Nr. 289 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, lv. Dezember (936
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Wintergäste aus der Vogelwelt.
E-n trüber Wmtermorgen liegt über den düsteren Wipfeln des Nadelwaldes. Für tune Auaen- blicke nur bricht die Sonne durch das Grau des Himmels und zaubert schwache Lichtreslere auf die dunklen Stamme der Bäume. Unendlich wehmütig flötet es durch die Waldstille. Lange sucht das Auge den Sanger. Dort sitzt er auf dem Zweige einer tleineti l5ldJte und laßt sein weiches „Dill" erklingen. Wer kennt ihn nicht, den farbenprächtigen Gimpel, auch Dompfaff genanntl Grau ist der Rucken brennend rot die Brust und schwarz der Oberkops oes Männchens. Hoffnungsvoll und stärkend trotz Wintersgrau und Wintersnot klingt seine ausdrucksreiche Melodie durch die graue Winter- landtch«^t. Ein anderer Nordlandgast, ein Ver- wanürer von ihm, der große nordische Gimpel, stellt slch im Oktober bei uns ein, verläßt uns aber schon wieder im Februar, um nach Skandinavien und Ost- rußland weiter zu ziehen. In den Zweigen der Fichten kribbelt und krabbelt es, die Fichtenkreuzschnäbel treiben dort ihr Wesen. Ihr frisches Glp — Gip tönt durch den Wald. Als echte Zigeuneroögel sind sie nicht sonderlich von Gemüt beschwert und lassen sich selbst durch des Winters Tücke die gute Laune nicht verderben. Bei guter Futtergelegenheit geben sie sich Mitten im Winter der Minne hin, gehen bald ihren Brutgeschäften nach, und nach kurzer Zeit kommen auf schwankenden Wipfeln in gut- versteckten, dichtwandigen Nestern die jungen Kreuzschnäbel zur Welt. Außer der Schneeammer findet marr häufig zur rauhen Jahreszeit auch noch den allerliebsten kleinen Birkenzeisig. Auch er kommt aus dem hohen Norden. Immer in kleinen Schwärmen hängen sie an den kahlen Zweigen der Birken und bearbeiten mit kräftigen Schnabelhieben die Birkenkätzchen, bis die geflügelten Nüßchen nur so davonfliegen. Häufiger noch treten die Seidenschwänze mit ihren phantastischen Federbüschen auf dem Kopfe auf. Unermüdlich lassen sie sich die Beeren der Ebereschen munden.
Geheimnisvoll und ewig rätselhaft ist der Wandertrieb in den kleinen Vogelherzen, und ihm verdanken wir, daß wir so manchen Vertreter der Dogelwelt überhaupt zu Gesicht bekommen. Da ist der kleine Zwergtaucher auf unseren schilfbewachsenen Flüssen und Teichen, ein wunderlicher Bursche, vortrefflich als Tauchkünstler von der Natur ausgestattet. Beim Anblick eines Menschen verschwindet er sofort unter dem Wasserspiegel. Bei durchsichtigem Eis sieht man ihn sogar unter der Eisfläche £i»enbs davonrudern. Bei der nächsten offenen Stelle aber steckt er für einige Augenblicke sein Köpfchen heraus, um, wenn ihm die Sache noch nicht geheuer erscheint, sofort wieder zu verschwinden. Bezeichnend wird er im Volksmunde „Duckentchen" genannt. Hoch über den Fluren zieht ein Bussard seine Kreise. Seine weiße Schwanzwurzel kennzeichnet ihn als R a u f f u ß b u s s a r d , hier in unserer Gegend ein seltener Gast. Ueber unseren Bächen mit schrillem Pfiff fliegt ein schillerndes Etwas. Himmelblau, hellgrün, silberweiß und rot sind seine Farben. Es ist der Eisvogel, der schmuckste unter unseren Vögeln. Wetteifern könnte der kleine Kerl mit den Vertretern der Tropen. Man kann sich diese Farben eigentlich nur unter Palmen denken. Er ist ein ständiger Vogel in Deutschland, nur sieht man ihn während der heißen Jahreszeit kaum, da er dann ein äußerst verborgenes Leben führt, und erst im Wirster treibt er sich überall herum und taucht bald hier, bald dort auf. Ulkig ist seine Gestalt mit dem kurzen Schwänzchen, dem dicken Kopf und dem langen Schnabel. Wie ein glitzernder Edelstein saust er durch das Wasser, dabei geschickt ein kleines Fischchen, eine Larve oder ein sonstiges Wassergetier erhaschend. Wunderbare Farben weist sein Federkleid auf. Es ist ein herrlicher Anblick, wenn man ihn stumm auf einem Aste sitzen sieht.
Sz kft auch im Winter die deutsche Landschaft nicht tot. Nur verschlossen ist sie dem, der ohne Sinn ihr fremd gegenübersteht. O. M.
Lornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Intermezzo". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Dahinten in der Heide". — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde:
Vererbung und Erziehung.
Ein Vortrag in der Kreisversammlung des ASLB.
Im überfüllten Hörsaal der Universität hielt gestern nachmittag der Nationalsozialistische Lehrerbund im Kreis Gießen eine Versammlung ab. Mit Worten der Begrüßung eröffnete Schulrat Ne bell n g die Versammlung. Gemeinsam gesungene Lieder und die Wiedergabe von Aussprüchen bedeutender deutscher Männer schufen die geistige Ausrichtung der Versammlung, die diesmal unter dem Zeichen des Wortes: „Erzieher, denke an die Zukunft deines Volkes!" stand.
Schulrat Nebeling
sagte, daß wir mehr und mehr an die Zukunft unseres Volkes denken müssen. Das sei der wesentliche Richtungspunkt für die Erziehung unserer Jugend. Nicht das heute Vordrängende sei das WichUgste. So wie die Arbeit der Regierung planmäßig für die deutsche Zukunft sei, so müsse auch in der Schule die Arbeitsplanung auf die Zukunft ausgerichtet werden. Die Gegenwart fei nur zu vergleichen mit großen Wendepunkten in unserer deutschen Geschichte. Wir stünden am Anfang einer neuen Zeit. Die Umwälzungen der Gegenwart seien nicht nur bestimmt im staatlichen Sinne, in der Wandlung vom Parlamentarischen zum Autoritären, vielmehr seien es heute noch drei andere Punkte, die uns beschäftigen müssen: die Vorzeitforschung, die Rassenforschung und die Vererbungslehre. Noch sei hier erst ein Trupp von Pionieren an der Arbeit, und der Wert ihrer Arbeit werde wohl erst später in seine ganzen Bedeutung erkannt werden, in der Schule aber sei man besonders verpflichtet, den Ergebnissen der neuen Forschung zu folgen und nach den neuen Erkenntnissen zu arbeiten.
Nach einer Darbietung der Musikgruppe des NSLB. sprach dann
Se. Magnifizenz
der Vektor Professor Dr. Pfähler
über das Thema „Vererbung und Erzie- h u n g". Er gab zunächst einen anschaulichen Ueber- bllck über die Entwicklung seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit und schilderte den Weg, auf dem er zur Erbcharakterkunde kam. Der Redner knüpfte an den Vortrag von Hofrat Professor Dr. T s ch e r - mak-Seysenegg an und kennzeichnete die glückliche Lage, in der sich der Pflanzenzüchter befinde, der die gegebenen Vererbungsregeln starr und sicher handhaben und das Zuchtergebnis meist vorausbestimmen könne. Beim Menschen seien wissenschaftliche Erhebungen hinsichtlich seiner Erbeigenschaften weit schwieriger durchzuführen, lägen Üie Dinge doch hier ungemein viel komplizierter, hauptsächlich bann, wenn es um bie seelische Struktur gehe. Der Rebner wies auf seine 10jährige For- schungs- unb Beobachtungsarbeit hin, währenb ber er habe feststellen können, baß Körperformen unb seelische Struktur in naher Beziehung zueinanber stehen bzw. miteinanber ibentisch seien. Er habe auf Grund seiner Beobachtungen ganz bestimmte Typen feststellen können und in der Folge auch eine Typologie geschaffen, wie sie für die Arbeit auf diesem wissenschaftlichen Gebiete notwendig sei.
Bei der Behandlung der Frage der Uebereinstim- mung von Körperformen und seelischer Eigenart sei er, der Redner, automatisch zu einer erbcharaktero- logischen Forschung geführt worden, die ihn bald habe erkennen lassen, daß das seelische Erscheinungsbild eines Menschen nicht maßgeblich von der Umwelt her bestimmt werde, sondern hauptsächlich von den Erbanlagen. Er bewies das an Hand von Eindrücken, die er in Erziehungsanstalten gewann, in
denen man jungen Menschen beste Umweltbedingungen schuf, die aber in Anbetracht der ungünstigen Erbanlagen der Zöglinge keinen Einfluß auf die Bewährungskraft im praktischen Leben auszuüben vermochten. Für die Erbcharakterkunde sei es em Haupterfordernis, mögliche Umwelteinflüsse auszuschalten, um auf diese Weise zu klaren Ergebnisse kommen zu können. Für die Erbcharakterkunde gelte es ferner, die seelischen Grundformen zu erkennen, wie sie vom ersten Tage des Lebens an in Erscheinung treten. Diese Grundformen seien zuverlässig nur über das systematische Experiment zu erfassen. Der Erzieher habe nicht allein den Einfluß auf die Formung des jungen Menschen. Das Schicksal eines Menschen liege vielmehr in seinem seelischen Erbe begründet.
Der Redner zog im weiteren Verlaufe seines Vortrages den Fragenkomplex nach möglichen Verbindungen zwischen Erbcharakter und Rassenseele in den Kreis seiner Betrachtungen. Er stellte dabei an Hand der Arbeiten anderer Wissenschaftler klare Uebereinstimmungen fest. Er betonte allerdings, daß man auf diesem Gebiete am Anfang stehe, Brücken aber bereits geschlagen seien.
In großen Zusammenhängen wies bann ber Rebner vom Stanbpunkt ber Erbcharakterkunde auf unser ganzes beutsches Volk hin, besten Erbmasse seit 1933 burchaus nur die gleiche sein könne wie vorher, wir aber bestrebt sein müßten, bie an sich guten Erbanlagen unseres Volkes zu ihrer möglichst günstigsten Entfaltung zu bringen, benn ebenso wie ein Volk in seinen seelischen Kräften verfallen könne, so könne ein Volk im gegebenen „Raum ber Entscheibung" auch zur höchsten Leistung geführt werben. Deshalb gehe es barum, ben Menschen zu einer geistigen Haltung und zu einem Handeln jenseits des Egoismus zu führen.
Für den Erzieher im Besonderen sei es wichtig, zu erkennen, was aus dem einzelnen Schüler entsprechend seiner Erbwesensart zu entwickeln und zu fördern sei, darüber hinaus habe er aber auch den jungen Menschen dahin zu führen, daß er seiner ihm eigenen Art treu bleibe und dadurch zur höchsten Leistung gelangen könne. Den Lehrern sei hier eine große Aufgabe gegeben, für deren Erfüllung nicht zuletzt das Beispiel des Lehrers selbst von Bedeutung sei. Was für den Heranwachsenden Menschen in der Schule gelte, sei auch für den Menschen im Beruf wichtig. Der Schaffende müsse an einem Platz stehen, an dem er in seiner Leistung nicht überfordert, sondern gemäß seiner Erbwesensart in Anspruch genommen werde.
An Hand von zahlreichen Lichtbildern zeigte der Redner eindeutig die beiden Hauptgruppen von Menschen auf, jene mit großem Beharrungsvermögen und jene der raschen Auffassung. Er kennzeichnete die Eigenarten dieser gegensätzlichen Menschengruppen in der Auswirkung des täglichen Lebens. Gleichzeitig wies er erneut auf die sichtbaren Uebereinstimmungen hin, die zwischen der körperlichen Form und ber seelischen Art bestehen, unb veranschaulichte auch bies völlig einbeutig an Bil- bern, an Hcmbschriftenproben unb an Hanb wissenschaftlich burchgesührter Prüfungen mit Hilfe von Testmethoben. Lebhafter Beifall bankte dem Vortragenden für seine aufschlußreichen Darlegungen.
Im Schlußwort dankte Schulrat Nebeling dem Redner dafür, daß er die Erzieher die Grenzen und bie Möglichkeiten ihrer Erziehungsarbeit habe erkennen lassen. Mit einem (Bebenfen an den Führer und mit dem gemeinsamen Gesang der ersten Verse ber beiben Nationallieber fand bie Versammlung ihren Abschluß.
im Saale ber Wirtschaft
Germania", Kaiser
allee 141, zu bezahlen.
in Ostafrika" in ber Neuen Aula. —
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Ost.
NSDAP., Gießen-Nord.
$21.-, $$.- und N$kk.-2Nänner, die im Bereiche
20.15 Lichtbilberoortrag von Prof. Dr. Troll, I im Berlin über „Europäische Kolonisationsmethoden all
Ä t X AV Alt AM llf A
SA., SS. und NSKK.-Männer, bie im Bereich ber Ortsgruppe Ost wohnen, werben aufgeforbert, bie Beiträge zur Hilfskasse für bas erste Vierteljahr 1937 Mittwoch, 9., unb Donnerstag, 10. Dezember, jeweils zwischen 20 unb 22 Uhr,
ber Ortsgruppe Nord wohnen, werden aufgefordert, bie Beiträge zur Hilfskasse für bas erste Vierteljahr 1937 heute Donnerstag, 10. Dezember, zwischen 20 unb 22 Uhr im Cafe Leib, zu bezahlen.
Hitler-Zugen- Bann 116 Gießen.
Arn Sonntag, 13. Dez., findet im „Burghof" (früher Cafe Ebel) eine Arbeitstagung der Sozialstelle des Bannes 116 statt, zu der sämtliche Sozialwarte der Gefolgschaften, der Fähnleins sowie die Gruppenreferentinnen des BDM. zu erscheinen haben. Anfang 20.30 Uhr.
Wenn Sie sich einmal an einem stillen Abend oder in einer fwm> den Stadt ganz einsam und verlassen fühlen, dann sollten Sie zum Tröster Schaumwein greifen. (Er ist unfehlbar!) SCHAUMWEIN
Für die 5. Sondervorstellung im Stadttheater am kommenden 12. Dezember, die mit Erfolg aufgeführte Märchenoper „Hänsel und Gretel", sind Karten zu 0,80 und 1,— RM. noch auf der Kreisdienststelle „Kraft durch Freude", Schanzenstraße 18, zu haben.
Nach Mitteilung der Intendanz wird bestimmt die Oper „Hänsel und Gretel" gespielt.
Der Eintopfsonntag.
NSG. Der Glaube an das ewige Deutschland hat die Einrichtung des Eintopfsonntags werden lassen als ein ständiges Mahn- und Merkmal der erwachten deutschen Nation. Durch schwere und schwerste Opfer aller Art ist das Dritte Reich geworden. Opfer werden von ber Gegenwart und Zukunft verlangt werben, bamit bas Erworbene zum bauernden Besitz werbe. Treue unb Dankbarkeit lassen biefe Opferbereitschaft natürlich und selbstverstänblich erscheinen.
Der Eintopfsonntag macht bie Probe aufs Exempel. Wer die Verantwortung, die feder Deutsche hat, tragen will, beweist dies am Eintopfsonntag! Wenn nach dem Willen des Führers das deutsche Volk eine einzige große Familie ist, bann wird am Fest- unb Ehrentag der Nation jeder gern in treuer Verbundenheit denen geben, bie noch Hilfe bebürfen.
Der fommenbe Eintopfsonntag hat seine befon- bere Bebeutung. Er steht im Zeichen des Lichtkreises über verschneitem Tannenbaum. Weihnachten ist das deutsche Fest schlechthin, ist das Fest der Freude und des Gebens. Wahre Freude wird der Pflichtbewußte aber nur dann empfinden, wenn er andere beglücken darf. Die Freude der Nation wird nur bann vollkommen fein, wenn jeber, ber sich zur deutschen Volksfamilie rechnet unb durch die Gesinnung zu ihr gehört, die Feier unb bas Glück ber Stunde verspürt. Jedem soll der Glanz des Weihnachtsbaumes in ein zufriedenes Herz scheinen. Dieser Wunsch, den gegenseitiges Verstehen und Mitfühlen werden läßt, öffnet bie Herzen aller berjenigen, bie in ber Lage finb, anberen eine Weih- nachtsfreude zu bereiten. Der Eintopfsonntag wird der Prüfstein sein, ob jeder, ber den Ehrennamen „Deutscher" trägt, den Sinn des großen Geschehens, das sich täglich unseren Augen bietet, verstanden hat.
Der Eintopfsonntag verpflichtet zur Tat!
Günstige Heimkehrmöglichkeit vom Weihnachtseinkauf in Gießen.
Abendsonderzüge von Gießen durch das Lumdalal.
Vorn Bahnhof Gießen wird uns mitgeteilt:
Anläßlich ber Einkaufssonntage verkehrt am 13. unb 20. Dezember ein Verwaltungs-Son- berzug mit 2. unb 3.Klasse von Gießen über Lollar—Lonborf nach Grünberg in nach- stehenbem Plane:
Gießen ab 18.45 Uhr, Lollar an 18.53, ab 18.55, 2)aubringen an 19.00, ab 19.01, Mainzlar an 19.03, ab 19.04, Treis an 19.10, ab 19.11, Allenborf an 19.15, ab 19.16, Lonborf an 19.23, ab 19.25, Kesselbach an 19.28, ab 19.29, Obenhaufen an 19.32,
Die deutsche Rrbeitofront n.$.=Gemeinfchaft „Kraft durch kreude
Wege im Nebel.
Vornan von Käthe Mehner.
(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)
29 Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
XVI.
Am Portal bes Geologischen Instituts wurde scharf unb burchbringenb bie Glocke gezogen. Zwei Beamte standen davor, die dem Portier stumm die Marken unter ihrem Rockaufschlag zeigten.
Erschrocken wies der Portier sie nach oben.
Auch Dr. Lohmann, der Assistent, schrak unwillkürlich zusammen, als bie beiben fremden Herren nach kurzem Klopfen das Büro betraten. Ueber- raschung unb Schrecken aber malten sich in feinem Blick, als sie sich zu erkennen gegeben hatten. Sofort brachte er ben seltsamen Vorfall mit seinem Chef sein verstörtes Wesen unb ben eigentümlichen Herzanfall, mit bem Erscheinen der Kriminalbeamten in Zusammenhang.
„Es ist doch nichts mit Herrn Doktor geschehen? fragte er aus diesem Gedanken heraus.
, Erwarten Sie benn, baß etwas geschehen könnte? stellte ber eine ber beiden Herren der sich als Kriminalkommissar Wagner vorges ellt hatte, die Gegenfrage, den Assistenten scharf ansehenb.
Dr. Lohmann überlegte einen Augenblick lang. Er war unsicher geworben, ob er die Szene des vorgestrigen Abenbs verschweigen sollte oder nicht.
„Ich würde Ihnen vielleicht einiges von Wichtigkeit sagen können", begann er endlich, ben Kommissar offen anblickend, „nur J4^tß l£$' Rammelt gegenüber baburch vielleicht unzuver a sig zu erscheinen Nur wenn ich sicher wäre ihm elbst baburch bienlich zu sein, wurde ich mich verpflichtet
^^^»06 uns etwas anderes übrig bleibt, als Sie zu befragen!" erwiderte bet wiffar ernst, „Dr, Rammelt ist feit Astern >m Magdalenenhafpital und wird die nächste Woche vielleicht fchon nicht mehr überleben!
Seine Worte machten sichtlichen Eindruck auf den Assistenten.
Erschütterung malte sich auf feinem Gesicht.
„Ja, um Gottes willen, was ist benn mit ihm passiert?"
Flüchtig sah der Kommissar zu seinem Gehilfen herüber, ber ben Blick zurückgab. Nein, bieser Mann hier wußte ganz bestimmt nichts von bem Vorfall am Hafen!
Man hat Dr. Rammelt schwerverletzt am Hafen gefunben", erklärte er bann. „Aber würben Sie jetzt bitte die Güte haben, uns mitzuteilen, was Sie vorhin selbst als von Wichtigkeit bezeichneten?!"
Dr. Lohmann hatte sich noch kaum von ber furchtbaren Nachricht erholt, aber er ahnte jetzt, baß man vielleicht nicht nur einen Unfall, sondern vielleicht noch ganz anbere Dinge im Bereich ber Möglichkeit vermutete, baß also jetzt gerabe von seinen Aussagen alles abhinge! So sammelte er sich unb gab einen stockenben, aber in allen Einzelheiten klaren Bericht von ben Ereignissen bes vorgestrigen Abenbs, bem der Kommissar unb sein junger Assistent, ber bas Protokoll aufnahm, aufmerksam zuhörten.
„Ist es Ihnen benn nicht sonberbar erschienen , warf der Kommissar ein, als Lohmann eine Pause machte, „ist es Ihnen benn gar nicht sonberbar erschienen, baß Dr. Rammelt gestern gar nicht im Institut war?" v
„Doch, gewiß, Herr Kommissar! Aber gerade, weil er am Tage vorher einen so hinfälligen Einbruch machte, kam meinem Gehilfen sowohl wie mir ber Gebaute, Herr Dr. Rammelt sei wirklich krank geworben!" _,
, Und haben Sie irgendwelche Schritte getan, sich davon zu überzeugen, ob er krank war oder nicht?"
„Auch das, Herr Kommissar, haben wir getan! Nicht weniger als dreimal habe ich in Herrn Dr. Rammelts Privatwohnung angerufen! Aber es meldete sich niemals jemand! Der Stille im Apparat nach schien die Leitung zu versagen! So haben wir schließlich unsere Bemühungen aufgegeben und gehofft, daß die Sache sich heute schon aufklaren werde!" , ,
„Können Sie mir sagen, wann Sie das erstemal in Dr. Rammelts Wohnung angerufen haben?'
„Ungefähr um elf Uhr morgens , Herr Kom- mi^o so um elf Uhr morgens war also der Apparat schon nicht mehr in Ordnung", Murmelte der
Kriminalkommissar; fuhr bann laut fort, indem er sich Dr. Lohmann wieder zuwandte:
„Ihre Erklärungen waren in ber Tat sehr interessant unb von großer Wichtigkeit, Herr Doktor! Nun noch eins, Sie erwähnten boch auch, baß Dr. Rammelt Sie sehr verstört gebeten habe, seine Braut, Fräulein Heller, anzurufen. Könnte ba nicht ein Grunb für bas eigentümliche Verhalten Rammelts liegen?"
Lohmann nickte:
„Jawohl, zuerst erschien auch uns diese Tatsache eine Erklärung für seine sichtbare Verstörtheit zu sein, meinem Gehilfen und mir. Aber nachher mußten wir uns doch überlegen, baß er ja tatsächlich zuerst sehr erregt nach Fräulein Wilnoff und dann erst nach seiner Braut verlangt hat! Dadurch muß man ja eigentlich auf den Gedanken kommen, daß auch bas Fräulein Willnoff mit der Sache zu tun hätte!"
„Wer ist denn dieses Fräulein Willnoff?"
„Fräulein Willnoff ist bie Tochter bes Justizrats Willnoff, besfelben, ber in bem großen Prozeß ber Vereinigten Zuckerwerke gegen bie Brand AG. bie Verteibigung ber Gebrüber Branb übernommen hat!"
„Ach, bas ist ja sehr interessant!" Der Kommissar hatte fast Mühe, einen lauten Ausbruck bes Erstaunens zu unterbrücken. „Können Sie mir sonst nichts Näheres über biefe Dame sagen, Herr Doktor?"
„Leider nein, hier gewesen ist Fräulein Willnoff noch niemals. Ich habe Herrn Dr. Rammelt nur einmal sagen hören, daß Fräulein Willnoff mit feiner Braut befreundet sei."
„Schabe! Aber wie stand es nun eigentlich mit dem Gutachten, das Dr. Rammelt Ihren Angaben nach für diesen Prozeß zu machen hatte? Doch im Auftrage ber Zuckerfabriken, nicht wahr?"
„Ja, im Auftrag bes Präsibenten von den Ver- eiigten Zuckerwerken, Herrn Kommerzienrat Weismüller. Herr Dr. Rammelt hatte es gerade in diesen Tagen fertiggestellt. Er erwähnte allerdings, daß er es doch noch einmal überarbeiten müsse!
„Haben Sie das Gutachten hier?"
„Nein, das Gutachten selbst nicht, Dr. Rammelt hatte es mit nach Hause genommen. Wohl aber liegt ein Entwurf hier bei den Akten."
„Könnte ich diesen Entwurf einmal einsehen?
„Selbstverständlich, Herr Kommissar!"
Schnell hatte der Assistent das Gesuchte gefunden, reichte dem Kommissar dann einige Aktenbogen, bie bieser befriebigt ansah.
„Sehr gut! Ausgezeichnet sogar! Ich barf das ja wohl mitnehmen?! Ich bin Ihnen wirklich zu Dank über Ihre Mitteilungen verpflichtet! Aber nun will ich Sie auch nicht länger aufhalten, Herr Doktor! Dies wäre wohl alles, was ich zu fragen gehabt hätte. Halt, nein, an Ihren Gehilfen hätte ich doch gern noch einige Fragen gerichtet. Ist er anwesend?"
„Jawohl, Herr Kommissar!"
Bereitwillig ging Lohmann zur Nebentür, öffnete sie, rief den Gehilfen herein.
„Der Herr Kommissar hat nur einige Fragen an Sie zu richten", sagte Lohmann ermutigend, ber bas schüchterne Wesen seines Gehilfen kannte.
„Also, Herr Müller, es hanbelt sich um Herrn Dr. Rammelt. Das Nähere wird Ihnen Herr Dr. Lohmann schon erklären."
„Ja, aber was ist denn mit dem Herrn Doktor ..."
Der Gehilfe fragte es mit vor Schreck zitternder Stimme.
„Wie gesagt, Herr Müller, bas Nähere erfahret Sie später burch Herrn Dr. Lohmann. Jetzt sagen Sie mir bitte einmal, um welche Zeit Ihrer Meinung nach Herr Dr. Rammelt vorgestern abenb bas Institut betreten hat?"
Einen Augenblick lang besann sich der Gehilfe, stammelte bann:
„Es kann um halb sechs gewesen sein, aber auch eine Viertelstunbe später, Herr Kommissar! Ganz genau weiß ich es nicht!"
„Und Herr Dr. Lohmann und Sie haben dann das Institut verlassen unb Herrn Dr. Rammelt allein hier zurückgelassen?"
„Jawohl, Herr Kommissar!"
„Uebrigens, noch eine Frage an Sie, Herr Doktor Lohmann. Hat Dr. Rammelt im Laufe bes vorgestrigen Tages irgenbeinen Besuch empfangen?"
„Nein, Herr Kommissar! Niemand hat das Institut ausgesucht, auch nicht, während wir ba waren, unb Dr. Rammelt kam ja erst spät."
(Fortsetzung folgt!)


