Ur. 2(4 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 12 September (936
wurden diese Beziehungen daher immer gepflegt und über das erwachende nationale Verlangen nach einer Rückgabe von Gibraltar schweigend hinweggesehen. Mit den Spannungen des abessinischen Krieges und den wachsenden Ansprüchen Italien s in neuester Zeit schien diese Linie nur um so stärker gerechtfertigt. England bemühte sich, wie erinnerlich, um das Zustandebringen eines Mittelmeerpaktes gegen Italien und erachtete bescheidene Seemächte wie die Türkei, Jugoslawien und Griechenland und das schon wesentlich stärkere Spanien dabei für wichtig genug. Zugleich galt es, die frühere politische Fühlung Spaniens mit Italien bei dieser Gelegenheit abzukühlen, jedoch kam die zunehmende Radikalisierung im Lande dem mehr als entgegen.
Ein dritter Faktor, der Spaniens Stellung Bedeutung verleiht, ist der Besitz der m a r o k k a - niscben Enklave, schräg gegenüber Gibraltar. Die spanische Herrschaft dort, und damit auch den internationalen Status von Tanger zu erhalten, ist ein wichtiges Interesse Englands und auch Italiens, sie zu zerstören ein Ziel Frankreichs, woraus sich auch seine heimliche Unterstützung der Rif- Stämme erklärt. Sollte hier jemals ein spanischer Zusammenbruch erfolgen, so wird man die Politik derd rei Mächte zu ernstem Konflikt in der Nachbarschaft der Meerenge kommen sehen.
Dieser Ueberblick rechnet bereits unausgesprochen mit einem Ausgang des Bürgerkrieges, der die siegreiche Partei bei hinreichenden Kräften findet, um dem Lande ein politisches Gewicht zu erhalten. Französische und auch englische Befürchtungen der Richtung, die der „Volksfront" nahesteht,' malen
hierzu die Zukunft in düsteren Farben. Ein siegreiches faschistisches Spanien heißt es, wird zwangsläufig den Anschluß an Italien finden, mit diesem zusammen eine streitbare Mittelmeerentente bilden, vielleicht Gibraltar mit Gewalt zurücknehmen und , die älteren Seemächte samt ihren lebenswichtigen i Verbindungen an die Wand drücken. Mit Deutschland zusammen werden sie Frankreich einkreisen und Europa den Kurs oorschreiben. Das Lächerliche an diesen Uebertreibungen braucht wohl nicht hervorgehoben zu werden. Es genügt, auf die vollständige Zerrüttung der spanischen Marine durch Zwiespalt und Meuterei zu verweisen, deren gesunde Erhaltung eine Voraussetzung solcher Entwicklung wäre.
Weit ernsthafter dürfen die Besorgnisse genommen werden, die von einem Sieg der „Republik" ausgehen. Ihr Weg in den bolschewistischen Abgrund und damit das Mitreißen Frankreichs ist kein Hirngespinst, sondern ausgesprochener politischer Plan von solcher Deutlichkeit, daß selbst die englische Brille jetzt seine Umrisse erkennen kann, und die französische Rechte mit wachsender Anteilnahme Hitler-Deutschland zu entdecken beginnt. Beide Annahmen einer wichtigen Nolle, die Spanien in naher Zukunft zufallen könnte, gehen aber aus von einer ausgeglichenen politischen Führung und unvermindert lebendiger Volkskraft, während das erste noch in Zweifel gehüllt ist, scheint uns die im Bürgerkrieg sichtbar werdende mörderische Tapferkeit für einen starken nationalen Fonds von Kampfgeist und Vitalität zu sprechen, der in einer der beiden Richtungen sehr wohl wirksam werden könnte.
Besinnliche Weltreise.
Von unserem E. M -Sonderberichterstatter
Der „der Me" Dolor.
Von unserem E M -Sonderberichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Fort de Kock, im August 1936.
Wenn ich heute sagen soll, ob ich ihn eigentlich kennen lernte, so weiß ich es immer noch nicht.
Die Bekanntschaft begann jedenfalls so:
Irgendwo an der Qstküste von Sumatra, hinter endlosen Gummiwäldern und abseits vom Wege, tauchte eines Tages vor uns ein Haus auf. Es stand unter Manga-Granatäpfel- und Sür- sackbäumen. Ein weiter Rasen lag vor einer offenen Terrasse und in diesem Garten spielten die Orang-Utangs Koba und Lombroso, stolzierten Marabus, spielte das Reh mit Hunden und Menschen, riefen und quakten uns wunderliche Vögel nach.
Dann erschien eine hohe, blonde und etwas abwesendblickende Gestalt. Sie sagte nur einfach: „Guten Tag" und entschuldigte sich gleich darauf mit Arbeit.
Das nächste Mal sah ich ihn wieder, als er gebeugt über einem kleinen, braunen Etwas stand, das ihn mit großen schwarzen Augen still ergeben ansah. Daneben standen zwei bunt gekleidete Gestalten, die sich nervös an ihn drängten, und die er mit einem leichten Brummen fortscheuchte.
„Tuberkulose", sagte er zu mir, „bleibt hier"!
Dieses Hier war vor acht Jahren nichts weiter als gerodeter Urwald. Heute standen hier weit über ein Dutzend sauberer, weiß gestrichener Gebäude, mit einander durch erhöhte Zementwege verbunden. Drinnen standen auf beiden Seiten in langen Reihen tischähnliche Gestelle und auf ihnen kaaen Menschen, Männer hier, Frauen dort und Kmder wieder in einem anderen Gebäude: E i n Krankenhaus.
Vorn am Eingang die Europäerstation, der große moderne Operationssaal, das Laboratorium, der Untersuchungsraum und die Apotheke. Heb er all sah ich Javaner hausieren, einige mischten Rezepte, andere nahmen Blutproben und wieder andere assistierten.
„Sind Sie denn allein hier?" fragte ich.
„Nein, Sie sehen doch. Das sind alles zuverlässige Leute, absolut sicher. Sie gehen allein in die entlegensten Dörfer und kontrollieren den Gesund- heitszustand!"
„Haben sicher in Batavia studiert?"
„Wo denken Sie hin! Die Studierten bleiben alle in der Stadt. Diese hier lernen es nur bei uns!"
Ich machte ein etwas skeptisches Gesicht, worauf der Doktor ruhig entgegnete: „Sie glauben es nicht? Nun, ich werde Sie nachher auch mit auf die Außen st ationen nehmen."
„Außenstationen?"
„Ja, jede von ihnen ist ständig mit 100 Frauen, werdenden Müttern, belegt, die hier rund einen Monat vor und mindestens zwei Wochen nach der Geburt dort sind. Bis zu zehn Geburten nm Tag sind auf einer Station vorgekommen, und über tausend sind es im Jahr!"
„Das können Sie doch nicht allein tun?"
„Kann ich auch nicht. Ich kontrolliere nur dann und wann. Die Arbeit verrichten zwei inländische Hebammenschwestern!"
Auch am nächsten Tag bin ich einen ganzen Vormittag während der Sprechzeit im Hospital gewesen. Ein regelrechter Kleinbahnzug hatte aus allen Teilen der rund 250 Quadratkilometer großen Plantage Patienten und Besucher gebracht. Dor den Untersuchungsräumen herrschte daher großes Gedränge von schweigsamen Kulis, stillen javanischen Frauen, besorgten Chinesenvätern, die mit dem Stolz ihres Lebens, den Söhnen gekommen waren, schwatzenden Batakern, listigen Arabern und ho- heitsvollen Bengalen. Zu der Sprechstunde war auch der indo-europäische Apothekerassistent erschienen, die einzige europäische Schwester dagegen war verreist.
Der erste Patient war ein kleines Mädchen. Es hatte Wundbrand. Kein Laut kam aus den kleinen Munde, nur ein stilles Körperzucken sah man dann und wann, als die Hautschere arbeitete, bei deren Anblick auch europäische Erwachsene einen Schock bekommen. Nur Augenblicke kann der Doktor bei dem Kinde sein und schon steht er am Nebentisch, bereit für eine pneumatische Lungen-
Spanien als Mchisaklor.
Von Konteradmiral a O. Gadow.
Dieser dritte und blutigste aller Bürgerkriege binnen einem Zeitraum von 70 Jahren hat, wie der alte Politiker Graf Romanones erklärt, Spanien „für 50 Jahre von der Weltkarte gestrichen". Man kann darüber verschiedener Meinung sein. Die Großmacht des Reiches Philipps II. hatte freilich mit dem Aufstieg und den Beutezügen Englands zu welken begonnen und bei Trafalgar 1805 den ersten tödlichen Stoß erhalten. Der zweite traf es mit der Losreißung der füd- und mittelamerlkani- fchen Staaten Anfang des 19. Jahrhunderts und der dritte mit der Flottenvernichtung vor Havanna und Cavite 1898 im Kriege gegen den nordamerikanischen Imperialismus. Von feinen einst erdumspannenden Besitzungen verblieben ihm nur die Maria- nen-Jnseln in der Südsee, die es 1899 für 25 Millionen Peseten an Deutschland abtrat, die heute noch höchst wertvollen Kanarischen Inseln, an der westafrikanischen Küste die Kolonien Rio bei Oro und Jfni, in der Kamerun-Bucht Spanisch-Guinea und an der Nordseite Spanisch-Marokko um Ceuta und Melilla, alles dieses eingebettet in Französisch- Afrika.
Aber das spanische Volkstum zeigte, bet aller bekannten Indifferenz, gewisse Kräfte der Erneuerung. Es war kein Zufall, daß diese durch eine diktatorische, dem Faschismus nahestehende Persönlichkeit, Primo de Rivera, zum ersten Male geweckt wurden. Wer Spanien während dieses kurzen und nicht voll ausgereiften Regimes bereifte, fand erstaunlichen Aufschwung vor: Pünktlichkeit im Verkehr, Ordnung und Sauberkeit in der Verwaltung, Straßenbau großen Stiles, patentes Aeußere des Militärs und der Polizei und manches andere. Was Barcelona und Katalonien bisher für sich an Unternehmungsgeist fast ausschließlich in Anspruch nahmen, schien auch in Kastilien wieder eingekehrt. Die Wehrmacht hatte ihren Anteil an dieser Neubelebung: Der Marokkokrieg konnte beendet werden, ein kriegerischer Geist kehrte, von der Fremdenlegion her wirkend, wieder in der Truppe ein und auch die Flotte verjüngte sich. Es wurden eine ganze Reihe neuer und tüchtiger Kriegsschiffe gebaut, von Panzerschiffen bis zu B-Booten, meist unter englischer und zum Teil unter deutscher Beratung. In diese Periode fällt die Neuentdeckung der spanischen Machtstellung.
Im Zuge der französisch-italienischen Spannung und Rivalität hatte eine gewisse Annäherung zwischen Primo und Mussolini stattgefunden. Schon argwöhnte man in Frankreich ein faschistisches Bündnis und betrachtete die Balearen-Inseln auf ihre mögliche Ausnützung als feindlicher Stützpunkt. Der Argwohn wurde erwidert, denn diese Inseln liegen ideal für französische Zwecke, als Etappe für Truppentransporte im Kriegsfälle von Nordafrika nach Toulon-Marseille. Die Folge war ein kräftiger Ausbau der Befestigungen auf Mallorka und Menorka, und zwar wieder mit englischem Beistand. Als Primos Zeit abgelaufen war, und der Weg zur Republik sich öffnete, nahm Frankreich intimere Fühlung mit den neuen Männern und warf das Projekt einer doppelgleisigen strategischen Bahn, quer durch Spanien von Algeciras nach der französischen Grenze, in die Debatte, dazu die Idee des Gibraltartunnels, immer unter dem Zwange des gleichen Wunsches, möglichst ohne Verluste seine farbigen Kontingente zum Mutterlande zu überführen. Aus diesen Projekten wurde nichts, vermutlich nicht ohne englisches Zutun.
Die englische Politik hat Spanien, wenn nicht ernsthaft beachtet, so doch mit gleichbleibender Rücksicht behandelt und, wie wir sahen, auch unterstützt. Freundschaftliche Beziehungen zur iberischen Halbinsel mit ihren vorzüglichen Häsen in der Nähe der Meerenge von Gibraltar und den wertvollen atlantischen Inseln schienen von der geschichtlichen Erfahrung geboten, denn die schwierigsten Zeiten für die englische Seemacht waren stets gegeben, wenn Frankreich und Spanien vereint gegen England standen. Ohne viel Aufhebens zu machen,
Chnstkan Dietrich Grabbe.
Zum 100 Todestage des Dichters am 12. September.
„Ein hiesiger Schriftsteller hat von mir gesagt: ich wäre ein Mensch, den man erst nach Jahrhunderten verstehen würde. Darum werde ich aber nicht hochmütig, denn ich kenne meine Schwächen nur zu guj.^ $
Der Dichter Christian Dietrich Grabbe, der heute vor hundert Jahren in feiner Vaterstadt Detmold eines wahrhaft elenden Todes starb, ist ohne Zweifel eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte des deutschen Geistes. Heute ist zwar erst ein Jahrhundert vergangen, aber das wirre, verzerrte und vielfältig sich widersprechende Bild, das seine Zeitgenossen sich von ihm machten, hat sich inzwischen doch in seinen Grundzügen und Wesenslimen so geklärt, daß die Nachwelt ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, die er verdient.
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Es ist ganz lehrreich, sich einige Daten vor Augen zu halten: als Schiller starb, war Grabbe 4, bei Kleists Tode 10 Jahre alt; Goethe hat er um vier Jahre überlebt. Dieses sein eigenes Leben währte nur 35 Jahre, und man kann nicht sagen, daß es sonderlich von der Klassizität jener erlauchten, zeitgenössischen Namen angerührt worden sei; sehr bemerkenswert aber erscheint das Werk, welches in die e armselige Lebensspanne hineingepreßt ist: die Trauerspiele „Hannibal", „Die Hermannsschlacht", .Napoleon"; die Hohenstaufen-Dramen um Barbarossa und Heinrich den Sechsten; jener überlebensgroße Erstling „Herzog Theodor von Goth- land"; „Don Juan und Faust" und das von Genieblitzen und erstaunlichen Einfällen funkelnde Lustspiel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung." Das ist nicht einmal alles; und bis in seine letzte Lebenszeit hinein begleiten und bedrängen ihn die Gestalten der noch ungeschriebenen Dramen: Alexander und Christus, Kosciuszko und Robespierre. Sogar der Eulenspiegel als Held eines geplanten Satyrspieles; aber, wie es im Szenarium gleich zu Anfang heißt, „Eulenspiegel ist nicht ein bloßer Spaßmacher, sondern er repräsentiert die aus dem tiefsten Ernst entstammende deutsche Weltironie."
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Man sieht wohl schon aus dieser flüchtigen Aufzählung: Grabbe ist in dem, was er anpackte, aus
führte ober auch liegen ließ als ungefüges Bruchstück, nie kleinlich gewesen; bas bezeugen allein die Namen seiner Gestalten und seiner Schauplätze: das hat alles und in allen Szenen unbezweifelbar den Zug ins Heroische, zur Größe, ja zur Ueberlebens- größe. „Der Geist der Geschichte selbst" — so hat Jmmermann sich einmal über diese historischen Schauspiele geäußert — „ist Grabbe erschienen und hat ihm manches Wort zugeflüstert"; hat ihn Szenen erfinden und gestalten lassen, so dürfen wir hinzufügen, bereu dunkle und leidenschaftliche Schönheit auf uns nach hundert Jahren nicht weniger stark und ergreifend wirkt als auf die verzweifelt wenigen Zeitgenossen, die damals Augen hatten, zu sehen, und Ohren, zu hören.
Grabbes Dramen können als ein genialer, wenn auch praktisch vielfach unzureichender Versuch gelten, einen neuen heroischen Historienstil auf dem Theater zu verwirklichen. Er greift in die Vergangenheit hinein — wie in eine Spielzeugschachtel zwar — aber was er greift, hat Profil und Charakter, Gröhe und heldische Haltung; feine Stücke und Gestalten bezeichnen fast alle einen Schnittpunkt, einen Markstein, eine große Wende in der Weltgeschichte; Karthago und der heimatliche Teutoburger Wald, Elba, Paris und Waterloo heißen seine Schauplätze. Hier schlägt er seine Schlachten, und hier beweist sich dieser Mensch in seiner ganzen Größe und auch in all seiner naiven Kindlichkeit, hier erlebt man den Dramatiker als Realisten und als Phantasten in einer Person. „Dergleichen Bataillenstücke waren vor Grabbe in der deutschen Poesie noch nicht da." Ohne Zweifel: das Theater seiner Zeit zum wenigsten war derartigen Verwirklichungen einer dramaturgischen Phantasie schlechterdings nicht gewachsen.
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Man betrachte die folgenden „Regieanweisungen", ober besser, szenischen Randbemerkungen, die bet Grabbe durchaus keine Ausnahme sind. Aus dem „Hannibal": „Hannibal sprengt mitten durch die Unsterblichen, die scheu vor ihm ausweichen, und vor denen er im Vorübersausen ausspeit, mit einem kleinen Reiterhaufen auf Karthago zu" ... Aus der „Hermannsschlacht": „Die Legionen in Marsch. Va- rus und Hermann vor ihnen. Die deutschen Hilfstruppen rechts auf den Bergen" ... „Die marfifchen Reiter galoppieren hinunter, werden aber zurück- geworfen" ... „Thusnelda in einem Wagen, dessen braune Renner sie selbst lenkt, erscheint auf der Höhe" .. „Unter vielem Verlust erzwingt Varus den Uebergang über die Retlage" ... Aus „Napoleon": „Er schießt zwei Pistolen vor den Obren des Pferdes ab" ... „Ein Kommando der Artillerie
fährt mit einigen Kgnonen vor" ... „Die Preußen bewegen sich gleichermaßen unter gewaltigem Artillerie- und Kleingewehrfeuer den Franzosen entgegen" ... „Reitende Artillerie jagt vor und schießt" ... „Milhaus Kürassiere stürmen los" ... „Die Granitkolonne samt Cambronne wird nach verzweifeltem Kampfe zusammengehauen. Die alliierte Reiterei rückt weiter ..."
Diese Aufzählung ließe sich beliebig vermehren. Die Art, wie Grabbe seine Schlachten schlägt, überrennt jedes herkömmliche Gesetz und alle Grenzen der Bühnentechnik; mit einer Unbekümmertheit sondergleichen sprengt ein oft vollkommen episches Temperament den Rahmen des Szenariums, für das selbst eine antike Arena, selbst die größte Freilichtbühne unserer Zeit zu klein wäre. Man kann ganze Seiten aufweisen, die wie Abschnitte einer Erzählung oder wie der Entwurf zu einem Filmdrehbuch anmuten. Grabbe hatte, als er dergleichen schrieb, gar nicht das Theater vor Augen, nicht das räumlich in Breite und Tiefe scharf und eng begrenzte Bühnenspielfeld, sondern die historischen Schlachtfelder etwa feiner deutschen Heimat oder bei B"lle Alliance in ihren natürlichen Ausmaßen und Größenverhältnissen: ein Raumstil, der sich naturgemäß auch auf die handelnden Personen übertrug und ihnen zuweilen eine Ueberlebensgröße zu verleihen scheint, wenn sie dann in den zusammenrückenden und verkleinernden Maßstäben des Theaters vor dem Zuschauer auftauch-m. Diese Verbindung von historisch-heroischem Monumentalstil und einer völlig kindlichen Naivität gegenüber gewissen Grundgesetzen der Bühne und der Dramaturgie ist einzigartig in der deutschen Literatur. Der kleine Knabe Krischan, der im ärmlichen Detmolder Elternhause am Boden hockt, mit bunten Pferdebohnen Krieg spielt und ängstlich darüber wacht, daß ihm die Mutter nicht die dickste, seinen „Napoleon", zertritt, ... das Kind im Manne, das spielen will, und das Genie, dem das Unmögliche eben recht ist, schaffen Szenen über Szenen, die es in der Geschichte des Dramas und Theaters nur einmal gibt. .
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Ausschlaggebend und wichtig für uns nach hundert Jahren scheint freilich dies: daß die Grabbe- schen Dramen, vor allem die schönsten und erschütterndsten unter ihnen, „Napoleon" und „Hannibal", trotz diesen unmöglichen Szenen dem Theater nicht verloren sind: man kann sie, in geschickter Bearbeitung und Inszenierung, ohne nennenswerte Schwierigkeiten spielen — höchst ehrenvolle Ausgabe für deutsche Bühnen in diesem Juhiläumsiahr! — und man wird sich belohnt finden durch die Kraft und
diagnose. Und so geht es weiter: Der Nächste, der Nächste: Knochenbrüche, Abszesse an und in allen Körperteilen, Kropf, Krebs, Beri-Beri, Ruhr, und was dieses Paradies hier sonst noch beschert.
Plötzlich steht eine javanische Frau vor mir und unwillkürlich weiche ich zurück: Blaue Lepra. Nanu, darf die denn so frei Herumlaufen? Ich werde belehrt, daß eine Isolierung gesetzlich unmöglich und auch praktisch bei 300 000 Leprosen undurchführbar ist, weil die Berührung mit anderen Menschen auf keinen Fall zu vermeiden wäre. Unheimlich!
Und so geht das Leben dieses Mannes fort Zweimal am Tag besucht er die Fünfhundert auf den Stationen. Das ist ein Durchschnittstag, da die Häuser tausend Menschen fassen können. Dieser Doktor ist Internist, Psychiater, Chirurg, Tropen-, Frauen-, Kinder- und Augenarzt in einer Person. Unmöglich möchte ich selber sagen, aber seit diesen Tagen weiß ich, daß es nichts Unmögliches gibt; denn die Sterblichkeitsziffer ist hier, bei vierundzwanzigtausend Erwachsenen und sechstausend Kindern, niedriger als in der Großstadt Batavia und nicht sehr viel höher als in Europa. Malaria kennt die Plantage kaum mehr. Auch das ist das Wert dieses unermüdlichen Mannes. Die Flüsse und Bäche der Plantage werden reguliert, die Ufer mit alten Benzintanks gefestigt und damit stauende Gewässer beseitigt. Kommt noch ein Malariafall vor, so fan-n der Kranke getrost auf der allgemeinen Station liegen.
Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer Debatte darüber, ob dieser kaum vierzigjährige Doktor in Holland Chirurg sein könnte ober nicht. Die Frage allein schon klang grotesk; denn hier laufen einige hundert Menschen herum, die erfolgreich operiert sind. Aber Europa hat seine eigenen Gesetze und darum wird dieser Doktor auch niemals zurückkehren.
„Vor einigen Jahren hat er noch mit zwanzig Jahren Aufenthalt gerechnet", sagte uns seine blonde Frau. „Heute widerspricht er nicht einmal, wenn Sie ihm sein Lebensende auf Sumatra prophezeien! Und das ist gut so", seufzte sie dann lächelnd.
Ich sehe ihn noch, als er bei unserem Urwaldbad, unter hängenden Lianen und eingestürzten Baumriesen, die kein Ende zu nehmen schienen und auf denen Affen, in ihrer Ruhe gestört, böse auf uns herabschimpften, Futter für feine karpfengroße Goldfische sammelte: Eine lange, braune Gestalt und hoch über feinem Kopf in der Hand das Grünzeug. Die Naturverbundenheit brachte ihn wohl auch in ein ganz besonderes Verhältnis zu den Menschen hier. Wenn er durch die Stationen geht, die Patienten am Zeh ober in die Haare greift, lächelt alles froh. In den Kampongs, Eingeborenen» Gehöften, weichen sie ihm nicht aus, wie sie es sonst bei Europäern tun, da kommen sie zu ihm. Nie übt er einen Zwang aus, nie biedert er sich etwa an. Es ist, als ob eine magische Kraft die Menschen zu ihm bringt. Sie glauben es fest, daß sie gesund werden, wenn er es sagt. Dabei scheint er äußerlich von einer kühlen Sachlichkeit.
Verstanden habe ich ihn wohl erst am letzten Tage richtig. Da erschien ein alter Javaner und bot uns selbstgeschnitzte Wajang-Figuren an, was er mit einer langen Erzählung alter Legenden begleitete. Als er hörte, daß der Doktor vielleicht auch noch käme, erklärte er sich bereit, selbst zwei Tage zu warten. Der Doktor kam auch und ließ sich zum vielleicht hundertsten Male alles zeigen. Zum Schluß stand er wortlos auf, nahm eine Zigarre, gab sie dem Alten und zündete sie ihm auch an.
„Warum nicht", sagte er zu mir, „dieser Mann ist doch ein großer Künstler."
Ich fühlte mich beschämt, obwohl ich nicht daran dachte, das Verhalten zu kritisieren. Ich schämte mich in dem Augenblick nur für den zwanzigjährigen jungen Mann in einem Medaner Hotel, der einen greifen chinesischen Kellner mit „Boy" anschrie.
Von weither kommen die Patienten: goldbehan- qene Bengalen und Chinesen im Auto. Der Doktor darf Privatpatienten haben, hat sie auch, nimmt aber von niemandem Geld. Die Reichen gehen ohne Bezahlung, die Armen bringen ihm ein Huhn ober
die Größe, die heroische Phantasie und die nationale Leidenschaft einer Historiendramatik, die leider vielen unter uns kaum dem Namen nach bekannt ist.
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Das endlose Trauerspiel feines eigenen Lebens freilich, dessen tragisches Sinnbild man in manchen von Grabbes großen Dramenszenen zu erkennen meint, hat erst, in mehrfacher Form, unsere eigene Zeit zu gestalten versucht. Wir haben vor zehn Jahren an dieser Stelle, zum 125. Geburtstage des Dichters, die äußeren Umrisse dieses verzweifelten, über dreieinhalb Jahrzehnte sich erstreckenden Daseins andeutenb nachgezeichnet. Es hat unter einem unglücklichen Stern gestanden — vom allerersten Augenblick an; man ljat das Gefühl, als fei Grabbe, Sohn eines Zuchthausverwalters, die düstere und beklemmende Atmosphäre seines Elternhauses und seines armseligen Kinderlandes lebenslänglich nicht losgeworden: „Ach, was soll aus einem Menschen werden", so klagte er später selbst, „dessen erstes Gedächtnis das ist, einen alten Mörder in freier Lust spazierengeführt zu haben!"
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Auf dem kurzen und unruhigen Wege dieses Lebens, das in Detmold beginnt und in Detmold endet, zeichnen sich auch einige größere Städte als flüchtige Haltepunkte ab: Leipzig, wo er Jura studieren soll und Schauspieler zu werden versucht; Berlin, wo er, mit dem Primanermanuskript seines „Gothland" in der Tasche, den Kopf voller Pläne, in literarische Zirkel und Salons gerät, als kommendes Genie gepriesen wird und nach und nach die silbernen Löffel seiner Mutter verkaufen muß, um leben zu können; Dresden, wo er mit Tieck zu- fammentrifft; dann wieder Detmold mit feiner kleinstädtisch drückenden Enge, wo er endlich als fürstlich kippsicher „Militär-Auditeur" Unterschlupf findet. Stücke schreibt, darüber den Dienst versäumt, seine Braut verliert, den Abschied bekommt und am Enbe eine uneble, ungeliebte, um zehn Jahre ältere Frau heiratet; Frankfurt, wo er in einer elenden Dachkammer „auf der großen Bockenheimer Gasse, 3 Stiegen hoch" an seinem genialsten Drama arbeitet, am „Hannibal"; Düsseldorf, wo Jmmermann ihm auch nicht mehr helfen kann, und wo er in dem jungen Musiker Norbert Burgmüller einen seiner wenigen Freunde verliert; und abermals Detmold, wo er, seelisch gebrochen und schon hoffnungslos krank, nach qualvollen Wochen in den Armen der offen Mutter stirbt. Sie ist die einzige gewesen, dis bis zuletzt unerschütterlich an ihn geglaubt hat.
hth.


