, der lOjährige Hans Pfeffer, konnte sich über Wasser halten und wurde von dem Arbeiter Georg Pe­ter, der auf die Hilferufe anderer am Ufer stehen­der Kinder schnell herbeigeeilt war. ebenfalls noch mittels einer Stange gerettet. Die übri­gen drei Kinder find ertrunken. Nach Bekanntwerden des Unglücks eilten die Feuerwehr und viele hilfsbereite Menschen herbei, es wurde ein Floß schnell zurechtgezimmert, um mittels haken die Ertrunkenen herauszufischen. Zunächst ge­lang es, den ertrunkenen Ernst Pfeffer, 11V± Jahre alt, herauszuholen. Vis zum Abend konnten dann auch die Leichen des 13jährigen Heinrich Hartmann, Sohn des Invaliden Ludwig Hartmann, und des 12jähr. Heinrich Schwarz, Sohn des Telegraphenbauhandwerkers Karl Hein­rich Schwarz, geborgen werden. Den bedauerns­werten Eltern wendet sich allgemeine Teilnahme zu.

Gießener Trauer um pg. Gustloff.

Wie überall im Reiche, so hatten sich am gestri­gen Mittwochabend auch die Ortsgruppen der Partei und alle Gliederungen in Gießen versam­melt, um in würdigen Gedenkfeiern des durch jüdische Mörderhand gefallenen Schweizer Landes- gruppenleiters der Partei Pg. Gustloff zu ge­denken. Die Feiern nahmen einen sehr eindrucks­vollen Verlauf und legten Zeugnis dafür ab, wie sehr sich die gesamte deutsche Volksgemeinschaft selbst durch die Schüsse von Davos getroffen fühlt.

Ortsgruppen Nord und Ost.

Der General-Appell der Ortsgruppe Nord und Ost vereinigte die Mitglieder der Partei, viele Ka­meraden der SA., der SS., der Hitler-Jugend und Mädchen des BDM., sowie zahlreiche Kameraden des Arbeitsdienstes im Cafe Leid. Feierlich wur­den die Fahnen eingebracht. Eine dem Ernst der Stunde angepaßte musikalische Darbietung eröffnete den Abend. Kameraden der SS. fangen sodann bei gesenkten Fahnen einen Vers des Liedes vom gu­ten Kameraden.

Ortsgruppenleiter Pg. Thomas hieß die Teil­nehmer herzlich willkommen und gab sofort dem Kreisleiter Dr. Hildebrandt das Wort. Die Bewegung stehe, so führte er u. a. aus, an der Bahre eines ihrer Getreuesten. Die Stunde des Appells solle aber nicht nur eine Trauerstunde, sondern auch eine Stunde ber Besinnung sein. Das Schicksal führte schon immer viele deutsche Men­schen hinaus über die Grenze. Immer bestand für

jene die Gefahr, daß sie dem Vaterlande verloren gingen. Es sei deshalb eine wahrhaft nationalsozia­listische Aufgabe, zwischen den Deutschen in der Welt und im Reich die Verbindung aufrechtzuer­halten. Im Dienste dieser Aufgabe habe auch Gust­loff gestanden. Die Schweiz sei aber schon immer schwieriger Boden gewesen. Während des Krieges sei von dort mancher Hetzfeldzug gegen Deutsch­land ausgegangen, nach der nationalsozialistischen Revolution sei die Schweiz der Fluchtort vieler derer geworden, denen der Boden im Vaterlande zu heiß geworden sei.

Die Parteigenossen in der Schweiz seien eifrig überwacht gewesen. Aber die Regierung habe nie etwas gegen sie unternehmen können. Nun aber fei _ Pg. Gustloff einem fanatischen Mörder zum Opfer gefallen. Die Verantwortung dafür trügen alle jene Kreise, die in einer unablässigen Hetze gegen Deutschland ihre Aufgabe sähen. Gustlvffs Opfer sei aber nur ein Teilausschnitt aus dem Kampfe gegen Deutschland. Ringsum Deutschland sehe man es nicht gerne, daß unser Vaterland wie­der in sich stark werde. UeberaU mißgönne man Deutschland sein wiedergewonnenes Selbstbestim­mungsrecht. In seinen weiteren Ausführungen schil­derte der Redner außenpolitische Verhältnisse im einzelnen und tat den Ernst der Lage dar. Alle Schwierigkeiten, so betonte er, würden überwunden, wenn das deutsche Volk einig bleibe. Das deutsche Volk müsse sich seiner Verantwortung vor der Ge- schichte bewußt sein. Der Tod des Pg. Gustloff

mit feinem in Leben und Laster gleich gearteten Diener Hanns Wurst, einem durch ben Korb ge­fallenen Amanten, zu Fuße lauffenben Courrier, ungeschickten Mörber, Rachbegierigen Sanbitten, unb zuletzt am Spieß fterbenben Helsfershelffer seines boshaften Herms."

Mädel alsM".

Bericht von einerUebungsfirma".

Was ist eine Uebungsfirma unb wozu ist sie über­haupt ba? Berufstätige Mäbel treffen sich einmal in ber Woche zu gemeinsamer Arbeit, um sich auf bem Gebiet ihres Berufes fachlich weiterzuschulen. Die Arbeit in ben Uebungsfirmen ist ein Teil ber zusätzlichen Berufsschuluna, bie von ber Reichs- jugenbführung unb bem yugenbamt ber beutschen Arbeitsfront gemeinsam burchgeführt wirb.

Ein Mäbel aus bem BDM. berichtet aus einem solchen Betrieb folgendes:In unserem Rechtsan­waltbüro geht es zu wie bei einem richtigen An­walt. Von einer Uebungsfirma merkt man nicht das geringste. Jedes Mädel hat feine bestimmte Aufgabe. EinChef" ist da, der Bürovor­steher, Stenotypistinnen, Buchhalter. Sogar die Klienten fehlen nicht. Bei ber Stenogrammaufnahme greift ber Klient oft ein, stellt richtig, flicht bies unb jenes ein.

Wir sehen also, baß solch eine Uebungsfirma genau nach den Richtlinien einer wirklichen Firma arbeitet und daß ihr Geschäftsgang bis ins kleinste einem Anwaltsbüro abgelauscht ist und durchgeführt wird.

Unten im Hausflur steht ein großer Postkasten mit vielen Fächern, denn im Hause gibt es noch ein Dutzend anderer Uebungsfirmen jeder Branche, die ihre eingegangene Post im Kasten finden und Die ausgehende wieder hineinwerfen. Alle Post, die hinausgeschickt wird, wird an das Bezirksjugendamt weitergeleitet und dort einer genauen Prüfung unterzogen.

Ein heller freundlicher Raum ist es, ber uns auf­nimmt. Dann geht es an die Arbeit. Stoßweise werben Mappen unb Bücher herangetragen. An einem Quertisch sitzt berChef" unb sortiert Post, greift in den Aktenwuft hinein, um die laufende Korrespondenz zu erledigen. Damit auf den ersten Blick zu erkennen ist, welches Aktenstück in den Mappen liegt, hängen aus jedem Schnellhefter lange, graue Leinenstreifen heraus, die die Bezeich­nung ber Sache unb ben Namen bes Klienten tra­gen.

Die Anwältin bittet nun ein Mäbel, Diktat auf­zunehmen. Zwei Klagen müssen zunächst erlebigt werden. Der Bleistift fliegt über das Papier. Man glaubt gar nicht, was bei solch einer einfachen

Klage beachtet werden muß. Jeder Satz muß abge­wogen sein, muß sich genau dem Gesetz und der Vorschrift anpaffen. Dann muß darauf geachtet werden, welches Gericht zuständig ist, ob Amts­oder Landgericht. Jede Klage ist m drei- oder oft sogar vierfacher Ausführung durchzugeben. Die viel­fache Ausfertigung ist notwendig, weil das Gericht zwei Ausführungen verlangt, die eine für sich als Unterlage, die andere wird ber Gegenpartei zur Einsicht und Stellungnahme übermittelt, unb zu- letjt braucht der Anwalt für feine eigenen Akten einen Durchschlag.

Schon hat das Mädel das Stenogramm aufae» noMinen und fetzt sich an die Maschine. Wenn sie fertig ist, legt sie der Anwältin die Klagen zur Unterschrift vor. Nacheinander nehmen noch zwei Mädel Diktat auf, und dann versteht man sein eigenes Wort nicht mehr vor lauter Maschinenge­klapper.

Drüben an einem abseitsstehenben Tisch sitzt ein Madel unb schließt bas Dekortebuch ab. Manchmal ftcOt sie auf, fragt eine Kamerabin, ob sie es so richtig gemacht hat, unb bann arbeitet sie von neuem mit Feber unb Lineal.

Die Anwältin blättert weiter in ihren Akten unb stößt babei auf unbezahlte Rechnungen. So­fort wird ein Mäbel beauftragt, biefen säumigen Klienten Rechnungsauszüge, Zahlungsauffvrberun- gen unb Mahnungen zu schicken.

Ganz genau müssen bie Vorauszahlungen an Ho­norar verbucht werben. Einmal wegen ber Um­satzsteuer, bann wegen ber Vermögenssteuer. Ein Mäbel trägt in. bas Kassebuch Zahlungen ein, bie auf Postscheckkonto eingegangen finb unb prüft gleichzeitig bie Kontoauszüge bes Postscheck­amtes. Anfchließenb schreibt sie Postscheckformulare aus, um ben eigenen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Eine Zeitung lieat auf bem Tisch ber Anwältin: Westbeutsche Wirtschaft". Sie wird eigens für die Uebungsfirmen gedruckt, bringt neben einem um« fvngreichen Anzeigenteil neue Maßnahmen der Regierung, neue Steuerverordnungen usw. Junge Leute, die in den Uebungsfirmen tätig finb, sprechen über ihre Arbeit unb werben für ihre Fabrikate.

Wohin man auch sieht im Büro, überall liegen Aktenbündel und Hefte, überall beugen sich eifrige Mädelköpfe über kratzende Federn und rasselnde Maschinen. Denn wir nehmen die Arbeit ernst unb sehen sie ohne spielerischen Hintergrunb einzig als ein Mittel an, etwas zu lernen. Es ist viel wert, baß wir einmal unter ber Leitung einer erfahrenen Kamerabin uns ein eigenes Arbeitsfelb aufbauen unbunsere Firma" hocharbeiten können. So wer­ben wir uns auch früher ober später braußen im Leben bewähron unb mit bazu beitragen, ein ge- orbnetes, weitverzweigtes Wirtschaftsleben aufzu­bauen." Liselotte Lanins.