Nr. 160 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, N, Zuli |936
W
V4;
1 £■ W
-
z -M : -z<
■
J>\. ■»
* w>
-.wjagM s ■ >/...
. M' , *|»
!
sm >
I
-
U >
.. ■/ WWU $ M
K'/ - ■ „**#, ■
\
r; I ... ■ ■ 4,
T
M M ■
443Il
' t / t H
Kampf gegen Llnfall und Schaden. LLD
Oie Statistik stellt fest. Zahlen sprechen. Notwendige Mahnungen an jedermann, oerwrm $ßa‘bbranbc
Rechts: Feuersbrunst bedeutet immer Verlust am Volksvermögen (auch wenn der Geschädigte versichert ist!).
Darunter: Gefahr bei der Arbeit. Leitern sollen immer gehalten werden.
(Aufnahmen [1]: Schad, [6]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Messer, Gabel, Scher' und Licht, taugt für kleine Kinder nicht.
V.A. Die schrankenlose Freiheit des Individuums war das Element des Liberalismus, das am meisten zur Zerstörung von Moral und Sitte beitrug. Jeder kann mit seinem Körper und seinem Besitz anfangen, was er will. Wenn jemand ein Stück Boden sein eigen nennen kann, so kann er es jahrelang brach liegen lassen, wenn es ihm so gefällt, ohne Rücksicht darauf, ob dieses Stück gerade für die Ernährung des Volkes oder zu irgendeinem anderen wichtigen Zwecke benötigt wird. So wollte es der Liberalismus. Und deswegen bezichtigten seine Jünger auch den Nationalsozialismus, daß er die Freiheit vernichten wollte. Sie hatten nicht unrecht. Diese Freiheit allerdings mußte vernichtet werden. Verantwortung bedeutet mehr als schrankenlose Freiheit. Der deutsche Mensch ist nicht um seiner selbst willen in die Blutsgemeinschaft seines Volkes hineingeboren, sondern er hat im Verlaufe seines Lebens ganz bestimmte Aufgaben an dieser Ge
Teil des Volksbesitzes dar. Diese Gelder, die die Unfälle kosten, könnten wahrhaftig besser verwendet werden.
Wer macht sich schon groß Gedanken darüber, wenn er in seiner Morgenzeitung liest, daß in der A-Straße ein Schadenfeuer ausgebrochen war, das erst nach stundenlangen Mühen von der Feuerwehr niedergekämpft werden konnte. Man liest es jeden Tag und geht gleichgültig über derartige Meldungen hinweg. Keiner denkt darüber nach, was hier wieder an Werten verloren gegangen ist. Weißt du denn, deutscher Volksgenosse, daß im Deutschen Reiche stündlich 5 Brandunglücke zu verzeichnen sind, daß der rote Hahn täglich 13 0 m a l auf dem Dache eines deutschen Hauses st e h t. Jeden Tag wird das Volksvermögen um 1,5 Millionen Reichsmark geschädigt. Soviel kostet gerade ein Bauerndorf. Und das geschieht täglich. Im Jahre werden bei uns 45 000 bis 50 000 Brände
über Wohnungsnot geklagt. In den letzten zehn Jahren aber gingen rund 200 000 Wohnhäuser mit etwa 1 Million Wohnungen in Flammen auf.
Man hat berechnet, daß allein durch das Spiel mit dem Streichholz in Kinderhand jährlich 5000 Brände entstehen. Hier kann durch den Unterricht in der Schule und scharfe Kontrolle der Zündwaren im Hause vorbeugend gewirkt werden. Sehr groß sind die Verluste, die durch Unachtsamkeit in Haus und Familie entstehen.
Wir könnten 200 000 Menschen ständig von dem ernähren, was jährlich an Nahrungsmitteln, Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Vieh verbrennt. Und noch ein anderes Volksgut fällt den Flammen zum Opfer: der Mensch! Täglich sterben 4, jährlich 1500 den Verbrennungstod, 8 Menschen täglich erleiden Brandunfälle. Bei nötiger Vorsicht und Aufmerksamkeit könnten uns wertvolle Menschen erhalten bleiben.
Weit erschreckender sind die Zahlen an Schaden und Menschenleben, die jährlich der Verkehr erfordert.
Im Deutschen Reiche ereignen sich täglich 700 Verkehrsunglücke, also 29 in der Stunde. Im Jahre haben wir 3 0 0 0 0 0 beschädigte Verkehrsmittel zu verzeichnen. Der Gesamtschaden beträgt jährlich rund 2,5 Milliarden Reichsmark. 8000 Menschen fallen jährlich dem Verkehr zum Opfer, das entspricht etwa der Einwohnerzahl einer kleineren Kreisstadt. Diese Menschen stehen in überwiegender Zahl noch in den „besten Jahren". Nach einer kürzlich aufgestellten Statistik sind die meisten Toten 15 bis 30 Jahre alt, an zweiter Stelle stehen die 30- bis 45jährigen. Es handelt sich also in jedem.Falle um das gesündeste und arbeitsfähigste Menschenmaterial, das dem Volke dadurch verloren geht. Unermeßlich und unabschätzbar aber sind die Folgen, die sich für die Hinterbliebenen ergeben. Jährlich werden 2 5 0 0 0 0 Verkehrsverletzte gezählt. Einbuße von Arbeitskräften — zeitweilig oder dauernd — Not und Siechtum sind die Folgen. Nach Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 war man entsetzt über die hohe Verwundetenzahl. Sie ist gering gegen die Zahl der Unfallverletzten, denn sie betrug „nur" 88 000 Verwundete. Auch bei allen Verkehrsunfällen ist wieder festzustellen, daß 75 v. H. aller Unfälle auf Leichtsinn, Fahrlässigkeit oder Rücksichtslosigkeit beruhen.
werblicher, industrieller oder landwirtschaftlicher Art. Und täglich fallen rund 22 Menschenleben dem Betriebsunfall zum Opfer, das macht im Jahre 8000 Tote. Auch hier handelt es sich wieder um bestes Menschenmaterial, um das die Sozialkraft des deutschen Volkes geschwächt wird. 1,2 Millionen Menschen werden jährlich durch Betriebsunfall verletzt. Die Berufsgenossenschaften haben einen jährlichen Zugang von 100 000 Unfallrentenberechtigten, davon werden 1500 als Ganzinvalide verzeichnet. Der wirtschaftliche Schaden, der durch Betriebsunfälle angerichtet wird, beläuft sich jährlich auf die gewaltige Summe von 2,5 Milliarden Reichsmark, das entspricht etwa dem Werte von 280 000 Einfamilienhäusern oder 105 000 Bauernhöfen.
Feuer mit Spiritus zu schüren ist eine stets gefährliche Unsitte.
Der Gesamtschaden der Brände, Verkehrsunfälle, Betriebsunfälle usw. wird von der „Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenoerhütung" auf jährlich 5 Milliarden Reichsmark geschätzt. Die Zahl scheint eher zu niedrig als zu hoch angenommen, denn wieviel Schaden wird noch täglich angerichtet, der nicht abgeschätzt werden kann. Die Summe von 5 Milliarden Reichsmark ist gleichbedeutend mit der Jahresproduktion des deutschen Bergbaues. Sie entspricht dem 12. Teil des Volkseinkommens überhaupt.
*
Der Sommer mit seiner Wärme und Erholung ist wieder ins Land gezogen. Aus dem Häusermeer der Städte suchen täglich und vor allem am Wochenende Hunderttausende Erfrischung in Wald und Feld. Aber dieses Hinausströmen ins Freie bedeutet auch Gefahr für Wald und Feld, besonders für den Wald. Unachtsamkeit kann hier Werte vernichten, die jahrzehntelange Arbeit mühsam aufgebaut hat. Die meisten aller Waldbrände geschehen durch Fahrlässigkeiten. Wüßten diese Nachlässigen, welche Werte im deutschen Walde stecken, daß rund 300 000 Menschen unmittelbar dem Wald ihren Lebensunterhalt verdanken, so würden diese Unvorsichtigen wohl etwas weniger leichtsinnig sein.
Immer wieder muß festgestellt werden, daß ein
meinschaft zu erfüllen. Sein Körper und sein Besitz gehören dieser Gemeinschaft, sie sind ihm lediglich zu treuhänderischer Verwaltung anvertraut. Wenn heute ein Mensch bei einem Unfall durch eigene Fahrlässigkeit eine Hand verliert, so hat er das Vermögen des Volkes beraubt und die soziale Kraft der Gemeinschaft geschädigt. Wenn irgendwo ein Haus durch den Leichtsinn eines Bewohners in Flammen aufgeht, so wird das Dolksoermögen verringert. Es zeugt von Beschränktheit, will es jemand mit dem Bemerken abtun, daß ja die Versicherung bezahlen müsse. Auch die Versicherung stellt einen
gezählt. Sie verursachen einen jährlichen Gesamtschaden von 400 bis 500 Millionen Reichsmark. Das Schlimmste dabei ist, daß diese Schadenfeuer zu 75 o. H. auf Selb st Verschuldung, also Leichtsinn, Vorsätzlichkeit, Gefahrengewöhnung und Gefahrenverkennung beruhen. Wenn unsere Volksgenossen von Kindheit an zu Verantwortungs- und Pflichtbewußtsein erzogen worden wären, würden wir auf dem Gebiete des Brandschadens allein jährlich 300 bis 350 Millionen Reichsmark sparen. Das entspricht etwa dem Werte von 40 000 Einfamilienhäusern oder 15 000 Bauernhöfen. Es wird h^ute
Wieviel Sorgen, Opfer und Tränen liegen in solchen Feststellungen, wieviele hoffnungsvolle Menschen mögen für ihr ganzes Dasein zu Krüppeln geworden sein! Alle Verkehrsoorschriften der Polizei und Warnungen der Berufsgenossenschaften genügen nicht. Das hat die Entwicklung gezeigt. Jeder einzelne muß selbst von der Verantwortung durchdrungen fein, die er gegenüber der Volksgemeinschaft durch sein Verhalten trägt, wenn er unachtsam im Straßenverkehr handelt.
Rund 20 Millionen deutscher Menschen werken als Arbeiter oder Angestellte in den Betrieben ge-
Anhängen an Fahrzeuge muh Kindern immer streng verboten werden. Aerkehrsunsall = gleichbedeutend mit Verletzung, Tod und Werteverlust.
angerichteter Schaden hätte vermieden werden können, wenn die Beteiligten nicht fahrlässig und pflichtvergessen gehandelt hätten. Gesetze und Strafen können dagegen nur in beschränktem Umfange helfen, es muß viel mehr Wert auf die Erziehung gelegt werden. Jeder einzelne Volksgenosse muß mit seinen Pflichten nachdrücklichst bekannt gemacht werden, muß selbst helfen, andere zu erziehen. Es wäre nicht schwer, jährlich
3 Milliarden Reichsmark einzusparen, wenn sich alle ihrer Verantwortung bewußt wären, und deswegen ist die Schadenverhütung eine wichtige nationale Aufgabe, die die Mitarbeit eines jeden deutschen Menschen erfordert.*
Die Schäden, die jährlich in Deutschland durch Unvorsichtigkeit und Leichtsinn 'm Haushalt entstehen, sind bisher st a t > st i ch nicht erfaßt worden. Das dürfte auch schwi->ig fein, da bei weitem nicht alle Hausunfälle tur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangen. Nur m.nn schwerere Fälle eintreten, wie Gastod oder tödl'che Stürze, bringt die Nachricht in breiteren Kreis All die kleinen Schäden, die täglich und stündlich ungerichtet werden, haben in ihrer Masse aber r;el stärkere Auswirkungen als ein größeres Unglürf
Sehr oft wären diese Schäden nicht entstanden, wenn eine an sich selbstverständliche Vorsicht gewaltet hätte. Der undichte Gasschlauch, die beschädigte Steckdose, die zu glatte Diele, die klapprige Leiter, alles das sind Unfallquellen erster Ordnung. Dazu kommt leichtsinniges Hantieren mit Petroleum und Benzin und sogar mit Licht auf offenen Böden
Es ist unverantwortlich, wie oft mit dem eigenen Leben und der Gesundheit gespielt wird, ganz ab» gesehen von dem materiellen Schaden, der letzten Endes immer das Volksvermögen trifft. Der in den Haushalten angerichtete Schaden übersteigt im Jahre Hunderte von Millionen Reichsmark Es liegt an dem Willen und dem Einsatz jedes einzelnen, diese .Werte dem Volksvermögen zu erhalten.


