Die Lustwaffe kommt!
Ein Aufruf des Landesgruppenführers des Reichslufischuhbundes.
Professor Hans Felix Husadel Luftwaffen-Musikinspizient.
Oberst a. D. Oldenburg, der Landesgruppenführer der Landesgruppe Hessen-Rheinland-Süd des Reichsluftschutzbundes, erläßt folgenden Aufruf:
„Zum ersten Mal seit der Neuschöpfung der Deutschen Wehrmacht werden fünf Musikkorps der
Luftwaffe in unserem Gau erscheinen. In der Zeit vom 19. September bis 1. Oktober werden die Angehörigen der neuen Waffe in zahlreichen Orten große Konzertveranstaltungen durchführen, deren Reinertrag der NS-Dolkswohlfahrt zufließen soll.
Die Amtsträger und Mitglieder des Reichsluftschutzbundes fühlen sich den Vertretern der Luftwaffe besonders verbunden. Eint sie doch das Bestreben, das deutsche Volk und die deutsche Heimat gegen die aus der Luft drohenden Gefahren zu schützen. Darum fordere ich alle Männer und Frauen des RLB auf, die Veranstaltungen der Musikkorps der Luftwaffe im Gau Hessen-Nassau zu besuchen, und bitte alle Volksgenossen, die angebotenen Eintrittkarten käuflich zu erwerben. So dienen wir alle dem großen Ziele unseres Führers und Reichskanzlers: Deutschlands Weltgeltung zu behaupten und der Wohlfahrt aller Deutschen zu dienen."
Verbot des ambulanten Handels während der Konzerte der Lustwaffe.
Während der im Gau Hessen-Nassau w Gunsten des Erholungswerkes des Deutschen Volkes und der Kinder-Landverscbickung stattfindenden Konzerte der Luftwaffe, insbesondere während des Großkonzerts auf dem Frankfurter Sportfeld am Samstag, 19. September, ist jeder Handel mit Waren aller Art (Zeitungen, Gebäck, Getränke, Rauchwerk und dergleichen) untersagt.
Der feierliche Charakter dieser Konzerte soll in keiner Weise gestört werden, sondern diese Veranstaltungen sollen allen Volksgenossen zum wirklichen Erlebnis werden.
Es ist daher vollkommen zwecklos, daß sich Händler zum Zwecke des Verkaufs an den Konzertplätzen im Gau oder im Sportfelde zu Frankfurt a. M. einfinden.
Eine Burganlage aus der Karolingerzeit im Salzbödetal
Eine lehrreiche Wanderung führte die Zweiggruppe Marburg des Hessischen Geschieh t s v e r e i n s zu den kürzlich vorgenommenen Ausgrabungen am Rande des Salzbödetales, wo die Re sie eines karolingischen Stra- ßenkastells freigelegt worden sind. Die Führung der Wanderung hatte der Leiter der Ausgrabungen, Dr. W. Görich (Marburg) selbst übernommen. Schon in Fronhausen, dem uralten, urkundlich bereits 1159 erwähnten Dorf an der Lahn, von dem die Wanderung ausging, nahmen die alte ehemalige Wasserburg sowie die Dorfkirche aus romanischer Zeit mit ihren Wehranlagen die Aufmerksamkeit der Teilnehmer in Anspruch. Nach Ersteigung des bewaldeten Höhenzuges zwischen Lahn- und Salzbödetal traf man auf die Wegerinnen der Weinstraße, in deren weiterem Verlauf quer durch das Salzbödetal an der idyllisch gelegenen Schmelzmühle vorbei bald die Ausgrabungsstelle erreicht wurde.
Es ist bekannt, daß die Römer bei ihrem Vordringen in Germanien bereits Verkehrswege vorfanden, welche sie zum Teil weiter ausbauten und besonders in dem von ihnen besetzten Gebiet bis zum Limes (Pfahlgraben) als Hauptverkehrsadern eines ganzen die einzelnen Lager verbindenden Straßennetzes benutzten. In erster Linie waren es zwei große Straßen, welche von Köln und von Mainz aus ins germanische Land vordrangen, um sich bei Paderborn zu einem Knotenpunkt zu vereinigen. Die durch Hessen führende frühgeschichtliche Straße hielt sich infolge des damals noch recht sumpfigen Charakters der Täler nach Möglichkeit immer auf den Höhenrücken. Sie wurde mancherorts Weinstraße (d. h. Wagenstraße) genannt, zog sich von Mainz und Frankfurt durch die Wetterau, kreuzte bei Butzbach den Limes, um dann bei Gie
ßen die Lahn zu überschreiten, sich — nach den neueren Feststellungen — auf dem Krofdorf e r Wald mit dem Hauptzug von Wetzlar her zu vereinigen und weiter auf den Höhenzügen rechtsseitig der Lahn an Marburg vorbei durch Wetter, Frankenberg und Korbach nach der Eres- burg zu wenden. Zahlreiche längs der Straße vorkommende Hügelgräber sprechen dafür, daß ihre Benutzung auf vorgeschichtliche Zeit zurückgeht. Auch Germanikus wird zum Teil auf dieser Straße gezogen sein, als er im Jahre 15 n. Chr. die Chatten in ihrem Hauptsitze Mattium angriff und denselben zerstörte (Metze bzw. die Altenburg).
Nach der Christianisierung des Chattenvolkes, in welcher Zeit die Weinstraße wohl auch von den friedlichen Sendboten des Christentums benutzt worden ist, kamen die Karolinger. In bereit Zeitalter sah die Weinstraße gar oft kriegerische Bilder. Karl der Große benutzte die Straße,' wenn er von Worms aus seine Heerscharen gegen die immer wieder ins Hessenland einbrechenden Sachsen führte.
Im Rahmen der archivalisch-geographischen Erfassung des geschichtlichen Straßennetzes unserer Heimat, die im Auftrag des Instituts für geschichtliche Landeskunde (Marburg) Dr. W. Görich durchführt, wird gegenwärtig eine vom Archäologischen Reichsinstitut geförderte planmäßige Untersuchung einer größeren Anzahl von Burgplätzen vorgenommen. Die von Dr. Görich geleitete Grabung auf dem „Schloßberg" am Rande des Salzbödetales dicht südwestlich der Schmelzmühle hatte den Erfolg, oaß dort die Reste eines Straßenkastells von gewaltiger Ausdehnung festgestellt wurden.
Wohl war den Bauern sowie dem Forstpersonal dieses Gebietes bekannt, daß auf dem sich etwa 50 Meter über die Talsohle des Salzbödetälchens er
hebenden dicht bewaldeten Schloßberg einmal eine burgähnliche Anlage gestanden haben mußte. Mauerreste, Mörtel usw. traten hier und dort zwischen den Bäumen zutage. Welche Bewandtnis es aber mit diesen Trümmern hatte, war niemand bekannt. Dr. Görich, der sich um die Erforschung des geschichtlichen Wegenetzes sowie der dazu gehörigen Straßenkastelle große Verdienste erworben hat, blieb es Vorbehalten, durch seine Grabungen etwas Licht in das Dunkel der Geschichte dieses Burgplatzes zu bringen. Dicht an dem Schloßberg zieht —- aus Richtung Niederwalgern bzw. später von Fronhausen kommend und das Salzbödetälchen bei der Schmelzmühle überschreitend — die Weinstraße vorbei, an zahlreichen Wegerinnen zu erkennen. Gleich am Eingang in den Wald zweigt links em später gebauter Weg am Hang des Schloßberges aufwärts, teilweise dabei den alten Burgweg benutzend.
Leider sind bei Anlage dieses neueren Weges die Toreinfahrt zur Burg und Teile der Umfassungsmauern zerstört worden, wie Dr. Görich gelegentlich der Besichtigung der Burganlage durch den Geschichtsverein nachweisen konnte. Die gesamte Burganlage hat — der Form des Berges angepaßt — die Form eines Wappenschildes, eine Ausdehnung von etwa 200 Meter Länge und etwa 80 Meter Breite an der Stelle, wo der Schloßberg
nach Südwesten zu in ein noch ansteigendes Ackerfeld (Battingsfeld) übergeht. An dieser Front, welche am leichtesten Angriffen ausgesetzt war, erkennt man am besten die umfangreichen Wallanlagen mit ihre Mauern aus unbehauenen Grauwackesteinen mit Mörtel. Die Umfassungsmauer ist an manchen Stellen bis zu 2,20 Meter dick und teilweise noch verhältnismäßig gut erhalten. Wahrscheinlich sind die Steine in früheren Jahrzehnten immer wieder zu Haus- oder Wegebauarbeiten benutzt worden. Nach dem Salzbödetal zu steht die Mauer unmittelbar am oberen Rande der steilen Böschung des Berges. An diesen sturmfreien Seiten brauchten keine Wallgräben angelegt zu werden. Zahlreiche zerfallene Mauern inmitten der gesamten Burganlage sind als die Grundmauern der Gebäude, von denen bei den Grabungen bisher ein schmales angeschnitten wure, zu deuten, welche die Burganlage umschloß. Die Umfassungsmauer ist einstweilen nur stellenweise freigelegt. Ausgiebigere später geplante Ausgrabungen lassen noch manche interessante Feststellungen erwarten.
Der Vorsitzende der Zweiggruppe Marburg des Hessischen Geschichtsoereins, Prof. Kürschner, konnte am Schlüsse der Wanderung Dr. Görich den Dank aller Teilnehmer für die ausgezeichnete Führung sowie für die aufschlußreiche Erläuterung seiner Grabungen aussprechen. W.
Die Ausbildung von Hausivirtschastsmeistennnen.
NSG. Nach den neuen Richtlinien ist der Ausbildung von Hauswirtschaftsmeisterinnen folgendes Ziel gesetzt:
Die Ausbildung der Hauswirtschaftsmeisterin soll in den zweijährigen Kursen die hauswirtschaftliche Gesinnung der Hausfrau vertiefen, um sie zur vorbildlichen Führung eines Haushaltes und zur vorbildlichen Erfüllung ihrer verantwortlichen Aufgabe in Volk und Staat zu befähigen. Sie verpflichtet zur besonderen Einsatzbereitschaft, den Fähigkeiten der Hausfrau entsprechend, z. B. zur Erziehung des hauswirtschaftlichen Nachwuchses und bei der Durchführung hauswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Schulungsarbeit.
Träger dieser Ausbildung ist ein Ausschuß für hauswirtschaftliche Berufsausbildung, dem das Deutsche Frauenwerk angehört mit der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft, die Deutsche Arbeitsfront, die Reichsfachgruppe Hausgehilfen, der NS-Lehrerbund und die Reichsfachschaft VI. Die Aufnahmebedingungen sind folgende:
1. Der Nachweis einer ausreichenden Allgemeinbildung, der erbracht werden kann
a) durch das Zeugnis der Obersekundareife einer Höheren Lehranstalt, durch das Abschlußzeugnis eines Lyzeums, einer Mädchenmittelschule oder einer Schule, die in den einzelnen Ländern einer Mädchenmittelschule gleichwertig anerkannt ist;
b) durch das Abschlußzeugnis einer Volksschule, wenn eine Vorprüfung nach staatlicher Vorschrift abgelegt worden ist. (Die Bewerberin soll in einer Niederschrift beweisen, daß sie fähig ist, einen ihrem Erfahrungskreis entlehnten und ihrem Wissensstand angemessenen Gedankengang einfach sprachlich richtig und klar wiederzugeben. Sie soll im Rechnen Sicherheit in der Anwendung der bürgerlichen Rechnungsarten unter Berücksichtigung der Hauswirtschaft besitzen und in der mündlichen Prüfung zeigen, ob sie folgerichtig zu denken und sich über Geschehnisse und Erfahrungen des täglichen Lebens klar auszudrücken versteht.)
2. Der Nachweis einer fachlichen Berufsschulung, der erbracht werden kann
a) für Hausfrauen oder als Stellvertreterin der Hausfrau tätige Personen durch eine fünfjährige leitende praktische Tätigkeit im eigenen ober fremben Haushalt: hierbei ist bas Min- bestalter für die Zulassung auf 24 Jahre festgelegt:
b) für Hausgehilfinnen durch Vorlegung des Prüfungszeugnisses für „Geprüfte Hausgehilfinnen", nach zweijähriger Lehrlingsausbildung und weiterer, mindestens fünfjähriger, selbständiger hauswirtschaftlicher Tätigkeit: hierbei
ist das Mindestalter für die Zulassung auf 28 Jahre festgelegt.
3. Nachweis der Mitgliedschaft a) für Hausfrauen im Deutschen Frauenwerk; b) für Hausgehilfinnen in der Reichsfachgruppe Hausgehilfen der DAF.
In diesem Herbst beginnen für den Gau Hessen- Nassau neue Kurse in Frankfurt a. M. und Mainz. Die Kurse müssen zwei Jahre dauern und umfassen wöchentlich 5 Stunden, ö. h. einen Nachmittag. Eine Verkürzung der Ausbildungszeit unter Vermehrung der Wochenstunden ist nicht gestattet, da das dem Sinn der Ausbildung widerspricht. Das Mindestalter für die Hausgehilfin mit Dolksfchulbildung ist 28 Jahre-. In Frankfurt nimmt Meldungen für die Meisterinnenkurse die städtische Haushaltungsschule Frankfurt a. M., Textorstraße 104, entgegen. Für Mainz sind die Kurse zeitlich noch nicht festgelegt. Die Kurse in Frankfurt beginnen mit dem 18. Oktober. Der Preis der Kurse beträgt RM. 3.50 monatlich. Jede Auskunft erteilen die Geschäftsstellen des Deutschen Frauenwerks. Die ausführlichen Richtlinien für die Ausbildung von Hauswirtschaftsmeisterinnen sind in den städtischen Haushaltungsschulen, oder durch das Deutsche Frauenwerk, Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft, Frankfurt a. M., Hermann Göringufer 25, zu erhalten.
Das Versichemnqsgeschäst bei der englischen Königskrönung.
In stets wachsendem Umfange werden schon jetzt Versicherungen in London abgeschlossen, die das Risiko einer unerwarteten Verschiebung der Krönungsfeier, die auf den 12. Mai des nächsten Jahres festgesetzt ist, oder einer wesentlichen Aenderung in der Anordnung der Feier, wie es eine Aenderung des Weges des Festzuges bar- stellen mürbe, ausschließen sollen. Es hanbelt sich hier natürlich um eine Maßnahme vorsichtiger Geschäftsleute, bie Verträge abgeschlossen haben, die irgendwie Lieferungen oder Leistungen bei der Krönungsfeier einschließen. Dor allem kommt die Errichtung von Tribünen oder bie Vermietung von Plätzen, die Herstellung von Erinnerungsgegenständen oder Straßen- und Häuserschmuck, auch das Vermieten von Sälen und Vorbereitung für die Reisen in Frage. Man erinnert sich, daß im Jahre 1903 die Krönung Königs Eduards VII. verschoben wurde, so daß viele Vorbereitungen vergeblich waren und schwere Verluste für die Geschäftsleute entstanden, und will diese Gefahr im nächsten Jahr vermeiden. Auch die Sitze für die Krönungsfeier werden jetzt schon zahlreich vergeben, und man hat in den letzten Tagen für einen Sitz in bester Lage bereits 750 Mark bezahlt.
Unbekannte Fracht.
Römern von §rank z.vrann
39. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Che Wong schien zufrieden. Er nickte. „Sie müssen wieder nach Hongkong hinunter", sagte er, „hier können Sie nicht bleiben." Vielleicht dachte er dabei mehr an sich, aber sein Vorschlag war ganz ordentlich. „Ich werde Ihnen Geld geben für die Fahrkarten mit der Eisenbahn bis Kaulun." Er sah sie musternd der Reihe nach an. „Sie können doch reinen Mund halten?"
„Selbstverständlich", versicherte Hans Lorenzen. „Ich stehe ein für meine Freunde. Geschichten erzählen bringt selten etwas ein."
„Sehr wahr." Che Wong saß vorgebeugt und schien zu überlegen. „In Victoria würden Sie abermals ewig herumsitzen. Das geht nicht. Gehen Sie in die Poststreet, jeder weist sie Ihnen. Suchen Sie das Haus Nr. 83. Dort werden Sie einen Mr. James King finden. Sie brauchen ihm nichts zu berichten, es genügt, wenn Sie ihm ein Schreiben von mir überreichen. Er wird Ihnen weiterhelfen."
,Lns Gefängnis! Dann find Sie uns jedenfalls los!" Rudolf Terbrügge wurde feit dem Abenteuer mit Tsai Ta Wangs Paketen ein unüberwindbares Mißtrauen gegen die Gelben und alles, was von ihnen kam, nicht mehr los.
Che Wong sah ihn erstaunt an. „Mr. James King ist ein Geschäftsmann", erläuterte er. „Mr. King ist einer der angesehensten Handelsvertreter. Ich wüßte nicht, wie Sie durch ihn ins Gefängnis kommen sollten."
„Mein Freund hat die Nerven verloren", sagte Hans Lorenzen besänftigend. „Wir danken Ihnen, Mr. Che Wong, und werden gerne tun, was Sie uns vorschlagen. Nur eins: wo sollen wir den Brief, den Sie uns mitgeben wollen, nachher abholen?"
„Gar nicht abholen", sagte der Chinese schnell. ,Zch schicke Ihnen das Schreiben noch heute zu.
„Aha", sagte Rudolf Terbrügge deutsch, „er will uns los fein. Wir sehen weder ihn wieder, noch jemals ein Schreiben von ihm."
Hans Lorenzen vermittelte nochmals: „Wir haben bis jetzt hier keine Unterkunft. Wohin wollen Sie den Brief senden?"
„Gehen Sie heute nachmittag zum Konsulat. Sie sind doch Deutsche, Mr. Durham sprach davon. Gehen Sie also hier zu Ihrem Konsulat. Dort wird
der Brief für Sie sein. Fahren Sie dann noch heute abend mit der Bahn hier weg. Der Boden ist hier nicht gut für Sie." Er tat eine Handbewegung und kehrte die Innenfläche nach oben. Dann schloß er: „In Kaulun wird Mr. James King Sie unterbringen."
„Sie haben Eile, uns hier loszuwerden, Mr. Che Wong. Ich glaube nämlich nicht an die Gefahr, die uns drohen könnte."
Sie lachten sich plötzlich an. „Das begreifen Sie", sagte der Chinese trocken. Zum ersten mal war er ihnen sympathisch. Sie erhoben sich alle vier gleichzeitig. Che Wong reichte nacheinander seine Hand. Hans Lorenzen war der letzte der sie bekam. Er fühlte etwas Hartes in den Fingern und griff zu. Che Wong war verschwunden durch eine Tür, die niemand bemerkt hatte. Hans Lorenzen entfaltete das eng gekniffene Papier. „Zwanzig Pfund", stellte er fest. „Das scheint mir recht anständig."
„Er muß demnach ziemliche Angst vor uns haben", sagte Rudolf Terbrügge. — Dann machten sie sich daran, ein Speisehaus zu suchen.
Es war ungefähr die Zeit, da in Macao, Victoria und auch in Kanton, nicht weit von ihnen, die Konsulate jenes Telegramm aus Berlin erhielten, mit dem sie nichts anzufangen wußten. Der Portugiese in Macao, der die deutschen Interessen vertrat, gab es der Polizei. „Sind diese Deutschen hier bekannt?" Er bekam niemals eine Antwort. Der Konsul in Victoria stellte eine telephonische Rundfrage in der deutschen Kolonie an. Kannte denn niemand diese Männer? Er hatte schon vor einiger Zeit zwei Briefe für Hans Lorenzen und für Rudolf Terbrügge nach Kanton an das Generalkonsulat weitergeleitet. Er wartete eine Weile, dann gab er auch dieses Telegramm nach Kanton durch. Er war die Angelegenheit damit los.
In Kanton saß der Konsul Nachderdut. Er bemühte zunächst die chinesische Polizei und ließ in den Hafenlogis nachfragen. Aber er wußte schon, es war so gut wie aussichtslos. Morgen früh würde man nach Berlin fein Bedauern übermitteln, die Gesuchten hier nicht zu kennen. Die Briefe mochten noch warten, man konnte ja nicht wissen, ob ein Dampfer „Mary D." nicht noch irgendwo auftauchte.
Konsul Nachderdut saß und starrte die Depesche an. Dieser Rudolf Terbrügge wurde auch sonst noch gesucht. Nicht steckbrieflich! Aber im Reichsanzeiger war sein Name genannt, es galt für ihn, eine Erbschaft anzutreten. Würde man die Leute jemals finden? Waren es politische Flüchtlinge, Nationalsozialisten vielleicht? Dann konnten sie heimkehren.
Das Dritte Reich war da; in diesen Tagen war Adolf Hitler auf den Kanzlerposten berufen worden.
Er saß und sann. Gerne hätte er den drei Männern geholfen. Aber befanden sie sich in dieser Gegend? Man telegraphierte doch wohl aus Berlin nicht ganz sinnlos in alle Welt. Dieses Hotel, es bedeutete wohl einen Decknamen, wandte sich nach Kanton, weil man die Leute hier vermutete. Er rief die deutsche Handelskammer an. Geheimrat Duting versprach, alle deutschen Firmen aufmerksam zu machen und auch die befreundeten britischen. Wenn sich die drei Deutschen wirklich in Kanton aufhielten, mußte man sie finden!
Gegen 5 Uhr desselben Tages kamen sie jedoch zu Konsul Nachderduts maßloser Verblüffung alle drei wie bestellt persönlich auf das Konsulat, nannten ihre Namen und fragten nach einem Brief, den ein Chinese Che Wong für sie abgegeben haben sollte. Sie sahen den alten, weißhaarigen Herrn, der sie selber empfing, mißtrauisch an. „Kein Brief da, wirklich nicht? Dann können wir wieder gehen. Besten Dank."
„Aber meine Herren", hielt er sie verdutzt zurück, „ich freue mich sehr, daß Sie hergefunden haben. Zwar habe ich nicht von jenem Che Wong, oder wie Sie sagten, Post für Sie, aber sonst viele Nachrichten. Nehmen Sie Platz." Er bot Zigarren und Wihsky an. Dann kam er mit den beiden Briefen und dem Telegramm.
Hans Lorenzen sah erstaunt die Schrift an, die er nicht kannte. „Das ist für mich, stimmt schon, aber wer schreibt mir das?"
Rudolf Terbrügge hatte maßloses Herzklopfen. Ihm wurde beinahe übel, so jagte sein Herz. War es möglich, daß diese Schriftzüge — aber er kannte Antjes ungelenke Buchstaben — trotzdem — warum sollte sie —
Papiere knisterten. Die beiden lasen. Als die Briefe herabsanken, hatten die Männer blasse Gesichter und waren ernst.
„Gutes", erkundigte sich John Schnakenbeck, er hatte keine Post, den Kops hielt er gesenkt und spielte mit dem Wasserglas.
„Mein Bruder ist gestorben", sagte Hans Lorenzen.
„Das steht auch in meinem Brief." Rudolf Terbrügge mußte sich räuspern; die Worte fielen ihm schwer. „Aber es steht noch mehr darin. Mein Vater ist gestorben,"
Der Konsul sagte gedämpft: „Ich wußte cs Herr Terbrügge, aber ich wollte, daß Sie erst den Brief lasen. Ich dachte mir, dort in dem Schreiben sagt es Ihnen jemand schonender, nicht wahr."
„Woher wußten Sie es Herr Konsul?"
„Sie sind der Erbe, man sucht Sie seit geraumer Zeit."
Wie alt war dein Vater, Rudolf?"
„Noch nicht alt, Hans."
„Aber immerhin alt. Wenn ich dagegen an Fred denke... Er fing gerade an mit seinem Leben."
„Woran starb dein Bruder?"
„Ein Unfall. Er wurde überfahren."
„Ich habe keine Post", sagte John Schnakenbeck. So sehr ihn das vorhin niedergedrückt hatte, als die beiden Freunde ihre Briefe öffneten — oh, er hatte die erwartungsfrohen Gesichter wohl beobachtet und dann erst weggeschaut —, so sehr äußerte er das jetzt mit einer gewissen Erleichterung. Er beneidete die beiden nicht mehr.
Der Konsul versuchte abzulenken. „Also kann ich auch dem Hotel die Rückantwort kabeln, daß Sie hier sind."
„Wie sagen Sie, ein Hotel fragt nach uns?"
„Hier, lesen Sie selber."
„Sehr sonderbar." Hans Lorenzen gab das Formular herum. „Wer mag dahinterstehen?"
„Kabeln wir doch: Gesuchte hier. Wer fragt?"
Die drei nickten. Hans Lorenzen sagte: „Tun Sie das für uns, Herr Konsul?"
„Selbstverständlich, ich gebe es gleich durch." Er ließ sie eine Weile allein. Sie sahen sich an und schwiegen. Worte waren ganz überflüssig. Nur John Schnakenbeck meinte: „Es tut mir wirklich leid...", aber auch er brachte den Satz nicht' zu Ende und rutschte hilflos auf seinem Stuhl hin und her, bis Rudolf Terbrügge ihn anlächelte: „Schon gut, John." Da war er erlöst.
Der Konsul kam zurück. „Da ist auch gerade eben der Brief aus dem Ministerium für Sie gebracht worden", sagte er. „Herrn Hans Lorenzen. Ich gebe ihn also Ihnen, Herr Lorenzen."
„Aus dem Ministerium kommt der Brief? Woher wissen Sie das?"
„Ich kenne den Boten", erklärte Konsul Nach, derdut: er wunderte sich, daß seine Worte Verblüffung heroorgerufen hatten.
Hans Lorenzen öffnete den Brief; er enthielt einen zweiten geschlossenen Umschlag, auf dem die Adresse des Mannes in Kaulun stand, die ihnen Che Wong bereits genannt hatte. „Kennen Sie einen Che Wong, Herr Konsul?"
„Che Wong?" überlegte Nachderdut, „nein, den Namen habe ich noch nicht gehört."
Herr Konsul, ist Ihnen vielleicht ein Mr. James King in Victoria beziehungsweise Kaulun bei tannt?"
(Fortsetzung folgt!)


