Ausgabe 
6.6.1936
 
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Nr. 129 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Samstag, 6. Zum 1936

Handwerk im Aufbruch.

führen foU Man konnte dafür auch sagen- fiartb?

Arbeit um ihrer f e l b ft ro i 11 e n unb bte Ehre bes Handwerkers ist D i e n st a n b e r 7 eLnl^acLt 2)16 ^beit bes Handwerkers durch den Nationalsozialismus weit über bas Materielle hinaus einen Inhalt bekommen, ber am besten durch die Worte ausgedrückt wird- Arbeit ist des Meisters Ehke ^roeit

Eine besondere Note hat der diesjährige Reichs­handwerkertag vom 5. bis 10. Juni in Frankfurt am Main durch die Sternfahrt von Meistern Gesellen und Lehrlingen erhalten, die in Beruss- tracht auf Fahrrädern durchgeführt wird. Mehrere hundert Teilnehmer, Angehörige der verschiedensten Berufe haben Pfingsten ihre Fahrt durch die deut- schen Lande angetreten, die nach Bewältigung von etwa 500 Kilometer am Opernplatz in Frankfurt endet. In vielen Städten und Dörfern wird damit m origineller Weise für deutsches Handwerk und sein Brauchtum geworben.

Handwerker gestalten aus Freude an der Arbeit und aus Liebe zum Werkstoff. Etwas von dem Wollen des Meisters muß in ben Gegenstanb über­gehen, ber unter seinen geschickten Hänben ersteht. Handwerk kann nur da sein, wo eine enge Ver­bindung mit Heimat und Herd besteht: deshalb können kunstgewerbliche Leistungen nur von einem Handwerkerstand erwartet werden, der die Ver­bund e n h e it m i t d e r S ch o l l e nicht verloren hat. Das Handwerk weiß dies heute wieder, nach­dem durch die großzügige erzieherische Arbeit des Nationalsozialismus in den letzten Jahren die grundlegenden Voraussetzungen für eine handwerk­liche Lelstungsarbeit in der Praxis gelegt worden find. Handwerker schaffen wieder aus dem Leben heraus für das Volk, das wie das Handwerk selbst wieder zu den unzerstörbaren Kraftquellen der Scholle zurückgefunden hat. So sind heute die Voraussetzungen gegeben, die die Entwicklung eines neuen Kunsthandwerks, das im Volke wurzelt, in jeder Hinsicht begünstigen.

Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahr­zehnte hat im übrigen gezeigt, daß das Handwerk zwischen Produktion und Verbrauch ein unentbehr­licher Helfer ist. Die Zahl der selbständigen Hand­werksmeister ist nach 1900 nicht mehr wesentlich zurückgegangen, nachdem in den beiden Jahrzehn­ten vorher das selbständige Handwerk einen Rück­gang von 30 v. H., gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung, zu verbuchen hatte. Heute kommen etwa 24 selbständige Handwerksmeister auf 1000 Einwohner, während es vor zehn Jahren nur 21 waren. Die Bildung neuer Handwerksberufe ist besonders durch das Aufkommen der elektrischen Antriebskraft gefördert worden, denn in der Elektro­installation find etwa 55 000 neue Handwerksbe­triebe entstanden. Man sieht daraus, daß das Hand­werk auch in der modernen Wirtschaft genügend Lebenskraft bewiesen hat und unter ungünstigen Voraussetzungen bis zu dem Zeitpunkt durchhalten konnte, der dem Handwerk auch vom Staate wieder diejenigen Ausgaben zuwies und sicherte, die es von Rechts wegen im Rahmen einer organisch auf- gebauten Volkswirtschaft zu leisten hat.

Wenn in der Stadt des deutschen Handwerks jetzt die Meister aus allen Berufen und aus allen Ga^ien mit ihren Gesellen und Lehrlingen Zusam­mentreffen, dann werden sie bei ihren ernsten Be­ratungen mit Freude feststellen können, daß über­all ein Anfang gemacht ist, der ihnen das Recht gibt, auf die Leistungen der Zukunft zu hoffen. Ein kurzer Ausschnitt mag dies bartun.

Das deutsche Handwerk hat in Zusammenarbeit mit den Handelskammern und Jnnungsverbänden im Anschluß an die Leipziger Frühjahrsmesse eine Ausfuhrförderungsstelle errichtet. Schon zweimal hat die Leipziger Messe eine kollektive Handwerksausstellung gezeigt, die im In- und Aus­land Beachtung gefunden hat. Nach den Festftellun-

gen der Ausfuhrförderungsstelle gibt es zur Zeit in Deutschland mehr als 1500 exportfähige Hand­werksbetriebe. Im letzten Wirtschaftsjahr hat das Handwerk durch das Ausfuhrgeschäft etwa 60 Mil­lionen Mark einnehmen können. Durch die Zu­sammenarbeit des Reichsstandes mit dem Statisti­schen Reichsamt wird übrigens eine regelmäßige handwerkliche Konjunktur st ati st ik er­richtet, die für die wirtschaftliche Praxis einmal be­deutsam werden kann. Die notwendigen organisa­torischen Arbeiten werden von den Kammern durchgeführt.

Für die gesamte handwerkliche Schulung ist neben ber praktischen Ausbildung in ben Werkstätten bie berufliche Schulung in ben Berufsschulen wichtig. Die Ausbilbung ber Gewerbelehrer durch das staatliche berufspäbagogische Institut wirb des- halb im engsten Einvernehmen mit ben maßgeben­

den Stellen bes deutschen Handwerks durchgeführt. Das Institut hat in jüngster Zeit eine Reihe tüch­tiger Handwerker zu Gewerbelehrern ausgebildet, die sich bereits praktisch bewährt haben. Im letzten Jahre konnte nach dem Besuch des Reichshand­werksmeisters Schmidt im berufspädagogischen Institut in Berlin das Verhältnis zur Berufsver­tretung des Handwerks so eng gestaltet werden, daß nun von einer Zusammenarbeit Hand in Hand ge­sprochen werden kann. Was der Gewerbelehrer für das Handwerk bedeutet, kann man ermessen, wenn man weiß, daß jährlich mehr als eine halbe Million Lehrlinge des Handwerks durch die gewerblichen Berufsschulen gehen. Die handwerkliche M e i st e r l e h r e, die einheitliche Meisterprü- fungsordnung und ihre Durchführung in den einzelnen Berufen sind weitere Gewinne bes letzten erfolgreichen Arbeitsjahres.

Einen neuen Abschnitt im beutschen Handwerks» leben hat auch bie Wieberbelebung ber Wanberschaft eingeleitet. Durch bas Handwerk- liche Gesellenwanbern, bas in ben Jahren 1935/36 im größeren Umfange zur Durchführung gekommen ist, sollen bie Grunblagen zu neuer hanbwerklicher Hochleistung unb Wertarbeit gelegt werben. Die Wanberschaft bes Hanbwerkers wirb bie aufrechte beutsche Handwerksgesinnung roieber zu Ehren bringen, sie wirb bas Verständnis zwischen Nord und Süd und Ost und West vertiefen, und sie wird in manchen jungen Gesellen die handwerkliche Schöpferkraft neu beleben. Der ideelle und völkische Nutzen des Gesellenwanderns findet seinen Aus­druck in der Stärkung der Heimatliebe, ein Funda­ment, auf dem der Handwerker aufbaut, der es einmal in seinem Beruf zu etwas bringen will.

Auftakt zum Reichshandwerkertag in Frankfurt a.M.

Pressempfang im Römer.

((Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.)

Der Reichshandwerkertag 1936 in Frankfurt a. M., der Stadt des deutschen Handwerks, hat mit dem heutigen Tage begonnen. Von hohen Masten grü­ßen in den Hauptverkehrsstraßen Hunderte von farbenfrohen Handwerkerfahnen und geben mit ihrem langen blauen Tuch, von dem sich leuchtend die Wappen deutscher Städte, die Symbole des Handwerks und der Deutschen Arbeitsfront ab­heben, der Stadt ein farbenfrohes Bild. Immer wieder trifft man frohe Handwerksburschen, die, aus allen deutschen Gauen kommend, durch Frank­furts Straßen ziehen.

Als Auftakt zum Reichshandwerkertag empfing am Freitagnachmittag Reichshandw'erksmeister Schmidt in dem mit weißen Pfingstrosen unb rotem Mohn in verschwenberischer Fülle überaus festlich geschmückten Bürgersaal des Römers in Gegenwart des Oberbürgermeisters Dr. Krebs, bes Leiters bes Presseamts ber Deutschen Arbeits­front Pg. B i a l l a s unb bes Gaupresseamtsleiters G. W. Müller bie Vertreter ber in- unb aus- länbifchen Presse, um ihnen in herzlichen Worten zu banken für bie starke Förberung, bie bas beut« sche Handwerk in den letzten Jahren der Neuorga­nisation und des Aufbaus durch die vorbildliche Aufklärungsarbeit der Presse erfahren habe. In diesen Jahren habe es gegolten, in 4V2 Millionen deutscher Handwerker, die Mut und Selbstvertrauen im hoffnungslosen Existenzkampf verloren hätten, einen neuen Geist zu formen. So mußte das Jahr 1933 ein Jahr des Tastens und Forschens nach neuen Wegen fein. Daß hierbei die Presse tatkräf­tig mitgeholfen habe, sei ihr großes Verdienst. Als dann das Jahr 1935 mit der Einführung des großen Befähigungsnachweises die Grundlage für eine Ge­sundung des deutschen Handwerks gebracht habe, habe wiederum die Presse durch unermüdliche Auf­klärungsarbeit mitgeholfen, daß der neue Weg ein voller Erfolg werde. So habe er heute keine neuen Forderungen an die Presse, sondern einzig und allein die Bitte, daß die Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Presse die alte bleiben möge. Wenn der diesjährige Reichshandwerkertag unter der De­viseArbeit und Ehre" stehe, so deshalb, weil diese beiden die Garanten seien für eine endgültige Be­hauptung des deutschen Handwerks.

Nach der mit herzlichem Beifall aufge- nommenen Ansprache des Reichshandwerks­meisters fand die Uraufführung eines SchmalfilmsDeutscher Handwerks­geist in aller Welt" statt. Der Film zeigt die Bedeutung der Leipziger Messe auch als großes Schaufenster des deutschen Handwerks zur Welt hin. Es wird dann im einzelnen gezeigt, was der Hand­werker für feine Betriebsführung auf der Leipziger Messe lernen kann, namentlich in bezug auf Ver­

wendung neuer Maschinen, Rohstoffe und Wer- bunasmittel. Schließlich wird das deutsche Handwerk als Aussteller in feiner ganzen Vielfalt und großen volkswirtschaftlichen Bedeutung als hochwertiges Ex­portgut gezeigt.

Ein kurzes Beisammensein vereinigte bann bie Führung bes beutschen Hanbwerks mit ben Vertre­tern ber Presse im Kaisersaal bes Rathauses, bei bem auch ber Vertreter bes Reichsverbandsleiters ber beutschen Presse, Hauptschriftleiter Walter Schultz (Berlin) bie Grüße von SA.-Gruppenführer Weiß überbrachte. Er forberte bie Presse auf, in gemein­samem Bemühen sich für ein Deutschland ber Arbeit unb Ehre einzusetzen. Der Tag würbe beschlossen mit einer roürbigen Festvorstellung von Richarb Wagners Meistersinger von Nürnberg" im Frankfurter Opernhaus, vor beren Beginn Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs von ber Bühne aus bie Ehrengäste in Frankfurts Mauern begrüßte nament­lich ben Reichshandwerksmeister Schmibt unb als

Vertreter bes Reichswirtschaftsministers ben Reichs­kommissar für ben gewerblichen Mittelstanb Ministe» rialbireftor Dr. W i e n b e ck. Richarb Wagners Preislieb auf beutfcher Meister Arbeit unb Ehre fand dann in der ausgezeichneten Aufführung des Opern­hausensembles den begeisterten Beifall des vollen Hauses.

Grüße an den Reichshandwerkertag.

LPD. Frankfurt a. M., 5. Juni. Dem Reichshandwerksmeister ging zum Reichshandwer­kertag nachstehendes Telegramm des Ministerprä- fibenten Göring zu:Dem deutschen Handwerk Meister, Gesellen und Lehrlingen sende ich zum diesjährigen Reichshandwerkertag meine aufrichtigen Grüße und.nfche in dankbarer Anerkennung der Leistungen, die unsere

Totenehrung des Reichshandwerkertages.

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Aus Anlaß des in Frankfurt a. M. beginnenden Reichshandwerkertages fand am Ehrenmal Unter den Linden in Berlin eine feierliche Kranzniederlegung durch Reichsorganisationsleiter Dr. Ley und den Reichshandwerksmeister Schmidt statt. Im Anschluß daran schritten Dr. Ley und Reichshand­werksmeister Schmidt die Front der in ihren Arbeitstrachten erschienenen Handwerker vor dem Ehrenmal ab. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Poesie des Handwerks.

Zur Reichshandwerkswoche: 4. bis 44.Juni.

Ein Dichter schaut das Handwerk; das Wesen, die Gestalt des Handwerks treffen ihn, er sucht das, was da über ihn kommt, mit Rhythmen und Worten wiederzugeben, weil es ihm wichtig und schön zu sein scheint.

Wichtiges, schönes Handwerk! Der Dichter will der Mittler sein. Er will uns das wichtige, schöne Handwerk zeigen, er will es uns sehen, hören und würdigen lehren. Die Welt eines Handwerks soll vor uns aufleben. Das wird der Dichter nicht damit erreichen, daß er Bestandteil für Bestandteil be­schreibt dann träfe uns ja am Ende Mephistos Hohn: wir hättendie Teile in unserer Hand, fehlt leider nur bas geistige Banb". Das geistige Banb, das Lebensbanb, muß ber Dichter schaffen. Ich ent­sinne mich eines Gebichtes von einem Schneibersohn: ber war ein feingebilbeter Poet geworben, aber bie Ehrfurcht vor seinem verstorbenen Vater lebte in seinem Herzen; so schämte er sich nicht, einmal ganz subjektiv" zu bichten, er nahm, sozusagen träum« wanbelnb, seine Leser mit in bie verlassene Schnei­derwerkstatt, vor jedem Handwerkszeug und vor jedem Schaffensplatz machte er halt und kramte dort liebevoll eine Erinnerung aus an feinen fleißigen braven Vater wir Leser lernten den Alten mit­achten und mitlieben, und gerührt und lebendig gepackt wuchsen wir in die Schneiderwelt hinein. Es gibt eine schöne lyrische Prosa von Hch. L e r s ch : Freude am Werkfeuer": der Meister besorgt das Schmiedefeuer, häuft und lüftet, der junge Geselle zieht das Gestänge des Blasebalgs; beide freuen sich an ber Glut, Gemeinschaft ber Arbeit wirb ihnen gewiß, Freunbschaft verbindet sie ...wir wissen beibe baß wir aus biefem Feuer glücklich sind , "i*" Dich." erst lote*, begnabet, ber uns kurz unb bünbig von ber Lebensmacht über­zeugt, bie es ihm angetan hat. Eine Erfüllung scheint mir UhkanbsSchmied" zu fern:

Ich hör' meinen Schatz, Den Hammer er schwinget. Das rauschet, bas klinget, Das bringt in die Weite, Wie Glockengeläute, Durch Gassen und Platz. Am schwarzen Kamin, Da sitzet mein Lieber, Doch geh ich vorüber, Die Bälge dann sausen, Die Flammen aufbraufen Und lvd*rn um ihn

Diese zwei Strophen sind getragen von naiv-lieben- ber Bewunberung: in ber Ungebrochenheit bieses Gefühls teilt sich die Welt des Schmiedehandwerks mit.

Und im einzelnen: wie prächtig ist es ausgear­beitet; wie wohlklingend stehen die Selbstlaute in den Worten zueinanderwie Glockengeläute", und die hellen, spitzen Klänge der Hämmer herrschen vor in i und ei und ö. Und doch keine kleinliche Ton­malerei, ebenso wie die Rhythmen dieses Liedes ganz unbeabsichtigt, ganz natürlich die Rhythmen der Schmiedearbeit sind. Ja, der Dichter muß auf der Hut sein, daß er in der metrischen und klang­lichen Nachbildung handwerklichen Tuns nicht selber zum Handwerker (im tadelnden Sinn) wird. Auf der Grenze von Kunst und Handwerk, aber noch sehr eigenartig-sprachbildnerisch, sehr drollig einprägsam und treffend sind KopischsHeinzelmännchen":

Die Zimmerleute streckten sich Hin auf die Spän' und reckten sich; Indessen kam die Geisterschar Und sah, was da zu zimmern war: Nahm Meißel und Beil Und die Säg' in Eil'!

Sie sägten und stachen Und hieben und brachen, Berappten Und klappten, Visierten wie Falken Und setzten die Balken ... Eh' sich's der Zimmermann versah .

Klapp, stand das ganze Haus schon fertig da!"

Und so wird auch das Tun der Bäcker, der Metz­ger, der Küfer und der Schneider im Heinzelmänn­chen-Deutsch konterfeit.

Handwerkspoesie Handwerkshumor! Das braucht durchaus keine Verspottung des Handwerks zu sein. Gutmeinend formen die Dichter der Volks­possen, in Wien ein Raimund, ein N e st r o y, in Berlin ein (Blasbrenner, ein An gely ihre Handwerkergestalten. Hans Müller-Schössers Schneider Wibbel" hat mehr Courage, als mit fei­nem Beruf sprichwörtlich verbunden ist denn sonst wäre er ja gar nicht zu Gefängnis verurteilt worden, und daß er nachher nicht ins Gefängnis geht, sondern den Gesellen schickt, ist auch gut, denn daraus ergibt sich eine solche Fülle von Eulenspie­geleien, daß wir dem Stande der Schneider dank­bar sind für diesen Schalk, der aus ihrer Mitte aufftanb.

Handwerkspoesie Hanbwerkstragik! Möglichst nie ausgesprochen, aber oft empfunben: in eng- begrenzter Welt entsteht nicht selten Starrheit unb Bitternis! Der Hanbwerker formt nicht nur ben Stoff, der Stoff formt auch ihn. Ist Hebbels

Tischler Anton nicht ein Eichenstamm? Seine feine sehnsüchtige Tochter findet keinen Weg zu feinem Herzen, auch nicht dann, als sie zerbricht. Nur ein­mal offenbart er es uns: als er dem Leonhard von dem kargen Glück seiner Lehrlingszeit erzählt.

Wenn Karl Märtin in einer Hymne vom Steinmetzen" die Hand des Schmiedes, die Hand des Pflügers, die Hand des Holzfällers, nach Ge­bühr rühmen muß, dann aber schließt:

Doch wo ist eine Königshand Machtvoll wie deine, o Bildner, Wenn du aus starrem Fels Schlägst den Propheten, Und aufsprüht sein Auge Lebendig

Wie das Auge Gottes?!"

so heißt das freilich den Handwerker zum Künstler machen, ebenso wie Gerhart Hauptmanns Glockengießer Heinrich und vollends Hauptmanns Schmied Veland keine Handwerker, sondern Künst­ler sind. Das sprengt also den Rahmen bes Be­rufs, wenn auch ber Hinweis immer erneut ausge­sprochen werben muß. baß ber Hanbwerker schafft, also ein Bildner ist unb Selbstänbiges vollenbet.

Wichtiger als bas Künstlertum bes Hanbwerkers ist sein Heldentum. Da ist ein in feiner Art klassi­sches Merkchen Walter Harlans SchauspielDas Nürnbergisch Ei": ber tobkranke Meister nimmt sich nicht bie Zeit zur ärztlichen Behanblung, erst will er seine Erfindung, bie Spiralseber-Uhr, verwirk­lichen. Es gelingt. Er stirbt. Aber er ist nur tot für ben Mebikus. Für bas neue Zeitalter, bas Uhren braucht, lebt er. Dr. Johannes Günther.

Erlebnisse am Fernsprecher.

Der Selbstanschluß beim Fernsprecher hat gewiß seine großen Vorzüge, unb man möchte zu ber alten Form beileibe nicht zurückkehren; aber etwas ist mit biefer boch verlorengegangen, was auch seinen Reiz unb oft sehr große Vorteile hatte, die persön­liche Verbindung mit den Damen am Schaltappa­rat, die uns ja nur noch beim Schnellverkehr unb beim Fernverkehr erhalten geblieben ist. Nicht immer war sie sreunblich, aber sie konnte boch auch sehr großen Nutzen stiften. Es hat ben Anschein, als ob in England unb Amerika, wenn man den Mittei­lungen einer Londoner Zeitschrift glauben darf, bas persönliche Eingreifen ber Damen am Fernsprecher einen viel größeren'Umfang annimmt, als wir es gewohnt finb; wirb boch berichtet, baß nicht nur Fragen nach bem Wetter unb nach ber Zeit regel­mäßig von ihnen beantwortet werben, fonbern daß auch verzweifelte Strohwitwer schon Bescheid

erhalten haben, wie sie sich einem Beefsteak gegen­über am zweckmäßigsten verhalten sollten. Aber auch in wirklichen Notfällen haben hier schon oft die Damen des Fernsprechers rettend eingegriffen. Frauen, die sich gerade allein befanden und vor einer Ohnmacht noch rasch das Telephon ergriffen, fanden sich beim Erwachen wohlversorgt wieder, da ihnen vom findigen Amt sogleich Hilfe gesandt wurde. In Amerika wird solche Geistesgegenwart und Besonnenheit im Dienst nicht wortlos hinge­nommen, die Beamtinnen erhalten Medaillen und Geldbelohnungen. Eine Aufsichtsdame hörte zufällig den Anruf einer furchtbar aufgeregten Frau, deren Kind das Handgelenk gebrochen hatte, und alles deutete darauf hin, daß die Pulsader zerrissen war, worauf die Beamtin ihre Anordnungen mit solcher Genauigkeit und Ruhe gab, daß das Kind bis zur Ankunft des Arztes vor dem Verbluten bewahrt blieb. Belohnt wurde auch Miß Smith in Mittel­amerika, die, selbst in Lebensgefahr, bei einer lieber- fchwemmung auf ihrem Posten ausharrte und mit größter Umsicht alle Bedrohten rechtzeitig vor den heranflutenden Wassern warnte oder ihnen Hilfe herbeirief. Ein anderer Beamter rettete durch selb­ständiges Handeln vier durch Feuer in einem Berg­werk eingeschlossene Männer, die sich schon ver­lorengegeben hatte, das Leben. Da kein Telephon in der Nähe war, erklomm er einen Telegraphen­mast und schaltete sich einfach in den Stromkreis ein, rief nach Schaumlöschern und brachte Ret­tungsmannschaften noch rechtzeitig herbei.

Jetzt versucht man in England neuartige Me­thoden in der Bekämpfung von Dieben und Ein­brechern mit Hilfe des Fernsprechers zu erfinden. Es gibt schon eine wunderbare, doch leider sehr kost­spielige Sache: eine Verbindung von Grammophon und Fernsprecher Durch die dem Stromkreis ange- schlossene Alarmvorrichtung an Fenster und Tür wird der Hörer selbsttätig abgehoben und das Grammophon erhebt gleichzeitig seine Stimme: Hier spricht der Tele-Älarm: Polizei! Einbrecher in Ladbroke-Straße 1435!"

Ein Walfisch im Fischerneh.

Im Marmara-Meer befanden sich einige Fischer auf ihren Booten in der Nähe der Insel Prinkipo, als sie plötzlich merkten, wie ihr Netz sehr viel schwerer wurde. Ein riesiger Walfisch hatte sich darin gefangen. Das gewaltige Tier schleppte zum Entsetzen der Fischer die Boote über 20 Kilometer weit bis Jalora, dann kehrte es um und zog sie nach Principo zurück. Auf das Hilfegeschrei der Fischer kamen noch andere Boote hinzu, und es ge­lang schließlich, den Walfisch zu töten. Um ihn an Land zu ziehen, waren die vereinigten Kräfte von 80 Mann nötig.