Ur. 2(5 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, 11. September (956
Merkwürdige Findlingsschicksale
<>on Kurt Wellner
Findelkinder haben es im Leben schwerer als Menschen, die ihre Familie kennen und von ihr gefördert werden, bevor sie selbständig ins Leben treten. Der Mensch mit bekannter Abkunst wurzelt mit seiner Daseinskraft in einer ihm wohlvertrauten Vergangenheit und sieht nur vor sich die eine schwarze Wand des kommenden Todes. Der Findling aber hat noch eine zweite schwarze Wand hinter sich in seiner unbekannten Herkunft und Vergangenheit. Er ist zwischen beiden eingezwängt, und seltsam lähmend wirkt auf ihn der Gedanke, daß er nicht weiß, woher und aus welchem Blut er stammt. Das ist wohl auch der Grund, warum es recht wenig Findlinge gibt, die es im Leben zu etwas bringen. Aus der neuesten Zeit ist da nur der bekannte englische Schriftsteller Edgar Wallace erwähnenswert. Im 18. Jahrhundert waren es der sogenannte „K a l m ü ck e n p r i n z" und jener Minister Maria Theresias, der als Findelkind wegen seiner'Streiche „Thunichtgut" genannt wurde und dann — von der Kaiserin umbenannt — als Freiherr von Thugut die innenpolitische Zentralisierung Altösterreichs durchführte.
Ver Kamückenprinz
Im Jahre 1770 überfiel ein russisches Streifkommando in Ostsibirien nahe der chinesischen Grenze eine Kalmückenhorde, die unter Zurücklassung ihrer Filzzelte die Flucht ergriff. Bei der Plünderung des Lagers fanden die Russen in einem Zelt zwischen Fellbündeln einen etwa fünfjährigen Knaben, der in bunte Seide und Pelzwert gekleidet war und deshalb von ihnen für einen 'Kalmückenprinzen gehalten wurde. Vermutlich war er auch wirklich der Sohn des Taidscha, des Häuptlings der Horde. Jedenfalls wurde er von den Russen als Prinz gut behandelt und war bald der Liebling der rauhen Kriegerschar, die ihn auf ihren weiteren Streifzügen als eine Art Glücksmaskotte mitnahm. Im darauffolgenden Jahre wurde der Kommandant der Truppe nach Petersburg versetzt und mit ihm kam auch der Findling hin. Er gefiel der Kaiserin Katharina II., die ihn zufällig bei einer Besichtigung der Kaserne sah. Sie nahm ihn an ihren Hof, ließ ihn auf den Namen Feodor Iwanowitsch teuren ünd von guten Lehrern erziehen.
Einige Jahre später schenkte die Kaiserin ihn als ein Sinnbild des Fernen Ostens der Mar k- grörin Amalia von Baden. So kam der kleine Kalmückenprinz nach Deutschland und zu ein-'t sehr gutherzigen Gebieterin, die zu seiner wahren Wohltäterin wurde. Er wurde in Karlsruhe trefflich erzogen und zeigte dabei hervorragende künstlerische Anlagen, namentlich für die Malerei. Seine Gönnerin ließ ihn auch in dieser Richtung ausbilden, zuerst in Karlsruhe und dann in Italien und Griechenland. Nachdem er noch in London seine Weltbildung vollendet hatte, kehxte er als gereifter junger Mann nach Karlsruhe ,5-nrücf und wurde hier zum Hofmaler ernannt. Seine Gemälde wirken hauptsächlich durch den großartigen Stil und durch ihre Schönheit. Als Kupferstecher und Radierer leistete er Rühmliches und war damit der einzige Kalmücke, der auf dem Gebiet der Kunst hervorgetreten ist.
Sohn des panzerWffs.
Als 1882 in Aegypten die aufständischen Araber die Fremden ermordeten, bombadierte ein britisches Geschwader Alexandrien und landete dann Mannschaften zur Säuberung der Stadt.
Eine dieser Abteilungen stieß auf einen plündernden Araber, der eben aus dem Hause eines
ermordeten Europäers flüchtete. Als er die Gewehre der Patrouille auf sich gerichtet sah, zog er aus seinem Burnus ein kleines Kind und hielt es wie einen Schild vor seinen Leib. Die Patrouille erkannte, daß es ein weißes Kind war und wurde dadurch am Schießen verhindert. Höhnisch grinsend zog sich der Araber schrittweise zurück, aber bevor er die nächste schützende Ecke erreichte, hatten ihn zwei flinke Blaujacken umgangen und streckten ihn nieder, bevor er dem Kind etwas tun konnte.
Der kleine Knabe wurde auf den „Inflexible" gebracht, zu dessen Besatzung die Patrouille gehörte. Der „Inflexible" war das mächtigste Panzerschiff seiner Zeit und Flaggschiff des Geschwaderchefs Vizeadmiral Beauchamp- Seymour. An Bord wurde der Findling von der Offiziersmesse ausgenommen. Man dachte nur an einen vorläufigen Aufenthalt, bis die Eltern oder Verwandten des Kleinen gefunden wurden. Als aber in dieser Richtungen alle Nachforschungen erfolglos blieben, beschlossen die Offizierte, für die Zukunft des Knaben zu sorgen.
So entstand als Gegenstück zur bekannten „Tochter des Regiments" der „Sohn des Panzerschiffs". Stilgetreu bekam er auch den Namen des Panzerschiffes und die Vornamen seines Paten, des Vizeadmirals, indem ihn der Geschwaderpadre als „Frederico Francis Inflexible" taufte. Nach der Heimkehr des Geschwaders wurde Inflexible in England erzogen. Als Erwachsener fand er jedoch immer weniger Gefallen an der neuen Heimat und übersiedelte schließlich nach Frankreich, wo sich seine Spur im Leben der Alltagsmenge verlor.
Aamenlos.
In Marseille kam eines Tages zu einer Frau Mercier, die sich mit dem Aufziehen von Pflegekindern beschäftigte, ein Ehepaar, das sich La- f o n nannte und ihr einen etwa fünf Monate alten
Knaben übergab. Lafon zahlte 2000 Franken für zwei Pflegejahre im Vorhinein und verschwand dann mit seiner Frau aus Marseille.
Nach Ablauf der zwei Jahre übergab Frau Mercier den Knaben dem Bürgermeisteramt, das ihn unter dem Namen Charles Lafon ins städtische Waisenhaus steckte.
Als der jung Lafon 20 Jahre alt geworden war, erfuhr er zufällig, daß der ältere Lafon wieder in Marseille war. Da er ihn für seinen Vater hielt, suchte er ihn auf, erlebte aber die bittere Enttäuschung, daß der ältere Lafon jede Vaterschaft verneinte und ihn schließlich hinauswarf, als er nicht gutwillig gehen wollte.
Charles mußte bald darauf zur Leistung seiner Militärdienstzeit einrücken und machte den Feldzug in Tonking mit. Als er glücklich heimkehrte, wollte er heiraten und erbat dazu von seinem vermeintlichen Vater schriftlich die Erlaubnis nebst einem Geldbetrag zur Gründung einer bürgerlichen Existenz. Der ältere Lafon antwortete mit einer gerichtlichen Klage, in der er wieder seine Vaterschaft in Abrede stellte und forderte, daß dem Beklagten die unberechtigte Führung des Namens Lafon verboten werde. Das Gericht gab der Klage statt und untersagte Charles die Führung des Namens Lafon.
Daraufhin übersiedelte Charles nach Algier, aber auch hier wurde ihm der Gebrauch des Namens Lafon verboten. So stand er als ein Namenloser da, der in der modernen Staatsstruktur so gut wie rechtlos war und nichts beginnen konnte. Die Behörden wuschen sich über ihm die Hände, und in seiner Verzweiflung wandte er sich an einen Rechtsanwalt, der ihm riet, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken, damit seine Namenlosigkeit zur Erörterung käme.
Daraufhin markierte Charles einen Diebstahl, indem er einen Geldbetrag entwendete und dann die Selbstanzeige gegen sich erstattete. ' Er wurde verhaftet und unter der Bezeichnung „I" angeklagt, weil er keinen staatlich anerkannten Namen besaß.
Der Prozeß gegen T veranlaßte heftige Zeitungsartikel, aber das Gericht konnte den anfangs für verrückt gehaltenen Angeklagten zwar freisprechen, aber ihm auch nicht zu einem Namen verhelfen.
Aus der vrovinzmlhauptstadt.
Em Kalenderblatt.
Es ist jeden Morgen dasselbe: Die Hand greift zum Kalenderblatt, reißt es rasch herunter und gibt solchermaßen die Ansichtsfläche des folgenden Blattes mit dem Tagesdatum frei. Eine kurze, fast mechanische Bewegung, von der sich wenig sagen läßt. Ruckzuck! — da liegt das Blatt, ein bedeutungsloses Stückchen Papier, das niemand mehr anschaut und das in der Tat keinen Pfifferling Wert besitzt.
Gestern war das anders. Während des ganzen Tages hing das Blatt in Augenhöhe an der Wand, feierlich und achtungerheischend seinen Aufdruck präsentierend, der dem Tage im Zeitablauf der Ge- fchichte seinen Platz anwies und ihn sozusagen erst richtig in Reih und Glied brachte. Denn was wäre schon ein Tag, der nicht ordnungsgemäß registriert würde, der sich gewissermaßen hinterrücks einschleichen wollte in die geordnete und peinlich genau gewahrte Teilung, die wir Zeit nennen? Er wäre ein Unding, eine unfaßbare Erscheinung, die unter zivilisierten Völkern lähmendes Entsetzen verbreiten müßte.
Denn ohne einen klar begrenzten Zeitbegriff vermögen vernunftbegabte Wesen, wie wir uns nennen, nicht zu leben. Man stelle sich vor, in welche Lage der Direktor eines Unternehmens käme, wenn unter seinen Angestellten auch nur der Kontorlehrling sich erlauben würde, eine private Vor
stellung von der Zeit zu haben oder gar, wenn es ihm einfallen sollte, die Zeit als nichtig anzusehen. Es würde ein schreckliches Durcheinander in jenem Unternehmen geben, vor allen Dingen schon deshalb, weil der besagte Lehrling unter diesen Umständen kaum dazu käme, im Kontor das Kalenderblatt mit den imponierenden Zahlen abzureißen.
Freilich, es gab eine Zeit, die das Kalenderblatt aus Papier nicht kannte. Aber die Zeiteinteilung wußte man schon und schnitt sie mit einem scharfen Messer als Kerbe in den Türpfosten. Auf die Dauer wurde das aber auch dem solidesten Türpfosten zuviel, und wir haben heute allen Grund, uns zu freuen, daß wir nicht jeden Morgen das Messer wetzen müssen, um damit den Holzbestandteilen unserer Behausung zu Leibe zu gehen.
Jedenfalls hat das Kalenderblatt eine überaus wichtige Aufgabe im Ablauf des Weltgeschehens und auch in unserem persönlichen Dasein. Es zeigt den dreihundertfünfundsechzigsten Teil des Jahres an, hebt ihn ausdrücklich hervor und setzt ihn so den Mächten des Schicksals aus, die mit ihm beliebig verfahren. Vierundzwanzig Stunden währt die Herrschaft eines Kalenderblattes und dann verschwindet sie, um niemals wiederzukehren. Schon diese Tatsache allein wäre Grund genug, sich ein wenig höflicher von dem Kalenderblatt zu verabschieden, als es einfach und gefühllos in zusammengeknülltem Zustande dem Papierkorbe zu übergeben.
Dornoi^e»
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Allotria". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Rendezvous in Wien".
Aus Ur Ar dec»
der Deutschen Arbeitsfront.
Der kreis Wellerau meldet:
Im Berichtsmonate wurden im Großkreis Wetterau 41 709 Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront betreut. Davon allein im Kreise Gießen 23 845.
An Unter st ützungen zahlte die Dermal- tungsstelle in Gießen im Monat August rund 6500 RM. aus, darunter allein 2100 RM. an Krankenunterstützungen und 3200 RM. an Jnva- lidenunterstützungen. In über 90 Betriebsbesuchen durch die Kreiswaltung wurden Fragen der ver- schiedsten Art, wie Tarif-Urlaub usw. geklärt.
Die Rechtsberatungsstelle Gießen wurde von 392 Volksgenossen besucht, die in 269 Fällen Auskünfte erhielten. Weiterhin wurden durch die Rechtsberatungsstelle in Gießen 36 arbeitsrechtliche Streitfälle bearbeitet und 22 Güteverhand- lungen mit den Parteien gepflogen. In 14 Fällen wurden die vorliegenden Streitfälle durch Vergleiche erledigt, deren Wert sich auf 768,04 RM. beruht. Vor dem Arbeitsgericht wurden 12 Klagen für Beschäftigte erhoben. Bei diesen Klagen belief sich der Streitwert auf 3215,73 RM. Weiterhin wurden 14 Termine vor dem Arbeitsgericht wahrgenommen, bei denen 7 zusprechende Urteile erzielt wurden. In anderen Fällen wurden die Klagen zurückgenommen, da inzwischen ein Vergleich abgeschlossen worden war.
Die N S. - G. „Kraft durch Freude" führte im Kreis Wetterau 3 Veranstaltungen mit 4002 Besuchern durch. Hiervon in Gießen 1 Veranstaltung mit 1342 Personen und im Kreise Friedberg 2 Veranstaltungen mit 2660 Personen. Weiter wurden von Gießen aus 3 Fahrten mit insgesamt 951 Teilnehmern durchgeführt.
Die Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung fetzte eine Anzahl Lehrgänge in Kurzschrift und Maschinenschreiben ein und gründete eine Arbeitsgemeinschaft für Bilanzbuchhalter.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Die Pressestelle des Vannes 116 teilt mit, daß am Freitag, 11. September, und Samstag, 12. September, die Geschäftsstelle des Bannes wegen dem Reichsparteitag geschlossen ist. Ab nächsten Montag finden wieder die regelmäßigen Geschäftsstunden statt.
Samstag fein Schul-Wanvertag,
sondern Empfang der Führerrede.
Der ursprünglich als Wandertag bestimmte 12. September 1936, fällt in Hessen-Nassau im Einvernehmen mit den Regierungen aus, um der gesamten Schuljugend das Erlebnis der Führerrede am Samstagvormittag anläßlich der Kundgebung im Nürnberger Stadion durch den Rundfunk, teilhaftig werden zu lassen.
Einstellungen
in die Leibstandarte SS. Adolf Hitler.
LPD. Für die zur Zeit erfolgende Einstellung von Freiwilligen in die Leibstandarte SS. Adolf Hitler finden vom 17. bis 30. September 1936 in Nordwestdeutschland, West-, Süd- und Mitteldeutschland Musterungen statt.
Bewerber, die sich bisher noch nicht wegen ihrer Einstellung in die Leibstandarte SS. Adolf Hitler
Gute Möbel bei Koos
____Giessen SchuIsfn6 •
„AUoina."
Gloria-Palast.
Diesen Film der Tobis-Europa hat Willy F o r ft gedreht (Drehbuch: Willy Forst und Jochen Huth; Musik: Peter K r e u d e r) — derselbe Regisseur, dem wir „Maskerade" und „Mazurka" verdanken, zwei der allerbesten Filme der jüngsten deutschen Produktion. Da es sich, wie der Titel schon andeutet, diesmal um ein völlig unproblematisches, unernstes und unverbindliches Lustspiel-Thema handelt, würden kaum viele Worte darüber zu verlieren sein; in der Tat ist die Handlung an sich so belanglos wie die Handlung unzähliger Lustspiel- Filme vor „Allotria", und eine der komischsten Szenen in diesem komischen Stück beruht sogar auf demselben unfehlbaren Prinzip wie manche jener verschollenen amerikanischen Filmschwanke, mit denen wir vor Jahren einmal in Deutschland überschüttet wurden (weil wir noch kein vernünftiges Beiprogramm zustandebrachten). ,e5
kommt hier nicht auf die Fabel und das blhchen Handlung an, sondern auf die Art, wie das gemacht und in Szene gesetzt ist. Es sind im Grunde die wahrhaftig nicht originellen Motive, die ewig wirksamen Bestandteile der Verwechslungsposse, aber was diesen Film sehenswert macht, ist der Stil und die so oft vermißte, wirklich beschwingte Laune und wirklich begabte Hand des Regisseurs, der dieses Durcheinander in Szene gesetzt hat: daran erkennt man den Mann wieder, der die bewundernswerte Leistung der „Maskerade" vollbrachte; hier hat er, auf einem ganz anderen Felde, mit einem völlig anderen Stoff, in einer ausgelassenen Faschingslaune gewissermaßen, etwas Aehnliches zustande- gebracht: einen echten Film nämlich, der mit filmischen Mitteln unwiderstehlich komische Wirkungen erzielt. In der Hand eines andern, durchschnittlichen Regisseurs wäre vermutlich selbst dieses spritzige Drehbuch nur zu einer mäßig heiteren Angelegenheit gediehen; aber hier bleibt man bei aller Heiterkeit gefesselt durch die Eleganz und die meisterliche Treffsicherheit, mit der ein Ulk, eine Schwank-Idee in Bild und Ton verwandelt wurde: mit einem Dialog, in dem jede Szene auf ihr Stichwort und ihre Ueberblendung hin berechnet zu sein scheint; und alle Tricks und Zauberkunststücke der tönenden Kamera, die Zeitlupe sogar, sind in den Dienst dieses heiteren Abenteuers gestellt — zu dem Zweck, den Zuschauer nicht aus dem Lachen herauskommen zu lassen. Die überlegen mit allen ihm (und nur ihm allein) zu Gebote stehenden Mitteln schaltende Laune des Regisseurs hat sich augenscheinlich auch auf das mit verblüffender Sicherheit zusammengestellte Ensemble übertragen: Jenny Jugo ist ein
genau so entwaffnendes enfant terrible wie in „Pygmalion" freundlichen Angedenkens; Wohl- b r ü ck bezaubernd in seinem ironisch versteckten Humor; Renate Müller scharmant in der wachen und scheinbar so völlig selbstgewissen Beherrschung verfänglicher Situationen; R ü h m a n n als vierter, unglücklichster Mann in einem aus Rand und Band geratenen Quartett; nicht zu vergessen Hilde Hilde- br and, deren große Begabung sich in vielen Filmen bewährte und hier erst ihre wahre, unnachahmlich ausgenutzte Chance findet. — Es war, alles in allem, einer der heitersten Filme, die mir erlebt hoben; und, abgesehen von der Heiterkeit, ein wirklicher Film. —
Im Beiprogramm gibt es neben der Wochenschau einen sehr interessanten Kulturfilm „Waldgeheimnisse". — r —
OmkeEsbühl.
Von Lnton Schnack.
Motto: „Dem berühmteren (Stadtbild) von Rothenburg ebenbürtig."
(Dehio.)
In der Weizen- und Kornwelle der mittelfränkischen Hügellandschaft, vom nahen Schwab ntum berührt, liegt Dinkelsbühl, die Stadt der Kinderzeche, Dinkelsbühl ist Mittelalter. Eine Mauer, von Efeu und wilden Reben grün und aussätzig gemacht, von Türmen durchspickt, umschließt die Stadl. Um in ihr Herz zu kommen, muß man ihre Tore durchgehen: Im Norden öffnet sich das schöne Rothenburger Tor, im Osten das Wörnitztor, im Süden das Nördlinger Tor und im Westen das Segringer Tor.
Es muß das Grausame für Dinkesbühl gewesen sein, ohne besonderen Schutz mitten in der Ebene zu liegen. Die alten Befestiger stachen die Erde aus und ließen in die Gräben das Wasser der nahen Wörnitz fließen; gegen Morgenaufgang und Sonnenuntergang, also im Osten und Westen, leckt ein grünes, stehendes Wasser an die Mauersteine...
Ich umkreise den Ring seiner Mauer. Man zeigt mir den Stein, worauf die Jahreszahl 928 steht. Tausend Jahre Vergangenheit, tausend Jahre Lust und Leid liegen im Gesicht der Stadt. Von hundert Kriegsnarben versengt und gekerbt, bestürmt und beschossen, aber immer voll Trotz und Lebensmut.
Dinkelsbühl ist ein Schmuckkasten, in dem ein Stück deutschen Mittelalters uns aufbewahrt ist. Jahrzehnte und Jahrhunderte haben die Stadt, die fernab vom Verkehr liegt, vergessen; heute ist ihre vergessene Schönheit ein kostbares und geliebtes Juwel im deutschen Städtekranz ...
Ich erscheine mir wie ein Landsknecht, hergeritten | über den Staub der fränkischen Landstraßen, Schutzsoldat eines Nürnberger Kaufherrn, der r.t Tand und Waren durch das Wörnitztor gerittm kommt. Ich finde Holz und Fässer vor den Türen, Wagen mit Mist und Garben, eine Stadt, die sich in Giebeln verbaut, mit dem Schatten und Dunst von vielen Winkeln, in den Traum der Vergangenheit verloren, deren Türme wie Türme einer Märchenstadt in die glasige Luft steigen.
So stolpere ich umher, berückt von dem Unveränderlichen, das den Glanz und die Stärke der Vergangenheit in sich gesogen und bewahrt hat.
Hier waren Kaufleute zu Hause: Das glänzende Nürnberg lag nahe, das reiche Würzburg und die wohlhabenden Städte Nördlingen, Rothenburg und Augsburg. Im Grundriß ist Dinkelsbühl eine unregelmäßig angelegte Stadt. Doch ist sie geräumig gebaut wie die Halle eines Händlers, die viele Waren, Tuchballen und Gewürze aufzunehmen hat. Die paar Straßen find breit; hier find die Tröffe durchgetrabt, hier find die Planwagen der italienischen Händler nach Norden gerollt, hier knarrten die Salzfuhren der Ostsee nach Süden und Westen.
Giebel überall, Alte Wirtshaus- und Zunftzeichen blinken im Morgenlicht. Verschollene Höfe liegen im kühlen Schatten. In den malerischen Gäßchen träumt immer noch die Seele des Mittelalters. Wieviel Süßigkeit und Innigkeit atmet aus dem Namen „Nestleinsberg". Eine ist herrlicher als die andere; ich nenne die Köppengasie, die Föhreberggasse, die Langegasse, die Pfluggasse, den Kapuzinerweg. Durch die Untere Schmiedgasse schlendernd, sehe ich den Mond wie eine Sichel über dem „Grünen Turme" hängen.
Dinkelsbühl ist reich an Türmen; ich nenne davon den Bäuerlinsturm, den Faulturm, den phantastischen grünen Turm und den Berlinsturm; ich nenne an Märkten den Schweinemarkt, den Ledermarkt und den Weinmarkt; ich nenne den herrlichen Koloß der St. Georgskirche. Die Spätgotik stieg in ihm noch einmal in sehnsüchtiger Gottesinbrunst auf. Ich nenne das deutsche Haus, das der Gedanke und die 'Erregung der deutschen Renaissance zu einem der schönsten Fachwerkhäuser baute. Draußen vor den Toren liegen der dunkelgrüne Hippenweiher und der Rothenburger Weiher. Es ist ein unvergeßliches Bild, wenn die Türme und die Mauern der Stadt in sie hinuntertauchen und sich widerspiegeln. Aus den Bleichwiesen an der Wörnitz flattern die Wäschestücke genau wie im 16. ober 17. Jahrhundert. Am Mühlgraben rauscht die Stadtmühle, eine kleine Festung, ihr jahrhundertealtes Rauschen.
Dinkelsbühl hält fein Gesicht von der Zeit ab. Es ist die Stadt des süddeutschen Mittelalters, mit
heiterem Leben hinter den Fenstern und Giebeln. Diese Stadt hat unter dem Eisentritt vieler Kriege gestanden, denen sie mit Tapferkeit und Gleichmut widerstand. Diese behäbigen deutschen Kleinstädter, mit prunkendem Gerät an den Wänden, Gewölben voll Wein und teurem Gewürz, Kaufleute von einem gewissen Weltblick, haben die Jahrhunderte hindurch immer an ihre Selbständigkeit gedacht. Ein glückliches Schicksal ließ die Stadt so stehen, wie sie war. Und so wurde uns ein Wunder aufgehoben.
Oie neuen Bücher des Insel-Verlags.
Der Insel-Verlag zu Leipzig legt sein Herbst- Programm vor, das an erster Stelle eine neue erzählende Dichtung von Hans Carossa: „Geheimnisse des reifen Lebens" enthält. An erzählenden Dichtungen erscheinen ferner: „Die Magdeburgische Hochzei t" von Gertrud von Le Fort und „W a g r a i n e r T a g e b u ch" von Karl Heinrich Waggerl. Edzard S ch a v e r , der Verfasser des großen Romans „Die sterbende Kirche", hat „Das Leben Jesu" neu erzählt. Von Reinhold Schneider erscheint ein oroßes Werk über England: „D a s I n s e l r e i ch. 'Gesetz und Grenzen der britischen Macht", eine Sinndeutung englischer Geschichte. Zu den „Märchen der Brüder G r i m m" hat Fritz Kredel 100 Holzschnitte geschaffen. Die von Wilhelm Busch unter dem Titel „Aus alter Zeit" gesammelten Sagen und Märchen aus seiner Heimat erscheinen jetzt mit vielen köstlichen Handzeichnungen Buschs als ein volkstümliches Bilder- und Lesebuch. In die Reihe der Insel-Klassiker werden die „Dichtungen" des N o v a l i s ausgenommen, herausgegeben und eingeleitet von Franz Schultz, lieber Rudolf Koch, dessen Blockbuch „Die Weihnacht?- .ge schichte" neu vorgelegt wird, bringt der Der- lag die erste umfassende Darstellung von Kochs langjährigem Freund Georg Haupt: „Rudolf Koch der Schreibe r", mit 64 Bildtafeln und vielen Textabbildungen. Noch zwei andere reichbebilderte Werke sind zu nennen: „Gestalt und Seel e", das Werk des Malers Leo von König, 64 Bildtafeln mit einer Einführung von Reinhold Schneider, und ferner „D a s alte Hamburg", 160 Bilder nach Gemälden, Zeichnungen und Stichen, herausgegeben von Carl Schellenberg, ein Seitenstück zu dem früher erschienenen Werk „Das alte Bremen". Die Freunde Rainer Maria Rilkes werden die Faksimile-Ausgabe des „Stunden- Buchs" begrüßen, die zugleich als ein besonders schönes Dokument einer Dichterhandschrift Beachtung finden wird. Reichen Inhalt verspricht auch öic~ mal der „Insel-Almanach auf das Jahr 1937".


