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ttr. 235 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

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Mittwoch, r. Oktober 1956

Julius Gömbös

Trauernd steht neben der ungarischen Nation auch das deutsche Volk an der Bahre eines Mannes, der einer Der ersten Führerpersönlichkeiten unter' oen europäischen Staatsmännern war und der den Weg der internationalen Politik in den letzten Jahren entscheidend mitbestimmt hat. Julius Gömbös, Einiger seines Volkes und Regierungschef in einer Person, starb auf deutschem Boden. Das erscheint uns wie ein Symbol dieses Lebens, das in einer schwäbischen Gemeinde Ungarns begann und im wiedererstandenen Einheitsreich der Deutschen endete. Ein Symbol deshalb, weil es nicht nur die engen freundschaftlichen Beziehungen unterstreicht die stets zwlchen den beiden Völkern vorhanden waren, sondern weil es auch Sinn und Aufgabe der ungarischen Erneuerung selbst kennzeichnet. Denn genau so wie Hitler und Mussolini sich von den Bindungen eines vergangenen Zeitalters lösten, so überwand auch Gömbös von innen heraus die po­litischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vor­urteile, unter deren Zwang die übrige Welt noch dahindämmert. Niemals aber hat Gömbös, so we­nig wie der Nationalsozialismus oder der Faschis­mus, sich die Ideen seines Aufbauwerkes von außen geliehen. Auch er kämpfte gegen den Liberalismus als mögliche Grundlage eines Staates, auch er räumte die Klassenschranken hinweg, die sein Volk zu zerspalten drohten, auch er trat ein für die Versöhnung der Berufe und Stände, der Armen und Reichen, auch er entschied sich für eine volks­nahe, aber autoritäre Regierungsführung, aber er tat dies alles aus sich heraus, aus der Er­kenntnis der spezifisch-ungarischen Lebensbedingun­gen. Wenn deshalb seine persönliche Laufbahn und seine Politik manche Ähnlichkeiten mit der deut­schen oder italienischen Entwicklung nach dem Kriege aufweisen, so ist das nur ein Ausdruck jener großen Zeitwende, jenes gewaltigen Umwandlungsprözesses, in dem sich die Völker und Staaten heute befinden.

Sein politisches Glaubensbekenntnis hat Gömbös in seinen Reden und Schriften oft genug verkündet, am schönsten vielleicht in jener ersten Ansprache, die er am 1. Oktober 1932 als Ministerpräsident vor den Vertretern der Presse hielt und in der es heißt:Ich will der Führer und der Bau­meister der neuen Generation sein. Wir, die wir den Krieg mitgemacht haben, lernten das Leben und die sozialen Hebel besser kennen, als an­dere, da wir in einer Reihe gekämpft haben mit jenen, die ihr Brot mit schwieliger Faust erarbeiten, und auch mit jenen, die Jahrhunderte hindurch das Fundament der Nation gebildet haben. Dort >m Kriege haben wir erkannt, daß Großes nur dann gemistet werden kann, wenn wir alle zusammen in Manneszucht und einmütig großen Zielen ent­gegenstreben. Als Bruder fordere ich jedermann zur Mitarbeit auf. Ich bin überzeugt, daß jeder Ungar eines Willens mit mir ist."

Immer wieder ruft er feine Volksgenossen zur Einigkeit und zur Gemeinschaft auf, so am 13. Juli 1933 vor dem Oberhaus:Wenn jeder Ungar sich dessen bewußt wird, daß alles für die Nation ist und nichts für die Parteien, alles für die Institutionen und nichts für die Einzelnen, weil ja auch die Nation in die­ser komplizierten europäischen und weltpolitischen Lage nicht irregehen." Die Tatsachen haben nach­träglich immer wieder bewiesen, daß Gömbös nicht nur zu mahnen und zu predigen verstand, sondern daß er ein Mann der T a t war, der nach sei­nen Worten handelte und als Erfolg verbuchen konnte, was er einst von sich und seinem Volke ge­fordert hatte. Klar erkannte er die unglückliche Läge Ungarns nach dem Vertrage von Trianon. In diesem Diktat sah er das Grundübel der ungari­schen Machtlosigkeit, in seiner Beseitigung die Auf­erstehung der ungarischen Nation. Diesem Ziele ordnete er alle anderen Probleme unter, diesem Ziele diente seine Innenpolitik, die er in dem Pro­gramm dernationalen Selbstzweckdienlichkeit" nie­derlegte, wie auch seine Außenpolitik, die auf einem

freundschaftlichen Verhältnis zwischen Budapest, Berlin, Wien und Rom fußte. Gömbös kämpfte deshalb ebenso energisch gegen den Bolsche­wismus wie gegen die reaktionären Restaurationsversuche des Habsburgers Karl, dem er im Oktober 1921 an der Spitze seiner Offiziers- und Studentenbataillone entgegentrat, um den legitimiftifchen Abenteurern jede "weitere Luft am Putschen zu nehmen Er beharrte auch unentwegt auf einer deutsch - österreichischen Ver­ständigung und ließ sich in dieser Linie durch keine Anbiederungsversuche der Wiener Legitimisten be­irren. Das Wien-Berliner Abkommen vom 11. Au­gust hat ihm Recht gegeben.

Das Schicksal hat es dem ungarischen Ministerprä­identen nicht vergönnt, die ganze Ernte seines poli- ischen Wirkens noch Heimzubringen. Noch schlingen ich die Ketten von Trianon um den ungarischen Leib, noch besteht die Gefahr, daß die inneren Zwi­stigkeiten der Nation wieder neue Nahrung gewin­nen. Zu früh trat Julius Gömbös von der Lebens­bühne ab. Es ist nicht unsere Sache, die Folgen abzuschätzen, die sich aus dem Tode dieses Volksfüh­rers und hervorragenden Soldaten für Ungarn er­geben, aber wir wünschen und hoffen, daß die be­freundete Nation sich von diesem furchtbaren Schlage erholen und das Werk ihres Einigers in seinem Geiste vollenden möge. Ev.

Mitteilung vom Ableben meines so sehr verehrten Freundes Gömbös. Tief er« schlittert teile ich den großen Schmerz Eurer Durch­laucht. Wir wissen alle, daß Ungarn einen seiner größten Männer, Deutschland einen seiner besten Freunde verloren hot. Sein Andenken wird auch bei uns stets unverblichen bleiben." AndieWitwe des verstorbenen Ministerpräsidenten telegraphierte der Ministerpräsident:Tief erschüttert von dem schweren Leid, das Sie betroffen hat, spreche ich Ihnen, Exzellenz, in meinem und meiner Frau Namen unser von Herzen kommendes Mitgefühl aus. Der Verstorbene war mir ein treuer Freund, dessen Verlust mich schwer trifft. Möge Gott Sie stärken. Hermann Göring." Außerdem hat Mini­sterpräsident Generaloberst Göring dem ungarischen Honved-Minister und in seiner Eigen­schaft als Reichsiägermeister der ungarischen Iägerschast sein Beileid übermittelt. Weitere Beileidstelegramme sandten die Reichsminister Dr. Goebbels und Frick.

Der Weg nach Madrid ist frei.

Paris, 7. Okt. (DNB. Funkspruch.) Der Sen­der La Coruna teilt um 1 Uhr früh mit, daß dis nationalen Truppen an der Nordfront sämtliche ihnen gesteckten Ziele erreicht hätten. An der Front von Toledo sei durch einen blutigen Sieg über die Roten der Weg nach Madrid frei geworden. Eine Reihe strategisch wich­tiger Punkte sei bei Anbruch der Nacht besetzt wor­den. Die Roten zogen sich in größter Unordnung zurück. Sie hätten Hunderte von Toten zu beklagen, Das erbeutete Kriegsmaterial sei unübersehbar. Die Truppentransporte aus Marokko nach Südspanien würden fortgesetzt. Bisher seien 16 000 Mann befördert worden. Kriegsschiffe der Nationa­listen sicherten die Transporte.

Die Sender Teneriffa und Valladolid berichten, daß nationale Flugzeuge erneut Ma­drid überflogen und die Bahnhöfe, Kasernen usw. mit Bomben belegt haben. Gleichzeitig wurden Tausende von Aufrufen an die Be­völkerung abgeworfen. Diese beginnt, nach den gleichen Meldungen, die Hauptstadt zu räumen. Die Arbeiteroerbände stellen Freigeleitscheine für solche Bewohner aus, die für die Verteidigung der Stadt nicht mehr in Frage kommen.

Am Sonntag wurde auf der internatio­nalen Brücke zwischen Jrun und Behobie feierlich die rotgelb-rote Flagge gehißt. Die Fahne wurde auf einem Sockel gehißt, der fol­gende Inschrift trägt:Bürger, betrachte die Flagge das Symbol des großen Spaniens komme, wenn Du sie nicht vergessen hast, kehre um, wenn Du sie geschmäht hast!" Während der Feier über­flogen rote Fliegerdie Stadt und warfen Bom­ben ab, ohne jedoch bedeutenden Schaden anzu­richten.

Kleine politische Nachrichten.

Der Führer und Reichskanzler hat dem Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Ferdinand H u e p p e in Dresden in Anerkennung seiner Ver­dienste um die Pflege der Leibesübungen die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen.

Der Führer und Reichskanzler empfing imHause des Reichspräsidenten" in Privataudienz den königlich ägyptischen Ministerpräsidenten N a - had Pascha und den königlich ägyptischen Finanzminister Makram Pascha in Begleitung des königlich ägyptischen Gesandten, Prof. Dr. H a s - san Nachat Pascha.

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Der Führer und Reichskanzler empfing imHause des Reichspräsidenten" unter dem übli­chen Zeremoniell den neuernannten Gesandten von Venezuela, Dr. Silvestro Tovar-Lange, zur Entgegennahme seines Beglaubigungsschreibens. Ferner empfing der Führer und Reichskanzler zum gleichen Zweck den estnischen Gesandten Karl Tofer.

Zum Hinscheiden des ungarischen Ministerpräsidenten.

Tiefe Trauer in Ungarn.

Budapest, 6. Okt. (DNB.) Das ganze un­garische Volk trauert tief erschüttert um den heute früh in München verstorbenen Ministerpräsidenten Julius Gömbös. Die Nachricht von dem Ableben des Ministerpräsidenten traf in den Morgenstunden hier ein und verbreitete sich rasch. Auf der kgl. un­garischen Burg wurde die schwarze Fahne auf H a l b m a st gehißt.

Die Nachricht ist von den Blättern in Extra­ausgaben veröffentlicht worden. Der ungarische Rundfunk brach sofort nach Bekanntgabe der Todesnachricht das Tagesprogramm ab. Sämtliche öffentlichen Gebäude und zahlreiche Privathäuser haben Trauerfahnen gehißt. Alle Theater und Kinos haben ihre Vorstellungen am Todestage abgesagt.

Nach den aus München eingetroffenen Mitteilun­gen hat Ministerpräsident Gömbös bereits seit Montagabend das Bewußtsein nicht wie­der erlangt. Das Ende ist still und schmerzlos eingetreten. Am Totenbett weilten am Dienstagfrüh Kultusminister Homan und der Präsident des Reichstages. Die Gattin und die Kinder des Ministerpräsidenten hatten sich bereits Montagabend am Krankenlager eingefunden. Obwohl die lange und schwer Erkrankung des Ministerpräsidenten schon seit geraumer Zeit ernste Befürchtungen aus- gelöst hatte, kam die Nachricht von seinem Ableben für die breite Öffentlichkeit doch unerwartet. Erst in den späten Abendstunden des Montag war aus München die Kunde einer ernsten Ver­schlimmerung des Gesundheitszustandes ein­getroffen, die das Schlimmste befürchten ließ.

Das Kabinett hat in einer außerordentlichen Ministerratssitzung dem Reichsoerweser seine G e - samtdemission eingereicht. Der Reichsverweser hat den stellvertretenden Ministerpräsidenten D a - ranpi bis zur Ernennung des neuen Minister­präsidenten mit der Weiterführung der Regie­rungsgeschäfte beauftragt. In den Vormit­tagsstunden empfing der Reichsverweser Admiral von Horthy den stellvertretenden Ministerpräsidenten Daranyi, den Kardinalprimas von Ungarn, Seredy, den Präsidenten des Oberhauses Graf Szechenyi und den Präsidenten des Reichs­tages Sztranyavszky, die beiden Kronhüter Graf Teleki und Baran Perenyi sowie den früheren Ministerpräsidenten Graf Stefan Bethlen. Die Neubildung der Regierung soll, wie mitgeteilt wird, Anfang der nächsten Woche erfolgen. Das Diplomatische Korps sprach am Dienstagvormittag der Regierung sein Beileid aus. Als Erster zeichnete sich der deutsche Gesandte von Mackensen in die Trauerliste ein.

Die Trauerseier.

München, 6. Okt. (DNB.) Die sterbliche Hülle des Ministerpräsidenten Gömbös wird am Mitt­wochvormittag im Kaiserhof der Münche - Iner Residenz uufgebahrt. Nachmittags wird die

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feierliche Einsegnung der Leiche stattfinden. Die Trauerfeier der deutschen Wehrmacht wird sich nach dem Zeremoniell abspielen, wie es beim Ableben eines Generals der Infanterie vorgesehen ist.

Das feierliche Leichenbegängnis in Bu­dapest ist auf Samstag festgesetzt worden. Der Sonderzug mit dem Sarg des Ministerpräsidenten trifft am Donnerstagmittag in Budapest ein. An der österreichisch-ungarischen Grenze wird her Son- derzug vom gesamten Kabinett, der Generalität und der Geistlichkeit empfangen. Vom Budapester Bahnhof wird der Sarg in den großen Kuppelsaal des Parlaments gebracht.

Das Bette'd des Führers.

Berlin, 6. Off. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler Hal anläßlich des Ablebens des ungarischen THinifferpräfibenfen von Gömbös an Seine Durchlaucht den Reichsverweser Admiral von horthy in Budapest folgendes Beileidstelegramm gerichtet:Eurer Durchlaucht spreche ich meine und des deutschen Volkes tief empfundene Anteilnahme an dem Tode des Herrn ungarischen IHinifferpräfibenfen von Gömbös aus. 3n dem Verstorbenen verliert Ungarn einen feiner besten und verdienstvollsten Söhne, Deutschland einen guten Freund.

Adolf Hitler."

An Frau von Gömbös hat der Führer und Reichskanzler wie folgt telegraphiert:(Eure Exzellenz bitte ich, den Ausdruck meines tiefemp­fundenen Beileids an dem schweren Verlust entgegenzunehmen, der Sie und die Ihrigen be­troffen hat. Rlil Ihnen betrauert Ungarn den Tod eines großen Patrioten, Deutschland den Heimgang eines verständnisvollen Freundes. Adolf Hitler."

Anläßlich des Ablebens des königlich-ungarischen Ministerpräsidenten von Gömbös hat der Staats­sekretär und Chef der Präsidialkanzlei Dr. Meiß­ner dem königlich-ungarischen Geschäftsträ­ger die tief empfundene Anteilnahme des Führers und Reichskanzlers übermittelt. Der Reichsminister des Auswärtigen Freiherr von Neurath übersandte der Witwe und dem königlich-ungarischen Minister des Aeußern von Kanya Beileidstelegramme. In Vertretung des zur Zeit nicht in Berlin weilenden Reichsministers des Auswärtigen stattete der stellvertretende Staatssekre­tär D i e ck h o f f, begleitet vom Chef des Protokolls, Gesandten v. Bülow-Schwante, dem könig­lich-ungarischen Geschäftsträger einen Beileids­besuch ab und sprach ihm das Mitgefühl der deut­schen Reichsregierung aus. Die Präsidialkanzlei, die Reichskanzlei, das Auswärtige Amt und der Reichs­tag haben die Flaggen auf halbmast gesetzt.

Ministerpräsident Göring hat an Seine Durch­laucht Reichsverweser von Horthy folgendes Tele­gramm gerichtet:Soeben erhalte ich die unfaßbare

Der Leberfleck.

Von Rudolf Kreutzer.

Durch das hohe Glasdach des Ateliers flutete die Morgensonne, vom Garten herauf kam Ruf und Antwort eines Amselpärchens, es roch ein wenig nach frischen Farben und Terpentin in dem Hellen Raum. Die Frau Majorin saß zurückgelehnt in einem Sessel von Gobelin und horchte den Amseln zu, sie saß sehr still, beinahe regungslos, denn der Maler blickte jetzt unausgesetzt über die Leinwand hinweg zu ihr herüber, und in sein Gesicht war jener unnachgiebige und entschlossene Zug getreten, der immer erschien, wenn sein Pinsel eine Schwie­rigkeit zu meistern hatte. Die Frau Majorin war nicht recht zufrieden heute mit dem Maler. Warum sprach er nicht? Fühlte er denn nicht, wie das er­müdete, so eine ganze Stunde still und regungslos zu siken? Nocheinmal versuchte sie ein unterhalten­des Gespräch in Gang zu bringen:Für meinen M^nn wird es eine freudige Geburtstagsüber­raschung sein, daß gerade Sie der Maler dieses Bildes "sind. Sie waren doch draußen sein liebster Kamerad gewesen, damals im Felde.

Der Maler verbeugte sich verbindlich. Er hatte jetzt doch eigentlich etwas sagen müssen. Aber die Maler sind wohl so, haben immer etwas zu denken bei ihrer Arbeit, haben immer etwas zu entdecken und sei es auch nur ein kleines, braunes Fleckchen am Hals der Frau Majorin. Lassen Siebes bewen­den bei der verbindlichen Verbeugung. Frau Maio- rin, und verlangen Sie nicht von dem Maler daß er Ihnen jetzt von gleichgültigen Dingen rede. Denn, sehen Sie, Sie haben da einen kleinen braunen Leberfleck am Hals, und wenn der Maler nun schon eine ganze Stunde lang sich mit eigenen Gedanken herumschlagen muß und Sie so gar Nlcht mehr zu unterhalten weiß, so ist daran niemand.schuld als dieser kleine braune Fleck, und jeht da Sie so brav geschwiegen und nur das eine Wort vom heben Kameraden gesprochen haben, letzt fallt dem Male auf einmal wieder alles em, was er nor, öiefem kleinen Fleckchen weiß und was Sie selbst nicht wissen sollen. v . ,,

Das aber; was der Maler weiß^ das denkt er nur so vor sich hm und hütet sich, es der Frau Ma orrn u Ionen: Do war einmal in lenem nun schon wieder lange verflossenem Kriege em kleines Etap­pennest irgendwo an der Westfront und es gab darin sogar etwas ähnliches wie ein- Kafno.einen Raum nämlich, in dem Tische, und Stuh e standen und ein Dach war über hen K"pstn und m dem es sich herrlich auf das Leben crnstohen ließ, wenn

man wieder einmal dem Schmutz und Qualm des Grabenkrieges entronnen war und für ganze acht Tage lang sich feiner heilen Haut erfreuen durfte. Es hatte schlimme Wochen hinter sich gehabt, das Bataillon des Herrn Majors, damals als sich das begab, woran der Maler jetzt denkt, und es war daher auch nicht zu verwundern, daß der rote, schwere Landwein reichlicher floß und das Lied des Lebens heller aufzuklingen begann, als irgend sonst. Und der blonde Leutnant Semmler, der Minen- werser-Semmler er fiel kaum ein paar Wochen später am Chemin des Dames, hatte ein Lob­lied angestimmt auf die Schönheit der Frau, in das bald der ganze Chorus eingefallen war. Ein jeder hatte etwas anderes zu erzählen gewußt, zum Preise der Schönheit irgendeiner Frau. Und dann, als der letzte in der Runde geendet hatte und alle voll Erwartung zu ihrem Kommandeur hinüber­blickten, dann begann auch der Maior zu erzählen, langsam und ein wenig mit den Worten zögernd, erzählte zum erstenmal aus seinem Leben, erzählte von der Schönheit der Frau, die sich nicht immer in den üblichen Maßen und Normen erschöpfe, sondern oft, wie die Natur selbst, seltsame Wege gehe.Sehen Sie, meine Herren", sagte er mit seiner ruhigen, überlegenen Stimme,da Sie nun alle darauf warten, daß auch ich zu Ihnen über Frauenschönheit spreche, so muß ich Ihnen da eine kleine Geschichte erzählen aus meinem Leben, ob­wohl ich fürchte, daß ich Sie enttäuschen werde: Als junger Oberleutnant verkehrte ich viel im Hause eines namhaften Gelehrten, des Verfassers eines bedeutenden Werkes der Kriegswissenschaften. Er hatte eine Tochter, die mir nicht gleichgültig geblieben war, ein zartes, scheues Wesen von eigen­artigem Liebreiz, bas wohl auch mir gewogen sein mochte, aber es immer wieder verstand, ihre Zu­neigung hinter einer schönen, herben Kühle zu ver­bergen. Eines Abends aber, da sie mich schon an die Türe begleitet hatte, und ich länger als sonst ihre Hand in der meinen hielt, faßte ich plötzlich den Entschluß, mich mit ihr auszusprechen. Ich sah sie lange und schweigend an und dabei fiel mein Blick herab auf ihren schönen, steilen Hals und da der Ausschnitt ihres Kleides sich ein wenig ver­schoben hatte, entdeckte ich einen kleinen, braunen Leberflecken, den ich noch nie gesehen hatte. Im selben Augenblick aber gewahrte ich, wie plötzlich eine heiße Blutwelle in ihr Gesicht schoß und sie in einem Gefühl von Scham und Verwirrung meinem Blicke folgte, so, als fühlte sie sich bei etwas Häßlichem ertappt, das mein Mißfallen er­regen könnte und so, als wollte sie meinen Blick zurückrufen, noch ehe er Besitz ergriffen hätte, von

dem ängstlich verborgenen und plötzlich preisgegebe­nen, dem kleinen, unschuldigen Fleckchen an ihrem Halse, das ihr vielleicht als ein Makel ihrer Schön­heit dünkte. Es war nichts von verletzter Eitelkeit in ihrem Gesicht, nur eine bange Verstörtheit, eine töricht süße Angst, daß nun das Bild ihrer Schön­heit mir getrübt sein könnte durch ein winziges, kleines Mal, das die Natur auf ihre Haut gezeich­net hatte. Sie wollte schön fein, makellos schön, nicht um ihrer selbst, sondern allein um meinet» nrH(en. Da wußte ich zum ersten Male mit Be­stimmtheit, daß sie mich liebte. Und ich riß sie an mich zu einem ersten, langen Kuß. Und sehen Sie, meine Herren, seitdem ist die Erinnerung an jene Stunde, in der eine geliebte Frau für mich um einen kleinen Fehler ihrer Schönheit bangte, so viel wert wie alles, was ich wirklich sah an Frauen­schönheit."

Der Maler mischte eine neue Farbe an, legte frische Pinsel zurecht. Aber noch immer sprach er fein Wort. Nein, die Majorin war nicht recht zu­frieden heute mit dem Maler. Hatte er nicht immer so schön von seinen Reisen zu erzählen gewußt? Die Frau Major war jetzt wirklich ein klein wenig böfe auf den Maler. Aber der merkte es gar nicht. Noch immer dachte er an den Major. Ja, so hatte er gesagt, der Major, und die älteren Offiziere und die Hauptleute hatten sich bemüht, sehr würdige Gesichter zu machen und nur die jungen, naseweisen Fähnriche hatten einander verstohlen zugelächelt. Von diesem Tage an aber hatte der Major beim ganzen Regiment nur noch derLeberfleck" ge­heißen.

Endlich trat der Maler von der Staffelei, legte die Pinsel zusammen und wusch sich die Hände. Fertig" sagte er und mit einer Kopfbewegung nach dem Bilde hin:Ich glaube, es ist gut gewor­den, ich hatte heute eine gute Hand, ich danke Ihnen." Kaum aber war die Majorin vor das Bild getreten, um es zu betrachten, da rief sie voll Er­regung aus:Aber Herr Professor, jetzt haben Sie wirklich auch noch den garstigen braunen Fleck gemalt, und noch dazu so auffallend!" Der Maler tat, als hätte er es nicht gehört und lächelte nur ruhig vor sich hin, indes fein Blick ein Weilchen an dem Hals der Frau Majorin hängen blieb. Aber es mutz ein Seltsames, Wissendes in diesem Blick gewesen sein, denn jetzt begann auch sie zu lächeln, leise und fast ein wenig beschämt und so, als ginge ein Erinnern über ihr Gesicht wie manchmal, schon mitten im hohen Sommer, noch einmal leis der Frühling gehen mag durch eine sel­tene, verzauberte Stunde.

Oer Darometer-Dogel.

DerCampanero", ein winzig kleiner Vogel mit weißen Federn, ist eins der merkwürdigsten Ge­schöpfe der südamerikanischen Tierwelt. Man nennt ihn in seiner Heimat auch dieVogelglocke"; er hat eine ganz ausgesprochene Vorliebe für schönes Wet­ter, das er stets mit lautem Rufen begrüßt, Rufen, die man mit dem Klopfen eines Hammers auf einem Ambos vergleichen kann. Dagegen bleibt der Cam­panero völlig stumm, wenn es regnet. Sieht er die Wiederkehr guten Wetters voraus, so beginnt er sich zu rühren und stößt Rufe aus, die in dem Maße lauter werden, in dem das schöne Wetter sich nähert. Scheint die Sonne, und der Campanero hält sich still, so kann man sicher sein, daß schlechtes Wetter im An­zug ist. Jrn Londoner Zoologischen Garten lebt einer dieser merkwürdigen Vögel, der einzige, der sich in Europa akklimatisiert hat. Wie die Wärter behaup­ten, ist er auch hier ein ebenso unfehlbares wie lärmendes Barometer.

Zeitschriften.

Mit einer Betrachtung überErziehung und Heimat im Raum der Kirche" leitet Professor D. Dr. Helmuth Schreiner das Oktoberheft der Mo­natsschriftZeitwende" (Wichern-Verlag, Ber- lin-Svandau) ein. Der Aufsatz von Studiendirektor Dr. Georg Müller, dem Leiter der Friedrich-von- Bodelschwingh-Schule in Bethel umreißt aus gründ­licher Erfahrung und tiefer Einsicht die Stellung und Aufgabe der evangelischen Schule im Gesamt­gefüge des heutigen deutschen Lebens und in der geistigen Situation der Gegenwart. Das Heft will auch eine Hilfe sein für die evangelische Erziehung in Haus und Familie. Deshalb spricht in ihm Esther von Kirchbach aus der lebendigen Erfahrung der Frau und Mutter überDie Familie als Er- ziehungsmacht", und Renette Schmid gibt in i^ren BetrachtungenZum Problem der geschlechtlichen Erziehung" allen Eltern wertvolle, selbstervrobte Winke für die Behandlung dieser schwierigen Frage. Gut fügt sich in diesen Rahmen auch der Beginn eines neuen Werkes der baltische« Dichterin Elsa Bernewitz; denn in diesenJahreszeiten" wird in zarter, liebevoller Pastellmalerei das allmähliche Erwachen und Reifen einer Mädchenseele im Kreise einer frommen Familie und in innerem Zwiespalt mit einem mit dem Glauben zerfallenden jugend­lichen Detter aeschildert. Nicht zu vergessen ist auch das von Prokessor D Dr. Justus Hashagen gezeich- nete feine Miniaturbild Herzo Ernsts des from­men von Gotha.