Nr. 6 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 8. Januar 1936
Die Wehrmacht Hilst dem WHW.
Großkonzert zu Gunsten des Gießener Winterhilfswerks.
Die Musikkorps des Infanterie-Regimentes 36, des II. Bataillons des Infanterie-Regimentes 57 und des III. Bataillons des Infanterie-Regimentes 87, gemeinsam mit den Spielmannszügen des Infanterie-Regimentes 36 und des III. Bataillons Infanterie-Regimentes 87 veranstalten im Gebiet der 9. Division in den Tagen vom 10. dieses Monats ab eine Reihe von Großkonzerten zu Gunsten des Winterhilfswerkes. Die Konzerte stehen unter der Leitung unseres beliebten Obermusikmeisters Ernst K r a u ß e.
Dank des Entgegenkommens der Wehrmacht wird Obermusikmeister K r a u ß e mit den vereinigten Musikkorps sein Programm auch der Gießener Bevölkerung oorführen. Das für Gießen vorgesehene Großkonzert findet am Schluß der Konzertreise, am
20. Januar, 20.15 Uhr, im Gloria-Palast Gießen, Seltersweg, statt. Im ersten Teil des Programms wird auserlesene Streichmusik geboten, unter Mitwirkung des Pianisten Herrn Ludwig Kaiser aus Kassel, der das Klavierkonzert in Es'-dur von Beethoven bringen wird. Der zweite Teil des Programms umfaßt eine Auslese schönster und schneidigster Militär-Märsche.
Der Kartenooroerkauf für die Veranstaltung durch die Dienststellen des Winterhilfswerks wird in den nächsten Tagen beginnen. Bei der Güte des Programms und der bekannten Leistungsfähigkeit unserer Militär-Musiker ist damit zu rechnen, daß der Andrang zu diesem Konzert recht stark wird. Es versorge sich daher jeder rechtzeitia mit Karten!
Die Kreisführung des WHW. Gießen.
Schaufensterwettbewerb für junge Kaufleute.
Im Rahmen des 3. Reichsberufswettkampfes der deutschen Jugend wird in der Woche vom 9. bis 16. Februar als Teilaufgabe ein Schaufensterwettbewerb durchgeführt. Der junge Kaufmann aus den Einzelhandelsgeschäften wird in ganz Deutschland zu diesem Wettbewerb aufgerufen Es soll ihm dadurch die Möglichkeit geboten werden, die im Schaufenster liegenden Werbemöglichkeiten für den Verkauf zu erkennen und unter Beweis zu stellen, ob und in welchem Ausmaß er sie erfolgreich auszunutzen befähigt ist.
Es wird bei diesem Wettbewerb der Jugend ganz besonderer Werl darauf gelegt, daß sich nicht nur die großen, sondern auch die vielen mittelgroßen und kleinen Einzelhandetsbetriebe daran beteiligen.
Der vor den Augen der Oeffentlichkeit sich abwickelnde Schaufensterwettbewerb wird in ganz besonders starkem Ausmaß Ehrgeiz und Schaffensdrang unserer jungen Arbeitskameraden anspornen. Sie werden sich regen, werden planen und überlegen, wie durch das Schaufenster neue Verkaufserfolge ihres Geschäftes errungen werden können.
Das Schaufenster hat eine nicht unwichtige volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein zugkräftig dekoriertes Schaufenster bringt Umsatzbelebung und Ab
satzsteigerung und gibt dadurch der Gesamtwirtschaft neue Arbeitsmöglichkeit.
Die Inhaber von Einzelhandelsgeschäften werden gebeten, dem Schaufensterwettbewerb die entsprechende Unterstützung durch Zurverfü- gungstellen von Schaufenstern zuteil werden zu lassen.
Der junge Kaufmannsnachwuchs aus den Ein-- zelhandelsgefchäften wird sich der Ehre würdig erweisen, zu diesem großen Wettstreit der schaffenden deutschen Jugend in einer Teilaufgabe vor der Oeffentlichkeit antreten zu dürfen und wird sich geschlossen an dem Schaufensterwettbewerb beteiligen.
Heil Hitler!
Leitung Berufswettkampf, Dr. Rich. S ch m i d t.
Leitung Schaufensterwettbewerb, W. M e r t e s.
Erika Lich, Untergausozialstellenleiterin des VdM. Heid, Bannsozialstellenleiter der HI. Horst, Wirtschaftsgruppe Einzelhandel.
Schimmel, Betriebsgemeinschaft „Handel" und RS.-Hago. Dr. Römer, Reichsfachschaft 6, Kaufm. Berufs- und Fachschulen des RSLB.
Aus her provinzialhauptstaht.
Warum ich ein Mann sein möchte...
Denken Sie doch mal fünf Minuten nach:
Mit fünfzig, ja selbst mit sechzig ist der Mann immer noch so jung, „wie er sich fühlt", und wenn er dann gar noch leidlich aussieht und ein paar Tanzschritte stolpern kann, ist er ein Wesen, das noch ernstlich in Frage kommen kann!
*
Der Mann hat keine Sorgen, welche Dauerwellenrundung er seiner Haarfülle verleihen soll. Wenn er noch ein paar Fäden hat, die er über die polierte Fläche seines Schädels legen kann, gilt er als frisiert!
*
In einer Hosentasche und zwei Brusttaschen trägt er alles bei sich, was er für den Lebenskampf notwendig hat, was er für Arbeit und Flirt, für Haus und Gesellschaft braucht.
*
Er bewegt sich lebhaft in Gesellschaft und nichts fällt ihm von den Schultern, nichts rutscht ihm von den Hüften und nirgends reißt etwas, oder schaut gar hervor.
♦
Er streicht sich seine Haare nach hinten, wirft sich einen dunklen Anzug über, bindet sich eine kleine Kravatte um und gilt als angezogen!
*
In den Gaststätten wird er viel aufmerksamer bedient, als sämtliche Frauen. Die Kellner eilen auf seinen Wink, als sei er der Besitzer.
*
(Fr lebt eigentlich außerhalb seiner eigentlichen Verantwortlichkeit. Ist er schlecht angezogen, zeigt er Unarten, macht er Seitensprünge, kommt er zu spat ins Geschäft,---alles fällt auf die Frau
zurück.
*
Wahrlich, es ist schon erstrebenswert, ein Mann 3u sein! M. A.
Vornotizen.
Tageskalender Für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": ab 20.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 15 bis 16 Uhr Hallentennis in der Volkshalle. — RSLB., Kreis Gießen, Fachschaft Körperliche Erziehung (Lehrerinnen): 15.30 Uhr in der Turnhalle der neuen Pesta- lozzischule, Pflichtarbeitsgemeinschaft. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Die Tanzgräfin" — Gloria- Palast, Seltersweg: „Helene", auf der Bühne Antonio Bazzanella. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Stradivari". — Cafe Leib: 20 Uhr heiterer Werbeabend für neuzeitliche Küchenführung. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 11 bis 18 Uhr Ausstellung des Künstlerbundes „Isar".
Stadttheater Gießen.
Heute von 19.30 bis 23 Uhr die Tanz- und Schlageroperette „Die Tanzgräfin" von R. Stoltz. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer; Spielleitung: Paul Wrede; Tänze: Thery Schultheis. Als Gast Lissy Chilla vom Operettentheater Stuttgart. 13. Mittwoch-Abonnement.
Deutsche Ar-beitsfronl
Zusätzliche Berufsschulung der DAF.
Die R ä h k u r s e in der DAF. finden wieder statt, und zwar Montags und Mittwochs von 20 bis 22 Uhr. Anmeldungen werden noch entgegengenommen. Als Unkostenbeitraq werden 20 Pfq. pro Abend erhoben.
Die Koch kur se der zusätzlichen Berufsschulung fallen für kurze Zeit aus, ihr Wiederbeginn wird an dieser Stelle noch bekanntgegeben!
Landschastsbund Volkstum undHeimat.
Kreisring Gießen.
Die Landschaftsleitung übersandte schon vor Weihnachten allen Ortsringleitern eine frankierte Meldekarte, die nach Eintragung der Mitgliederstärke für Januar bis Ende Dezember an die Kreisringlei
tung einzusenden war. Einige Ortsringleiter sind dieser Aufforderung bis heute noch nicht 'nachgekommen. Die noch ausstehenden Meldekarten sind s o - fort ausgefüllt an die Geschäftsstelle des Landschaftsbundes, Darmstadt, Neckarstraße 3, einzusenden, weil die Gesamtaufstellung, soweit sie vorlag, bereits vom Kreisring an die Landschaftsleitung wei- terqegeben wurde.
Bei Nichtbefolgung kann für eine pünktliche und richtige Zustellung von „Volk und Scholle" im Monat Januar an die säumigen Ortsringleiter nicht garantiert werden.
Gportamt „Krast durch $reuöe".
Das neue Vierteljahres-Sportprogramm ist kostenlos auf der Kreisdienftftelle, Schanzenstraße 18, erhältlich. Es gibt Auskunft über die Dauer und Kosten aller Kurse.
Für die Reitkurse können noch Anmeldungen abgegeben werden. Es laufen Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Auch für Hallentennis werden noch Anmeldungen entgegengenommen. Heute beginnt folgender Kursus:
Allgemeine Körperschule, für Frauen und Männer. Von 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26. Vorherige Anmeldung nicht erforderlich.
An die Sportwerbewarte der Ortsgruppen und Betriebe!
Das neue Sportprogramm muß umgehend auf der Kreisdienftftelle abgeholt und zur Verteilung gebracht werden.
Die Schule für technische Assistentinnen an medizinischen Instituten in Gießen.
Im Rahmen der Kliniken der Universität Gießen wirkt seit Mitte 1930 eine Schule zur Ausbildung technischer Assistentinnen an medizinischen Instituten, die bisher schon vielen jungen Mädchen den Weg zu einem schönen und auch wirtschaftlich nutzbringenden Beruf geebnet hat. Diese Schule für technische Assistentinnen am medizinischen Instituten steht unter der Leitung der Pharmakologen an der Universität Gießen und Direktors des Pharmakologischen Instituts Prof. Dr. Hildebrandt. Die Schülerinnen werden auf den verschiedensten Gebieten ihres späteren Berufes in zweckmäßig aufgebauten Kursen theoretisch und praktisch geschult, am Schlüsse ihrer Ausbildung müssen sie durch die staatlich vorgeschriebenen Prüfungen gehen, deren Bestehen ihnen durch Bescheinigungen bestätigt wird. Seit Beginn der Arbeit der Schule haben 95 Mädchen die Ausbildung als technische Assistentinnen an medizinischen Instituten durchlaufen, 22 Mädchen befinden sich gegenwärtig in den verschiedenen Kursen in der Ausbildung. Die beruflichen Aussichten für technische Assistentinnen an medizinischen Instituten sind gegenwärtig und auch auf absehbare Zeit sehr günstig. In der jüngsten Zeit z. B. standen erheblich mehr
offene Stellen für technische Assistentinnen an medizinischen Instituten zur Verfügung, als Bewerberinnen vorhanden waren. Bei dieser Sachlage sind die Möglichkeiten für junge Mädchen, auf diesem Wege zu einer interessanten und auch wirtschaftlich befriedigenden Tätigkeit zu gelangen, sehr günstig. In gleichem Maße aussichtsreich ist die weitere Aufwärtsentwicklung der Schule zur Ausbildung technischer Assistentinnen an medizinischen Instituten im Rahmen der Kliniken der Universität Gießen.
Rechnungsrat i.2R. Jochim 89Zahrealt.
Am kommenden Freitag, 10. Januar, kann der Rechnungsrat i. R. Ludwig Jochim, Kaiserallee 139, seinen 89. Geburtstag feiern. Herr Jochim ist gebürtiger Schottener und der einzige VHCer, der bei der Gründung des ersten VHC. in Schotten mit dabei war. Er weiß noch recht lebendig davon zu erzählen, wie er mit einem Freunde den Gedanken erwog, einen Heimatverein zu gründen, da schon in der damaligen Zeit der Hoherodskopf viel besucht war und der Vogelsberg viele Wanderfreunde
hatte. Der Gedanke, den Vogelsberger Höhen-Club zu gründen, zog denn auch bald weitere Kreise, und am 21. Juni 1881 wurde der Verein Schotten des VHC. gegründet. Herr Jochim nahm an dieser Gründungsversammlung teil.
Der hochbetagte Mann war 40 Jahre lang Geometer für den Kreis Schotten und kannte den Vogelsberg in allen seinen Teilen. Er erzählt heute noch davon, wie er durch seine Tätigkeit, besonders bei Vermessungen im Oberwald, häufig lange marschieren mußte, um dorthin zu kommen, wo er mit seinen Vermessungsgehilfen zu tun hatte. Stundenlange Fußmärsche waren nötig, denn Omnibus-Verbindungen gab es damals im Vogelsberg, wie auch anderwo noch nicht, und die Eisenbahn konnte er ebenfalls nur in den seltensten Fällen benützen. So kannte Herr Jochim im Vogelsberg bald jeden Baum und Strauch und lernte die Heimat lieben und schätzen. Zu seinem großen Leidwesen ist es ihm, dem 89jährigen, heute nicht mehr möglich, noch einmal hinaufzusteigen auf den Hoherodskopf.
Als Herr Jochim nach 40jähriger Tätigkeit aus dem Amte schied, wurde er zum Rechnungsrat ernannt. Seine Verdienste fanden ihre äußere Anerkennung durch die Verleihung des Ritterkreuzes 2. Klaffe durch den damaligen Großherzog Ernst Ludwig. Der hochbetagte Mann, der in der Hausgemeinschaft mit seinem Sohne und seiner Schwiegertochter lebt, ist noch sehr rüstig und vermag im Haus und in seinem Garten noch manche wertvolle Arbeit zu verrichten.
Unser Bild zeigt den 89jährigen in einem Gemälde, das der Gießener Ludwig I o st vor wenigen Jahren anfertigte. (Photographische Reproduktion: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Der wilde Kesselschmied.
Von Heinrich Lersch.
In Stuttgart wurde uns zu IDritt Arbeit angewiesen; wir bekamen vom Arbeitsnachweis eine Freifahrkarte ausgestellt, die uns auch richtig an den bestimmten Ort brachte. Wir waren alle monatelang getippelt und kamen nun in eine neueingerichtete Werkstatt, die aber wie eine Fabrik, ausgestattet mit den modernsten Maschinen, ausgefuchste Akkordlöhne hatte.
Die Arbeitsordnung wurde streng eingehalten. Uns Jungens machte das nicht viel Beschwerden. Der Hamburger war an ein freies Arbeiten auf den Schiffswerften gewöhnt; er konnte die Kontrollblicke des Meisters nicht ertragest, sich dem Rauchverbot nicht fügen, und kam, um nicht immer fo ganz pünktlich fein zu müssen, lieber eine Viertelstunde zu früh ans Werk.
Vierzehn Tage ging das schon so und wir freuten uns auf die erste Lohnzahlung, wir waren schmählich abgerissen. Nach vierzehn Tagen sollten wir uns mit dem Mädchen bei den Eltern vorstellen; sonst war es in diesem braven, kleinen Städtchen schon mit der Liebe aus.
Freitagabend brannte die Löhnung in der Tasche. Zu Hut und Schuhen mußte sie langen, zu neuem Hemd und Kragen. Mir fielen außerdem die Arbeitskleider vom Leibe und ich erwarb einen schändlich teuren, blauen Leinenanzug.
Der Samstag sah mich wieder mit leeren Taschen. Am Nachmittag hörte ich den Hamburger mit dem Schwaben überlegen, ob sie doch nicht lieber die Füße in die Hände nehmen sollten, jetzt, ehe noch die Wirtsfrau den größten Teil des Logisgeldes verschlungen hätte. Der Schwabe wollte nicht. Also kam der Hamburger um drei Uhr von seiner Arbeit zu mir und frug mich, ob ich mitmachte. Der Schwabe sei zu geizig. Der wolle sich hier reich arbeiten. Ich erklärte ihm, daß mir mindestens kündigen müßten, um unfern Lohn ganz ausgezahlt zu bekommey. Doch davon wollte der Hamburger nichts wissen. Er wollte diesen Dickköpfen in einer Stunde die Hölle so heiß machen, daß sie ihn gern laufen ließen, ohne Kündigung, bei voller Auszahlung selbstverständlich. Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern ging stracks zum Meister und bat ihn, am Nietwärmofen stehend, um ein Streichholz für seine Mutzpfeife. Peinlich berührt ging der Meister weg. Nun setzte sich der Hamburger mitten in die Werkstatt, schmökte und sagte den Helfern, die einen Kessel umlegten, sie sollten mit ihrem Apparat um ihn herumfahren. Er dürfe
nicht gestört werden. Als er diese Kollegen lange genug am Arbeiten gehindert hatte, ging er auf das Kontor. Wir hörten ihn bis in die Werkstatt hinein krakeelen. Als er zurückkam, ging er zum Meister hin und sagte ihm, er habe ihm den braven Schwaben hiergelassen und nur für sich und den Rheinländer gekündigt; in einer Stunde seien die Papiere fertig. Er warf einen kleinen Holzklotz vor den Boden des Kessels, an dem ich klopfte, und winkte mir, ihm zu folgen.
Der Hamburger ging nach draußen. Es dauerte fast eine Stunde, ehe er wiederkam Hinter ihm her, mit gezogenem Säbel, ein Gendarm. Zwei Schutzleute postierten sich am Ausgang. Der Hamburger sprang auf einen hohen Kessel und lachte sie aus. Der Gendarm forderte Meister und Gesellen auf, ihnen zu helfen: „Er hat sich strafbar gemacht, in der Schenke von Häbele hat er einen Tisch zerschlagen, das Flaschenregal heruntergerissen und mit Stühlen nach Wirt und Gästen geworsen. Dann hat er in der Hauptstraße in den Schaufenstern die Spiegelscheiben, eine nach der anderen mit der bloßen Faust kaputtgehauen Er muß unbedingt verhaftet werden!"
„Dann schießt mich nur herunter!" schrie der Hamburger, „lebendig kriegt i£r mich nicht!" Er stand auf dem Kessel und lachte wild über die Maschinen hin. Die Belegschaft hockte in den Ecken herum, die Beamten schrien und forderten uns auf, ihn festzunehmen. Niemand mochte anpacken, denn er war kein übler Kamerad gewesen. Eine Viertelstunde stand er da, — kein Mensch wußte Rat. Da stieg er von selber herunter, brüllte die Schutzleute an und verlangte, sie sollten den Meister festnehmen, weil er ihm nicht sofort die Papiere besorgt hätte. Es sei ein Verbrechen, einen Kesselschmied für ein paar Mark Lohn an die Arbeit zu locken. Sie sollten ihm nur auf dem Büro die paar elenden Kröten holen, dann haue er wieder auf die Walze ab. lieber solche Frechheit staunten die Schutzleute, und die Gelegenheit benutzte der Hamburger, durch das Tor zum Garten hinaus zu entwischen.
Der Meister lief den Beamten nach. Als er nach einer Viertelstunde zurückkam, sagte er, daß sie ihn mit auf die Wache geschleppt hatten. Dann kam er zu uns, und frug, ob wir nicht eine halbe Nacht überarbeiten wollten. Die Kessel mußten vor Montag noch aus der großen Werkstatt hinaus. Mir war es gewiß recht, und da alle mitmachten, ging die Arbeit oorqn, als wenn nichts geschehen wäre.
Ich mußte immer an meinen lustigen Hamburger denken, der sich jetzt bei den Göttern zu verantworten hatte. Aber, das wußte ich auch, wenn man
ihm frech wurde, dann verfiel er wieder in die Wildheit. Mir war, als müßt ich zu ihm auf das Amt gehen und vernünftig mit ihm und den Herren reden. Bei der eintönigen Arbeit brannten sich die Gedanken fo in mein Hirn ein, daß ich dem Meister sagte, ich wolle eben in mein Quartier laufen, um Abendbrot aufzubestellen. Ich hätte es für sechs Uhr richten lassen, und ich käme doch erst um acht Uhr zum Essen.
Es war ein Spruiig bis in mein Quartier, und nun saß ich auf meinem Zimmer und wußte nicht, was ich tun sollte. Zum Amt gehen, das war unsinnig, er würde sich schon selber helfen. Aber, dann nannte ich mich einen schlechten Kameraden, bis mir die Tränen in die Augen kamen.
Da lief ich, wie gehetzt, zum Amt. Es war nur ein alter Beamter da. Der sagte, der rabiate Mensch tobe in feiner Zelle. Ich ließ ihm meine Zigaretten da und ging, recht bedrückt, in die Fabrik zurück. Vor dem Tore hatte sich ein Menschenhaufen an- gesammelt. Da: der Meister, eine Bahre „Der Schwab!" sagte der Pförtner, „er ist tot!" Drei, vier Verwundete mit verbundenen Köpfen kamen hinterher. Ich ging in die Fabrik zurück, — da lag der Kran an der Erde. Das halbe Dachgerüst hing herunter. Auf den Feilbänken lagen ein paar Schwerverwundete. Ich lief von Mann zu Mann. Da kam ein Schreiber und brachte mir meine Papiere. Der Hamburger hatte sie für mich mitmachen lassen. Der Schwabe war tot, er arbeitete im selben Abschnitt wie ich und der Hamburger. Wir arbeiteten mit demselben Kran unter derselben Kranbahn. Wär ich mit dabei geblieben, hätte er auch mich erschlagen. Der Pförtner, ein alter Kesselschmied, drückte mir die Papiere in die Hand: „Nimm sie, Junge! Geh weg aus der neuen Bude! Da ist noch manche Schraube, die nicht festgerostet ist. Neu Werk ist unsicher Werk! Schad um den Schwaben, hätte den Hamburger treffen sollen, den Taugenichts! Aber das ist es ja, als ob die Maulhelden und Saufause unter Gottes besonderem Schutz ständen. Na, willst du nit?"
Mit diesen Worten drängte er mir die Papiere auf. Ich ging und packte den Rucksack. In der Morgenfrühe des Sonntags marschierte ich auf die Berge und ruhte nicht eher aus, als bis ich inderSchwarz- waldeinsamkeit unter den großen Tannen lag. Ich brauchte drei Wochen bis Straßburg, ging im Dezember in den Schwarzwald zurück und bekam in Oberkirch in einer kleinen Brückenbauwerkstatt Ar- beit.
3U Anfang März faßen wir unterm Schuppen beim Frühstück und sahen auf die schneebedeckten Berge. „Da schaugstl" sagte der Schlosser und drückte
mir eine Zeitung in die Hand. „Was Kesselschmiede für Herrschaften sind!" In großgedruckter Schlagzeile stand über eine Gerichtsverhandlung: Der wildgewordene Kesselschmied. Dann folgte der Bericht. Seine Untaten wurden gebührend besprochen, seine Flucht und Verhaftung. Das Urteil lautete auf neun Monate Gefängnis. Nun wußte ich bestimmt: der Hamburger hatte die Katastrophe geahnt, gerochen, wie ein Stier den Blutdunft des Schlachthauses von weitem schnuppert und wild wird, weil es da hinein soll. Dem Hamburger begann das Blut zu wühlen, es trieb ihn fort aus der Werkstatt. Er kühlte feine Unruhe mit Schlägerei in der Schenke, und als das nicht genügte, an den Schaufenstern des kleinen Warenhauses aus. Inzwischen schlug der Kran den braven Schwaben tot. Er hätte sicher auch seinen Sarg lieber mit den neun Monaten Gefängnis des Hamburgers oder mit meiner Ruhelosigkeit vertauscht. Weil ich auch wieder kurzatmig war, ließ ich mir meinen Krankenschein geben. Der Arzt schrieb mich krank; ich ging auf mein Zimmer und schrieb mir das Elend in Gedichten vom Leib. Als Anna sie las, sagte sie: „Dann wirst du wohl nicht mehr lange bleiben — Luftveränderung?"
„Ich könnte den Koksqualm in den Glühöfen nicht vertragen!" antwortete ich, „das hat auch der Doktor gesagt'"
„Wo willst du hin?" frug sie.
„Dem Qualm aus dem Weg gehen, bis ich wieder gesund bin. Auf der Straße wehte der Wind die Krankheit fort. Die Straße hat mir immer wieder geholfen!"
So zog ich über den Kniebis nach Schwaben hinein.
Oie $rou im Löwenkäfia.
Als die kleine Patricia Bourne noch in Lancashire in einem Kinderballett tanzte, ahnte sie nichts davon, daß sie späterhin in einem Löwenkäfig auftreten tperöe. Nach Beendigung ihres Studiums schloß sie sich einer Cowboytruppe an, mit der sie an ein französisches Zirkusunternehmen verpflichtet wurde. Zu den Nummern gehörte dort auch eine Dressur- oorfübrung von Löwen, für die sich die kleine Engländerin bald mehr begeisterte ajs für ihre Tanzkunst. Sie bat den Löwenbändiger, ihr seine gefährlichen Künste zu zeigen, und heute steht sie als Zweiundzwanzigjähriae in einem Käfig voll wilder Löwen. Als man sie fragte, ob sie sich denn nicht fürchte, erklärte sie lachend: „Bestimmt nicht, solange ich auf meinen Füßen stehe. Und wenn ich einmal hinfallen sollte, bann würde ich wahrscheinlich wenig Zett zum Fürchten haben


