Nr. 160 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Zamstag, U.Zuli (YZ6
Ser Dardanellenschacher.
Von Konteradmiral a. D. Gadow.
Es scheint, daß die Politik der zur Zeit maßgeblichen Mächte nicht imstande oder willens ist, einen Schaden ihres Systems auszubessern, ohne an anderer Stelle einen neuen dafür zu setzen und neue Hindernisse für die friedliche Gemeinschaft der Völker aufzurichten, die ihr so oft betontes Ziel ist. Die Auflagen des Dardanellenstatuts von Lausanne 1923 mit der Entwaffnung der Meerengen stellten einen Zwang für die Türkei und eine Sicherung gegen das bolschewistische Rußland dar, dem sich beide trotz der türkischen Selbstbehauptung im Befreiungskriege nicht hatten entziehen können, obgleich der Türkei beide Ufer verblieben waren und damit die Möglichkeit, sie durch mobile Waffen zu verteidigen. Das türkisch-russische Bündnis verlieh ihrem Einspruch gegen das Restdiktat dann allmählich solchen Nachdruck, daß die Westmächte in die Konferenz von Montreux willigen und den radikalen türkisch-russischen Revisionsvorschlag entgegennehmen mußten. Lautes Lob wurde der lächelnden Türkei zuteil, daß sie diesen Weg „korrekter Revi- fionsforberung'' beschrittetn habe, jedoch zeigt schon ein flüchtiger Blick, welche machtpolitischen Momente die neue Entwicklung begünstigen und wie wenig guter Wille bei der Revision tätig ist.
Die türkischen Forderungen sind radikal: Befestigung der Engen, Entfernung der internationalen Aufsicht, Verbot fremder Durchfahrt in Abteilungen über 14 000 Tonnen oder ein Kreuzer und zwei Zerstörer und zu Höflichkeitsbesuchen, Beschränkung fremder gleichzeitiger Flottenmacht im Schwarzen Meer auf das Doppelte oder 28 000 Tonnen, Höchstdauer des Aufenthalts 15 Tage, Anmeldung einen Monat voraus, Verbot des Ueber- fliegens. Hiermit würde das volle Hausrecht der Türkei, Schutz gegen Handstreich und Vergewaltigung und ungestörte Seeherrschaft der Verbündeten im Schwarzen Meer sichergestellt. Rußland gegenüber: gleiche Bedingungen, aber Durchfahrt auch für große Schiffe von 25 000 Tonnen, und damit, da beide verbündet und durch reale Interessen verbunden sind, die praktische Passierfreiheit bei starken Einschränkungen für die Fremdmächte. England hat darauf mit einem Gegenvorschlag erwidert, der die erlaubte fremde Tonnage um ein Geringes erhöht, das Luftverbot mildert, die internationale Kommission beizubehalten wünscht, den erlaubten Aufenthalt auf 30 Tage verlängert. Der Handel ist damit eröffnet. Um was geht es?
Die veränderte Stellungnahme Englands, dessen Gegenvorschläge nur formaler Natur sind, zur Frage der russischen Ausschließung aus dem Mittelmeer, für die es 150 Fahre Diplomatie und einen Krimkrieg eingesetzt hat, ist heute anders begründet als 1915, wo man Rußland Konstantinopel und gleichfalls die Dardanellenfreiheit versprach, sich allerdings die Besetzung der Inseln Jmbros und Tene- das vor dem Hellespont als Sicherheit vorbehielt. Die Fühlungnahme mit Rußland ist mehr als platonisch, hier sieht England den Gegner der japanischen Expansion im Osten ebenso heranwachsen, wie das Gegengewicht gegen das erstarkende Deutschland im Westen, und England haß nicht umsonst zum französisch-russischen Bündnis wohlwollend Pate gestanden. Entscheidender aber ist die Zuspitzung der Dinge im Mittelmeer selber. Das Verhältnis zu Italien ist weiter gespannt und dessen imperialistischer Erfolg so wenig vergessen, wie sein Anspruch auf Mittelmeerherrschaft und Erneuerung des altrömischen Vorrangs. Die Seemachtmittel Englands gegenüber dieser Bedrohung seiner zentralen Seestrahe haben sich infolge vertraglicher Bindungen noch nicht vermehren lassen. In der Luft wird mangels eigenen Gebiets und großer Flugplätze am Mittelmeer ein Gegengewicht gegen Italien überhaupt kaum zu errichten fein, das Risiko behält also seine Bedeutung. So mußte die Idee des Mittelmeerpaktes entstehen, der die Lage „regional" stabilisieren, alle Mittelmeermächte umfassen und Italien einkreisen, oder doch zur Ruhe zwingen soll. Die Fühlungnahme mit den Anrainern, von Frankreich bis Jugoslawien, er
gab deren grundsätzliche Bereitschaft, aber mit Mißbehagen sah England die östlichen Mächte wieder schwanken und sich einer strikten Neutralität zuwenden, als der britische Mißerfolg im abessinischen Fall immer deutlicher wurde. Als die Türkei dann mit ihrer Reoisionsforde- rung, sekundiert durch Rußland, heroortrat, sah man die Mächte des Balkanbundes bereits entschlossen, zuzustimmen, ohne England (und Frankreich) zu befragen. Das bedeutete, daß diese Mächte im Osten des Gebietes ein näherliegendes Interesse am örtlichen Zusammenschluß bekundeten, als den Großmächten lieb sein konnte. Diese sehen sich also gleichfalls zur Zustimmung genötigt, wußten aber alsbald aus der leisen Zwangslage neue Vorteile zu ziehen.
Zunächst bleibt das Ziel der Einkreisung Italiens bestehen, und eine freundschaftliche Regelung der Dardanellenfrage eröffnet die Aussicht, Rußland und die Türkei darin einzubeziehen und so den Druck noch bedeutend zu verstärken, ja erst richtig wirksam zu machen. Für Frankreich, das dieser Seite des Programms nur lauwarm zustimmt, ergibt sich die weitere Aussicht, sein allaemeines militärisches Bündnissystem auch nach dieser Seite zu verankern, mit Hilfe der neuen Freunde auch Italien in die Anti-Revisionsfront einzubauen und damit alle Reformoersuche am Völkerbundsstatut zu vereiteln. Daneben ergeben sich weitere, seemachtpolitische Vorteile. Rußland, als Verbündeter Frankreichs, hat seinen hohen Wert als Luft- und Landmacht, geringeren jedoch zur See, wo es geographisch auf die drei Fenster zur Ostsee (Kronstadt), zum Mittelmeer (Dardanellen) und zum Stillen Ozean (Wladiwostok) beschränkt ist, ohne die Möglichkeit freien militärischen Verkehrs und Aus
tausches. Eine nicht nur erzwungen geduldete, sondern wohlwollende Oeffnung der Meerengen, bei gleichzeitigen Garantien gegen den Einbruch der Westmächte — Sicherheit des Oelgebiets am Kaukasus! — hätte die sofortige Wirkung, daß durch russische Seestreitkräfte den beiden anderen Reichsenden russische Truppentransporte für einen Kriegsschauplatz zugeführt werden können. Es ist zunächst für Japan nicht gleichgültig, ob die Hilfsmittel der Werften von Odessa und Sebastopol herangezogen werden können, um die U-Bootsflotte in Wladiwostok, die bereits auf 50 Fahrzeuge beziffert wird, unberechenbar zu verstärken und damit die Lage im Japanischen Meer und auf dem Seewege zur Mandschurei zu verschärfen. Es ist auch für die Ostseemächte, für Deutschland, Finnland, Schweden, Polen und alle anderen nicht einerlei, ob solche Verstärkungen dort auftreten und Gefahren für die Ostseegemeinschaft herbeiführen können, die durch den ruhigen Wiederaufbau der deutschen Flotte gebannt schienen. Damit wendet sich aber auch verstärktes Interesse den russisch-englischen Flottenverhandlungen zu, die zur Zeit die russische Tendenz zeigen, kräftig aufzurüsten und die Parität mit Deutschland zu verlangen, d. h. gleichfalls 35 o. H. der englischen Flottenstärke. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß damit der mühsame englische Plan einer Stabilisierung der Seerüstungen kaum gefördert, vielmehr neue Bedenken heraufbeschworen werden müßten.
Und daher ist zu wiederholen, daß diese Art Politik nicht imstande scheint, ein Gefahrenloch zu stopfen, ohne mindestens ein anderes aufzureißen oder, in ihrem Sinne, für Erhaltung des Drucks der „Besitzenden" gegen die „Revisionisten" zu sorgen.
neu haben und besitzen zu dürfen. Ja vielleicht be- deutet solches Erfahren einen neuen Lebensanfang.
Äornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Sehnsucht". — Zirkus Busch (Volkshalleplatz), 15 und 20 Uhr Vorstellung.
Tageskalender für Sonntag.
11 bis 12 Uhr: Platzkonzert des SA.-Musikzuges am Hindenburgwall. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Sehnsucht". — Zirkus Busch (Volkshalleplatz), ab 9 Uhr große Tier- und Dölkerfchau; 15 und 20 Uhr Vorstellung.
Oberst a. O. Naumann 87 Jahre alt.
Oberst a. D. Naumann, der älteste Offizier des früheren Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 166 in Gießen, Keplerstraße 7 wohnhaft, begeht am kommenden Montag, 13. Juli, seinen 87. Geburtstag. Als Fähnrich kämpfte er in der Schlacht bei Gravelotte-St. Privat mit, wo er am 18. August 1870 beim Sturm des I. Bataillons auf die Ferme Champenois verwundet wurde. Dem verdienten Offizier und hochgeschätzten Gießener Mitbürger gilt an feinem Geburtstage am kommenden Montag das herzliche Gedenken seiner alten Kameraden und darüber hinaus weiter Kreise der Gießener Bevölkerung.
HoheEhrung desGeheimratsSommer.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat bei der feierlichen Eröffnung des Jenaer Kongresses Herrn Geheimrat Professor Dr. Sommer in Gießen in Dankbarkeit für seine treue Mitarbeit und in Würdigung seiner Verdienste um die gemeinsame Sache zu ihrem Ehrenmitglied ernannt.
Aus Oer proviuzialhauptstadt.
Serien vom Du.
Von 4jc £)r. Hans Hartmann
Die Sommerferienzeit hat ihren Höhepunkt erreicht. Millionen empfinden die Wonne des Nichtstuns und sammeln Kräfte für die Arbeit der kommenden Zeit, Kräfte der Nerven und Muskeln, Kräfte der Seele und Entspannung.
Es ist einige Jahre her, da war der Titel eines Romans von Paul Keller zum Modewort aewor- den. Jeder, der Sorgen und Alltag zu Hause ließ und in die Erholung fuhr, sprach von den „Ferien vom Ich". Das I ch, das anspruchsvolle, selbstherrliche, aber auch verhetzte und geplagte, wurde für eine Weile abgeschaltet. Und wer am Waldrand lag und aufs gelbe Kornfeld blickte, oder wer am Strand mit Sonne und Wellen Freundschaft schloß, oder wer auf freiem Bergesgipfel die Größe und Schönheit der Welt fühlte, der wuchs über jenes kleine, oft so kleinliche Ich hinaus und ein besseres, wesentliches, gelöstes Ich erstand in ihm.
Insofern ist das Modewort also nicht ganz richtig. Wenn das äußerliche, dem Alltag verfallene Ich verschwindet und ein höheres Ich zum Vorschein kommt, so kann man eigentlich nicht von Ferien vom I ch reden. Das Hochgefühl des „Ich" kommt vielleicht nie so stark zum Ausdruck wie in Ferien, die sinnvoll verbracht werden. Hoch oben auf den Bergen staunen wir ehrfürchtig vor dem Wunder des Menschseins, des Mensch-fein - d ü r- f e n 5. Und in den Wellen des Meeres mit ihrer ewigen Melodie spüren wir vernehmlich die Kleinheit und Größe dieses Ich, seine Bedingtheit und Abhängigkeit ebenso wie seine Allgewalt und seine Fähigkeit, große Gedanken und ein reines Herz — mit den Worten Goethes — zu erbitten und zu erfahren.
Dieses höhere Ich nehmen wir bann wieder hinein in den Alltag, wir tun auch das kleine und anscheinend Minderwertige gern, die „Fron" wird uns zur „Arbeit", erhält eine neue Würde, und etwas von der festlichen Schönheit und Größe des ! Erlebten beginnt, den Alltag zu durchwalten.
Haben wir so das Wort von den „Ferien vom
Ich" ein wenig zurechtgerückt, so dürfen wir wohl auch einer anderen Seite des Ferien-Erlebnisses unsere Aufmerksamkeit widmen. Wir meinen das, was sich in dem Worte,„Ferien vom Du" aussprechen läßt.
Eine Hauptquelle alles Unzuträglichen, Lästigen, ja Häßlichen, das sich die Menschen gegenseitig antun und warum sie sich das kurze Erdendasein'ost vergällen, liegt in der Enge ihres Lebensraumes. Man sitzt sich, um es recht mit Alltagsworten auszusprechen, oft zu nahe „auf der Pelle". Wie reizbar sind Menschen oft gegeneinander, deren ursprüngliches Verhältnis rein und tief menschlich war! Sie haben sich gefunden und aus Liebe fürs Leben verbunden. Oder sie schenkten und empfingen das Leben voneinander, wie bei Mutter und Kind. Aber mit der Zeit schleicht sich viel Störendes ein. Man hastet am Kleinen anstatt am Großen, am Niederziehenden statt am Erlebenden. Anstatt das Leben und auch die kleinen Dinge zu vergolden, überzieht man sie mit einer häßlichen Farbschicht, und die Zahl der Flecken mehrt sich. Das einst geliebte „Du" wird gleichgültig, ja es wird zur Last, im schlimmsten Falle kann es sogar zum GeZen- stand des Hasses werden.
Eine weise Art, die Ferien zu verbringen, wird hier viel von der Staubschicht entfernen können, und das Strahlende und das Gold wird zum Vorschein kommen. Wie kann man dies tun? Nun, das „Du", das zu Hause oft zu nahe ist und darum ein Gegenstand der Last wird, verwandelt sich in Sonne und Wald und Meer zu einem höheren und wertvollerem D u. Da gibt es nicht die vielen Anlässe zur Reizbarkeit wie in den vier Wänden, wo jede Kaffeetasse, jedes Schrankschloß, jedes Lock im Strumpf — von größeren Dingen ganz abgesehen — unheimliche Kräfte und Teufeleien in sich birgt. Da kann besonders die Frau entspannt und gelöst sich der Freiheit von den kleinen Nöten des Alltags hingeben.
Solche Entspanntheit und Gelöstheit ganz bewußt zu pflegen, das ist der wahre Sinn der Ferien. Der andere, das Du gewinnt dann wieder an Bedeutung und Wert; man freut sich, ihn wieder
Neubau von Loikswohnungen.
Die Stadtverwaltung läßt am Leimenkauterweg die Neubauten von 26 Volkswohnun- gen errichten. Es handelt sich dabei bekanntlich um die Schaffung von Wohnraum für minderbemittelte Volksgenossen. Das städtische Hoch- und Tiefbauamt schreibt in unserem heutigen Anzeigenteil die Vergebung von Arbeiten für diese Neubauten aus.
In der gleichen Bekanntmachung werden auch die Erd- und Maurerarbeiten zum Neubau einer Bedürfnisanstalt am Oswalbsgarten zur Vergebung ausgeschrieben.
Platzkonzert des SA-Musikzuges.
Am morgigen Sonntag von 11 bis 12 Uhr findet — nur bei günstigem Wetter — in den Anlagen zwischen dem Stadttheater und dem Gymnasium am Hindenburgwall ein Platzkonzert des Musikzuges der SA.-Standarte unter Leitung von Musikzugführer Herrmann statt. Unsere Volksgenossen seien auf die Veranstaltung besonders hingewiesen.
Kein Jungarbeiter ohne Urlaub.
Die Sozial st elle des Bannes 116 teilt uns mit:
Um jedem Jungarbeiter den Besuch des HJ.-Zelt- lagere zu ermöglichen, gewährte die Firma Bän- n i n g e r, G. m. b. H., Gießen, in vorbildlicher Weise jedem Hitlerjungen — gleich welchen Lebensalters — bezahlten Urlaub von 12 Tagen, entsprechend den Richtlinien des Treuhänders der Arbeit vom 10. 3. 36. Diese Maßnahme wird allen Betriebsführern zur Nachahmung empfohlen! Opfer müssen gebracht werden, wenn es um die Gesundheit, um die Erhaltung und Steigerung der Arbeitskraft geht. Der „Rechenstift" darf nicht über die Gesundheit unseres Volkes entscheiden.
der neue Foto-Film mit Garantieschein ■
1OLYMPAN
Erasmus von Rotterdam.
Zum 400. Todestage am 12. Juli.
Von dem jüngeren Holbein, dem vollendeten Charakteristiker der Renaissancekunst, besitzen wir eine Anzahl Bildnisse des Erasmus von Rotterdam. Am ausdrucksvollsten ist vielleicht das kleine Gemälde im Louvre: Erasmus schreibt. Der pelzverbrämte Mantel liegt schwer um die fallenden, fröstelnden Schultern. Die linke Hand, mit juwelenbesetzten Ringen geschmückt, ruht auf dem Pergament. Fahl gelblich hebt sich der feine Gelehrtenkopf von dem grünweißen Damast des Grundes ab. Das schwarze Barett ist tief in die Stirn gezogen. Groß und spitz tritt die Nase aus dem scharfen Profil heraus. Die Augen sind in überlegender Sammlung niedergeschlagen. Der Mund ist bartlos. Kluge Skepsis und der Sarkasmus eines Lukian verrät sich in den Fältchen seiner schmalen Lippen. Es liegt etwas von der sokratischen Sophrosyne über dem Bilde, jener Liebe zum Gemäßigten, die den Grundzug seines Geistes, seines Lebens und seiner Schriften ausmacht.
Seine Kindheit mag unglücklich und gedrückt gewesen sein. Auf der Schule des Hegius zu Deventer wird er noch mit dem bizarren Lehrkram mittelalterlicher Scholastik vollgestopft. Nach dem frühen Tod der Mutter drängt man ihn in ein Kloster. Seinen Namen, Geert Geerts, wandelt er um in Desiderius Erasmus: der Ersehnte, Geliebte. Die Gestalten der Antike, die sein suchender Geist aus den Folianten der Klosterlnbliothek aufsteigen sieht, haben in der dämmerigen Zelle mit den rohen Heiligenbildern keinen Platz. Aus der Klausur entlassen, beginnt er seine Wanderjahre. Zuweilen versucht er irgendwo Fuß zu fassen: in Frankrrich, in Italien und vor allem in England, bas zu Veamn des 16. Jahrhunderts unter dem jungen Heinrich VIII. in der Blüte seines Geisteslebens stand. Schließlich findet er in Freiburg eine Heimstätte, nachdem ihn die reformatorischen Wirren aus Basel vertrieben haben. Einer Einladung der Statthalterin der Niederlande nach Brabant folgend, wird er durch Gichtanfälle den Winter über in Basel aufgehalten und stirbt dort in der Nacht vom 11. ^um 12. Juli 1536. „Die Sonne des Humanismus", längst von den Gewitterwolken der Reformation verfinstert, ist untergegangen. “
Den feinem „Gehäus" aus hat Erasmus die Geisteswelt regiert. Fürsten und Päpste bemühten sich, ihn an ihre Höfe zu ziehen. Seine Name war
sprichwörtlich. Erasmisch, das hieß: unfehlbar, vollkommen. Er beherrschte die Wissengebiete seiner Zeit, dabei sind seine Arbeiten, ob Briefe, Streitschriften ober gelehrte Abhandlungen, ohne trockene Pedanterie geschrieben, feuilletonistisch manchmal, wie die „Coiloauia“ über die Erziehung. Er ist der klügste und geistvollste Wortführer Deutschlands in jener Zeit der Befreiung von mittelalterlichem Denken.
Mit den unzulänglichen Hilfsmitteln jener Tage hat Erasmus Die griechische Sprache erforscht und durch seine kritischen Ausgaben antiker Schriftsteller den Deutschen einen neuen Kulturkreis erschlossen. Er hat als erster den griechischen Urtext des neuen Testaments veröffentlicht, den Luther später seiner Uebersetzung zugrunde legte, und so die Völker aus dem Wust der Exegetik zur Quelle des Glaubens zurückführt.
Im Sattel, auf einer Reise von Italien nach England, ist sein bekanntestes Werk entstanden, „Das Lob der Torheit". Es erregte Aufsehen durch die scharfen Glossen über die falschen Diener Christi: die unwissenden Mönche, die nicht einmal die Psalmen verstehen, und die sinnlos spekulierenden Gottesgelehrten, die scharfsinnig untersuchen, ob Gott sich in einen Kürbis zu verwandeln vermag. Er zeigt den ganzen „pestilen- zialischen" Sumpf der Klerisei und wird so Wegbereiter der Reformation.
Das Ethos des Christentums verschmilzt bei Erasmus mit dem Geist der Antike. „Heiliger Sokrates, bitte für uns!" sagt er einmal. Die Kulturformen sind leere Symbole, die ihren Wert erst durch den geistigen Gehalt empfangen. „Du verehrst das Bild Christi; aber es würde frömmer sein, wenn du das Bild seines Geistes ehrtest, wie es in den Evangelien enthalten ist." Sein Gottes- begriff ist geistig und undogmatisch.
Aus dieser Geisteshaltung ergibt sich sein Abstand zur Reformation, die ihm als „Luthersche Tragödie" erscheint. Erasmus hatte an eine freie geistige Gemeinschaft aller Christen gedacht, ohne zwingendes Glaubensbekenntnis. Der greife Humanist konnte kein Verhältnis zu der Volksbewegung finden, von deren Kampfgeschrei und dröhnendem Landsknechtsschritt Deutschland widerhallte. Nachdem seine Vermittlungsversuche auf dem Augsburger Reichstag gescheitert waren, begann der Kampf mit Luther. Es war der Kampf zweier Weltanschauungen: des germanisch-hellenischen Geistes gegen die Lehren des Numidiers Augustinus von der Macht der Erbsünde, die Luther übernahm.
Diese leidenschaftlich-bitteren Fehden haben den Lebensabend des alten Mannes erfüllt.
Walther Sch werdtfeger.
Warum arbeiten w r mit der rechten Hand?
Das Geheimnis ungleicher Körperhälften.
Ein altes Schulbeispiel für die Unsymmetrie des Körpers sind die Plattfische oder Seitenschwimmer, die deutlich erweisen, wie sehr es dabei auf die Trägheit der Bewegungen ankommt. Während die Larven jener merkwürdigen Fischgruppe, zu denen Schollen, Seezunge, Flunder usw. gehören, noch vollkommen normal gleichseitig und frei im Wasser schwimmen, zeigen die erwachsenen Tiere ein wesentlich anderes Bild und die Unsymmetrie feiert dabei wahre Triumphe. Die Fische leben im Sand vergraben und nur jene Körperseite, die nach oben gekehrt ist, ist gefärbt. Diese Farbe ist aber nicht gleichbleibend, sondern bedingt durch die jeweilige Umgebungsfarbe.
Diese Weichflosser besitzen nämlich in ganz erstaunlich hohem Grade die Fähigkeit der Farbenveränderung, man konnte sie beinahe die Chamäleons des Wassers nennen. Die Ungleichheit der Körperhälften geht aber noch weiter. Der ganze Kieferapparat ist einseitig, auch die beiden Augen befinden sich auf der oberen, bevorzugten Seite. Das Verdienst, besonders unsymmetrisch gebaut zu sein, gebührt aber entschieden einem Tiefseefisch, den man vor nicht allzu langer Zeit in der Bucht von Algier entdeckte und bei dem jede Seite ihren besonderen, zu gleicher Zeit in Wirksamkeit tretenden Geschlechtsapparat ausweist!
Zahllose andere Organismen der großen Bühne des Lebens, die äußerlich durchaus symmetrisch gebaut erscheinen, lassen bei näherer Beobachtung erkennen, daß eine Seite etwas kräftiger entwickelt ist. Naheliegend ist es dabei, an den Menschen zu denken, dessen Bevorzugung der rechten Seite augenfällig ist. Don mancher Seite wurde diese Bevorzugung auf eine, beim Embryo vorhandene, später aber wieder zurückgehende Spiralkrümmung nach links zurückgeführt. Nach H. R a d e st o ck wurde auch geltend gemacht, daß das etwas mehr nach links gelagerte Herz die linke Hirnhälfte reicher mit Blut versorge,wobei diebekannteKreuzungder beiden Nervenstränge, die ganze rechte Körperhälfte, im Vorteil sei.
Jedenfalls aber liegt die Ursache nicht darin, daß wir nur mit der rechten Hand schreiben usw., denn auch die Naturvölker benützen zum Werfen, Schleudern usw. ebenfalls die rechte Hand. Allerdings tritt beim Menschen vererbbare Linkshändigkeit nach statistischen Nachweisen ziemlich häufig auf.
Die Unsymmetrie tritt auch deutlich in der Länge der Arme und Beine zutage. Genaue Messungen erweisen, daß nur die Wenigsten vollkommen gleich lange Arme und Beine besitzen. Deswegen braucht sich aber niemand ob seiner Schönheit zu ängstigen die Schwankungen sind minimal, daß sie das Auge nicht leicht erkennt. Und dann ist ja schließlich das Schönheitsgesetz der Unsymmetrie in uns allen lebendig, das uns über solche Klippen hinweghilft. Die Unsymmetrie erstreckt sich aber auch auf die Funktion der Extremitäten. Beispielsweise benützen die meisten Menschen beim Stehen als Hauptstütze häufiger das rechte Bein (Stand- und Tastbein) als das linke, das Schreit- und Sprungbein. Auch der erste Schritt wird gewöhnlich mit dem kräftigen und aktiveren linken getan. Hinsichtlich der Hände liegen die Verhältnisse ganz ähnlich. Sv ist da das Rechtstasten auf dunklen Gängen leicht festzustellen. Ein eigenes Kapitel ist da das Ausweichen auf dem Gehsteig. Warum wir das gewöhnlich nach rechts tun, hat feinen physiologischen Grund im stärkeren linken Bein, welches bei Gehen dem Oberkörper einen größeren Antrieb nach rechts zu dem Standbein gibt.
Dieselbe Ursache finden wir auch bei dem eigenartigen „Jm-Kreis-Gehen" im Walde, in der Nacht, bei Nebel und Schneegestöber. Dem Aberglauben war diese Tatsache willkommener Vorwand für Dämonen- und Geistergeschichten. Heute wissen wir, daß uns dabei unsere Körper-Unsymmetrie übel mitspielt. Bei den Tieren finden wir übrigens ganz ähnliche Fälle. Verbindet man beispielsweise einem Hund die Augen und läßt ihn mitten in einem Teiche schwimmen, so wird er nicht ans Ufer gelangen, sondern immer wieder im Kreise schwimmen. Don fliegenden Vögeln, die um eine Lichtquelle kreisen, liegen ähnliche Beobachtungen vor. Und da muß beispielsweise.zugegeben werden, daß Tolstois Erzählung von dem Pferdeschlitten, der nach stundenlanger Kreisfahrt im Schneesturm dicht am heimatlichen Ziel mit Roß und Wagen zu Grunde geht, nicht allein als Dichterphantasie zu beurteilen, sondern tatsächlich biologisch begründet ist.
Doz. Ewald Schild.


