aber er sah setzt sehr ehrfürchtig zu ihr auf, die froh lächelte, daß ihr Kind unbeschädigt war.
Von dem Tage des großen Unglücks an — das war wieder höchst eigenartig — sagte ihr Mann nicht mehr „Buddleia" zu ihr, sondern immer nur, wenn er zu seiner jungen Frau sprach: „Du, Mutter!"
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte
Don Ernst v. Riebeischüh.
Man darf von der Wissenschaft wohl noch man- cherlei Berichtigungen unserer „Vorurteile" erwarten. Was sie heute lehrt, widerspricht dem gestern von uns Geglaubten und wird morgen von einer neuen Theorie überholt sein. Fortwährend muß man seine Ansichten revidieren. Solches verlangt nun auch der türkische Archäologe S., der kürzlich in der Fachzeitschrift seines Landes eine aussehenerregende Entdeckung über den alten Homer veröffentlichte — denselben Homer, von dem bekanntlich die Wissenschaft vor noch gar nicht so langer Zeit behauptet hat, daß er — gar nicht gelebt habe.
Aber nehmen wir mit dem Professor S. getrost an, er habe gelebt, sei also auch wirklich der Verfasser der beiden großen Epen, die seinen Namen unsterblich gemacht haben, so ist doch — leider! leider! — sogleich hinzuzufügen, daß nach Ausweis der letzten großen Ausgrabungen in Kleinasien besagter griechischer Dichterfürst jenen fragwürdigen Schriftstellern Zuzurechnen ist, die man gemeinhin als Plagiatoren bezeichnet. Es ist also erwiesen: Homer, der berühmte Homer ist des geistigen Diebstahls schuldig befunden worden! Und wen hat er bestohlen? Die Hethiter und die Hurrer. Sie, diese mesopotamischen Volksstämme, die S. mit Hilfe einer bewunderungswürdigen genealogischen Equilibristik zu Vorfahren der heutigen Türken macht, sie waren es, denen der verschmitzte griechische Poet ihre Mythen und Heldensagen einfach gemaust hat. O, wie sind wir doch genasführt worden, wir, die wir des kindlichen Glaubens waren, es käme beim Dichten gar nicht so sehr auf den Stoff an, als auf die stoffgestaltende Kraft, und der sei der beste Dichter, der es fertig bekäme, das schon hundertmal Gesagte noch einmal, aber am besten zu sagen. Unser Türke ist jedoch anderer Ansicht: es kommt auf den Stoff an. Also ist Homer ein Plagiator, Hesiod übrigens auch!
Kurz, in dieser merkwürdigen Archäologenphantasie entpuppt sich so ziemlich die gesamte hellenische Dichtung als ein einziges freches Plagiat vorderasiatischer Sagenwelt. Welch Geistes Kind diese moralische Verbrennung Homers ist, zeigt sich aber am deutlichsten aus dieser wahrhaft klassischen Kritik: schon die Kriegsberichterstattung Homers über die Kämpfe der Griechen und Troer vor Ilion müsse als durchaus unglaubwürdig" betrachtet werden. Da steht es: unglaubwürdig! Schade, daß wir das „homerische Gelächter" nicht vernehmen können, das aus eine solche Kritik hin den Olympos bis in seine Grundfesten erbeben läßt.
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Der heute sehr beliebten Verschönerungskur, die in der Befreiung ganzer Häuserfassaden von allem überflüssigen Zierat besteht, ist nun auch das von der Provinz Westfalen auf der H o h e n s y b u r g errichtete Kaiser-Wilhelm-Denkmal unterzogen worden. Sehr zum Vorteil des Patienten, der das Glück hatte, in dem Landesbaurat Gons er von der Provinzialverwaltung in Münster einen äußerst geschickten Chirurgen zu finden. Das Ergebnis ist eine radikale Entprotzung, das heißt Entfernung all des parasitischen Dekorationsunfugs, mit dem eine Zeit, die sich im Anpappen unnötiger und störender Ornamente nicht genug tun konnte, die Architektur des westfälischen Denkmals heillos verunstaltet hatte. Jetzt ist der Bau, der mit seinen Kronen, Adlern und sonstigem Statuenbeiwerk wie eine preisgekrönte Schaufenstertorte in einem Konditorladen aussah, in einen ganz einfachen Turm verwandelt worden, und auch das Reiterstandbild selber hat man in seiner Wirkung durch Senken und Vorrücken des Sockels beträchtlich verbessert. Und zwar ohne Beschaffung neuen Steinmaterials, da das aus den abgebrochenen
Teilen ausreichte, um die fetzt notwendig gewordenen Freiplätze und Brüstungsmauern in der nächsten Umgebung herzustellen. Mit relativ geringen Kosten und den einfachsten Mitteln, nur, indem man Ueberflüssiges wegnahm, ist hier sozusagen ein ganz neues und entschieden schöneres Denkmal geschaffen worden. Wenn erst einmal die Tränen derer, die an dem alten Kitsch wie an einer teuren Ueberlieferung hingen, getrocknet sein werden, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß das so umgestaltete Hohensyburg-Denk- mal die ungeteilte Freude aller Deutschen finden werde.
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Unser wechselreicher Planet hat nachgerade so viele Berühmtheiten auf allen Gebieten des Lebens hervorgebracht, und die dankbaren Nachfahren sind allerorten so eifrig beflissen gewesen, ihnen Denkmäler aus Erz und Stein zu errichten, daß sich unliebsame Wiederholungen kaum mehr vermeiden lassen und die Gefahr besteht, all die ausgehauenen und gegossenen Staatsmänner, Könige, Feldherren und Gelehrten seien infolge der Ueberproduktion, deren Opfer sie geworden sind, nicht mehr geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die praktischen Engländer haben das erkannt und scheinen damit beginnen flu wollen, ganz neuartige Kriterien der Denkmalswürdigkeit aufzustellen. Man will jetzt nämlich in London dem kürzlich verstorbenen ,König derKöch e", einem Herrn Escoffier, dem unsterblichen Schöpfer jener köstlichen Süßspeise, die unter dem Namen „Pfirsich Melba" bekannt ist, ein seiner würdiges Monument setzen. Der Gramtsockel wird eine große Marmorschale in der Form der genannten Leckerei tragen und, wie billig, sollen darauf auch die übrigen gastronomischen Meisterschöpfungen des großen Mannes Erwähnung finden. Man darf vermuten, daß namentlich die von der Festtafel des Lebens Ausgeschlossenen, deren Arbeitsverdienst vielleicht gerade ausreicht, um sie vor dem Hungertode zu schützen, der neuen Denkmalsidee begeistert zustimmen und Herrn
Escoffier, deren Berühmtheit ihnen bisher unbegreiflicherweise entgangen war, fortan in dankbarer Erinnerung behalten werden.
Wenn der amerikanische Anthropologe Dr. O. Caldwell recht haben sollte, scheint die Menschheit, deren größte Vertreter nicht müde wurden, ihr eine glanzvolle Entwicklung in Aussicht zu stellen, einer bejammernswürdigen Zukunft entgegen^ zugehen. Der Gelehrte hat nämlich in einer viel beachteten Vorlesung in Neuyork feine Auffassung über den mutmaßlichen Weg des Menschen in der Erdgeschichte dahin formuliert, daß der Homo sapiens, den Gott in einer schwachen Stunde nach seinem Bilde geschaffen hat, heute im Begriff sei, sich zum Assen zurück zu entwickeln. Dr. Caldwell begründete seine Meinung mit dem Ueberhand- nehmen von Radio, Telephon und parlamentarischem Geschwätz. Der Mensch rede mehr, als ihm nützlich sei, und so bleibe denn weiter nichts übrig, als sich mit der Möglichkeit, daß wir in ferner Zeit wieder auf den Bäumen herumklettern, mutig vertraut zu machen. Das sind ja allerliebste Aussichten, aber ganz so schlimm wird es wohl doch nicht werden. Aus zwei Gründen. Erstens: um wieder Affe zu werden, muß der Mensch logischerweise doch erst einmal Affe gewesen sein, eine Annahme, die trotz aller anthropologischen Begeiste- runa für den Affenmenschen bisher nie ernstlich bewiesen werden konnte und selbst von Darwin (der es doch wissen mußte) in dieser Form bekanntlich nie vorgetragen worden ist. Zweitens: weil es durchaus nicht feststeht, daß die wirklichen Affen bisher ein besonderes Interesse für Radio, Telephon und Parlamentarismus an den Tag gelegt hätten. Wir möchten also glauben, daß der Mensch es nach wie vor ganz in seiner Hand hat, das zu bleiben, was er ist, und es im übrigen dem amerikanischen Gelehrten überlassen sollte, für seine eigene Person die Konsequenzen aus feiner Rückentwicklungstheorie zu ziehen.
Mutterdienst ist Volksdienst.
Der deutsche Muttertag wäre nichts, stünde hinter ihm nicht der lebendige Wille eines Volkes, der deutschen Mutter auch mit der Tat zu helfen. Denn was nützen Worte, Dankreden und Lobpreisungen, wenn die Tat ausbleibt? Bon diesem Gedanken ist die nationalsozialistische Volkswohlfahrt ausgegangen und hat ohne Besinnen und Zaudern und gleichsam aus einem Nichts das große Hilfs- werk „Mutter und Kind" geschaffen, von dessen Auswirkung und kultureller Bedeutung aber sich die wenigsten eine Vorstellung machen können.
Von zwei Grundforderungen ist dieses Hilfswerk jetzt ausgegangen: von der Verpflichtung der Volksgemeinschaft, an der Erhaltung und Gesundheit des Volkes mitzuhelfen: zum andern: durch diese Arbeit auch einen (kulturellen) Beitrag zu leisten an der Erziehung der deutschen Menschen zum Nationalsozialismus und zur Volksgemeinschaft. Aus der Fülle der Ausgaben soll hier, weil unsere Gedanken in diesen Tagen der deutschen Mutter gelten, nur das herausgegriffen werden, was im Rahmen dieses Hilfswerkes der Mutter unmittelbar zugute kommt. Doch zuvor: Wer ist es, der dieses gewaltige Werk in die Tat umsetzt? Welche Hilfskräfte arbeiten mit? Und wer gibt das Geld, damit dieser Mutterdienst gedeihen kann?
In jeder Ortsgruppe der NS.-Volkswohlfahrt gibt es eine Hilfsstelle „Mutter und Kind", die von einer Frau geleitet wird. In diesen 24 217 Hilfsstellen arbeiten rund 100 000 Helferinnen, fei es ehrenamtlich, sei es hauptamtlich. Wieviel Opfersinn muß im deutschen Volke leben, da es möglich war, gewissermaßen im Handumdrehen, diesen stolzen Heerbann treuer, einsatzbereiter Helferinnen aufzu- stellen, die nun schon seit zwei Jahren im Stillen wirken und schaffen? Dieser Opferbereitschaft der Volksgenossinnen stand die Opferbereitschaft des Volkes zur Seite. Durch vier öffentliche Sammlungen im Jahre 1934 und eine im Jahre 1935 wurden 14 293 244,25 Mark aufgebracht. Was über diese gewaltige Summe hinaus noch gebraucht wird, fließt dem Hilfswerk aus den Mitgliedsbei
trägen der NS.-Volkswohlfahrt zu. Aber auch die großen Mengen der Sachspenden dürfen nicht vergessen werden, die dem Mutterdienst zugeführt wurden.
Die Hilfe wird nicht wahllos und planlos gewahrt. Der Mutterdienst ist bewußt eine samilien- politische Maßnahme, die ihre hohe kulturelle Bedeutung hat. Da heißt es also Auslesearbeit zu treffen d. h. die erbgefunde deutsche Familie zu fördern und ihr allen Beistand zu geben. Grundsatz aber ist auch: daß diese Hilfe stets so bemessen ist, daß nach Erhebung des Notstandes die Familie in der Lage ist, sich aus eigener Kraft weiterzu- helfen. Denn dieses Hilfswerk „Mutter und Kind" will nicht zuletzt auch Erziehungsarbeit am deutschen Volke leisten. So werden z. B. den Müttern nicht immer fertige Kleidungsstücke übergeben, sondern diese werden in Verbindung mit der NS.- Frauenschaft in den Nähstuben durch die Mütter selbst hergestellt. Nebenbei: Da zur Lieferung der notwendigen Möbel, Betten und Haushaltungsgegenstände nur kleinere Handwerker oder die Heimindustrie herangezogen werden, so wirkt sich dieses Hilfswerk — wie überhaupt alle Zweige der NS.-Volkswohlfahrt — auef) bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen aus.
Gewaltig ist die Zahl der Familien, denen auf diese Weise im Jahre 1935 wirtschaftliche Hilfe gewährt wurde: Sie umfaßte 1 179 142 Familien mit 4 761295 Familienmitgliedern! Welche Entlastung, welcher Beistand, welch neuer Lebensmut wurde durch diese Hilfe den deutschen Müttern zu teil! Ganz besonders und aus erbbiologischen Gründen will das Hilfswerk den werdenden Müttern und den Wöchnerinnen dienen. Beratende und aufklärende Hilfe geht mit praktischer Hilfstätigkeit Hand in Hand. So wurden Schriften wie „Ratgeber für Mütter", die über Säuglingspflege und Kinderpflege unterrichten, kostenlos verteilt und Ernährungsbeihilfen während der Schwangerschaft und nach der Entbindung gewährt, aber auch Säuglingskörbe und Säuglingsausstattungen in reichem Maße zur Verfügung gestellt,
und endlich standen auch Haushelferinnen bereit, um in den Wochen vor und nach der Geburt den Haushalt der Mütter zu versorgen. Die Zahl der auf diese Weise betreuten werdenden Mütter und Wöchnerinnen betrug im Jahre 1935 genug 571 455 Mütter. Auch der ledigen Mutter wurde ge» halfen und zwar grundsätzlich in der gleichen Weise wie den ehelichen Müttern, nur daß hier, aus Gründen der Auslese, die Frage der Würdigkeit noch stärker geprüft wurde. Im Jahre 1935 wurden 32 765 ledige Mütter betreut. Welche Schicksals- wende für Tausende und Abertausende durch das große Hilfswerk „Mutter und Kind" herbeigeführt wurde, bedarf wohl keiner Beschreibung!
Als Letztes fei von der Betreuung der deutschen Mütter durch die Muttererholungssür- sorge berichtet. Auch hier Zahlen, die in die Tausende und Zehntausende, ja über die Hunderttausende hinausgehen. Im ersten Jahre des Hilfs- .werkes, also vom April bis Ende Dezember 1934, 'wurden 40 340 Mütter zur Erholung verschickt. Diese Zahl stieg im Jahre 1935 an und betraf 65 676 Mütter. Insgesamt genossen also 106 016 deutsche Mütter an 2 968 448 Erholungstagen die Segnungen körperlicher und seelischer Entspannung und Gesundung.
Man kann also sagen, daß der deutsche Muttertag das ganze Jahr währt! So wird aus der unablässigen Betreuung der hilfsbedürftigen deutschen Mütter dieser Mutterdienst zu einem Volksdienst, dessen Auswirkung für das Leben und die Kultur des deutschen Volkes unübersehbar ist.
Dr. —nd—
Kunst und Wissenschaft.
Kulturphilosoph Oswald Spengler t
Der Kulturphilosoph Oswald Spengler ist im Alter von 56 Jahren in München geworben.
Oswald Spengler wurde am 29. Mai 1880 in Blankenburg (Harz) geboren. Nach dem Studium der Mathematik und Naturwissenschaft wandte fick Spengler zunächst dem höheren Schuldienst zu, gab sein Amt aber bald auf, um sich ganz schriftstellerischen Arbeiten widmen zu können. Er ist der Verfasser mehrerer geschichtsphilosophischer Werke, unter denen „D e r Untergang des Abendlan - d e s" am weitesten bekannt wurde. Dieses zweibändige Werk erschien in den ersten Nachkriegs- jahren, die für die Untergangs- und Auslösungsprophezeiungen einer solchen Geschichtsbetrachtung , besonders empfänglich waren und das Spenglersche Werk eine ungewöhnlich große Verbreitung finden ließen. Von den weiteren Schriften Oswald Spenglers sind noch zu nennen: „Preußentum und Sozialismus", „Neubau des Deutschen Reiches" und „Politische Pflichten der deutschen Jugend", die sämtlich in den Jahren nach dem Zusammenbruch des Novembers 1918 entstanden sind.
Erwin Wittstock
gewinnt den volksdeutschen Schrifttumspreis.
Der volksdeutsche Schrifttumspreis, den die Stadt Stuttgart und das Deutsche Auslandsinstitut jährlich am 9. Mai, dem Todestage Schillers, verleihen, ist in diesem Jahre vom Vorsitzenden des Deutschen Auslandsinstituts in Stuttgart, Oberbürgermeister Dr. S t r ö l i n , dem Siebenbürger Dichter Erwin Wittstock für fein Werk „Sie Freundschaft von Kockel - bürg" zuerkannt worden. — Wittstock, ein Sahn der Siebenbürger Erde, ist bereits mit einer Reibe von dichterischen Arbeiten hervorgetreten. Mit seinem großen volksdeutschen Roman „Bruder, nimm die Brüder mit", in dem er von hoher dichterischer Warte aus den schweren Kamps der Siebenbürger Sachsen um die angestammte Scholle schil- dert, hat er sich einen besonderen Namen gemacht. Sein neuestes Werk „Die Freundschaft von Kockel- burg" zeigt in meisterhaften und packenden Szenen das innere Ringen von Menschen unseres Blutes und unseres Stammes um eine reifere und vertiefte Lebensgestaltung.
Schleussner m i * Garantieschein rum
In Memoriam Max Heger.
Ium 20. Todestage des Komponisten am 11. Mai.
Sommer 1911. An jedem Donnerstag sitzt im Nachtzug von Leipzig nach Meiningen ein großer starker Mann mit mächtigem Schädel und breiter Nase. Seine Augen blicken müde, aber er holt sein Notenskizzenbuch hervor und arbeitet unentwegt. Es ist der neue Meininger Kapellmeister Hofrat Professor Dr. Max Reger, und in diesen Nächten entsteht sein opus 125, die „Romantische Suite" nach Gedichten von Eichendorff für großes Orchester. Mittags ist er nach Leipzig gesah- ren, hat bis zum Abend im Konservatorium unterrichtet, in der Morgenfrühe wird er wieder daheim sein, dann warten Kapellproben, Korrespondenzen, Hofbesuche, Korrekturen — welch ein gehetztes Leben, welche Energie und Arbeitskraft in diesem begnadeten Künstler!
Sein Ausstieg war nicht leicht. Schon der Jung- ling, am 19. März 1873 im Fichtelgebirgsdors Brand als Lehrersohn geboren und 1889 aus der Weidener Präparandenschule als „insbesondere für die Musik sehr gut beanlagt" entlassen, komponiert während seines Sondershäuser und Wiesbadener Konseroatoriumsbesuches die ersten Sonaten. Man muh in der aufschlußreichen Sammlung feiner Briefe, die um diese Zeit einsetzen, blättern, um einen Begriff zu haben, wie Reger ständig um Anerkennung kämpft, wie er selbst zum rührigsten Propagandisten seines Schaffens wird. Da ist kaum ein Schreiben, wo er nicht Neuigkeiten ankündigt, Urteile, Empfehlungen haben, aufgeführt und gedruckt fein will. In Wiesbaden fand er einen getreuen Freundeskreis und in ihm feine Lebensgefährtin, die ihm stets der beste Kamerad blieb und ihm nach feinem Tode in ihren Erinnerungen „Mein Leben mit und für Max Reger" ein schönes Denkmal setzte, nachdem bereits Else von Hase- Koehler aus Regers Briefen ein unvergängliches Lebensbild zusammengestellt hatte, „Max Reger, Briefe eines deutschen Meisters" (beide Bücher bei Koller & Amelang, Leipzig).
Mitten im Trubel der Wagner-Epigonen und Drogramm-Musiker gingRegerunbeirrt seinen eignen Weg und wurde demzufolge angegriffen; man versuchte ihn totzuschweigen, hieb mit schlechten Kritiken auf ihn ein und wagte selbst ein Werk des bereits Anerkannten „Katzenmusik" zu nennen. Erst Meiningen wurde, nach Jahren in München und Leipzig, zum Höhepunkt seines Wirkens. Mit freudiger Unterstützung des kunstsinnigen „Theaterher
zogs" führte Reger die Hofkapelle au neuer Blüte und reifte mit ihr durch ganz Deutschland — aber es war nur eine kurze Frist, Reger mußte aus Gesundheitsgründen seinen Abschied nehmen. Der Krieg brach aus, und Regers zogen nach Jena. Zwei Jahre später, am Morgen des 11. Mai 1916, ereilte ihn im Leipziger Hotel Hentschel ein Schlaganfall.
Im besten Mannesalter aus seinem Schaffen gerissen hat Reger doch ein unvergängliches Lebenswerk hinterlassen. Er hatte den Mut, auf die schlichte
(Scherl-Bilderdienst-M.)
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M b
Größe Bachs zurückzugreifen („Bach bedeutet Anfang und Ende aller Musik!"), und er selbst wurde der bedeutendste Orgelkomponist seit dem einzigartigen Thomaskantor, wobei er die Freude erfuhr seine Werke an jener geweihten Stätte durch den Freund Karl Straube aufgeführt zu hören. Bereits 1895 schreibt Reger an B u s o n i: „Wie soll die heutige, mit Tannhäuser und Tristan geschwängerte Jugend überhaupt zu einem richtigen Verständnis von Bach kommen? Gerade die neu aufwachsende Generation sollte man überall immer und immer wieder an den Urquell musikalischen Schassens und göttlichster Kunst — Johann Sebastian Bach — Hinweisen."
Neger war alles andere als ein „Bohemien". Wie er intensiv für fein Schaffen warb, so wußte er es auch geschäftlich auszuwerten. Er war ein
guter Familienvater und rechnender Haushalter, der allerdings durch seine Aemter und Konzerte recht ansehnliche Einnahmen hatte. Aeußerliche Künstlerallüren oder Lobhudelei verschmähte er und schrieb einmal an seinen Freund und Lehrer Adalbert Lindner: „Ich bitte dich, den Ausdruck Genius nicht mehr zu gebrauchen. Ich glaube an keinen Genius, sondern an feste stramme Arbeit."
Wie sehr Reger um das Wohl seiner Berufskameraden besorgt war, bewies feine außergewöhnliche Anhänglichkeit an die Meininger Hofmusiker, als diese im Krieg, soweit sie nicht Dauervertrag hatten, brotlos wurden: Reger stellte sich trotz Krankheit und Arbeitsüberlastung zur Verfügung und dirigierte die Konzerte zugunsten der Kapellisten. Noch mehr strengten ihn die anderen Reisen an. „Es ist doch toll, was Deutschland trotz des Krieges für einen Musikhunger hat!" schreibt er an den Leipziger Freund Anschütz. Daß er selbst als völlig untauglich zum Frontdienst zurückgewiesen wurde, hatte ihn sehr enttäuscht und verletzt.
Auf der letzten Seite des oben erwähnten Briefbandes findet sich ein Schreiben Hans Thomas an die verwitwete Frau Elsa Reger, worin der Maler treffende Worte über den Musiker sagt: „Ich kenne meine Deutschen und weiß, daß ihnen deutsches Wesen, wo es in seiner Tiefe sich äußert, im Anfang seines Erscheinens ganz fremd, ja sogar verhaßt ist. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, Max Reger war eine der sieghaften Seelen, die aus Felsgestein deutschen Wesens edle Kristalle bildete."
Klaus E. Boerner.
Kunstausstellung im Gladtthealer.
Seit gestern befindet sich in den Wandelgangen und im Foner des Gießener Stadttheaters eine neue Ausstellung von Arbeiten einheimischer Künstler: Lotte D r o e s e und Hellmut Mueller- L e u t e r t zeigen Oelgemölde, Aquarelle und Handzeichnungen. Das ergibt eine, wie wir finden, ungewöhnlich harmonische Zusammenstellung. Die hier vereinigten Bilder liegen — unbeschadet einer charaktervollen Individualität der beiden künstlerischen Temperamente — etwa auf der gleichen Ebene und ergänzen sich in Vorwurf und Auffassung, auch im Technischen sehr glücklich. Uebrigens handelt es sich, mit ganz wenigen Ausnahmen, in beiden Fällen um neue, jedenfalls noch nicht öffentlich ausgestellte Arbeiten. Die Theaterbesucher seien nachdrücklich auf die Ausstellung hingewiesen, die Besucher der Sonntagmorgen-Veranstaltung im Besonderen, da sich die Bilder im Tageslicht naturge
mäß vorteilhafter präsentieren als abends bei künstlicher Beleuchtung. Ohne ausführlicher auf Einzelheiten einzugehen, wozu uns heute der Raum mangelt, möchten wir von Lotte D r o e f e s Arbeiten den repräsentativen, dunkel leuchtenden Tulpen- strauß hervorheben, die beiden kleinen, farbig kultivierten Stilleben (Aepfel; Kastanien), bas „Fischermädchen" und die sehr durchgearbeiteten Porträt- Handzeichnungen. Von Mueller-Leutert, der sich im Malerischen immer mehr lockert und verfeinert, nennen wir eine reizvoll getönte, stimmungsvolle Vorfrühlingslandschaft (an der Lahn), ein lebhaftes, kleines Aquarell („Häuser"), die „Steilküste bei Niehagen" und das noble Bildnis „Gärtnerin". —y—
Oie Narrenkappe.
Guter Rat an Paderewski.
Der berühmte polnische Pianist Paderewski hatte eine mächtige Mähne auf seinem Haupte. Sie trug ihm einmal in Amerika einen scharfen Tadel ein. In Boston, vor seinem Hotel, sprach ihn eines Morgens ein Straßenbengel an, ob er dem Herrn nicht die Sttefel putzen dürfe. Paderewski lehnte die Dienste dieses geschäftstüchtigen Knaben ab; da er aber sah, daß dieser Bengel von Schmutz starrte, sagte er zu ihm:
„Du siehst ja aus wie ein Schwein; wenn du dir da drüben am Brunnen dein Gesicht schön sauber wäschst, schenke ich dir einen halben Dollar."
Der Bengel tat, wie ihm geheißen, und war sofort wieder da, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen. Paderewski gab ihm den halben Dollar; der Bengel aber, doch wohl ein bißchen in seinem Stolz gekränkt, sah sich seinen Gönner aufmerksam von oben bis unten und wieder von unten bis oben an und sagte dann zu ihm:
„Wissen Sie was? Nehmen Sie das Geld wieder und lassen Sie sich dafür mal die Haare schneiden!"
Es ist leider nicht überliefert, wie dieser edle Wettstreit ausgelaufen ist. A. P. P.
Entweder — ober.
Es gab kaum einen weniger musikalischen Menschen als den amerikanischen General Grant, den Oberstkommandierenden des Nordstaaten-Heeres gegen die Südstaaten. Nur wenn seine gesellschaftliche Stellung das unbedingt verlangte, besuchte er ein Konzert. Er hat einmal selber von sich gesagt: „Ich kenne nur zwei Melodien. Die eine ist der Pankee-Doodle (die amerikanische Nationalhymne), die andere ist es nicht."


