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Nr. 214 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, !2. September 1936

Aus der Provinzialhauptstadt.

Beim Brombeerpflücken.

Die Brombeeren sind reif. Und es gibt Heuer eine große Menge. Wir kennen im Walde ein Plätz­chen, das ganz versteckt hinter jungen Tannen liegt. Wir nennen es dieeinaerahmte Landschaft", denn der Blick von diesem Abhang wird auf beiden Seiten durch hohe Buchen begrenzt, während ihr Laubdach das Bild nach oben abschließt. So wirkt das Ganze wie ein großes Gemälde: Drüben vor dem Walde, auf einem Hügel, die einsame Buche, daneben einiges Buschwerk, dann das schmale Tälchen, dahinter die roten Ziegeldächer des Dörf­chens, dann sanft ansteigend die Höhenzüge des Waldes.

Während des Pflückens mußten wir immer wie­der einmal dieses schöne Landschaftsbild betrachten. Da sahen wir an dem blauen Sommerhimmel den ersten Drachen stehen, gar nicht weit von uns. Nun waren die Kleinen nicht mehr zu halten. Die Gesäße, die nur halb gefüllt waren, wurden unter die niedrigen Tannen gestellt, und fort ging es, hinaus in das Feld. Dort unten standen ein paar Buben. Einer hielt die Schnur, an der der Dra­chen immer höher in die Lüfte stieg.

Beim Anblick der Jugendspiele zeigt es sich, ob die Erwachsenen noch ein Stück ihrer Jugendzeit im Herzen aufbewahrt haben, ob sie jung geblieben sind. Wir können nur die bedauern, die kalt lächelnd vorübergehen und vonKinderei" sprechen. Wir sind anderer Meinung. Wenn im Frühling die Bu­ben mit Klickern spielen oder ihren Kreisel tanzen lassen, dann möchten wir am liebsten mitmachen. Und wir tun es auch, freilich nicht auf der Straße. Aber von Zeit zu Zeit einen Purzelbaum schlagen, gelt, das bringen wir noch fertig?

So erging's uns auch jetzt, als wir den Drachen sahen. Sollten wir die Kinder allein laufen lassen? Nein! Wir wollten auch dabei sein. Unsere Bu­ben waren natürlich schon längst unten bei der Schar der andern. Unbeschwert und unbekümmert hatten sie sich von uns gelöst. Was galt ihnen das Brombeerpflücken, wenn der erste Drachen auf­steigt?

Die Sonne steht schon tief am Himmel, als wir uns wieder unserm schönen Brombeerplätzchen näherten. In aller Eile wurden die Gefäße gefüllt. Es gab sogar noch einige mehr, so fleißig waren nun die Buben. Wir hatten ihnen ja auch ver­sprochen, daß sie sich morgen einen. Drachen an­fertigen durften. Wir wollten schon dabei helfen.

Gerade wollten wir den Heimweg antreten, da sahen wir noch etwas Schönes. Gegenüber aus dem Niederholz trat ein junges Füchslein, das keine Ahnung von unserer Anwesenheit hatte. Es äugte einige Augenblicke und lauschte. Wir standen wie festgebannt. Dann kam es gerade auf uns zu, die Nase immer auf der Erde. Ob es eine Spur ver­folgte? Der Wind war günstig für uns, es merkte nichts. Da stand auf der Erde die Milchkanne, bis obenhin gefüllt mit den schönen, schwarzen Beeren. Das Füchslein schnupperte an der Kanne und schaute sich um. Ob ihm jetzt doch etwas verdäch­tig vorkam? Vielleicht die fremde Kanne und der Geruch der Menschenhände? Unschlüssig stand das Tier.

Da irgend jemand von uns mußte sich doch bewegt haben es knackte ein Aestchen und fort war der Fuchs, wie vom Erdboden weggefegt.

Wir atmeten auf. Es war zu schön gewesen. Unsere Buben waren begeistert. So nah hatten sie noch kein Waldtier gesehen, und dazu noch einen Fuchst

Wie gingen nun ihre Plappermäulchen! Was werden sie erst morgen ihren Schulkameraden er­zählen! .

So schloß dieser schöne Tag, der uns den ersten Drachen zeigte. Abendnebel hatten sich auf das Tal gelegt, als wir mit gefüllten Kannen heim­wärts zogen.

Dornoiizen.

Tageskalender für Samstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Allotria". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Rendezvous m Wien .

Samtätskolomle Gießen aus den Führer vereidigt.

Gestern abend wurden in feierlicher Form die Mannschaften der Sani­tätskolonne Gießen vom Deutschen Roten Kreuz auf den Führer vereidigt. Die Kolonne trat vor dem Depot an und marschierte dann zum Saal des Kreisamts, wo die Ver­eidigung stattfand. Dor einer großen Hakenkreuz- Flagge war inmitten von frischem Grün ein Bild des Führers aufgestellt. An der Verpflichtungs­feier nahmen der Vertre­ter des Kreisamtes, Re- gierungsrat Grein, der Führer des Zweigvereins Gießen des Deutschen Roten Kreuzes, Professor Dr. Eger, und der Ko­lonnenarzt Dr. Traut­mann teil.

Kreis - Kolonnen - Führer Kratz machte in schlichten

Worten auf die Bedeutung der Stunde aufmerk­sam, er umriß die gegenüber früheren Zeiten viel­fach gesteigerten Pflichten, die eine Sanitätskolonne zu erfüllen hat, kennzeichnete diese Pflichten im einzelnen und betonte, daß die Erfüllung dieser Pflichten nur mit einer einheitlich und gut aus­gebildeten, sehr gut ausgerüsteten Sanitätskolonne möglich sei. Er sprach sodann die Eidesformel vor, die von den Kameraden mit erhobener Schwurhand nachgesprochen wurde. Mit folgenden Worten wur­den die Sanitäts-Mannschaften vereidigt:

Ich gelobe unverbrüchliche Treue unserem Füh­

rer Adolf Hitler, ich gelobe strenge Pflichterfüllung in der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes nach den Anordnungen meines Vorgesetzten." Mit einem dreifachenSieg-Heil!" auf den Führer Adolf Hit­ler fand die Vereidigung ihren Abschluß.

Angesichts des Bildes des Führers bestätigten die Kameraden durch Unterschrift und Handschlag dem Kreiskolonnenführer ihre Vereidigung

Ein Kameradschaftsabend imBurghof" verei­nigte die Mannschaften dann noch zu unterhalt­samen Stunden.

Tageskalender für Sonntag.

Reichsfachgruppe der Imker, Ortsfachgruppe Gie­ßen: 14 Uhr Versammlung bei Hopfeld. Gießener Rudergesellschaft 1877: 16.30 Uhr Ausfahren des Städte-Achters Wetzlar-Gießen und verschiedene wassersportliche Darbietungen; 20.30 Uhr: Treffen der Mitglieder im Bootshaus. Stadttheater: 15 und 19 Uhr Kölner Moden-Revue. Gloria-Palast (Seltersweg):Allotria". Lichtspielhaus (Bahn­hofstraße):Rendezvous in Wien".

Gießener SA unterwegs nach Nürnberg.

Gestern um die Mittagsstunde machte sich die SA. der Standarte 116, soweit sie am Reichspartei­tag teilnimmt, auf den Weg zum Bahnhof, um im Sonderzug der Stadt der Reichsparteitage entgegen­zufahren. Als die SA. auf dem Bahnhof ankam, stand der Sonderzug schon bereit. Kameraden der Standarte 254 befanden sich bereits im Zug, die Gießener Kameraden waren auch bald für die Reise untergebracht und die Standarte 222 hatte in Friedberg zuzusteigen. Pünktlich um 12 Uhr fuhr der Zug ab nach Nürnberg, in dessen Mauern die Kameraden unserer Gießener SA. wieder Stunden der Erhebung, der Freude und der starken Eindrücke erleben werden. Am Mittwoch nächster Woche um 11.04 Uhr werden die Gießener SA.-Männer wieder hier eintreffen.

Die Frau von gestern von heute von morgen!

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Zu einem lustigen Flug durch die Zeit lädt die Theaterleitung zu Sonntag, 13. September, ins Stadttheater. In zwei Veranstaltungen um 15 und 19 Uhr zeigt uns der bekannte und beliebte Mode­plauderer Rudolf H a n i g e r mit seinen rheinischen Künstlerinnen die Mode von gestern bis heut und morgen. DieseMode-Revue" stellt Ausschnitte aus

dem Gesellschaftsleben des letzten Jahrhunderts dar und bietet dem Humor soviel Angriffsfläche, daß auch die Herrenwelt ganz auf ihre Rechnung kom­men dürfte. Mit Tanz, Musik, Gesang, mit einer ungemein lustigen Ansage verbindet sich dieser ganze Reigen zu einer unterhaltsamen Angelegen­heit. Außerdem wird von unserem Ensemble Karl Ludwig Lindt mit einer kleinen Ueberraschung ganz eigener Art aufwarten, die wir jedoch vorher nicht verraten möchten und die sich zwanglos und harmlos-heiter, jedoch mit besinnlichem Unterton in dieses Fest des Lachens und der Mode einreihen läßt.

Wiedersehensfeier der ehem. 80er in Homburg v. d. H.

Man schreibt uns: Arn 10. und 11. Oktober fin­det in der alten Garnifonftadt Bad Hornburg v. d. Höhe eine Wiedersehensfeier der ehemaligen An­gehörigen des Füsilier - Regiments von Gersdorff (Kurh.) Nr. 80 und feiner Kriegsformationen, der Regimenter RJR. 80, LJR. 80, RJR. 223, RJR. 253, RJR. 353, RJR.365 und JR. 186 statt.

Alle Kameraden aus Gießen und Umgegend, so­wie aus den Kreisen der Provinz Oberhessen, die den vorbezeichneten Formationen angehört haben und an der Feier teilnehmen wollen, sind hierzu herzlich eingeladen und werden gebeten, sich unter Angabe des Regiments und der Kompagnie mit der Ortsgruppe ehem. 50er in Gießen in Verbin­dung zu setzen.

Meldungen zur Teilnahme- sind bis zum 20. September zu richten an Kamerad Otto Sper­ber, Gießen, Crednerstraße 35. Bei genügender Beteiligung findet am Sonntag, 11. Oktober, Auto­busfahrt ab Gießen um 6.45 Uhr ab Hauptbahn­hof über Lich, Butzbach, Ufingen nach Bad Horn­burg und zurück statt. Fahrpreis ab Gießen und zurück ca. 3. Mark. Meldungen hierzu bis späte­stens zum 1. Oktober ebenfalls bei Kam. Sper­ber, der auch über den Verlauf der Feier, Fahr­

gelegenheit, Quartier, Verpflegung, Festbeitrag und Festabzeichen usw. Auskunft erteilt.

Bei der Wiedersehensfeier wird am Sonntag, 11. Oktober, die Fahne der Ortsgruppe Gießen vom Ehrenverbandsführer General Bering am Ehrenmal der Gefallenen der Regimenter geweiht.

Autohilfe auch Sonntags!

Von der Innung des Kraftfahrzeughandwerks der Provinz Oberhessen wird uns geschrieben:

Um einerseits dem Kraftfahrer auch an Sonn- und Feiertagen im Bedarfsfälle Hilfe angedeihen zu lassen und beschädigte Fahrzeuge abschleppen zu können, anderseits für Meister und Gefolgschaft eine Freizeit zu sichern, ist nun auch für den Stadt­bezirk Gießen ein geregelter Sonntagsdienst ein­gerichtet worden. Durch die mächtig vorwärts- fchreitende Motorisierung Deutschlands ist es Dienst am kraftfahrzeugfahrenden Publikum, daß das Kraftfahrzeughandwerk auch an Sonn- und Feier­tagen in immer bekannter Einsatzbereitschaft zur Stelle ist.

Die Anregung zur Errichtung des Sonntags­dienstes hat der Reichsoerband des Kraftfahrzeug­handwerks unter der tafräftigen Mitwirkung des Obergruppenführers Hühnlein gegeben. Es ist begrüßenswert, daß die Innung des Kraftfahrzeug­handwerks für die Provinz Oberhessen mit eine der ersten Innungen Deutschlands ist, die diesen Sonn­tagsdienst eingeführt hat.

Die mit der Postdirektion Gießen geführten Ver­handlungen sind dank dem Entgegenkommen des zuständigen Referenten schnellstens zum Abschluß gebracht worden. Für den Stadtbezirk Gießen hat die Postdirektion Gießen die Rufnummer 04 (Auto­hilfe) zugeteilt. Nach dem Wählen dieser Nummer meldet sich das Amt, das dem Fragesteller jeweils die Telephonnummer der diensttuenden Kraftfahr- zeugreparaturwerkftatt bekanntgibt.

Die Einrichtung des Sonntagsdienstes im Stadt­bezirk Gießen ist als mustergültig zu bezeichnen. Selbst bei evtl, vorkommenden größeren und zu­gleich Hilfe verlangenden Bergungsarbeiten ist für sofortige Hilfe gesorgt.

Am Samstag jeder Woche erscheint in Zukunft unter der Rubrik Sonntagsdienst ein entsprechen­der Hinweis im Gießener Anzeiger.

Samstag, 12.9., 19 Uhr, bis Montag, 14.9., 7 Uhr:

Firma Opel-Motorwagen-Verk.-Ges. m. b. H., Gie­ßen, Frankfurter Straße 82. Telefonnummer: 2847. (Bereitschaftsdienst: Rich. Güngerich, Gießen, Liebig- straße 58.)

Gießener Wochenmarktpreise.

* Gießen, 12. Sept. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, f. Molkereibutter 1,52, Landbutter 1,42, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klaffe A 13, aus­ländische 12, Wirsing, kg 6 bis 10, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 5 bis 8, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 10, Bohnen, grün 15 bis 20, gelb 15 bis 20, Unterkohlrabi 8 bis 10, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 10 bis 12, Zwiebeln 8 bis 10, Kürbis 5 bis 6, Pilze 15 bis 30, Kartoffeln, 5 kg 40 bis 45, Frühäpfel 10 bis 15, Falläpfel 3 bis 6, Birnen 10 bis 15, Zwetschen 7 bis 8, Pfirsiche 35 bis 60, Brombeeren 30 bis 35, Preiselbeeren 38 bis 40 Pf., Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 10 bis 50, Salat 8 bis 10, Salat­gurken 5 bis 20, Einmachgurken 1 bis 3, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 4 bis 10, Lauch 5 bis 8, Sellerie 20 bis 25, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 10 Pf.

** Eine Achtzigjährige. Frau Charlotte Schäfer, geb. Schwalb, Walltorstraße 30, begeht am kommenden Montag, 14. September, in körper­licher und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag.

** E i n Siebzigjähriger. Der Spengler- meister Christian Arnold, Asterweg 48, kann am kommenden Montag, 14. September, seinen 70. Ge­burtstag feiern. Trotz manchen Unfalles, den der Ju­bilar erlitten hat, geht er noch feinem Berufe nach.

Alte 2Reife nach Berlin.

Von Agnes Miegel.

Es war vor grauen Jahren, als Ferienzüge auch dem Namen nach so unbekannt waren rote Reise­büros oder vegetarische Mittagstische. Als es weder v-Züqe noch Speisewagen gab, und es tn Preußen als höchster Reiseluxus erschien, mit dem Kurierzug zu fahren und sich in Kreuz mit einem sehr reich­haltigen Mittagessen zu stärken.

Damals pflegten auch wir Schulmädels jede Neue, die sich nach den Osterferien in unserer Klasse emfanb weder ein Quarta noch eine Tertia war s, sondern eine ganz hausbackene Vierte oder Dritte - mit den Fragen zu bestürmen, die bürgerliche oder fürstliche Elsas genau so brennend interessieren wie Behörden. Wenn wir ergründet hatten, was ihr 93ater war, woher sie zugezogen und wo jetzt wohnhaft und wann ihr Geburtstag gewesen dann kam un­weigerlich die Frage: Warst du schon einmal in Berlin?" Bejahen dieser Frage stärkte das Ansehen so offensichtlich, daß die Klassenhäupter (nicht-ersten) vorbrechende Kiewigkeit geschickt durch sachkundige Fragen dämpften. Denn sie besaßen fagenumroitterte Großmamas, die im Felderfrieden von Steglitz oder Wilmersdorf wohnten.Warst du schon mal un Zirkus Renz? Haft du die Boa im Aquarium ge­sehen?" Wir anderen standen schwelgend und ganz Ohr um dies Verhör. Die Wunder der Reichshaupt­stadt leuchteten auf Goldgrund von der pausenfried- lichen Wandtafel, deutlicher als em Anschauunasbild. Würde man sie auch sehen? Je selbst nach Berlin fDmnntam. Nämlich ich. Al- Belohnung fär ein- uns alle freudig überraschende Versetzung. Mir selbst kam das Glück in die Quere mit unterhaltsamsten Ferienplänen für einen Besuch auf dem Land. Aber ich kam mir sehr erwachsen vor, weil ich nut meinem Vater mitreisen durfte.

Don der Reise weiß ich wenig. Bloß daß ich seither eine Abneigung gegen harte Eier habe. In Berlin fuhren wir am Abend ein, und ich sah viele Kuchen, die mit Gewürzschränken, Kaffeemühle und Salz- paudel unseren Küchen so gleich sahen rote die pa- piernen Küchenspitzen an den Borden dort und hier. Rur hatten die Besitzer eine mir ungewohnte Nei­gung, bei offenen Fenstern und angesichts fauchender Fern- und pustender Stadtbahnzüge sich zur Nacht­ruhe zu begeben. ~ a . ...

Ich selbst wurde zu diesem Zweck m dem gemüt­lichen Hotelchen, auf dessen Korridoren vertrautes Ostpreußisch dröhnte, einen blonden Fräulein über-

antwortet, das eine krause weiße Rüschenhaube über noch krauseren Ponnies trug und erstaunlicherweise mit st sprach. Sie hatte Erbarmen mit mir und nötigte mir kein Abendbrot mehr auf. So gut meine tranceartige Uebermüöung es zuließ, weihte sie mich in die Geheimnisse der elektrischen Klingel und des elektrischen Lichts ein, ehe sie mich einschloß. Sie er­mahnte mich dabei, ihr ja zu läuten, wenn ich etwas brauchte und das war ihre Gegenwart! Denn das immer gewünschteZimmer ganz für mich allein" wurde vor meinen Augen so groß wie der Roßgarten. Das Bett stand frei darin und hatte keinen Zudeck und Königsberg und die Mama waren achtzig Meilen weit, und nie, nie kann man einem Fräulein klingeln, die eine Rüschenhaube trägt und so vor­nehm spricht! Und nie findet man den Mut, wieder aus dem hohen Bett zu steigen und das Licht an der Tür anzuknipsen. Obgleich es sich sehr unruhig schlief in der Helligkeit und mit dem Wagenlärm draußen.

Auch nachdem die blonde Hannoveranerin mir sanft aber bestimmt die nächtliche Illumination ver­wehrt hatte, schlief es sich in Berlin längst nicht so wie zu Hause. Die Viktoria vom Brandenburger Tor hatte eine Vorliebe dafür, samt den vier nickenden Pferdeköpfen über der Muschelbekrönung aufzu­tauchen. Die atlasbekleideten Schönen aus dem Pan­optikum schlugen unvermutet, tiefatmend neben mir ihre wimperschweren Wachslider auf und starrten mich gläsern an. Und wie nach dem Besuch des Aquariums das Mitleid mit allen Kaninchen, mich eingeschlossen, überwältigend wurde das kann sich nur die Riesenschlange selbst denken!

Nach einem kurzen Bericht über alle dem Ost- germanen teuren Sehenswürdigkeiten, die ich bisher an der Hand meines Mentors genossen hatte (unter­brochen von sehr langen unfreiwilligen Pausen, die ich über einem uralten BandFliegende Blätter und einemChristlichen Hauskalender" verbrachte, mit denen die freundliche Blonde mich versorgt hatte) und dem aus mir elementar herausquellenden Ge­ständnis, daß ich auch einen Mozartzopf haben möchte, wie alle Mädchen in Berlin, nahmen mich Verwandte für die letzten Ferientage mit. Sie wohnten hinter dem Nollendorfplatz. Sie hatten dort eine Wohnung mit allem Komfort der damaligen Neuzeit sogar eine Badestube und einem richtigen Mädchenstube, keiner Gangelstube, oder wie man dort sagte,Hängeboden", für die vergnügte Flora, die, Gottlob, aus Westpreuhen war! Ich schlief auf dem Divan im Berliner Zimmer, warm und dunkel, betreut von einem Möpschen und ohne Träume. Da meine Verwandten allerlei Nebenbeschäftigungen hatten, die sie nicht ungestört zum Genuß eines Hausbesuchs kommen ließen, so erhielt ich von dem

Onkel ein perlmutternes PortemonnaieGruß aus Berlin", rotgefüttet und voller blanker Nickel. Von der Tante und Flora ein dickes Paket Stullen und sehr viel Anweisungen, an welchen Endstationen, in welchen Parks sie angesichts der grandbuddelnden jungen Berliner zu verzehren wären. Dann wurde ich in die nächste Elektrische gesetzt.Und vergiß nicht, am Spittelmarkt umzusteigen!" und sah Berlin.

Ich sah es vom Lietzensee (wo es damals noch nicht Berlin war) bis zur Spree. Ich sah den Kreuzberg und den Spandauer Bock, die Frankfurter Allee und den Urban. Ich erfuhr, was eine Zille ist, und daß esdie Banke" ist, auf der man fitzt, wenn sie vor­überzieht und die Bollen in ihrem Kielwasser treiben. Ich. lernte die Wichtigkeit der Schrippe und der sauren Jurke kennen und die idealere röckeumwogter baubenumftarrter Spreewälderinnen. Meine Reise­führer waren rundliche Madams mit wohlgefüllten Marktnetzen, alte freundliche Schaffner, junge Damen- mit Musikmappen und Faktoren mit Ledermappen an Messingketten. Ich fragte vergnügt und vertrau­ensvoll, und sie antworteten geduldig und vergnügt. Denn das konnte man beiderseits. Allerlei, was später Gerichtssäle und Zeitungen füllt, war noch ein ungelegtes Basiliskenei.

Nur Berlin N sah ich nicht. Denn über die Linden hinaus ging bloß eine Pferdebahn. Das hatte ich auch in Königsberg. Noch dazu mit Vorspann am Danziger Keller.

Am letzten Nachmittag gings zu Josti zu Jofti, bei dem schon der Großvater Billard gespielt und Schokolade getrunken hatte. Schokolade trank ich auch und sah den Potsdamer Platz, über den die Elek­trische und die Droschken erster und zweiter Güte behaglich durch den österlichen Nachmittagssonnen­schein fuhren. Die Tortempelchen glänzten, es glänz­ten die alten fanbfteinernen Rokokogötter, die aus dem grünen Rasen wuchsen, drüben am Leipziger Platz vor den Prunkhäusern.

Ja, ich war in Berlin. Ich konnte wieder mitreden, wenn eine Neue käme eine Neuevon oberroärts" mit Mozartzopf!

Zeitschriften

Das Septemberheft der bekannten Zeitschrift M utter und Kind" (Verlag Staude, Ber­lin W. 30) enthält viele für jede Mutter lehrreiche Beiträge. 11. a. seien folgende Beiträge erwähnt: Nervöse Eltern nervöse Kinder",Ihr Junge kann noch nicht laufen?",Ball Puppe Schaukel",Schützt eure Kinder",Die Familie im neuen Staat" usw.

Was suchen Forscher am Südpol?

Es gibt auch heute noch Leute, die sich^über dis Zwecke und Ziele einer Polexpedition mcht klar sind und vermutlich hauptsächlich aus dieser Un­sicherheit heraus dann den Wert einer solchen For­schungsreise überhaupt anzweifeln. Dor allem zwei Ziele waren es, wie Admiral Byrd in feinem demnächst bei Brockhaus in Leipzig erscheinenden BuchMit Flugzeug, Schlitten und Schlepper" schreibt, die seiner großen Südpolexpedition in den Jahren 193335 vorschwebten. Erstens wußte man nur wenig über die geographische Lage des Südeises und der umliegenden Ländermassen so war beispielsweise nicht einwandfrei festgestellt, ob das Südeis in sich zusammenhängt oder ob es durch größere Wasserkanäle voneinander getrennt ist. Zweitens versuchte man wetterkundliche F r a g e n zu lösen: das antarktische Eis spielt bei der Verteilung der Luftmassen über unseren gesam­ten Planeten eine bedeutende, wenn nicht ausschlag­gebende Rolle. Vom Wetter aber hängt das Ge­deihen der Menschheit ab. Es ist deshalb sehr wichtig, dieseBrauftätte des Wetters" in der Antarktis, wie Byrd es nennt, zu erforschen. Also ist es nicht unnütz, wenn kräftige, vernünftige Männer in daskalte, öde Eis gehen, wo doch nichts zu holen ist".

Hochschulnachrichten

Im Alter von 72 Jahren ft a r b in Berlin Pro­fessor D. Arthur X i t i u s , der bis zum Jahre 1933 den Lehrstuhl für systematische Theologie an der Universität Berlin innehatte. Prof. Titius, 1864 in Sensburg (Oftpr.) geboren, hatte vor feiner Ber­liner Lehrtätigkeit lange Jahre in Kiel und Göttin­gen gewirkt; er ist besonders durch Arbeiten auf dem Gebiete der Religions- und Naturphilosophie hervorgetreten.

Der Lehrbeauftragte Dr. Ernst Faber wurde seinem Antrag entsprechend von seinem Lehrauftrag in der Theologischen Fakultät der Universität Hei­delberg mit Ende des Sommersemesters 1936 entbunden.

Der außerordentliche Professor Dr. Rud. Fahr» ner an der Universität Heidelberg wurde ge­mäß seinem Antrag mit Ende September 1936 aus dem badischen Staatsdienst entlassen.

Dr. jur. Herbert Krüger wurde die Dozentur für bas Fach öffentliches Recht unter Zuweisung an die Juristische Fakultät der Universität Heidel­berg verliehen.