Kartoffelkäfer und Kartoffelkrebs.
Zwei gefährliche Feinde für die Ernährung des deutschen Volkes.
herangerückt. Vom Reichsnährstand würden Aufklärungsoorträge in dem bedrohten Gebiet gehalten werden, Vertrauensmänner seien in allen Orten eingesetzt worden, die dafür verantwortlich seien, ein eventuelles Auftreten sofort anzuzeigen, damit
Im Rahmen der Vorträge „Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk" hielt am aestriaen Montagabend im Hörsaal des Kkknstwissen- schaftlichen Instituts der Leiter der hessischen Pflanzenschutz-Stelle Pg. Dr. Tempel-Gießen einen mit zahlreichen Lichtbildern und erklärenden Tabellen durchsetzten Vortrag über „Kartoffelkäfer und Kartoffelkrebs, zwei Feinde für die Ernährung des deutschen Volke s".
Den interessanten Ausführungen entnehmen wir u. a. folgendes: Vordringliche Aufgabe einer verantwortungsbewußten Regierung sei, die Ernährungsgrundlage des Volkes zu sichern. Vor der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus habe man im Geiste einer liberalen Wirtschaftsauf- fassuna die durch Pslan^enkrankheit und Witterungseinflüsse entstandenen Verluste bei der Ernte einfach durch die Einfuhr ausländischer Agrarprodukte ersetzt. Der nationalsozialistische Reichsnährstand strebe vor allem die Ernährung des deutschen Volkes aus eigener Scholle an. Es sei daher auch notwendig, daß die Pflanzen vor schädigenden Krankheiten bewahrt würden. Aufgabe der Pflanzenschutzstellen sei besonders die Ueberwachung und der Schutz der für die Ernährung wichtiger Pflanzen vor Schädigungen aller Art.
Aus dem großen Aufgabengebiet der Pflanzenschutzstelle griff der Vortragende zwei Feinde und Schädlinge bei der Kartoffel heraus, den Kar- toffel krebs und den Kartoffelkäfer. Der Kartoffelkrebs zeige sich durch Auswüchse an den Knollen, die Trüffeln oder Blumenkohlrosen zu vergleichen seien, auch werde mitunter das Kraut verunstaltet und sogar die Blüten verbildet. Da außerdem in den meisten Fällen noch rasche Fäulnis dazu käme, sei der Genuß dieser Kartoffeln für den Menschen nicht mehr möglich. Es handele sich bei dem Kartoffelkrebs um einen Vodenschma- rotzer, einen Pilz, der im Boden lebe und der durch den Boden wieder übertragen werde. Bis vor ungefähr 35 Jahren habe dieser Pilz nur andere Nachtschattengewächse befallen, aber seit dieser Zeit sei er auch an die Kartoffel geraten und verrichte hier sein Zerstörungswerk. Mit dem Schorfbefall, der auf einer Zerreißung der Schale beruhe, dürfe man den Kartoffelkrebs nicht verwechseln. Auch in unserem Gebiet sei die Zahl der Kartoffelkrebsherde in den letzten Jahren gewachsen, aber meistens handele es sich um Einzelherde bei landwirtschaftlichen Klein- und Kleinstbetrieben. Auffallend sei, daß man oft in unmittelbarer Nähe des Schlachthofes oder einer Kläranlage einen Krebsherd feststellen könne, dies käme aber durch Uebertragung durch den tierischen Dünger und durch Wegwerfen von krebskranken Kartoffelschalen in die Avwäsfer ganz erklärlich zustande.
Man habe nun ein Mittel, um einen verseuchten Boden zu desinfizieren, dies fei aber sehr kostspielig. Die Wissenschaft habe aber herausgefunden, daß nicht alle Kartoffelsorten von dieser Krankheit befallen werden und habe diese Sorten als krebsfestes Pflanzgut bezeichnet. Die Bestrebungen gingen zur Zeit dahin, daß man in wenigen Jahren nur noch krebsfestes und anerkanntes Pflanzgut in den Handel bringen wolle. Durch Untersuchung der Keime könne man gut die einzelnen Kartoffelsorten bestimmen.
Ein anderer gefährlicher Feind der Kartoffel sei der Kartoffelkäfer. Diese und seine Larven zerstörten das Blattwerk der Kartoffelstaude, beraubten daher die Pflanze ihrer Atmungsorgane, und der Ertrag bleibe bei der Ernte natürlich aus. Der Lebenslauf des Käfers zeige, daß er in einem Sommer dreimal seine Eier an die jungen Kartoffelpflanzen lege, die Larven sich dreimal in der Erde wieder verpuppten und so die Pflanzen sehr heimsuchen würde. Die Nachkommenschaft eines Weibchens des Kartoffelkäfers betrage bei drei Generationen in einem Sommer bis zu 31 Millionen Schädlinge. Diese fräßen etwa zehn Morgen Kartoffelpflanzen kahl. Im Jahre 1879 habe man den ersten Herd in Deutschland entdeckt und durch energisches Eingreifen ein Weiterverbreiten verhütet. Militär habe man eingesetzt, die Stauden seien abgesucht worden, man hätte Fanggräben angelegt und schließlich das Feld abgeräumt und mit Benzol begossen. Diese Methode habe sich gut bewährt. Nun habe man im Jahre 1934 wieder einen Herd und ein Auftreten des Käfers in Stade bei Hamburg wahrgenommen, aber es sei gelungen, auch wieder Herr über ihn zu werden. Jeder müsse
nur mithelfen und sofort bei Auffindung eines Koloradokäfers diesen Fund den zuständigen Stellen melden, damit die Bekämpfung sofort ausgenommen werden kann. Den Kartoffelkäfer dürfe man nicht mit dem Marienkäferchen verwechseln, er sei etwas stärker, habe schwarze Streifen auf gelbem Untergrund. Gerade die Bevölkerung Westdeutschlands müsse das eventuelle Auftreten des Käfers ständig mit überwachen helfen, denn die Grenze des Verbreitungsgebietes des Koloradokäfers sei im Westen schon sehr nahe an Deutschland
sofort die nötige Hilfe geleistet werden könne. Zur Zeit sei man noch mit der Aufstellung einer schlagkräftigen und großzügigen Abwehrstelle mit motorisierten Einheiten beschäftigt.
Am Schlüsse seiner mit großem Interesse und Beifall aufgenommenen Ausführungen über das aktuelle Thema kam der Vortragende noch kurz auf die Organisation und die weiteren Aufgaben dieses Teilgebietes des Reichsnährstandes zu sprechen. Vor allen Dingen müssen Städter sowohl wie Bauern gemeinjam an dem gesteckten Ziele arbeiten.
Obecheffen.
Oie Burg zu Klein-Linden.
* Klein-Linden, 6. Jan. Das Volksbildungswerk Klein-Linden im Rahmen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" veranstaltete am Samstagabend im Saale des Gasthauses „Zur Burg" einen Heimatabend, der auch von Mitgliedern des Landschaftsbundes Volkstum und Heimat und der Heimatvereinigung Schiffenberg besucht war. Ortswalter Neuser von der DAF- eröffnete mit herzlichen Begrüßungsworten die Versammlung.
Dann sprach der örtliche Leiter des Volksbildungswerkes, Lehrer Rau, über das Thema „Die G e- schichte der Burg zu Klein-Linde n". Aus dem Vortrag fei folgendes entnommen: Die Burg gilt als der Ursprung unseres Dorfes. Ihr Alter mag etwa tausend Jahre betragen. Während die älteste Urkunde unseres Dorfes vom 25. Juli 1280 stammt, finden sich Aufzeichnungen über die Burg erst aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege. Sie stammen von dem damals wirkenden Pfarrer Weigel und roetben im Staatsarchiv zu Darmstadt aufbewahrt. Nach diesen Urkunden war der Eigentümer der Burg, die mit dem dazugehörigen Land zehn Hufe, d. i. 300 Morgen umfaßte, der adlige Herr Bernhard von Weitershausen, der die Burg, die ein Lehensgut des hessischen Landgrafen war, im Jahre 1680 an die Familie von W rede von Altenburg bei Alsfeld verkaufte. Aus den Kirchenbüchern von Klein-Linden, die jetzt, nachdem sie über dreißig Jahre als verloren galten, wieder gefunden worden sind, hatte der Vortragende viele Einträge, die die Familiengeschichte der Familie von Wrede betreffen, herausgezogen. Diese Einträge geben auch von dem Verhältnis, das zwischen der Familie und den Einwohnern unseres Dorfes, damals etwa 220, bestand, Kunde. Da das Gut infolge hoher steuerlicher Belastung und sonstiger Abgaben nur wenig Reinertrag abwarf, ließ Ludwig von Wrede, der letzte Besitzer, es nach Abschätzung durch die Feldgeschworenen von seinem Anwalt Krug von Gießen verkaufen. Die Gemeinde Klein-Linden erwarb es für den Preis von 12 000 Gulden. Ludwig von Wrede genehmigte den Verkauf aber nicht und ließ das Gut am 22. Juli 1812 öffentlich versteigern. Den Zuschlag erhielt Geheimrat von Zwierlein aus Winnerod für 13 900 Gulden, der aber schon ein Jahr später das Gut an Klein-Lindener Einwohner für 15 900 Gulden weiter verkaufte. Die Burg und ihre Nebengebäude erwarb der Gemeindsmann Johannes Jun g. Von dessen Sohne kaufte später Karl Ferdinand Friedrich Runge von Mariensee bei Hannover die Burg und richtete eine Wirtschaft darin ein. Am 16. Februar 1869 erfolgte der Einsturz des Giebels nach der Südseite zu, wobei zwei Kinder den Tod fanden. Von dem Erben Karl Runge ging im Jahr 1887 die Burg durch Kauf bzw. Tausch an den Gemeindsmann Friedrich Jung I. über, der sie ein Jahr später, am 11. Dezember 1888, seinem Schwiegersohn Philipp Jung übergab. Dieser wohnt mit seiner Familie bis auf den heutigen Tag als Burgwirt, also nun bald 48 Jahre, in derselben.
Ortswalter Neuser dankte dem Vortragenden für feine interessanten Ausführungen, ermahnte, treu zu Heimat und Volk zu stehen, und brachte auf unseren Führer, der mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht der Heimat einen besonderen Schutz zugesichert hat, das begeistert aufgenommene „Sieg-Heil" aus. Gemeinsam gesungene Heimatlieder hatten die Stunden umrahmt.
Landkreis Gießen.
)—( Heuchelheim, 6. Jan. In der letzten Singstunde des Gesangvereins „Teuta- n i a" überreichte Kreiswalter Müller- Gießen den aktiven Sängern Heinrich Rinn und Heinrich Weber die Ehrennadel des Deutschen Sängerbundes für 4 0jährige aktive Sängertätigkeit. Kreiswalter Müller führte in seiner Ansprache u. a. aus, daß sich die jungen Sänger diese beiden Sänger-Veteranen zum Vorbild nehmen und ebenso wie diese stets in Treue zum Verein und dem deutschen Lied stehen möchten.
00 Klein-Linden, 6. Jan. Zu der gestrigen Singstunde der Nationalen Sänge rverei- nigung „Eintracht - Harmonie" hatte sich Kreiswalter Al ü l l e r vom Sängerkreis Gießen des Hess. Sängerbundes eingefunden, um die Ehrung einiger Mitglieder der Sängervereingung vorzunch- men. Kreiswalter Müller würdigte die Verdienste derjenigen Sangesbrüder, die in mehr als 25- bzw. 40jähriger aktiver Mitgliedschaft an der Pflege des deutschen Liedes mitarbeiteten, überreichte jedem die Sängernadel und ermahnte, auch in Zukunft in Treue zur deutschen Sängersache zu stehen. Für 25- jährige aktive Tätigkeit wurden folgende Mitglieder ausgezeichnet: Heinrich Steinmüller, Friedrich Steinmüller, Heinrich Naumann, Wilhelm Luh, Anton Weller, Heinrich M o r n e ro e g , Ludwig Will, Philipp Jung XX., Ludwig Wei - g e l XvII., Fritz Weller III., Friedr. Jung IV., Wilh. Germer III., Fritz Jung VIII. und Friedr. Jung V. Die Nadel für 40jährige Sängertätigkeit erhielten Ludwig Volkert und Friedr. Morne- w e g. Dereinssührer Fritz Jung VIII. sprach im Namen der Geehrten den Dank aus und schloß mit dem Gelöbnis, auch weiterhin das deutsche Lied als eines unserer schönsten Volksgüter zu hegen und zu pflegen.
8. Lang-Göns, 6. Jan. Am vorigen Freitag fand die erste Holzverfteigerung statt, bei der das Nutz- und Brennholz aus dem Gemeindewald Distrikt „Hardt" versteigert wurde. Es ist dies nur ein kleiner Teil des Holzes, das in diesem Winter in den Gemeindewaldungen geschlagen werden soll Es kosteten: Buchenscheit 20bis23RM., Kiefernknüppel 9 bis 11, Buchenknüppel 16 bis 17, Eichenknüppel 14 bis 16 RM. je zwei Raummeter. Buchenwellen (50 Stück) kamen auf 6 bis 8, Eichenwellen 4 bis 5 und Nadelholzwellen 3,50 bis 4,50 Reichsmark.
wg. Großen-Bufeck, 6. Jan. Der hiesige Pferdeversicherungsverein „Busecker Tal" hielt in der Wirtschaft „Zum kühlen Grund" seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Karl Wagner erstattete den Geschäftsbericht. Er betonte, daß in Anbetracht des günstigen Kassenstandes im vergangenen Jahre keine Beiträge bezahlt zu werden brauchten. Der Verein zählt gegenwärtig 68 Mitglieder. Der Rechner Konrad Meyer gab den Kassenbericht bekannt. Einnahmen waren nur wenige zu verzeichnen. Die Ausgaben waren aber durch den tödlichen Sturz eines Pferdes bedeutend gestiegen. Der Kassenstand wurde dadurch erheblich vermindert. Dem Rechner wurde Entlastung erteilt. Die Vorstandsmitglieder Karl Schwalb, Anton Scheid und Christian Schmidt wurden neu gewählt. Für das ausscheidende Vorstandsmitglied Wilhelm Schmidt wurde Wilhelm Scheid III. auf die Dauer von vier Jahren gewählt. Anschließend wurden verschiedene Fragen hinsichtlich von Unglücksfällen bei Tieren der Mitglieder besprochen. Da am Tage nach der Versammlung die Neuversicherungsaufnahme ftattfinben sollte, wurde von verschiedenen Mitglie
dern der Wunsch geäußert, die Pferde, die zur Zeit im Preise um etwa 30 v. H. gestiegen sind, entsprechend höher zu versichern. Da aber der 23er» sicherungsoerein bei einem Unglücksfall den vollen Versicherungswert ausbezahlt, wurde diese Frage dem Vorstand zur Entscheidung überlassen. — Im Saale des Gastwirts Brück wurde dieser Tage eine Bauernversammlung abgehalten. Der Besuch war gut. Der Ortsbauernsührer Schmidt sprach zunächst über die zweite Erzeugungsschlacht und forderte zu äußerstem Einsatz auf. Er empfahl besonders zur Rohstoffgewinnung für unsere Textil» Industrie die Schafhaltung zu fördern und Flachs anzubauen. Der Anbau von Brotgetreide und Kartoffeln solle aber darunter nicht leiden, sondern burch zweckmäßige Bobenbearbeitung unb Düngung müssen gleiche Erträge erzielt werben. Er gab ferner ben Wunsch bes Reichsnährstands zur Kenntnis, daß jeder Bauer dem Führer zum Erntedankfest 1936 zwei Quadratmeter angebauten Flachs schenken möge, der durch die Orts-, Landes- unb Kreisbauernschaften gesammelt werbe. Im weiteren Verlauf bes Abends würbe noch über lanbwirt- schaftliche Besichtigungsreisen, über ben Besuch ber Reichsnährstandsschau, über Fragen ber Feldbe- reinigung (Hauptgelbausgleich, Wegebauten usw.) gesprochen. Bürgermeister Rebholz, der inzwischen erschienen war, hielt eine Ansprache, in der er an die großen Werke des Führers erinnerte und dazu aufforderte, besonders das Winterhilfswerk zu unterstützen. Anschließend wurde noch ein Veranlagungsbescheid für die Ablieferung von Brotgetreide im Getreidewirtschaftsjahr 1935/36 an die Bauern abgegeben. Die Landwirte gaben dann eine Uebersicht über ihren Fruchtbestand und über die noch zum Berkaus gelagerte Frucht ab. Mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer Adolf Hit - l e r schloß der Ortsbauernsührer die Versammlung.
1) Allendorf a. d. Ld a., 5. Jan. Ein außerordentlich großer Trauerzug bewegte sich heute nach dem Neuen Friedhof. Der älteste Einwohner unserer Stadt, Schneidermeister Philipp Krieger, wurde zu Grabe getragen. Der Verstorbene war am 19. Januar 1839 geboren, er hatte somit ein Alter von nahezu 97 Jahren erreicht. Krieger war bis vor kurzem in feinem Leben nie ernstlich krank gewesen. Bis zum dritten Advent besuchte er noch regelmäßig die Sonntagsgottesdienste in der Kirche. Rüstig bis zuletzt kann man gut seinen stetigen Ausspruch: „Ich werde hundert Jahre alt!" verstehen. Seine Frau ging ihm vor dreißig Jahren schon in den Tod voraus; ebenso hat er alle seine Kinder bis auf eine Tochter überlebt. Der Verstorbene war das älteste Mitglied und Ehrenmitglied des hiesigen Männergesangvereins. Von feinem 90.Lebensjahre ab erfreute ihn der Männergesangverein jedes Jahr an feinem Geburtstag mit einem Ständchen. Und heute gab ihm der Verein das letzte Geleit und brachte ihm die letzte Ehre an feinem Grabe durch den Vortrag zweier Lieder und die Niederlegung eines Kranzes mit einer kurzen Ansprache des Vorsitzenden dar. — Die Orts ft ati ft iE unserer Stadt verzeichnet für 1935 folgende Zahlen: In den Standesamtsregistern find eingetragen 30 Geburten (außerdem 6 in den Kliniken zu Gießen), 8 Sterbefälle (außerdem zwei in der Klinik zu Gießen), 13 Trauungen.
□ Hungen, 6. Jan. Am Samstagabend hielt der Gesangverein „Eintracht" im „Prinz Karl" feine alljährliche Hauptversammlung ab. Der Vereinsführer Ludwig K a m b e i tz gab nach kurzer Begrüßung, in der er insbesondere des im verflossenen Jahre verstorbenen Mitgliedes Rudolf Weiß mit ehrenden Worten gedachte, einen Rückblick über die Vereinstätigkeit im vergangenen Jahre. Daraus ging hervor, daß der Verein in starkem Maße an die Öffentlichkeit getreten ist und fast sämtlichen Veranstaltungen seine Kraft zur Verfügung gestellt hat. Einschließlich der eigenen Veranstaltungen ist der Verein insgesamt 23- mal vor die Öffentlichkeit getreten. U. a. konnte der Versammlung mitgeteilt werden, daß auch in diesem Geschäftsjahre der Mitgliederstand eine weitere Steigung erfahren hatte. Mit 14 Neuanmeldungen umfaßt der Verein nahezu die beträcht-
ausgiebig "und zahnpflegend, nachhaltig erfrischend
N po
Aichi müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärfs-Verlag, Berlin.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Aber liebe Frau Senator, beruhigen Sie sich doch nur! Sie nehmen das ja alles viel zu schwer."
„O nein! Sie sind noch nicht in dem Alter, wo man über eine Jugendliebe lächeln ober doch mit ruhigem Herzen daran denken kann. Und wenn ich mir heute manches überlege ..."
Mia schwieg mit gesenktem Kopf. Sie schien mit einem Entschluß zu ringen. Plötzlich hob sie wieder das Gesicht mit einem flehenden Blick ihrer herrlichen Augen.
„Es hat vielleicht so sein sollen, Frau Senator, daß heute durch meine Unbedachtsamkeit die Rede daraus gekommen ist. Einmal würden Sie es ja doch erfahren haben. Ich habe ja keinen Menschen, mit dem ich darüber reden könnte, und ich habe mich schon lange danach gesehnt, mich einmal mit Ihnen darüber aussprechen zu können. Sie vertreten Mutterstelle an Günter, und Sie sind Frau wie ich! Sie werden mich gewiß verstehen: Wir haben uns damals unbeschreiblich liebgehabt, und wir sind unbeschreiblich glücklich gewesen. Können wir denn dafür, wenn jetzt — wenn das jetzt mit aller Gewalt wieder über uns kommt?"
Frau Eugenie war Frau genug, es zu verstehen. Die beiden 'jungen Menschen waren bemitleidenswert, so böse sich die Sache auch ansah.
„Ja, aber warum seid ihr denn da wieder auseinander gegangen?" forschte sie. „Warum haben Sie denn einen anderen geheiratet?"
„Weil das Schicksal es wollte, Frau Senator! Das fragt ja nicht danach, was aus uns wird. M^in Vater stand vor dem Ruin — und Rechberg war reich Es gab keine Wahl für mich. Sie wissen ja nicht, wie man mir Tag für Tag zugeseht hat. Ich habe mich gesträubt, bis es keinen Aufschub und fein Ausweichen mehr gab, bis ich das Opfer bringen mußte. Sie können es. wohl nicht ermessen,
was es bedeutet, mit der Liebe zu einem anderen im Herzen an einen ungeliebten Mann gefesselt zu sein. Ich habe es bis zum letzten bittersten Rest auskosten müssen — ich war eine todunglückliche Frau."
Sie neigte den Kopf. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen.
Das konnte Frau Eugenie nicht mit ansehen. Sie streichelte der Weinenden leise die Hand.
„Na ja, Kind, na ja! Das ist schon sehr schlimm. Das ist schon schlimm mit euch beiden. Was soll denn da jetzt nur werden? Man kann ja gar keinen vernünftigen Gedanken fassen."
Mia trocknete umständlich ihre Tränen.
„Ja, was soll nun werden! Es ist furchtbar, sich täglich mit einem solchen Zwiespalt abquälen zu müssen. Ich habe Günter die ganzen Jahre hindurch nicht vergessen und heute — man ist älter und reifer geworden —, heute ist das alles noch viel stärker und überwältigender. Und Günter? Sie werden ja schon selbst gesehen haben, daß er anders ist als vorher, und nun wird es Ihnen gewiß klar sein, welche Kämpfe er im stillen mit sich auszumachen hat. Er ist doch Ehrenmann, und es wird ihm ein furchtbarer Gedanke sein, an seiner Verlobten wortbrüchig werden zu müssen. Mir selber ist es ja auch schrecklich, des eigenen Glücks wegen einem anderen Menschenkind weh tun zu sollen."
Frau Eugenie seufzte schwer auf.
„Ja, Annelies ...! Das arme Mädel! Es ist wirklich furchtbar ..."
„Das ist es. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid sie mir tut. Ich habe schon so oft versucht, die Angelegenheit einmal ganz ruhig und objektiv zu beurteilen, als wenn ich gar nicht selber daran beteiligt wäre, und da bin ich immer wieder zu der Gewißheit gelangt, daß die beiden — Günter sowohl als Fräulein Fahrenkamp — unter diesen Umständen todunglücklich werden müßten, wenn sie sich heiraten würden. Ich habe es ja am eigenen Leibe erfahren müssen. Und diese Gewißheit macht einem die Entscheidung leichter. Für Sie, Frau Senator, ist es natürlich trotzdem nicht leicht, sich damit abzufinden, denn Fräulein Fahrenkamp ist Ihre Nichte, die Ihnen selbstverständlich nähersteht als ich. Unb, so schmerzlich es mir auch fein würde, ich würde es doch verstehen können, wenn Sie mir ein bißchen gram (ein würden .
Wie eine scheue, bange Frage stand es in ihren Augen. Aber die Frau Senator zeigte ein mitleidiges, wenn auch noch immer etwas verstörtes Lächeln.
„O nein, das bin ich nicht! Wer kann denn für fein Herz! Und wer kann denn für die Verhältnisse!"
Mia schien aufzuatmen.
„Und Sie sind auch Günter nicht böse, wenn er Ihrer Nichte sein Wort nicht halten kann ...?"
Die Frau Senator schüttelte langsam den Kopf.
„Wie kann ich denn! Nur — ich fürchte mich vor dem Augenblick, wo Annelies davon erfährt. Wenn das alles nur schon vorbei wäre! Es ist doch schwer und bitter für das arme Mädel. Sie hat keinen Menschen weiter als uns, und nun ..."
Mia sah stumm und anscheinend bedrückt vor sich nieder.
„Ob sie wohl schon etwas ahnen mag?" forschte sie dann mit leiser, unsicherer Stimme.
Frau Eugenie seufzte wieder leise auf.
„Ich glaube fast! Sie war schon die ganze letzte Zeit über so merkwürdig bedrückt, ohne daß ich es mir erklären konnte. Ich habe es immer für Launenhaftigkeit gehalten; aber es wird schon so fein, daß sie etwas gemerkt hat. Ach, es ist wirklich nicht leicht ...!"
Den beiden Frauen war entgangen, daß sich die Tür zum Nebenzimmer geöffnet hatte. Wenigstens schien es so. In Wirklichkeit hatte Mia es sehr wohl bemerkt. Ohne die Blickrichtung zu verändern, hatte sie gesehen, daß es Annelies war, die ins Zimmer kam Aber sie hatte die Frau Senator absichtlich ausreden lassen.
Jetzt legte sie Frau Eugenie plötzlich die Hand auf den Arm.
„O Gott ...!"
Sie schien tödlich erschrocken zu sein.
Frau Eugenie folgte ihrem Blick und wandte sich um. Heftiges Erschrecken malte sich auf ihrem Gesicht, als sie Annelies gewahrte.
Annelies hatte die letzten Worte gehört. Sie war sich sofort im klaren, um was es sich handelte; aber nichts an ihr verriet etwas davon. Nur ihre Stimme schwankte ein wenig, als sie fragte:
„Störe ich?"
Mia bewunderte im stillen die Selbstbeherrschung der Rivalin. Sie lächelte verbindlich und schien mit einem Male ihre Geistesgegenwart wiedergefunden zu haben.
„Aber durchaus nicht, Fräulein Fahrenkamp!" erwiderte sie und streckte Annelies die Hand entgegen. „Wie geht es?"
Annelies wahrte die Form und legte ihre Hand flüchtig in Mias Rechte.
„Danke — über Erwarten gut!" entgegnete sie ruhig. „Es geht ja manchen Menschen besser, als sie es verdienen. Vielleicht gehöre ich auch zu denen."
Mia lachte seltsam auf und sah die Frau Senator an, die sich immer noch nicht von ihrem Schreck erholt hatte.
„Da haben wir das Malheur, Frau Senator! Fräulein Fahrenkamp hat gehört, was wir gesprochen haben, und gibt uns, oder wenigstens mir, die Quittung darauf. Ein schöner Reinfatt — wie?"
Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich Annelies wieder zu:
„Da Sie uns nun einmal überrascht haben, Fräulein Fahrenkamp, muß man schon die Wahrheit bekennen. Ich habe nämlich, ohne es zu wollen, aus der Schule geplaudert. Ihre Frau Tante war ganz entsetzt, als sie hörte, daß ich Günters Jugendliebe gewesen bin."
Annelies erwiderte ruhig ihren Blick. Dann hob sie gleichmütig die Schultern.
„Ist das denn etwas so Welterschütterndes?"
Mias Blick flackerte feindselig auf; aber sie behielt ihr Lächeln bei und sah Frau Eugenie wieder an, deren Verlegenheit ins Ungemessene gestiegen zu sein schien.
„Wie ruhig das Kind das sagt! Man könnte sich wahrhaftig ein Beispiel daran nehmen. Ich kann mir wenigstens nicht oorstellen, daß ich in der gleichen Lage diese Gelassenheit aufbringen würde."
Dann suchte ihr erneut aufflackernder Blick wieder die Augen der Rivalin.
Es klingt vielleicht ein bißchen taktlos — aber sagen Sie: Wird Ihnen denn gar nicht ein bißchen angst bei der Geschichte?"
Annelies war nahe daran, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren, aber sie bezwang sich mit aller Gewalt.
„Welche Geschichte?" fragte sie kühl und ruhig.
(Fortsetzung folgt!)


