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Wehrhaftigkeit.

LonSptm.v.BorstellMeichskriegsmimstenum)

Ueber Wehrhaftigkeit und Soldatentum, die eine innere Haltung darstellen, wird heute viel ge­schrieben und viel geredet. Diese Erscheinung ist er» klärlich; denn sie ist die natürliche Folge einer Epoche, in der man wehrhaftes Denken und solda­tisches Empfinden bewußt ablehnte, als rückständig bezeichnete oder lächerlich machte. .

Keine Revolution, keine Wiedergeburt und fern Erziehungsprozeß kann das geschriebene oder ge­sprochene Wort entbehren. Jedes Ethos muß ver­kündet werden, ehe es nachgelebt werden kann. Es ill schwer festzustellen, wann und bis zu welchem Grade bei einem völkischen Umbruch Sprache und Schrift zurückzutreten haben hinter der Tat Wir wissen nur, daß jedes große Geschehen begleitet wird, von irdischer Unzulänglichkeit und mensch­lichem Egoismus. Hier setzt die Gefahr ein, daß Begriffe, die sittliche Werte verkörpern, zur hohlen Phrase verwässert und, was noch schlimmer ist, zum Gegenstand einerKonjunktur", zum Geschäftsobjekt herab gewürdigt wer­den. Nirgendwo aber ist Zurückhaltung, Kargheit der Sprache und Klarheit des Ausdrucks mehr ge­boten als bei der Betrachtung der heute so frei­gebig angewandten WorteWehrhaftigkeit" und Soldatentum". Wenn trotzdem auch hier über sie geschrieben wird, dann soll es jedenfalls mit Vor­sicht geschehen-, dann soll versucht werden, ihren Kern herauszuschälen, sofern ein solcher der Sprache überhaupt zugänglich ist.

Gehen wir zu den Quellen des Worts zurück, so finden r^ir seinen Ursinn: ohne diesen zu kennen, gehen wir in die Irre oder bleiben an der Ober­fläche haften. Fragen wir also, waswehrhaft sein" heißt, so ist die Antwort im Worte selbst ge­geben: Wehrhaft ist letzten Endes jedes Lebewesen, vom einzelligen Organismus angefangen bis zum höchst entwickelten Säugetier. Oberstes Gesetz in diesem Sinne ist für jede Kreatur: Kampf ums Dasein. Lediglich das Wehr-Vermögen ist ver­schieden; aber zwischen dem Kampf ums Dasein der Protozoen und dem des menschlichen Kriegers, der in der Schlacht steht, gibt es nur graduelle Unterschiede.

Freilich darf man nicht außer acht lassen, daß die Bedeutung jedes Begriffs, der eine charakter­liche Eigenschaft darstellt, der Entwicklung unter­worfen und zeitbedingt ist. Je nach dem Stande des geistigen kulturellen, politischen und wirtschaft­lichen Lebens eines Volkes erfahren solche Begriffe eine Erweiterung oder Vertiefung ihrer ursprüng­lichen Bedeutung. So nimmt das WortWehr­haftigkeit" erst im Laufe einer langen Menschheits­geschichte die Bedeutung an, die wir ihm heute beizulegen gewohnt sind: Wir sehen in ihm das Prinzip des Männlichen, das im Krie- gertum seine höchste Steigerung erfährt. Mehr und mehr wird die Geschichte der Stämme, Rassen, Völ­ker imb Nationen bestimmt von dem Grade ihres Wehrvermög."ns und dieses wiederum messen wir an der Kraft seines Mannes- und Kriegertums. Daß der Begriff dann in Epochen höchster Zivili­sation, wie der unsrigen, in starkem Maße von geistigen oder verstandsmäßigen Faktoren beeinflußt, also vielfach differenziert wird, ist selbstverständlich, ändert aber nichts an seiner ursprünglichen Be­deutung.

Zwischen Wehrhaftigkeit und Soldatentum be­steht eiy Unterschied: Die erstere stellt sich uns dar als naturgegebener Urtrieb zum Zwecke der Art­erhaltung; das zweite als eine besondere, gestei­gerte Form der Wehrhaftigkeit, die zugleich eine planvolle gezüchtete innere Haltung in sich

schließt. Es hieße In Wortspalterei verfallen, wollte man Erhebungen darüber anstellen, wann m der Geschichte der Völker aus dem Urtrieb der Wehr­haftigkeit Soldatentum als Form und Hal­tung wurde. Die dreihundert Spartaner, die sich 480 v. Ehr. unter Leonidas in den Thermopylen opferten, die Legionäre Cäsars, die germanischen Krieger der Hermannschlacht, die Ordensritter des Mittelalters oder dieEisenseiten" Cromwells allen Männern, Kriegern, Helden der Schlachten aller Zeiten mag man soldatische Eigenschaften im besten Sinne des Wortes zubilligen. Aber jedes Volk hat feine eigene, ganz bestimmte Auffassung menschlichen Wertes und menschlicher Leistung; diese erst prägt die Begriffe, verleiht dem Ausdruck sei­nen enger umgrenzten Sinn. Wenn wir daher von unserem deutschen Soldatentum reden, so sehen wir darin die Verkörperung eines ganz bestimmten Prinzips, dessen sittlicher Wert nicht nur im rein Kämpferischen oder Heroischen, sondern gleichzeitig in der Bindung an eine übergeordnete Idee begründet liegt. Wir setzten daher seinen

Anfang zeitlich gleich mit dem Beginn Preußens. Das deutsche Heer des Weltkrieges lst ohne den Geist Potsdams, ohne die Armee Friedrich Wil­helms I. und Friedrichs des Großen nicht zu ver­stehen; allerdings auch nicht ohne den kategorischen Imperativ Kants.

Und doch muß hier daran erinnert werden, daß ein sehr wesentlicher Einschnitt den scheinbar lücken­losen Zusammenhang der Entwicklung unseres preußisch-deutschen Soldatentums trennt: Der Gre­nadier des Siebenjährigen Krieges schlug sich, auch wenn er Ausländer war, fürseinen" König; der Heroismus der Soldaten von Hohenfriedberg und Leuthen erwuchs und wurde ständig gespeist aus dem Genius Friedrichs. Das Soldatentum der all­gemeinen Wehrpflicht, das Scharnhorst begründete, kämpfte für ein Ziel, das zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Kriegertums allen

gemeinsam war und' In 5er 35 ee 5es Volks« ganzen, des Staats und der Wiedergeburt der Nation feinen Sinn und feine Erfüllung suchte.

An diesem Punkt unserer jüngeren Geschichte sehen wir auch, daß die Begriffe Wehrhaftigkeit und Soldatentum so eng miteinander verschmelzen, wie es die Verschiedenheit ihrer Grundbedeutung zuläßt: der im Einzelindividuum steckende Urtrieb desSich» wehrens" wird durch die politische Not zum wehr­haften Denken der Nation. Von dieser Grundstufe, die einer inneren Bereitschaft entspricht, ist nur ein kurzer Weg zum technisch geschulten und diszipli­nierten Soldatentum des Dolksheeres. Während also zweifellos die vorhandene Wehrhaftigkeit einer Volksmehrheit die natürlichste und beste Grundlage für Organisation und Wert einer Armee bildet, lehrt gerade unsere deutsche Geschichte, daß preu­ßisch-deutsches Soldatentum sich auch dann behaup­tet hat, wenn diese Voraussetzungen durch entgegen­wirkende Kräfte gestört und geschmälert wurden. Wir sehen diesen Zustand besonders grell im Deut­schen Kaiserreich, dessen imponierend rascher wirt­

schaftlicher Aufstieg sich im gleichen Maßstab voll­zog, in dem liberalistische und marxistische Einflüsse seine innere Kraft aushöhlten und zunehmender Materialismus die Wehrbereitschaft des Volkes untergrub.

Inmitten dieses Verfalls stand das Soldatentum Moltkescher Prägung ungebrochen, denn dieses Soldatentum der Armee war das Ergebnis von Ueberlieferung und Zucht. Sein erzieherischer Einfluß glich einem Kraftfeld, von dem auch Lauheit und politische Gegnerschaft er­griffen und geformt wurden, sobald sie auf dem Wege der aktiven Dienstzeit in seinen Bann ge­rieten. In einer Zeit üppigsten Friedens, der im­mer eine Gefahr für dasJn-Form-sein" der Armeen ist, brachte das deutsche Heer Männer her­vor, deren Soldaten- und Führertum in schneiden­dem Gegensatz zu der behaglichen Saturiertheit des

Reiches ünb der Mehrhell des Volkes stand. Be- zeichnend für die Gleichgültigkeit, ja Ablehnung, die weite Kreise der Oeffentlichkeit den Belangen der großen Wehr-Notwendigkeiten entgegenbrachten, ist neben den traurigen Kämpfen im Reichstag um die Wehrvorlage die Tatsache, daß man von dem heroischen Kampf unserer Schutz- truppe in Südwest-Afrika damals la Deutschland kaum Notiz nahm. Damals starv 1908 der Hauptmann Friedrich von E r ck e r t auf seinem bis ins kleinste vorbereiteten, eisern durchgeführten Zuge durch die Kalahari im Kampf gegen die Hottentotten Simon Köppers un­beachtet vom weich und gleichgültig gewordenen deutschen Volke. Der leuchtenden Größe seines Sol- datentums und dem Heldenschicksal seiner Reiter hat erst HansGrimmin seinem herrlichen Buch Volk ohne Raum" ein Denkmal gesetzt. Und schließlich zeigt das erschütternde Epos des Welt­krieges die Leistung der Armee und den Wert deutschen Soldatentums in einem so hellen Licht, daß die Schatten der beginnenden Zersetzungs- symptome am Körper des Vorkriegs-Heeres von seiner Leuchtkraft überstrahlt werden.

Das deutsche Soldatentum endlich, das nach dem Zusammenbruch von 1918 in den Freikorps und in der aus ihr entstandenen Reichswehr fortlebte, blieb inmitten eines zur materiellen Wehrlosigkeit verurteilten, zur seelischen Wehrhaftig- feit unentschlossenen Staates seiner Haltung treu. Nie haben sich in der jüngeren deutschen Geschichte Soldatentum einer Armee und Wehrhaftigkeit im Sinne der Gesamthaltung einer Nation weiter von einander entfernt als im Staat von Weimar; das eine blieb, das andere war zerbrochen. Das Weitere ist bekannt. Aus dem anderen Teil des Frontsol­datentums, der sich ungehemmt von inneren Aufgaben des Heeres und äußeren Fesseln des Friedensdiktats die Freiheit des Handelns vor­behalten konnte, erwuchs das politische Soldaten­tum des Nationalsozialismus. Seit dem historischen Siege Adolf Hitlers vom 30. Januar 1933 wird planmäßig an der Erziehung des deutschen Volkes im Sinne seiner körperlichen, sittlichen und geistigen Erneuerung und damit an feiner seelischen und physischen Wieder-Wehrhaftmachung gearbeitet. Und durch die Tat des Führers vom 16. März 1935 wurde mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auch das Mittel geschaffen, die wieder erstandene Wehrhaftigkeit in die Form des Soldatentums zu gießen, dessen äußeres Gefüge die neue W e h r- macht ist. Unser aller Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß aus Erkenntnis und ideeller Wehr­bereitschaft nunmehr die Realität des Soldatentums wird. Dies Ziel wird nicht erreicht, wenn das Wort Soldatentum" da angewandt und im Munde ge­führt wird, wo es nicht hingehört. Deutsches Sol­datentum, der Mehrheit unseres Volkes durch ein aufgezwungenes Wehrsystem anderthalb Jahrzehnte hindurch entfremdet, beruhte auf Ueberlieferung, auf Züchtung. Es ersteht nicht von heute auf morgen aus gutem Willen und schwungvollem Pathos. Es will nicht gesprochen und nicht geschrieben, sondern gelernt und gelebt sein in Härte und Selbst- Zucht.______________________________________________________

Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Friedrich Wilhelm Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Teck. Verantwort­lich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. A. II. 36: 10 556. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-und Steindruckerei R. Lange,K.-G., sämtlich in Gießen.

UlonafMbeAugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit der Illustrierten 5 Pf. mehr.

Zur Zeit ist Preisliste Nr. 3 vom 1. Juni 1935 gültig.

Stefan George / An öle Men

ZVenn einst dies geftblecht sich gereinigt von schanöe Aom nacken geschlendert die fessel des fröners Anr spurt im geweiöe den hunger nach ehre: Dann wird aus der walstatt voll endloser grober Aufzucken der blutsthein... dann braust durchs gefilde Der schrecklichste schrecken der dritte der sturme: Der toten zuruckkunst!

Mnn je dieses Volk sich aus feigem erschlaffen Lein selber erinnert der kür und der sende: ZVird sich ihm eröffnen die göttliche deutung Unsagbaren grauens... dann heben sich Hande Und münder ertönen zum preise der wurde Dann flattert im frühwind mit wahrhaftem Zeichen Die königsstandarte und grüßt sich verneigend Die Lehren/die Helden!

Vermächtnis.

NSG. Kleine Sextaner waren wir. Zum zweiten Male betraten wir den Festsaal unserer Schule. Es war am Heldengedenktag. Das Lied vvm toten Kameraden erklang. Erst tönte es ganz leise. Die kleine Orgel auf der Empore wollte Er­innerungen wecken. Uns Sextaner raunte sie etwas von geheimnisvollem Sterben ins Ohr. Die Musik schwoll an. Die Schulgemeinde fiel ein:Ich halt' einen Kameraden ..."

Vor uns, in die Wand eingelassen, ragte ein großes Bild. Ein Mann, Stahlhelm auf dem Kopfe, Handgranate in der Faust. Riesengroß. Hinter ihm lag die Heimat. Die Hütten duckten sich unter dem roten Himmel. Links und rechts vom Bilde war Tannengrün. Zwei Tafeln mit vielen Namen waren schwarz umflort. Niemand hatte zu uns da­von gesprochen, und doch fühlten wir, daß Orgel­spiel, Gesang, Bild und Namen zusammengehörten; daß der ganze Festsaal, die Wände, die Lampen die Gipsbüsten in den Nischen sich dem Bilde zuwand­ten. Die Worte unter dem Bilde aber, die der Schulleiter nach seiner kurzen Rede vorlas, blieben uns Runen, deren Geheimnis wir ahnten, deren Sinn sich uns aber noch verbarg.

Daß Ihr der Heimat wehret ab Vernichtung grub eherner Griffel uns ewig ins Gedächtnis.

1 Ihr starbt für uns, dies Opfer sei Vermächtnis und Vorbild uns und heilige Verpflichtung."

Es war am 26. Mai. Im Lager. Die Sonne ver­sank im Meer. Blutrot färbte sie unsere Zelte, die Dünen, die Bäume. Ihr Schein lag auf dem Wasser. In Gruppen zu Dreien machten wir uns auf den Weg. Wir gingen durch hohen Buchen­wald. Heber uns schaute der Sternenhimmel durch die spärlich belaubten Wipfel. Der Weg wurde steiler. Der Wald war zu Ende. Uns war, als schritten wir geradeswegs hinauf zu den Sternen. In der Frühe beim Flaggengruß hatten wir Schlageters gedacht, der vor zehn Jahren durch Verrat den Feinden in die Hände fiel. Wir muhten an die Worte des Führers denken. Stille war um uns her. Ganz leise plätscherten die Wellen der Ostsee gegen das Ufer tief unter uns. Endlos schien unser Marsch. Auf der Höhe des Brooker Ufers trafen wir uns. Dreißig Kame­raden. Ueber uns der Sternenhimmel. Unter uns ein endloses Dunkel. Wir waren den Toten näher als je zuvor. Jemand sprach die Worte:

Du starbst für uns, Dein Opfer sei Vermächtnis."

Unten flackerte ein Licht. Es wurde größer. Flammen schlugen empor. Ein riesiger Holzstoß war auf der Sandbank geschichtet. Jetzt brannte er. Wir traten hinzu. Zum ersten Male an diesem Abend sahen wir einander ins Gesicht. Jungen­augen leuchteten. Ein Kamerad sprach in den Kreis. Er sprach von dem Bilde in der Aula. Ein Mann, Stahlhelm auf dem Kopf, Handgranate in der Hand. Er sprach von den schlichten Worten unter dem Bild.

Heimat war um uns. Unser Meer, unsere Steil- küste, unser Sternenhimmel, umgaben uns. Unser Feuer brannte. Es brannte und brannte immer

tiefer in unsere Herzen. Und mit ihm brannte ein Stück deutschen Schicksals hinein. Albert Leo S ch l a g e t e r.

... und Vorbild uns und heilige Verpflichtung!"

Aus den Runen wurde Tod und Leben. Aus den Runen wurde uns Aufgabe. Unser Feuer erleuch­tete den Hang und das Meer. In der Flamme wuchs unser erster Schwur. Wir Jungen wußten um das Vermächtnis.

Die älteren Kameraden präsentierten das Ge­wehr. Der Präsentiermarsch erklang. Der Komman­deur schritt die Front ab. Fest faßten wir ihn ins Auge. Jenes Bild tauchte wieder auf: Der Mann im Stahlhelm, die Handgranate in der Faust. Rie­sengroß. Wieder herrschte feierliche Stille. Ein Kamerad trat vor. Er legte die Schwurhand auf den Degen des Adjutanten.

Die Knaben von damals standen angetreten. Vor ihnen standen die Tafeln mit den Namen der Vie­len. Schlichte und prunkvolle aus Dörfern und großen Städten: Namen von Armen und Reichen, von Führer und Mann. Die Namen riefen uns, dem Einzelnen riefen sie zu:

Daß Ihr der Heimat wehret ab Vernichtung."

Und wir gaben die Antwort aus erschüttertem Herzen. Jeder einzelne sprach den Eid auf den Füh­rer. Und im Chor klangen die Worte zusammen. Stark waren sie. Die Knaben von damals luden das Vermächtnis auf ihre Schultern.

Ihr starbt für uns, dies Opfer fei Vermächtnis, und Vorbild uns und heilige Verpflichtung."

Peter Mette spielt....

23on Johannes von Kunowski

Das aber ist die einfache Geschichte vom Kanonier Peter Mette aus dem Kreise Cammin in Pommern.

Peter Mette war ein Großer, Starker. Mit blon­den Haaren, beinahe unwahrscheinlich blauen Augen und viel Sommersprossen, die von der Stirn über den breiten Nasenrücken das ganze Gesicht bespren­kelten. Im Felde war er ein guter Kamerad, fiel niemals auf, nicht im Guten, nicht im Schlechten, tat seine Pflicht, wie alle von der achten Batterie, und wenn er sein Platt sprach, wurde es wunderbar hei­misch um alle, die ihn hörten, wenn sie ihn auch nur schlecht verstanden, die von Berlin, von Posen, vom Rhein.

Er hatte große rote Hände, der Pommer. Rich­tige Bauernhände, Hände, die auch das Ruder ge­führt hatten auf der heimischen Ostsee. Diese beiden Hände aber vor allem sehen wir vor uns, wenn wir an den Peter denken. Wie oft sahen wir ihn, wenn er saß, diese beiden Hände flach vor dem Gesicht, daß gerade noch die Augen und der blonde Schopf hervorsahen, und zwischen diesen Händen hielt Peter Mette fein Heiligtum, die Mundhar­monika.

Sie war ein schlichtes Instrument, wie man sie für fünfzig Pfennige überall in der Heimat kaufen konnte, wie wir sie selbst als Kind besaßen. Mit weißen Holzquadraten, die wie Waben aussahen, zwischen den beiden blitzenden Schalen, klein, so

klein, daß sie in den Händen Peters fast ver­schwand. Wenn er sie aber an die Lippen setzte, so wußte er sie zu spielen. Seine Hände, in deren Tellern das Instrument völlig verschwand, blieben beim Spiel in steter Bewegung, es war wie eine schwere, körperliche Arbeit, wenn Peter Mette Mundharmonika blies, und ich erinnere mich, daß sein gutes Bauerngesicht oftmals schweißbedeckt war, wenn es diese Hände endlich freigaben.

Peter blies nicht weiter kunstvoll, mit großen Un­terstimmen, Abwandlungen und Uebergängen. Ich weiß nicht einmal, ob er immer ganz richtig blies. Er war eben ein Naturkind, blies so, wie es ihm ums Herz war. Und wenn abends im Unterstände ober in den Baracken der Ruhestellung das Lied von der teuren Heimat ertönte, dann faßte es alle, obgleich die Kameraden bestimmt keine besonders Zartbesaiteten waren, und Mette die Polka spielte, kribbelte es in den Beinen, und wenn er die Ber­liner Pflanze herunterhackte, blickten aller Augen.

Das nun, dieses Mundharmonikaspielen, war Pe­ter Mettes Eigenart, war feine Sonderstellung im Kameradenkreis, hob ihn hinaus über die graue Schar. Und spielte er erst nur im Quartier und im Unterstand, spielte er auch bald in der Feuerstel­lung, am Geschütz. Tief unter der Erde war einmal ein Unterstand. Von uns oorgefunben, lange un­benutzt, ziemlich wacklig unb nur mit einem einzigen schmalen Schacht. Don allen Seiten schossen sie, gro­ßes, kleines Kaliber, ein Feuerüberfall pflügte bie Erbe, unb unten in ber Erbe hockten zwanzig, brei- ßia Mann in qualvoller Enge.

Jeber Einschlag schütterte burch ben Raum, es war zum Ersticken, unb alle hatten nur einen Ge­danken saß ein Einschlag im Schacht, war hier das Grab! Keiner sagte einen Ton, jeder wußte des anderen Gedanken und blickte nicht in des Kameraden Augen, aus Furcht, da tönte aus einer Ecke bie Harmonika, der Präsentiermarsch! Ruck- zuck, das gab Leben, straffte die Gestalten. Eine Faust schlägt nieder auf bas Dohlenholz, schwere Stiefel treten den Boden, ruck-zuck, das ist ber Takt, ber Rhythmus, ber burch alle geht, sie nimmt unb sie heraushebt aus biefem Loch, irgenbwohin in bie Weite, wo bie breifeig mit ihren Füßen bie Erbe stampfen unb bie Luft um sie schwingt im Brausen bes Präsentiermarsches.

Man muß ganz Deutscher sein unb Solbat bazu, bas zu verstehen. Als nach bem Feuerüberfall aus anberen Bunkern unb Schächten überall ein wenig blasse, scheue Menschen auftauchten, quoll aus un­serer Grube ein Schwarm Besessener. Vom Rhyth­mus Besessener, Befreiter, mit blitzenben Augen unb roten Backen. Die brüllten ben Marsch, schlu­gen sich in ungeheurem Kraftgefühl bie Schultern, steckten bie anbern, bie Blassen, an, es war, als wollte bie königliche Achte bireft nach Paris mar­schieren, alles nieberftampfenb, aufrecht burch Tob unb Verberben, bes alten Königs Wachtparabe. Unb nächst unseren Nerven war das Peter Mette, ber bieten Geist geschaffen ...

Aber Peter Mette konnte auch anbers. Wenn nächtens bie Wachen an ben Geschützen lagen unb

ruhig bie Nacht über bem Felb ftanb, ganz fern nur ein Schuß verhallte, irgenbroo eine Leuchtkugel

aufftieg, majestätisch hoch im Gewölbe biefes enb- losen Domes erstrahlte unb roieber erlosch, bann hockte unser Peter wohl auf ber Lafette. Unb leise, so leise, baß nur bie um ihn herum hörten unb vielleicht noch bas rechte unb linke Nachbargeschütz, summte seine Harmonika, bann bie Lieber von ber Heimat, von ben Frauen, ben Kinbern. Viele trieb es zu ihm, sie lagerten umher, nur bie Fun­ken ihres Tabaks verrieten ihr Sein, unb lausch­ten. Unb Peter Mette blies, blies bis zum Mor- gengrauen, unb mancher von benen, bie gelauscht hatten, trat hernach zu ihm, brückte ihm bie Hanb, nahm aus ber Tasche eine zerknitterte Zigarette, brach sie in zwei Hälften unb gab eine baoon bem Peter.

Unb so kam auch der Tod an ihn Die Harmonika zwischen den Händen hockte er beim zweiten Ge­schütz. Es war Februar 1918. Jede Batterie und jedes Geschütz soundsoviel Geschosse, lautete der Sparbefehl, es mangelte an Munition, bie Ge­schützrohre waren ausgeleiert, unb bas, was an Mu­nition herankam, schleimte unb krepierte zu früh. Drüben aber war ber Teufel los. Die Batterie war verschossen, unb ber Tommy beckte sie zu, zwanzig auf einen. Im Schlamm steckten bie Ge­schütze, untätig, nur noch dazu ba, getroffen zu werben. Unb die Mannschaft ohne Deckung, hungrig, durchfroren, ohne Tabak. Hockte in flachen Mulden, bis bas Wasser in bie Stiefel brang. Preßte bas Ge­sicht in ben Dreck, wenn eine Lage angefegt kam, stumm, wehrlos, größer an Helbenmut unb Pflicht­gefühl als ber schneibigste Reiter bei ber lebenburd)- pulsten, mitreifjenben Attacke. Unb wie sie so hockte, bie Achte, unb wußte, baß es aus war, aus für viele, ba spielte Peter Mette sein letztes Stückchen. Den alten Dessauer...Sv leben wir, so leben wir..."

Ein Grinsen flog über bie Gesichter, trotz Dreck unb Granaten Verflucht ja, so leben wir, oer- bammt noch mal, ber Mette war ein Kerl! Alle aber summten mit, unb wen ber Tob nicht ins Ge­nick packte, grinste unb brummte zu Mettes lieber, bummer Blaserei. War aber über bie Verlassenen mit bem Lachen auch roieber bas Leben gekommen, unb ber Mut; ba...leben wir", schrill brach ber Ton ab. Im Heulen ber Granaten, im Krachen unb Splittern, ber feine bünne Ton ftanb in ber Lust, für Sekunben. Neben mir ber Schlesier im Loch schlug ein Kreuz, sah mich an. Unb wir beiben wußten, wie es um Peter Mette ftanb.

Nach zwölf langen Stunben wurde die Batterie herausgezogen. Ein Geschütz nur, die drei andern waren zum Teufel, und eine Handvoll Menschen. Unter den Toten war Peter Mette. Und als man ihn begraben wollte, fand sich, daß seine Harmonika nicht da war. Freiwillige vor! Ohne Befehl, ohne Aufforderung, die Batterie ganz unter sich, ging es ans Suchen. Zweien fuhren noch Splitter in Arme und Bein; im Dreck, neben dem, was einstmals das Richtgerät des zweiten Geschützes gewesen, lag die Harmonika.

Die gaben wir bem Toten in bie Hanb, unb bann begruben wir ihn mit ben vielen hinten in Spin- court auf bem kleinen Friebhof mit ben vielen Kreuzen. 3m Februar 1918.