Kr.59 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, lü.März (936
Haydn »>- Schöpfung
Das volkstümlichste Oratorium 1497D
Donnerstag, 19.März, in der Stadtkirche
Aus der Provinzialhaupistadi
„Petz" oder „Bätz" genannt, wird, glaubte man den Namen Batzen hiervon herleiten zu sollen.
Die ersten „Kreuzer" sind zweifellos in Tirol geprägt worden, denn „Meraner" oder „Etschkreuzer" sind die frühesten, die erwähnt werden. Sie tragen das bischöfliche Brixener'Wappen, ein Kreuz, haben also ihren Namen gleichfalls vom Gepräge. Sie fanden namentlich im Süden ausgedehnte Verbreitung.
Den „Jrofchen" kennt der Berliner noch heute (und Oesterreich rechnet heute amtlich damit, allerdings hat der neue Groschen anderen Wert). Zuerst ließ Wenzel von Böhmen gegen Ende des 13. Jahrhunderts „Grossi" prägen, ihm folgten die Markgrafen von Meißen mit ihren „Groschen", die sich rasch über ganz Norddeutschland verbreiteten. Nichts mit dem Groschen zu tun haben die oldenburgischen und bremischen „©roten", womit ursprünglich eine große Münze bezeichnet wurde, im Gegensatz zu einer kleinen. Die Bremer „©roten" waren, nebenbei gesagt, so ziemlich das schmutzigste und abgegriffenste Blechgeld, das es je in Deutschland gab.
„Da hast du 'n Taler, geh auf den Markt, kauf' dir 'n Kühchen und 'n Kälbchen und ’n Wulle- Wullegänschen", sagt die Mutter auch heute noch zu ihrem Kleinen und mahnt den Heranwachsenden: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert", obwohl es letztere Münze schon lange nicht mehr gibt. Wie die englische „Guinee" ihren Namen hat von dem Gold aus Guinea, aus dem sie gemünzt ist, so hat der Taler seinen Namen nach dem Orte Joachimstal in Böhmen erhalten. Aus dem Joachimstaler Bergwerk nämlich, das dem Grafen Schlick gehörte, stammte das Silber, aus dem die ersten Taler geprägt wurden, die an Wert den Gold- gülden gleich standen. Es sollte eigentlich heißen „Joachimstaler Gulden". Daraus wurde „Joachimstaler" oder „Schlickentaler", dann blieben noch „Joachim" und „Schlick" fort, und es hieß einfach „Taler, Taler, du mußt wandern".
Und so wanderte er bis nach Amerika, denn auch der Dollar, der allmächtige Herrscher der Jnflations-
zugelassen. Die Volkswirtschaftlerin und Sozialpolitikerin erfüllt ihren Beruf erst dann ganz, wenn sie ihn vom Blickpunkt der Frau aus erfaßt.
Die Erfüllung unseres volklichen Lebens mit sozialem Geist ist eine besondere Frauenaufgabe, zu deren Lösung das Frauensludium führen soll. Daß das ganz weile Gebiet der sozialen Arbeit Frauensache ist, wurde von jeher anerkannt. Die hierzu erforderlichen Kenntnisse können bei den Absolventinnen der Dreijährigen Frauenschute ohne weiteres vorausgesetzt werden.
Die Dreijährige Frauenschule will aber nicht die rein zweckgebundene Berufsvorbereitung. Sie will vielmehr den ganzen Menschen weiblicher Prägung erfassen und die Persönlichkeit formen. Sie ist allgemeinbildende Schule im wahrsten und schönsten Sinne der Frauenbildung. Alle Berechtigungen sind eigentlich nur eine staatliche Anerkennung des tiefen 'Bildungswertes dieser zukunftsreichen weiblichen Schulart.
Oberstudiendirektor S ch e l h o r n betonte zum Schluß seiner beifällig aufgenommenen Ausführungen, daß die Anmeldungen in diesem Jahre eine vielversprechende Entwicklung unserer hiesigen Frauenschule andeuten.
Ziele der Mdchenbildung im Drillen Reich
Vortrag am Elternabend des Lyzeums und der Krauenschule Gießen.
nens und praktischen Handelns eingestellt. Es gibt keinen rein theoretischen Unterricht. Alles dient der vertieften, durchdachten, praktischen Arbeit. Die Lust und Fähigkeit zum Dienen wird geübt in den Stunden Kochen, Haushaltführung, Nähen, bei der Arbeit im Kindergarten sowie in kinderreichen Familien. Das künstlerische Gefühl wird entwickelt. Englisch ist die einzige Fremdsprache, die gelehrt wird. Der Gesunderhaltung wird selbstverständlich alle Aufmerksamkeit gewidmet. Es ist klar, daß die jungen Mädchen, die nach bestandenem Abschlußexamen die Schule verlassen, besonders geeignet sind, in echten Frauenberufen zu wirken.
Das Frauen-Abitur berechtigt zu einer großen Reihe erzieherischer Berufe. Die Hochschule für Lehrerbildung steht den Abiturientinnen offen. Das Abgangszeugnis der Frauenfchule berechtigt ferner zum Eintritt in die Lehrerinnenausbildung. Auch die Ausbildungsstätten der Gewerbelehrerinnen erkennen den Wert der Erziehung in der Frauenschule an. Das Frauenabitur führt auch zum künstlerischen Lehramt, denn die Pflege und Hut deutschen Kulturgutes ist ein Aufgabe der denkenden, fraulich durchgebildeten Frau. Die Absolventinnen der Frauenschule sind gleichberechtigt mit allen anderen Studenten zum vollen Studium der Staatswissenschaften und zur Vorbereitung als Diplomhandelslehrer auf den Handelshochschulen
Wir brauchen gerade in den sog. „weiblichen" Berufen Führerinnen, die gründlich, wiffens- mähig unantastbar vorgebildel find.
Und auch die Hausfrau und Mutter, die keinen außerhäuslichen, bezahlten Beruf ergreift, die aber ihre Tätigkeit von weiteren Gesichtspunkten anpacken will, die ihre Tatkraft über die Familie hinaus für die Gemeinschaft des Volkes nutzbar machen möchte, hat eine vertiefte, ganz durchdachte und zielsichere Vorbeitung für ihre Aufgaben nötig.
Aus diesen Gedanken ist die Drei, ährlge Frauenschule entstanden. Sie soll künftig der vorherrschende Typ der weiblichen höheren Schule sein. Nur die geringe Zahl der rein intellektuell begabten Mädchen, die sich für das wissenschaftliche Universitätsstudium vorbereiten, soll, wie bisher, das wissenschaftliche Abitur ablegen.
Der Lehrplan der dreijährigen Frauenschule ist ganz auf die Entwicklung der Frauenkräfte des Die-
Zu unseren Bildern:
Obenstehend: Aus der Ausstellung der Frauenschule anläßlich des Elternabends imCafeLeib. Es gab viele schöne Handarbeiten zu bewundern. Die Schülerinnen bewiesen ihre Fähigkeiten auch in der Anfertigung von Kleidern und Mänteln.
Rechts: Ausschnitt aus der Ausstellung des Frö- belseminars. Kräftigesun- verwüstliches Spielzeug aus Holz wurde von den Schülerinnen geschaffen. Einfache aber originelle Formen zeichnen das Spielzeug aus. Darunter: Arbeiten aus Papier und Pappe.
(Aufnahmen s3j: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Das liebe Geld.
lieber ein halbes Jahrhundert sind sie nunmehr alt, die Mark und der Pfennig, fast vergessen sind ihre Vorgänger, der Taler, Gulden, Groschen, Kreuzer, ebenso wie die noch älteren Batzen, Heller usw. Wir sprechen wohl noch davon, daß wir etwas „bei Heller und Pfennig" bezahlt haben, geben uns aber über die Herkunft des Hellers keine Rechenschaft. Die richtige Schreibweise wäre eigentlich „Häller", denn er war die Münze der alten schwäbischen Reichsstadt Hall und hat von ihr seinen Namen.
„Ein Heller und ein Batzen War'n all zwei beide mein", sagt das alte Lied, und der Süddeutsche kennt noch die Redensart: „Er ist keinen Batzen wert!". Dieser „Batzen" wurde zuerst geprägt 1495 in Salzburg und leitet seinen Namen her aus dem frühneuhochdeutschen Batzen, d. i. Klumpen, dickes Stück, denn es handelt sich um Dickpfennige, im Gegensatz zu den Blechstücken, den Brakteaten. Da die seit 1497 geprägten Berner Münzen den Bären zeigten, das Wappentier des Kantons Bern, der bekanntlich auch
Bei dem Elternabend des Lyzeums und der Frauenschule in unserer Stadt (wir berichteten gestern bereits darüber) hiel tder Leiter der Anstalt
Oberstudiendirektor Schelhorn
einen Vortrag, in dem er anschaulich die Ziele der Mädchenbildung im Dritten Reich umriß. Seinen Ausführungen sei folgendes entnommen.
Das Jahr 1936 ist insofern für die Geschichte unserer Anstalt von Bedeutung, als gerade vor 10 Jahren die 1. Klasse der Studienanstalt auf das damalige Lyzeum aufgesetzt wurde und in diesem Jahre die letzte Klasse der ehemaligen Studienan- stalt ihre Reifeprüfung ablegte. Von den 12 Oberprimanern bestanden alle, 4 konnten von der mündlichen Prüfung befreit werden.
1934 faßte die Stadt Gießen den Beschluß, die Studienanstalt abzubauen. Grund war die Auffassung, daß die lernwissenschaftliche Ausbildung, wie sie die Studienanstalt vermittelte, nicht den Anschauungen entspreche, die wir heute im Dritten Reich für die Mädchenbildung haben. Diese Ansicht war richtig. Das Reichsunterrichtsministerium fiept in diesem Jahre eine Reform der Mädchenbildung für das ganze Reich vor. Die große Anzahl der weiblichen Bildungsanstalten wird verschwinden. An ihre Stelle treten nur zwei Schultypen, die auf der Basis des Lyzeums aufgebaut werden. Der eine Typ ist die wissenschaftliche Studienanstalt, deren Zahl sehr beschränkt werden wird. Sie dient der Ausbildung des akademischen Nachwuchses in den Frauenberufen. Der zweite Typ ist die ein- bis dreijährige Frauenschule.
Die dreijährige Frauenfchule stellt einen ganz neuen Typ der Mädchenbildung in den Vordergrund.
Das Ziel dieser Schulart ist nach dem Wortlaut des ministeriellen Erlasses: durch stete wechselseitiae Durchdringung von Dienst und Einsicht die Mädchen in ihrer Gesamthaltung, ihrem Wissen und' Können zu erziehen, daß sie befähigt werden, das Lebensschicksal ihres Volkes sinnvoll handelnd mit5 zugestalten und auf den Schaffensgebieten der deutschen Hausfrau und Mutter vorbildlich zu wirken. Man will also einen ganz bewußt auf die Eigenart der Frau zugeschnittenen Bildungsweg schaffen. Die dreijährige Frauenschule entfernt sich damit weit von der bisher herrschenden „humanistischen" oder „rein wissenschaftlichen" Bildung.
In der Praxis der täglichen Schularbeit zeigt sich aber, daß die einseitige, rein wissenschaftliche Befähigung nur bei einer Minderheit von Frauen vorhanden ist, daß
die meisten jungen Mädchen auf Gestalten und Meistern dringender Lebensaufgaben eingestellt
sind. Aller Impuls aber zum Helfen und Dienen -wurde auf den bisherigen wissenschaftlichen Schulen nicht entwickelt, sondern unterdrückt. Außerdem brachten diese alten Schulen falsche Berufswünsche mit sich. Wer das Abitur hatte, glaubte auch studieren zu müssen, ob nun die Begabung dafür vorhanden war oder nicht. Fehlleistungen waren Die Folge. Ausfälliger wurden die Fehler des Wissenschaftlichen Abiturs bei denjenigen Mädchen, Die trotz des Abiturs einen praktischen Beruf ergriffen, zur Fürsorge oder zur Erziehung drängten unb nun sehen mußten, daß ihnen viele praktische Kenntnisse fehlten.
Als Gegenwirkung gegen den überspitzten wissenschaftlichen Bildungsgedanken kam der Ruf: „Mädchen brauchen kein Abitur! Für Mädchen genügt die -mittlere Reife!". Aber das bedeutet auch kerne wirkliche Lösung der Frage. Zweifellos ist eine höhere Frauenbildung nötig, wenn höhere Frauenleistungen erzielt werden sollen._______
L-K
KleineSollandreise - etwas anrüchig.
Von Georg Häring.
Am Rand eines Slotes — das sind die Wasser- yräben, die in Holland meist die Zäune ersetzen, unb bie oft erstaunlich breit unb voll klaren, bunk- len Wassers finb — hauen wir uns hin, schnallen Die Affen von ben Räbern unb gehen in bas nahe Haus.
Was wir wollen, kommt bie Frage, natürlich auf hollänbifch. Wir radebrechen: „Wasser, um kochen zu können". Ein Zeichen mit der Pfeife: „In de Slot." Schön, gemacht.
Auf einmal kommt die Tochter des Hauses, jung, schön, sehr blond, in den unfehlbaren Holzschuhen. Sie bringt einen Topf, stellt ihn hin und sagt deutsch: „Heißer Water."
Prima, heißer Water. Nehmen wir genau so gern wie heißes Wasser. Rin mit den Suppenwürfeln, ein paar Kartoffeln dazu, etwas Butter (Oh. mir verstehen zu leben!), die Spiritusflamme darunter, und bald brodelt es nach Herzensluft.
Der Vater klappert heran. Qualmt und pafft und sieht zu, wie die Flamme ein paar dünne Grashalme erfaßt. Fragt dann nach woher und wohin. Die Mutter läßt sich auch blicken. Stellt sich neben iihn. Eine kleine, hagere Frau. An ihren Rock klammert sich voller Fürcht ein kleines Mädchen. Sie versteht noch weniger als er, was wir sagen. Ahnt nur aus den Namen Rotterdam, den Haag, die sie versteht, daß wir eine Reise machen, um ihr Land unb seine Stäbte uns anzusehen.
Unb bann gehen wir mit ins Haus.
Blankgescheuerte Klinker ber Fußboben, blitzenb die Töpfe in ber Küche, bie scheinbar das Bereich der Tochter ist. Turmhoch die Betten. Polstermobel mit geschwungenen Beinen in der „guten Stube". Auch eine Bilderecke, die — das glaube ich fast — Bestandteil aller „guten Stuben" der Welt ist. Bilder von weißbärtigen Opas, jungen Mädchen in schmucker Tracht samt Bräutigam und ein obligatorisches: Die Windmühle (blau) auf blühender Heide (violett) mit himmlischem Hintergrund (rosa Lis tiefrot). Zuletzt die Käse„fabrik".
Ein kleiner Raum, ein paar Milchkannen stehen herum, ein großes, flaches Becken voll mit Milch rrümmt den meisten Platz weg. An der Decke ein Schwungrad, verbunden' mit einem großen Faß, angetrieben durch ein Göpelwerk im Kuhstall, das । schon uralt ist und von den Vorfahren selbst gebaut wurde. Der Alte, Rutgers ist sein Name, ist
darauf ebenso stolz wie seine Frau auf den ererbten Schrank voll bester weißer Wäsche und seine Tochter auf ihre blitzbanke Küche.
Dann erzählt er breit und behaglich, feine Frau unterstützt ihn dabei durch Kopfnicken, während die große und die kleine Tochter auf dem Faß sitzen und uns immerzu ansehen, von der Käfebereitung. Viel verstanden wir ja nicht davon, aber durch Fragen, durch das Zusammenschmeißen deutscher, englischer und holländischer Brocken, nach dem Rezept „Man nehme und rühre kräftig", bekamen wir das doch ziemlich heraus.
Die Milch muß längere Zeit kühl, aber ber Luft ausgefetzt, stehen, Daburch fetzt allmählich schon eine Trennung ein, bas Fett brängt nach oben, bas Wasser bleibt unten. Dann kommt bie Geschichte in eine Art Butterfaß. Es soll aber keine Butter geschlagen werden, man prügelt das Wasser aus der Milch heraus, der schöne, weiße Quark wird ausgeschöpft, und in der Molke haben die Schweine längst ein leckeres Getränk erkannt. In Tüchern preßt man den Quark aus und würzt ihn mit Salz, Kümmel unb Pfeffer, je nach Geschmack. Ist bas geschehen, kommt bie Masse in ben Tüchern in niedere, runbe Formen vom Umfang bes Rabes an einem Fcchrrab, bleibt so in Salzwasser liegen, bis bie Hausfrau nach einiger Zeit ben Käse auspacken unb auf einem Gerüst gut burchtrocknen lassen kann. Unb dann ist aus der Milch ein mattgelber Käse geworden, der wunderbar zart ist, der berühmte „Holländer".
Unsere Frau Rutgers hatte ein besonderes Rezept von ihrer Mutter, die es wieder von ihrer Mutter gehabt hatte usw. Die Kostprobe fiel jedenfalls vorzüglich aus. Eine Schnitte Roggenbrot — es ist ganz weich, fast wie Weißbrot — Butter darauf, eine Schicht Käse — recht dick — und noch eine Weißbrotschnitte als Abschluß obendrauf. Ist es einem dann gelungen, den Brot- und Käseturm anzubeißen, ohne die Maulsperre zu bekommen, spürt der Gaumen nur Wohlgeschmack Aah ...!
Wir kauften den Leuten für wenige Dubeltjes einen halben Käse ab und kamen dabei so gut weg, daß der Transport erhebliche Schwierigkeiten bereitete. Verabschiedeten uns bann, höflich banfenb (von ber großen Tochter sogar zweimal), unb fuhren weiter gen Rotterbam.
Wochen später tarnen wir nach Alkmaar, bem Käseumschlagsplatz ober richtiger der Käsebörse des kleinen Königsreiches.
Und dort merkten wir erst, in welch großen Mengen der Käse in Fabriken unb in den Haushalten hergestellt wird.
Auf bahrenähnlichen Unterlagen sind die roten Kugeln der Goudakäse und unsere Radkäse aufgestapelt. Menschen gehen in den Reihen auf und ab, feilschen und kaufen. Und die Stadt riecht nach Käse.
Ein Zeichen aber, wie althergebracht die häusliche Käsebereitung in Holland ist, gibt der Volkswitz:
Die verliebten Bräute versalzen nicht etwa das Mittagessen — wie in Deutschland von ihnen boshafterweise gesagt wird — nein, st? tun gemahlenen Kaffee statt Pfeffer, Mottenpulver statt Salz und Tee statt Kümmel in den Käse für die Hochzeitsgäste.
Behauptet der Volksmund! Ist er nicht etwas zu boshaft?
„Familie Schimek/'
Man muß sich wundern, daß der alte und populäre Schwank erst jetzt den Weg ins Tonfilm-Atelier gefunden hat. Dr. Max W a l l n e r und Rttn- hold Meißner schrieben des Drehbuch, das die ursprüngliche Fassung nur nach in Umriffen erkennen, aber die Paraderolle des Ludwig Schigl im wesentlichen unangetastet läßt. Die Theaterwirkung der im Wirbel ihrer Situationen bestürzenden Vormundschastsasfäre steht unb fällt auch im Tonfilm mit biefer Rolle, bie eigentlich immer schon ben Rahmen bes Schwank-Klischees zu sprengen brohte, weil sie im innersten Kern boch alltäglich-menschliche Züge aufweist: jetzt spielt sie ber aus vielen Filmen bekannte Wiener Komiker Hans Moser, unb er kniet sich, wie manche vor ihm, richtig hinein. Er gibt einen Schlemihl sonber- gleichen, einen Pechvogel, bem alles baneben geht, einen Krakehler van aufgeregtem Temperament, bem im Affekt einfach bie Luft wegbleibt, einen Querulanten mit unglücklicher Liebe zu behörblichen Angelegenheiten; im ©runbe seines Herzens ist er dabei ein guter und gutmütiger Kerl. Das Ganze ist eine erheiternde Begegnung selbst dann noch, wenn man bei dem unbeschreiblichen Genussel, bas Mosers fatale Spezialität ist, nur etwa brei Viertel von bem versteht, was er von sich gibt. Unb bas ist nicht wenig. Unter E. W. Emos treffsicherer Spielführung betätigen sich u. a. ferner Kate Haack, Dbemar, Grete Weiser unb W i n- terstein. Probuktion: Synbikat. — Der Film läuft im Gloria-Palast. Zuvor sieht man einen Kulturfilm „Kairo unb ber Nil"; eine interessante Serie alter Filmberichte aus ber Vorkriegs-, Kriegs- unb Inflationszeit; bazu bie neue Fox-Wochenschau mit bem Schlußbericht von ber Winter-Olympiabe.
— r —
„Gustav Kilian ' von Harald Bratt.
Als sechste Uraufführung ber Spielzeit brachte bas Bremer Schauspielhaus ein neues Bühnenwerk von Haralb Bratt heraus: „Gustav Kilian, Manufakturen en gros unb en detail, gegrünbet 1821", bas mehrfach erworben worben ist. Der Dichter bes „Herrschers" unb bes Dramas „Die Insel" erweist sich auch in seinem neuen fünfaktigen Schauspiel als Psychologe, ber bas Publikum bis zum Schluß zu fesseln weiß. Die Hanblung, in ber bie Anschauungen von zwei Generationen aufein- anbertreffen unb so einen ernsten Konflikt schaffen, ist mit so gesunbem Humor, mit so vielen komischen Situationen geloben, baß bas volle Haus mitgerissen würbe unb bei sehr freunblichem Beifall nach ben einzelnen Akten bas Stück begeistert aufnahm.
Bratt führt uns in eine kleine mittelbeutsche Stabt, in das Haus des Kaufmanns Kilian, dessen Firma — aufgebaut auf den Grundsätzen der Gewissenhaftigkeit und unbedingten Ehrlichkeit — seit über zehn Jahren besteht. Seine Söhne sind in Amerika „etwas geworden". Aber ihr spekulativer Geschäftsgeist mit der Devise: „Je mehr Absatz, um so höhere Preise" scheitert an der „altmodischen Ehrlichkeit" ihres Vaters. Die Welt des soliden deutschen Kaufmannes erweist sich stärker als die Millionengeschäfte eines modernen, nicht bodenständigen Spekulantentums. Sie gewinnt die Menschett, während das „moderne Geschäftsprinzip" das menschliche Glück zu zerstören drohte. — Zu dem Erfolg trug die hervorragende Aufführung unter der Spielleitung von Bruno H a r p r e ch t bei.
Zeitschristen.
— Das März-Heft der „K u n st k a m m e r", der Monatszeitschrift der Reichskammer der bildenden Künste (Propyläen-Verlag, Berlin), bringt zwei grundsätzliche Beiträge über den „Weg zum Bilde" und die „Ehrfurcht vor dem Kunstwerk". E. Borchardt veröffentlicht eine Erzählung: „Der Morgen", die der Todesstunde Philipp Otto Runges geweiht ist; dazu viele Bilder des Künstlers. Professor Kurt Wehlte erläutert Untersuchungen mit Röntgenstrahlen an Bildern, wodurch sich interessante Einblicke in die Malweise gewinnen ließen. Weitere Beiträge berichten über Bildwirkerei unb Golbschrniebekunst. Eine kleine Anleitung, wie Verkaufsstätten ein geschmackvoller Rahmen gegeben werben kann, vermittelt ein mit vielen Bildbeispie» len versehener Artikel „Der schöne Laben" von Friebrich Pütz. Das schöne Heft enthält fast 40 Silber,


